Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

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  1. 9. 2017

Burgtheater: Die Orestie

März 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten

Die Erinyen besingen für die Götter das Schicksal des Hauses der Atriden: Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Sarah Viktoria Frick, Caroline Peters, Irina Sulaver, Aenne Schwarz und Maria Happel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Gewalt des Bildes schlägt einen vom ersten Augenblick an in Bann. Schwarz ist die Erde, der Himmel verfinstert, purpurdunkles Blut bewegt sich als Rinnsal Richtung Rampe. Mittendrin sieben weißzerlumpte, wie in ihre Hautfetzen gekleidete Gestalten, die Bürger von Argos? – auch, vor allem aber die Erinyen. Beklagen die einen den auf dem Haus der Atriden lastenden Fluch, so die anderen ihr eigenes Schicksal.

Nämlich von Pallas Athene dazu verdammt zu sein, die innerfamiliäre Mord-und-Totschlag-Serie nicht länger anzustacheln, weil, wo Blut fließt, ist immer eine Erinys, und sich dem Recht und der Gerichtsbarkeit der Göttin zu unterwerfen. Dies ist es also, was Regisseur Antú Romero Nunes an Aischylos‘ „Orestie“ interessiert. Die zwangsweise Umwandlung der Rachefurien in den Menschen Wohlgesinnte – und die Frage, wie dauerhaft ihre primitiven Prinzipien mit der Farbe der Demokratie zu übertünchen sind. Nunes stellt damit die Frage zur Zeit, treiben doch gerade weltweit Hasardeure des Populismus ihr übles Spiel mit parlamentarischen Grundregeln, setzen Schreihälse mit ihren Parolen jede Rationalität außer Kraft, wagt sich der überwunden geglaubte völkische Ungeist wieder aus seinem Loch. Es wird sich zeigen, inwieweit das Alte durch ein Neues zu ersetzen ist …

Mit den Schauspielerinnen Caroline Peters, Maria Happel, Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick und Irina Sulaver hebt Nunes die Dramentrilogie auf die Bühne des Burgtheaters. Jede von ihnen ist nicht nur eine im Kollektiv Rasende, sondern auch Protagonistin, nicht nur Chormitglied, sondern auch psychologisierte Figur. Denn es gelingt Nunes tatsächlich – soweit Aischylos es zulässt – aus dessen archaischen Archetypen modern anmutende Charaktere zu formen. Da steht der einen die Angst ins Gesicht geschrieben, verzerren sich die Züge einer anderen vor Eifersucht und Wut, verzweifelt eine dritte an ihren Weissagungen.

Kassandra warnt – wann hätte ein Orakel den Menschen je Gutes gebracht: Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra tötet Agamemnon und Kassandra: Caroline Peters, Maria Happel und Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wohl nur am Burgtheater ist eine solch mimische Meisterleistung möglich. Die glorreichen Sieben schaffen es mühelos, die Maskerade zu bedienen, ohne hinter der Maske zu verschwinden. Mit großer Prägnanz gestalten sie ihre Rollen und immer wieder blitzt hinter der Entstellung die Darstellerin auf. Man erkennt sie an ihren unvergleichlichen Stimmen, auch am Gestischen, die Happel, die Petritsch, die Peters.

Die Geschichte des atridischen Schlachthauses ist bekannt, von Iphigenies Opferung über Agamemnons Heimkehr aus Troja mit Kriegsbeute Kassandra und Ermordung beider durch Klytaimestra bis zu Elektras Ruf nach Vergeltung und Orestes, der diesen erhört. Nunes braucht für das Gemetzel knapp zweieinhalb Stunden. Die Kraft, ja die Opulenz seiner Inszenierung liegt in ihrer Reduziertheit. Ein Weniges, ein schneller Feuerzauber, ein rascher Regenguss, genügen ihm, um Atmosphäre zu schaffen. Auch Versatzstücke benötigt er nicht viele. Mit zwei, drei Handgriffen schält sich aus dem Schwarm ein Individuum. Maria Happels lakonisch-komischer, ermüdeter Held Agamemnon trägt als Metapher Kothurn, der heißspornige Orestes von Aenne Schwarz einen überlebensgroßen Kinderkopf aus Pappmaché. Es ist eine der schönsten Ideen dieses exzellenten ästhetischen Konzepts, wie der Vater im Moment des Todes jene sterbliche Hülle abstreift, die der Sohn später anlegen wird.

Caroline Peters als Klytaimestra zischt erst vor devoter Wut, sie schwankt zwischen Götterfurcht und Eifersucht, bis sie triumphierend zum Vergeltungsschlag ausholt. Ihr, der Gerechtigkeit Suchenden, wird in einer starken Szene die Anklage der Erinyen gelten. Barbara Petritsch gibt den Strahlemann und Klytaimestra-Beschlafer Aigisthos mit stolz geschwellter Brust und ist später als Amme eine Klasse für sich. Andrea Wenzel glänzt in einem Kurzauftritt als Kassandra, Sarah Viktoria Frick treibt ihr eigenes Spiel und Bruder Orestes in die Bluttat. Irina Sulaver schließlich tritt als Athene geharnischt aus dem Opferrauch und verkündet mit Donnerstimme die neue Wahrheit. Es folgt Orestes Freispruch.

