mumok: Mein Körper ist das Ereignis

März 6, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Wiener Aktionismus & internationale Performance

Otto Muehl: Materia laktion Nr. 7, Nabelschnur - Darstellung einer Geburt, 16. Mai 1964. s/w-Fotografie Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 2003 © Otto Muehl /Bildrecht Wien, 2015 Bild: mumok

Otto Muehl: Materia laktion Nr. 7, Nabelschnur – Darstellung einer Geburt, 16. Mai 1964. s/w-Fotografie
Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 2003
© Otto Muehl /Bildrecht Wien, 2015 Bild: mumok

Ab 6. März 2015 zeigt das mumok seinen Sammlungsschwerpunkt Wiener Aktionismus im Kontext der internationalen Entwicklungen performativer Kunst. Hatten die bisherigen Präsentationen im mumok stets die bildhaften Artefakte der Wiener Aktionisten einbezogen, liegt der Fokus nun auf den performativen Aspekten ihres Schaffens.

Den Aktionen von Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler werden Arbeiten wichtiger internationaler ProtagonistInnen der Performancekunst gegenübergestellt – darunter Werke von Marina Abramovic, Chris Burden, Tomislav Gotovac, Ion Grigorescu, Paul McCarthy, Ana Mendieta, Bruce Nauman, Yoko Ono, Gina Pane, Neša Paripovic, Ewa Partum, Carolee Schneemann oder von VALIE EXPORT.

Untergliedert in mehrere Themenbereiche, verfolgt die Ausstellung Fragestellungen, welche generell weite Teile der Aktionskunst der 1960er- und 1970er-Jahre bestimmten. Im Spiegel internationaler Parallelerscheinungen wird deutlich, dass die Wiener Künstler nicht nur auf der Höhe ihrer Zeit standen, sondern in mehrfacher Hinsicht Vorreiterpositionen einnahmen.

Im Rahmen eines Symposiums thematisieren namhafte ExpertInnen auf dem Gebiet der performativen Künste von der Ausstellung aufgeworfene Fragen zum Geschehen im Wien der 1960er-Jahre und gleichzeitigen sowie späteren internationalen Entwicklungen.

www.mumok.at

Wien, 6. 3. 2015

Adolf Frohner im Essl Museum und im Forum Frohner

September 5, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Retrospektive zum 80. Geburtstag

Bild: © Gabriela Brandenstein

Bild: © Gabriela Brandenstein

Es sei stets schön gewesen, mit ihm zu streiten, erzählt Dieter Ronte, Direktor des Forum Frohner in Krems. Schön, wie er Kunst als gesellschaftlichen Auftrag sah, weil er jemand war, der sich sehr bewusst einschalten wollte ins Weltgeschehen. Schön, wie er sagte, Kunst müsse nicht schön sein, sondern notwendig.

Zum 80. Geburtstag des 2007 so unerwartet verstorbenen Adolf Frohner haben sich das Forum Frohner und das Essl Museum zu einer Zusammenarbeit entschlossen. In Klosterneuburg ist ab 5. September die Ausstellung „Adolf Frohner (1934 -2007). Fünf Jahrzehnte Malerei, Grafik, Objekt“ zu sehen; ab 7. September folgt in Krems „Blutorgel. Adolf Frohners Anfänge im Wiener Aktionismus“. Ronte und Kuratorin Elisabeth Voggeneder haben sich dafür auf Spurensuche nach selten bis bis dato nie gezeigten Kostbarkeiten gemacht. Die Geschichte ist fantastisch. Nach Adornos Wort, dass nach Auschwitz keine Kunst mehr möglich sei, machten sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch die Destruktion als Ausdrucksmittel zu eigen. Ein Aufruf, die Kunst anders zu nehmen als bisher. Das Konzentrat dieser Bemühungen war die viertägige Aktion „Blutorgel“ von 1. bis 4. Juni 1962. Die drei teilten sich ein Kelleratelier im 20. Bezirk, Perinetgasse, „wo sie sich erst von einem Schrotthändler beliefern und dann einmauern ließen“, so Voggeneder. Eine Fotowand zeugt von dem, was dann geschah. „Drei Tage schrankenlose Enthemmung, Befreiung von aller Brunst, Transponierung derselben in Blech, Schrott, Verwesende Abfälle, Fleisch, Blut, Gerümpel u.s.w., die ganze Materie des Kosmos wollen wir verwandeln. WIRSELBST werden nach diesen dreitägigen Exerzitien […] gereinigt der feierlichen Ausmauerung entgegensehen,“ wie es im Manifest zur Blutorgel wortgewaltig heißt. Am 4. Tag wurde die Mauer eingerissen, Publikum zugelassen. Die Ausstellung stellt nun etwa ein frühes „Schüttbild“ Nitschs (Voggeneder: „Hier hat er erstmals mit Blut gearbeitet.“) der Aktionsmalerei Otto Muehls und tachistischen Schlüsselwerken Frohners auf Papier und Leinwand sowie seinen Gerümpelplastiken gegenüber. Mit versifften Matratzen und Polstern und organischem Material schuf er Werke wie „Ausgeweidet“ oder „Dem Bild die Gedärme herausreißen“ – eine Schlafunterlage aus der Wurzeln wachsen. Man erkennt künsterische Anfänge und wo sie hinführten, als Frohner, der als erster aus der Gruppe ausstieg, um sich, so Ronte, „dem damals in Europa verpönten Realismus zuzuwenden, als kritische Methode der Befragung der Welt“, Nitsch sich dem Orgiastischen und Muehl seiner Kommune verschrieben.

