The Sisters Brothers

März 13, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der amerikanische Goldrausch als Kapitalismuskritik

The Sisters Brothers: Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) suchen ihren nächsten Hinzurichtenden. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Nun also ist entdeckt, was die Männer des Westens taten, während sie wochenlang durch die Weiten der Prärie ritten. Sie führten hochphilosophische Gespräche zu Pferd. Zumindest machen das Charlie und Eli Sisters so im Film „The Sisters Brothers“, der am Freitag in die Kinos kommt. Der französische Regisseur Jacques Audiard legt mit seiner Leinwandadaption des zynischen Romans von Patrick deWitt ein Meisterwerk vor, das es versteht, ein Genre bis ins kleinste Detail zu bedienen.

Und gleichzeitig auszuhebeln. Man mag Audiards Blick auf die Welt der Goldschürfer und Kopfgeldjäger, auf deren Schießereien, Saufgelage und Bordellbesuche, einen europäischen nennen, gab’s doch sowohl bei den Césars als auch in Venedig die Auszeichnung für die beste Regie. In den USA indes waren „The Sisters Brothers“ kein Box Office Hit – trotz der Starbesetzung Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, John C. Reilly, Riz Ahmed und Rutger Hauer. Die Zeit ist 1851, der Ritt geht von Oregon nach Kalifornien, und auch an die Final Frontier klopft allmählich hartnäckig die Moderne.

Schon die erste Szene macht die Figuren klar, Charlie und Eli Sisters lassen einem Grüppchen von ihnen Verfolgter die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, in diesem Gefecht werden keine Gefangenen gemacht, denn die Brüder sind Killer im Auftrag eines ominösen Commodore – Rutger Hauer, der nicht immer kurz und mitunter auch schmerzhaft beseitigen lässt, wer ihm im Weg steht. Das ist bei Charlies und Elis nächstem Job der Chemiker Hermann Kermit Warm, der ein Verfahren entwickelt hat, eine schwer ätzende Flüssigkeit, die das Erkennen von Gold im Wasser erleichtert, und die der Commodore natürlich in die Finger kriegen will.

Jake Gyllenhaal als sinnsuchender, melancholischer Detektiv John Morris. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Großartig grindige Westernstadt: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) reitet in Mayfield ein. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Deshalb hat er bereits den Detektiv John Morris auf dessen Fährte gesetzt, er soll Warm aufspüren, damit die Sisters dann die Formel aus ihm herausfoltern können. Morris und Warm werden jedoch Freunde und Geschäftspartner und setzen sich ab. Charlie und Eli nehmen die Verfolgung auf und verstricken sich auf ihrem Weg in immer blutigere, aber auch skurrilere Händel. Wobei anzumerken ist, dass deWitts Buch um einiges brutaler ist als die Filmbilder, die einem sowohl eine traumatisierende Zahnzieh-Szene als auch den qualvollen Tod eines von einem Bären schwerverletzten Pferdes ersparen.

Bei Audiard darf es eher beiläufig sterben, weitere Schrecken finden in der Ferne, im Halbdunkel oder ganz außerhalb der Leinwand statt. Sehr unamerikanisch für diese uramerikanische Kunstform. Joaquin Phoenix spielt Charlie, John C. Reilly Eli Sisters, beide Outlaws schon etwas angegraut und daher auf der Sinnsuche nach einer Existenz ohne den rauchenden Colts. Für Audiard die perfekte Vorlage, um seine motivgetreue Erzählung mit einer Hinterfragung gängiger Männlichkeitsklischees zu unterfüttern. Was ihm mit einem gewissen Augenzwinkern ausgezeichnet gelingt.

Ist der Aufbruch hartgesottener Machos Richtung ihrer femininen Seite doch schon im Titel festgelegt. Während sich derart der sensible und grüblerische Eli immer mehr nach einem gewaltfreien Leben sehnt, ergibt sich Charlie allzu oft dem Suff und stürzt sich darob in Raufereien. Wie Phoenix den besoffenen, unberechenbaren Psycho gibt, ist freilich eine Glanzleistung, übertroffen allerdings von der Reillys – der es übrigens auch war, der das Projekt gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Produzentin Alison Dickey, angestoßen hat. In einer anrührenden Szene bittet er eine Prostituierte um ein Rollenspiel mit Damenschal, wovor sich das Mädchen erst fürchtet, bevor sie erkennt, wie seelisch angeschlagen das starke Geschlecht, das da vor ihr – naja – steht, ist.

