Bronski & Grünberg: Der Reigen

Oktober 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss sind alle fick und fertig

„Schnitzler“ von Ruth Brauer-Kvam: Florian Stohr als Dirne und Gerald Votava als Soldat. Bild: © Philine Hofmann

Von wegen Männerwelt. Hat sich was mit Herren der Schöpfung. Nicht nur zwingt das „Domina“-nte Stubenmädchen den Soldaten zwecks Orgasmus zum tödlichen Stromschlag, da wird später sogar ein Erotikdarsteller mittels bösem Weiberblick um sein Ejakulat betrogen, bis schließlich ein französisch parlierender Adelsspross zum Sex einen Pariser benutzen soll – was ihm leider gar nicht steht.

Im „Bronski & Grünberg“ ist wieder „Der Reigen“ im Programm, die Wiederaufnahme der in der vergangenen Saison höchst erfolgreichen Produktion, für die zehn Regisseurinnen und Regisseure je eine Szene aus dem einstigen Skandalstück inszenierten. Und wie darin ein Gesellschaftspanorama des Fin de Siècle entworfen wurde, changierend zwischen Unmoral, Ohnmacht und Machtanspruch, so geschieht’s auch heute.

Allerdings auf post-patriarchal gedreht und gewendet, heißt: die Frauen schaffen an, und zwar nicht nur die Dirne, sondern in jeglicher Form. Das selbsternannt starke Geschlecht ist ein im Wortsinn armes Würstchen, das selbstmitleidig davon singt, dass ein Penis halt keine Maschine ist.

Zehn Leuchttafeln rund um die von Gabriel Schnetzer gestaltete Bühne zeigen das Jahr der jeweils gespielten Szene an, nicht chronologisch geht’s von 1750 bis 2000, selbstverständlich ins Erstveröffentlichungsjahr 1900 und ins Uraufführungsjahr 1920. Kyrre Kvam hat dazu Goethes Gedicht „Liebhaber in allen Gestalten“ vertont, die Strophen unterbrechen die Begegnungen, wobei, tatsächlich tut das Florian Stohr als Dirne. Stohrs Leocadia ist ein liebenswertes leichtes Mädchen, klar kann der Schauspieler Drama-Queen, doch die von Ruth Brauer-Kvam verantworteten erste und letzte Szene setzen lieber leise, lyrische Akzente in dieser ansonsten um Kalauer und Klamauk keineswegs verlegenen Aufführung.

„VHS Kassette“ von David Schalko: Von Stolzmann als Gatte und Julia Edtmeier als Süsses Mädel. Bild: © Philine Hofmann

Der Pornostar will die Filmelevin beeindrucken: Claudius von Stolzmann und Julia Edtmeier. Bild: © Philine Hofmann

„Dr. Condom“ von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki: Florian Carove als Graf. Bild: © Philine Hofmann

Mit Verhüterli floppt der Verkehr: Kimberly Rydell als Schauspielerin und Carove. Bild: © Philine Hofmann

Trifft Stohr anfangs auf Gerald Votava als defätistischen Soldaten, dieser brutal in seiner Resignation, hartherzig in seinem Nihilismus, von beiden eine schnitzlereske Charakterzeichnung inmitten des Überdrüber, das noch folgen soll, so ist es am Ende Florian Carove als Graf, der nach Satire, Ironie, Sarkasmus endlich ernsthaft einen Schnitzler’schen Sehnsüchtler gibt – dieser an diesem Abend übrigens nicht der einzige, der nicht zum Schuss kommt. Solitär Stohr aber fällt, da Brauer-Kvam auch die Über-Regie übernommen hat, und damit die Arbeit, die Episoden zu einem Ganzen zusammenzufügen, außerdem die Aufgabe zu, als eine Art Spielmacherin zu fungieren. Denn Leocadia bestimmt, wer wann wo, und wie es Marius Zernatto als Dichter mit einem weinerlichen „Alle andern dürfn a“ formuliert, „abgespielt“ ist, und führt die Figur von der Bühne.

