Als wir tanzten

September 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein queerer Liebesfilm mit sanfter Hoffnungsbotschaft

Und die Frage, wer hier wen liebt …: Bachi Valishvili als Irakli, Levan Gelbakhiani als Merab und Ana Javakishvili als Mari. Bild: Anka Gujabidze

Stolz und traditionsbewusst. Regisseur und Drehbuchautor Levan Akin braucht nur wenige Minuten, um sein Sittenbild einer fremden, einer befremdlichen Welt zu skizzieren. In der Akademie des georgischen Nationalballetts in Tiflis sind die Studentinnen und Studenten beim Training – und Lehrmeister Aleko kein Mann der vielen Worte. Merab tanzt mit Mari den Acharuli und verfehlt dabei, „gerade wie ein

Nagel“ zu sein. Außerdem sei sein Blick „zu neckisch“. „Der georgische Nationaltanz basiert auf Männlichkeit, im georgischen Tanz ist kein Platz für Schwäche“, befiehlt Aleko, und: „Im georgischen Nationaltanz gibt es keine Sexualität.“ Nun, für die schwedisch-georgische Koproduktion „Als wir tanzten“, die am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, mag das nicht gelten. Der international gefeierte, in Georgien wild bekämpfte Film ist ein queerer Liebesfilm mit einer sanften Hoffnungsbotschaft; sein Schöpfer Levan Akin verbindet ein Tanzdrama mit einem Coming-of-Age mit einem Coming-Out, er erzählt mittels seines Protagonisten Merab die Geschichte einer Emanzipation aus verkrusteten, paternalistischen Strukturen.

Merabs Traum also ist es, einen fixen Platz im Ensemble zu bekommen. Von seiner Tanzpartnerin Mari, die beiden zusammengeschweißt seit sie zehn Jahre alt waren, eben noch ziemlich offensiv bemuttert und beflirtet, erfährt Merab plötzlich ernstzunehmende Konkurrenz von Neuzugang Irakli – bis sich die Rivalität der beiden in sexuelles Begehren und schließlich in eine verbotene Liebe verwandelt, die erste für Merab …

Levan Akin und Kamerafrau Lisabi Fridell verstehen es meisterlich, den eisernen Wind vergangener Sowjetzeiten, der in Georgien politisch betrachtet trotz aller „Fuck Russia“-Demonstrationen nach wie vor weht, den Ballett-Drill samt herausragender Tanzszenen, den stark kulturell aufgeladenen Patriotismus dieser Nation, die homophobe Stimmung im konservativen, von orthodoxen Dogmen durchtränkten Land mit einer universellen Love Story zu durchbrechen. Aus scheuen Blicken werden zarte Berührungen, von Fridell in goldenes Licht getaucht, doch dass dieses georgische „Brokeback Mountain“ gelingt, ist dem Paar Levan Gelbakhiani als Merab und Bachi Valishvili als Irakli zu danken.

Ersterer tatsächlich Mitglied der zeitgenössischen Ballettkompanie von Giorgi Aleksidse, zweiterer Schauspieler mit sieben Jahren Erfahrung im Nationaltanz, beide, wie sie im Interview sagen, zögerlich die Rollen wegen des homoerotischen Themas anzunehmen, die nun im intimen Spiel alles geben. Selten sieht man Liebesszenen von solcher Intensität bei gleichzeitig Unschuld.

Beim Training kommen sich Irakli und Merab näher: Bachi Valishvili und Levan Gelbakhiani. Bild: Lisabi Fridell

Die Clique rund um Mari, Merab und Irakli unterwegs in den Straßen von Tiflis. Bild: Lisabi Fridell

Im Landhaus von Maris Vater wird zu ABBA Disco getanzt. Bild: Lisabi Fridell

Die Hochzeit von David und Sopo: Giorgi Tsereteli und Ana Makharadze. Bild: Lisabi Fridell

Levan Gelbakhiani, nunmehr einer der European Shooting Stars der Berlinale 2020, gestaltet den Merab als sensiblen, feinnervigen Jüngling, der so gar nicht in seine grobe Umgebung passen will. Als etwa Mari ihn mit einem geborgten Kondom zum „ersten Mal“ auffordert, sind das Momente, in denen Gelbakhiani aus seinem Gesicht ein ganzes Alphabet an Emotionen ablesen lässt. Gelbakhiani brilliert, wenn er derart eine neue Form männlicher Verletzlichkeit auf die Leinwand bringt.

