Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

sirene Operntheater: Uraufführung von „Chodorkowski“

November 12, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Königsdrama um Macht und Geld

Bild: sirene Operntheater

Bild: sirene Operntheater

Michail Borissowitsch Chodorkowski, Kreml-Kritiker, Unternehmer mit Wohnsitz in der Schweiz, früherer Oligarch und Ex-Gefangener in einem sibirischen Arbeitslager, und sein Kontrahent Wladimir Putin sind die zentralen Figuren in der Oper „Chodorkowski“ von Librettistin und Regisseurin Kristine Tornquist und Komponist Periklis Liakakis, die das sirene Operntheater am 20. November im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste uraufführt. Im Werk geht es nicht nur um das Königsdrama zwischen Chodorkowski und Putin, sondern auch um Aufdeckung der komplexen zeithistorischen Hintergründe zwischen 1989 bis 2013.

Die sich wandelnden Beziehungen zwischen Wirtschaft und Staat verändern im Lauf der Zeit auch die Beziehung zwischen den Protagonisten, die einander nicht unähnlich sind – zwei junge, ehrgeizige Männer mit großen Plänen, die nichts zu verlieren haben. Gesellschaftliche Auf- und Umbrüche verflechten sich mit finanzpolitischen Fehlern und machtpolitischen Intrigen in einem Treibhaus, in dem die Aufsteiger gut gedeihen. Doch als die Kontrahenten oben angekommen sind, zeigen sich die charakterlichen Unterschiede. Während der eine sein Revier sichert, denkt der andere weiter und riskiert alles. Dass Chodorkowski im Dezember 2013 anlässlich einer PR-Offensive in Sotschi aus seiner Haft überraschend freigelassen wurde, thematisiert die Oper bewusst nicht. Als offenes Ende des Librettos stehen die Hoffnung und das Versprechen, das Chodorkowski im Gefängnis gegeben hat. Für ein „Offenes Russland“, so der Name seiner mittlerweile gegründeten Bewegung. Spielball der großen Kräfte ist wie stets das Volk. Das hier erst als Buffopaar für lakonischen Witz sorgt, doch zuletzt in die Tragödie stürzt – denn im Gegensatz zu den Großen, die fallen und steigen und dabei doch nie ihre Bedeutung verlieren, leiden die von der Politik nur in Wahlkampfreden bemerkten „kleinen Leute“ ohne Medientamtam.

Michail Chodorkowski war einer der Männer, die nach 1989 in arrangierten Versteigerungen die maroden sowjetischen Staatsunternehmen um ein Spottgeld zugeschanzt bekamen, privatisierten und sanierten. Zwischen diesen Oligarchen und der Politik gab es Stillhalteabkommen, dass die zum Teil im rechtsfreien Raum ablaufenden Geschäfte solange unbehelligt blieben, solange sie sich weder in die Politik einmischten noch sich der Einmischung der Politik widersetzten. „Hier herrschte in den Übergangszeiten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Gesetz des Dschungels. Keiner wusste genau, welche Vorschriften noch galten – ich nutzte das aus“, erzählte Chodorkowski 2002 und bezeichnete sich als „Räuberbaron“. Der Milliardär verstieß in der ersten Legislaturperiode Putins gegen beide Regeln. Einerseits wollte er die Ölfirma Yukos nach westlichem Vorbild transparent machen und in eine Aktiengesellschaft umwandeln, was den Einfluss der Politik auf den Export der Bodenschätze unmöglich gemacht hätte. Andererseits wollte er, in seiner Entwicklung von der zunehmend regulierungsfreudigen Regierung und der korrupten Beamtenschaft behindert, in die Politik einsteigen. Er unterstützte intensiv mehrere, auch linke Parteien, um die demokratische Landschaft zu beleben, förderte kritische Medien, kritisierte vor laufenden Kameras in harschen Worten die Korruption der Einheitspartei Einiges Russland. Damit forderte er Putin persönlich heraus. Chodorkowski ignorierte stolz alle Warnungen. 2003 wurde er verhaftet und unter offensichtlich politischer Direktive verurteilt und in einem sibirischen Arbeitslager inhaftiert.