Alldieweil ist Gerald Votava bereits beim Stubenmädchen angelangt, Karoline Kucera als SM-Kammerraubkätzchen, der Soldat wie Woyzeck impotent, nicht von zu vielen Erbsen, sondern weil abgefüllt mit Cornflakes aus dem Hause „Kellogg’s“ – wie Dominic Oley seine Szene hintersinnig nennt, diese Verquickung der Erfindung der Frühstücksflocken als Medizin gegen den Sextrieb und die im Zweiten Weltkrieg erfolgte Übernahme des dafür errichteten Sanatoriums durch die US-Armee. In „Doppelspalt Experiment“ trifft Kucera als nächstes auf David Jakob als Jungen Herrn, ein prä-potenter Teenager, den Dominic M. Singer sich in der Badewanne räkeln lässt, ein Herrenburscherl, das den Hitlergruß probt, bevor ihn die von ihm als solche behandelte „Dienstmagd“ Kurz anbindet.

Auf „Reigen Skandal“ von Johanna Mertinz mit David Jakob als Jungem Mann und Agnes Hausmann als Junger Frau, folgt Helena Scheubas „Freddie Mercury“, eine Sequenz, in der sich Agnes Hausmann als Junge Frau und Claudius von Stolzmann als Gatte in Rollenspielen üben, von Stolzmann hinreißend beim natürlich tollpatschigen Versuch zu „Under Pressure“ einen Striptease hinzulegen, großartig der eheliche Dialog, ob nicht des Gatten Schnauzbart und seine Begeisterung fürs Tanzen ein Indiz für eine ebensolche betreffs Sex mit Männern sei. Dies jedenfalls die große Fehlstelle in dieser Gemeinschaftsarbeit, dass nämlich im „Schnitzler neu“ mehr Spielarten zwischenmenschlichen Zusammenlebens als immer nur die Hetero-Variante wünschenswert gewesen wären.

„Kellogg’s“ von Dominic Oley: Karoline Kucera als Stubenmädchen und Gerald Votava. Bild: © Philine Hofmann

„Freddie Mercury“ von Helena Scheuba: Agnes Hausmann und Claudius von Stolzmann. Bild: © Philine Hofmann

„Schnitzler“ II von Ruth Brauer-Kvam: Florian Carove als Graf und Florian Stohr als Dirne. Bild: © Philine Hofmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stattdessen schnallt sich von Stolzmann in David Schalkos „VHS Kassette“ einen Riesen-Penis um (Kostüme: Katja Neubauer), der Gatte ein Pornostar, mit dem Fellatio zum Reflux führt, wie er angibt, bis Julia Edtmeier seinem Segen-und-Fluch-zugleich-Pimmel mit einem Augenaufschlag den Garaus macht. In Fabian Alders „Die Pille“ gesellt sich zu Edtmeier Marius Zernatto als Dichter, ein von seinem Singer-Songwriter-Genie überzeugter Poser, den an der Beziehung lediglich interessiert, ob sie eh die – siehe Episodentitel – nimmt. Auch bei seinem zweiten Antreten ist Zernattos Dichter kein Glück beschieden, im von Laura Buczynski inszenierten „Sex and the City“ sorgt Kimberly Rydell als Schauspielerin mit ihrer flammenden Rede über Verhütung für den Untergang seiner Schwimmer.

Die Szene von der Schauspielerin und dem Grafen nennt sich in der Fassung Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki „Dr. Condom“, nötigt doch Rydells Bühnenkünstlerin den Blaublüter voll feministisch und auf ihre nachwuchslose Unabhängigkeit bedacht sich ein solches –  1750 noch aus Tierdarm gefertigt, mit Seidenbändern und lateinischer Gebrauchsanleitung – überzuziehen. Schwach protestiert Florian Caroves Graf, das Abwenden von der Zeugung von Bastarden liege in der Verantwortung des Weibes, doch es hilft ihm kein sich auf diesen Standpunkt Versteifen. Was im Übrigen auch andernorts nicht stattfindet, was wiederum von Carove, der sich zu allem Ungemach noch zusätzlich durch unzählige Rokkokokleiderschichten wühlen muss, mit einem bedauernden „Ich war eigentlich grad sehr geil“ kommentiert wird.

