Armes Theater Wien: Waisen

November 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienabend mit Folteropfer

In schwierigen Zeiten hält die Familie zusammen: Thomas Weißengruber, Krista Pauer und Adrien Papritz. Bild: Vondru

In schwierigen Zeiten muss die Familie zusammenhalten: Thomas Weißengruber, Krista Pauer und Adrien Papritz. Bild: Vondru

Das Arme Theater Wien zeigt im WUK-Projektraum Dennis Kellys „Waisen“. Diese sind die Geschwister Helen und Liam, und als das Stück einsetzt, ist etwas passiert, dass die Vorstellungskraft eines normalen Menschen übersteigt. Mitten in eine intime Feier des Ehepaars Helen und Danny – man begeht die Empfängnis des zweiten gemeinsamen Kindes – platzt blutverschmiert der Bruder.

Er hätte dem Opfer eines Messerattentats mitten auf offener Straße helfen wollen, erklärt er, und tischt so immer weiter Lügen auf, bis er endlich die Wahrheit serviert. Der „Araber“ wurde gefoltert. Doch weil der ohnedies keiner „von uns“ ist, trifft die Familie in Folge ein paar fatale Entscheidungen …

Regisseur Erhard Pauer hat Kellys plakatives Suspencestück aus dem Jahr 2009 vortrefflich inszeniert, er hat den Holzhammer des Autors gegen die ihm eigene feine Theaterklinge gewechselt und so einen Abend zur Zeit erschaffen. Es geht ihm um Alltagsrassismen und Ausgrenzung des „Fremden“ ebenso wie um Mitmenschlichkeit und Mitgefühl und wann und warum der einzelne bereit ist, beides abzulegen. Nämlich immer dann, wenn das „Ausländerproblem“ vor seiner persönlichen Haustür ankommt. Entstanden ist so eine Aufführung, die von der Achtung der Würde des Menschen geprägt ist. Denn im Gegensatz zu dem, was in der Verfassung, Artikel zwei, steht, ist diese dieser Tage sehr wohl wieder antastbar.

In einem Wohnviertel, das nach dem Gefühl seiner Bewohner mehr und mehr „von denen“ übernommen wird, sagt und tut einer, was viele andere denken, aber nicht auszusprechen oder auszuführen wagen. „Die Regierung überlässt uns den wilden Tieren“ heißt es dazu im Text. Pauers präzise Arbeit besticht durch eine vor Nervosität flirrende Atmosphäre und durch das intensive Spiel der drei Darsteller. Ihnen gelingt es die Schablonenhaftigkeit von Kellys Figuren, denn natürlich muss Liam einen Neonazi-Freund mit NS-Memorabilia-Sammlung haben, natürlich müssen er und seine Schwester aus den denkbar schlechtesten sozialen Verhältnissen stammen, zu nachvollziehbaren Charakteren auszubauen.

So ist das Stück weniger, wie schon gesehen, ein Krimi als eine Erkundung der Ängste und einer latenten Ausländerfeindlichkeit und den daraus entstehenden Loyalitäten, die einen der Protagonisten dazu bringen, zu tun, was er nicht tun wollte. „Waisen“ ist die schmerzhafte Überprüfung, wie leicht die moralischen Grundwerte einer sich als aufgeklärt rühmenden Gesellschaft zu korrumpieren sind. Wessen Blut an Liam klebt und warum, hält das Publikum bis zum Schluss in Atem. Von einem Satz zum nächsten rinnt die eben erst etablierte Realität dem Schauspielertrio quecksilbrig durch die Finger; Pauer spannt so sein Netz grundsätzlicher, gesellschaftspolitischer Fragen, und stetig gewinnt es an Komplexität.

