Albertina modern / Stadtkino Wien: Ai Weiwei

März 12, 2022 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Größte Retrospektive bisher. Mit Filmprogramm

Ai Weiwei: Illumination, 2019. Lego-Bausteine. Courtesy of the artist. Bild: Courtesy of the artist and Lisson Gallery © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, ein unermüdlicher Aktivist und Kritiker autoritärer Systeme. Die Albertina modern widmet ihm nun ab 16. März seine bislang umfangreichste Retrospektive. „In Search of Humanity“ befasst sich eingehend mit dem Aspekt der Menschlichkeit und der künstlerischen Stellungnahme in Ai Weiweis Schaffen (Virtuelle Eröffnung am 15. März via Youtube oder Facebook, siehe unten). Schon seine frühesten Werke sind von der Auseinander- setzung mit seinem

Heimatland China geprägt, wo er als Kind durch die Verbannung seines Vaters, des großen Dichters Ai Qing, die Auswirkungen der Kulturrevolution miterlebte. Als junger Mann im New Yorker East Village der 1980er-Jahre wurde er Zeuge und Dokumentarist der dortigen Protestbewegung. Zurück in Peking waren es die unmittelbaren Nachwehen des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens, auf die er künstlerisch reagierte. Sein ausgestreckter Mittelfinger, den er bekannten Bauwerken als Repräsentationsobjekten der Macht entgegenhielt und damit Missständeanprangerte, wurde schließlich zu seinem Markenzeichen.

Ai Weiwei: Dropping a Han Dynasty Urn, 1995. Privatsammlung. Bild: Albertina / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: Study of Perspective – Eiffel Tower, 1999. Albertina, Wien – Sammlung The Essl Collecion. Bild: Mischa Nawrata. © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: S.A.C.R.E.D. (i) S upper, 2013. Diorama. Courtesy of the artist and Lisson Gallery. Bild: Courtesy Ai Weiwei Studio and Lisson Gallery © 2022 Ai Weiwei

Immer wieder sind es Machtstrukturen und die Mechanismen der Herrschaftsausübung, die der Künstler thematisiert, sei es die Zerstörung von Kulturgütern als Ausdruck der eigenen Überlegenheit oder die Ausübung von Manipulation, Zensur und Überwachung von staatlicher Seite. Unablässig schaut er stets dort genauer hin, wo er Meinungsfreiheit und Menschenrechte in Gefahr sieht bei Einschüchterungsmethoden der chinesischen Regierung, der Bedrohung von Journalisten sowie politischen Aktivisten über die Proteste in Hongkong und die massiven Restriktionen in Wuhan beim Ausbruch der Corona-Pandemie bis hin zur eigenen Inhaftierung 2011.

Die aktuelle Situation Flüchtender auf der ganzen Welt betrachtet Ai als die vielleicht größte globale humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, als enorme Herausforderung für uns als solidarische Gesellschaft und sieht bei jedem und jeder einzelnen von uns die Verantwortung, zu handeln. Mit Ai Weiweis kulturellen Readymades, seinen Wandarbeiten, Skulpturen, Installationen, Fotografien und zahlreichen Filmen bietet die Ausstellung einen beeindruckenden Überblick über die mehr als vier Jahrzehnte währende Karriere des Künstlers und beinhaltet Schlüsselwerke aus allen Schaffensphasen.

Zu sehen bis 4. September.

www.albertina.at           Link zur virtuellen Eröffnung am 15. März, 18.30 Uhr: www.youtube.com/watch?v=6k3kV4wFIA8

Ai Weiwei: Forever Bicycles, 2003. 42 Fahrräder. Privatsammlung. Bild: Albertina, Wien / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: Zodiac (Dragon), 2019. LEGO-Bausteine. Privatsammlung. Bild: Albertina, Wien / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: Neolithic Vase with Coca-Cola Logo, 1994. Privatsammlung. Bild: Albertina, Wien / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Instagram-Takeover

Bereits gestern übernahmt Ai Weiwei den Instagram-Account der Albertina und postet über seine Kunst und aktuelle Ereignisse. www.instagram.com/albertinamuseum