Eli ist es auch, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist. „Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?“, fragt er einmal den Bruder. Dann wieder startet er einen ersten Versuch mit Holzzahnbürste und Zahnputzpulver, allein, wie er das mysteriöse Instrument im Gemischtwarenladen entdeckt und bestaunt, spielt Reilly komödiantisch großartig, auch, wie er die mit Zeichnungen versehenen Instruktionen zum Gebrauch studiert. Später begeistert er sich im Sündenbabel San Francisco über ein Wasserklosett – „ein bisschen Komfort in unsicheren Zeiten“, stellt er dazu fest. Und während sich als Settings von Schlamm verschmutzte Städte, eigentlich Ansammlungen enger Bretterbuden, und einer wuchtigen, wilden Landschaft abwechseln, sieht man in einem Albtraum Elis den sadistischen Vater, dem schließlich Charlie den Garaus machte. Revolverhelden mit grauenhafter Kindheit also.

Shootout Showdown: John Morris (Jake Gyllenhaal), die Sisters Brothers (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) und Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Dieser gebeutelten Familienbande stellt Audiard ein nicht minder als krisenhaft gezeigtes Paar gegenüber: Jake Gyllenhaal als melancholischer Schöngeist John Morris, auch er ein Sinnierer übers Dasein an sich und seines im Besonderen, der sich mit dem eigentlich auszuliefernden Hermann Kermit Warm in Diskussionen über die ideale Gesellschaft begibt. Will Warm doch mit dem zu erwartenden Gewinn eine basisdemokratische Enklave in Texas finanzieren.

Der britische Schauspieler Riz Ahmed, dessen Eltern aus Karatschi nach Großbritannien gekommen sind, verkörpert Warm, der „Fremde“ im Wortsinn ein warmherziger Mensch, dessen Vorstellungen eines sozialistisch geprägten Landes staunen machen. Eine sehr zeitgemäße Kapitalismuskritik, die Audiard noch verstärkt, als die Sisters Brothers am Claim von Warm und Morris eintreffen, und Charlie, von der Gier übermannt, die finale Katastrophe auslöst …

Jacques Audiards Charakterdrama mit komischen Einsprengseln (an dieser Stelle sei noch Rebecca Root als mörderische(r) Mogul in dem nach ihm/ihr benannten Kaff Mayfield erwähnt) und wunderbarem Dialogwitz ist das Beste, das dem Western seit Langem passiert ist. Hervorragend inszeniert und gespielt, in den ausgestellten Themen nahe am Heute. Dass es ausgerechnet der Utopist, der politische Visionär mit den gepflegten Umgangsformen ist, der mit seinem Beitrag zum Goldrausch das Gute will und dabei das Böse schafft, gibt einem zu denken. Der idealistische Vertreter eines Demokratieverständnisses, Gegner von im übertragenen Sinne Globalisierung und Konzerntyrannei, muss anno 2019 naturgemäß scheitern.

www.wildbunch-germany.de/movie/the-sisters-brothers

  1. 3. 2019

Die Schüler der Madame Anne

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Shoah als Lehrstoff für Muslime

Nicht allen Schülern gefällt der Unterrichtsstil der mutigen Madame Anne (Ariane Ascaride) Bild: © Thimfilm

Nicht allen Schülern gefällt der Unterrichtsstil der mutigen Madame Anne (Ariane Ascaride)
Bild: © Thimfilm

Filme über unerschütterliche Lehrer in Problemklassen erfreuen sich seit Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ großer Beliebtheit. Das ist so, weil man, wie angesichts unzählbarer Ärzte-Fernsehserien, wohl denkt, so einen hätte man auch gern gehabt. Einen, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn dieser Mensch gerade Kaugummi kaut. Ein engagierter, einfühlsamer Lehrer kann quasi ein Leben retten. Wege aufzeigen und die Mittel vermitteln, diese zu beschreiten.

