Final Portrait

August 7, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Geoffrey Rush ist ein großartiger Alberto Giacometti

Geoffrey Rush brilliert als Alberto Giacometti. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zwei Menschen sitzen einander gegenüber. Stundenlang, tagelang, der eine im Versuch den anderen auf Leinwand zu bannen. Man redet, nicht viel mehr. Daraus einen Film zu machen, ist Kunst. Regisseur und Drehbuchautor Stanley Tucci beherrscht die nächstgrößte Variante:

Sein Atelierfilm „Final Portrait“, ab heute in den Kinos, über den legendären Bildhauer und Maler Alberto Giacometti und sein letztes Modell, den US-Autor James Lord, ist ein vergnügliches Kammerspiel mit einem großartigen Geoffrey Rush als zweifelndem und verzweifelndem Wanderer durchs eigene Werk. Rush macht aus Tuccis Anti-Biopic – denn der bevorzugt die Momentaufnahme gegenüber der langwierigen Erzählung – eine Tragikomödie ersten Ranges.

Die Historie ist: 1964 bittet Giacometti seinen langjährigen Freund Lord zur Portraitsitzung in sein Pariser Atelier. Der, geschmeichelt, sagt natürlich zu, zumal ihm in Aussicht gestellt wird, dass das Ganze nicht mehr als ein paar Stunden dauern würde. Es werden 18 Tage, in denen Lord tiefe Einblicke in die Seelengründe eines Schöpfers nehmen kann, während er eine Verpflichtung nach der anderen verschiebt (später berichtet er darüber in seinen Memoiren „A Giacometti Portrait“, der Basis für Tuccis Drehbuch). Die Sache eskaliert derart, dass Lord tatsächlich Fluchtpläne schmiedet: Wenn der Meister das nächste Mal vom schmalen auf den dicken Pinsel wechsle, wolle er „zuschlagen“. Denn er hat gelernt: Mit dem dünnen Pinsel wird erschaffen, mit dem breiten das Leben wieder und wieder übermalt …

Das ist das Material, aus dem Tucci seine fünfte Regiearbeit formt. Er lässt seinen Film fast ausschließlich in Giacomettis künstlerischer „Rumpelkammer“ spielen, 46 Rue Hippolyte-Maindron, ein desolates Gartenhäuschen, vollgestellt mit Sperrmüll. Ein mit Gipsresten verkleckster Raum. Ein haptisches Synonym für Giacomettis ekstatisches Arbeiten. Diese Kulisse von James Merifield, für die drei von der Giacometti Stiftung mit Wohlwollen akzeptierte bildende Künstler Skizzen, Modelle und Skulpturen im rechten Geiste anfertigten, ist tatsächlich einer der Hauptakteure. Organisch, ein Lebewesen.

Und in ihm tobt Geoffrey Rush. Der Giacometti, der sich gern beim Handwerken filmen ließ, wie er immer wieder in den nassen Ton seiner Skulpturen greift, um ein Auge neu zu kneten, oder den Stift ansetzt, um eine weitere Furche in einem gemalten Gesicht zu formen, genau studiert hat. Mit wildem Haarschopf und viel zu großem und vor allem immergleichen Anzug, sein Aussehen so schäbig wie sein Atelier, er „wohnt“ in beidem, erzählt er vom Bis-zum-Stummel-Raucher, Rotwein- und Frauenliebhaber, vom schrulligen Spinner mit Ausflügen ins Sinnenmenschdasein. So, dass man sich fragen muss: Welche der beiden gezeigten Medaillenseiten ist das Schauspiel? Welche „wirklich“? Authentisch immerhin sein von einem Autounfall verursachtes Hinken.