Bachi Valishvilis Irakli dagegen ist der vor Freude sprühende Macho, der wohlerzogene Charmebolzen, so scheint zumindest, was sich später als Tarnung gegen Schwulenschläger entpuppen wird, der die jungenhafte Rangelei um eine Zigarette für den Frontalangriff auf Merab nutzt. Valishvilis Ausstrahlung ist groß, der Sexualität, die es im Tanzsaal nicht geben darf, gibt er eine neue, eine paradoxe Dimension. Denn der weiche Merab und der starke Irakli werden auch als Tänzer, beim Khanjluri, ein Traumpaar.

Dass Tiflis realiter mehr als die dreieinhalbtausend Kilometer vom studentischen Sehnsuchtsort London entfernt ist, zeigt Levan Akin nicht nur an den ärmlichen Verhältnissen, in denen Merab mit Mutter und Großmutter lebt. Akin stellt Arbeitslosigkeit neben Ausweglosigkeit, den Leistungsdruck, der auf den Tanzenden lastet, neben wegen all dieser Dinge unausweichliche familiäre Konflikte. Diesen räumt „Als wir tanzten“ viel Platz ein, was immer wieder zu unerwarteten Storylines führt.

Im Ensemble wird überraschend ein Platz frei, weil ein Tänzer aus diesem gefeuert wird, nachdem seine Romanze mit einem Mann – und auch noch Armenier! – offenbar wurde. Später erfährt man, dass „Zaza“ nur blieb, sich als Stricher zu verkaufen. Merabs rebellischer Tunichtgut-Bruder David, den Giorgi Tsereteli mit sozusagen permanent geballten Fäusten spielt, wird erst zum Kleinkriminellen, damit der Familie der Strom wieder eingeschaltet wird, und später zum Hochzeiter, als er Maris Freundin Sopo schwängert – womit deren Tanzkarriereträume beendet sind.

Akin zeigt das im Untergrund gedeihende regenbogenfarbene Tiflis, Schwulenclubs, in denen zu Techno abgetanzt wird, wobei sich erweisen wird, dass das Partyleben nicht zum Training passt, zeigt die Georgier als pathetisch-poetischen Menschenschlag, der sich im Männergesang übt, während die Jugend zu ABBA ausflippt. Zeigt, wie Braut Sopo mit den Frauen in einem Zimmer tanzt, während sich der Bräutigam im anderen Zimmer prügelt – typisch möchte man da sagen, doch David rauft sich wegen Merab, den ein Mitschüler als „Schwuchtel“ beschimpft hat – und Merab muss zugeben, dass er recht hat …

Der Moment der Wahrheit beim Vortanzen für das Georgische Nationalballett: Levan Gelbakhiani als Merab. Bild: Edition Salzgeber

„Als wir tanzten“ wurde vergangenes Jahr in Cannes gefeiert und seither rund um den Globus ausgezeichnet. In Georgien waren die Reaktionen kontroverser. Sowohl die Dreharbeiten als auch die Filmpremiere fanden unter Todesdrohungen und ergo unter Polizeischutz statt. Die Georgische Orthodoxe Kirche sowie einige rechtsextreme Gruppen hatten den Film öffentlich verurteilt und angekündigt,

die Kinobesucherinnen und -besucher vom Eintritt abhalten zu wollen. Die Kirche bezeichnete den Film in einer offiziellen Stellungnahme als „Popularisierung von Sodomitenbeziehungen“ und als „großen Angriff auf die Kirche und die nationalen Werte“. Die rechtsextreme Gruppe „Georgian March“ hatte in einer Pressekonferenz mitgeteilt, einen „Korridor der Schande“ bilden zu wollen. Am Tag der Uraufführung hielten sie homophobe Reden, verbrannten eine Regenbogenflagge und zeigten Plakate wie „Stoppt LGBT-Propaganda in Georgien“ und „Homosexualität ist Sünde und Krankheit“, die Polizei wurde mit Feuerwerkskörpern angegriffen.

