Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

 www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Residenztheater im Werk X: Der Schweinestall

Dezember 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ivica Buljan rockt Pasolini

Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Es ist dem Werk X zu danken, dass diese fabelhafte Produktion des Residenztheater München in Wien zu sehen ist: Ivica Buljan zeigt in Meidling (noch einmal heute Abend) seine Interpretation von Pier Paolo Pasolinis Film „Der Schweinestall“, und die Inszenierung ist einfach großartig. Der kroatische Regisseur betrachtet die anti-bürgerliche Parabel über menschliche Schwächen und gesellschaftspolitische Perversionen als „true horror“.

Von Pasolini als Satire auf das kapitalistische Nachkriegseuropa entworfen, spiegelt „Der Schweinestall“ bei Buljan die heutige neoliberale Konsumwelt – eine Schweinehaut mit aufgeprägtem Monogram Canvas von Louis Vuitton hängt über allem -, die bereits wiederbeginnt, sich im Faschismus zu suhlen.

Die Bilder sind von albtraumhafter Schönheit, Spinoza lugt aus dem Jahr 1667 ins Jahr 1967, nur um festzustellen, dass seine Thesen nicht gehalten haben. Alt-Nazis feiern fröhliche Urständ‘ und sich selbst als immerwährende Großunternehmer, die an neuen Formen der nie endenden Unterdrückung feilen. Ein Sohn, der sich mit der Frage der Identität, Konformismus oder Revolution?, anödet, geht, nein, nicht vor die Hunde, sondern wird von seinem love interest gefressen werden. Selbst eine in Plastik gehüllte Madonna kann da nicht mehr helfen. Dazu singt und spielt das Ensemble Pasolinis vertonte Gedichte. „Chiesa“, „Terra Lontana“ oder „Himnus ad Nocturnum“ (Musik: Mitja Vrhovnik-Smrekar). Sein Text „Wer ich bin“ wird rezitiert. Das hat schon was, die große Juliane Köhler, die Mutter Klotz darstellt, auch am E-Bass zu sehen – und wie sie vorher immer die Brille aufsetzt, um die Noten lesen zu können …

Julian Klotz also ist der Sohn des Industriellen Vater Klotz, der im Dritten Reich so etwas wie ein zweiter Krupp war. Den Übergang in die Bundesrepublik hat er nahtlos geschafft, die Geschäfte florieren, nun soll ein alter Kamerad und nunmehriger Konkurrent ausgeschaltet werden, Herdhitze, ehemals Hirt, von dem man weiß, dass er Naziverbrechen begangen und sich eine Sammlung aus „Judenschädeln“ zugelegt hat. Bei Hirt handelte es sich um eine authentische Figur, einem Arzt, der Direktor des Anatomischen Instituts der neugegründeten Reichsuniversität Straßburg und nachweislich für den Tod von 86 Menschen verantwortlich war. Tatsächlich nahm er sich 1945 das Leben, Pasolini jedoch ließ ihn nach einer Gesichtsoperation weitermachen.

Genija Rykova (Ida), Juliane Köhler (Mutter Bertha), Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Bijan Zamani (Herdhitze), Götz Schulte (Vater Klotz). Bild: © Matthias Horn

Herdhitze nun hat allerdings einen Trumpf im Ärmel. Er weiß, was Julian in den Schweineställen im Wortsinn „treibt“. Die junge Linke Ida, die in Berlin Teil der studentischen Protestbewegungen gegen das Establishment ist, und die versucht, Julian einen Ausweg aus dem faschistischen Elternhaus zu bieten, interessiert den Junior weit weniger, als sein an seinen Lieblingstieren ausgelebter Ennui an der deutschen Lebensrealität. Und während Klotz und Herdhitze zwangsfusionieren, geht Julian wieder in den Schweinestall. Pasolinis Resümee: „Die vereinfachte Botschaft des Films ist folgende: die Gesellschaft, jede Gesellschaft, frisst ihre ungehorsamen Kinder.“