Ai Weiwei – Selected Films im Stadtkino Wien

Von 14. März bis 16. Mai zeigt das Stadtkino als Begleitprogramm zur Ausstellung in der Alberina sieben Filme von und mit Ai Weiwei. Die Termine:

14. März, 18 Uhr AI WEIWEI: NEVER SORRY, Porträt über den Künstler, politischen Aktivisten und Privatmenschen. Regie: Alison Klayman. Trailer siehe unten.
21. März, 18 Uhr CORONATION über Covid-19 in China samt einer Reise in die „Verbotene Stadt“ Wuhan. Regie: Ai Weiwei. Trailer: www.youtube.com/watch?v=RYoA6DjRuu
4. April, 18.30 Uhr THE FAKE CASE über Ai Weiwei nach seinen 81 Tagen in Einzelhaft. Regie: Andreas Johnsen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=EXcGfQ5CrCc&
18. April, 20.15 Uhr FAIRYTALE, Projekt für die Documenta 12, Ai Weiwei bringt 1001 ChinesInnen nach Kassel und befragt sie nach ihren Eindrücken. Regie: Ai Weiwei + Sunflower Seeds. Trailer: www.youtube.com/watch?v=B1cYkK0cVEA
2. Mai, 18 Uhr THE REST über den Umgang Europas mit Flüchtlingen, Storys über Krieg, Armut und Verfolgung – und den Spiegel, die „der Rest“ dem europäischen, politischen Zeitgeist vorhält. Regie: Ai Weiwei, Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ax5L-cLPJwY
16. Mai, 20 Uhr HUMAN FLOW begleitet Flüchtlinge rund um den Globus, eine Reise rund um die Welt von Afghanistan, Bangladesch, Frankreich, Griechenland, Deutschland, Irak, Israel, Italien, Kenia, Mexiko bis in die Türkei. Regie: Ai Weiwei. Trailer: siehe unten.

stadtkinowien.at          www.aiweiwei.com

12. 3. 2022

Albertina: Edvard Munch. Im Dialog

Februar 18, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bilder der Urangst am Beginn der Moderne

Edvard Munch: Das kranke Kind, 1907. Tate: Presented by Thomas Olsen 1939 © Tate

Die Albertina widmet Edvard Munch ab 18. Februar ihre große Frühjahrsausstellung 2022. Die umfassende Schau ist in mehrerer Hinsicht einzigartig: Mehr als 60 Werke des norwegischen Künstlers zeigen das beeindruckende Œuvre, als eines, das für die moderne und zeitgenössische Kunst wegweisend ist. „Edvard Munch. Im Dialog“ konzentriert sich in erster Linie auf Munchs spätere Werke und deren Relevanz für die Kunst der Gegenwart.

Neben ikonischen Fassungen der „Madonna“, des“ Kranken Kindes“ oder der „Pubertät“, ist es nicht zuletzt das von Unheimlichkeit, Bedrohung und Entfremdung zeugende Naturbild Edvard Munchs, das durch eine Reihe an Landschaftsgemälden dieses Hauptthemas des Symbolismus und Expressionismus in einen

Dialog mit Werkgruppen bedeutender Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit tritt. Zu den gezeigten, direkten Variationen von Munchs ikonischen Bildern werden Werke in den Fokus der Ausstellung gerückt, die an Munchs experimentelle und modernistische Erweiterung des Malereibegriffs anknüpfen.

Munch bricht dabei radikal mit der sichtbaren Wirklichkeit und wendet sich den verborgenen, unsichtbaren Verletzungen und Erschütterungen der Seele zu. Krankheit, Eifersucht und Angst bleiben zeitlebens wiederkehrende Themen. Ihn interessieren die Narben der psychischen Verarbeitung von Erlittenem. Auch technisch ist er revolutionär: eine koloristische Übersteigerung seiner Gemälde, die Vereinfachung der Motive, die ikonenhafte Frontalität seiner Figuren bis hin zur scheinbaren Verflüssigung der Landschaft bilden eine unberechenbare, bedrohliche Welt ab. Der Mensch wird zur Symbolfigur für das Sich-Verlieren des Einzelnen im Ganzen: die Urangst der Gesellschaft am Beginn der Moderne.