Der Chor tröstet Elektra: Sarah Viktoria Frick mit Peters, Happel, Schwarz, Sulaver, Wenzl und Petritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra will Orestes besänftigen, doch der Sohn schlüpft in die abgelegte Haut des Vaters: Caroline Peters und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Erinyen, nun in entwürdigende, buntrüschige Kleidchen gewandet, müssen sich scheinbar fügen. Und den Frieden preisen. Doch Obacht, aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten, Europas Angst und Schrecken wird „stets als Wächter vor dem Herzen sitzen“. So schreibt es Aischylos 458 vor Christus. Antú Romero Nunes hat die Aufgabenstellen, dem antiken Drama gerecht zu werden und trotzdem durch eine Handvoll Hinweise aufs Heute zu verweisen, mit Bravour gemeistert. Als der Vorhang fällt, braucht das Publikum einen Moment, um sich von der Bühne zu lösen und im Zuschauerraum anzukommen. Dann folgt großer Jubel und Applaus.

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Wien, 19. 3. 2017

Vor der Morgenröte

Mai 31, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Josef Hader beeindruckt als Stefan Zweig

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Donauwalzer treibt dem berühmten Österreicher im brasilianischen Exil die Tränen in die Augen: Josef Hader und Aenne Schwarz als Stefan und Lotte Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Großer Bahnhof selbst noch im kleinsten Kaff. Stefan und Lotte Zweig besuchen 1941 eine brasilianische Zuckerrohrplantage, ein Dorfbürgermeister passt sie ab, der Ehrengast entrinnt seiner Ehrung nicht, peinlich ist das, die vor Aufregung schwitzenden Honoratioren mit ihren Ansprachen zum Fremdschämen.

Schon zwinkert Zweig seiner Frau verschwörerisch zu, da schrammelt die Kapelle den windschiefsten Donauwalzer, den man je gehört hat, und der Schriftsteller hat plötzlich Tränen in den Augen. Das ungefähr sind die Temperaturen zwischen denen sich Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ bewegt. Am 3. Juni läuft er in den österreichischen Kinos an.

Josef Hader spielt Stefan Zweig. Er spielt ruhig, fast erstarrt, schweigsam, fast sprachlos, fremd und verloren und fassungslos, erschöpft von der Welt und der auf ihr herrschenden Zustände. Sonst ein Meister von feinem Spott und beißendem Sarkasmus, hat sich Hader für diese neue Rolle ein völlig neues schauspielerisches Instrumentarium zugelegt. Das heißt, das typische Staunen über den ihn umgebenden Irrsinn, sein Unverständnis über die Unzulänglichkeit des Menschseins, sind schon noch da, doch dazu ist Hader wie unter Zweigs Haut geschlüpft. Er hat sich den Autor quasi angezogen, den Pazifisten und Humanisten, den überzeugten Europäer und den Pessimisten, den schwierigen, vergrübelten, verschlossenen Menschen, der an sich und an den Umständen zerbrach. Nicht nur äußerlich möchte man Ähnlichkeit orten, sondern auch was das Wesen betrifft, eine Seelenverwandtschaft unter Künstlern, ohne die diese brillante Darstellung kaum möglich gewesen wäre. Josef Hader ist einmal mehr großartig.

Regisseurin Schrader erzählt episodisch. In sechs Bilder berichtet sie von Zweig im amerikanischen Exil, wie exemplarisch hat sie dafür einzelne Situationen ausgewählt. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. „Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“, lässt Schrader den Schriftsteller sagen. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier seiner Stationen, er wird herumgereicht, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren, der Star soll sich zur Weltlage äußern und verweigert sich. Zweig glaubte nicht an die Wirkung politischer Statements, an Widerstandsgesten, die aus der sicheren Deckung gegeben zum Selbstlob werden; nur wer sich damit in Gefahr bringt, habe das Recht, das Wort zu ergreifen.

Vom P.E.N.-Kongress 1936, bei dem der von Charly Hübner gespielte Emil Ludwig eine Wutrede gegen das Dritte Reich hält, schreibt Zweig an seine erste Frau Friderike: „…  mit Riesenformat war ich abgebildet, wie ich bei der Rede Ludwigs weinte (!!!). Ja, so stand es mit Riesenlettern – in Wahrheit hatte ich mich so widerlich gefühlt, als man uns als Märtyrer hinstellte, dass ich den Kopf in die Hände stützte, um mich nicht photografieren zu lassen, und gerade das photografierten sie und erfanden den Text dazu. Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Josef Hader und Charly Hübner. Bild: © Filmladen Filmverleih

Buenos Aires, P.E.N.-Kongress 1936: Mit Charly Hübner als Emil Ludwig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader, Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

New York 1941: Stefan Zweig trifft sich mit seiner geschiedenen Frau Friderike (Barbara Sukowa). Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Matthias Brandt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Petropolis 1941: Mit Matthias Brandt als Ernst Feder. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es sind Szenen, wie diese, im Szenenbild von Silke Fischer und durch die Kamera von Wolfgang Thaler akribisch nachgestellt, mit denen Schrader ihren Film auf die nächste, eine abstraktere Ebene hebt, weg von Zweig hin zu der generellen Frage, ob und wenn ja welche Verantwortung der öffentliche Mensch für eine Gesellschaft trägt, ob „Prominenz“ zur Aussage gleichsam verpflichtet oder ob, wie Zweig die internationalen Journalisten höflich, aber bestimmt abblitzen lässt, allein über das Werk Wirkung anzustreben ist.