Da lacht das Publikum, wie generell viel an diesem Abend. „Der Reigen“ im Bronski & Grünberg geriet im besten Bronskisten-Style zur abgedrehten Komödie, die Schauspielerinnen und Schauspieler mal lässig-lasziv, mal amüsant-süffisant, mal exaltiert, mal exzentrisch. Neben Gerald Votava mit seinem rostigen Goldenen Wienerherz, ist es von Stolzmann, dessen darstellerische Feinheiten gefallen. Wie er in der Scheuba-Szene bei Hose rauf, Hose runter, von Satz zu Satz tänzelt, von Erwartung zu Enttäuschung, spielt er sich sportlich-schnittig die Pointen von der Seele. Am Schluss sind alle fick und fertig. Schön ist das, diesem Dreamteam beim „seeeehr frei nach Schnitzler“ Spaß haben und Spaß machen zuzusehen.

 

www.bronski-gruenberg.at

  1. 10. 2019

Heidi Horten eröffnet in Wien ein Museum

Juli 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Agnes Husslein-Arco wird als Direktorin genannt

Ausstellungsansicht WOW! The Heidi Horten Collection, © Leopold Museum, Bild: Lisa Rastl

Wie der ORF berichtet, plant Kunstmäzenin Heidi Goëss-Horten in der Wiener Innenstadt ein Museum für ihre Sammlung einzurichten. Als Standort wird das von der Milliardärin erworbene Stöcklgebäude im Hanuschhof neben Staatsoper und Albertina angegeben, wo auf zwei Etagen und im Innenhof, also etwa 2.000 m², Highlights der Heidi Horten Collection gezeigt werden sollen. 2022 soll eröffnet werden, Agnes Husslein-Archo wird als Direktorin genannt.

Husslein-Arco ist bereits als Beraterin der Kunstsammlerin tätig und kuratierte die Ausstellung „Wow! The Heidi Horten Collection“ im Leopold Museum, die im vergangenen Jahr erstmals Einblicke in die hochkarätige Sammlung gab, und mit 360.000 Besuchern für einen Museumsrekord sorgte. Die Präsentation im Leopold Museum, 170 Exponate von 75 Künstlerinnen und Künstlern, folgte dem lang gehegten Wunsch der passionierten Sammlerin Horten, die Highlights der seit den 1990er-Jahren sorgfältig zusammengetragenen Meisterwerke von Künstlern wie Gustav Klimt, Emil Nolde, Andy Warhol oder Damien Hirst einem Publikum zugänglich zu machen.

Die Ausstellung fokussierte auf die Sammlungstätigkeit von Heidi Goëss-Horten. Leben und Wirken von Helmut Horten wurden von Historikern wissenschaftlich aufgearbeitet. Bereits in den 1970er-Jahren begann Heidi Horten gemeinsam mit ihrem Mann Helmut Horten, Kunst zu sammeln. Die beiden interessierten sich damals vor allem für Werke des deutschen Expressionismus. Nach dem Tod Hortens 1987 beschloss sie, ihre eigene Sammlung mit neuen Schwerpunkten aufzubauen. Ohne sich vorherrschenden Trends auf dem Kunstmarkt zu unterwerfen, konzentrierte sich die Sammlerin auf Werke der internationalen Moderne, des Neoexpressionismus und der amerikanischen Pop-Art und schuf so eine in ihrer Qualität und Dichte einzigartige Kollektion.