Ganz unabhängig von Sympathien, die man dem Oligarchen gegenüber hegen kann, und der Ablehnung, die man einer Einparteienautokratie wie Russland entgegenbringt, stehen hier nicht nur zwei mächtige Männer einander in persönlicher Abneigung gegenüber, sondern auch die zwei Machtprinzipien, die sie vertreten – die Macht der Politik und die Macht des Geldes. Putin strebt im Erbe des Sowjetregimes absolute politische Kontrolle an, die reine Politik, die kaum von unabhängiger Öffentlichkeit, Medien, Justiz oder durch Wahlen kontrolliert und korrigiert werden kann. Jelzins Politik war national und Putins Interesse ist konservativ – waren doch die Staatsbetriebe deshalb unterm Wert an Russen wie Chodorkowski verschenkt worden, damit sie unter russischer Kontrolle blieben.

Dem hielt Chodorkowski die Macht des Geldes entgegen. Der neoliberale Kapitalismus, den er und seine Partner im Eiltempo aus dem Boden stampften, brauchte andere Strukturen. Er sucht Internationalität, muss nach internationalem Recht agieren, muss sich aber auch um sein Image sorgen. Selbst wenn Chodorkowski nicht der Idealist gewesen ist, für den man ihn inzwischen so gerne halten will, war ihm immer an einer modernen russischen Gesellschaft gelegen, in der die Politik auf die Wirtschaft keinen direkteren Einfluss ausüben kann als über Gesetz und Steuererhebungen. Diese russischen Verhältnisse stehen im Kontrast zur Situation im Westen, wo die Konzerne und Banken längst die Politik vor sich herjagen. Als etwa George W. Bush in einer Brandrede Putin mahnte, Chodorkowski einen fairen Prozess zu machen und ihn freizugeben, sprach er nicht nur als oberster Sheriff westlicher Ideale, sondern er sprach auch im Namen der amerikanischen Ölfirmen, mit denen Chodorkowski verhandelt hatte und denen er selbst verbunden war. Im Interview mit der NZZ 2014 sagte Chodorkowski daher: „Lasst uns den ,amerikanischen‘ Weg beschreiten. In den USA gibt es faktisch keine Parteien, das sind vielmehr Kampagnen-Organisationen, die für bestimmte Wahlen existieren“.

Die Verurteilung Chodorkowskis änderte das Klima in Russland. Einige Oligarchen setzten sich daraufhin mit ihrem obszönen Reichtum ins Ausland ab, andere arrangierten sich mit Putin. Der russische Künstler Victor Petrik hat anlässlich Putins Geburtstag ein Bild des russischen Präsidenten in Edelstein geschaffen. Petrik sagte über die Gemme: „Millionen von Jahren werden vergehen, alles wird zerstört werden, aber das Porträt des russischen Präsidenten in Saphir wird auf ewig im Sonnenlicht glänzen.“ Die russische Justiz erwägt neuerlich Ermittlungen gegen Chodorkowski, diesmal wegen Mordes. Es lägen aktuelle Beweismittel im Fall des 1998 ermordeten Bürgermeisters im sibirischen Neftejugansk, Wladimir Petuchow, vor. Chodorkowski soll als Zeuge in Moskau befragt werden. Dass er im Exil lebt, sei „kein Hindernis“.

