Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Januar 15, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten

Bei den Notizen zum berühmten ersten Satz einer Rezension steht 1. „Mein Vater lernte Donald Trump in den frühen Neunzigerjahren kennen, als beide Mitte vierzig waren“, 2. „Mahfuz‘ Reaktion verwies auf eine fest im muslimischen intellektuellen Leben verankerte Tatsache, dass der Prophet sakrosankt ist“, 3. eine Begebenheit am Tag 9/11, als Ayad Akhtar Blutspenden wollte, und sich mit dem vor ihm stehenden Mann dieser Dialog ereignete:

„Woher kommst du?“ – „Uptown.“ – „Bist du Moslem?“ – „Und ist das ein Problem, Sir?“ – „Dieser verdammte arabische Einstein hier fragt, ob wir ein Problem haben. Wir wollen dein arabisches Blut nicht, du verdammter Terrorist!“

Man kann also auf unterschiedliche Weise einen Bericht über Ayad Akhtars „Homeland Elegien“ beginnen, dies der Titel des aktuellen Romans des US-pakistanischen Autors – von wegen „arabisch“. Akhtar, bekannt durch seine Stücke „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977), legt damit ein hochintelligentes Buch über den zerrütteten Zustand des heutigen Amerikas und gleichsam eine Familienbiografie vor.

Beginnend von der Schlechterstellung muslimischer Staatsbürger nach dem Attentat auf das World Trade Center bis zum Trump’schen Muslim travel ban, mit dessen Verhängung Akhtars Vater, ein überintegrierter amerikanischer Vorzeige-Patriot, als einer der letzten seiner Art vom Glauben ans Gelobte Land abfällt. Auf beinah 500 Seiten verweigert Akhtar die Demuts- und Bescheidenheitsgesten, die Muslimen in der westlichen Welt üblicherweise abverlangt werden. Vielmehr kreuzt er die manchmal komische, manchmal konfliktreiche, aber immer anrührende Einwandererstory mit der Geschichte einer USA, die die Ideale der Demokratie den Göttern der Finanzindustrie geopfert und einen gefährlichen Clown zum Präsidenten gemacht hat.

Sikander Akhtar, dessen Ehefrau Fatima, sie seit 1968 Migranten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sich selbst, Ayad 1972 auf Staten Island geboren, und unzählige Verwandte schickt der Autor in seinem Memoir auf die Suche nach Möglichkeiten einer westlich-muslimischen Identität. Last, but not least erzählt Akhtar mit großem Esprit und aus ungewohnter Perspektive globale Zeitgeschichte, vom Konflikt zwischen Pakistan und Indien über den ersten Afghanistan Krieg bis hin zu Osama bin Laden und dem islamistischen Terror der jüngsten Gegenwart, den Wien erst am 2. November 2020 erleben musste.

„Homeland Elegien“ ist trotz der Real-Person-Fiction ein Heimatroman über alle US-No- und Everybodys, Akhtar überblendet dafür die Sichtweise immer wieder vom „Wir“ auf „wir alle“, ändert sie von der persönlichen zur kollektiven Niederlage. Denn als solche werden die Akhtars ihr lebenslanges Ausharren am für sie falschen Ort empfinden. Das Home of the Brave and Land of the Free, das unterm Star-Spangled Banner den Tapferen Heimat, Schutz und Freiheit geben wollte, hat sein Glücksversprechen-Roulette, als sich hinters Homeland der Begriff Security reihte, auf antisolidarisch gedreht – et rien ne va plus. Gewinner sind jene Individualisten, denen das eigene Wohl vor dem einer Gemeinschaft geht. „Die Schleifung aller Bollwerke gegen gottgefälligen Reichtum?“ – neokapitalistische Konsumgesellschaft nennt man das.

Wie Ayad später mit Börsengeschäften beherrscht Sikander diese Spielregeln des Aufstiegs, der erfolgreiche Kardiologe mit dem Punjabi-Akzent, der über Immobilienhandel noch reicher wird, seines Patienten Trump „The Art of the Deal“ griffbereit im Bücherregal, im Weinkeller die Harlans, Far Nientes, Opus Ones. Liebhaber einer großbusigen Blondine, was Ayad knapp vorm hinteren Buchdeckel eine Halbschwester beschert, ein Trump-Süchtiger von euphorisch über enttäuscht bis erschöpft, der von dessen Ansinnen, alle Muslime in einer Datenbank zu erfassen, denkt, dass es ihn nicht beträfe, weil … a: Arzt, b: gutsituiert. Für den Sohn ist dies Denken „Durchfall, eine Infektion des politischen Bewusstseins“.