Edvard Munch: Frauen im Bad, 1917. Munchmuseet. Foto: Munchmuseet/Ove Kvavik

Edvard Munch: Winterlandschaft, 1915. Albertina, Wien – Sammlung Batliner © Albertina, Wien

Andy Warhol: Madonna and Self-Portrait with Skeleton’s Arm (After Munch), 1984. Gunn and Widar Salbuvik © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Bildrecht, Wien 2022 © Michal Tomaszewicz

Peter Doig: Echo Lake, 1998. Tate: Presented by the Trustees in honour of Sir Dennis and Lady Stevenson (later Lord and Lady Stevenson of Coddenham), to mark his period as Chairman 1989-98, 1998 © Tate

Die weitreichende Rezeption Munchs in der zeitgenössischen Kunst beweisen sieben bedeutende Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart allesamt Größen des 20. Jahrhunderts die mit Munch in Dialog treten: Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz, Miriam Cahn, Peter Doig, Marlene Dumas und Tracey Emin. Die ausgewählten Werkgruppen illustrieren eindrucksvoll den Einfluss, den Edvard Munchs Kunst bis heute auf nachfolgende Generationen ausübt. Die Zugänge zu Munch sind so unterschiedlich wie die Künstlerinnen und Künstler selbst: Dazu gehören Georg Baselitz‘ Waldlandschaften und seine zum Teil auch indirekten Porträts des norwegischen Malers, während Andy Warhol einmal mehr Ikonen auf seine Weise nachbildet.

Miriam Cahn: madonna (bl.arb.), 1997. Courtesy the artist and Galerie Jocelyn Wolff ©Francois Doury

Edvard Munch: Madonna, 1895/1902. Albertina, Wien © Albertina, Wien

Tracey Emin: You Kept It Coming, 2019. Private Collection © Tracey Emin. All rights reserved, DACS/Artimage 2022 © Tracey Emin. All Rights Reserved / Bildrecht, Wien 2022

Marlene Dumas beschäftigt sich intensiv mit Fragen menschlicher Erfahrungen, rückt Themen wie Liebe, Identität, Rassismus aber auch Tod oder Trauer ins Zentrum ihrer Arbeit und schließt so unmittelbar an die inhaltlichen Schwerpunkte Munchs an. Auch bei Miriam Cahn steht menschliche Emotion von ohnmächtiger Verzweiflung und Angst bis hin zu zügelloser Aggression im Mittelpunkt. Für Peter Doig ist die Materialität in Munchs Gemälden wie auch die Ikonologie der Entfremdung der Menschheit von sich selbst wesentlicher Bezugspunkt in den Werken des Norwegers. Tracey Emins Gemälde und multimediale Arbeiten sind von traumatischen persönlichen Erfahrungen geprägt und knüpfen an den autobiographischen Charakter in Munchs Schaffen an.

Zu sehen bis 19. Juni.

www.albertina.at           Virtuelle Eröffnung von Klaus Albrecht Schröder und eine Einführung von Kuratorin Antonia Hoerschelmann: www.youtube.com/watch?v=HvADJIA6AqY           www.youtube.com/watch?v=5w7oYCI42pM

18. 2. 2022

Albertina modern: Online-Führungen durch „THE 80s. Die Kunst der 80er Jahre“. In fünf Sprachen

November 24, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Jungen Wilden und ihre „Heftige Malerei“

Gilbert & George: We Are, 1985. Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Seoul © Gilbert & George / © Bildrecht, Wien 2021

Ab morgen bieten Albertina und Albertina modern Online-Führungen durch ihre aktuellen Ausstellungen. Via Zoom kann man live und digital dabei sein, wenn die Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler der Häuser die Highlights der Schauen präsentieren, Hintergründe erläutern und auf die Live-Fragen des Publikums eingehen. Preis für ein Online-Ticket: 5 Euro. Einen besonderen Stellenwert in diesem Lockdown-Programm nimmt der Ausstellungs-

rundgang durch „THE 80s. Die Kunst der 80er Jahre“ der Albertina modern ein, der in den Sprachen Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und Italienisch mitzuerleben ist. Die Ausstellung „The 80s“ in der Albertina modern präsentiert mehr als 160 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die nicht nur dieses Jahrzehnt bestimmten, sondern deren Schaffen weit in die Kunst des 21. Jahrhunderts vorausreicht. Die 1980er: Es ist das Zeitalter des (Neo-)Liberalismus, der nun endgültig in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angekommen ist. Margaret Thatcher und Ronald Reagan regieren mit konservativen Kräften den anglo-amerikanischen Raum.