Doch nicht nur dieses Ausstellen einer Bekenntnisunkultur holt der Film ans Heute heran. Eindrücklich auch ein Moment von Barbara Sukowa als Friderike Zweig, in dem sie erzählt, wie sie mit tausenden anderen Menschen, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten wollten, am Quai von Marseille stand, Gedränge und Geschiebe, Angst und Panik, jeder will auf ein Schiff. Wie sich die Bilder gleichen, wenn dieser Tage auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren. Ein Europa, das Niemals Vergessen! wollte, hat vieles aus seiner Erinnerung getilgt …

Hader spricht im Film sechs Sprachen, es wird nicht synchronisiert, auch damit macht man klar, was es heißt, ein Leben ohne Verwurzelung zu führen. Maria Schrader zeigt, wie es ist, wenn – Zitat Zweig – „ein halber Kontinent auf einen anderen flüchten möchte“. Das „Wem helfen?“ betrifft auch den Autor, bei dem täglich Bittbriefe von Freunden und Nicht-einmal-Bekannten eingehen. Dabei ist „Vor der Morgenröte“ ein spröder, unaufgeregter Film. Beinah emotionslos, wie beiläufig schildert er die Haltepunkte einer Reise ins Nirgendwo, und wie die Menschen keine Ahnung haben von der Existenz des jeweils anderen. Wie die Brasilianer keine Vorstellung vom Grauen in Europa finden, so sieht Zweig die Armut und die Ausbeutung der Arbeiter in seinem Gastland nicht. Als hätten Folklore, Freundlichkeit und die für ihn zweifellos faszinierende Tatsache, dass die Brasilianer ohne Rassenkonflikte nebeneinander leben können, seinen Blick auf größere Zusammenhänge verblendet. Das aus dieser Sicht entstandene Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ wurde von den linken Intellektuellen des Landes entsprechend heftig kritisiert.

Neben Barbara Sukowa und Charly Hübner hat Hader weitere hervorragende Schauspielkollegen an seiner Seite. Burgtheatermimin Aenne Schwarz spielt seine zweite Frau Lotte, Sarah Viktoria Frick Friderickes Tochter Suse. Als Ernst Feder ist Matthias Brandt zu sehen; mit ihm übt Zweig in Petrópolis so viel Schachspiel, wie er’s fürs Schreiben seiner „Schachnovelle“ braucht. Die erdrückende Ruhe des im Film alles Nicht-Gesagten und Zweigs Melancholie des Verlorenseins endet im Selbstmord 1942. Diese letzte Szene ist ohne Schnitt an einem Stück und mit nahezu unbewegter Kamera gefilmt.

Das ist Maria Schraders letztes Bild von Stefan Zweig: Zusammen mit Lotte liegt er wie schlafend auf dem Bett, kurz ermittelt die Polizei, knapp telefoniert sie der Dienststelle durch, was passiert ist. Der Hund Pucky bellt, ein kleiner Terrier, den ihm sein brasilianischer Verleger Abrahão Koogan gerade erst zum Geburtstag geschenkt hat, die Haushälterin schluchzt. Man hat es gewusst und ist doch nicht weniger schockiert und erschrocken als die Zeitgenossen. Zweig wollte „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben“, schrieb Thomas Mann später. Aus dem Abschiedsbrief ergibt sich der Filmtitel: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 31. 5. 2016

Josef Hader spielt Stefan Zweig – ein Gespräch

Mai 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Film „Vor der Morgenröte“

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 3. Juni läuft Maria Schraders aktueller Film „Vor der Morgenröte“ in den heimischen Kinos an. In der Hauptrolle: ein fulminanter Josef Hader als Stefan Zweig. In sechs Episoden erzählt die Filmemacherin über das Leben des österreichischen Schriftstellers im Exil.

Bereits 1934 verließ Zweig Salzburg, um ins Ausland zu gehen und nie zurückzukehren. Schrader zeigt Stationen seines Wegs, von seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und der Teilnahme am P.E.N.-Kongress in Buenos Aires 1936 über den Besuch New Yorks und seiner ersten Frau Friderike im Jahr 1941 bis zu seinem Freitod 1942 im brasilianischen Petrópolis. Dort schreibt Zweig zuvor sein wohl berühmtestes Werk „Die Schachnovelle“.  „Vor der Morgenröte“ ist ein seltsam sinnliches und dabei sprödes Werk über das Wesen eines Künstlers, ein Film über eine Zeit auf der Flucht und damit ein Film zur Zeit. Mit Hader spielen unter anderem Barbara Sukowa, Matthias Brandt, Charlie Hübner und die Burgschauspielerinnen Aenne Schwarz und Sarah Viktoria Frick. Josef Hader im Gespräch:

MM: Sie haben sich Stefan Zweig äußerlich sehr anverwandelt, aber auch innerlich scheint man durchaus Parallelen zu finden. Wie haben Sie sich in Zweig hineingedacht und was haben Sie dabei gefunden?

Josef Hader: Ich habe ein paar Biografien gelesen, mir den einzigen Kurzfilm angeschaut, in dem er zu sehen ist und mir zwei Tonaufnahmen angehört, auf denen er Gedichte liest. Das war alles, dann muss man irgendwie sich vorstellen, wie er gewesen sein könnte. Mehr bleibt einem nicht über.

MM: „Vor der Morgenröte“ ist kein Biopic, sondern Regisseurin Maria Schrader und Sie umreißen in Episoden eine Figur. Der Film hat nicht vor, Stefan Zweig in allen seinen Kompliziertheiten zu erklären, sondern ihn darzustellen.  Was war Ihnen wichtig, über Stefan Zweig zu erzählen?