Für Buljans Arbeit hat Aleksandar Denić ein dreigeteiltes Bühnenbild erdacht: links der Schweinekobel, mit nach der Pause drei lebenden Tieren, in der Mitte die Protzvilla, rechts eine Art hölzerner Unterstand. Auf dem Podest darüber thront die Band. Nora Buzalka eröffnet das Spiel, ihre Rolle darin ist Zaúm, eine Figur, die Pasolini zwar angedacht und geschrieben, jedoch im Film nicht verwendet hat. Zaúm ist ein Double Julians, oder besser, der freiere, von der Gesellschaft nicht bevormundete Gegenentwurf. Philip Dechamps Julian ist bei aller Zerbrechlichkeit auch zum Früchten, wie er gegen Ida berserkert, und dann doch wieder so sensibel, dass man ihm abnimmt, in ein dreimonatiges Koma zu fallen, weil er die Zustände nicht mehr erträgt.

Dechamps begeistert mit seinem feinnervigen Spiel, das auch einen linkischen Charme versprüht und gänzlich unpathetisch eine existenzielle Verletztheit und ein Sehnsüchteln entblößt. Am Ende stemmt er seinen großen Schmerzensmonolog mit seinem gewaltigen Stück Holz über dem Kopf. Ein sichtbarer Kraftakt, der nachweist, wie schwer es ihm stets fiel, seinen „Pfahl“ unter Kontrolle zu halten. Dass die ausgelassen herumtobenden Schweine ihren Mitspieler danach bejubelten und sich in ihren Ovationen kaum zurückhalten ließen, sorgte nicht nur im Publikum für Lacher, sondern brachte auch den Darsteller bei aller Ernsthaftigkeit immer wieder zum Schmunzeln …

Nora Buzalka (Zaúm), Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Genija Rykovas ist als Ida die einzige Hoffnungsträgerin in dem ganzen dekadenten Panoptikum. Dass sie jederzeit bereit ist, ihr BHchen zu zeigen, dass sie dabei ein wenig übergrell agiert, nimmt ihr vielleicht die von Pasolini angedachte engelhafte, raphaelisierte Seite, doch zeigt sie eine schöne Leistung – und überzeugt vor allem auch als Sängerin.

Wie auch Juliane Köhler, die als Mutter Klotz, changierend zwischen bürgerlicher Wohlanständigkeit und sadistischen Neigungen, auf ganzer Linie begeistert. Götz Schulte als Vater Klotz spielt einen ebensolchen, einen tumben, doch nicht dummen Großsprecher, der wie eine Ehefrau in feinsten Proll-Chic gewandet ist (wunderbare Kostüme von Ana Savić Gecan). In Pasolinis Film saß Klotz senior übrigens im Rollstuhl, geziert mit einem Hitler-Bärtchen.

Bijan Zamani spielt einen mafiösen, mit allen, vor allem schmutzigen Wassern gewaschenen Herdhitze. Sibylle Canonica als Spinoza, Götz Argus als Hans Günter und Jürgen Stössinger als Maracchione runden das Ensemble perfekt ab. Dieser „Schweinestall“ ist eine absolut sehenswerte Inszenierung, ein lohnender Theaterabend, eine Empfehlung! Danach freut man sich einmal mehr auf die Zeit, wenn Martin Kušej das Burgtheater übernommen haben wird.

www.werk-x.at

  1. 12. 2017

Arman T. Riahi : Die Migrantigen

Juni 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Schauplatz Filmsatire

Benny und Marko machen auf „Migrationshintergrund“: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Vorgestellt werden die beiden Protagonisten so: Szene 1, der Schauspieler: Benny, der Typ mit den pechschwarzen Haaren, der nach irgendwo zwischen Ägypten und Arabien ausschaut, erdreistet sich für die Rolle eines Wiener Strizzi vorzusprechen. Ja, dass es da einen Taxifahrer Omar im Skript gibt, hat er gelesen, aber er doch nicht …!

