Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Filmmuseum: Mel & Albert Brooks. Erfinder der modernen Komödie

Dezember 18, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tribute an die Godfathers von Cringe und Slapstick

Mel Brooks als Frederick Bronski in „To Be or Not to Be“, 1983, Regie: Alan Johnson. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„If we had three million exhibitionists and only one voyeur, nobody could make any money.“ – „Bad taste is simply saying the truth before it should be said.“ – „I only direct in self-defense.“ – „When I die, if the word ›thong‹ appears in the first or second sentence of my obituary, I’ve screwed up.“

Zwei dieser Zitate stammen von Albert Brooks, geborener Albert Lawrence Einstein, die anderen beiden von dessen Namensvetter Mel, geborener Melvin Kaminsky – diesen widerspenstigen Köpfen ist ab 22. Dezember das diesjährige Weihnachtsprogramm des Österreichischen Filmmuseums gewidmet. Brooks & Brooks zählen als Schauspieler, Autoren und Regisseure zu den unbändigsten und zugleich beständigsten Hollywood-Komikern des späten 20. Jahrhunderts.

Das Tribute sucht jedoch nicht nach Gemein- samkeiten, will auch keine Parallelen zwischen dem jeweils reichhaltigen Werk ziehen.

Denn Albert und Mel Brooks haben sich auf ihre unverwechselbare, persönliche Weise in die Geschichte der Filmkomödie eingeschrieben und beide verdienen es, einzeln für ihre Arbeit gewürdigt zu werden. Was Brooks & Brooks jedoch verbindet, ist, abgesehen vom gemeinsamen Nom de guerre, ihr einzigartiger Status als – nach wie vor viel zu wenig beachtete – Begründer einer modernen US-Komödie.

Albert Brooks spielt in „Modern Romance“, 1981, Regie: Albert Brooks. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Sharon Stone und James Cameron in „The Muse“, 1999, Regie: Albert Brooks. Bild: Österreichisches Filmmuseum

John Candy, Lorene Yarnell, Daphne Zuniga und Bill Pullman in „Spaceballs“, 1987, Mel Brooks. Bild: Österr. Filmmuseum

Zero Mostel, Gene Wilder und Christopher Hewett in „The Producers“, 1967, Mel Brooks. Bild: Österr. Filmmuseum

Albert Brooks wird oft als die weniger produktive und deshalb gemächlichere Westküstenversion von Woody Allen bezeichnet – oder abgelehnt, tatsächlich aber macht man es sich mit dieser Beschreibung bequem: Denn während Woody Allens neurotische Intellektuelle trotz ihrer jugendlich-renitenten Wut immer sympathisch, liebenswert und letztlich harmlos bleiben, scheut Albert nicht davor zurück, seine immer von ihm selbst gespielten Charaktere in hochnotpeinliche Situationen zu versetzen, in denen sie die Grenze von unerfreulich zu richtig übel überschreiten (müssen). Albert Brooks kann auch als Gründer der Cringe-Comedy gesehen werden, die in den 1990er-Jahren ihre erste Blüte erlebte und nach der Jahrtausendwende schließlich regelrecht explodierte, angeführt von Comedy-Größen wie Larry David, Ricky Gervais und Standup-Comedian Louis C. K.

Mel hingegen, der seine Filmkarriere ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte, trug über Jahre hinweg stolz die Fackel der schamlos vulgären Slapstick-Komödie und pflegte die lustvoll-grobschlächtige Form der Parodie – eine Brutstätte für jenen späteren Slapstick, dessen Güteklasse von vortrefflich, siehe Farrelly-Brüder, bis mitunter brillant bei Jim Carrey oder Adam Sandler reichen sollte.

www.filmmuseum.at

18. 12. 2019

Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

 www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Ia Und Nein

Oktober 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bissig-böse Protokolle eines Menschenbeobachters

Albert Drach. Bild: © Privat

Nach der fulminanten Inszenierung seines satirischen Volksstücks „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30026, zu sehen noch bis 21. November) setzt das Theater Nestroyhof Hamakom den „Drach/Herbst“ mit der szenischen Einrichtung von dessen drei Erzählungen „Ia Und Nein“ fort.