Hader: Ich glaube, diese ganz psychologische Erklärung, wie das in Biopics üblich ist, das wollte Maria Schrader nicht, sondern, dass es ihr mehr um die intellektuelle Auseinandersetzung gegangen ist, mit den Themen Flucht, Exil, der Künstler und die Politik … Es ist kein Drama voller leidenschaftlicher Momente, sondern es ist ein kleiner Film mit sehr feinen Szenen. Meiner Meinung nach geht es nicht um dramatische Höhepunkte dieses Lebens, sondern um Szenen, in denen es immer um den Künstler im weitesten Sinn und die Politik geht. Um die Politik, die ihn daran hindert, sein Leben zu leben. Um die Frage, welche Position nimmt man als Künstler gegenüber der Politik sein. Stefan Zweig ist da sehr interessant, weil er die Haltung vertreten hat, dass Stellungnahmen nur dann Sinn haben, wenn man damit Gefahr riskiert. Alles das, was wir machen, uns hinstellen hie und da und sagen, wir sind für oder gegen irgendetwas, wir halten eine kleine Rede bei einer Demonstration, wir sagen in einem Zeitungsinterview, wir sind diesem oder jenem Präsidentschaftskandidaten zugeneigt, alles das, hat Stefan Zweig befunden, ist sinnlos und hat keine Wirkung. Und im tieferen Sinn hat er Recht.

MM: Weil?

Hader: Weil tatsächlich ein Bekenntnis, das nicht mit einer Gefahr verbunden ist, sondern eher mit Beifall, nicht mutig ist und daher keine Wirkung haben kann. Ich bin seiner Ansicht. Trotzdem mache ich es aber anders.

MM: Im Sinne von, man ist ja doch Teil dieser Bekenntniskultur und als solcher sehr gefragt: Der Journalist ruft den Künstler an und bittet um eine Meinung …

Hader: Schnell ein Statement zu dem und dem. Ich mach‘ das auch immer wieder. Ein bissel halte ich mich zurück, aber ich bin nicht so konsequent wie Stefan Zweig.

MM: Wie steht’s mit der Prominenz? Wenn Stefan Zweig oder Josef Hader eine Meinung haben, wird sie in größerem Wirkradius gehört werden. Ist der Bekanntheitsgrad nicht eine Verpflichtung, sich zu äußern?

Hader: Es gibt keine Verpflichtung, die daraus resultiert, welchen Beruf man hätte oder welchen Bekanntheitsgrad, sondern es ist so, dass man am ehesten als Bürger eine Verpflichtung hat, am politischen Leben teilzunehmen. Dazu gehört ab und zu auch, dass man aufzeigt und was sagt.

MM: Man sieht im Film Stefan Zweig in Südamerika, vor allem auch im Exil in Brasilien. Er ist begeistert von dem Land und den Leuten. Es verwundert, dass er auf all seinen Rundreisen die Armut und das Elend dort nicht wahrgenommen hat.

Hader: Das muss aus seiner Sicht so sein. In seinem „Brasilien“-Buch schildert er begeistert eine heile Welt, und der Grund, dass er die sozialen Spannungen, die damals ebenso geherrscht haben wie heutzutage, nicht sieht, liegt wohl darin, dass er aus Europa gekommen ist. Und aus dem damaligen Europa kommend haben viele Dinge auf ihn unglaublich eindrucksvoll und idyllisch gewirkt. Zum Beispiel, dass in Brasilien Menschen verschiedener Rassen und Hautfarben miteinander leben, ohne dass sie sich gegenseitig verfolgen, ohne dass sie den anderen bedrohen. Er musste den Eindruck bekommen, dass das im Vergleich zu Europa wirklich eine heile Welt ist. Die Unterschiede, wie, dass die Weißen immer die Chefs sind und viel verdienen, und die Schwarzen sind die Diener und Arbeiter und verdienen wenig, diese Unterschiede haben ihn nicht so interessiert. Vor allem, weil damals auch in Europa viel größere soziale Gefälle existiert haben als heute. Zum anderen, weil ihn die Tatsache generell, dass Rassen miteinander und nebeneinander leben, so begeistert hat.

MM: Er wurde offensichtlich sehr herumgereicht, von Ehrung zu Ehrung. Einerseits hat man in Ihrer Darstellung das Gefühl, er ist wahnsinnig gebauchpinselt, andererseits wollte er nicht unbedingt eine Person des öffentlichen Lebens sein. Waren da zwei Seelen in seiner Brust?

Hader: Das kann ich überhaupt nicht beantworten. Ich habe mir eine kleine Filmszene von ihm angeschaut, heute würde man sagen, ein Hobbyfilm, ohne Ton, in Schwarzweiß, wo er anlässlich der Salzburger Festspiele auf einer Party ist. Man sieht nur 20 Sekunden, wie eine Verehrerin auf ihn einredet und ihm sein Buch hinhält, und er steht daneben und fühlt sich nicht wohl und ist verlegen. Ich habe mir gedacht, das wird schon etwas über ihn aussagen, ich habe dann versucht sein Verhältnis zum Erfolg aus diesen 20 Sekunden zu gestalten, das ist sicher eine Verkürzung, aber jeder Film ist eine Verkürzung. Insofern ist es wahrscheinlich in Ordnung.

MM: Wenn man eine real existiert habende Person porträtiert, und es gibt so wenig Vorlage, ist man da als Schauspieler sehr frei in der Gestaltung? Oder schüchterner, weil man befürchtet, diesem Menschen unrecht zu tun?

