Theater Nestroyhof Hamakom: Ia Und Nein

Oktober 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bissig-böse Protokolle eines Menschenbeobachters

Albert Drach. Bild: © Privat

Nach der fulminanten Inszenierung seines satirischen Volksstücks „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30026, zu sehen noch bis 21. November) setzt das Theater Nestroyhof Hamakom den „Drach/Herbst“ mit der szenischen Einrichtung von dessen drei Erzählungen „Ia Und Nein“ fort.

Die zwischen 1983 und 1988 veröffentlichten Prosatexte des Ausnahmeautors Albert Drach sind in den pittoresken Backsteinkatakomben der Bühne zu erleben, eingerichtet von Hausherr Frederic Lion, Lisa Niederwimmer und Patrick Rothkegel, zu Gehör gebracht von Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz. „Ich bediene mich eines Stils“, sagte Drach einmal, „in dem das Leben gegen den Menschen schreibt.“ – „Protokollstil“ nannte der studierte Jurist diesen, ein ziemlich sonderbares, veraltet klingendes Gemisch aus Beamten- und Dichterdeutsch, ein umständliches Idiom von splitteriger Musikalität. Wollte man Vergleiche anstellen, wären die vielleicht: surreal wie Asimov, skurril wie Kafka, in jedem Falle aber schwarzpoetisch und sarkastisch. Man hat zu Recht darauf verwiesen, dass Drach, ein Meister des Nebensatz-Mäanderns, mit seiner Sprache die herrschende demaskiert. Dabei ist er mehr als nur Gesellschaftskritiker. Drach attackiert mit seinen schneidenden Kommentaren zur Ist-Zeit nicht etwa die Brecht’schen „menschlichen Verhältnisse“, sondern die Unmenschlichkeit an sich.

Seine Protagonisten sind stets dubiosen, dunklen, vor allem aber durch und durch banalen Kräften unterworfen, deren Ursprung und Zielrichtung sie nicht kennen, deren Motive unklar bleiben, von denen hingegen eines klar ist, nämlich dass sie ihnen nichts Gutes wollen. Zu Drachs 90. Geburtstag wurde geschrieben, müsse man sich den Gott des Schriftstellers vorstellen, so sei der sicher bei bissl k.u.k. Ministerialrat – pflichtversessen penibel und geistig ein klein wenig beschränkt und in gnadenloser Perfektion Katastrophe auf Katastrophe häufend … Mit den nun im Hamakom zu hörenden drei Erzählungen bestätigt Albert Drach seinen Ruf als Meister so abgründiger wie tiefgründiger Geschichten. Niemand schildert so schonungslos abwegige Gelüste und seelische wie körperliche Brutalität. Dennoch gerät bei ihm die Demaskierung des Bösen nie zum reinen Selbstzweck, sondern entspringt dem verzweifelten Trotz eines scharfsichtigen, scharfzüngigen Moralisten.

Das grotesk-morbide, postatomar-apokalyptische „IA“, einerseits Eselsruf, andererseits am Ende als ein Ja interpretiert, führt eine überalterte Gesellschaft von 16 Männern vor, die in einem unterirdischen Klinik-Bunker beratschlagt, wem die Aufgabe zukommen solle, den einzigen weiteren Überlebenden, ein weibliches Neugeborenes, mit Beischlaf zu beehren, um das Fortleben der Menschheit zu sichern. „UND“ handelt von einem verschollenen Richter mit einer ausgeprägten Abneigung gegen das Bindewörtchen, dessen Haushälterin samt eines Ex-Polizisten glaubt, auf den Zettelnotizen des Unauffindbaren, auf denen er seine Und-Abneigung zu begründen sucht, wichtige Hinweise über dessen Verbleib zu finden. „NEIN“ wiederum ist die Geschichte eines Findelkinds mit dem „ehrlichen deutschen Namen“ Max Mayer junior, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, bevor er zum braven Beamten wurde, offenbar aber noch den jüdischen Jakob Weißschopf trug. Ein Umstand, der, so wie seine Eigenart, gerne lustvoll in menschliches Fleisch zu beißen, seiner Karriere nicht gerade zuträglich ist …