Die Schau im Essl Museum schließt nahtlos an. Anknüpfend an Frohners Anfänge bildet die Objektarbeit „AMXV“ den Auftakt. Durch das Experiment des Abdruckes der Matratzenobjekte fand Frohner zu den frühen Grafiken und Radierungen und wandte sich der weiblichen Figur zu. Hauptwerke wie „Drei Grazien“, „Das Gespräch“ oder „Gib mir den Schuh Eva“ sind bei Essl zu sehen. Neben Lust steht Leid. Vor allem das des Künstlers. Und so führte Frohners Weg zu diesem Themenkreis, ecce homo, „Das Bildnis des Künstlers in jungen Jahren in der Manier des Piero della Frencesca“ oder „Denkmal für Alberto Giacometti“. Wobei ihm stets das Motiv des Plastischen im Werk sehr wichtig war und Objektcollagen von besonderer Qualität entstanden. Aus den letzten Schaffensjahren ist einiges Großformatiges in Rot-Schwarz ausgestellt. Figuren in Metamorphose, die ein Lebenswerk abschließen. Die gezeigten Werke sind sowohl aus der Sammlung Essl als auch Leihgaben österreichischer Privater und der Familie Frohner, erklärt Karlheinz Essl, der mit seiner Frau Frohner seit den 1980er-Jahren sammelt. „Wir haben in seinem Atelier viele Gespräche geführt. Nicht nur über Kunst, sondern er wollte auch über Politik und Gesellschaft reden und polemisieren“, bestätigt Essl Rontes einführende Worte. „Frohner ist uns über die Jahre ein Künstlerfreund geworden; er hat uns bei der Errichtung des Museums unterstützt und uns immer wieder Mut gemacht, unseren Weg zu gehen.“

Der wird nun dank der Familienstiftung Haselsteiner ein generationenlanger werden. Die Finanzlösung für das Essl Museum ist da. Auch ohne Unterstützung der Republik, die auf dieser Schande alleine sitzen bleibt. Am 13. Oktober werden zum Erhalt der Sammlung 44 Werke in London bei Christie’s versteigert. Darunter zwei von Österreichern.

Buchtipp: Neben den beiden Ausstellungen wird Frohner mit der Herausgabe des ersten Bandes des Werkverzeichnisses „Adolf Frohner Plastik“ gewürdigt. Erschienen im Verlag Christian Brandstätter.

http://www.essl.museum

http://www.kunsthalle.at/de/forumfrohner/ausstellungen

Wien, 5. 9. 2014

Museum der Moderne Salzburg: Ana Mendieta …

März 28, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

… im Dialog mit dem Wiener Aktionismus

Ana Mendieta: Untitled (Glass on Body Imprints), 1972, Suite of six colour photographs, estate prints, 65 x 48 x 2,3 cm; Untitled (Body Tracks), 1974, Colour photograph, lifetime print, 25,4 x 20,3 cm, Collection Igor DaCosta; Untitled (Facial Hair Transplant), 1972, Suite of seven colour photographs, estate prints 1997, 32,4 x 48,9 cm; alle: © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. Courtesy Galerie Lelong, New York and Paris and Alison Jacques Gallery, London

Ana Mendieta: Untitled (Glass on Body Imprints), 1972, Suite of six colour photographs, estate prints, 65 x 48 x 2,3 cm; Untitled (Body Tracks), 1974, Colour photograph, lifetime print, 25,4 x 20,3 cm, Collection Igor DaCosta; Untitled (Facial Hair Transplant), 1972, Suite of seven colour photographs, estate prints 1997, 32,4 x 48,9 cm; alle: © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. Courtesy Galerie Lelong, New York and Paris and Alison Jacques Gallery, London

Ab Mitte März werden im Museum der Moderne Salzburg die ersten Ausstellungen und Veranstaltungen präsentiert, die unter der neuen Leitung von Sabine Breitwieser ausgerichtet werden. Los geht’s am 29. März mit Ana Mendieta. Traces. Das Museum der Moderne Salzburg widmet der US-amerikanischen Künstlerin erstmals im deutschsprachigen Raum eine umfangreiche Retrospektive und stellt ihre Werke mit der parallel gezeigten Ausstellung Im Dialog: Wiener Aktionismus inhaltlich zueinander in Beziehung.