Das Aufkommen der ersten PCs, von Videospielen, Globalisierung, der Öffnung der nationalen Grenzen und steigende Mobilität suggerieren eine Welt in relativer Harmonie. Kino-Besucherrekorde, technischer Fortschritt und die Verlockungen des Konsums versprechen eine rosige Zukunft. Auch vom Ende der Geschichte, einem saturierten, westlich dominierten Weltbild ist da und dort die Rede. Und doch: Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist nur ein junges Menschenleben entfernt. Nach vorne drängt eine Generation, die genug vom Nachkriegsmuff hat. Eine Generation, der Wohlstand und Gemütlichkeit keineswegs genügen. Wer sich nicht zu sehr ablenken lässt, erkennt eine Welt im OstWestKonflikt, spürt den Druck der atomaren Aufrüstung oder ist durch die Friedensbewegung und die deutsche Wiedervereinigung geprägt.

Es ist ein Jahrzehnt der Rebellion, aus den Radios ertönt Elektromusik mit sinnlosen Texten, Wave und Punk zeigen der Gesellschaft offen ihren Unmut. Aus dem Untergrund erwächst eine Avantgarde, die experimentiert, in Frage stellt und einen Spiegel vorhält. Die Kunst der 1980er ist bunt und facettenreich. Sie kann alles sein, nur eines nicht: langweilig. In den Achtzigerjahren wurde plötzlich alles möglich. Die großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche sind auch in der Kunst deutlich sichtbar. Künstlergruppen brechen mit dem festgefahreren Kunstbetrieb, entthronen die Avantgarde: Die „Jungen Wilden“ entdecken die bildende Kunst neu und stellen ebenso selbstbewusst wie gesellschaftlich engagiert unter dem Begriff „Heftige Malerei“ aus.

Jeff Koons: Bear and Policeman, 1988. Kunstmuseum Wolfsburg © Jeff Koons. Bild: Gautier Deblonde

Izhar Patkin: Don Quijote Segunda Parte, 1987. Privatsammlung © Izhar Patkin

Mike Kelley: Estral Star #3, 1989. Sammlung Ringier, Schweiz © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Gerhard Born

Nicht eine Geschichte, sondern viele kleine Erzählungen bestimmen die 1980erJahre. Vielfalt im Denken und Handeln, Wissen und Glauben haben Hochkonjunktur. Grenzerweiterungen in vielerlei Hinsicht und Vernetzung gehören zu den wesentlichen Kennzeichen dieser Zeit. Wie kaum ein anderes Jahrzehnt haben sich die Achtzigerjahre ins Gedächtnis derjenigen eingebrannt, die diese Dekade erlebten. Die schrillen Retrovisionen, die in zyklischen Abständen ein Revival erleben, begeistern aber auch heute noch jüngere Generationen. Nach den kargen Jahren von Konzeptkunst und Minimalismus äußern sich die Neuen Wilden nun auf bunte und vor
allem auch sehr experimentelle Weise. Entdeckung und die Freude am Neuen stehen im Vordergrund. Ein Versuchslabor, das auch vor Kitsch und Pathos keinerlei Berührungsängste mitbringt. Mehr noch: Als sicheres Zeichen von Selbstreflektion, vielleicht auch als Augenzwinkern, wird der Finger dorthin gelegt, wo sich die massentauglich inszenierte Gesellschaft etwas zu ernst nimmt.