Auf derlei Aktionen begründet sich der Film, so Levan Akin im Interview: „2013 wurde ich Zeuge, wie eine Gruppe von mutigen jungen Menschen in Tiflis versuchte, eine Pride Parade zu veranstalten. Sie wurden jedoch von Tausenden Teilnehmern einer Gegendemonstration attackiert, organisiert von der Orthodoxen Christlichen Kirche. Da wusste ich, dass ich mich diesem Thema in irgendeiner Weise widmen muss.“ Offiziell ist Homosexualität in Georgien nicht illegal.

Am Ende von „Als wir tanzten“ spielt Levan Akin mit der georgischen Gesellschaft, deren Nationaltänze zu Sowjetzeiten zweifellos etwas Widerständiges hatten, denen im Film aber zunehmend der traditionalistische Ursprungsglaube entzogen wird, ein doppeltes Spiel. Er lässt Irakli in einer Flut an familiärer Verantwortung, Furcht vor Entdeckung und dem Zwang, Geld zu verdienen, buchstäblich ertrinken. In einem Geschwistergespräch erhält Merab von David das brüderliche Ein/Verständnis für seine Homosexualität samt dem Rat, schleunigst aus Georgien abzuhauen. Und so tritt Merab zum Vortanzen an.

Mit einem neuen Stil, einer Männlichkeit, die das Martialische nicht braucht, mit einer eleganten Energie, die das Rituelle der Bewegungen aufweicht. Mit Aufruhr im Blick und Revolution in jeder Geste. Wie Merab die klassischen Schritte ganz anders interpretiert, wird, so kann gemutmaßt werden, seine Karriere im Nationalballett zerstört, zugleich aber fliegt er damit in seine Freiheit.

Interview mit Levan Akin und Levan Gelbakhiani: www.youtube.com/watch?v=h0HY-NmnoUU           www.youtube.com/watch?v=2dEM1w629Ts           www.facebook.com/andthenwedanced

2. 9. 2020

Fatih Akin: The Cut

Januar 8, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mutiger Film zum Völkermord an den Armeniern

Nazaret (Tahar Rahim) und sein Bruder Hrant (Akin Gazi) werden mit den anderen armenischen Zwangsarbeitern zusammengefesselt und abgeführt Bild: © Filmladen Filmverleih

Nazaret (Tahar Rahim) und sein Bruder Hrant (Akin Gazi) werden mit den anderen armenischen Zwangsarbeitern zusammengefesselt und abgeführt
Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Völkermord an den Armeniern durch die Türken ist ein Thema, das im Allgemeinen nicht angesprochen wird. Weil Morddrohungen rechtsradikaler Nationalisten auf dem Fuße folgen. Charles Aznavour, selbst gebürtiger Armenier mit Namen Schahnur Waghinak Asnawurjan, ist nicht mundtot zu machen, was das Schicksal seines Volkes betrifft. Nun folgte ihm der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin mit „The Cut“ (ab 9. 1. endlich auch in den heimischen Kinos) – und wurde in Erdoganland sofort mit Kehle-Durchschneiden bedroht. Wie sein Protagonist, der armenische Schmied Nazaret, dem durch einen Stich in den Hals die Stimmbänder zerschnitten werden – der aber immerhin um Haaresbreite dem Genozid von 1915 entkommt …

Mardin, 1915: Eines Nachts treibt die türkische Gendarmerie alle armenischen Männer zusammen. Auch der junge Schmied Nazaret Manoogian wird von seiner Familie getrennt. Nachdem es ihm gelingt, den Horror des Völkermordes zu überleben, erreicht ihn Jahre später die Nachricht, dass auch seine Töchter am Leben sind. Besessen von dem Gedanken, sie wiederzufinden, folgt er ihren Spuren. Sie führen ihn von den Wüsten Mesopotamiens über Havanna bis in die kargen, einsamen Prärien North Dakotas. Auf seiner Odyssee begegnet er den unterschiedlichsten Menschen: engelsgleichen und gütigen Charakteren, aber auch dem Teufel in Menschengestalt.