Thomas Kamper, Inge Maux und René Rebeiz nähern sich den Drach-Texten auf ihre je eigene Art, mal stoisch vortragend, mal sich wie ängstlich duckend, mal als verschmitzter Strizzi. Die Maux nimmt ihre Aufgabe als Protokollantin auch in der Art ernst, dass sie unablässig Bleistifte spitzt. Als spitzfindige Menschen- und Zuständ‘-Beobachter entwerfen sie, ohne es so zu benennen, ein Österreich-Bild vom Feinsten. Während Drach seine Erzählungen zwischen Drittem Reich und Zweiter Republik schweben lässt, kommt einem vieles kurios aktuell vor. Die in „IA“ satirisch vorgenommene Einführung des Ein-Stunden-Tags, die Bildung als „überwundener Begriff“, der Rechtsstaat, der „Grenzen haben muss“, wie die politischen Gruppierungen „von der äußersten Rechten bis zur innersten Linken“ beschließen.

Erst in hohem Alter, in den 1990er-Jahren, wurde Albert Drach, 1939 vor den Nazis geflohen, 1947 nach Österreich zurückgekehrt, für sein literarisches Schaffen gewürdigt. Dennoch ist er bis heute nicht allzu vielen als Autor ein Begriff. Dass das Hamakom, dies nun ändern will, noch dazu mit hervorragend gestalteten Abenden, ist erfreulich. Beim „Drach/Herbst“ muss man dabeigewesen sein.

www.hamakom.at

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  1. 10. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

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  1. 10. 2018

Volksoper: Zar und Zimmermann

Oktober 14, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Blau-weißes Bilderbuch unterm Käsemond

Keine Scheu vor der Knallchargigkeit: Carsten Süss als Peter Iwanow, Daniel Schmutzhard als Peter der Erste, Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, Georg Wacks als Ratsdiener und Sulie Girardi als Witwe Browe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sobald der Chor der Zimmermannsgesellen mit seinen Holzschuhen Charlie Chaplins berühmten Brötchentanz imitiert, ist klar, in welche Richtung Regisseur Hinrich Horstkotte mit seiner Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Volksoper zielt. Er nimmt das „Komische“ an der Oper ernst, nimmt dem durchaus vorhandenen schwerdeutschen Pathos die Patina, und nimmt sich ganz den Witz des bühnenwirksamen Verwirrspiels vor.

Verbrieft ist Horstkottes Proben-Sager „Vergesst Stanislawski – begrüßt Laurel und Hardy!“, eins von deren Fingerspielen wird zum running gag zwischen Bürgermeister van Bett und seinen Stadtbewohnern, und tatsächlich macht der Regisseur aus Lortzings Figuren Typen und verzichtet zugunsten Spaßfaktor auf psychologische Feinziselierung. Keine Scheu vor Knallchargigkeit dürfen demgemäß die Solistinnen und Solisten haben, Outrieren ist Programm, das gefällt, ist in den beiden Pausen zu hören, nicht jedem, aber wer sich in Horstkottes Werkinterpretation akklimatisiert hat, erfreut sich an einem überaus vergnüglichen Abend.

Saardam ist in diesem Setting mehr als nur ein Zitat. Horstkotte, auch Ausstatter, hebt halb Holland auf die Volksopern-Bühne, er erschafft ein blau-weißes Bilderbuch, von Delfter Kacheln bis zu den typischen Windmühlen, von Fahr- bis Käserädern, selbst der goldgelbe Mond ist eines. Kein Wunder also, dass der Zar sein „Sollte ich entdeckt sein?“ mit gouda-vollem Mund murmelt, bevor im zweiten Bild – der Schauwert dieser Arbeit ist hoch – eine perfekte Kopie des Czaar Peter Huisje angerollt kommt.

Sogar eine Kopie des holländischen Czaar Peter Huisje steht auf der Bühne: Gregor Loebel und Daniel Schmutzhard. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

A-Cappella-Sextett: Carsten Süss, Stefan Cerny, Lars Woldt, Daniel Schmutzhard, Gregor Loebel und Ilker Arcayürek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Des Zaren erste Arie „Verraten! Von euch verraten!“, oft genug gestrichen, haben Horstkotte und Dirigent Christof Prick – er führt das Orchester des Hauses mit wohlklingendem Humor und versteht es, die Sänger unterstützende Akzente zu setzen – belassen. Daniel Schmutzhard als Peter der Erste nützt die Gelegenheit zum Temperamentsausbruch, um den cholerischen Charakter seiner Rolle zu unterstreichen, um ein grimmiges Gesicht, ein aufbrausendes Gefühl ist er nie verlegen, in manch lyrischen Momenten allerdings gelingt es ihm nicht ausreichend, seine Stimme zum Klingen zu bringen.