Mit Sylvie Testud als früh verblühte, knochig gewordene Schönheit Annette. Bild: © Filmladen Filmverleih

Und mit der sinnenfrohen, genusssüchtigen Caroline: Clémence Poésy. Bild: © Filmladen Filmverleih

Rush changiert zwischen aufgelöst und abgeklärt. Formidabel sind Szenen, in denen er Honorare für Kunstwerke unter Sofas und Schränke schleudert – „Ich habe hier mehrere Millionen versteckt, aber ich weiß nicht mehr wo“ -, oder Werke aus frühen Phasen zurückkauft, um sie durch „echte“ Giacomettis zu ersetzen. Alles tut er exzessiv, selbst das Espressotrinken. Er fühlt sich belästigt von Ruhm und Reichtum.

Trotz – oder weil – derlei koketter Augenzwinkerei zeigt Rush einen Mann, der nie zuvor gesehene Ausdrucksweisen für die Vereinsamung und Verzweiflung des Menschen finden konnte. Zitat: „Wenn ich mich am hoffnungsvollsten fühle, ist das der Moment, in dem ich mich aufgebe.“ Zu sagen, alles wäre um diesen wunderbaren Rush gruppiert, wäre vermessen. Tucci hat einen ganz auf die Schauspielkunst seiner Akteure ausgerichteten Film geschaffen. Und so zeigt er den Infight zweier Männer. Mit Betreuerstab am Ring. Mit wenigen kühnen Pinselstrichen gestaltet er einen Charakter. Armie Hammer ist ein – im Wortsinn – schöner, leicht „fader“ James Lord.

Allein schon äußerlich, immer proper, immer gepflegt in seinen weißen Hosen, bis die von den Sitzungen verlangte Garderobe sichtlich Schaden nimmt und knittert. Hammer hat die ihn bedrängende Katastrophe – Flug? Wann geht der Flug? – zunehmend im Blick, während Tyrann Griesgram hinter der Leinwand hervorlugt, diese verflucht und alle anderen im Atelier beflegelt. Immer wieder kommt Danny Cohens Kamera auf Armie Hammers Gesicht buchstäblich zur Ruhe. Das Kunstwerk, der Kunstschriftsteller hätte es wissen müssen, nimmt sich die Zeit, die es braucht. Und niemand hat darauf weniger Einfluss als der Künstler selbst. Stellvertretend für Giacomettis Auge prüft Cohen, was es mit diesem Gesicht, „Verbrechervisage“ sagt Giacometti, auf sich hat, welche Spuren das Leben hinterließ, unter welchem Blick Innerstes nach außen dringt. „Lone Ranger“ Hammer beweist in dieser Rolle einmal mehr, dass er das Zeug zum Charakterdarsteller hat.

Seine amerikanische Gelassenheit ist das perfekte Gegenstück zur rundum stattfindenden europäischen Skurrilität. Tatsächlich wirkt der Mann aus dem unglamourösen New Jersey lässiger und freigeistiger als die selbsternannten Pariser Bohemian-Vordenker. Kaum eine Szene fängt es besser ein als ein Mittagessen, zu dem Giacometti Lord statt des Modellsitzens überredet. Während ersterer Schinken und gekochte Eier verschlingt, dazu Alkohol herunterstürzt und gleich zwei Kaffee folgen lässt, trinkt zweiterer in Seelenruhe eine Coca-Cola …

Aus Stunden werden Wochen: Giacometti/Rush lockt James Lord (Armie Hammer) in sein Atelier. Bild: © Filmladen Filmverleih

Gestört wird der Schaffensprozess aber vor allem durch Giacomettis temperamentvolles Liebesleben zwischen Ehefrau Annette, gespielt von Sylvie Testud, und seiner Prostituierten/Muse Caroline, in der Darstellung von Clémence Poésy. Tucci hat kein erdenschweres Drama über ein Genie und dessen Dämonen inszeniert, sondern eine himmlische Story über einen Mann zwischen zwei Frauen – und keiner der beiden wird er Herr.