Die Mutter das genaue Gegenteil. Eine X-mas-Kauforgien-Verweigerin, eine antiimperialistische, nicht islamische (!) Fundamentalistin, die in den USA nie auch nur annähernd Entschädigung für den Verlust Pakistans fand. Der Sohn steht beiden Extremen skeptisch gegenüber, dem Vater, der für ein amerikanisches Ich sein pakistanisches zurückgelassen hatte, der Mutter, einer lebenslangen Exilantin, die keine neue Heimat erobert, sondern lediglich die alte verloren, Fatima, die bei der Trennung Pakistans von Indien unfassbare Gräueltaten gesehen hatte: „Wie Pakistan war sie im Feuer dieser Todesangst geschmiedet worden. Und sie fürchtete nicht nur die Hindus. Überall lauerte Lebensgefahr, und jede Erinnerung daran konnte sie aus der Bahn werfen.“

An einer der provokantesten Stellen des Buches geht Ayad Akhtar der Ähnlichkeit zwischen den USA und Pakistan auf den Grund, zumindest der mit den amerikanischen Südstaaten. Beide Weltenteile, schreibt er, seien larmoyant und aggressiv aus selbst empfundener Rückständigkeit. „Die Konturen jener Dilemmata“, die in den Vereinigten Staaten zur Wahl Trumps führten, hätten in Pakistan lange vorher existiert: „irrationale Paranoia, die sich als politischer Durchblick ausgab“, „kochende Wut“, „offene Feindseligkeit gegenüber Fremden und Menschen, deren Ansichten nicht mit den eigenen übereinstimmten“, „Verachtung für Nachrichten aus zuverlässigen Quellen“, „eine zur Pose gewordene reaktionäre Moral“ …

Bild: pixabay.com

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Ayad Akhtar, als sich selbst umkreisende Hauptfigur seines Romans, lebt im Mahlwerk paranoider Systeme und der Frage, welches das Recht habe das andere wie zu kritisieren: ein Mann, hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten. Akhtar aktiviert alle greifbaren Assoziationsketten. Von der Jugendliebe seiner Mutter, Latif, zunächst ebenfalls Arzt in den USA, später als solcher und „amerikanischer Brückenkopf“ für die afghanischen Mudjahedin tätig, 1998 vom CIA in Peschawar hingerichtet: „Die gerade Linie, die von den durch die USA unterstützten Mudjahedin zu al-Qaida führte, ist noch immer eine selten erzählte und wenig verstandene Geschichte; Latifs Schicksal ist auf seine Weise sinnbildlich dafür.“

Über Onkel Shafat, der bierselig in einer Bar in Virginia erzählt, er hätte mal Mullah Omar getroffen – der Onkel, weil er den Mudjahedin als Verbündeten der USA zwei Kisten voll Dollars brachte, der spätere Taliban im TV, weil gerade von einer amerikanischen Bombe getroffen -, was mit einem Polizeieinsatz, gebrochenen Rippen und einem künstlichen Schultergelenk endete. Und Shafats Konvertieren zum Christentum, um sich fortan „sicher“ zu fühlen. Bis zur Universitätsprofessorstante, der rationalen Intellektuellen Asma, die explodiert, als der Neffe erklärt, er lese eben Salman Rushdies „Satanische Verse“.

Ayad Akhtar lehnt sich in solchen Episoden aus dem Fenster bis in Schussweite. „Die Angst hinter der enervierenden Dummheit meiner pakistanischen Verwandten war verständlich“, schreibt er nach einem Besuch in Abbottabad, wo bin Laden keinesfalls ohne direkte Unterstützung der pakistanischen Armee hätte leben können, und einer Dinner-Diskussion mit Offiziersonkel Naseem über die verbrecherischen USA. „Sie fürchteten, sie könnten die nächsten Leidtragenden eines imperialistischen Gemetzels sein, die zukünftigen Opfer dieses neuen Zeitalters endloser amerikanischer Rache.