Horstkotte hat noch kleinste Gesten zur Musik getaktet, das setzt ein sehr spielfreudiges Ensemble voraus, und über ein solches verfügt er glücklicherweise auch. Die Aufführung trägt absolut Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, gesanglich wie darstellerisch. Er gibt im Wortsinn, dafür sorgt Georg Wacks als hinreißend tollpatschiger Ratsdiener mit entsprechender Pumpe, den mit heißer Luft aufgeblasenen, selbstverliebten Politiker, und ist in der dankbaren Partie auch für das eine oder andere Kabinettstück gut – Dideldum! Der Chor, und wie immer ist er eine Freude, begleitet dessen Gehabe mit ironisch-spöttischen Kommentaren.

Die Einstudierung von van Betts Kantate hat Horstkotte in ein Altersheim verlegt, das Warum erschließt sich nur dem, der sein Programmheft-Interview liest …

Regisseur Hinrich Horstkotte holt die Niederlande in die Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für den Holzschuhtanz der Kinder gab’s den größten Applaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Liebespaar sind Carsten Süss und Mara Mastalir als teuflisch eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow und trotzköpfig-kecke Bürgermeistersnichte Marie. Beide überzeugen mit großer Komödiantik, wissen aber auch leise, anrührende Töne anzuschlagen. Mit aller Kraft auf Klischee getrimmt sind Gregor Loebel, als russischer Gesandter Admiral Lefort optisch eine Art Rasputin, Stefan Cerny als spleeniger englischer Gesandter Lord Syndham und – mit Loebel der zweite Volksopern-Debütant in dieser Produktion – Ilker Arcayürek als frauenverführender französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf.

Der in Istanbul geborene Tenor bringt nicht nur das Herren-A-Cappella-Sextett zum Flirren, sondern auch Chateauneufs wunderbare Romanze „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Den größten Jubel schon während der Vorstellung gab’s für die Kinder, die das Publikum mit dem Holzschuhtanz begeisterten. Danach teilten sich Darsteller und Leading Team den Applaus gerecht auf. Und so endet Hinrich Horstkottes „Zar und Zimmermann“-Interpretation mit Happy End fürs ganze Haus.

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14. 10. 2018

Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Barbara Albert im Gespräch über „Licht“

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Blindheit, die in die Freiheit führt

Resi hat Sehnsucht nach der Sonne über den Baumwipfeln: Maria Dragus (M.) mit Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner und Susanne Wuest. Bild: © Chistian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit ihrem  neuen Spielfilm „Licht“ erzählt die österreichische Filmemacherin Barbara Albert eine Parabel über die Macht der Musik. Aufwendig inszeniert und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt das Historiendrama die Suche nach der eigenen Identität zwischen Lichtblicken und Schattenseiten, zwischen Schein und Sein, zwischen Sehen und Gesehen werden. Der Inhalt: Wien 1777. Die blinde, 18-jährige Maria Theresia Paradis ist als Klavier-Wunderkind in den besten Kreisen beliebt.

Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut. In dessen von der Aufklärung durchtränkten Haus und dank Mesmers offener Art, beginnt Resi zum ersten Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Doch dann merkt sie, dass ihr Klavierspiel schlechter wird … Bei der Viennale wurde „Licht“ bereits heftig akklamiert, ab 10. November läuft er in den Kinos. Es spielen unter anderem Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm und Maresi Riegner. Regisseurin Barbara Albert im Gespräch:

MM: Sie sind auf die Geschichte der Maria Theresia Paradis über den Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser gestoßen. Haben Sie auch historische Quellen durchforstet?

Barbara Albert: Absolut, besonders intensiv hat Drehbuchautorin Kathrin Resetarits recherchiert. Sie hat sich in die Sache vertieft, hat zum Beispiel alle Briefe von Vater Paradis und von Franz Anton Mesmer gelesen; die Paradis selbst hat nichts über diese Zeit bei Mesmer geschrieben – oder es ist verschollen. Ich habe dann noch mit dem Historiker Martin Scheutz das Drehbuch abgeklopft, damit alles so authentisch wie möglich ist. Ich habe bei der Arbeit jedenfalls sehr viel über ein Frauenleben im 18. Jahrhundert erfahren. Maria Theresia Paradis konnte diese Karriere ja nur machen, weil sie ein Wunderkind war, und aus der Masse herausragte. Sie musste als Blinde keine Ehe eingehen, weil sie auf dem Heiratsmarkt ohnedies nichts wert war, und hat dadurch keinem Mann gehört. Durch die Gnadenpension der Kaiserin war sie außerdem finanziell unabhängig. So wie sie in späteren Jahren autonom gelebt hat, das war wenigen Frauen vergönnt. So bitter das ist, hat ihr ihre Blindheit Freiheit in einem sehr restriktiven System verschafft. Im Film will sie natürlich alles – sehen können, frei sein und ihre Musik haben.