Hader: Es ist sicher schwieriger jemanden zu spielen, den wir alle noch kennen, oder aus Filmen kennen, von dem wir wissen, wie er gesprochen und sich bewegt hat. Ich finde es einfacher jemanden zu spielen, von dem man nicht genau weiß, wie er war. Das ist ungefährlicher und gleichzeitig interessanter. Wenn man jemanden spielt, wie Hitler oder Goebbels, wird man als Schauspieler leicht zum Kopierer, weil man versucht ihn möglichst originalgetreu nachzumachen und das sind dann oft so hermetische Figuren. Abgesehen davon, dass ich das gar nicht könnte. Ich habe ja schon mit Stefan Zweig Neuland betreten.

MM: Wie sind Sie in dieses hineingeraten?

Hader: Maria Schrader hat mich getroffen und gefragt, ich habe das Drehbuch gelesen und mir gedacht, das klingt interessant, wenn ich scheitere, kann mir auch nicht viel passieren.

MM: Wieso?

Hader: Weil ich eh andere Sachen kann, und wenn ich diese Sache nicht kann, dann halt nicht, aber wenn, wird’s schön. Ich dachte, das wird spannend, ohne dass es mich allzu sehr in Gefahr bringt.

MM: Und jetzt, wie ist das Bauchgefühl?

Hader: Keine Ahnung. Ich habe irgendwas gemacht, das ich nicht beurteilen kann.

MM: Aber der Reiz, Stefan Zweig zu sein, war …

Hader: Diese tragikomischen Momente, die ich schon aus dem Drehbuch herausgelesen habe, dieser leicht neurotische, überforderte Zug, dass er manchmal fast wie ein trotziges, kleines Kind ist, und dann wieder der große Autor, der überzeugt ist von dem, was er sagt, und an das glaubt. Das waren alles Dinge, die habe ich im Drehbuch gelesen und gewusst, die kann ich spielen. Es waren aber auch Dinge im Drehbuch, da habe ich gewusst, die kann ich nicht spielen – und ich hab’s auch nicht getan.

MM: Wo wurde gedreht. Bis Südamerika hat’s nicht gereicht?

Hader: Nein, New York war in einem Studio in Halle an der Saale, Buenos Aires wurde teilweise in Berlin gedreht, teilweise in Lissabon, und Brasilien auf der Insel São Tomé in der afrikanischen Bucht vor Lagos. Die Sprache und die kolonialen Gebäude dort sind portugiesisch, es schaut unberührter aus als im heutigen Brasilien, abgesehen davon, dass wir für Brasilien wahrscheinlich kein Geld gehabt hätten.

MM: In diesem Film sprechen Sie fünf Sprachen. Der Film wird nicht synchronisiert, wohl weil zum Exilantenschicksal Zweigs die Vielsprachigkeit dazugehört. Wie ging es Ihnen mit den vielen Sprachen?

Hader: Das Unglück ist, dass ich nie Französisch gelernt habe, weil ich auf ein humanistisches Gymnasium gegangen bin. Die Sprache, in der Stefan Zweig sich ausdrücken konnte, wie in einer zweiten Muttersprache, weil er sie von klein auf gelernt hat, wie es im Wiener Großbürgertum üblich war, die konnte ich gar nicht. Das war das größte Handicap, die anderen Sprachen waren nicht so schwierig, aber Französisch war die große Hürde, und ich halte auch persönlich nur sehr wenige Stellen im Film aus, an denen ich es spreche. Gott sei Dank wissen nicht so viele Leute, wie gut Zweig das konnte.

MM: Sie aber hatten ein Hörbespiel.

Hader: Ja, und damit festgestellt, dass Zweig die Sprache des Wiener Großbürgertums gesprochen hat. Es gibt wie gesagt zwei von ihm vorgelesene Gedichte, und in einem kommt der Name August Rodin vor, und den spricht er so aus, wie das jemand aus Hietzing oder Döbling machen würde. Insofern ist das eine Sprache, die mir nicht ganz unvertraut ist, ich kenne aus der Großelterngeneration noch einige, die so gesprochen haben, als ich noch ein Kind war. Ich bin zwar nicht im Wiener Großbürgertum aufgewachsen, aber wir hatten Sommergäste aus verarmten höheren Kreisen. (Er lacht.)

Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

Barbara Sukowa als Zweigs erste Frau Friderike. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Aenne Schwarz spielt Lotte, Zweigs zweite Frau. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Wie war es, sich zwischen den beiden darstellerischen Polen Aenne Schwarz und Barbara Sukowa zu bewegen? In der Beziehung zu seinen Frauen kommt ja noch eine Farbe Zweigs zum Vorschein: seine Egomanie.

Hader: Und er hat sich natürlich bei der älteren Frau, mit der er viel länger verheiratet war, viel mehr getraut, dieser Egomanie freien Lauf zu lassen, als bei der jüngeren Frau. Wir haben mit diesen Szenen begonnen und es war gleich einmal am Anfang so, dass man einen hohen Berg besteigen musste. Diese Szenen, wo er trotzig ist, wo er kleinlich ist, und das alles musste ich ja mit Barbara Sukowa sein, das war sicher kein leichter Beginn der Dreharbeiten. Aber sie war unglaublich freundschaftlich und großartig zu mir. Aenne ist dann später dazugekommen, wir haben einfach die lockereren Szenen miteinander, wie wir da aufgelöst und verschwitzt durch die brasilianischen Zuckerrohrplantagen laufen. So etwas spielt sich leichter, als ein Streit in einem New Yorker Appartement, das in Halle an der Saale liegt.