Wie Rush und Hammer bilden auch Testud und Poésy ein Gegensatzpaar, die eine als verblühte, knochig gewordene Schönheit, zugleich Opfer und Täterin in einer existenziellen Folterehe, die andere die knospende, leichtfüßige Geliebte, und eine im Wissen der anderen: Gibt es hie nicht einmal einen neuen Wintermantel, wird da mit Freude ein BMW-Cabriolet gekauft. Als Carolines Zuhälter Giacomettis Atelier verwüsten, leistet er den beiden großzügig Schadensersatz, bezahlt unaufgefordert für sexuelle Vergangenheit und verlangende Zukunft gleichermaßen …

Ein Ruhepol in all den Irrungen und Wirrungen ist Tuccis longtime companion Tony Shalhoub als Giacomettis Bruder Diego. Selbst ein begnadeter Künstler und Designer, hat er seine eigene Karriere hintangestellt, um Alberto als Assistent beiseite zu stehen. Diego weiß um das künstlerische Genie seines Bruders und ist jederzeit da, ihm zu helfen, sein Potenzial zu entfalten. Er ahnt aber auch dessen Ungeduld, die Welt in seinen Skulpturen und Gemälden endlich so zu zeigen, wie er sie sieht. Unzählige Male saß Diego selbst als Modell auf dem Stuhl, auf dem nun Lord sitzt. Von daher versteht dieser stille, zurückhaltende Mann, der so anders ist als Giacometti, wie es sich anfühlt, zu warten, bis der Künstler die nötige Eingebung hat.

Sehenswert ist es, wie Shalhoubs Diego um Verständnis für das komplizierte und doch so begnadete Wesen des Bruders wirbt. „Mein Bruder kann nur glücklich sein, wenn er sich unbehaglich fühlt“, sagt er einmal. Zurück zur Historie: Das Porträt des Amerikaners John Lord wird Giacomettis letztes Bild gewesen sein, er schenkt es ihm. 1990 wird es für 20 Millionen Dollar verkauft. Stanley Tuccis Film ist ein Geschenk an alle Giacometti-Fans (man selbst sah die erste „Donna in piedi“ im Museum Peggy Guggenheim Venedig) und an alle interessierten Kinogänger.

www.finalportrait.prokino.de

4. 8. 2017

Leopold Museum: Alberto Giacometti

Oktober 17, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Pionier der Moderne im neuen Licht:

Gesamtschau und Weggefährten von Picasso bis Pollock

Gordon Parks | Kansas 1912–2006 New York: Ohne Titel [Alberto Giacometti] | Paris, Frankreich, 1951, Silbergelatineabzug The Gordon Parks Foundation | © Bild; Courtesy of The Gordon Parks Foundation © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

Gordon Parks | Kansas 1912–2006 New York: Ohne Titel [Alberto Giacometti] | Paris, Frankreich, 1951, Silbergelatineabzug
The Gordon Parks Foundation | © Bild; Courtesy of The Gordon Parks Foundation © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

„Der teuerste Bildhauer der Welt“, beziehungsweise sein Werk, sind ab 17. Oktober im Leopold Museum zu Gast. Alberto Giacometti, dem bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts widmet man hier eine spektakuläre Retrospektive, die von seinem „Künstlerkollegen“ und Meister des erweiterten Skulpturbegriffes Erwin Wurm eröffnet wird. Anhand von rund 150 Objekten stellt die Ausstellung  in umfassender Weise die einzelnen Schaffensphasen des Künstlers vor, von den Arbeiten der Frühzeit über Werke der kubistischen und der surrealistischen Phase bis hin zu den unverwechselbaren Skulpturen des Spätwerks. Ergänzt wird die Schau durch herausragende Werke von Giacomettis Weggefährten und Zeitgenossen von Picasso bis Pollock. Die Schau vereint Arbeiten von insgesamt 35 Künstlern.

