Albertina modern / Stadtkino Wien: Ai Weiwei

März 12, 2022 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Größte Retrospektive bisher. Mit Filmprogramm

Ai Weiwei: Illumination, 2019. Lego-Bausteine. Courtesy of the artist. Bild: Courtesy of the artist and Lisson Gallery © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, ein unermüdlicher Aktivist und Kritiker autoritärer Systeme. Die Albertina modern widmet ihm nun ab 16. März seine bislang umfangreichste Retrospektive. „In Search of Humanity“ befasst sich eingehend mit dem Aspekt der Menschlichkeit und der künstlerischen Stellungnahme in Ai Weiweis Schaffen (Virtuelle Eröffnung am 15. März via Youtube oder Facebook, siehe unten). Schon seine frühesten Werke sind von der Auseinander- setzung mit seinem

Heimatland China geprägt, wo er als Kind durch die Verbannung seines Vaters, des großen Dichters Ai Qing, die Auswirkungen der Kulturrevolution miterlebte. Als junger Mann im New Yorker East Village der 1980er-Jahre wurde er Zeuge und Dokumentarist der dortigen Protestbewegung. Zurück in Peking waren es die unmittelbaren Nachwehen des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens, auf die er künstlerisch reagierte. Sein ausgestreckter Mittelfinger, den er bekannten Bauwerken als Repräsentationsobjekten der Macht entgegenhielt und damit Missständeanprangerte, wurde schließlich zu seinem Markenzeichen.

Ai Weiwei: Dropping a Han Dynasty Urn, 1995. Privatsammlung. Bild: Albertina / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: Study of Perspective – Eiffel Tower, 1999. Albertina, Wien – Sammlung The Essl Collecion. Bild: Mischa Nawrata. © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: S.A.C.R.E.D. (i) S upper, 2013. Diorama. Courtesy of the artist and Lisson Gallery. Bild: Courtesy Ai Weiwei Studio and Lisson Gallery © 2022 Ai Weiwei

Immer wieder sind es Machtstrukturen und die Mechanismen der Herrschaftsausübung, die der Künstler thematisiert, sei es die Zerstörung von Kulturgütern als Ausdruck der eigenen Überlegenheit oder die Ausübung von Manipulation, Zensur und Überwachung von staatlicher Seite. Unablässig schaut er stets dort genauer hin, wo er Meinungsfreiheit und Menschenrechte in Gefahr sieht bei Einschüchterungsmethoden der chinesischen Regierung, der Bedrohung von Journalisten sowie politischen Aktivisten über die Proteste in Hongkong und die massiven Restriktionen in Wuhan beim Ausbruch der Corona-Pandemie bis hin zur eigenen Inhaftierung 2011.

Die aktuelle Situation Flüchtender auf der ganzen Welt betrachtet Ai als die vielleicht größte globale humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, als enorme Herausforderung für uns als solidarische Gesellschaft und sieht bei jedem und jeder einzelnen von uns die Verantwortung, zu handeln. Mit Ai Weiweis kulturellen Readymades, seinen Wandarbeiten, Skulpturen, Installationen, Fotografien und zahlreichen Filmen bietet die Ausstellung einen beeindruckenden Überblick über die mehr als vier Jahrzehnte währende Karriere des Künstlers und beinhaltet Schlüsselwerke aus allen Schaffensphasen.

Zu sehen bis 4. September.

www.albertina.at           Link zur virtuellen Eröffnung am 15. März, 18.30 Uhr: www.youtube.com/watch?v=6k3kV4wFIA8

Ai Weiwei: Forever Bicycles, 2003. 42 Fahrräder. Privatsammlung. Bild: Albertina, Wien / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: Zodiac (Dragon), 2019. LEGO-Bausteine. Privatsammlung. Bild: Albertina, Wien / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Ai Weiwei: Neolithic Vase with Coca-Cola Logo, 1994. Privatsammlung. Bild: Albertina, Wien / Lisa Rastl & Reiner Riedler © 2022 Ai Weiwei

Instagram-Takeover

Bereits gestern übernahmt Ai Weiwei den Instagram-Account der Albertina und postet über seine Kunst und aktuelle Ereignisse. www.instagram.com/albertinamuseum

Ai Weiwei – Selected Films im Stadtkino Wien

Von 14. März bis 16. Mai zeigt das Stadtkino als Begleitprogramm zur Ausstellung in der Alberina sieben Filme von und mit Ai Weiwei. Die Termine:

