Leopold Museum: Fremde Götter

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Klassische Moderne im Dialog mit Afrikas Masken

Max Pechstein: Stillleben mit Negerstatuen, 1918 © Privatbesitz/Dauerleihgabe Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Bild: © Pechstein Hamburg/Tökendorf/Bildrecht, Wien, 2015

Max Pechstein: Stillleben mit Negerstatuen, 1918 © Privatbesitz/Dauerleihgabe Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf Bild: © Pechstein Hamburg/Tökendorf/Bildrecht, Wien, 2015

„Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien“, die große Herbstausstellung des Leopold Museum fokussiert ab 23. September erstmals die umfangreichen hauseigenen Sammlungsbestände afrikanischer und ozeanischer Kunst. Diese treten in einen Dialog mit ausgewählten Werken von Protagonisten der Klassischen Moderne. Die Schau intendiert, Europas exotistisches Kunstabenteuer und den Einfluß auf die Avantgarde in Erinnerung zu rufen.

Museumsgründer Rudolf Leopold teilte die Begeisterung, die die Künstler der Moderne für diese Objekte hegten. Die Faszination, die von der Kunst „fremder“ Kulturen ausgeht, spiegelte sich in zahlreichen Werken der Klassischen Moderne wider. Dies wird in der Ausstellung im Dialog der Masken und Figuren mit Werken von Pablo Picasso, Constantin Brâncuși, Emil Nolde oder Max Ernst intensiv erfahrbar. Gleichzeitig wird der verfremdende, „primitivistische“ Blick der Moderne auf Afrika und Ozeanien durch den zeitgenössischen Künstler Kader Attia aus postkolonialer Perspektive hinterfragt.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 19. 9. 2016

Yoruba, Nigeria: Ibeji, Zwillingsfiguren, männlich und weiblich, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Yoruba, Nigeria: Ibeji, Zwillingsfiguren, männlich und weiblich, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Baule, Elfenbeinküste: Blolo Bla, spirituelle Ehegattin, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Baule, Elfenbeinküste: Blolo Bla, spirituelle Ehegattin, 1. Hälfte 20. Jh. © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Ernst Ludwis Kirchner: Stuhl mit großem Akt an der Rückenlehne, um 1921 Bild: © Sammlung E.W.K., Bern/Davos, Collection E.W.K., Bern/Davos

Ernst Ludwis Kirchner: Stuhl mit großem Akt an der Rückenlehne, um 1921 Bild: © Sammlung E.W.K., Bern/Davos, Collection E.W.K., Bern/Davos

 

André Heller präsentiert sein neues „Afrika! Afrika!“

Oktober 16, 2013 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

20 Acts, 77 Künstler und eine Show zum Staunen

Bild: "Foto: AFRIKA! AFRIKA!"

Bild: „Foto: AFRIKA! AFRIKA!“

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Weltpremiere der multimedialen Neuinszenierung von André Hellers „Afrika! Afrika!“: Die Österreich-Premiere ist am 22. Oktober in Klagenfurt. An die zwei Stunden Show mit insgesamt 20 Showacts und 77 Künstlern erwartet die Zuschauer in insgesamt 39 Tourstädten.  Immer mit dabei: 140 qm LED-Wände als Bühnen-Architektur, die Live-Band, rund 1.000 Kostüme – davon einige Kreationen des afrikansichen Modelabels Bull Doff – sowie zwei Trucks mit Equipment (vom Profi-Basketballkorb bis zu circa drei Meter hohen Figuren aus Eisen und Pappmaschee). Seit über einem Jahr wurden in Afrika und der „Diaspora“ Künstler für die neue Show gesucht und an verschiedenen Orten trainiert, vor allem in Südafrika, Guinea und der Elfenbeinküste.André Heller zeigt sich entspannt: „Ich verlasse tatsächlich jeden Tag beglückt und ein wenig tanzend die Proben und bin überzeugt, dass es dem Publikum bei den Aufführungen genauso gehen wird. Man bekommt ein frohes Herz.“