Die Werke des Schweizers  (geb. 1901 in Borgonovo bei Stampa, gest. 1966 in Chur) erzielen heute Rekordpreise auf dem internationalen Kunstmarkt. Seine Skulptur „L’homme qui marche I“ (Schreitender I) wurde 2010 bei Sotheby’s für etwa 104 Millionen Dollar (74 Millionen Euro) verkauft und hält damit bis heute den weltweiten Rekord für Skulpturen. Jüngst wurde bekannt, dass Sotheby’s für eine bevorstehende Auktion Giacomettis „Chariot“ anbietet. Der Schätzwert des „Wagens“ beträgt rund 100 Millionen Dollar (80 Millionen Euro), ein weiterer Rekord scheint in Reichweite. Von dieser Skulptur wurden insgesamt sechs Stück produziert. Nummer 2 wird am 4. November in London versteigert, Nummer 3 ist ab sofort im Leopold Museum zu sehen.

Die Giacometti-Ausstellung im Leopold Museum bietet einen umfassenden Blick auf das beeindruckende Oeuvre des Künstlers. Insgesamt sind 36 Skulpturen und 50 Zeichnungen, Gemälde und Lithografien Giacomettis in Wien zu sehen. m Jahr 1964 besuchte Alberto Giacometti gemeinsam mit Francis Bacon die von Wolfgang Georg Fischer in der Marlborough Fine Art Galerie organisierte Schiele-Ausstellung, die erste in Großbritannien. Fischer erinnert sich, dass damals der Name Schieles in Großbritannien so unbekannt war, wie jener von William Blake in Österreich. In seinem Tagebuch notierte Fischer: „An den Schiele-Ölbildern (Die Eremiten, Selbstseher, Selbstporträt von 1910, Liegender Akt von 1917) [die heute Teil der Sammlung des Leopold Museum sind] gehen Francis und Giacometti flüchtig vorbei. Vor dem Späten Herbstbaum, 1912, stockt Giacometti und sagt: „Das ist außerordentlich!““ Der komplette Eintrag zu dieser Episode aus Fischers bisher nicht publiziertem Tagebuch wird im aktuellen Ausstellungskatalog erstmals veröffentlicht.

Zum Künstler:

Der aus der italienischsprachigen Schweiz stammende Alberto Giacometti war schon früh von künstlerischem Wirken umgeben. Sein Vater Giovanni Giacometti (1868-1933) war ein von postimpressionistischen Einflüssen geprägter Künstler. Der Maler Cuno Amiet (1868-1961) war ein enger Freund seines Vaters Giovanni und Albertos Taufpate. Sowohl von Giovanni Giacometti als auch von Amiet sind Werke in der Ausstellung zu sehen. 1919 begann Alberto Giacometti mit dem Studium in Genf. 1922 ging er nach Paris, wo er fortan lebte. Er studierte bei Antoine Bourdelle (1861-1929) an der vor allem von nicht französischen Staatsbürgern gerne frequentierten Académie de la Grande Chaumière. Bourdelle verschaffte seinem Studenten 1925 die Gelegenheit, im berühmten Salon des Tuileries auszustellen, wo Giacometti zum ersten Mal seine kubistischen Figuren präsentierte. Ab Mitte der 1920er-Jahre stand Giacometti ganz im Banne des Kubismus. In seinen Skulpturen setzte sich Giacometti mit dem Volumen auseinander und zerlegte die Masse, um sie in festen und mechanischen Strukturen wieder zusammenzusetzen. Giacometti zeigte sich wie viele Künstler jener Zeit fasziniert von der Kraft und Abstraktionsgabe der Kunst antiker und außereuropäischer Kulturen. Eine wichtige Anregung lieferten Werke der Kultur der Kykladen und der Kunst Afrikas. Besonders beeindruckt war Giacometti von den Skulpturen Constantin Brâncusis (1876-1957), von dem ein Werk in der Ausstellung zu sehen ist. Ende 1929 kam für Giacometti der große Erfolg. Seine Arbeiten wurden in der Galerie Jeanne Bucher ausgestellt und wichtige Sammler erwarben sie umgehend. Man erkannte ihn als vielversprechenden Künstler. Giacometti hält fest: „Einige sagten, sie hätten seit Jahren nichts gesehen, was sie so beeindruckt hätte wie meine Skulpturen, und nun habe ich in Paris einen Stellenwert.“ 1932 schloss sich Alberto Giacometti formell dem Kreis der Surrealisten um den Dichter, Schriftsteller und Theoretiker André Breton (1896-1966) an. Er traf u.a. auf Joan Miró (1893-1983), Max Ernst (1891-1976), Pablo Picasso (1881-1973), René Magritte (1898-1967). Die Ausstellung stellt Giacomettis surrealistische Werke den zeitgleich entstandenen Werken von Künstlerfreunden und Bekannten gegenüber. Freundschaften pflegte Giacometti u. a. auch mit André Derain und Balthus (1908-2001). Von all diesen Künstlern sind herausragende Werke in der Ausstellung zu sehen.

