Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

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  1. 4. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

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  1. 4. 2019

Akademietheater: Die Stühle

April 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Endzeit-Clownerie

Die Alten erinnern sich vergnügt an vergangene Tage: Maria Happel und Michael Maertens. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ganz am Schluss, da ist die Bühne schon bis auf „Die Stühle“ leer, schrillt noch einmal die Theaterklingel, ist das Gemurmel eines platznehmenden Publikums zu hören, Programmhefte rascheln, Füße scharren.

Ein schönes letztes Bild für Eugène Ionescos surreale Stücksituation, und von Regisseur Claus Peymann derart als Spiel-im-Spiel gekennzeichnet.

 

Mit seiner Inszenierung der vom Autor so genannten „tragischen Farce“ am Akademietheater verabschiedet sich der einstige Burg-Herr vom Haus. Nicht von Wien, soll er sich doch dem Vernehmen nach kommende Saison mit Thomas Bernhards „Ein Fest für Boris“ an der Josefstadt beheimaten. Das passt punkto Liebe zu Schauspielern und zum Schauspielertheater exemplarisch: Für „Die Stühle“ hat sich Peymann aus dem Ensemble zwei Publikumsmagneten auserkoren, Maria Happel und Michael Maertens, und deren Lust an der Ausübung ihrer Profession lässt er ohne viel Regie-Chichi freien Lauf. Zu dritt, und wegen Peymanns Erkrankung an einer Virusgrippe in den Endproben plus Leander Haußmann, hat man beschlossen, das Endzeitdrama als groteske Clownerie anzulegen.

Eine Übung, die Happel und Maertens naturgemäß aus dem Effeff beherrschen: Immer schnell, bevor die Postapokalypse allzu sehr im Greisensentiment versinkt, ein wenig Slapstick einzusetzen – die Happel eine Lachwurzn, der man ohnedies nicht widerstehen kann, Maertens als ihr quengeliger Muttersöhnchen-Ehemann, der mitunter auch auf ihrem Schoß Schutz sucht.

Dass die Maske sie als eine Art Stummfilmpaar ausweist, verstärkt den Eindruck, auch die Kostüme von Margit Koppendorfer, für Die Alte ein tiefdekolletiertes Colombinenkleid, darunter rote Strapse – sieht man, als Happel kurz zum Cancan ansetzt, für Den Alten eine bis über die Bauchmitte hochgezogene Altherrenhose. Über der zunehmend von Sitzgelegenheiten zugemüllten Bühne von Gilles Taschet gibt ein kaputter Kristallluster nur noch schwach-funzeliges Licht, in seinen Armen hat sich eine einsame Luftschlange verfangen, als wär‘ sie eine Reminiszenz an vergangene Feste. Zwischen unzähligen Türen, durch die die imaginierten Gäste nach und nach eintreten, und zwei Leitern Richtung Nirgendwo bereiten Poppet und Semiramis die Verkündung von Laienphilosoph Poppets Botschaft an die Nachwelt vor.

Poppet und Semiramis verlieren sich zwischen den Stühlen: Michael Maertens und Maria Happel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dem Redner fehlt es an Selbstlauten: Mavie Hörbiger malt die Zeichen an die Wand. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Maria Happel und Michael Maertens zuzusehen, ist die reine Freude. Es geht gar nicht anders, als mitzukichern, wenn er ihr „die Geschichte“ erzählt, die sich einem zwar nicht erschließt, aber offenbar mit Paris und Varieté-Milieu zu tun hat, oder schadenfroh zu schmunzeln, wenn sie sich über seinen mangelnden Ehrgeiz beschwert, wo er doch Chef-Soundso werden hätte können. Von Moment zu Moment kippt Maertens vom Lächerlichen ins Weinerliche, vom Hysterischen ins Herrische. „Trink deinen Tee“, schnauzt Poppet Semiramis immer wieder an, und Happel formt gehorsam mit den Händen eine entsprechende Tasse.

