Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Akademietheater: Vögel

September 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Burg- wird nun ein Internationaltheater

Die gar nicht liebe Familie: Eli Gorenstein als Großvater Etgar, Sabine Haupt als Mutter Norah, Markus Scheumann als Vater David, Jan Bülow als Eitan Zimmermann und Yousef Sweid als Rabbi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Er hat es bereits vor Amtsantritt angekündigt, und Martin Kušej setzt sein weltoffenes Ansinnen, das Burg- von Österreichs Nationaltheater zum Internationaltheater zu machen, mit der zweiten Premiere seiner Intendanz auch schon um: Am Akademietheater zeigt der in Israel geborene Regisseur Itay Tiran, er in dieser Funktion sowie als Schauspieler neues Ensemblemitglied, Wajdi Mouawads „Vögel“ als Österreichische Erstaufführung.

Das aktuelle Erfolgsstück des frankokanadischen Schriftstellers libanesischer Herkunft, der in Wien spätestens seit „Verbrennungen“, 2007 am Akademietheater, bekannt ist, ist der perfekte Stoff für Kušejs Idee des Kosmopolitischen, ereignet es sich doch auf drei Kontinenten, in den vier Sprachen Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch, und die Schauspieler switchen zwischen ihnen, dass vom von manchen gefürchteten babylonischen Sprachgewirr keine Rede sein kann. Dazu hat Bühnenbildner Florian Etti die notwendigen Übertitel so ins Setting integriert, dass ein einfaches Mitlesen möglich ist.

Eitan und Wahida wollen nur ihre Liebe beschützen: Jan Bülow und Deleila Piasko. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Doch Eitan wird in Israel bei einem Attentat schwer verletzt: Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Mouawad erzählt in „Vögel“ vom konfliktträchtigen Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, genauer gesagt: Er schildert die Verwerfungen des Nahostkonflikts anhand dreier Generationen einer jüdischen Familie, die Vererbung des Shoah-Traumas an die Nachkommen – und die Ausweglosigkeit bei der Suche einer friedlichen Lösung mit den Palästinensern. Itay Tiran nennt seine Inszenierung im Interview mit der Bühne ein „Identitäts-Experiment“, und tatsächlich steht über allem die Frage, wer diese zu definieren und über sie zu bestimmen hat. Gruppenidentität sei das Grundübel der Menschheit, heißt es dazu an einer Stelle.

Cast und Crew sind Kinder vieler Länder, in der Mehrzahl kommen sie aus Österreich, Deutschland, Palästina und Israel. Und so spielt die arabisch-israelische Salwa Nakkara die Israelin Leah Kimhi oder Deleila Piasko, Tochter einer Schweizer jüdischen Familie, die Araberin Wahida. Jan Bülow und Markus Scheumann gestalten, oft auch Hebräisch sprechend, die Rollen des Eitan Zimmermann und seines in Berlin lebenden Vaters David, jene Figur, als die Itay Tiran am Schauspiel Stuttgart selbst auf der Bühne stand. Der hochbegabte Genetikstudent Student Eitan bändelt also in der New Yorker Universitätsbibliothek mit der Geschichtestudentin Wahida an.

Das Buch, das sie liest, sagt er, fasziniert ihn, dieses das Thema ihrer Doktorarbeit, dessen Protagonist Hasan al-Wazzan, im späten 15. Jahrhundert in Granada geboren, später Diplomat des Sultans von Marokko, noch später, 1518, von Piraten im Mittelmeer gefangen genommen und Papst Leo X. zum Geschenk gemacht. In Natalie Zemon Davis‘ Buch „Trickster Travels“ ist nachzulesen, wie der Pontifex sich rühmt, den Muslim zum Christentum gebracht zu haben, doch ist ungewiss, ob der nunmehrige „Johannes Leo Africanus“ den fremden Glauben nicht nur zum Schein angenommen hat. Als Ikone kultureller Verflechtung ist al-Wazzan mit seinem lebenslangen Bemühen, den Europäern einzubläuen, dass die islamische Welt kein Satansort ist, jedenfalls der psychologische Überbau von Mouawads Gesellschaftsdrama.