Die Tatsache, dass Giacometti wieder verstärkt realistisch zu arbeiten begann und dadurch von der strengen Dogmatik Bretons abwich, führte 1935 zu einem Ausschluss aus der Breton-Gruppe. Eine zwölf Jahre andauernde künstlerische Krise war die Folge. In den späten 1930er Jahren und in den Kriegsjahren, die er zum großen Teil in die Schweiz verbrachte, radikalisierten sich die Proportionen seiner Arbeiten, er schuf vorerst Skulpturen in Miniaturformat. Ab den 1940er-Jahren entstand Giacomettis unverwechselbare Ausdrucksweise seiner reifen Phase, die zwar das gegenständliche Abbild der menschlichen Figur wieder ins Zentrum rückte, aber ganz eigene Wege beschritt, etwa durch auffällige Veränderungen der Größenverhältnisse und Proportionen. In dieser Phase entwickelte Giacometti den unverwechselbaren Stil seiner späten Jahre. Die Figuren seiner reifen und späten Phase sind durch extrem in die Länge gezogene Proportionen und durch eine unruhige Oberfläche gekennzeichnet. Sie entziehen sich einer konkret-sinnlichen Erfassung und wirken auf den Betrachter wie entmaterialisierte, metaphysische Erscheinungen, die einen besonderen Bezug zum Raum aufweisen. Mit zunehmender internationaler Bekanntheit durch Ausstellungsprojekte in London und in den USA wurden Giacomettis Arbeiten auch mit bedeutenden Vertretern der Moderne nach 1945 in Zusammenhang gebracht. Besonders hervorzuheben sind hier der dem Gegenständlichen verpflichtete Francis Bacon (1909-1992), die abstrakten Expressionisten Jackson Pollock (1912-1956) und Mark Tobey (1890-1976) oder Cy Twombly (1928-2011).

In den beiden großen Sälen am Beginn der Ausstellung wird der gleichsam sakrale Charakter dieser späten Figuren Giacomettis besonders hervorgehoben. Die hieratischen Statuen scheinen aus ihrem Inneren heraus zu leuchten. Die ewige Größe des von Menschenhand geformten Abbildes wird spürbar. Der starken räumlichen Wirkung der Skulpturen Giacomettis wird in der Ausstellung durch eine spezielle Aufstellung und Inszenierung besonders Rechnung getragen. Die Farbgebung, der rohe Boden und die großen Lampen evozieren die Atmosphäre einer Gusshalle. Die weißen Umrisse der Figuren verweisen auf den Arbeitsprozess, die Gipse und Gussformen, die zum finalen Ergebnis der Bronzeskulpturen führen. Eine Auswahl herausragender Fotografien ermöglicht in der Ausstellung auch eine visuelle Annäherung an die Person Alberto Giacomettis. Die Aufnahmen stammen durchwegs von bedeutenden Fotografen, u.a. von René Burri (geb. 1933), Henri Cartier Bresson (1908-2004), Robert Doisneau (1912-1994), oder Man Ray (1890-1976). Auch herausragende österreichische Fotografen haben Alberto Giacometti fotografiert, nämlich Franz Hubmann (1914-2007) und Inge Morath (1923-2002).