MM: Ist die Figur Resi Paradis nun mehr Fakt oder Fiktion?

Albert: Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten, weil man auch über die Quellen nicht ganz nah an die Paradis herankommt. Deshalb steckt auch viel vom Roman in der Filmfigur. Alissa Walser zeichnet sie als extrem ambivalenten Charakter, die auch aus der Haut fährt, weil sie das Eingesperrtsein in ihrem gesellschaftlichen Korsett nicht mehr aushält, und sich in ihrer Blindheit hilflos fühlt. Im Buch ist sie manchmal garstig und wütend, und obwohl sie das im Film nicht so sehr ist, war das auch mir sehr wichtig, dass sie als Frau kein leidendes Opfer ist, sondern aktiv und stark bei diesen Bemühungen um Heilung dabei.

MM: Man kennt Sie als Autorenfilmerin, nun haben Sie erstmals mit einer Drehbuchautorin zusammengearbeitet. Wie war das für Sie, Teile der Arbeit aus der Hand zu geben?

Albert: Ab jetzt habe ich Lust, mehr mit Autorinnen und Autoren zu arbeiten! Für mich war das eine sehr intensive und gute Erfahrung. Ich konnte mich mehr auf die Regiearbeit, auf die Erarbeitung der Bilder mit der Kamerafrau, auf die Proben mit den Schauspielern konzentrieren. Natürlich musste ich mir das Buch zu eigen machen, musste aus Kostengründen auch zwei, drei Szenen streichen, aber ich konnte beim Lesen sozusagen schon Schneiden, schon in Bildern denken. Bei den anderen Projekten habe ich später mit dem filmischen Denken begonnen, weil ich mit dem Kopf noch beim Schreibprozess war.

MM: Warum interessiert einen heute das Schicksal der Paradis? Was hat uns das noch zu sagen? Hat ihre Geschichte indirekt mit dem jetzigen Selbstoptimierungswahn zu tun? Ihr Vater sagt ja über ihr Klaviertalent: Wenn sie nichts kann, ist sie nichts wert.

Albert: Selbstoptimierungswahn ist ein gutes Stichwort. In den sozialen Netzwerken ist das sehr relevant, und junge Menschen – heute sind nicht nur die jungen Frauen, sondern auch junge Männer betroffen – sind derzeit in einem extremen Korsett, weil ihnen nicht nur gesagt wird, wie sie auszusehen und sich anzuziehen haben, sondern sie auch ständig beweisen müssen, wie „besonders“ sie sind. Jeder muss ein Star sein und im Wortsinn die perfekte Oberfläche präsentieren. Deshalb posten sie ihre Selfies, um öffentlich zu zeigen, welch ein tolles, aufregendes Leben sie haben. Das ist ein Spagat, wie ihn auch die Paradis machen musste: einerseits angepasst, andererseits außergewöhnlich zu sein. Es gibt aber auch andere Themen im Film, die heute relevant sind: die Aufklärung, das Ringen der Frauen um Gleichberechtigung … Ich bin immer schon historisch interessiert gewesen, weil Geschichte erklärt, warum wir heute sind, wie wir sind. Und da komme ich natürlich auf den Obrigkeitswahn, die Kaiserin, der Hof, die Autorität, das war im 18. Jahrhundert ganz wichtig – und auch das hat sich bis heute wenig geändert.

Barbara Albert. Bild: coop99

MM: Bei dem Thema bin ich beim Heiler Franz Anton Mesmer, den Devid Striesow so vielschichtig verkörpert, auch er prinzipiell sympathisch, aber auch er eine ambivalente Figur.