Die neue Show vereint die Höhepunkte der Zeltshow mit neuen, größtenteils in Europa bisher ungesehenen Attraktionen. Rund 85 Prozent der Künstler sind neu mit dabei. Den roten Faden bilden Musik, Bilder und Tanz. Die afrikanischen Tänze reichen von den wilden und gestenreichen Tänzen aus dem Senegal, über die extrem schnellen Füße der Elfenbeinküste bis zum Gumboot-Dance. Der Gumboot-Dance (zu dt.: Gummistiefel-Tanz) entstand in den 1880er Jahren in den Gold- und Diamantenminen um Johannisburg, Südafrika.Dem gegenüber stehen sechs junge Männer aus Brooklyn, New York, die den Breakdance weiter entwickelt und innovative Stilrichtungen wie „Bonebreaking“, „Posing“ und „Flexing“  mit geprägt haben. Dabei haben sie ihren ganz eigenen Stil gefunden, der verschiedene Tanzelemente geschickt mit Kontorsion und Akrobatik verknüpft. In Europa ist die us-amerikanische Gruppe MainEventt mit ihren einzigartigen, exzentrischen Choreographien erstmalig zu sehen. Weitere Neuentdeckungen aus der „Diaspora“ sind die Basketball-Akrobaten, zum einen ACRODUNK, mit ihrer spektakulären „Slamdunk“ Basketball-Artistik, sowie der aus Surinam stammende Michael van Beek, einer der weltbesten Basketball Freestyler.Zu den Neuheiten aus Afrika zählen die Tansania Acrobats sowie die Guinea Acrobats. Bereits 2012 haben beide Truppen in Guinea mit dem Training für die neue Show begonnen. Die meisten Mitglieder kannten die 2006er Show nur von Videos aus dem Internet und die wenigsten von ihnen hatten bislang den afrikanischen Kontinent verlassen. Helene Sano, die athletische Schlangenfrau aus Guinea,  gehört zu den besonderen Neuentdeckungen André Hellers, genauso wie die Gruppe Human Balance. Die drei Äthiopier bieten eine derart perfekte Handstandakrobatik, wie man sie sonst nur von Kontinenten kennt, wo Artisten von Kindheit an professionell trainiert werden. Hinzu kommen einige Highlights der vergangenen Tourneen, wie der „Waterman“ aus Ghana, der Schlangenmensch Yoga Yoga und weitere Acts. Weltklasse-Musiker rund um den in Paris lebenden Bandleader Francky Moulet sorgen live für die musikalische Begleitung der Show. Zwischenzeitlich bereichern surreale Figuren und Mode-Kreationen von „Bull Doff“ die Szenerie, alles untermalt von multimedialen Bildern und Videos serbo-kroatischer Videokünstler. Das Finale vereint die 77 Künstler auf der Bühne und lebt erneut von einer unbändigen Kraft, Freude und Spontanität. Hellers größte Herausforderung bei der Inszenierung des Finales: „Man muss ihnen irgendwann sagen, dass sie aufhören sollen, sonst tanzen die stundenlang weiter.“

Die Österreich-Termine:

22.10.13 – 27.10.13 Klagenfurt, Kärntner Messe; 29.10.13 – 03.11.13 Innsbruck, Saal Tirol; 05.11.13 – 09.11.13 Linz, Tipsarena;

04.12.13 – 11.12.13 Salzburg, Haus für Mozart; 22.12.13 – 16.01.13 Wien, Stadthalle, Halle F;  19.03.14 – 23.03.14 Graz, Stadthalle.

www.afrikaafrika.de

Wien, 16. 10. 2013

Schlingensief: Sein letztes Buch

Februar 8, 2013 in Buch

Ein Bild aus der Kinodoku „Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso“ (li.) und das eben erschienene „Ich weiß, ich war’s“
14.10.2012,Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/3

Gott gewährte keine Spielzeitverlängerung

Posthum erschien Schlingensiefs Buch „Ich weiß, ich war’s“: Ein autobiografischer Rückblick.

Als er nach einer Premiere in München auf die Bühne kam, und das Publikum frenetisch jubelte, trampelte, und er sich artig verbeugte, dachte er: „Die applaudieren mir nicht, die verabschieden mich.“

Es gibt ein Buch von Christoph Schlingensief. Ein letztes. „Ich weiß, ich war’s“. Ein Band voller unvollendeter Gedanken, Selbstbefragungen, die er in seinen letzten Lebensmonaten auf Tonband sprach. Ohne auf den Beipackzettel zu achten.