(Vater Sikander, der zuvor – ohne es zu wissen – mit dem Auto nur Meter an bin Ladens Haus vorbeifuhr, im Zuge dieser Auseinandersetzung immer erboster: „Aber die Medikamente, die ich euch aus Amerika mitbringe, nehmt ihr gerne!“)

Auch damit hätte man diese Rezension beginnen können: „In den schrecklichen Wochen nach 9/11 – als eine simple Handlung wie in den Bus zu steigen und einen Fahrschein zu kaufen eine von den anderen Passagieren mit ängstlichen, misstrauischen Blicken verfolgte Provokation war – hatte ich mich zu dieser Strategie bei der Frage nach meiner Herkunft entschlossen. Ich sagte dann einfach: ,Aus Indien‘.“ Indien, das mit köstlichen Aromen, Yoga und Bollywood verbunden wird, nicht wie Pakistan mit „dem Terror, dem Morden und der Wut“.

Homeland Elegien“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich rettet, indem er schreibt, auch über an den eigenen Mann gerichtete Fragen nach dem „Araber-Sein“, nach dem Warum „die“ „uns“ so hassen, die Wahnsinnsidee beider Seiten, Akhtar dabei immer ein Querdenker, wenn er das Unverständnis über Bikinis und Miniröcke, über den bizarren Wunsch nach gebräunter Haut, über die Vorstellung von Sauberkeit, „wenn man sich den Hintern mit einem Stück Papier abwischte“, und übers Christentum auflistet: die Heilige Dreifaltigkeit, die unbefleckte Empfängnis, das Ostereier-Färben, den Rentierschlitten.

Im Gegensatz zum westlichen Empfinden Mohammeds als Kinderschänder, da er doch mit Aischa bint Abi Bakr eine Neunjährige ehelichte. Traumdeutung als Mittel, selbst hervorgebrachtes Material zu bearbeiten, ein dramaturgisches Wiederaufführen schlimmster Erlebnisse zu Analysezwecken und die Eindämmung persönlichen Schmerzes auf der Suche nach höherem Zusammenhang – all das formt diesen Roman.

Bild: pixabay.com

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Der Blick aufs Allernächste ist dabei der schonungsloseste: Akhtar thematisiert nicht nur die eigenen aggressiv-sexuellen Obsessionen als werdender Stardramatiker, sondern auch die Alkohol- und Spielsucht seines Vaters. „Homeland Elegien“ ist am Ende das Buch eines „spirituell versehrten Amerikaners“. Akhtar schildert seine „Weigerung so zu tun, als hätte ich kein Problem mit meinem Land oder meinem Platz darin“ – was zu „Geächtet“ und 2013 zum Pulitzer Preis führt. Zu einem gefakten Poster von Akhtar vor den einstürzenden Türmen mit dem Spruch: „Proud of 9/11“ und der Frage, wo Fiktion aufhört und Fakt beginnt.

Des Anwalts Amir Kapoors Satz in „Geächtet“, die Amerikaner hätten 9/11 verdient, ist einer aus Fatima Akhtars Zornesrede nach dem Tod Latifs, und Ayad näher als ihm lieb ist. Vor diesem Hintergrund lautet die Ausgangsbehauptung von Ayad Akhtar, dass das berühmte, auch mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Theaterstück so häufig böswillig verdreht, missverstanden und instrumentalisiert wurde, dass dem Autor im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als via Roman ein paar klärende Worte an die Leserin, den Leser zu richten, bevor die Diskussion vollends aus dem Ruder läuft. Es ist sicher nicht die schlechteste Pointe des Buches, dass diese erzählerische Geste natürlich zutiefst amerikanisch ist.

Die westlich-weiße Mehrheitsgesellschaft teilt die Muslime unter ihren Staatsbürgern in der Regel in moderate und radikale Vertreter des Islams, um sie im nächsten Schritt voneinander zu trennen, und die einen zu integrieren und die anderen zu isolieren. Akhtars Roman entblößt nun den Generalverdacht, der dieser Logik zugrunde liegt, indem er seine Muslime je nach Stimmungslage beides sein lässt: moderat und radikal, pro- und antiamerikanisch, säkular und zutiefst gläubig. Wie das Leben eben so spielt, mal Marschmusik, mal Trauermarsch.