Albert: Devid Striesow hat die Gabe, die Dinge auf den Punkt zu spielen. Er hat als wichtigste Nebenrolle neben Maria Dragus als Maria Theresia Paradis gar nicht so viele Szenen, um diesen Mesmer zum Schillern zu bringen. Das ist ihm, finde ich, wunderbar gelungen. Wir haben im Vorfeld viel über Eitelkeit gesprochen, über Ehrgeiz, denn Mesmer möchte so gerne in der Wiener Gesellschaft und am Hof akzeptiert werden, aber er ist und bleibt ein Außenseiter vom Bodensee. Mir war wichtig, Mesmers Geltungsdrang zu zeigen, ihn aber trotzdem nicht zu einem unangenehmen Menschen zu machen, weil ich überzeugt bin, dass er das nicht war. Ich bin sicher, dass er eine Verbindung zur Resi aufgebaut hat, er war ja auch sehr musikalisch. Er hat sich sicher mit ihr verwandt gefühlt, und war ihrer Besonderheit auf der Spur.

MM: Und er hat ja tatsächlich Menschen mit seinen Händen geheilt.

Albert: Ja. Ich glaube, er konnte Menschen beruhigen, indem er sie anfasste. Er hat sie aus dem System, das sie krankgemacht hat, herausgenommen. Im Film sieht man ja, dass die Mehrzahl seiner Patienten psychische Leiden hatte, und denen hat das sicher gutgetan, frei in Mesmers Haus leben zu können. Er hat beispielsweise den Frauen die Mieder ausgezogen …

MM: … und ihnen die Perücken abgenommen.

Albert: Das muss man sich vorstellen: Sogar Maria Dragus hat manchmal von der ganz hohen und dementsprechend schweren Perücke, die sie beim Dreh trug, Kopfschmerzen bekommen. Nun denke man, man hat das den ganzen Tag auf … Vor allem aber hat Mesmer die Menschen berührt, er hat eine Art – würde man heute sagen – Energiearbeit wie Reiki gemacht, das war damals nicht üblich. Heute wissen wir, dass Hände heilen. An einer Stelle sagt der Hofarzt Anton von Störck dazu: „Es muss zwischen Himmel und Erde mehr geben, als wir mit unseren Mikroskopen sehen können.“ Den Satz finde ich schön. Nur: Mesmer konnte sich nie erklären, seine Erfolge nie beweisen, deswegen hat man sie ihm dann auch abgesprochen. Er wurde mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt.

MM: Es gibt ein Zitat im Film, das heißt „Mit Licht ist nicht zu spaßen“. Das erfährt auch die zweite „Schattenseite“ im Film, die Dienerschaft.

Albert: Die zu zeigen, war Kathrin Resetarits sehr wichtig. Sie wollte ein gesamtes Gesellschaftspanorama beleuchten, auch die Seite, die nicht gesehen wurde, weil sie, wie Sie sagen, eben im Schatten lebte. Maresi Riegner als Resis Kammerzofe Agnes ist wie ein zweiter Gegenpol zur Figur der Paradis. Agi, in ihrer Naivität, wertet nicht, und Resi auch nicht, diese Regel hat sie durch ihre Blindheit nicht gelernt. Also begegnen sich die Mädchen wie Kinder auf dem Spielplatz, die auch die Hautfarbe eines anderen nicht als anders sehen, bevor sie die Erwachsenen nicht drauf stoßen. Natürlich bleibt die Agi am Schluss auf der Strecke und muss das Haus verlassen, aber sie geht mit Stolz, weil auch sie sich nicht in die Opferrolle drängen lässt.

MM: „Licht“ ist ein Film über Frauen von Frauen. Christine A. Maier hat die Kamera geführt – und hat dabei mit „Licht“ gespielt. Was haben Sie beide sich dazu überlegt? Lassen Sie uns über Ästhetik reden. Ich hatte das Gefühl, Sie wollten immer natürliches Licht zeigen.

Albert: Das natürlich gesetzte Licht trifft Christines und meinen Geschmack. Ich wollte mit allem, Kostüm, Ausstattung, Licht, das Gefühl vermitteln, wir sind in der Zeit, im 18. Jahrhundert. Die schwierige Aufgabe war, Resi eine Subjektive zu geben. Wir haben uns gegen Effektlinsen entschieden, weil uns das zu künstlich war, und dann hatte Christine diese tolle Idee der Lochoptik, die diese unscharfen, impressionistischen Bilder macht. Das sollte aussehen, wie die allerersten Fotografien, das erste Festhalten von Bildern. Man hat das Gefühl von etwas Traumhaften, von einer Vorstellung vom Sehen, von einer Erinnerung. Wir wollten nicht definieren, ob Resi so sieht oder es sich einbildet, deshalb sind die Bilder vage Schemen. Ich hoffe, das löst Assoziationsketten aus.