In der bildenden Kunst macht sich das „Anything Goes“ des anarchistisch denkenden Österreichers Paul Feyerabend durch stilistischen Reichtum bemerkbar. Der sogenannte Hunger nach Bildern, der diese Dekade einläutete und sich in den expressiven Gesten der Jungen Wilden auf großformatigen Leinwänden widerspiegelt, ist nur als Gegenbewegung zu den minimalistischen und konzeptuellen Strömungen der 1960er und 1970erJahre verständlich. „Die Kunst wuchert, zeugt Triebe und Filiationen, bildet Knotenpunkte und Verästelungen“, schreibt der Herausgeber des damals angesagten Kunstmagazins „Wolkenkratzer“ Wolfgang Max Faust. Nun steht Abstraktion neben greifbarer Figuration, Emotion neben rationaler Kühle. Die neuen Medien, das anbrechende digitale Zeitalter bringen eine neue Kunst der Chiffre, Fiktion und Kopie hervor.

David Salle: Room with blue statue, 1986. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2021

Francesco Clemente: Hermaphrodite, 1985. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Francesco Clemente

Isolde Joham: Electric Rider, 1981. Privatsammlung © Isolde Joham | Bild: Olga Pohankova

Bruce Nauman: Sex and Death by Murder and Suicide,1985. Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © Bruce Nauman/ Bildrecht, Wien, 2021. Bild: Bisig & Bayer, Basel

Die 1980erJahren, die von Jeff Koons und Jenny Holzer über JeanMichel Basquiat und Keith Haring bis zu Cindy Sherman und Richard Prince reichen, sind die Wiege der Kunst von heute. Fragen der Aneignung und der Autorschaft werden genauso diskutiert wie Kritik an der Konsumkultur. Das Oeuvre von österreichischen Kunstschaffenden wie Brigitte Kowanz und Erwin Wurm über Herbert Brandl und Maria Lassnig bis zu Franz West und Peter Kogler gliedert sich in der Ausstellung „The 80s.“ mühelos in den Kanon eines internationalen Staraufgebots ein. Vertreter sind unter anderem Jean Michel Basquiat, Jeff Koons, Keith Haring, Robert Longo, Cindy Sherman, Sherrie Levine und Jenny Holzer. Ihre Kunst bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der jüngeren Kunstgeschichte.

Aber nicht nur die Hauptvertreter der amerikanischen Picture Generation und der Approbiation Art zeigt die Ausstellung über die 80erJahre, sondern auch die wichtigsten Exponenten der italienischen Transavantgarde wie Francesco Clemente und Sandro Chia, und auch dem bis heute einflussreichen deutschen Beitrag dieses Jahrzehnts, Martin Kippenberger und Albert Oehlen, sowie die wichtigsten österreichischen KünstlerInnen der 80erJahre, Brigitte Kowanz und Isolde Joham, daneben Brandl, Schmalix, Scheibl und Moosbacher. Als Hauptvertreter der Neuen Wilden, Rockenschaub und Peter Kogler als Vertreter des Neo Geo und der Installationskunst. Einzelfiguren wie Franz West, Erwin Wurm und Maria Lassnig werden eine herausragende Rolle spielen in diesem Überblick über das in seiner Bedeutung für die Gegenwartskunst gar nicht zu überschätzenden Jahrzehnt.

Weitere Online-Führungen gibt es unter anderem zu den Schauen „American Photography“ (www.mottingers-meinung.at/?p=47267) oder „Modigliani“ (www.mottingers-meinung.at/?p=47693).

www.albertina.at/albertina-modern/ausstellungen/digital

Online-Workshops für TeilnehmerInnen ab 14 Jahren

Wer sich selbst mit Pinsel oder Bleistift beweisen will, dem bietet die Albertina Online-Workshops, in denen unterschiedliche Techniken sowie künstlerische Themen im Mittelpunkt stehen. Bei Hands on gestaltet man ein expressives Porträt einer Hand in Acrylfarben. Vom wohl berühmtesten Hasen der Albertina (Albrecht Dürers aus der Sammlung Albertina) lässt man sich bei Aquarell & Hase inspirieren. Alles andere als leise wird ein Stillleben in Pastellkreide nach Vorbildern der Ausstellung „Monet bis Picasso“ ausfallen. Die Vielfalt grafischer Techniken lotet das Programm Schwarz/Weiß aus. Die Workshops dauern 1,5 Stunden und richten sich an alle ab 14 Jahren. Die Materialien erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einige Tage vor Termin per Post. Die Teilnahmegebühr beträgt 28 Euro. Mehr Informationen hat die Albertina Kunstvermittlung: besucher@albertina.at

shop.albertina.at/de/online-programme/workshopsonline

24. 11. 2021

Albertina modern: THE 80s. Die Kunst der 80er Jahre

Oktober 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Jungen Wilden und ihre „Heftige Malerei“