Akhtar rechnet ab mit „westlichen Werten“ und gleichzeitig mit der sinnlosen Ablehnung derselben, mit strukturellem wie Alltagsrassismus, aber auch einer selbstbestimmten Andersartigkeit. Obwohl er in den USA geboren wurde, heißt es an einer Stelle, „hatte auch ich einen willentlichen Anteil an meiner Ausgrenzung, denn ich war, nachdem ich über vierzig Jahre in Amerika gelebt hatte, noch immer bereit, mich als ‚anders‘ zu betrachten“, er rechnet ab mit einer Identitätspolitik, die Muslime als bedingt fähig zum selbstbestimmten, reflexiven Individualismus ansieht.

An Halloween 2017 steht Ayad Akhtar in einem Coffeeshop im New Yorker West Village, Polizeiautos rasen mit Sirene und Blaulicht am Fenster vorbei, einer der Gäste sagt, auf dem West Side Highway hätte es einen terroristischen Anschlag gegeben. „Manche behaupteten, der Täter – dunkelhäutig mit langem Bart – sei aus dem Wagen gesprungen und habe ,Allahu akbar‘ gerufen, bevor er von Polizisten in den Bauch geschossen worden sei. Ich zog mich aus der spontanen Gemeinschaft, die sich bildete zurück. Diese Lektion hatte ich sechzehn Jahre zuvor gelernt, als meine Neugier mich downtown und zu einer Begegnung geführt hatte, von der sich mein amerikanisches Ich wahrscheinlich nie ganz erholen würde …“

Über den Autor: Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Er ist der meistgespielte US-amerikanische Dramatiker der Gegenwart, Akhtars Stücke werden auch an allen großen deutschsprachigen Bühnen gegeben, so „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977) am Burgtheater. Sein Debüt „Geächtet“ gewann zahlreiche wichtige nationale und internationale Preise, darunter den Pulitzer Theaterpreis und 2017 den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Bestes Stück-Autorenpreis für „Geächtet“ am Burgtheater und am Schauspielhaus Graz. „Homeland Elegien“ ist nach „Himmelssucher“ (2012) sein zweiter Roman.

Claassen Verlag, Ayad Akhtar: „Homeland Elegien“, Roman, 464 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.

www.ullstein-buchverlage.de           www.ayadakhtar.com

  1. 1. 2021

Swimming with Men

Juni 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Helden in Badehosen

Bild: © Alamode Film

Die Briten sind bekannt für ihre schrägen Sozialkomödien. Im meisterlichen „Ganz oder gar nicht“ wurden arbeitslose Stahlarbeiter zu Strippern, in „Billy Elliot“ erfüllte sich ein Bergarbeitersohn den Traum vom Ballett. Nun wird abgetaucht. „Swimming with Men“ heißt der neueste Spaß von Regisseur Oliver Parker, der am 8. Juni in die heimischen Kinos kommt. Und wie nicht anders zu erwarten, geht den Inselbewohnern auch mitten im kühlen Nass der trockene Humor nicht verloren.

„Swimming with Men“ ist höchst sympathisch und hat das Zeug zur Sommerkinokomödie des Jahres. Der Inhalt: Buchhalter Eric steckt in der Midlife-Crisis. Seine Frau steigt in der Lokalpolitik zur Stadträtin auf, der Teenager-Sohn entfremdet sich täglich mehr von ihm, sein Job als Buchhalter langweilt ihn unsäglich, das Leben ist graue Monotonie. Allabendlich geht Eric zwar ins Schwimmbad, doch selbst dort hat er als gewissenhafter Angestellter das Handy am Beckenrand liegen. Als er wieder einmal seine gewohnten Bahnen zieht, bemerkt er plötzlich etwas Merkwürdiges: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe an Männern gleitet mehr oder minder elegant neben ihm durchs Wasser, doch will die kunstvollste aller Schwebefiguren nicht gelingen. Zahlenmensch Eric weiß, woran das liegt: Die Amateursynchronschwimmer haben einen Mann zu wenig, um sich geschmeidig zu drehen.