Die zwischen 1983 und 1988 veröffentlichten Prosatexte des Ausnahmeautors Albert Drach sind in den pittoresken Backsteinkatakomben der Bühne zu erleben, eingerichtet von Hausherr Frederic Lion, Lisa Niederwimmer und Patrick Rothkegel, zu Gehör gebracht von Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz. „Ich bediene mich eines Stils“, sagte Drach einmal, „in dem das Leben gegen den Menschen schreibt.“ – „Protokollstil“ nannte der studierte Jurist diesen, ein ziemlich sonderbares, veraltet klingendes Gemisch aus Beamten- und Dichterdeutsch, ein umständliches Idiom von splitteriger Musikalität. Wollte man Vergleiche anstellen, wären die vielleicht: surreal wie Asimov, skurril wie Kafka, in jedem Falle aber schwarzpoetisch und sarkastisch. Man hat zu Recht darauf verwiesen, dass Drach, ein Meister des Nebensatz-Mäanderns, mit seiner Sprache die herrschende demaskiert. Dabei ist er mehr als nur Gesellschaftskritiker. Drach attackiert mit seinen schneidenden Kommentaren zur Ist-Zeit nicht etwa die Brecht’schen „menschlichen Verhältnisse“, sondern die Unmenschlichkeit an sich.

Seine Protagonisten sind stets dubiosen, dunklen, vor allem aber durch und durch banalen Kräften unterworfen, deren Ursprung und Zielrichtung sie nicht kennen, deren Motive unklar bleiben, von denen hingegen eines klar ist, nämlich dass sie ihnen nichts Gutes wollen. Zu Drachs 90. Geburtstag wurde geschrieben, müsse man sich den Gott des Schriftstellers vorstellen, so sei der sicher bei bissl k.u.k. Ministerialrat – pflichtversessen penibel und geistig ein klein wenig beschränkt und in gnadenloser Perfektion Katastrophe auf Katastrophe häufend … Mit den nun im Hamakom zu hörenden drei Erzählungen bestätigt Albert Drach seinen Ruf als Meister so abgründiger wie tiefgründiger Geschichten. Niemand schildert so schonungslos abwegige Gelüste und seelische wie körperliche Brutalität. Dennoch gerät bei ihm die Demaskierung des Bösen nie zum reinen Selbstzweck, sondern entspringt dem verzweifelten Trotz eines scharfsichtigen, scharfzüngigen Moralisten.

Das grotesk-morbide, postatomar-apokalyptische „IA“, einerseits Eselsruf, andererseits am Ende als ein Ja interpretiert, führt eine überalterte Gesellschaft von 16 Männern vor, die in einem unterirdischen Klinik-Bunker beratschlagt, wem die Aufgabe zukommen solle, den einzigen weiteren Überlebenden, ein weibliches Neugeborenes, mit Beischlaf zu beehren, um das Fortleben der Menschheit zu sichern. „UND“ handelt von einem verschollenen Richter mit einer ausgeprägten Abneigung gegen das Bindewörtchen, dessen Haushälterin samt eines Ex-Polizisten glaubt, auf den Zettelnotizen des Unauffindbaren, auf denen er seine Und-Abneigung zu begründen sucht, wichtige Hinweise über dessen Verbleib zu finden. „NEIN“ wiederum ist die Geschichte eines Findelkinds mit dem „ehrlichen deutschen Namen“ Max Mayer junior, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, bevor er zum braven Beamten wurde, offenbar aber noch den jüdischen Jakob Weißschopf trug. Ein Umstand, der, so wie seine Eigenart, gerne lustvoll in menschliches Fleisch zu beißen, seiner Karriere nicht gerade zuträglich ist …

Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz nähern sich den Drach-Texten auf ihre je eigene Art, mal stoisch vortragend, mal sich wie ängstlich duckend, mal als verschmitzter Strizzi. Die Maux nimmt ihre Aufgabe als Protokollantin auch in der Art ernst, dass sie unablässig Bleistifte spitzt. Als spitzfindige Menschen- und Zuständ‘-Beobachter entwerfen sie, ohne es so zu benennen, ein Österreich-Bild vom Feinsten. Während Drach seine Erzählungen zwischen Drittem Reich und Zweiter Republik schweben lässt, kommt einem vieles kurios aktuell vor. Die in „IA“ satirisch vorgenommene Einführung des Ein-Stunden-Tags, die Bildung als „überwundener Begriff“, der Rechtsstaat, der „Grenzen haben muss“, wie die politischen Gruppierungen „von der äußersten Rechten bis zur innersten Linken“ beschließen.

Erst in hohem Alter, in den 1990er-Jahren, wurde Albert Drach, 1939 vor den Nazis geflohen, 1947 nach Österreich zurückgekehrt, für sein literarisches Schaffen gewürdigt. Dennoch ist er bis heute nicht allzu vielen als Autor ein Begriff. Dass das Hamakom, dies nun ändern will, noch dazu mit hervorragend gestalteten Abenden, ist erfreulich. Beim „Drach/Herbst“ muss man dabeigewesen sein.

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018