Ernst Ludwig Kirchner: Rote Akte, 1912. Bild: Courtesy Heidi Horten Collection

Francis Bacon: Study for Portrait of Henrietta Moraes. Bild: Courtesy Heidi Horten Collection © Bildrecht, Wien, 2018

Die Heidi Horten Collection umfasst heute mehrere Hundert Gemälde, Grafiken und Skulpturen. Als Schwerpunkte sind neben dem deutschen Expressionismus mit Meisterwerken von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde und Max Pechstein auch die abstrakten Positionen von Cy Twombly, Mark Rothko oder Ernst Wilhelm Nay sowie die amerikanische Pop-Art mit Vertretern wie Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat oder Roy Lichtenstein zu nennen. Daneben betonen bedeutende Werkblöcke von Marc Chagall, Georg Baselitz, Francis Bacon, Fernand Léger, Gerhard Richter, Yves Klein, Lucio Fontana oder Damien Hirst die internationale Ausrichtung.

hortencollection.com           wien.orf.at/stories/3003298

6. 7. 2019

Theater Drachengasse: All das Schöne

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liste für die Lust am Leben

Michaela Bilgeri und Andreas Dauböck spielen mit dem Publikum. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Nummer eins: Schokolade, Nummer zwei: Wasserschlachten mit Wasserbomben, Nummer drei: Achterbahnen … So beginnt eine Reihenfolge der Dinge, die eine Siebenjährige nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter auflistet, um diese an „All das Schöne“ zu erinnern, für das es sich zu leben lohnt. Im Theater Drachengasse hat Esther Muschol den Monolog des britischen Dramatikers Duncan Macmillan inszeniert. Eine wunderbare One-Woman-Show für Schauspielerin Michaela Bilgeri, die sich von Andreas Dauböck musikalisch beistehen lässt.

Bilgeri holt sich für ihre Protagonistin auch Unterstützung aus dem Publikum. Noch bevor’s losgeht werden Zettel verteilt, darauf Worte und Halbsätze, wer einen in die Hand gedrückt bekommt, wird im Laufe des Abends seinen Punkt der Lebenslust-Liste laut vorzulesen haben. Bilgeri holt ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mitunter sogar Richtung Spielfläche ab. Eine wird spontan zur Tierärztin, aus einer ausgeborgten Fleecejacke und einem Kugelschreiber werden Hund und Spritze, einer wird zum Vater, eine Schulpsychologin, die, entledigt von Schuh und Strumpf, versucht sich dem verstörten Kind durch „Socki“ anzunähern.

Dass die Mitmach-Übung gelingt, dass die Gruppendynamik bald den ganzen Raum ergreift, ist Bilgeris und Dauböcks sympathischer Art zu danken. Nie sind die Interaktionen peinlich oder übergriffig oder erzwungen, im Gegenteil: die Stimmung ist froh gestimmt und offenherzig, erstaunlich wie die Leute mitgehen und wie sich manch einer als Bühnentalent entpuppt, verblüffend, wie man zur Gemeinschaft wird, wie man näher zusammenrückt. Der Abend wirkt trotz des schweren Themas leichtfüßig. Bilgeri turnt zwischen Sitz- und Satzreihen, spielt auf den Punkt, spielt mit Feuer und auch Verzweiflung, ist berührend und selbst gerührt, erzählt und erklärt und fragt und hinterfragt, und erweist sich insgesamt als großartige Entertainerin, die ihre Figur mit viel Humor, der nötigen Portion Galgenhumor ausstattet. Mutterwitz, mit dem sie die ständige Angst vor dem nächsten Absturz mit Anekdoten tarnt.

„Wenn etwas Schlimmes passiert, spürt das der Körper, bevor der Verstand weiß, was passiert ist“, sagt sie. Da ist es, zehn Jahre später, wieder so weit, die Mutter nach einem weiteren Suizidversuch wieder im Krankenhaus, und die nunmehr Teenager-Tochter, die ihr erst empfiehlt, keine Tabletten mehr zu nehmen, sondern „Spring von einer Scheiß-Brücke!“, setzt die Liste fort. Erweitert sie um „Wayne’s World“ und Johnny Depp. Macmillans liebenswerter, und ebenso dargebotener, Text lässt deutlich erkennen, was die ständige Sorge um die Mutter, was deren Depression mit der Familie macht, mit der Tochter, die mit dem Erwachsenwerden mehr und mehr mit der Furcht konfrontiert wird, so zu werden wie sie, mit dem schweigsamen Vater, der sich in seine Schallplattensammlung verkriecht.