Unversehens wird Eric als neues Mitglied des Wasserballetts, dieser „mittelalten Männer in zu kleinen Badehosen, die aus verschiedenen Gründen komische Figuren im Wasser aufführen“, wie es einer der Charaktere im Film formuliert, aufgenommen, und unterwirft sich dessen strengen Regeln: „Niemand spricht über den Schwimmclub. Was im Schwimmclub passiert, bleibt im Schwimmclub …“. Und während er den Mut findet, sein Leben noch einmal auf den Kopf zu stellen, steht schon die nächste Herausforderung an: Das Team bewirbt sich tatsächlich für die Weltmeisterschaft männlicher Synchronschwimmer …

Bild: © Alamode Film

Bild: © Alamode Film

„Johnny English“-Regisseur Parker hat ein selbstironisches Ensemble ohne auch nur einen „Luxuskörper“ um sich versammelt, das höchst würdevoll die Bäuche über den Hosenbund schwappen lässt. Neben Comedy-Star Rob Brydon als Eric – der Mann mit der stoischsten Miene seit Buster Keaton – sind unter anderem Rupert Graves aus „Sherlock“, Adeel Akhtar aus „Four Lions“, Thomas Turgoose aus „Game of Thrones“ und der aus „Downton Abbey“ bekannte Jim Carter mit dabei.

Charlotte Riley verdreht als toughe Bademeisterin den Männern den Kopf und macht sie fit für den Wettkampf. In diesem wird sogar gegen ein echtes Synchronschwimmerteam, die Mannschaft aus Schweden, angetreten, über die es bereits 2010 den Dokumentarfilm „Men who Swim“ gab.

Dass die Darsteller bei den Schwimmszenen nicht gedoubelt wurden, versteht sich von selbst. „Man könnte, was wir da tun, als organisiertes Ertrinken bezeichnen“, sagt Jim Carter, dem Figuren wie die „Welkende Blume“ oder „Die Schleife“ beigebracht wurden, mit dem ihm eigenen Understatement.

„Ja, man muss viel Vertrauen mitbringen, wenn man sich von einem anderen Mann seine Beine um den Hals wickeln und unter Wasser ziehen lässt“, ergänzt Rupert Graves. Dass die Herren dabei bestmögliche Figur machen, ist nicht zuletzt den wunderbaren Unterwasserbildern von Kameramann David Raedeker zu verdanken. „Swimming with Men“ ist very british, wunderbar skurril und wirklich herzergreifend.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Emhdewg69N0

  1. 6. 2018

Akademietheater: The Who and the What

Mai 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und mit Allahs Hilfe siegt die Liebe

Peter Simonischek und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Natürlich, da sperrt man die Ohren auf: Es geht um den Islam und sein Frauenbild. Es geht um Verschleierung des Gesichts und von Tatsachen. Oder zumindest was man für Zweitere hält. Zarina nimmt sich den Koran als Romanvorlage und schreibt ein Buch über den Propheten. Darin ist dieser auch nur ein Mensch, begehrt seines Nächsten, seines Adoptivsohns, Weib, und nimmt sich Zainab bint Dschahsch schließlich zur Frau.

Sexszenen der beiden werden geschildert, der Skandal ist perfekt. Angestellte von Zarinas Vater werden sich mit Steinen bewaffnen … Darum geht es in Ayad Akhtars „The Who and the What“. Auch. Denn die österreichische Erstaufführung der Tragikomödie am Akademietheater entpuppt sich als Stück über das Wesen der Liebe. Und wie diese mit Gottes Hilfe immer siegen wird. Das ist einem zweifellos näher als der Clinch in einer US-pakistanischen Familie. Und Regisseur Felix Prader arbeitet diesen Aspekt sorgsam heraus. Indem er theatrale Mittel reduziert, aber konzentriert einsetzt, gelingt ihm das Kunststück über den politischen Debattenbeitrag hinaus aufs Mit- und Zwischenmenschliche zu deuten. In Anwesenheit des Autors gab’s Sonntagabend viel Jubel für einen klugen Text voll gewitzten Humors und dessen ebensolche Umsetzung.

Da gibt es also diesen weißhaarigen Herrn, Afzal, der so online-fit ist, dass er sich als seine ältere Tochter, Zarina, auf muslimlove.com anmeldet. Ein Schwiegersohn wird gesucht, der soll streng gläubig und geistig mit ihr auf einer Wellenlänge sein, kein leichtes Unterfangen, diese arrangierte Ehe 2.0 – aber eine Ungeheuerlichkeit, die aufgeht. Eli erscheint auf der Bildfläche, der Konvertit ist Imam und übers Lesen von Malcolm X zum Islam gekommen. Zarina war mal in Ryan verliebt, aber den hat ihr der Vater ausgetrieben, weil er eben nicht übertreten wollte. Und dann ist da noch die jüngere, Mahwish, die seit der Kindheit ein Paar mit Haroon bildet, den sie, um ihn zu be- und gleichzeitig ihre Jungfernschaft zu erhalten, mit Analverkehr befriedigt. Ihr Herz indes gehört seit einiger Zeit einem gewissen Manuel …