„The Cut“ ist Epos, Drama, Abenteuerfilm und Western zugleich. Obwohl der Film die Welt vor 100 Jahren beschreibt, ist er brandaktuell, denn er erzählt von Krieg und Vertreibung. Aber auch von der Kraft der Liebe und der Hoffnung, die uns Unvorstellbares leisten lässt. Mit „The Cut“ vollendet Fatih Akin seine Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Ging es in „Gegen die Wand“ (2004) um den unbedingten Lebenswillen einer jungen Deutschtürkin, die erleben muss, dass zwischen Schmerz und Liebe oft nur eine Haaresbreite liegt, so erzählte „Auf der anderen Seite“ (2007) die Geschichte von sechs Menschen, deren Wege sich kreuzen, ohne sich zu berühren. Erst der Tod führt sie zusammen. „The Cut“ widmet sich nun dem „Teufel“. Der Film handelt vom Bösen im Menschen, davon, was wir anderen Menschen antun. Unbewusst oder willentlich, denn die Grenze zwischen Gut und Böse ist oft fließend. Auch der letzte Teil der Trilogie ist geprägt von Fatih Akins Sicht auf die Welt:“ „The Cut“ ist ein sehr persönlicher Film geworden, der sich inhaltlich mit meinem Gewissen und formal mit meiner Liebe zum Kino auseinandersetzt“.

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Fatih Akin wird normalerweise auf Festivals hofiert. Für „The Cut“ bezog er nun erstmals Schelte. Viele Kritiken meinten ablehnend, der Film sei pathetisch und plumpe Emotionalisierung. Übersehen wurde dabei, wie wichtig es ist, das Thema überhaupt anzusprechen. Akins Film ist überwältigend und intensiv – und in den Gewaltszenen dankenswerter Weise zurückhaltend. „The Cut“ ist ein modernes Märchen, das einem den Glauben an das Gute zurückgeben will.
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Interview mit Regisseur Fatih Akin