Ana Mendieta zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Sie wurde 1948 in Kuba geboren und im Alter von zwölf Jahren von ihren Eltern gemeinsam mit ihrer Schwester in die USA geschickt, um dort aufzuwachsen. Sie kam 1985, mit erst 36 Jahren, in New York ums Leben. Ihr bahnbrechendes  Werk wurde in großen Retrospektiven in den USA und Europa gewürdigt und ist in Sammlungen wichtiger Museen vertreten. Eine umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Österreich, und die erste deutsche Monografie über Ana Mendieta sind längst überfällig. Die Ausstellung präsentiert mit rund 150  zentralen Arbeiten in einer Vielzahl von Medien, die von Fotografie, Film und Skulptur  bis zur Zeichnung reichen, einen umfangreichen Überblick. In einer großen Sektion  wird das Archiv der Künstlerin präsentiert; Kleinbilddias und Fotografien, Notizbücher und Postkarten werden eigens für die Ausstellung aufbereitet. Mendieta widmete ihre Arbeit der Suche nach ihrer Herkunft und Identität. Im  Laufe ihrer kurzen Karriere – und ihres ebenso kurzen Lebens – schuf die Künstlerin ein radikales wie originelles Werk, in dem sich ihr Interesse an der Wechselbeziehung zwischen Ritualen und Skulptur, zwischen Körper und Natur manifestiert. Unter Einsatz ihres eigenen Körpers in Verbindung mit elementaren Materialien wie Blut, Feuer, Erde und Wasser kreiert sie „Körperbilder“ und vergängliche „Erdkörper“-Skulpturen. Mendieta lotet darin Themenkomplexe wie Leben und Tod, Wiedergeburt und spirituelle Transformation aus. Der Schmerz und Bruch durch kulturelle Vertreibung und Exil sind in einigen ihrer Werke deutlich lesbar. Die Umrisse des Körpers der Künstlerin werden beispielsweise durch Schwarzpulver, Feuerwerk oder Wasser ausgelöscht. Mendieta formt Darstellungen von antiken Göttinnen aus Sand, ritzt sie in Felsen, schreibt sie in Ton oder auf Blättern ein. Die künstlerischen Medien, die sich Mendieta in ihren Arbeiten zunutze macht, könnten unterschiedlicher nicht sein, aber die Bilder, die sie herstellt, sind von einer unverwechselbaren, überwältigenden und mystischen Poetik gekennzeichnet.

Zeitgleich beginnt die Schau Im Dialog: Wiener Aktionismus. Gezeigt werden Arbeiten von Renate Bertlmann, Günter Brus, VALIE EXPORT, Adolf Frohner, Anestis Logothetis, Otto Muehl, Hermann Nitsch, Friederike Pezold und Rudolf Schwarzkogler. Das Museum der Moderne Salzburg widmet erstmalig eine eigene Ausstellung  KünstlerInnen und Werken aus der Sammlung, die mit dem sogenannten Wiener Aktionismus assoziiert werden. Zusätzlich werden in einem Raum Werke von Künstlerinnen gezeigt, die einen gänzlich anderen Körperbegriff und ein neues Frauenbild ins Zentrum rücken und in Zusammenhang damit eine Medienkritik einbringen. Dieser spezielle Fokus auf die Sammlung des Museum der Moderne Salzburg erschließt überraschende Bestände, die durch ihren Umfang und mit bislang kaum gezeigtem Material beeindrucken. Aus dieser Vielfalt kann eine Geschichte der Repräsentation von körperbezogener Kunst abgelesen werden, die deren Entwicklung in den letzten Dekaden verdeutlicht.

Dass diese Ausstellung parallel zur Retrospektive von Ana Mendieta stattfindet, passiert natürlich nicht ohne Grund. Während ihres Studiums bei Hans Breder am Intermedia Program an der School of Art and Art History der University of Iowa, USA, das dieser ab 1968 mehr als drei Dekaden lang geführt hatte, wurde Mendieta mit der Arbeit von KünstlerInnen wie Vito Acconci, Mary Beth Edelson, Hans Haacke, Allan Kaprow oder Robert Wilson, aber auch mit den Wiener Aktionisten  vertraut. Das hat in den Performances und der künstlerischen Praxis von Mendieta einen deutlichen Widerhall gefunden. Die teilweise radikale Auseinandersetzung mit  dem Körper als künstlerischem Medium, die gezielte Auswahl von Fotografien, denen  die Aufgabe zukommt, ein performatives Werk im Galerienkontext zu vermitteln, sowie  der experimentelle Umgang mit Konzepten und Disziplinen sind nur einige dieser  Verbindungen, die wir heute erkennen können.

www.museumdermoderne.at

Wien, 28. 3. 2014