Eitan eröffnet seinen darob entsetzten Eltern, dass er mit der US-arabischen Wahida lebt: Markus Scheumann und Sabine Haupt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die geschiedenen Großeltern hüten seit Jahrzehnten ein Geheimnis: Eli Gorenstein und Salwa Nakkara als Leah Kimhi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Der nerdige Mansplainer Eitan, von Bülow in Anbetracht seiner Eigenheiten mit etwas Overacting angelegt, wird wirklich die große Liebe der attraktiven Wahida, und so reist er zu seinen Eltern nach Berlin, Vater David, seinerseits Sohn des Holocaust-Überlebenden Etgar und als solcher schwer erkrankt am Überlebensschuld-Syndrom, und die von Sabine Haupt dargestellte Mutter Norah, Tochter jüdischer Kommunisten aus der ehemaligen DDR. David hat zu Arabern die einschlägig bekannte Meinung, beim gemeinsamen Abendessen donnert er sein Veto gegen diese Verbindung, und bekundet Norah, wiewohl Verständnis für die Gefühle ihres Sohnes habend, dass sie sich nie gegen ihren Mann stellen wird, wogegen Großvater Etgar verzweifelt versucht, die Wogen zu glätten.

Eli Gorenstein gibt diesen liebenswert-eigenwilligen Charakter, der israelische Schauspieler, Regisseur, Sänger und Cellist, der in seiner Heimat sowohl als böser Scar im „König der Löwen“ als auch mit seiner Interpretation von Frank-Sinatra-Songs ein Star ist, ist mit seinem Changieren zwischen der Last der Vergangenheit und den Auseinandersetzungen der Gegenwart das darstellerische Highlight der Aufführung. Indes kommt Eitan einem Familiengeheimnis auf die Spur, ist doch David nicht der, der er selber zu sein glaubt, sondern augenscheinlich ein Sohn des von ihm so deklarierten „Untermenschenvolk“. Um das zu verifizieren reist Eitan mit Wahida nach Israel, wo er seine Großmutter sehen will, die sich, eben damit dieses Geheimnis nicht aufgedeckt wird, vor Jahrzehnten von Etgar trennte und ihn und David nach Europa drängte.

Salwa Nakkara macht aus dieser Leah Kimhi erst sozusagen des Teufels Großmutter, eine zynische, streitsüchtige, ihr Umfeld verschreckende Frau, zumindest bis sich die Schleier über den Geschehnissen lüften. Und während Wahida in Israel allmählich ihr verdrängtes arabisches Ichbewusstsein wiederentdeckt, wird Eitan Opfer eines Terroranschlags, auf den Tod verletzt liegt er im Krankenhaus, und Leah muss sich mit der Sippe in Deutschland in Verbindung setzenVerpackt hat Autor Wajdi Mouawad das alles in der Form eines subtil humorvollen Konversationsstücks, und Itay Tiran bedient gekonnt die Mechanismen dieses Well-made Play. Für die fließenden Übergänge von Ort und Zeit sorgen vier verschiebbare Quaden, auf die Videos von Yoav Cohen, atmosphärische Vogelmuster, Nachrichten- und Propagandabilder, denn selbstverständlich lässt Mouawad Sabra und Schatila nicht unerwähnt, Stadtkulissen, und eben die Schriften projiziert werden.

Nadine Quittner als lesbische Soldatin Eden mit Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Übertitel sind ins Bühnenbild integriert: Deleila Piasko und Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Neben Markus Scheumann als dauermürrischem, alles Nichtjüdische ablehnenden David, dessen historische und gegenwärtige Feindbilder letztlich Synonyme seiner zutiefsten Seelenverletztheit sind, und Sabine Haupt als zwischen nervös flirrend und leicht hysterisch schwankender Norah, spielt Nadine Quittner die lesbische Soldatin Eden, die eine Leibesvisitation Wahidas zu deren Vergewaltigung macht, und Yousef Sweid den Wazzan und einen Rabbi. Deleila Piasko und Jan Bülow sind ein zu Herzen gehendes „Die Schöne und das Biest“-Paar. Mit ausreichend Pathos geht’s einem Ende entgegen, an dem nicht alle Figuren lebend ankommen.

Eitan, von der nun ganz in ihrer Abstammung aufgehenden Wahida verlassen, klagt über die Unversöhnlichkeit ihrer beiden Völker, über Vorurteile und permanente Verdächtigungen, über Engstirnigkeit und Hang zur Radikalität. Das natürlich ist die Botschaft, die nach dreieinhalb forderndem Stunden Theater den großen Schlussapplaus bewirkt. Lautester Publikumslacher des Abends: Als David seine Mutter drangsaliert, weil er wissen will, was sie mit Wahida und Norah besprochen hat, antwortet Leah auf ihre berühmt-berüchtigte Art: „Wir reden übers Hochzeitsessen, können uns aber nicht entscheiden: koscher oder halal“.