Es gibt viele Ereignisse, über die es sich lohnt einen Film zu machen. Das Verschwiegenste in der Türkei ist zweifellos der Völkermord an den Armeniern. Warum haben Sie sich dieses Thema für Ihren Film ausgesucht?
Fatih Akin: Ich habe das Thema nicht ausgesucht, sondern das Thema hat mich ausgesucht. Als Kind türkischer Eltern hat es mich beschäftigt. Vor allem die Tabuisierung des Themas. Und immer, wenn etwas verboten ist, werde ich hellhörig und neugierig. Egal, worum es sich handelt. Ich habe da vieles entdeckt, das nicht aufgearbeitet ist.
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Warum, glauben Sie, fällt es den Türken immer noch so schwer, sich mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinanderzusetzen?
Akin: Wenn eine Bevölkerung systematisch von den Geschichtsschreibern und Regierungen belogen wurde, wenn immer wieder gesagt wurde: „Das ist eine Lüge, das hat es so nicht gegeben“, über Generationen hinweg – dann hatten die meisten Türken es einfach so verinnerlicht. Sie hatten nie etwas anderes von den Eltern, aus den Schulbüchern, aus den Zeitungen erfahren. Das kann ich ihnen nicht vorwerfen. Es ist aber falsch, wenn Politiker sagen: Man muss die Geschichte den Historikern überlassen. Uns gehört die Geschichte. Den Menschen. Uns allen.
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Kaum ein Wort ist in der Türkei politisch so aufgeladen wie „soykırım“ – Völkermord. Benutzen Sie es, wenn Sie dort sind?
Akin: Ja. Was mich darin bestärkt hat, war das Buch des bekannten türkischen Journalisten Hasan Cemal, „1915: Ermeni soykırımı (1915: Der Genozid an den Armeniern)“.  Wenn der Enkel von einem der verantwortlichen osmanischen Militärs, nämlich Cemal Paşa, sein Buch so nennt, und damit die Geschehnisse im Ersten Weltkrieg, dann kann ich das Wort auch benutzen. Und jede Buchhandlung hat das Buch verkauft. Es lag in den Schaufenstern aus!
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Wie haben Sie vor Ort recherchiert?
Akin: Wir liefen herum wie Archäologen, immer mit einem Buch in der Hand, und haben versucht, die Orte ausfindig zu machen, die wir aus den historischen Quellen kannten. Die Einwohner etwa von Ras al-Ayn wussten nicht, wo das Todeslager der Armenier war. Auch die dort lebenden Armenier wussten es nicht. Keine Gedenktafel erinnert an die Geschehnisse. Aber ich bin kein Politiker und mache keine Politik mit meinem Film. Ich erzähle eine Geschichte anhand von historischen, traumatischen und nicht verarbeiteten Geschehnissen. In „The Cut“ sind „Gut“ und „Böse“ nicht immer eindeutig. So wird die Hauptfigur, der Armenier Nazaret, vom Opfer selbst zum Täter. Und er überlebt nur dank eines barmherzigen Türken.
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Dieser Film bildet den Abschluss Ihrer „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, einen „Teufel“ zu finden?
Akin: Mir war klar, dass er im Menschen schlummert. In diesem Film geht es um die Angst sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Im Ursprung ist das eine existenzielle Angst, die in dem Moment beginnt, an dem die Nabelschnur durchtrennt wird. Man denkt vielleicht, dass der Film wegen der anderen Thematik – es geht vordergründig nicht um einen deutsch-türkischen Kontext – von den anderen beiden Teilen der Trilogie abweicht. Sie bauen aber aufeinander auf. Ich sehe eine Verwandtschaft zwischen Cahit aus „Gegen die Wand“, Nejat aus „Auf der anderen Seite“ und Nazaret – sie sind wie drei Brüder, sie beobachten intensiv, und sie sind besessen.
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Welche Reaktionen erwarten Sie aus der Türkei auf Ihren Film?
Akin: Zwei Freunde von mir, beide türkische Filmproduzenten, kennen den Film. Einer sagte: „Sie werden mit Steinen nach dir werfen.“ Der andere sagte: „Nein, mit Blumen.“ Am Ende wird es wohl beides geben: guns and roses.
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Wien, 8. 1. 2014

Garage X: Gegen die Wand

Februar 13, 2013 in Bühne

Liebe heilt nicht, sie reißt Wunden auf

Die Einfachheit der Raumlösung von Monika Nguyen ist nicht nur außergewöhnlich flexibel, sondern auch zweckmäßig: Versiffte Schaumstoffmatten als Bühnenbild lassen sich leicht vom Wohnzimmer der Brauteltern in Wien zur Rezeption eines Hotel in Istanbul umschichten. Sie können für Sexturnereien herhalten. Oder für Wutanfälle. Und sie schützen das Ensemble davor, sich zu verletzen, wenn es „Gegen die Wand“ läuft.

Verletzungen aller Art bietet der Stoff ohnedies genug.

Garage-X

Bild: Yasmina Haddad

In der Garage X haben Leila Abdullah und Regisseur Alexander Simon Fatih Akins vielfach preisgekrönten Kinofilm für die Bühne nicht „adaptiert“, sondern ein eigenständiges Stück Kunst daraus gemacht. Und: Den Kassenschlager des türkischstämmigen Hamburgers auch gleich nach Wien verlegt – als österreichisch-türkische (es wird in beiden Sprachen gesprochen) Ballade zweier Suizidverliebter, die in inneren wie äußeren Gefängnissen festgehalten werden, und trotzdem zu einer atemlosen Tour de Force aufbrechen. Immer schön auf Kriegsfuß mit der Vernunft.