Gilbert & George: We Are, 1985. Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Seoul © Gilbert & George / © Bildrecht, Wien 2021

Die Ausstellung „The 80s“ in der Albertina modern präsentiert ab 10. Oktober mehr als 160 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die nicht nur dieses Jahrzehnt bestimmten, sondern deren Schaffen weit in die Kunst des 21. Jahrhunderts vorausreicht. Die 1980er: Es ist das Zeitalter des (Neo-)Liberalismus, der nun endgültig in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angekommen ist. Margaret Thatcher und Ronald Reagan regieren mit konservativen

Kräften den anglo-amerikanischen Raum. Das Aufkommen der ersten PCs, von Videospielen, Globalisierung, der Öffnung der nationalen Grenzen und steigende Mobilität suggerieren eine Welt in relativer Harmonie. Kino-Besucherrekorde, technischer Fortschritt und die Verlockungen des Konsums versprechen eine rosige Zukunft. Auch vom Ende der Geschichte, einem saturierten, westlich dominierten Weltbild ist da und dort die Rede. Und doch: Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist nur ein junges Menschenleben entfernt. Nach vorne drängt eine Generation, die genug vom Nachkriegsmuff hat. Eine Generation, der Wohlstand und Gemütlichkeit keineswegs genügen. Wer sich nicht zu sehr ablenken lässt, erkennt eine Welt im OstWestKonflikt, spürt den Druck der atomaren Aufrüstung oder ist durch die Friedensbewegung und die deutsche Wiedervereinigung geprägt.

Es ist ein Jahrzehnt der Rebellion, aus den Radios ertönt Elektromusik mit sinnlosen Texten, Wave und Punk zeigen der Gesellschaft offen ihren Unmut. Aus dem Untergrund erwächst eine Avantgarde, die experimentiert, in Frage stellt und einen Spiegel vorhält. Die Kunst der 1980er ist bunt und facettenreich. Sie kann alles sein, nur eines nicht: langweilig. In den Achtzigerjahren wurde plötzlich alles möglich. Die großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche sind auch in der Kunst deutlich sichtbar. Künstlergruppen brechen mit dem festgefahreren Kunstbetrieb, entthronen die Avantgarde: Die „Jungen Wilden“ entdecken die bildende Kunst neu und stellen ebenso selbstbewusst wie gesellschaftlich engagiert unter dem Begriff „Heftige Malerei“ aus.

Jeff Koons: Bear and Policeman, 1988. Kunstmuseum Wolfsburg © Jeff Koons. Bild: Gautier Deblonde

Izhar Patkin: Don Quijote Segunda Parte, 1987. Privatsammlung © Izhar Patkin

Mike Kelley: Estral Star #3, 1989. Sammlung Ringier, Schweiz © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Gerhard Born

Nicht eine Geschichte, sondern viele kleine Erzählungen bestimmen die 1980erJahre. Vielfalt im Denken und Handeln, Wissen und Glauben haben Hochkonjunktur. Grenzerweiterungen in vielerlei Hinsicht und Vernetzung gehören zu den wesentlichen Kennzeichen dieser Zeit. Wie kaum ein anderes Jahrzehnt haben sich die Achtzigerjahre ins Gedächtnis derjenigen eingebrannt, die diese Dekade erlebten. Die schrillen Retrovisionen, die in zyklischen Abständen ein Revival erleben, begeistern aber auch heute noch jüngere Generationen. Nach den kargen Jahren von Konzeptkunst und Minimalismus äußern sich die Neuen Wilden nun auf bunte und vor
allem auch sehr experimentelle Weise. Entdeckung und die Freude am Neuen stehen im Vordergrund. Ein Versuchslabor, das auch vor Kitsch und Pathos keinerlei Berührungsängste mitbringt. Mehr noch: Als sicheres Zeichen von Selbstreflektion, vielleicht auch als Augenzwinkern, wird der Finger dorthin gelegt, wo sich die massentauglich inszenierte Gesellschaft etwas zu ernst nimmt.