Später wird sie Programme und Bonbons zum Verkauf anbieten, er Chansons brummeln. Es ist dieses virtuose Interagieren, das reduzierte Spiel mit Gesten und Abstraktionen, das den Abend auszeichnet. Wunderbar auch, wie die beiden die diversen herbeifantasierten Honoratioren in Empfang nehmen, von den gnädigen Frauen bis zu den Obristen, die Journalisten als überlebensgroß angedeutet, an die jeweilige Persönlichkeit angepasst mal charmant, mal zackig, mal katzbuckelnd, Poppets konfuse Komplimente, echohaft wiederholt von Semiramis. Wie Happel und Maertens mit den Unsichtbaren kokettieren

– „Sie sind ja ein Wüstling!“, ruft die Happel einem davon zu, wie sie so verpuffte Träume und verwehte Sehnsüchte als Andeutung stehenlassen, das ist beinah schon psychologische Ehekriegsführung zu nennen. Dann wieder ein Zueinander-Flüchten, als man sich zwischen den Stühlen verloren glaubt.

Zu Leonard Cohes „Show Me The Place“ wird schließlich die Nebelmaschine angeworfen, um die Ankunft des Kaisers höchstselbst anzukündigen. Für ihn schwebt ein Stuhl samt Samtkissen vom Schnürboden herab. Auftritt endlich Mavie Hörbiger als Der Redner, der Poppets Sinnieren über den Sinn des Daseins wiedergeben soll, jedoch nur unverständlich stammeln kann. Bei Peymann kommt er gar nicht wirklich zu Wort. Stattdessen schreibt er ein „Adieu!“ an die Wand, während die Alten als rote Luftballons aus ihrem Isolationsraum entschwinden. Einiges wurde nach dieser Premiere diskutiert, ob es erlaubt sei, den Leerlauf der menschlichen Existenz so leichthin auf die Bühne zu heben. Dabei, das hat Peymann gar nicht. Vielmehr gelingt es ihm, so lange die perfekte Balance zwischen Tragödie und Komödie zu halten, bis die beiden Kategorien ineinander verwischen. Diese „Stühle“ sind ein kleiner Triumph großer Schauspielkunst. Mehr ist von einem Theaterabend kaum zu verlangen.

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1. 4. 2019

Akademietheater: Zu der Zeit der Königinmutter

Februar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorhänge zu und alle Fragen offen

Der Fremde wird konfrontiert mit Feindseligkeit: Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer, Simon Jensen und Sven Dolinski. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Nein, dass sich einem dieser Abend erschließt, kann man wahrlich nicht behaupten. Soll er mutmaßlich auch nicht. Denn Autor Fiston Mwanza Mujila, 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, seit zehn Jahren in Graz lebend und mit seinem Debütroman „Tram 83“ gleich auf der Longlist für den Man Booker International Prize gelandet, versteht sich als Poet, dessen Sache nichts weniger ist, als Wirklichkeit abzubilden. „Aus Chaos entstehen Texte“, ist sein Ausspruch dazu.

Mit seiner Mythensammlung „Zu der Zeit der Königinmutter“, gestern von Regisseur Philipp Hauß am Akademietheater zur Uraufführung gebracht, hat er Neues versucht. Zunächst einmal, erstmals auf Deutsch zu schreiben. Und das merkt man dem Stück, das keines ist, das keinen Plot hat, kein klar zu fassendes Thema umreißt, durchaus an. Mwanza Mujila, der gerne Saxophonist geworden wäre, komponiert seine Schriften im Jazzflow, liest er sie selbst, tut er das lachend, schreiend, singend, und so war’s ihm wohl diesmal darum getan, den Klang seiner nunmehr sechsten Sprache auszukosten. Tatsächlich erinnert seine Arbeit mit ihren sich steigernden Assoziationsketten, den prallen Bildern und dem dichten Rhythmus auch an die explosive Vielfarbigkeit der Gemälde eines Bona Mangangu. „Zu der Zeit der Königinmutter“ ist ein Text mit wenig Angeboten fürs Theater. Dafür entschädigen die zahlreichen Geschichten, von afrikanischen bis biblischen, die man erzählt bekommt.