Schlingensiefs Frau Aino Laberenz hat diese Aufzeichnungen als Erinnerung konserviert. Das Buch ist eine einzige Liebeserklärung. Und eigentlich nicht zum Aushalten. Nicht zum Derlesen. Eine unredigierte Transkription von Schlingensiefs Sprachfülle, eine Assoziationskette mit Leerstellen. So viel Gier auszuufern, so wenig Lust, etwas zu erklären. Und die Bitte an Gott um eine „Spielzeitverlängerung“.

Schlingensief, der Film- und Theaterregisseur, der Aktionskünstler, der auf der Messerschneide Realität und Fiktion ausbalancierte, der „Bürgerschreck“ den die Bourgeoisie bald als ihren Liebling fest umklammerte, starb 2010 an Krebs. Mit 49.

Wie sehr er sich über dieses „Hofnarr des Hochkulturbetriebs“-Image gekränkt fühlte, auch davon liest man im Buch. Zwischen den Zeilen. Zwischen den herrlichen Geschichten und den grandiosen Anekdoten, die Schlingensief zu erzählen hat. Er hat’s immer ehrlich gemeint mit der Kunst. War verwundert, verärgert, wenn’s andere nicht taten.

 

Österreich-Aktionen

Etwa als er die Partei „Chance 2000“ gründete und Deutschlands sechs Millionen Arbeitslose an den, das heißt: in den Wolfgangsee, rief, um durch die Erhöhung des Wasserstands Bundeskanzler Helmut Kohls Villa zu fluten. Gekommen sind aber nur 600 Protestschwimmer.

Oder als er bei den Wiener Festwochen 2000 einen „Ausländer raus!“-Container neben die Staatsoper stellte und die ersten beiden Tage gar nichts passierte. Wiener Passanten sind gut im achtlos vorübergehen …

„Am schlimmsten traf das natürlich meine Eltern“, heißt’s im Buch. „Die saßen da die ganzen Jahre in Oberhausen rum und bekamen eigentlich nur mit, dass ihr Sohn merkwürdige Sachen macht.“ All die Söhne der Nachbarn waren was geworden. Arzt oder Anwalt. Und er, der Apothekersohn?

Dreht Kettensägenfilme und veranstaltet Blutexzesse auf Bühnen. Wird in Bayreuth, „wo der regierende Wahnsinn größer ist als mein eigener“, mitten in der Arbeit zu Parsifal gefragt: „Ist das Ihr Ernst, Herr Schlingensief?“

Hat ein Pantscherl mit Tilda Swinton – er konnte kaum Englisch, sie kein Wort Deutsch, aber „wir haben sowieso nur geweint und geknutscht, immer abwechselnd.“ Quatscht in Venedig Wim Wenders Vater, einen Oberhausener Chirurgen wegen eines Termins beim Sohn an (er fand nie statt).

Inszeniert am Burgtheater Jelineks „Bambiland“, „Mea Culpa“ und “ Via Intolleranza II“. Gründet die Church of Fear. Und schreit beim Biofleischhauer eine ihm zu lang gustierende Kundin an, ob sie denn nicht sehe, dass er vor Schmerzen kaum noch stehen könne. „120 Gramm Rindfleisch, bitte.“

(Freuden-?)tränen

Wie ein sterbender Elefant, erzählt er, hätte er sich in die Einsamkeit zurückziehen wollen. Und dann von seiner Hochzeit mit Aino auf einer Insel in einem See. Und von den (Freuden-?)tränen, deren Fließen er so dringend verhindern wollte und es doch nicht konnte.

Schlingensiefs letztes großes Projekt, das Operndorf in Burkina Faso, stellen nun seine Frau und Freunde fertig. Ein Film darüber hatte diese Woche am Akademietheater Premiere.

1975, da war Schlingensief 15 Jahre alt, sollte er einen Aufsatz zum Thema „Was will ich werden?“ schreiben. Er schrieb: Regisseur!

Beurteilung des Lehrers: „Bei allem Verständnis für deine jugendlichen Berufsträume erscheinen mir deine Vorstellungen und Erwartungen doch teilweise etwas naiv und unrealistisch … So kann die Gesamtleistung noch als befriedigend bezeichnet werden.“

Gut, dass Schlingensief nie auf Lehrer hörte. Sein Schlusswort: „Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte. Weil, ich gar nicht wusste, wer ich mal sein könnte.“