Mit „Die Schüler der Madame Anne“ von der französischen Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar kommt am 6. November ein solcher Film in die Kinos. Erzählt wird die Geschichte der Lehrerin Madame Anne (Ariane Ascaride), die sich nicht vom Desinteresse und der Aggressivität ihrer Schüler, von deren kulturellen und persönlichen Konflikten beirren lässt, und der es so gelingt, zu den Jugendlichen vorzudringen. Ein schönes Schulmärchen. Allerdings ein tatsächlich geschehenes.

Die sechste Klasse im Pariser Vorstadt-Lycee Leon Blum ist eine Bande aufsässiger, schwätzender Störenfriede. Schulalltag heißt hier Strafkolonie. Madame Anne regiert mit harter Hand und hantiger Stimmlage. Sie hat eine klare Regel, die besagt: In der Multikulti-Klasse weder Kreuz noch Kopftuch. Es ist nicht leicht diese Schüler unterschiedlichster Herkunft für irgendetwas zu begeistern. Madame Anne meldet die Klasse zum „Nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation“ an. „Wieso geht es ständig um die Juden?“, fragt ein Schüler. „Es geht um Kinder und Jugendliche in den Konzentrationslagern der Nazis“, sagt Madame Anne. Und so beschäftigt man sich erst widerwillig mit dem Stoff. Liest über Anne Frank. Und lernt, dies die Schlüsselszene des Films, einen Zeitzeugen kennen, der als 15-Jähriger, also im Alter der Schüler, mit Vater und Bruder deportiert wurde. Als er den Buchenwald-Schwur vorträgt, den die Überlebenden am 29. Jänner 1945 auf dem Appellplatz verkündet haben, sind auf und vor der Leinwand die Dämme gebrochen … Den jüdischen Holocaustüberlebenden, diesen zentralen Auftritt, nach dem der Film den Originaltitel „Les Heritiers“ – Die Erben trägt, spielt der mittlerweile verstorbene Leon Zyguel selbst.

Auch der junge schwarze Muslim Malik, der sich im Lauf der Handlung nicht nur gegen den Druck strenggläubiger Brüder zu Wehr setzen muss, sondern sich auch in eine Mitschülerin verliebt, wird von einem gespielt, der Geschichte selbst erlebt hat: Ahmed Dramé hat aus seinem Klassenerlebnis ein Drehbuch gemacht und es Regisseurin Mention-Schaa geschickt, deren Film „Meine erste Liebe“ ihn beeindruckt hatte. „Ich war 2009 Schüler dieser Klasse. Trotz meiner recht guten Noten hatten die Lehrer entschieden, dass ich die Matura sowieso nicht schaffen würde, so wie das oft der Fall ist, wenn man nicht aus einem privilegierten sozialen Umfeld kommt. Die Begegnung mit unserer Geschichtslehrerin Madame Anglès, der echten Madame Anne, die gleichzeitig auch unsere Klassenlehrerin war, war grundlegend. Sie hat uns den Wettbewerb vorgeschlagen, anstatt uns weiter abstürzen zu lassen, obwohl der Schuldirektor dagegen war. Die Teilnahme am ,Nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation‘ hat mein Leben verändert, genauso wie das der anderen Schüler. Nach diesem Erfolg habe ich mich zu vielem fähig gefühlt.“, sagt Ahmed Dramé im Interview.

„Die Schüler der Madame Anne“ ist ein engagierter und sympathischer Film, für Schüler ein Plädoyer, sich niemals unterkriegen zu lassen, sondern aufgezeigte Chancen zu nützen. Für Lehrer eine Ermutigung und eine Erinnerung, ihren Job trotz aller Widrigkeiten ernst zu nehmen. Mention-Schaa erzählt mit Gespür für Jugendkultur und weitgehend ohne Peinlichkeiten von Außenseitern und Rädelsführern in einer Klasse, aber auch davon, dass man Solidarität initiieren kann. Dass der Film ein wenig pädagogisch wertvoll und streckenweise bemüht daherkommt, liegt vielleicht am Thema: Schule.

www.madameanne.de

Wien, 2. 11. 2015