Secession: John Akomfrah

Februar 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Meer, Schreckensort von Sklaven und Flüchtlingen

John Akomfrah: Peripeteia, 2012. Single channel HD colour video, © Smoking Dogs Film. Courtesy Smoking Dogs Films and Lisson Gallery

Der Filmemacher und Drehbuchautor John Akomfrah untersucht in seinen atmosphärischen Filmen die Struktur von Erinnerung, die Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten in ihren Diasporen und die historischen, gesellschaft- lichen und politischen Hintergründe des Postkolonialismus. Als Gründungsmitglied des

einflussreichen Black Audio Film Collective arbeitet er bis heute mit seinen Künstlergefährten David Lawson und Lina Gopaul zusammen. Schon früh etablierte er den vielschichtigen visuellen Stil seiner filmischen Essays, für die er Archivmaterial aus verschiedenen historischen Epochen, Texte aus literarischen und klassischen Quellen und neu gefilmte Sequenzen kombiniert und auf poetische Weise ineinander schneidet. Seine filmischen Montagen widersetzen sich dabei stets einer einzelnen Erzählung oder historischen Chronologie. Vielfach bestehen die Videoinstallationen des Künstlers auch aus mehrkanaligen Bildkompositionen, in denen er mittels Gegenüberstellungen und Dialogen zwischen den Bildern und Sounds die unterschiedlichen Momente auslotet.

In der Secession zeigt John Akomfrah nun drei Filminstallationen, die sich thematisch ergänzen: Die Dreikanal-Projektion „Vertigo Sea“ sowie die zwei einfachen Projektionen „Peripeteia“ und „Mnemosyne“. Ein wiederkehrendes und alle drei Filmarbeiten verbindendendes Motiv ist dabei dasWasser. Es fungiert als Gedächtnisspeicher und bezeichnet in seiner unermesslichen Form des Ozeans jenen Ort, an dem die kolonialen Eroberungen und der transatlantische Sklavenhandel ebenso Form annahmen wie heutige Migrationsbewegungen.

John Akomfrah: Peripeteia, 2012. Ausstellungsansicht Secession 2020, Bild: Iris Ranzinger

John Akomfrah: Vertigo Sesa, 2015. Ausstellungsansicht Secession 2020, Bild: Iris Ranzinger

John Akomfrah: Mnemosyne, 2010. Ausstellungsansicht Secession 2020, Bild: Iris Ranzinger

In „Vertigo Sea“ fokussiert der 1957 in Accra in Ghana geborene und in London lebende Künstler zudem den Klimawandel und verhandelt die komplexen Verflechtungen zwischen der Zerstörung der natürlichen Welt durch die Menschheit und deren Selbstzerstörung. Überwältigende Naturaufnahmen bilden den Hintergrund für eine vielschichtige Verschränkung von Geschichte, Fiktion und Philosophie. Die Palette der Bilder umfasst neben gefundenem Material aus dem BBC-Archiv für Naturfilme auch Ausschnitte aus TV-Reportagen über die Walfangindustrie und Flüchtlinge im Mittelmeer.

Sowie neu geschaffene Aufnahmen, die auf der Insel Skye, den Färöer-Inseln und im Norden Norwegens gedreht wurden. Die Montage der Bilder wird abgerundet durch eine Komposition aus Walgesängen, Musik von Streichorchestern, Lärm von Gewehrschüssen und Explosionen und der Lesung literarischer Meisterwerke, die das Meer thematisieren, wie beispielweise Herman Melvilles „Moby Dick“, VirginiaWoolfs „To the Lighthouse“ und Heathcote Williams’ Gedicht „Whale Nation“. Mehrfach ist eine Figur in einer historischen Uniform zu sehen. Sie verkörpert Olaudah Equiano, der als ehemaliger Sklave ein Kämpfer für das Verbot des Sklavenhandels war.

Und der Verfasser einer damals viel rezipierten Autobiographie. Geboren in der Igbo-Region im heutigen Nigeria, wurde er als Zehnjähriger an Sklavenhändler verkauft, nach Amerika verschifft und mehrfach weiterverkauft, bevor es ihm mit Anfang Zwanzig gelang sich freizukaufen. Fortan führte er ein selbstbestimmtes Leben: Er arbeitete auf verschiedenen Handelsschiffen, nahm an einerForschungsreise in die Arktis teil und verbrachte schließlich seinen Lebensabend in England. Akomfrah stellt Equiano einsam und verloren auf das Meer blickend in einer Form dar, die an die romantischen Gemälde von Caspar David Friedrich erinnert.

Durch die vielfache Gegenüberstellung scheinbar unvereinbarer Erzählstränge eröffnet Akomfrah in „Vertigo Sea“ ungeahnte Deutungsmöglichkeiten. Dem Titel der Arbeit entsprechend, verdichten sich die Erzählstränge zu einer Art schwindelerregendem Strudel, in dem die Verflechtungen von geopolitischen Konflikten, die immer noch virulente Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Migration und die Unterwerfung der Natur durch die moderne kapitalistische Gesellschaft auf eine Zeit und Raum übergreifende Art und Weise sichtbar werden.

Die beiden anderen Filme, „Mnemosyne“ und „Peripeteia“, sind Meditationen über das Leben in Diasporen, das Wesen der Erinnerung und auch das Verschwinden in der Geschichte. In „Peripeteia“ nimmt Akomfrah einige der ersten Darstellungen von schwarzen Menschen in der westlichen Kunst wie Albrecht Dürers Charakterstudien „Porträt eines Afrikaners“ und „Porträt von Katharina“ als Ausgangspunkt, um nach dem Schicksal der dargestellten Menschen zu fragen und ihre Geschichten neu zu denken. Gezeigt wird die Wanderung der anonymen Figuren, die durchnässt und verloren durch eine menschenleere Landschaft streifen. Der Film erinnert daran, wie sehr schwarze Identitäten dem Vergessen ausgeliefert sind; ein Umstand, der sich unter anderem auch in der langen Marginalisierung von Bildern von Schwarzen in der Kunstgeschichtsschreibung ablesen lässt.

John Akomfrah: Vertigo Sea, 2015. Three channel HD colour video installation, © Smoking Dogs Films; Courtesy Smoking Dogs Films and Lisson Gallery

„Mnemosyne“ wiederum verhandelt die Geschichten von Nachkriegsimmigranten in Großbritannien. Akomfrah gliedert den Film in neun Kapitel, die er jeweils einer Muse widmet. In der griechischen Mythologie gelten die Musen als Töchter von Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Indem der Künstler Archivmaterial neu zusammen- stellt, fragt er nach dem Wesen der Erinnerung und forciert eine Geschichts- schreibung,

die das persönliche und das kollektive Gedächtnis einbezieht. Das historische Filmmaterial kombiniert er mit Aufnahmen von schwarzen Menschen in verschneiten Landschaften. Ähnlich wie Equiano in „Vertigo Sea“ und die anonymen Figuren in „Peripeteia“ zeigt er sie an Orten, wo man trotz besseren Wissens nicht gewohnt ist sie zu sehen. Akomfrah unterstreicht damit die Erfahrung der Dislokation und den Verlust der Verankerung und verdeutlicht zudem, dass hier westliche Kulturgeschichte neu vermessen und vergegenwärtigt wird.

www.secession.at

23. 2. 2020