www.leopoldmuseum.org

Wien, 17. 10. 2014

OsterKlang 2014

April 9, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Johannes-Passion bis zu Messiah

2689675763_e88384cd33Das achtzehnte OsterKlang-Festival spannt in der Zeit von 13. bis 20. April seinen musikalischen Bogen von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion bis hin zu Werken Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel, französischer Barockmusik von François Couperin und Marc-Antoine Charpentier sowie Ludwig van Beethovens Missa Solemnis. Den szenischen Kern des Festivalprogramms bilden die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper und G. F. Händels Oratorium Messiah in einer szenischen Fassung und Inszenierung von Claus Guth im Theater an der Wien. Erstmals wird das Festival am 13. April in Kooperation mit den Wiener Symphonikern im Großen Saal des Wiener Konzerthauses eröffnet. Auch in den Jahren 2015-16 wird diese Kooperation mit den Wiener Symphonikern weitergeführt. Im Zentrum der kommenden Eröffnungskonzerte stehen wichtige sakrale Werke von J. S. Bach.

Die Spielorte während der Osterwoche sind das Theater an der Wien, die Kammeroper, das Wiener Konzerthaus, die Minoritenkirche und der Musikverein. Neben den renommierten SängerInnen wie Bernarda Fink, Klara Ek, Johannes Chum, Hanno Müller-Brachmann, Johan Botha, Bejun Mehta, Florian Boesch und Maria Bengtsson bestreitet das Junge Ensemble des Theater an der Wien die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper. Dirigenten wie Giovanni Antonini, Christophe Rousset, Simone Young, Rubén Dubrovsky und Martin Haselböck sowie die Wiener Symphoniker, das französische Originalklangensemble Les Talens Lyriques und das Orchester Wiener Akademie präsentieren ein auserlesenes Konzert- und Opernprogramm. Eröffnet wird der 18. OsterKlang am Palmsonntag, den 13. April  mit der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Unter der musikalischen Leitung von Giovanni Antonini musizieren die Wiener Symphoniker. Als Solisten sind Johannes Chum als Evangelist und Hanno Müller-Brachmann als Jesus sowie Klara Ek und Bernarda Fink zu hören. Es singt der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Johannes-Passion ist die früheste, heute noch vollständig erhaltene Passion Bachs. Sie wurde am 7. April, dem Karfreitag des Jahres 1724, in der Nicolaikirche in Leipzig uraufgeführt, wo Bach derzeit als Thomaskantor tätig war. In dieser Passion schildert Bach die Ereignisse um das Leiden Jesu – von seiner Gefangennahme bis zur Grablegung – in ergreifend schlichter Klarheit und direkter Dramatik. Die Passionshandlung und die kontemplativen Chorpartien greifen direkt ineinander, sodass die Passion Christi direkt und eindringlich nachvollzogen werden kann.

Mozarts spätes Meisterwerk La clemenza di Tito ist zweifelsohne ein der Aufklärung verpflichtetes Plädoyer für Aufrichtigkeit und Gnade, das uns bewegende Einblicke in die Einsamkeit eröffnet, der ein Regent bei seinen Entscheidungen ausgesetzt ist, im Sinne des Fürstenspiegels zeigt es aber genauso die Gefahren von Willkür, Unberechenbarkeit und Selbststilisierung, die unter dem Deckmantel der Milde besonders gefährlich erscheinen müssen. Die Opera seria in zwei Akten (1791) gelangt am 13. April  in einer Neuproduktion des Theater an der Wien in der Kammeroper unter der musikalischen Leitung von Rubén Dubrovsky mit seinem Ensemble Bach Consort Wien zur Premiere. Die Mitglieder des Jungen Ensembles des Theater an der Wien bilden das Sängerensemble, allen voran Andrew Owens als Tito Vespasiano, Çiğdem Soyarslan als Vitellia und Gaia Petrone als Sesto. Für die Inszenierung zeichnet der italienische Regisseur Alberto Triola verantwortlich.