Dies von einem hervorragenden Ensemble, allen voran die wunderbare Gertraud Jesserer, allesamt virtuose Sprachspieler, die durch ihre Intonation das weitgehende Fehlen von Interaktion vergessen machen. Schauplatz ist, wie schon in „Tram 83“, ein Schankraum, die New-Jersey-Bar, von der Minimalistin unter den Bühnenbildnern, Katrin Brack, einzig durch als Vorhänge eingesetzte bunte Stoffbahnen gestaltet, ein Zufluchtsort für Gestrandete, ein zwielichtiges Völkchen, das in Raum und Zeit festzustecken scheint. Sven Dolinski und Simon Jensen changieren als Mannfrauwesen zwischen Prostituierten und Sapeurs, ihre pastelligen Teddyplüschmäntel konterkariert die Band, Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Elena Todorova, mit Black-Sabbath-Akkorden. Hauß‘ Humor ist unbedingt ein surrealer.

Gertraud Jesserer erzählt vom gewaltsamen Tod der Königinmutter; hinten: Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Simon Jensen. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Mirco Kreibich erzählt vom schrecklichen Schicksal des Lehmjungen Solo. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Markus Hering könnte man mit Fatsuit und fettigen Haarsträhnen als ekligen Wirt interpretieren, so wie eben alles der Interpretation des Betrachters überlassen ist. Auftritt mit Mirco Kreibich ein Fremder, makellos gekleidet, herummäkelnd am Bier und an den sanitären Anlagen – und kurz riecht es nach Streit. Die meiste Zeit aber tauscht man sich über Legenden aus. Die von Jakob, der zu Mamba Muntu, der menschenfressenden Schlange, wurde, die vom König, der nicht schlafen konnte, die vom Lehmjungen Solo, der sich entgegen der Warnungen seiner Eltern dem Regen aussetzt und auf schreckliche, schmerzhafte Weise zerfließt.

Und wenn da gesagt wird: „Solo konnte nicht einmal jammern, weil er kein Gesicht, keinen Mund und keine Nase mehr besaß. Ein großes Loch in der Mitte seines Gesichts … Er konnte weder sehen noch schreien. Sein Kopf war halb matschig, halb zerstört … Sein Körper knackte“, kann man schwer umhin, nicht an die Geschichte des Kongo zu denken, Gewalt und Folter und systematische Säuberungen von Leopold II. bis Mobutu – in dessen Kleptokratie Fiston Mwanza Mujila ja noch zur Welt kam. „Der Hass hat einen Bauch und zwei Füße“, heißt es an einer Stelle.

Doch Mwanza Mujila definiert nicht näher, was er mit diesen Passagen, manche wie Glaubenssätze, manche die Fragwürdigkeit von Heimat und Herkunft ausstellend, manche über Goldminen und gierige Männer, meint. Einmal sagt Markus Hering: „Ich übernehme die Verantwortung für den Kolonialismus und die Sklaverei“, und wird wegen „billiger Philosophie“ gescholten, einmal verortet Mwanza Mujila ein Ereignis: Der immer wieder beschworene „Fluch von 1976“ kann als das erste bekannte Ausbrechen des Ebola-Virus in Yambuku gedeutet werden. Mehr durchdekliniert wird an diesem suggestiv-kakophonischen Gedicht nicht, Philipp Hauß, er ebenfalls ein Musiker, er spielt die Geige, hat all seine inszenatorische Energie in die Schauspielerführung und ins Atmosphärische investiert und auf das Dechiffrieren von Codes verzichtet. Man selbst hat vielleicht zu viel und zu erhitzt Jean Ziegler und Emmanuel Mbolela gelesen und Milo Rau gesehen.

Auch getanzt wird in der Bar: Patrick Dunst, Mirco Kreibich, Simon Jensen, Markus Hering, Sven Dolinski, Komparsen-Bär und Gertraud Jesserer. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Am Ende – die Jesserer. Die bis dahin meist stumm das Tun der anderen verfolgte. Nun aber erzählt „die kleine Gertraud“, woran sie sich vom Ende der Königinmutter erinnern kann. Die die Menschen bei sich aufnahm, ihnen Nahrung und Kleidung gab – und als Prophetin ihren Tod vorhersah, ihr Sterben durch ein Messer. Allein das dunkel raunende Timbre ihrer Stimme lässt einen nicht mehr denken, Mwanza Mujilas Partitur weiteren Analyse- unternehmungen zu unterziehen.

So bleiben, um einen Großen zu paraphrasieren, Bracks Vorhänge zu und alle Fragen offen.

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  1. 2. 2018

Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

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30. 11. 2018