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  1. 9. 2019

Akademietheater: Joachim Meyerhoffs „Land in Sicht“

April 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten aus den 280 Kladden des Ignaz Kirchner

Joachim Meyerhoff zeigt Erinnerungen von seinem und an seinen großen Schauspielkollegen Ignaz Kirchner. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Drei Stunden Theatermonolog sind für gewöhnlich etwas, das sowohl dem Sprecher als auch dem Publikum an die Substanz geht. Außer freilich, es ereignet sich Außergewöhnliches, wie nun am Akademietheater, wo Joachim Meyerhoff unter der Überschrift „Land in Sicht“ eine theatrale Gedenkfeier für Ignaz Kirchner gestaltet. „Weiter, weiter“ steht als Motto des Meyerhoff’schen Projekts vorne auf dem Programmheft, und so geht’s einem beim Anhören dieser Erzählungen, Erinnerungen, Erläuterungen.

Wenn ein grandioser Schauspieler vom anderen schwärmt, dann will man noch jenseits jedes Zeitlimits mehr erfahren. Man habe, eingedenk der fulminanten Burgzerlegungsfarce „Robinson Crusoe“, längst schon vorgehabt, gemeinsam ein Stück zu machen, sagt Meyerhoff, und weiß von mindestens drei fehlgeschlagenen Versuchen, deren fertige Bühnenbildmodelle er auch herzeigt. Eine neue Idee war in Arbeit, aber es kam nicht mehr zur Ausführung. Ignaz Kirchner verstarb vergangenen September. Doch da waren diese Notizbücher, die schwarzen mit den roten Ecken, „Ignaz‘ Farben“, so Meyerhoff, von denen er bei Gelegenheiten einige als Geschenk erhalten hatte. Vierzig Jahre hat Kirchner in diese Hefte Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften geklebt, dabei Kurioses, Fatales, Skurriles, das Abgründige im Alltäglichen wild gemischt festgehalten, Erich Honecker samt Frau neben dem Bild einer Fließbandschlachtung, und jede seiner Entdeckungen mit mal ironischen, mal nachdenklichen Bemerkungen versehen.

Die Welt ein Menschenleben lang mit Verwunderung, auch Fassungslosigkeit betrachtet. Wie viel Geschichte und G’schichten in ein solches passen, erfuhr Meyerhoff, als ihm Kirchners Kladden von dessen Frau zur Verfügung gestellt wurden, 280 an der Zahl, aufgeteilt auf vier Kartons, aus denen er in Komplizenschaft mit einem Auditorium voll Kirchner-Fans Auszüge präsentiert. Dass Meyerhoff dies begnadet gut tut, wird jedem einleuchten, der die irrwitzigen Lesungen seiner autobiografischen Bücher kennt. Dem verehrten, jähzornig liebevollem, vergrübelt spitzbübischem Kollegen nähert er sich mit einem ähnlich dreisten Mix aus Unverfrorenheit und Hochachtung, wenn er frech über dessen Vorliebe für Frauen-in-Dessous-Fotos und Schuhfetischismus feixt.

Die 280 Kladden aus den vier Kartons hinten …: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… werden auf die Bühne gestapelt: Mirco Kreibich, Fabian Krüger und Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

All diese Aufnahmen, von Frank-Patrick Steckel „Wichsvorlagen“ genannt, natürlich welche fürs Rollenstudium. Wie nebenbei plaudert Meyerhoff aus dem Nähkästchen großer Schauspielkunst, er ist der geborene Entertainer, und wie stets, wenn eine Parentation gehalten wird, befasst sich der Vortragende über weite Strecken mit sich. Eine Form charmanter Selbstinszenierung, die dem Charismatiker weder fremd noch irgend unangenehm ist, und so karikiert er ungeniert seine mimischen Anfänge, als er, gefangen im magischen Dreieck Stein – Castorf – Dorn und darob an seiner Berufswahl bereits ver-/zweifelnd, eine Aufführung mit Gert Voss und Ignaz Kirchner gesehen habe.

Ewigkeiten vorm persönlichen Kennenlernen. Und um festzustellen, dass man am Theater nicht nur heiligen Bierernst haben müsse, sondern trotz „intellektueller Durchdringung“ kauzigen Spaß haben kann. Später wird er von der Garderobenhackordnung bei Hartmanns Einstandspremiere „Faust“ berichten, als Tobias Moretti lieber auf die Damenseite wechselte, wo „Gretchen“ Katharina Lorenz das Feld räumen musste, als sich Gert Voss im Kampf um die „Einser“ geschlagen zu geben, während Kirchner, zufrieden im Komparsenkämmerchen, der Bühne ohnedies am nächsten war.