MM: Was war die größte Herausforderung beim Dreh?

Hader: Wenn ich ganz ehrlich bin, war das Allerunangenehmste, dass Stefan Zweig so ein großer Hundefreund war. Ihm, also mir, wird in Brasilien von Freunden einer geschenkt für den zurückgelassenen. Und ich habe einen unglaublich schlecht riechenden Hund gehabt, der war wirklich grauslich. Ich bin schon ein Tierfreund, das möchte ich betonen, aber mit einem Hund, der so unglaublich aus dem Mund stinkt, auf dem Boden herumzukriechen und sich über das Gesicht schlecken lassen, ich glaube, das war das Allergrauslichste. Das ist nicht leicht, weil man muss sich ja nicht einmal über das Gesicht schlecken lassen, sondern zig Mal, bis die Kamera sagt, das passt jetzt. Na, pfui. Man soll ja überhaupt wenig mit Tieren spielen, aber mit solchen Tieren ist es noch schwieriger.

MM: Wie, wie schon gesagt, generell im Film nicht erklärt wird, so unvermittelt kommt auch der Selbstmord. Gerade hat Stefan Zweig noch einen stinkenden Hund geschenkt bekommen, schon ist er tot.

Hader: Wobei so ein stinkender Hund ja den Überlebenstrieb bei nicht so vitalen Menschen stärken müsste. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich denke mir, dass der Film den Selbstmord so unerklärlich lassen wollte, wie er auch für die Zeitgenossen war. Am Anfang haben ja berühmte Kollegen richtiggehend mit Unverständnis reagiert, teilweise auch mit Verärgerung. Thomas Mann fand das eine Zeit lang ganz ungehörig, dass ausgerechnet der Autor, der als einziger von allen keine finanziellen Schwierigkeiten hatte, weil er als Weltautor überall auf der Welt Verleger hatte, sich umbringt, während die anderen verzweifelt von Tag zu Tag leben und schauen müssen, wie sie Geld auftreiben. Mann hat später erst gerechter geurteilt.

MM: Aus Zweigs Abschiedsbrief ist der Filmtitel …

Hader (zitiert): „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Er wollte betonen, dass er sich nicht deswegen umbringt, weil er glaubt, dass der Zweite Weltkrieg für die Allierten verloren sei. Dem wollte er im Abschiedsbrief entgegentreten, und sagen, er glaubt, dass die Sonne wieder aufgehen wird, er vertschüsst sich aber vor der Morgenröte. Und zwar deshalb, weil er zu müde ist, einen Neuanfang zu machen, so schreibt er. Teilweise herrscht aber immer noch die Meinung, dass Stefan Zweig sich wegen der Kriegserfolge des Dritten Reichs getötet hat. Es gibt von einigen Biografen die Theorie, dass er immer schon schwer depressiv war, sich durch die Arbeit aber immer herausziehen konnte, und dass das am Schluss aus mancherlei Gründen nicht mehr möglich war. Zweig hatte immer eine große Bibliothek für seine Arbeit, auch die gab’s dort, wo er am Schluss war, nicht. Nichts hat ihn mehr beflügelt zu schreiben.

MM: Es gibt von ihm den Satz, ein Migrant hätte nicht eine neue Heimat gewonnen, sondern nur die alte Heimat verloren.

Hader: Ich glaube, dass Heimat sowieso etwas ist, dass man schwer finden kann. Was Heimat ist, kann sich im Laufe eines Lebens ändern, aber wenn man aus seiner Heimat weg muss und sich gar nicht aussuchen kann, wo man hinkommt, dann ist es noch viel schwerer auf die Schnelle etwas als Heimat zu fühlen. Stefan Zweigs Problem war allerdings nicht, dass er aus Salzburg weg musste, sondern, dass er aus Europa emigrieren musste. Seine Heimat war Europa, eigentlich das Europa vor dem Ersten Weltkrieg, das geht aus seiner posthum erschienenen Autobiografie hervor, ein Europa, das zumindest in kultureller Hinsicht ein vereintes Europa war.

MM: Ein moderner Gedanke.

Hader: Mehr als das. Die Künstler waren überzeugte Europäer und ständig miteinander im Austausch, das hat schon mit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr funktioniert, weil die Fronten plötzlich auch durch die Köpfe gezogen worden sind und die politische Atmosphäre anders aufgeladen war.

MM: Ist dieser Europa-Gedanke der Grund, warum man jetzt einen Film über Stefan Zweig macht?

Hader: Ich denke, dass die Zwischenkriegszeit für uns interessant ist, weil da viele Dinge falsch gemacht worden sind, und das könnte für uns zumindest eine Inspiration sein, nicht mehr dieselben Fehler zu machen, sondern vielleicht andere.

Mit seinem Team bei den Dreharbeiten zu "Wilde Maus". Bild: © Wega Film/Petro Domenigg

Mit seinem Team bei den Dreharbeiten zu „Wilde Maus“. Bild: © Wega Film/Petro Domenigg

MM: Sie verbringen Ihre Tage derzeit im Schneideraum bei der Fertigstellung des Films „Wilde Maus“. Das erste Projekt, bei dem Sie nicht nur Autor und Schauspieler sind, sondern auch Regisseur. Haben Sie jetzt mehr Verständnis für die andere Seite bekommen?