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Dauböck und Bilgeri geben dessen Lieblingsmusik live zum Besten. Von Johnny Cashs „Ring of Fire“ bis zur Vertonung der Konrad-Bayer-Lyrics „Glaubst i bin bled“ von der Worried Men Skiffle Group. Auch die Mutter in ihren besten Momenten ist anwesend, wenn sie am Klavier in der Küche sitzt und singt.  Doch eine Universitätsprofessorin lässt ausgerechnet den „Werther“ lesen, ein erster Freund wird erst zum Ehemann, dann zum Ex. Bilgeri bringt ihr Publikum mit ihrer Spontanität bis zum Küssen, und ja, ein bissl arbeitet da schon der Schadenfreude-Faktor, wenn man grad selber nicht drankommt.

Und Ágnes Hamvas‘ Raumgestaltung gibt immer weitere Listenplätze preis, und viele davon legen eigene Erinnerungen an „All das Schöne“ frei. Bis eine Million will die Ich-Erzählerin kommen. Im Foyer liegt nicht zuletzt deshalb ein Buch auf, in das das Publikum selbst seine schönsten Dinge eintragen kann. Neben „schwanger sein“ und „ein Kind zur Welt bringen“, dies wohl als Frage darauf, warum das Macmillans Mutterfigur nicht Lebensgrund genug ist, steht da:

Zu sehen, wie Jamie Cullum nach seinem Konzert auf der Donaubühne Tulln beim Schlussapplaus samt Band ins Wasser sprang. Na bitte. Bis 24. November kann man sich noch in die Liste eintragen.

www.drachengasse.at

  1. 11. 2018

Volksoper: Der Kongress tanzt

Februar 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Film- zum vorprogrammierten Bühnenhit

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Na also, endlich. Europahauptstadt. Nicht, dass dadurch die Weltpolitik besser würde, aber der Veltliner … Wien und der Wein. Und das Weib natürlich. Und die Walzerseligkeit. Und die Heurigenstimmung. Tourismusverbände aller Länder, vereinigt euch! An der Volksoper hatte „Der Kongress tanzt“ Premiere.

Das war einmal ein Film von Erik Charell mit Lilian Harvey und Willy Fritsch. 1931 in die Kinos gebracht, 1937 verboten. Die Handlung trägt sich zur Zeit des Wiener Kongresses zu. Metternich will bei seinen Verhandlungen möglichst keine Gegenstimme und daher Alexander von Russland ausschalten. Der, ein bekannter Steiger, sollte relativ einfach in ein amouröses Abenteuer zu verwickeln sein, und deswegen den Abstimmungen fern bleiben. Und so kommt dem Fürsten die junge Handschuhmacherin Christel gelegen, die aus Werbezwecken jedem Staatsgast ein Blumensträußchen zuwirft – und den Zaren damit auf den Kopf trifft. Als sich die „Bombe“ als Bouquet entpuppt, entwickelt sich eine Romanze, sehr zum Ärger von Geheimsekretär Pepi, der in die schöne Ladenbesitzerin bis über beide Ohren verliebt ist. Ausgerechnet er soll aber nun den Zaren immer weiter in die „Weibergeschichte“ verstricken. Doch der hat einen Doppelgänger mit nach Wien gebracht und schafft es daher, Staatsgeschäfte und Liebesangelegenheiten parallel zu erledigen …