Dann wiederum prahlt er bescheiden über sein Einspringer-Erlebnis als Mephisto nach dem Voss’schen Beinbruch, ein Parforceritt, Europas besten Schauspieler zu ersetzen, der belohnt wurde, als ihn zu des Meisters Rückkehr dessen Anruf ereilte, mit der Frage, ob er ein, zwei Einfälle zur Figur von Meyerhoff entlehnen dürfe. Derart Anekdoten, die Einblicke hinter die Kulissen, die augenzwinkernd bloßgelegten Eitelkeiten, erfreuen selbstverständlich das Zuschauerherz. Meyerhoff zur Seite stehen Mirco Kreibich und Fabian Krüger als sprachlose Slapstickdeppen, Bühnenarbeiter-Persiflagen, die hämmern und sägen und hochklettern und herumtollen, als wollten sie das Setting von Jenny Schleif mit Hebemaschine und Motorsäge erst aufbauen.

Wird Meyerhoff politisch, ertränken sie seine Sätze in ihrem Baulärm. Etwa, wenn Meyerhoff etwas zur FPÖ und zum braunen Rand und Kirchners Aversion gegen die neue Regierung sagen will, doch man nur sieht, wie er den rechten Arm streckt und gerade noch hört: „… und das alles also hätte Ignaz gern mit Strache gemacht“. Kirchner liebte solche Narreteien, veranstaltete auf der Bühne mitunter selber eine, und wenn Kreibich und Krüger mit ihren Chaosaktionen die von Meyerhoff dringlich geforderte Konzentration stören, wenn sie dem „Star“ einmal im Wortsinn die Latte hoch hängen, dann sorgt das für eine Luftigkeit, die die allgemeine Rührung samt der dramatischen Musik von Pianistin Johanna Marihart und Keyboarder Philipp Quehenberger tröstlich übertüncht.

Die Störenfriede können auch gut Gitarre: Fabian Krüger und Mirco Kreibich. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Radfahrer-Stück kam nicht mehr zustande; am Klavier: Philipp Quehenberger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stolz auf ihre Seelenverwandtschaft, auf ihre Männerfreundschaft, in der übers Innerste nicht gesprochen werden musste, um sich nah zu sein, zeigt Meyerhoff die Seiten aus Kirchners Notizbüchern, projiziert sie auf einen riesigen Screen, Ausschnitte verhasster Politiker, den grinsenden Kohl, den selbstgefälligen Franz Josef Strauß, den sonnengegerbten „Sonnyboy“ Haider, „Visagenzorn“ hätte Kirchner da getrieben, sagt Meyerhoff. Bilder von Peymann und Tabori und von einem Mann mit einem ausgestopften und zwei lebenden Hunden, Bildtext: „Er liebt sie alle gleich“.

Unter einem Porträtfoto hat der junge Ignaz Kirchner ironisch vermerkt: „Jaja, mein Schweinegesicht, das ist mein Kapital“. Meyerhoff liest das amüsiert vor. In der Pause verteilt ein Clown im Foyer Gedichte, die Kirchner mochte. Zum Höhepunkt strampeln sich ein paar Statisten als Radrennprofis die Seele aus dem Leib, dies wäre das Stück gewesen, dass Meyerhoff für Kirchner nicht mehr fertigen konnte. Der foulende Fahrer gewinnt. Am Ende zieren die Kladden die Brandmauer wie Grabsteine eine Urnenwand, darunter Kostüme zu Kirchners berühmtesten Rollen – der Reliquienschrein zum Requiem.

„Land in Sicht“, behauptet Meyerhoff, sei nur ein Nonsenstitel für seine Séance, weil Karin Bergmann ihn schon nach einem gedrängt und er gerade Rio Reisers Song gehört hätte. Das muss man nicht glauben, wo sich doch die „Robinson Crusoe“-Assoziation geradezu anbietet. Als die aufwendige Produktion aus Kostengründen in Doppelvorstellungen gezeigt werden musste, und Meyerhoff deswegen Befürchtungen hegte, zerstreute sie der Tennis-affine Kirchner mit folgendem „Na und?“: „Federer und Nadal spielen fünf Stunden!“ Weiter, weiter …

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  1. 4. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

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  1. 4. 2019