Irina Sulaver und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aenne Schwarz und Philipp Hauß. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prader stellt seine Inszenierung ganz in den Dienst dieser Geschichte. Und der Darsteller. Dreh- und Angelpunkt des Abends ist Peter Simonischek als Afzal, ein verschmitzter, liebevoller Vater, gleichzeitig ein der Tradition verpflichteter Patriarch und ein Richtung Moderne übersiedelnder Gemütsmensch. Weit weniger Macho ist der Eli von Philipp Hauß, er changiert zwischen beflissen und weichherzig, und wird am Ende zu seiner Ehefrau stehen, obwohl sie auch seinen beruflichen Werdegang zerstört hat.

Aenne Schwarz spielt die Zarina mit einem wohldosierten Hauch Verhärmtheit. Es ist klar, dass sie Eli auf intellektueller Ebene mehr liebt, als er ihr eine Herzensangelegenheit ist. Irina Sulaver schließlich ist als Mahwish diejenige, die sich in Altüberliefertes fügt, sei’s den Umgang mit Glaubensfragen oder mit Haroon.  Insgesamt agieren die vier sehr sympathisch. Und wie sie das tun. Da sitzt jedes Detail, bei diesem starken Kammerspiel. So geht allerbestes Theater. Indem man mit sehr guten Schauspielern ein brisantes Thema auf unterhaltsame Weise über die Rampe bringt.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2018

The Big Sick

November 15, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Viel mehr als nur eine Multi-Kulti Love Story

Kumail (Kumail Nanjiani) schlägt sich mehr schlecht als recht als Stand-up-Comedian durch. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.

Überzeugen kann man sich davon ab 17. November in den heimischen Kinos. Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders …

Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben. Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten.

Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will …

Im Krankenhaus: Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano) wollen nichts von Kumail wissen. Bild: © 2017 Comatose Inc.

Kumails Mutter (Zenobia Shroff) schleppt Heiratskandidatinnen an. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Bis es mit der Handlung so weit ist, hat das sympathische Protagonistenpaar die Zuschauer schon fest im Griff. Allein die Tatsache, dass hier die wahre Geschichte eines Ehepaars von ihm selbst erzählt wird, reicht aus, dass den beiden die Herzen zufliegen. Zoe Kazan gestaltet die Emily schön hibbelig, sie ist eine Stadtneurotikerin im besten Wortsinn, flutscht nervös hin und her, als wäre sie von Woody Allen erfunden worden, bis ihre Krankheit sie niederstreckt. Kumail Nanjiani ist ein ungemein charismatischer Schauspieler. Ein einziger grinsender Blick von ihm genügt, um ihn und seinen beharrlichen, freundlichen Charakter zu mögen. Warmherzig sind etwa die Szenen, in denen sie mit ihm an seiner One-Man-Theatershow über seine pakistanische Herkunft bastelt, und seinen halbwissenschaftlichen „Diavortrag“ zu einem unterhaltsamen Abend tunt.

Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch. Als sich Kumail seinem Bruder anvertraut, wäre dem lieber, der Jüngere wäre Scheckfälscher oder hätte Fahrerflucht begangen. Man wird mitten im Lokal laut, der Nebentisch mokiert sich, darauf folgt der US-groteske Dialog: „Entschuldigung!“ – „Wir hassen Terroristen!“ Schön auch, wie Emilys Vater zu Kumail über 9/11 sagt: „Ich wollte schon immer mit einem von euch darüber reden.“

Bald aber führt man ehrlichere Gespräche, von beiden Seiten ehrlicher, als Kumail mit seinen eigenen Eltern. Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen fängt die Kamera in diesen Momenten Blicke und gestische Andeutungen zwischen dem ungleichen Trio ein. Und langsam schälen sich komplexe Menschen mit ein paar Macken und auch ziemlichen Problemen aus den Figuren. Aus einer anfänglichen Schutzhaltung vor allem der Mutter entwickelt sich eine Freundschaft.