So beginnt das Ganze auf der Baumgartner Höhe: Cahit (Harald Windisch, derzeit im Theater in der Josefstadt auch als Horvaths „Kasimir“ zu sehen), hauptberuflich schwerer Alkoholiker, ist mit dem Auto absichtlich oder unabsichtlich gegen die Wand gefahren. Sibel (Zeynep Buyrac) hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Ergo: Psychiatrie. Wo sie den Plan fasst, ihn nur deshalb zu heiraten, damit sie dem Zwang ihrer Familie entkommt (Die Mutter: „Nie denkst du bei dem, was du tust, an mich.“), und dabei übersieht, dass er längst den Boden der Flasche erreicht hat.

Alexander Simon wagt es, diese Anfangsszenen satirisch überhöht, humorvoller, clownesker fast, als laut Filmvorlage zu inszenieren. Da wird Cahit beim Brautwerben von seinem Freund ein falscher Atatürk-Bart aufgeklebt – dieser, Seref, großartig dargestellt von Dennis Cubic, ist übrigens Geschäftsführer im Flex -, da wird die Brautmutter durch die garantiert alkoholfreien Pralinen von Schoko-Stück zu Schoko-Stück ausgelassener, bis schließlich alles in einem Augenzwinkern endet. Aber nur für manche.

Aus dem Augenzwinkern wird für Cahit und Sibel nämlich ein pathologisches Lidzucken; Windisch und Buyrac sind ausdrucksstark in ihrem Leid. Zwei labile Charaktere auf dem Weg in die Katastrophe. Sie will tanzen, Freiheit, Fremdficken, er dann doch lieben – aber zu spät. Und so kommt’s zu Gewalt, seiner Verhaftung, ihrer Flucht nach Istanbul. Ein unhappy End in einer Macho-Gesellschaft. Eine starke schauspielerische Leistung von Windisch und Buyrac. Wobei er seinen Cahit hinter der schroffen Fassade verletzlicher, zerbrechlicher sein lässt, weniger den brutalen Trinker raushängt, als sein Film-Alter-Ego Birol Ünel. Zeynep Buyrac ist wie Sibel Kekilli, die mit Fatih Akin zur Berühmtheit, mittlerweile sogar zur „Tatort“-Kommissarin, wurde, eine ausgeflippte Henn’.  Buyracs Sibel „verliert“ ihren Cahit mehr, als sie ihn flüchtet. Liebe heilt eben keine Wunden, sie reißt sie erst auf.

Das sechsköpfige Ensemble spielt wie um sein Leben. Wie um eines, das Cahit und Sibel gern gehabt hätten.

www.garage-x.at

Von Michaela Mottinger
Wien, 10. 2. 2013

 

30.12.2012,Von Michaela Mottinger

Ihr nächstes gemeinsames Projekt ist eine Sitcom für den ORF: In „Salambo“ spielen Thomas Stipsits (li.) und Manuel Rubey ein schwules Paar, das ein Stundenhotel betreibt.
Letztes Update am 30.12.2012,Von Michaela Mottinger http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

 „Mach es mal nicht so langweilig“

Das dynamische Duo Thomas Stipsits und Manuel Rubey über ihr Schwarzsehen fürs Fernsehen.

KURIER: Ihr Kabarettprogramm „Triest“ ist der Grund für dieses Interview. Darin ziehen Sie eine natürlich frei erfundene TV-Starschauspielerriege von Christiane Hörbiger bis Harald Krassnitzer gehörig durch den Kakao. Sie beide sind auf diesem fiktiven Set die Loser. Welche traumatischen Erfahrungen haben zu dem Programm geführt?
Manuel Rubey: In diesem Beruf gehört es naturgemäß dazu, dass man immer wieder erniedrigt wird. In der Figur des Regisseurs wirken all jene Menschen, die uns im Laufe der Jahre erniedrigt haben. Krassnitzer und Hörbiger sind Platzhalter im System, wir wollen sie nicht durch den Kakao ziehen. Viel mehr uns und die ganze Branche.
Thomas Stipsits: Wir hatten ein bissl Angst, weil wir dachten, es ist zu speziell und jemand, der damit nichts zu tun hat, kennt sich nicht aus. Aber in Wahrheit funktioniert es grad deswegen, weil man einmal nicht selber der Trottl ist, sondern ein anderer.
Rubey: Und Inkompetenz am Arbeitsplatz gibt’s offensichtlich in allen Berufen.