Die unsterblichen Melodien dieser Leinwandoperette stammen aus der Feder von Werner Richard Heymann: „Schön ist das Leben“, „Das muss ein Stück vom Himmel sein“, „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“. „Sie kennen mich nicht, aber sie haben schon viel von mir gehört“, war später Heymanns Auftrittssatz, sein Gag bei Konzerten. Der gebürtige Königsberger, wesentlichster Komponist der Comedian Harmonists, auch Mitarbeiter und dann Nachfolger von Max Reinhardt an dessen Bühne „Schall und Rauch“, war ein glühender Europäer. So sehr, dass er, 1933 von den Nazis mit Berufsverbot belegt und ins Exil gejagt, nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte. Obwohl er in den USA beachtliche Erfolge hatte, unter anderem die Musik für die Ernst-Lubitsch-Filme „Ninotschka“ und „Sein oder Nichtsein“ schrieb und mehrmals für den Oscar nominiert war. Volksoperndirektor Robert Meyer und Komponist und Arrangeur Christian Kolonovits haben Heymanns Schatz nun für das Haus am Gürtel geborgen. Der Film- ist ein vorprogrammierter Bühnenhit. Mit allem, was der Gast aus dem In- und Ausland zu schätzen weiß.

Dies ist allem voran Kolonovits zu danken. Er hat die Musik sozusagen aus dem Film abgeschrieben. Denn es gibt von „Der Kongress tanzt“ weder Partitur noch Orchesterstimmen, nur ein paar Klavierauszüge und einige Skizzen haben das Dritte Reich überlebt. Kolonovits schaffte es durch liebevolles Hinhören das Flair der 1930er-Jahre wieder aufleben zu lassen – inklusive des charakteristischen Kratzens alter Schellack-Platten. Er dirigiert seine „Originalklang-Operette“ selbst, und das wunderbar wandlungsfähige Volksopernorchester, das schon mehrmals unter Beweis gestellt hat, wie schwungvoll es swingen kann, wird in seinen Händen zur Big Band. Allein schon sein Sound ist diesen Feel-Good-Abend wert.

Inszeniert hat Robert Meyer mit viel Spaß an der Sache und zart eingesetzten Zeitbezügen. Etwa, wenn sich sein Metternich als geistiger Großvater der NSA zeigt, oder Fritz von Friedl als Bürgermeister ein Original ist, dass dem echten rein zufällig ein bisschen ähnelt. Auch, dass Wien anno 1814 nur ums Eck von Brüssel 2016 liegt, zeigt er ganz klar. Viel – musikalisches – Muskelspiel, aber dürftig in den politischen Beschlüssen. „Der Kongress gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen und zu vertauschen“, notierte der preußische Generalfeldmarschall Blücher damals. Um den schnellen Filmschnitten gerecht zu werden, gleiten die Szenen, begleitet von Spieluhrmusik, die Darsteller wie deren Figuren aufgestellt, auf der Drehbühne vorbei. Das ist eine schöne Idee, doch wird die Handlung, bevor sie richtig Fahrt aufnimmt, von diesem steten Wechsel ein wenig ausgebremst. Das ist schade. Unterm Strich aber hat Robert Meyer, der als Metternich selbstironisch über sein Los als „Führungspersönlichkeit“ klagt, für sein Haus einmal mehr ein perfektes Ensemblestück ausgesucht. Jeder kommt hier zu seinem großen Auftritt.

Das nutzen Anita Götz und Michael Havlicek ganz vorzüglich. Als Christel und Pepi sind die Sopranistin und der Bariton sowohl komödiantisch als auch gesanglich ein Traumpaar. Sie, die freche Resche mit leichter Bissgurn-Veranlagung, er, der Stotterer in Liebesdingen, ein Pantoffelheld schon vor der Heirat. In viel zu riesiger rosa Robe, ein textiles Sinnbild für: diese Welt ist nicht die ihre, wartet sie in der Hofburg auf den Zaren, der am Ende doch abreisen wird. Worauf sie sich nicht – siehe Film – sofort ihrem Pepi in die Arme wirft, sondern erst einmal, weil ja jetzt als Adelspantscherl berühmt, im Laden das große Geschäft macht. Das ist Emanzipation für beide Geschlechter, weil auch ein Pepi hat nicht alles nötig. Havlicek spielt das sehr charmant, er hat als Pepi durchaus Herzensbrecher-Potential. Boris Eder brilliert in der Doppelrolle als Zar Alexander und dessen Double Uralsky. Eder kann sowohl den weltgewandeten Verführer als auch den einwandfreien Dodl überzeugend über die Rampe bringen, und ist stimmlich sowieso glänzend. Seinem kurzsichtigen Uralsky, dem Thomas Sigwald als Adjutant Bibikoff die Brille wegnimmt, was zusätzlich für dessen Verwirrung und ergo Tumult sorgt, hätte man einen Slapstick mehr sehr gerne gegönnt. Mit Agnes Palmisano besingt eine waschechte Dudlerin Wiens alkoholische Qualitäten. Nicolaus Hagg jammert als Finanzminister gekonnt über die Kosten.