Zwischen Kumail und Emily (Zoe Kazan) funkt es. © 2017 Comatose Inc., Bild: Sarah Shatz

Herausragend gelingt diese Darstellung von Zoes Eltern, gespielt von Holly Hunter, als Tigermutter wie immer acting over the top, und Ray Romano als desillusioniertem Lehrer und Fremdgeher in einer späten Midlife Krisis. Großartig auch die hart, aber herzliche Comedy-Club-Clique Matty Cardarople als Stu, Rebecca Naomi Jones als Jessie und Kurt Braunohler als Loser Chris. Der Groove dieses Überraschungshits aus den Händen von Regisseur Michael Showalter stimmt.

„The Big Sick“ ist einer der ungewöhnlichsten, bewegendsten und bezauberndsten Liebesfilme seit Langem. Erfrischend unkitschig für eine US-Produktion, und trotzdem zum Tränen Lachen und auch ein paar Weinen. Im Nachspann der True Story gibt‘s noch die echten Hochzeitsfotos.

www.TheBigSick-Film.de

  1. 11. 2017

Burgtheater: Geächtet

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glaubensfragen mit Anchovi-Fenchel-Salat

Eine Einladung zum Abendessen wird Folgen haben: Katharina Lorenz, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Die Einladung zum Abendessen wird Folgen haben: Katharina Lorenz, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Zum Schluss überschlug sich das Publikum vor Glück. Darsteller, Regisseurin und Autor wurden mit tosendem Applaus bedankt, der Beweis dafür, dass Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann einmal mehr das richtige Gespür dafür hatte, womit man Zuschauerreihen und Kasse füllt. Heimkehrerin ans Haus Tina Lanik inszenierte das 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Debütstück „Geächtet“ des US-Autors Ayad Akhtar als Österreichische Erstaufführung.

Akhtar hat seine familiären Wurzeln in Pakistan, und aus diesem Umstand hat er einen Text gezimmert, nach dem Motto: Treffen sich ein Jude, ein Muslim, eine Weiße und eine Afroamerikanerin zum Abendessen … Oft und gerne wird er mit Yasmina Reza verglichen, was stimmt punkto der Schablonenhaftigkeit seiner Figuren, was nicht stimmt hinsichtlich ihrer scharf geschliffenen, sarkastischen Dialoge. „Geächtet“ ist weder Boulevard, wiewohl sich Lanik für ihre Arbeit vieler seiner Mechanismen bedient, noch Konversationsstück, und auch nicht deren beider „Anti“-Spielart. Es ist ein sich gegenseitig bereits sattsam bekannte Urteile und Vorteile An-den-Kopf-Werfen, eine platte Belanglosigkeit über Glaubensangelegenheiten bei Anchovi-Fenchel-Salat, und auch, wenn Theater auf das Rätsel, warum die drei abrahamitischen Religionen nicht und nicht miteinander können, natürlich keine Antwort geben kann, so wären doch zumindest spannendere Fragen möglich gewesen. Nichts Neues gibt es hier zu erfahren und zu begreifen oder gar anzunehmen. Ob es sein muss oder ob es tatsächlich so sein muss, das weltpolitisch brisanteste Thema dieser Tage in der Art auf einer Bühne zu verhandeln, ist immerhin eine der offenen, mit denen man das Theater nach eindreiviertel Stunden verlässt.

„Ironie wird überbewertet“, heißt es an einer Stelle im Stück, doch Lanik weiß sich Luft zu verschaffen, indem sie Witz und Gewitztheit über ihre Inszenierung einbringt. Als wolle sie das, was sie da so konservativ-konventionell im designerweißen Ambiente von Stefan Hageneier abschnurren lässt, konterkarieren, arbeitet sie mit kleinen Gesten heraus, dass hinter Akhtars teilweise zutiefst amerikanischen Klischees auch eine Wahrheit über gesellschaftliche Gruppenidentitäten und deren Krisen steckt, über ein „Wir“- und „Ihr“-Gefühl, dass in Europa längst, sicher länger als in den USA beheimatet ist. Lanik verlässt sich ganz auf ihre Schauspieler, und sie tut gut daran, weil die vier es meisterlich verstehen, ihren Figuren Fleisch und Blut anzuhaften.