Was war Ihre schlimmste Erfahrung punkto Erniedrigung?
Rubey: Die ist sehr lange her. Da hat man in der Erwartung, dass „Mitten im Achten“ ganz groß einschlägt, einen Piloten für ein Nachfolgeprojekt gedreht. Da wurde ein deutscher Seifenopernregisseur engagiert, der nichts zu tun hatte, außer die Statistinnen anzubraten. Wir hatten kein Wort gewechselt, dann habe ich die erste Einstellung gespielt und er sagt vor versammelter Mannschaft ins Mikrofon: Mach es mal nicht so langweilig.

Sie waren auch gemeinsam in „Braunschlag“. Sie sind jetzt Lebensmenschen geworden?
Rubey: Aber bitte im Thomas-Bernhard’schen, nicht im Petzner’schen Sinn. Da legen wir großen Wert drauf.
Stipsits: Es gibt ein blindes Verständnis zwischen uns. Mittlerweile ist es schon so, dass, wenn wir mit jemandem reden, ich am Blick vom Manuel erkenne, was er über die Situation denkt.

Wie sehen Sie eigentlich fern? Zapper oder Einnicker?
Stipsits: Ich bin bewusster Fernseher. Ich besorge alles auf DVD und schau sie mir an, wenn ich Zeit habe. Das heißt nie – die DVDs stehen original verpackt im Regal. Beim Fußball bin ich kein Zapper. Das ist heilige Zeit.
Rubey: Fußball ist das Einzige, das ich live konsumiere. Ich muss Thomas aber korrigieren, er ist der klassische Einnicker, der DVDs sogar zum Einschlafen schaut. Ich kann nicht schlafen, so lange ein Fernseher läuft.

Was bedeutet für Sie „Unterhaltung mit Niveau“?
Rubey: Toll ist alles, was von HBO kommt, oder die grandiose BBC-Serie „Extras“ mit Ricky Gervais. Das sind allerdings alles Dinge, die in den USA und in England Nischen sind. Ich fürchte, dass Niveau in Zukunft eher in den Nischen zu finden sein wird. Bei uns hat das mit ja auch „Braunschlag“ funktioniert.

Der ORF als Nische?
Stipsits: Der ORF macht das eher in der Art gut, dass er alles abdeckt, was alle Leute interessiert. Ich persönlich bin ein großer ORF III-Fan. Der österreichische Film ist dort sehr gut positioniert. Wobei: Betroffenheitskino ist mir zu viel. Ein Film muss mich so erwischen, dass ich nicht nach zwei Minuten merke: Um Gottes Willen, das ist was Ernstes. Das ist übrigens auch bei politischem Kabarett so. Da ist es auch gut, wenn ich es erst ganz spät merke.
Rubey: Unser Ansatz ist, den „kleinen Mann“, die „kleine Frau“ zu zeigen, wodurch das Scheitern einer Faymann-Politik viel offenbarer wird als bei Politik-Parodien.

Was würden Sie im TV gerne machen, was auf keinen Fall?
Rubey: Ich würde gerne mit Thomas Stipsits in „Wetten, dass ..?“ auftreten. Nicht mit einer Wette, sondern als Showact zwischen der dritten Wiedervereinigung von Genesis und Robbie Williams. Und dann ein bisschen auf der Couch plaudern.
Stipsits: Kann ich unterschreiben. (Er lacht.) Ich wette, dass ich alle Mondscheiner-Lieder nach drei Sekunden rückwärts gespielt erkenne.
Rubey: Auf keinen Fall würde ich Dancing Stars oder Dschungelcamp machen.
Stipsits: Das kann ich auch unterschreiben.