Es singen u. a. Clemens Kölbl (Michail Borissowitsch Chodorkowski), Ingrid Habermann (Marina Filippowna Chodorkowskaja) und Alexander Mayr (Wladimir Wladimirowitsch Putin), es spielt Das Rote Orchester.

www.sirene.at

Wien, 12. 11. 2015

OsterKlang 2014

April 9, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Johannes-Passion bis zu Messiah

2689675763_e88384cd33Das achtzehnte OsterKlang-Festival spannt in der Zeit von 13. bis 20. April seinen musikalischen Bogen von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion bis hin zu Werken Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel, französischer Barockmusik von François Couperin und Marc-Antoine Charpentier sowie Ludwig van Beethovens Missa Solemnis. Den szenischen Kern des Festivalprogramms bilden die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper und G. F. Händels Oratorium Messiah in einer szenischen Fassung und Inszenierung von Claus Guth im Theater an der Wien. Erstmals wird das Festival am 13. April in Kooperation mit den Wiener Symphonikern im Großen Saal des Wiener Konzerthauses eröffnet. Auch in den Jahren 2015-16 wird diese Kooperation mit den Wiener Symphonikern weitergeführt. Im Zentrum der kommenden Eröffnungskonzerte stehen wichtige sakrale Werke von J. S. Bach.

Die Spielorte während der Osterwoche sind das Theater an der Wien, die Kammeroper, das Wiener Konzerthaus, die Minoritenkirche und der Musikverein. Neben den renommierten SängerInnen wie Bernarda Fink, Klara Ek, Johannes Chum, Hanno Müller-Brachmann, Johan Botha, Bejun Mehta, Florian Boesch und Maria Bengtsson bestreitet das Junge Ensemble des Theater an der Wien die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper. Dirigenten wie Giovanni Antonini, Christophe Rousset, Simone Young, Rubén Dubrovsky und Martin Haselböck sowie die Wiener Symphoniker, das französische Originalklangensemble Les Talens Lyriques und das Orchester Wiener Akademie präsentieren ein auserlesenes Konzert- und Opernprogramm. Eröffnet wird der 18. OsterKlang am Palmsonntag, den 13. April  mit der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Unter der musikalischen Leitung von Giovanni Antonini musizieren die Wiener Symphoniker. Als Solisten sind Johannes Chum als Evangelist und Hanno Müller-Brachmann als Jesus sowie Klara Ek und Bernarda Fink zu hören. Es singt der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Johannes-Passion ist die früheste, heute noch vollständig erhaltene Passion Bachs. Sie wurde am 7. April, dem Karfreitag des Jahres 1724, in der Nicolaikirche in Leipzig uraufgeführt, wo Bach derzeit als Thomaskantor tätig war. In dieser Passion schildert Bach die Ereignisse um das Leiden Jesu – von seiner Gefangennahme bis zur Grablegung – in ergreifend schlichter Klarheit und direkter Dramatik. Die Passionshandlung und die kontemplativen Chorpartien greifen direkt ineinander, sodass die Passion Christi direkt und eindringlich nachvollzogen werden kann.

Mozarts spätes Meisterwerk La clemenza di Tito ist zweifelsohne ein der Aufklärung verpflichtetes Plädoyer für Aufrichtigkeit und Gnade, das uns bewegende Einblicke in die Einsamkeit eröffnet, der ein Regent bei seinen Entscheidungen ausgesetzt ist, im Sinne des Fürstenspiegels zeigt es aber genauso die Gefahren von Willkür, Unberechenbarkeit und Selbststilisierung, die unter dem Deckmantel der Milde besonders gefährlich erscheinen müssen. Die Opera seria in zwei Akten (1791) gelangt am 13. April  in einer Neuproduktion des Theater an der Wien in der Kammeroper unter der musikalischen Leitung von Rubén Dubrovsky mit seinem Ensemble Bach Consort Wien zur Premiere. Die Mitglieder des Jungen Ensembles des Theater an der Wien bilden das Sängerensemble, allen voran Andrew Owens als Tito Vespasiano, Çiğdem Soyarslan als Vitellia und Gaia Petrone als Sesto. Für die Inszenierung zeichnet der italienische Regisseur Alberto Triola verantwortlich.