„Man kann’s auch übertreiben mit der Integration“, befindet „Regisseur“ Josef Hader trocken. Und draußen ist Benny bei der Tür. Szene 2, der Werbefachmann: Marko hat für das „Dr. Mate“-Getränk eine neue Kampagne entworfen. Doch „der Kunde“ Dirk Stermann ist enttäuscht. Er hat sich von Marko „etwas Tschuschenhaftes“ erwartet. Und weg ist der Auftrag. So trifft sich der eine mit der Clique zum laktosefreien White Russian, der andere mit seiner Lebensgefährtin zum Kinderwagenkauf, weil sie: hochschwanger. Ach, wie hart ist das Bobo-Leben, wenn die anderen in einem in erster Linie den Migrationshintergrund sehen …

Mit „Die Migrantigen“, ab 9. Juni in den heimischen Kinos, ist Filmemacher Arman T. Riahi eine fantastische Satire auf die Dysfunktionalität der Multikultigesellschaft gelungen. In einem rasanten Bilderbogen schickt er seine großartigen Hauptdarsteller Faris Rahoma und Aleksandar Petrović auf eine Tour de Farce, in der er genüsslich alle möglichen Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype bedient, um sie anschließend in ihre Bestandteile zerlegt. Auf aberwitzige Art zeigt er, wie anfällig Zusammenleben ist, und wie allzu leicht man sich ein Bild macht, wenn es das ist, an das man ohnedies glauben will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes zeigt Riahi auch, indem er keine Rolle in einem Herkunftsland verortet, es wäre für den Film auch völlig gleichgültig. Nur Marko wird als „Ex-Jugo“ ausgewiesen, weil er gar so verbissen gegen seine Wurzeln, heißt eigentlich: gegen seinen Vater ankämpft.

Herr Bilic lässt sich durch sein Grätzel chauffieren: Zijah A. Sokolović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Wie sich Ausländer-Gangsta halt so aufführen: irgendwie wild und weird. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Marko und Benny, die Freunde, sind also pleite. Und gerade als sie im Glasscherbenviertel Rudolfsgrund ein altes Sofa von Markos Vater entsorgen, steht sie da: die beflissene Fernsehredakteurin Weizenhuber, Doris Schretzmayer, die „jemand Authentisches“ für eine TV-Serie über das Grätzel sucht. Für so eine ultimativ integrativ leiwande Story. Da greifen die beiden zu, der eine, weil er Ruhm, der andere, weil er Geld wittert. Sie geben der naiv-sensationsgeilen Weizenhuber, was sie sehen will.

Und verwandeln sich in die beiden Kleinkriminellen Tito und Omar Sharif. Das heißt: So einfach ist es nicht, denn die beiden haben ja keine Ahnung. Sie müssen unter den „Brüdern“ recherchieren. Irrwitzige „Wir tauchen in die Szene ab“-Szenen folgen, wenn Rahoma und Petrović mit Prolo-Lederjacke und Trainingsanzug um die Häuser ziehen, laut kurdische Musik vor einem türkischen Lokal spielen, aus einem „Tschuschenbeisl“ fliegen.

Weil sie die Männer ringsum anstarren. Oder einen Stand mit Bio-Kebap suchen. Lieblingsdialog: „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm.“ Schließlich engagieren sie sogar Juwel (Mehmet Ali Salman) als Ausländercoach. Dass der die beiden Möchtegern-Migranten verarscht, wird Folgen haben … Riahi verschont in seinem Film niemanden. Weder die Zuagrasten, die in ihrer mitgebrachten Welt steckenbleiben, noch die Hiesigen, die nicht über den Tellerrand hinaussehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen. In einer sehr schönen Szene spricht Prekariatsösterreich in die Kamera. Und klagt, was sonst? Dass der Asylant ebenso viel Mindestsicherung kriegt. Man selber dafür keinen Leberkäs und keinen Schweinsbraten mehr auf dem Markt. Und der Wirt, dass es kein G’schäft sei, weil die alle keinen Alkohol trinken.