Vor allem Fabian Krüger und Nicholas Ofczarek gelingt das glänzend, Katharina Lorenz und Isabelle Redfern haben es etwas schwerer, weil die Frauenfiguren besonders blass sind, doch beide finden mit Bravour eine Linie in der Konturlosigkeit ihrer Rollen. Krüger spielt als Amir überzeugend einen Mann, der sich gegen die Islamophobie seiner Umgebung einen Schutzpanzer aus lässiger Coolness zugelegt hat. Alles hat er getan, um einer unter gleichen zu werden, selbst den pakistanischstämmigen Familiennamen Abdullah gegen den gefälligeren indischen Kapoor getauscht. Dem Islam und dem Koran hat er, weil „eine lange Hate-Mail an die Menschheit“ abgeschworen, nun wartet der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt darauf, zum Partner seiner Kanzlei befördert zu werden. Er ist so überheblich, borniert und gelackt, wie die WASP, von denen er gern einer wäre, doch hat er sich diesen Status nur erheiratet.

Isaac will mehr als nur Emilys Bilder ausstellen. Katharina Lorenz und Nicholas Ofczarek. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Isaac greift bei Emily gern einmal zu: Katharina Lorenz und Nicholas Ofczarek. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Am Ende eskaliert die Situation in häuslicher Gewalt: Katharina Lorenz und Fabian Krüger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Am Ende eskaliert die Situation in häuslicher Gewalt: Katharina Lorenz und Fabian Krüger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Durch Emily, dargestellt von Katharina Lorenz, eine verträumte, leicht verpeilte Malerin, die sich ein ihren Bedürfnissen angepasstes Bild vom Islam zurechtgerückt hat. Das besteht vor allem in ihrer großen Bewunderung der Ornamentik und des Architekturdekors, was sich als der große Ehekonflikt mit Amir entpuppt – hie Kunst, hie IS-„Kalifat“, da Verklärung, dort Verteufelung. Der zweite teflonbeschichtete Erfolgsmensch ist Isaac, Nicholas Ofczarek gibt den Kurator vom Whitney als von sich selbst besoffenen, süffisanten Intellektuellen. Extradry attackiert er Amir mit seinen alltagsrassistischen Sticheleien.

9/11, dieses große Trauma, muss vorkommen, ebenso der Israel-Palästina-Konflikt. Isaac ist Jude – und verheiratet mit einer Afroamerikanerin, Isabelle Redfern, die es aus dem Ghetto an die Spitze der New Yorker Anwaltschaft gebracht hat. Sie wird Amir die Beförderung vor der Nase wegschnappen. Der hat sich nämlich durch familiäre Verstrickungen verdächtig gemacht und ist nun im Visier von Freunden und Vorgesetzten. Was folgt, ist klar, wie das Amen im Gebet: Alkohol und Eskalation. Amir wird in eine Verteidigungshaltung gedrängt, und es sind die besten Momente des Abends, wenn Krüger und Ofczarek sich mit ihren Provokationen gegenseitig hoch lizitieren.

Dabei wird wie unterm Stammtischwimpel mit den Begrifflichkeiten jongliert, Glaube, Religion, ihn vereinnahmende, sie ausführende Institutionen, Fanatismus bis zum Terrorismus, alles schlagen Amir und Isaac über ein Leisten, ohne, dass der Autor an einer Stelle deutlich definierend eingreift. In den USA, und auch in Deutschland, wo das Stück unter anderem am Münchner Residenztheater zu sehen war, wurde „Geächtet“ von islamophilen wie islamophoben Gruppen mit lautem Hurra! begrüßt. Auch dies ein Zeichen dieser Zeit. Und unterm Strich betrachtet das stärkste, das Ayad Akhtar zu setzen vermag.

Am Ende gibt’s häusliche Gewalt, der in der öffentlichen Meinung Unterdrückte rächt sich, indem er, wie’s ihm Sure 4:34 ja gestattet, seine Frau abwatscht, und mit Christoph Radakovits einen Neffen, der sich in einer Moschee den Islamisten angeschlossen hat. Im Programmheft zieht Dramaturg Florian Hirsch Lessings weisen „Nathan“ an den Haaren herbei. Bei Akhtar kommt das Christentum gut weg, weil’s nicht vorkommt, seine jahrhundertelange, Globus umspannende Missionierung als Mordsinstrument des Herrn, die Verfolgung Andersgläubiger, die Geldbeschaffungsmaschine „Glaube“ … Dem Judentum wird ewige Wehleidigkeit und Verfolgungswahn bescheinigt – dies aber mutmaßlich schon Inhalt des ältesten jüdischen Witzes der Welt.

www.burgtheater.at

Wien, 27. 11. 2016