Resis Eltern beobachten Mesmers Behandlungsmethoden: Katja Kolm, Devid Striesow, Maria Dragus und Lukas Miko. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Resi und ihre Kammerzofe Agi: Maria Dragus und Maresi Riegner. Bild: © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

MM: Und dann immer der sehnsüchtige Kamerablick, der Schwenk in die Baumwipfel und den blauen Himmel?

Albert: Ja. Die Sehnsucht ist immer ein Motiv in meinen Filmen. Schön, dass Sie das da wiederentdeckt haben. Was mir in punkto Sehen auch wichtig war: Zu Beginn des Films sind wir wie die Voyeure. Wir sitzen wie die Abendgesellschaft, vor der die Resi Klavier spielt, und „gaffen“ sie an. Wie eine Jahrmarktsattraktion, als die sie von ihren Eltern ja auch vorgeführt wird. Die Nähe der Kamera soll beim Betrachten unangenehm sein. Dann wechselt die Perspektive in die Resis, man sieht wie sie, wie sie nahe am Objekte herangeht, um sie zu begreifen. Im Wortsinn, weil Tasten anfangs für sie sehr wichtig ist.

MM: Das heißt, wir wechseln von der Außensicht auf Resi zu ihrer Sicht auf sich selber?

Albert: Genau so wollte ich das. Das Tasten ist für mich etwas sehr Wichtiges, weil Film für mich etwas Haptisches ist, und das wollte ich durch die nahen Einstellungen spürbar machen. Ich hatte auch Freude daran, meinen Blick auf den ersten Blick zurückzubringen. So wie Resi sich lange zum ersten Mal ihre Hand anschaut, „wie ein Neugeborenes“, sagt Mesmer. Die Reduktion auf diese Einfachheit im Blick hat mir in unserer Bilderflut-Welt gefallen.

MM: Nun haben wir so viel über Resi gesprochen, nun endlich zu ihrer Darstellerin, der fulminanten Maria Dragus. Welch ein Kraftaufwand ist diese Rolle!

Albert: Sie selber sagt, es war nicht so anstrengend. Sie hatte keine Augenschmerzen durch das Schielen. Wir haben das auch von einem Arzt abklären lassen, ob das alles geht und ob wir das dürfen. Maria hat sich auf die Rolle eingelassen, sie war extrem mutig. Sie hat geübt, nicht zu schauen, sie hat ihre Augen höchst kontrolliert bewegt, aber aussehen sollte es ja, als ob nicht, sie hat auch geübt, die Kontrolle über ihre Mimik zu verlieren. Sie ist eine wahnsinnig tolle Schauspielerin, extrem professionell und konzentriert für ihr Alter von Anfang Zwanzig. Sie hat Routine, kann sich aber total öffnen und intuitiv sein. Und: Sie ist sehr musikalisch. Sie hat sich das Wienerische sehr schnell angeeignet, unsere Sprachmelodie, das hatte sie gleich gelernt.

MM: Hat sie auch selber Klavier gespielt?

Albert: Das nicht, aber sie hat gewusst, wo die Tasten auf dem Klavier liegen. (Sie lacht.)

MM: Die Musikstücke, die gespielt werden, sind von der Paradis?

Albert: Das letzte, obwohl sie es in Wahrheit mit 60 komponiert hat. Man merkt auch, wie erwachsen das Stück ist. Wir haben’s unserer Resi in die Tasten gelegt, obwohl sie es erst als ältere Frau geschrieben hat, aber es steht für mich so für ihre Emanzipation, für ihren weiteren Werdegang, dass ich es unbedingt im Film haben wollte.

MM: Wie ging es mit Maria Theresia Paradis weiter?

Albert: Sie hat mit ihrer Mutter und später mit dem Geiger Johann Riedinger, den man wahrscheinlich als ihren Lebensgefährten bezeichnen darf, Europa bereist und Konzerte gegeben. Später hat sie in Wien eine Musikschule für blinde Mädchen gegründet, in der sie auch unterrichtet hat. Sie hat sehr viel Korrespondenz mit den Größen ihrer Zeit geführt, hat eine Notenschrift für Blinde erfunden und bedeutende Salons gegeben. Ich hoffe also, unser Film wird eine Wiederentdeckung dieser großartigen Frau.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053

www.viennale.at

mademoiselle-paradis.com

28. 10. 2017