Was ist Schuld? Was bedeutet Liebe? Was heißt Tod? Was heißt Erlösung? Diese Fragen, die Menschen aller Religionen miteinander verbinden, thematisiert Claus Guths Inszenierung des Oratoriums Messiah. Händel zeichnet mit seiner Musik ein emotionales Gemälde der menschlichen Ängste und Hoffnungen, aber auch der Erlösungsgewissheit, welche oftmals einzig in seinem berühmten Chor Hallelujah verortet wurde.Nach vier Jahren kehrt die erfolgreiche Produktion in außerordentlicher Besetzung und in einer Neueinstudierung unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset ans Theater an der Wien zurück. Als Solisten sind Maria Bengtsson, Ingela Bohlin, Paul Lorenger, Bejun Mehta, Florian Boesch, Charles Workman und Nadia Kichler zu erleben. Es singt der Arnold Schoenberg Chor. Die Premiere ist am 14. April, die Vorstellungen am 17. und 19. April finden im Rahmen des OsterKlang-Festivals statt. Am 15. April  steht mit den Leçons de ténèbres (Lesungen der Dunkelheit) eine spezifische Gattung des französischen Barock auf dem Programm des Festivals in der Minoritenkirche. Leçons de ténèbres sind liturgische Gesänge, die für die Nachtoffizien der Karwoche komponiert wurden. Besonders die kontemplativen und elegischen Melismen der Singstimmen spiegeln die schmerzliche Passions- und Sterbensgeschichte Jesu Christi wieder. Diese spezifische Gattung des französischen Barock erfuhr im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt und war lange Zeit nahezu völlig vergessen. Dieser besondere Abend wird mit Werken von Marc-Antoine Charpentier und François Couperin gestaltet. Christophe Rousset, am Cembalo und an der Orgel, musiziert mit den Sopranistinnen Amel Brahim-Djelloul und Judith van Wanroij, begleitet vom Gambisten François Joubert-Caillet.

„Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen!“ Mit diesen Worten widmete Ludwig van Beethoven seine feierliche Messe, die Missa Solemnis, seinem Freund und Schüler Erzherzog Rudolph. Am 16. April 2014 gelangt dieses expressive Werk unter der musikalischen Leitung von Martin Haselböck im Theater an der Wien zur Aufführung. Gesangssolisten sind Malin Hartelius, Caitlin Hulcup, Daniel Behle und Stefan Cerny. Es musiziert das Orchester Wiener Akademie und singt der Philharmonische Chor Brünn. Am Karfreitag, den 18. April, stehen unter dem Titel Crucifixus sakrale russische Chöre von Pawel Tschesnokow, Dimitri Bortnjanski und Sergei Rachmaninow auf dem Programm in der Minoritenkirche. Den Abschluss und gleichzeitig den Höhepunkt der vorösterlichen Fastenzeit bildet die Karwoche. Besonders ab Gründonnerstag begehen Christen aller Konfessionen und überall auf der Welt das Triduum Sacrum, die heiligen drei Tage vom Leiden, Sterben und der Grabesruhe Jesu Christi. In ihrem Zentrum steht das „Crucifixus est“, jener zentrale Opfertod, der mit der Auferstehung am Ostersonntag den Christen die Erlösungshoffnung gibt.Der Dreifaltigkeitschor des Alexander Newski Männerklosters St. Petersburg bietet in seinem Konzert einen Einblick in die Fastenliturgie der russisch-orthodoxen Kirche.