In der bildenden Kunst macht sich das „Anything Goes“ des anarchistisch denkenden Österreichers Paul Feyerabend durch stilistischen Reichtum bemerkbar. Der sogenannte Hunger nach Bildern, der diese Dekade einläutete und sich in den expressiven Gesten der Jungen Wilden auf großformatigen Leinwänden widerspiegelt, ist nur als Gegenbewegung zu den minimalistischen und konzeptuellen Strömungen der 1960er und 1970erJahre verständlich. „Die Kunst wuchert, zeugt Triebe und Filiationen, bildet Knotenpunkte und Verästelungen“, schreibt der Herausgeber des damals angesagten Kunstmagazins „Wolkenkratzer“ Wolfgang Max Faust. Nun steht Abstraktion neben greifbarer Figuration, Emotion neben rationaler Kühle. Die neuen Medien, das anbrechende digitale Zeitalter bringen eine neue Kunst der Chiffre, Fiktion und Kopie hervor.

David Salle: Room with blue statue, 1986. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2021

Francesco Clemente: Hermaphrodite, 1985. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Francesco Clemente

Isolde Joham: Electric Rider, 1981. Privatsammlung © Isolde Joham | Bild: Olga Pohankova

Bruce Nauman: Sex and Death by Murder and Suicide,1985. Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © Bruce Nauman/ Bildrecht, Wien, 2021. Bild: Bisig & Bayer, Basel

Die 1980erJahren, die von Jeff Koons und Jenny Holzer über JeanMichel Basquiat und Keith Haring bis zu Cindy Sherman und Richard Prince reichen, sind die Wiege der Kunst von heute. Fragen der Aneignung und der Autorschaft werden genauso diskutiert wie Kritik an der Konsumkultur. Das Oeuvre von österreichischen Kunstschaffenden wie Brigitte Kowanz und Erwin Wurm über Herbert Brandl und Maria Lassnig bis zu Franz West und Peter Kogler gliedert sich in der Ausstellung „The 80s.“ mühelos in den Kanon eines internationalen Staraufgebots ein. Vertreter sind unter anderem Jean Michel Basquiat, Jeff Koons, Keith Haring, Robert Longo, Cindy Sherman, Sherrie Levine und Jenny Holzer. Ihre Kunst bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der jüngeren Kunstgeschichte.

Aber nicht nur die Hauptvertreter der amerikanischen Picture Generation und der Approbiation Art zeigt die Ausstellung über die 80erJahre, sondern auch die wichtigsten Exponenten der italienischen Transavantgarde wie Francesco Clemente und Sandro Chia, und auch dem bis heute einflussreichen deutschen Beitrag dieses Jahrzehnts, Martin Kippenberger und Albert Oehlen, sowie die wichtigsten österreichischen KünstlerInnen der 80erJahre, Brigitte Kowanz und Isolde Joham, daneben Brandl, Schmalix, Scheibl und Moosbacher. Als Hauptvertreter der Neuen Wilden, Rockenschaub und Peter Kogler als Vertreter des Neo Geo und der Installationskunst. Einzelfiguren wie Franz West, Erwin Wurm und Maria Lassnig werden eine herausragende Rolle spielen in diesem Überblick über das in seiner Bedeutung für die Gegenwartskunst gar nicht zu überschätzenden Jahrzehnt.