Seit einiger Zeit ist alles Super-. Von Talent bis Model. Warum drängen die Menschen ins TV?
Rubey: Das sind immer noch die 15 Minuten Ruhm von Warhol. Es gibt offenbar ein Bedürfnis, zumindest punktuell bigger than life zu sein.
Stipsits: Das ist wie eine Droge. Es geht um Anerkennung, darum, geliebt zu werden. Deshalb funktioniert Facebook so gut, da kannst jeden Schas posten und es gibt Leute, die reagieren: Katze hat Durchfall – Kommentar: Schade. Arm. Oder so.

Wird das TV noch als moralische Anstalt wahrgenommen?
Rubey: Von meinen Großeltern schon noch, im Freundeskreis nicht mehr. Alles, was Talkshow, Privatfernsehen, Werbewahnsinn ist, kann diesen Anspruch für sich nicht geltend machen.
Stipsits: Es gibt Unterschiede. Lanz im Talk ist gut. Der sympathischste Südtiroler neben den Kastelruther Spatzen. Das sage ich nicht wegen „Wetten, dass ..?“, gell.
Rubey: Auf die Nerven geht mir auch, dass die Sender Formate kopieren. Von verliebten Bauern über Koch- und Heimwerkersendungen …
Stipsits: Das ist jetzt ein Boom. Momentan ist jeder, der einen Löffel halten kann, ein TV-Promikoch; das rennt sich tot.
Rubey: Ich sehe es pessimistischer. Ich sehe, dass sich alles banalisiert, dass die Aufmerksamkeitsspannen immer geringer werden, dass nicht in Bildung investiert wird – und man das am Fernsehen merkt. Ich glaube sogar, es wird noch schlimmer.

Sie schreiben für den ORF eine Sitcom namens „Salambo“?
Rubey: Wir spielen ein schwules Paar, das ein Stundenhotel leitet. Wir wollen bewusst Homosexuellenalltag zeigen und nichts Tuntiges. Es gibt einen sexsüchtigen Stammgast, Simon Schwarz, und eine jüdische Putzfrau, Ruth Brauer-Kvam. Wir haben abgegeben und hoffen, dass es dafür Geld geben wird.

Ist das das Projekt, das dem ORF als Quotenhit gefehlt hat?
Rubey: Ich weiß nicht. Nach der Erfahrung von „Mitten im Achten“ tu ich lieber tiefstapeln als angeben. Mich hat Fernsehen demütig gemacht.
Stipsits: Man kann Erfolg nicht programmieren. Darber entscheidet das Publikum. Wenn das nach der ersten Folge abdreht und sagt: Das ist nix, dann ist es nix.

Außerdem, Herr Stipsits, Sie haben gerade einen Tatort mit dem Titel „Angezählt“ abgedreht.
Stipsits: Ja, meine dritte Uniformiertenrolle hintereinander. Sie wissen eh. In Österreich ist man schnell in der Uniformierten-Schublade …

Was kommt von Ihnen 2013?
Rubey: Zwei Kinofilme: „Zweisitzrakete“ von Hans Hofer – Stipsits war auch dabei – und „Die Werkstürmer“ von Andreas Schmid. Im TV gibt es verschiedene Optionen – vor allem „Salambo.“
Stipsits: Ich habe derzeit keine Angebote. Ich warte auf die nächste Uniformiertenrolle.

Was ist mit Kabarett?
Stipsits: Wir machen als Duo weiter. Wir sind eine gute Ergänzung des anderen. Manuel ist der zwänglerische Ordnungsfreak.
Rubey: Und Thomas ist der kreative Chaot, der was in den Block reinfetzt, zu mir sagt: Wie findest das? – und ich kann’s nicht mal entziffern.
Stipsits: Das Programm wird in Episoden ablaufen. Die Hauptperson ist ein Mann, der beschlossen hat, im Wald zu leben.