Zusätzliche Heymann-Lieder peppen die Aufführung auf. Wie für die Zusammenstellung einer Revue haben Kolonovits und Meyer gut gewählt, was zur Handlung passt. Zar-Eder darf auch noch „Hoppla, jetzt komm‘ ich“ aus dem Film „Der Sieger“ anstimmen. Für Regula Rosin als Fürstin wurde mit „Die älteren Jahrgänge“ aus „Professor Unrat“ ein gesanglich-kabarettistisches Kabinettstückchen gefunden. Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Axel Herrig, Bernd Birkhahn, Franz Suhrada und Gernot Kranner wissen als gekrönte und gewählte Häupter „Einmal schafft’s jeder“ – aus „Ein blonder Traum“. Und Robert Meyer hat für sich den „Alraune“-Tango „Heut‘ gefall‘ ich mir“ reserviert. Noch nie war Metternich so sexy.

Zum großen Schlussapplaus gab’s als Da Capo Christels „Das gibt’s nur einmal“. Als es am 8. Mai 1945 in Berlin keinen Strom, daher auch kein Radio gab, wussten die Menschen vielerorts nichts davon, dass die Wehrmacht die Waffen niedergelegt hatte. Da spielte beim Bahnhof Zoo ein russischer Lautsprecherwagen die Melodie – und die Berliner wagten sich aus ihren Verstecken. So etwas muss man erst einmal schreiben: Ein Lied, mit dem das Kämpfen endet und der Friede beginnt. An der Volksoper jetzt wieder zu hören. Ein Evergreen als zart eingesetzter Zeitbezug. Jeder Frühling hat nur einen Mai …

www.volksoper.at

Wien, 21. 2. 2016

Winterpalais – Ólafur Eliasson: Baroque Baroque

November 19, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Francesca Habsburg zeigt Wien noch einmal, was sie hat

Olafur Eliasson New Berlin Sphere, 2009: Installationsansicht im Winterpalais, Wien, 2015 Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Vienna Bild: Anders Sune Berg © 2009 Olafur Eliasson

Olafur Eliasson New Berlin Sphere, 2009: Installationsansicht im Winterpalais, Wien, 2015
Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Vienna
Bild: Anders Sune Berg © 2009 Olafur Eliasson

Das Vestibül durchflutet die Lichtinstallation „Die organische und kristalline Beschreibung“ mit Wellen aus blauem und gelbem Licht, erschafft einen Ozean aus Farbe, der den Besucher magisch anzieht. „Yellow corridor“ lässt das Stiegenhaus im imperialen Glanz erstrahlen. Maschinen und Installationen wie etwa das „Kaleidoscope“, „New Berlin Sphere“, „Your welcome reflected“ und „Seu planeta compartilhado“ laden zum Schauen und Staunen. Ein Spiegel, der die Enfilade der Prunkräume durchzieht, wirft die Schönheit der barocken Räume zurück. Im Schlachtenbildersaal inszeniert „Wishes versus wonders“, ein an die Spiegelwand montierter Halbring aus Edelstahl, eine Illusion.