Unter der Leitung der Dirigentin Simone Young präsentieren die Wiener Symphoniker am Ostersonntag traditionellerweise ihren Frühling in Wien und schließen mit diesem Konzert das Festival OsterKlang Wien. Im Musikverein erwartet das Publikum ein typisch wienerisches Programm mit Werken von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Otto Nicolai, Richard Wagner, Johann Strauss (Sohn), Franz von Suppé, Franz Léhar und Richard Heuberger. Mit Johan Botha, einem der begehrtesten Tenöre unserer Zeit, wird diese österliche „Soirée de Vienne“ zu einem feierlichen Finale des Festivals.

www.theater-wien.at

Wien, 9. 4. 2014

Felix Mitterer spielt Franz Kafka

Februar 14, 2013 in Bühne

Ein Bericht für eine Akademie

Ein Bericht für eine Akademie von Franz Kafka

Felix Mitterer
Bild: www.guentheregger.at

Ist er’s? Er kann’s nicht sein. Ich hatte die Freude, Felix Mitterer, einen der wichtigsten heimischen Dramatiker, von Irland endlich nach (Nieder-)österreich heimgekehrt, mehrmals zu interviewen. Er: leise Stimme, eine introvertierte Seele, Kleine Braune und Zigaretten in Massen konsumierend.

Wie anders nun stellt sich Felix Mitterer, der Schauspieler dar. Er turnt und tanzt und singt – übrigens ausgezeichnet. „Bei mir bist du scheen“ von den Andrew Sisters, „Hoppla, jetzt komm’ ich“ von Hans Albers, „Einmal schafft’s jeder“ von den Comedian Harmonists. Durch die Lieder, in diesen Spurenelementen, wird aus dem Abend eine Tragi“komödie“.

Alles Fassade. Alles Charade. Eines Variete-Affen, allerdings eines, der mehr Mensch ist, als der so genannte Mensch. Homo hominis simius. In Afrika, an der Goldküste, hat man ihn vom Baum geschossen und mitgenommen nach Europa …

Als Gastspiel der Tiroler Volksschauspiele im Wiener stadtTheater Walfischgasse zeigt Mitterer (mit den Musikern Siggi und Juliana Haider) Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Die 1917 entstandene Erzählung schildert das Leben des ehemaligen Affen Rotpeter, der vor einer Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung vorlegen soll. Die Geschichte einer erzwungenen Assimilation. Eine Satire. Eine traurige allerdings. Der Bericht ist nämlich nicht, wie von der Akademie gewünscht, die Erinnerung an eine äffische Existenz, sondern die Schilderung der Anpassung an den Menschen. Dessen Höhepunkt: Nach Wochen der Angst, des Ekels, des Einkotens trinkt der Affe unter Gejohle der Menschen endlich eine Flasche Schnaps.

Der Alkohol macht also als den Affen zum Menschen.

Ein Sprichwort meint das umgekehrt …

Berühmte Schauspieler gestalteten diese Rolle schon. Sie gilt als Bravourstück.

Mitterer zeigt den Zuschauern ein geschundenes Wesen, das, weil es die verlangten Späßchen der Gesellschaft vorführt, überleben kann. Er hat sich dafür einen eigenen „Zivilisationstonfall“ zurechtgelegt, entgleist nur manchmal, wenn ihn der Rhythmus der Bongotrommeln mitreißt. Daheim hat er eine vom Dresseur nur halbfertig abgerichtete Frau, in deren leere Augen zu schauen, ihm allabendlich, wenn er von der „Arbeit“ im Variete Nachhause kommt, das Herz bricht.

Beklemmend. WWF-TV-Spots zum Schutze der Tiere sind nicht „grausamer“ anzuschauen.

Im Programmheft schreibt Felix Mitterer, er habe eine Aufführung des Textes in den 70er Jahren im Fernsehen gesehen und sie seither nicht mehr vergessen können. „Ich wollte den Affen unbedingt eines Tages selbst auf der Bühne verkörpern. Und schob ihn dann Jahrzehnte vor mir her. Bevor es zu spät ist, mach ich ihn nun. Meine letzte Rolle.“

Hoffentlich nicht!

www. stadttheater.org    Es gibt bereits Zusatztermine!

www.volksschauspiele.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 2. 2013