Juwel hat von der TV-Tante bald die Nase voll: Doris Schretzmayer und Mehmet Ali Salman. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Und so machen Marko und Benny auf Gangsta und merken gar nicht, dass sie mit ihrem übertriebenen Gehabe, nämlich weil sie ihrerseits jeden Schwachsinn, den Juwel ihnen über Drogen-Sex-Geldwäschegeschäfte erzählt, glauben, dem Ruf des Viertels ernsthaft schaden. Derart outrieren sie, derart gehen sie in ihren Rollen auf, dass die Stadt Wien von einer geplanten Revitalisierung wieder Abstand nehmen will.

Als dann auch noch unbescholtene Marktstandler ins Visier der Behörden geraten, weil jedermann die TV-Serie für echt nimmt, eskaliert die Situation … „Die Migrantigen“ ist nicht nur eine herrlich komische, hundsgemeine  Chaos-Komödie, sondern befasst sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsfragen und eben jener, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Der Film ist von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Rahoma, Petrović, Salman und Schretzmayer spielt eine tolle Truppe: Zijah Sokolovic ist als Markos Vater, Herr Bilic, der in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter ins Land kam, Daniela Zacherl als Markos Freundin Sophie zu sehen. Margarethe Tiesel ist Bennys Mutter Monika. Maddalena Hirschal und Mahir Jamal geben ein befreundetes Paar, das Benny und Marko zu Hilfe kommen will, indem sie das Spiel für die Weizenhuber mitspielen. Sie als Ostblocknutte Olga, er als schwarzer Drogendealer Jambo. Wie die beiden – schon wieder Klischees – bei ihren Bemühungen übers Ziel hinausschießen, ist das Kabinettstück des Films.

Die Message desselben bringt Herr Bilic auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.diemigrantigen.at

Wien, 10. 6. 2017

Wiener Festwochen: Соларис / Solaris

Juni 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie ein Tarkowski-Film ohne Tarkowski

Bild: Daniel Zholdak

Ein toter Riesenvogel macht noch kein Solaris. Hinten: Kalina Tripkova als Mädchen Rheya. Bild: Daniel Zholdak

Andriy Zholdak hat als Produktion des Mazedonischen Nationaltheaters Skopje und der Wiener Festwochen „Solaris“ nach Motiven von Stanisław Lem inszeniert. Und er setzt dabei Form vor Inhalt. Er entwirft einen cinemascopischen Albtraum, allerdings ohne dessen zugegeben bestechende Bilder schlüssig umzusetzen.

Das Ganze wirkt wie ein Tarkowski-Film ohne Tarkowski, denn was beim übrigens mit Zholdak über drei Ecken verwandten Sowjetregisseur zum assoziativen, suggestiven Strom aufbraust, ist hier nur ein Rinnsal, das im Laufe des Abends mehr und mehr in Bedeutungslosigkeit versickert. Oder anders gesagt: Ein toter Riesenvogel macht noch kein Solaris. Zholdaks Arbeit ist ein manieristisches, pseudo-enigmatisches Machwerk, dem es nicht gelingt, die Existenz eines tieferen Geheimnisses auch nur erahnen zu lassen. Und das war sicher nicht das Motiv des großen Science-Fiction-Philosophen Lem.

Nun mag die Negation der Narration derzeit ja eine Theatermode sein, bei der Premiere im Museumsquartier dauerte diese Erscheinung mit fast vier Stunden – eine halbe wurde überzogen – jedenfalls zu lang. Zholdak setzt auf eine enervierende Entschleunigung und damit auch die Gesetze der Physik außer Kraft. Bei ihm ist Zeit nicht mehr relativ, sondern objektiv für immer vernichtet. Seine Inszenierung hat wohl eine hypnotische Wirkung, allerdings im Sinne eines Mittels gegen Schlafstörungen. Für noch kommendes Publikum reicht es völlig, zwischen 21 und 22 Uhr einen Blick auf die Aufführung zu werfen, da sind die schönsten Entwürfe von Bühnenbildnerin Monika Pormale, man kennt sie von ihren Arbeiten mit Alvis Hermanis, und Videokonzeptionist Daniel Zholdak zu sehen. Den Rest können sie sich, nein: müssen sie sich angesichts Zholdaks verquastem Papperlapapp sogar denken. Und das noch nicht das Schlimmste. Das ist nämlich der aus der Feder des Regisseurs geronnene Text. Zwar werden in der Inszenierung zum Glück nur wenig Worte verloren, die sind aber ebendieses, plump und platt bis zum Fremdschämen.