Was ist Schuld? Was bedeutet Liebe? Was heißt Tod? Was heißt Erlösung? Diese Fragen, die Menschen aller Religionen miteinander verbinden, thematisiert Claus Guths Inszenierung des Oratoriums Messiah. Händel zeichnet mit seiner Musik ein emotionales Gemälde der menschlichen Ängste und Hoffnungen, aber auch der Erlösungsgewissheit, welche oftmals einzig in seinem berühmten Chor Hallelujah verortet wurde.Nach vier Jahren kehrt die erfolgreiche Produktion in außerordentlicher Besetzung und in einer Neueinstudierung unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset ans Theater an der Wien zurück. Als Solisten sind Maria Bengtsson, Ingela Bohlin, Paul Lorenger, Bejun Mehta, Florian Boesch, Charles Workman und Nadia Kichler zu erleben. Es singt der Arnold Schoenberg Chor. Die Premiere ist am 14. April, die Vorstellungen am 17. und 19. April finden im Rahmen des OsterKlang-Festivals statt. Am 15. April  steht mit den Leçons de ténèbres (Lesungen der Dunkelheit) eine spezifische Gattung des französischen Barock auf dem Programm des Festivals in der Minoritenkirche. Leçons de ténèbres sind liturgische Gesänge, die für die Nachtoffizien der Karwoche komponiert wurden. Besonders die kontemplativen und elegischen Melismen der Singstimmen spiegeln die schmerzliche Passions- und Sterbensgeschichte Jesu Christi wieder. Diese spezifische Gattung des französischen Barock erfuhr im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt und war lange Zeit nahezu völlig vergessen. Dieser besondere Abend wird mit Werken von Marc-Antoine Charpentier und François Couperin gestaltet. Christophe Rousset, am Cembalo und an der Orgel, musiziert mit den Sopranistinnen Amel Brahim-Djelloul und Judith van Wanroij, begleitet vom Gambisten François Joubert-Caillet.

„Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen!“ Mit diesen Worten widmete Ludwig van Beethoven seine feierliche Messe, die Missa Solemnis, seinem Freund und Schüler Erzherzog Rudolph. Am 16. April 2014 gelangt dieses expressive Werk unter der musikalischen Leitung von Martin Haselböck im Theater an der Wien zur Aufführung. Gesangssolisten sind Malin Hartelius, Caitlin Hulcup, Daniel Behle und Stefan Cerny. Es musiziert das Orchester Wiener Akademie und singt der Philharmonische Chor Brünn. Am Karfreitag, den 18. April, stehen unter dem Titel Crucifixus sakrale russische Chöre von Pawel Tschesnokow, Dimitri Bortnjanski und Sergei Rachmaninow auf dem Programm in der Minoritenkirche. Den Abschluss und gleichzeitig den Höhepunkt der vorösterlichen Fastenzeit bildet die Karwoche. Besonders ab Gründonnerstag begehen Christen aller Konfessionen und überall auf der Welt das Triduum Sacrum, die heiligen drei Tage vom Leiden, Sterben und der Grabesruhe Jesu Christi. In ihrem Zentrum steht das „Crucifixus est“, jener zentrale Opfertod, der mit der Auferstehung am Ostersonntag den Christen die Erlösungshoffnung gibt.Der Dreifaltigkeitschor des Alexander Newski Männerklosters St. Petersburg bietet in seinem Konzert einen Einblick in die Fastenliturgie der russisch-orthodoxen Kirche.