Ólafur Eliasson, der Meister der magischen Bilderwelten, ist in Wien. Das Belvedere präsentiert ab 21. November unter dem Titel „Baroque Baroque“ in der Kulisse des prunkvollen Winterpalais, Stadtresidenz des Prinz Eugen, einige seiner besten Kunst-Stücke. Gezeigt werden Werke der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) und der Juan & Patricia Vergez Collection. Das Winterpalais war im barocken Wien ein Ort der Förderung der Künste und Wissenschaften. Hier will Eliasson mit  „Baroque Baroque“ ansetzen, mit einem Aufeinandertreffen von Kunstwerken, Ästhetiken und Weltanschauungen zweier zutiefst unterschiedlicher Epochen.

„Für mich ist inspirierend“, so der dänisch-isländische Künstler über die Ausstellung, „dass sich das Barock durch eine so große Offenheit auszeichnet – für fließende Übergänge zwischen Realitätsmodellen und der Realität an sich. Die Präsentation meiner Arbeiten im Winterpalais entstand aus der Überzeugung heraus, dass es möglich ist, Realität zu konstruieren; gestaltet nach unseren Träumen und Visionen und getragen von der Vorstellung, dass Konstrukte und Modelle genauso real sind wie alles andere.“ Wie im großen barocken Illusionstheater tritt auch Eliasson an, um sein Publikum zu verblüffen. Die Begegnung mit seiner Arbeit fordert die Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachter heraus und gibt Anstoß, die Wirklichkeit in ständiger Wandlung zu verstehen. Nichts bleibt, wie es war. In diesem Sinne sind Eliassons Werke Vanitas-Symbole – Luxus für alle Sinne, ohne moralisierende Absicht.

Im Winterpalais überraschen die Bezüge zwischen Eliassons Arbeiten und ihrem temporären Ausstellungsort. Sie ähneln einander in ihrem Spiel von Sein und Schein, und auch bezüglich ihrer Repräsentationspflichten. So entstand für diese Schau der Begriff des doppelten Barock – „Baroque Baroque“ -, der das Historische mit dessen Konstruktion überlagert. „Die Installationen von Ólafur Eliasson bilden eine nahezu perfekte Symbiose mit der barocken Opulenz des Winterpalais“, sagt Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Präsentation der Ausstellung am Donnerstag. „Man steht in einer Beziehung zum Raum; man sieht ihn, man bewegt sich in ihm oder tut irgendwas in ihm, und der Raum verfügt aufgrund seiner offenen Ideologie über die Fähigkeit, einem zu zeigen, dass man sich in ihm befindet“, erklärt Eliasson, der die Winterpalais-Besucher zur aktiven Teilnahme am Geschehen einlädt.

Erst kürzlich überlegte TBA21-Gründerin Francesca Habsburg öffentlich, ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst von Wien nach Zürich zu verlegen. Nach mehr als 20 Jahren in Österreich schien die in der Schweiz aufgewachsene Kunstmäzenin genug von der „Hinhalte-Taktik“ der Wiener Kulturpolitik zu haben. Ihre Hoffnungen auf eine eigene Kunsthalle im Quartier Belvedere beim neuen Wiener Hauptbahnhof hatten sich 2012 aufgrund fehlender politischer, wie auch finanzieller Bekenntnisse zerschlagen. In Wien fühle sie sich „nicht wertgeschätzt“ und „total unterfordert“, Gespräche seien „nicht zielführend“ verlaufen, ließ sie wissen, und dass sowohl Zürich als auch Venedig Interesse bekundet hätten. Nun zeigt Habsburg im Winterpalais eindrucksvoll, was Wien verlieren könnte. Ihr Statement zur Schau liest sich entsprechend: „Diese Ausstellung vereint einige Elemente, welche nicht nur die Vision der Sammler und deren Verantwortung zum Ausdruck bringen, sondern auch deren Fähigkeit, Kunstprojekte jenseits traditioneller Kategorien zu kreieren“, so Francesca Habsburg.

www.olafureliasson.net

www.tba21.org

www.belvedere.at

Wien, 19. 11. 2015