Dejan Lilić, gleichsam Mazedoniens Antwort auf Georg Clooney, gestaltet die Figur des Kris Kelvin in erster Linie dadurch, dass er bedeutungsschwer und unheilschwanger über die Bühne stampft. Überhaupt sind die Soundeffekte überlaut, zugeschlagene Türen und rotierende Ventilatoren dröhnen in den Ohren, Schritte klingen einmal wie Donnerhall, einmal, wie wenn jemand über Erdäpfelchips läuft. Um Gimmicks ist Zholdak nicht verlegen, warum aber Aleksandar Mihajlovski als Snaut und Aleksandar Gjorgjieski als Sartorius im Darth-Vader-Tonfall sprechen müssen, erschließt sich nicht. Oder vielleicht doch. Kris Kelvin hat’s nämlich nicht leicht. In seinem sechzehnmonatigen Reiseschlaf zur Raumstation, diese Episode nimmt die ersten eineinhalb Stunden in Anspruch, muss er von illegalen Autorennen bis zur Unzucht mit der Zofe nicht nur alles herbeifantasieren, an dem Sigmund Freud seine Freud‘ gehabt hätte, er durchlebt auch seine sämtlichen Traumata ab Kindheit, vom Vater bis zur Frau. Weil deren Selbstmord allein nicht reicht, muss auch noch ein ausgewachsener Elternkomplex her.

Bild: Daniel Zholdak

Eineinhalb Stunden Reiseschlaf: Dejan Lilic als Kris Kelvin und dessen jüngeres Ich Dario Eftimovski. Bild: Daniel Zholdak

Bild: Daniel Zholdak

Ein Bild wie aus Andrej Tarkowskis Solaris-Film: Dejan Lilic und Darja Rizova. Bild: Daniel Zholdak

Über weite Strecken und in vielen Szenen muss man Selbsttherapie vermuten. Gerade weil Solaris Seele und Selbsterkenntnis ist, fragt sich, was man dahinter erahnen soll, wenn die nunmehr Rheya genannte Harey ihren Mann nicht als Frau, sondern als kleines Mädchen verfolgt? Bei der Diminutivierung der Weiblichkeit von Darja Rizova bleibt es nicht, auch Kris Kelvin wird die ganze Zeit über von seinem inneren Kind begleitet, außerdem von einem bis zur Selbstaufgabe schrammelnden intergalaktischen Gitarrero. Und während man noch von Über-Ich zu Es taumelt, zwischen Livekamera und Fertigfilm schwankt, erscheint Gibarian als Hans Holbeins „Der Leichnam Christi im Grabe“. Und man weiß ja, was Dostojewski darüber sagte.

Entsprechend folgt nach der Pause, nun noch eine Stunde und der Zuschauerraum mittlerweile gut geleert, die moralphilosophische Coda in der elterlichen Holzhütte unter Zitierung Alfred Schnittkes. Man interpretiert, Kris Kelvin konnte sein Existenz-Dickicht gar nicht so ohne Weiteres Richtung unendlicher Weiten verlassen. Mutmaßlich weil das alles wirklich harte Hirnnüsse zum Knacken sind, ist bei den Darstellern reihum eine Handnussknackerzange im Dauereinsatz.

Ja, das alles lässt einen schon sprachlos zurück. Das mag zwar im Sinne der Aufführung sein, aber: Kann man die Menschheit bitte endlich vor Theatermachern bewahren, die einen bis zur Belanglosigkeit amputierten Stückstumpf auf die Bühne schleifen und dort den toten Torso stolz als Totem ihrer Genialität aufstellen, und alle sagen Oh! und Ah!, weil, wer blöd sagt, ist ätschibätsch kein Bildungsbürger? Bitte!

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Wien, 11. 6. 2016