Unter der Leitung der Dirigentin Simone Young präsentieren die Wiener Symphoniker am Ostersonntag traditionellerweise ihren Frühling in Wien und schließen mit diesem Konzert das Festival OsterKlang Wien. Im Musikverein erwartet das Publikum ein typisch wienerisches Programm mit Werken von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Otto Nicolai, Richard Wagner, Johann Strauss (Sohn), Franz von Suppé, Franz Léhar und Richard Heuberger. Mit Johan Botha, einem der begehrtesten Tenöre unserer Zeit, wird diese österliche „Soirée de Vienne“ zu einem feierlichen Finale des Festivals.

www.theater-wien.at

Wien, 9. 4. 2014

Kunsthalle Krems: Meisterwerke der Sammlung Klüser

März 7, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert © Sammlung Klüser, München, 2014 Bild: Mario Gastinger

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert
© Sammlung Klüser, München, 2014
Bild: Mario Gastinger

Ab 16. März zeigt die Kunsthalle Krems unter dem Titel „Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol“ Meisterwerke aus der Sammlung Klüser. Der Ausstellungstitel steht sinnbildlich für die Genese der Sammlung Klüser: Ursprünglich eine Kollektion zeitgenössischen Kunst mit einer zunehmenden Anzahl an Werken der klassischen Moderne, erweiterte sich die Perspektive der Sammlung seit den 1990er-Jahren auch auf Zeichnungen der Renaissance bis zur Romantik. Die Zusammenschau der Arbeiten eröffnet so ein eindrückliches Panorama der Zeichenkunst, das den Brückenschlag zwischen historischen und aktuellen Werken sucht.

Herausragende Meister der Spätrenaissance und des Barocks von Parmigianino oder Giovanni Battista Tiepolo, über Anthonys van Dyck und Rembrandt Harmenszoon van Rijn bis zu Jean-Honoré Fragonard bilden den Ausgangspunkt der Schau. Von dort spannt sich der Bogen zu deutschen und französischen Werken des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge sowie Carl Gustav Carus sind ebenso darunter wie Eugène Delacroix, Théodore Géricault oder Victor-Marie Hugo. Die Klassische Moderne wird unter anderem vertreten von den Künstlern Paul Cézanne, Henri Matisse, Constantin Brancusi und Alberto Giacometti. Der Kunst nach 1945 wird mit bedeutenden Werkblöcken von Joseph Beuys, Blinky Palermo sowie Andy Warhol ein besonderer Schwerpunkt eingeräumt. Zeichnungen von Cy Twombly sowie Tony Cragg, Olaf Metzel und Jorinde Voigt bilden den Übergang zur jüngsten Gegenwart.

Immer schon war die Zeichnung seismographisches Medium, um Grundkonstruktionen der Gesellschaft in den Spuren der gesetzten Linien freizulegen. Im Laufe der Jahrhunderte ebenso wie im Gang durch die Ausstellung enthüllt sie sich als intime Form der Weltdeutung, als Experimentierfeld für Ideen ebenso wie als Medium der Transformation, das Sichtbares wie Nichtsichtbares, Konstrukt wie Realität auf Papier zu bannen vermag. Bereits die Künstler der frühen Neuzeit schätzten an der Zeichnung die Möglichkeit, das Denken mit dem Arbeitsprozess kurzzuschließen und so die direkte Überführung von Ideen in Sichtbarkeit zu vollziehen. Noch Joseph Beuys sprach von ihr als „Verlängerung des Gedankens“. Einer auf Papier festgehaltenen „Ideensammlung“ gleich, bieten die rund 250 Arbeiten aus der deutschen Privatsammlung von Bernd und Verena Klüser außergewöhnliche Einblicke in die Zeichenkunst vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Unmittelbarkeit und Spontaneität machen die Faszination der Zeichnung aus. Wie kein anderes Medium ermöglicht sie es, individuelle Bildfindungen zu erproben und künstlerische Ideen in oft experimentellen Zugängen umzusetzen.

www.kunsthalle.at

Wien, 7. 3. 2014