14. März, 18 Uhr AI WEIWEI: NEVER SORRY, Porträt über den Künstler, politischen Aktivisten und Privatmenschen. Regie: Alison Klayman. Trailer siehe unten.
21. März, 18 Uhr CORONATION über Covid-19 in China samt einer Reise in die „Verbotene Stadt“ Wuhan. Regie: Ai Weiwei. Trailer: www.youtube.com/watch?v=RYoA6DjRuu
4. April, 18.30 Uhr THE FAKE CASE über Ai Weiwei nach seinen 81 Tagen in Einzelhaft. Regie: Andreas Johnsen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=EXcGfQ5CrCc&
18. April, 20.15 Uhr FAIRYTALE, Projekt für die Documenta 12, Ai Weiwei bringt 1001 ChinesInnen nach Kassel und befragt sie nach ihren Eindrücken. Regie: Ai Weiwei + Sunflower Seeds. Trailer: www.youtube.com/watch?v=B1cYkK0cVEA
2. Mai, 18 Uhr THE REST über den Umgang Europas mit Flüchtlingen, Storys über Krieg, Armut und Verfolgung – und den Spiegel, die „der Rest“ dem europäischen, politischen Zeitgeist vorhält. Regie: Ai Weiwei, Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ax5L-cLPJwY
16. Mai, 20 Uhr HUMAN FLOW begleitet Flüchtlinge rund um den Globus, eine Reise rund um die Welt von Afghanistan, Bangladesch, Frankreich, Griechenland, Deutschland, Irak, Israel, Italien, Kenia, Mexiko bis in die Türkei. Regie: Ai Weiwei. Trailer: siehe unten.

stadtkinowien.at          www.aiweiwei.com

12. 3. 2022

Ai Weiwei kommt nach Wien

Juni 20, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Er baut einen chinesischen Tempel im 21er Haus

Ai Weiwei. Bild: © Belvedere, Wien

Ai Weiwei. Bild: © Belvedere, Wien

„Alles ist Kunst – alles ist Politik“, sagt Ai Weiwei, der zu den international bedeutendsten Künstlern der Gegenwart zählt. Als Konzeptkünstler, Dokumentarist und Aktivist übt er nicht nur Kritik am Regime seiner Heimat China, sondern reagiert mit seinem Schaffen auf die aktuelle politische Realität wie die Flüchtlingskrise in Europa.

Vertreibung, Migration und gewollter Ortswechsel als Auslöser verändernder Prozesse in Menschen und an Objekten ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei zieht. Es steht auch im Zentrum seiner ersten monumentalen Einzelpräsentation in Wien.

Das Kernstück bildet der Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus der Ming-Dynastie, dessen Haupthalle originalgetreu im 21er Haus wiederaufgebaut und ab 14. Juli in der Ausstellung „translocation – transformation“ zu sehen sein wird. Der 14 Meter hohe Tempel aus Holz besteht aus mehr als 1.300 Einzelteilen und wird zum ersten Mal außerhalb Chinas gezeigt. Seiner ursprünglichen Funktion enthoben bekommt das Bauwerk durch seine Versetzung eine neue Bedeutung. Auch das 21er Haus war als temporärer Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel ursprünglich für einen anderen Ort und eine andere Funktion errichtet worden und so sollen die beiden vor ihrer Zerstörung geretteten Gebäude auf verschiedenen Ebenen einen spannenden Dialog eingehen. Die von Alfred Weidinger kuratierte Ausstellung erstreckt sich unter anderem auch auf den barocken Garten des Belvedere, wo der Künstler das Ensemble „Circle of Animals/Zodiac Heads“ am großen Wasserreservoir aufzustellen beabsichtigt.

Dragon, 2015. Bild: © Ai Weiwei Studio

Dragon, 2015. Bild: © Ai Weiwei Studio

Mit den zwölf, die Tierkreiszeichen des chinesischen Horoskops darstellenden bronzenen Köpfen, reagiert er auf die 1860 durch französische und britische Truppen erfolgte Zerstörung einer circa 1749 vor dem Sommerpalast Yuanming Yuan in Peking errichteten Brunnenanlage. Der Palast war vom europäischen Barock inspiriert worden, was das hochbarocke Gartenpalais von Prinz Eugen zu einer besonders reizvollen Folie für die Installation Ai Weiweis macht.

Der Akt mutwilliger Zerstörung und Plünderung bedeutete eine schwere Demütigung des chinesischen Volks und markierte das Ende des zweiten Opiumkriegs, ein mit militärischer Gewalt erzwungener Opiumimport zur Durchsetzung der kolonialen Wirtschaftsinteressen, vor allem den Handel mit Tee, Porzellan und Seide. Zwischen 2000 und 2007 konnte China fünf der geraubten Tierköpfe – ursprünglich waren die gesamten Körper ausgebildet – erwerben. 2009 wurden zwei weitere aus der Sammlung von Yves Saint Laurent in einer Auktion angeboten. Die verbleibenden Köpfe werden bis heute vermisst.

Alle Bemühungen der chinesischen Regierung, die beiden Bronzen nach China rückzuführen, scheiterten. Ai Weiwei reagierte daraufhin mit einer Neuerschaffung des Zyklus. Die Bronzen sind keine vollkommenen Kopien, sondern eine eigene künstlerische Interpretation und damit nicht nur physisch, sondern auch konzeptuell ein Produkt des 21. Jahrhunderts. Ganz bewusst spießt der Künstler die von den Plünderern sprichwörtlich geköpften Häupter auf Stangen und stellt sie als Auftakt zur Ausstellung zur Schau.

Auch weitere Arbeiten werden die großvolumige Installation der Ahnenhalle komplementieren. Einige davon beziehen sich auf die Teekultur Chinas, auch auf deren politische Komponente, und stehen so in enger Verbindung mit der Geschichte der ursprünglichen Besitzer des Tempels.
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Blog zur Ausstellung: aiww21.com
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Wien, 20. 6. 2016