Hader: Die hab‘ ich eh immer schon gehabt. Ich hatte eigentlich nie große Konflikte mit Regisseurinnen und Regisseuren, ich hab‘ nur gemerkt, wo ich mich wohler fühle und wo weniger, und ich habe versucht ein Regisseur zu sein, wo sich die Kollegen wohlfühlen. Nicht, weil ich so ein selbstloser Mensch bin, sondern weil meine tiefe Überzeugung ist, dass man damit die besten Ergebnisse bekommt.

MM: Warum war es Ihnen ein Anliegen, diesen Film selber zu machen und nicht in fremde Hände zu geben?

Hader: Ich schreibe seit zwanzig Jahren auch immer wieder allein Drehbücher, die habe ich halbfertig gelassen und sie immer wieder für andere Projekte verwurschtet, zwei, drei Ideen kamen in Kabarettprogramme, ein paar in die Brenner-Filme, eines über Pathologen habe ich mit David Schalko umgearbeitet. Aber irgendwie war ich damit unzufrieden, ich wollte einmal wissen, was dabei herauskommt, wenn ich mich zusammenreiße und die Disziplin aufbringe, so ein Projekt durchzuziehen. Da ist mir zu Hilfe gekommen, dass ich älter werde und die Lebenszeit immer kürzer wird, da reißt man sich dann eher zusammen und sagt sich: Jetzt machst es.

MM: Wie kommt man auf die Idee, eine Geschichte über einen arbeitslosen Kulturkritiker zu schreiben? Sie haben verzweifelt einen Menschen gesucht, den keiner mag.

Hader: Der Beruf war nicht so entscheidend, ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern ein bissel schon eine Satire über die neuen Bürger. Damit meine ich die grünangehauchten, coolen Falter-Leser, die glauben, ihre Eltern waren Bürger. Ich finde, dass die, dass wir, genauso sind wie unsere Eltern. Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.

MM: Man hört, der Film will auf die Berlinale?

Hader: Ich persönlich will mit dem Film ins Kino. Das wird im Februar soweit sein. Falls sich vorher ein Festival interessiert, ist es fein, wenn nicht auch. Wir kommen mit „Vor der Morgenröte“ nach Locarno (der Film ist mittlerweile auch für den deutschen Filmpreis nominiert, Anm.), dort habe ich schon einmal zusammen mit Roland Düringer und Joachim Bissmeier den Schauspielpreis für „Der Überfall“ bekommen. Das war die schönste Kinovorstellung, bei der ich jemals war, auf dieser großen Piazza im Freien. Ich war auch schon in Karlsbad, in Sarajewo, also ich bin überhaupt nicht fixiert auf ein Festival. Die Berlinale wäre halt die letzte Chance vor dem Kinostart von „Wilde Maus“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

www.hader.at

Wien, 25. 5. 2016

Burgtheater: Drei Schwestern

März 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Blabla-Chor aus dem Provinzkaff

Fabian Krüger, Martin Vischer, Falk Rockstroh, Michael Masula, Karten Riedel, Philipp Hauß, Bernhard Moshammer, Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Fabian Krüger, Martin Vischer, Falk Rockstroh, Michael Masula, Karsten Riedel, Philipp Hauß, Bernhard Moshammer, Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Es ist zwar nicht die Neuerfindung der Tschechow-Interpretation, aber eine gut gemachte Arbeit. Und vor allem eine sehr sympathische. David Böschs Inszenierung der „Drei Schwestern“ am Burgtheater kann sich sehen lassen. Ein Regisseur, der die Protagonisten des russischen Dramatikers mitten in ihrem pseudophilosophischen Geplapper als Blabla-Chor eines Provinzkaffs Aufstellung nehmen lässt, hat vieles bis ins Innerste verstanden.

Beispielsweise Tschechows tragikomische Sicht auf die Tücken eines alltäglichen Lebens. Denn dessen „Drei Schwestern“ und andere Theaterwerke verhandeln nicht das überwältigende Weltenunglück, sondern das kleine, überspannt und überdrüssig machende und nur aus diesem Grund elementar große. Niemand erkenne, wie glücklich er eigentlich sei, singen Karsten Riedel und Bernhard Moshammer zu Beginn, ersterer hat sich zur musikalisch-russischen Seele eine Balalaika-ähnliche Laute zugelegt, und das ist es im Kern. Mag sein, es liegt am eigenen Älterwerden, aber der Revolutionsruf „Nach Moskau!“ klang noch nie so hohl, man muss sich die kleinen Freuden selber machen, riesig erscheinen von allein nur die Probleme. „Mit Bart oder ohne, ich bin zufrieden“, sagt der Lehrer Kulygin. Und es kann an der Spielkraft von Darsteller Dietmar König liegen, aber man ist mit ihm d’accord.

Harald B. Thor hat auf die Bühne ein Zelt aus transparenten Abdeckplanen gestellt. Herbstblätter fallen pausenlos, eine Baustelle ist das hier, eine mit Klavier und Sofa, alles hat etwas Provisorisches, etwas so Beiläufiges, wie diese Gesellschaft eben ist. Unnützes Zeug schwätzend ist man unnütz. Und die Arbeit? Mein Gott, jeder, der sie ausprobiert, ist von ihr doch angewidert. Die Figuren sind allesamt Träumer ohne den Willen zur Verwirklichung, Müßiggänger, aber anrührend in ihrer Fehlbarkeit. Nichts, das nicht aus Langeweile passiert, von Lesen bis Lieben, von Saufen bis Sex. Letztlich ist „Drei Schwestern“ ein Stück beinah ohne Handlung, gewisslich ohne Hauptrolle, in den Akten eins und zwei ein endlos enervierender Party-Small-Talk, das „Gewaltige“, das da auf die Menschen zukommen wird, hält sich noch bedeckt. Nichts und niemand entwickelt sich, Katharsis, Peripetie – Fehlanzeige, und in diesem Sinne darf man in Tschechows Stücken beruhigt absurdes Theater sehen. Seine Figuren sind wie Versatzstücke in einem Endzeitdrama, geredet wird nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. So hat das David Bösch in Szene gesetzt. Unaufgeregt, ohne ausholende Gesten, aber mit viel Liebe zu inszenatorischen Details und mit empathischem Blick auf das Menschsein.