Virtuelle Eröffnung: www.youtube.com/watch?v=r8kPCopiNv8           www.albertina.at

10. 10. 2021

Albertina: Modigliani. Revolution des Primitivismus

September 14, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Spektakuläre Retrospektive zum 100. Todestag

Amedeo Modigliani: Liegender Frauenakt auf weißem Kissen, ca. 1917. Staatsgalerie Stuttgart © bpk, Staatsgalerie Stuttgart

Er war zeitlebens von Armut, Schicksalsschlägen, Drogenexzessen und schwerer Krankheit gezeichnet, konnte mit seiner Kunst nur für das Nötigste zum Überleben aufkommen. Heute zählt der 1920 im Alter von nur 35 Jahren verstorbene Künstler aus Livorno, Amedeo Modigliani, zu den teuersten Künstlern der Geschichte, dessen Bilder dreistellige Millionenbeträge erzielen. Die Wiener Albertina würdigt Amedeo Modigliani anlässlich seines 100. Todestages

ab 17. September mit einer spektakulären, etwa 130 Objekte aus drei Kontinenten umfassenden Retrospektive. Die ursprünglich für das Jubiläumsjahr 2020 geplante Schau wurde aufgrund der Pandemie verschoben: Nun wird dieser faszinierende, unverkennbare Künstler erstmals auch in Österreich gezeigt. Die Ausstellung vereint Hauptwerke aus den renommiertesten Museen und Privatsammlungen von den USA bis Singapur, von Großbritannien bis Russland mit größeren Leihgaben aus dem Musée PicassoParis und der Sammlung Jonas Netter, der ein großer Förderer Modiglianis zu seinen Lebzeiten war. Sie wird den Künstler innerhalb eines einzigartigen Kreises von Avantgardemalern verorten.

Das Leben Modiglianis, des früh gescheiterten Bildhauers, lässt sich an Dramatik kaum überbieten: Bereits im Alter von von elf Jahren litt Modigliani an einer schweren Rippenfellentzündung. Mit 14 Jahren erkrankte er an Typhus, einer seinerzeit als tödlich geltenden Krankheit. Später litt er an chronischer Tuberkulose, die den nur 35Jährigen im Januar 1920 letztlich das Leben kostete. Zwei Tage später nahm sich seine im achten Monat schwangere Verlobte, Jeanne Hébuterne, das Leben.

Modigliani bezog sich in seinen Werken einerseits auf die Renaissance, griff aber andererseits auch afrikanische, ägyptische, ostasiatische und griechischarchaische Kunst auf. Auf diese lebenslange Auseinandersetzung mit den Ursprüngen der Kunst legt die einzigartige Schau der Albertina besonderes Augenmerk: Dem Œuvre Modiglianis werden Werke seiner Gegenspieler Pablo Picasso, Constantin Brâncuşi und André Derain sowie Artefakte prähistorischer und außereuropäischer Weltkulturen gegenübergestellt.

Amedeo Modigliani: Weiblicher Halbakt, 1918. Albertina, Wien – Sammlung Batliner

Amedeo Modigliani: Elvira mit weißem Kragen, 1917/18. © Fonds de dotation Jonas Netter

Amedeo Modigliani: Sitzender Akt (Detail), 1917. Royal Museum of Fine Arts Antwerp, www.artinflanders.be. Bild: Rik Klein Gotink

Modiglianis legendenumwobenes Leben und sein künstlerischer Grenzgang nehmen in der Kunstgeschichte eine besondere Rolle ein: Und das ohne dass er im strengen Sinne Wegbereiter oder Vorreiter gewesen wäre. Er befand sich inmitten des Pariser Montmartre mit den Größen seiner Zeit in Austausch und hinterlässt eindrucksvolle Porträts von Picasso, Constantin Brâncuşi oder Diego Rivera – und doch blieb er zeitlebens unerkannt. Auch Skandale um seine vorgeblich pornografischen Bilder hemmten den Erfolg. Der italienische Künstler blieb stets ein Außenseiter und Einzelgänger, der seinen eigenen Stil verfolgte. Und doch stellt sein Brückenschlag zwischen moderner Kunst und Jahrhunderte zurückliegenden Epochen einen bis heute aktuellen, herausragenden und völlig individuellen Beitrag in der Kunstgeschichte dar

Kuratiert wird die Schau von dem Pariser Kunsthistoriker und Herausgeber des Werkverzeichnisses Amedeo Modiglianis Marc Restellini.

www.albertina.at

14. 9. 2021