Dieser trifft auch Natalja Iwanowa, die Stefanie Dvorak von der Landpomeranze zur Bissgurn verwandelt, die Rache fürs Verlachtwerden macht die neue Hausherrin zur Haustyrannin, und dennoch gewährt Bösch diesem Geschöpf einer neukeimenden Schicht einen effizienzbefreien Moment – sie weint mit Baby am Busen ob der Abgestumpftheit ihres Ehemanns Andrej. Das ist der Moment. Ein Beleg dafür, wie die anämische Abwartehaltung der Intelligenzija auch dem Volk das Blut aussaugt. Nie wird es Gleicher unter Gleichen sein, dabei sind die Lebenskonzepte des Bürgertums doch an ihrem Ende angelangt, sie taugen nichts mehr. Der Prosorow-Erbe und seine Schwestern sind passive Zuschauer eines Geschehens, das die Geschichte ihres Untergangs verhandelt. Entsprechend bewegt sich Philipp Hauß als Andrej auch wie ein vor Müdigkeit gealterter Mann. Die Geige spielend und sein Schicksal mit deren Bogen anfechtend scheint er von Auftritt zu Auftritt hüftspeckiger, ein Frustfresser zu werden. Er ist blind aus Bequemlichkeit, an anderen prangert er an, was er selber ist. Dvorak und Hauß spielen das sehr gekonnt. Vor allem Hauß liefert ein Kabinettstück der Untüchtigkeit.

Von den Schwestern trifft wohl Aenne Schwarz als vom Dasein lasziv angewiderte Mascha am besten die Tschechow-Temperatur. Katharina Lorenz gibt eine spröde, vernunftbewehrte Olga, Marie-Luise Stockinger die störrisch-sehnsüchtelnde Irina. Wie sie sorgenvoll auf Sörgchen herumkauen, um ihre Sorgen zu verdrängen, wie sie zwischen Trübsalblasen und Temperamentsausbruch changieren, zwischen Mutlosigkeit und Misstrauen in die Zukunft. Dann kauft euch doch ein Bahnticket und los geht’s!, möchte man rufen, und weil man das möchte, zeigt sich das schauspielerische Können, mit dem diese Kümmernisse über die Rampe kommen. Und dann ist da eine, Elisabeth Augustin ganz großartig als Anfissa, deren Leben tatsächlich bedroht ist, von Arbeitsplatzverlust und ergo Altersarmut, und die drei werden samt ihrem Seelenschmerz ganz klein.

Tatsächlich ans Herz gehen an diesem Abend zwei Herren. Eben Dietmar König als Maschas Mann Kulygin, peinlich bis zum Fremdschämen, aber dennoch voller Würde in seiner Witzlosigkeit. Und Fabian Krüger als Werschinin, der gar nicht zynisch, sondern sehr lapidar ist in seinen Lebensbetrachtungen. Wie Krüger seinen Werschinin als Architekt für eine bessere Zukunft entwirft, an der er aber nicht mehr teilhaben will, wie man erahnt, dass seine beiden Töchter in Gefahr sind, die nächsten „Schwestern“ zu werden, macht er den Garnisonskommandanten zur tragischsten Gestalt der Aufführung. Zu dem einen, dessen Geschick wirklich etwas Unausweichliches hat. Michael Masula, Martin Vischer und Falk Rockstroh fügen sich als brutal-erotomanischer Soljony, dessen Konkurrent um Irinas Gunst Tusenbach und meist volltrunkener Militärarzt Tschebutykin perfekt ins Bild. Martin Vischer gestaltet den Leutnant-Baron angepasst unschneidig, wie von einer morbiden Angst zerfressen, Rockstroh den desillusionierten Mediziner als Gespenst dessen, der er mal war.

Nach dem Brand zieht Bösch die Schraube stärker an, entwickelt Verzweiflung und Verdrossenheit bis zum Finale. Dieses ebenfalls ohne Furioso, sondern unter dem Feldzeichen der Resignation. Wenn hier Stockinger als Irina weggeht, darf man annehmen, dass es ihr an neuer Stelle wiederum nicht passen wird, diesem verwöhnten Kind. Sie reißt die Plastikplane ein, doch der Wind wird nicht zum Aufbruch durchs Haus wehen. „Das Leben, so wie es ist, und weiter weder piep noch pup“, so wollte Tschechow laut seinen Tagebüchern die menschliche Existenz beschreiben. David Bösch hat das mit seiner Inszenierung getan, nicht mehr, nicht weniger, und wohltuend wollte er an keiner Stelle schlauer sein, als der Autor. So einer, der sich als Regisseur jeden erklärbemühten Ausstattungsschnickschnack verwehrt, der einfach und ehrlich und offenherzig Tschechow spielen lässt, hätte sich für seine Arbeit mehr als nur Anerkennungsapplaus verdient.

www.burgtheater.at

Rezension: „Iwanow“ am Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=18246

Wien, 29. 3. 2016