Helen zwischen Bruder Liam: Krista Pauer und Adrien Papritz ... Bild: Vondru

Helen zwischen Bruder Liam: Krista Pauer und Adrien Papritz … Bild: Vondru

... und Ehemann Danny: Krista Pauer und Thomas Weißengruber. Bild: Vondru

… und Ehemann Danny: Krista Pauer und Thomas Weißengruber. Bild: Vondru

Ein wenig ist man an Beate Zschäpe und ihre Aussagen im NSU-Prozess erinnert, wenn auf der Bühne die Furchtbarkeiten ihren Lauf nehmen. Kelly hat drei Archetypen menschlicher Verhaltens- und Handlungsmuster erfunden und arbeitet an ihnen seine Interpretation von rechts ab. Im Zentrum der Inszenierung steht Helen, brillant dargestellt von Krista Pauer, hin und her geworfen zwischen Familienbanden und Eheversprechen. Wie sie zu ihrem Bruder erst auf Distanz geht, weil sie ihn sehr wohl kennt, dann aber schließlich ihre radikalen Ansichten durch die angeheiratete bürgerliche Fassade brechen, das ist großartig gelöst. Je mehr sie das Tun des einen schönredet, umso mehr erpresst sie den anderen, und währenddessen spült es bis dahin im Verborgenen gehaltene Konflikte und den Zorn darüber an die Oberfläche.

Thomas Weißengruber als Danny steht dem hilflos gegenüber. Er ist der Humanist, der sein Weltbild in sich zusammenfallen sieht, seit er im Viertel von einer jugendlichen Migrantenbande brutal verprügelt wurde, er will nicht denken, dass der Mensch so sein kann, doch stetig wird auf ihn eingeredet, dass doch. Am Ende wird er für die Familie die Angelegenheit bereinigen, aber daraus Konsequenzen ziehen. Weißengruber besticht als grüblerischer, ob der Tat verzweifelter Ehemann, der dem Treiben seiner Frau und seines Schwagers fassungslos gegenübersteht, bis er schließlich selber zum Täter wird.

Die formidabelste Leistung bringt Adrien Papritz als Liam. Er macht aus seiner Rolle einen verhaltensauffälligen Sonderling, der sich im Laufe des Abends zum angsteinflößenden, gewaltbereiten Psychopathen entwickelt. Wie er Argumente dreht und wendet, bis sie ihm mundgerecht sind, das kennt man. Auch, wie er objektive Richtigkeit in seine eigene verwandelt. Anfangs noch mit spitzbübischem Grinsen, später mit blankem Terror versucht er, seine Warnungen vor dem „aggressiven Zuwanderungsislamismus“ an Mann und Frau zu bringen. Er bringt die Stimmung zum Brodeln, bis sie kippt. Dass Widersprüche und tatsachenwidrige Behauptungen seine Zuhörer nicht irritieren, ist Teil des Phänomens Liam. Man werde sich noch wundern, was alles möglich sei, sagte hierzulande ein Politiker. „Waisen“ im WUK ist nicht nur wegen dieses Satzes sehenswert.

www.armestheaterwien.at

Wien, 16. 11. 2016

Berlinale: Grand Budapest Hotel

Februar 3, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wes Andersons Komödie ist der Eröffnungsfilm

Gustave H. (Ralph Fiennes), Zero Moustafa (Tony Revolori), Madame D. (Tilda Swinton) Bild: © 2013 Fox Searchlight

Gustave H. (Ralph Fiennes), Zero Moustafa (Tony Revolori), Madame D. (Tilda Swinton)
Bild: © 2013 Fox Searchlight

Ralph Fiennes, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe,  Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Tilda Swinton, Owen Wilson. Das ist eine Auswahl der Stars, die sich in Wes Andersons jüngstem Streich „Grand Budapest Hotel“ tummeln. Die Komödie wird am 6.  Februar als Weltpremiere  die  64.  Internationalen Filmfestspiele Berlin im Wettbewerb eröffnen und Mitte März in die Kinos kommen. Die Produktion  erzählt  im  typischen  Wes-Anderson-Stil  von Gustave H. (Fiennes), dem legendären Concierge  eines  berühmten europäischen Hotels, und seinem Hotelpagen und Protegé  Zero  Moustafa. Zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als  Europa sich im Umbruch befindet, schweißen  die  Turbulenzen  und  Abenteuer rund um den Diebstahl eines wertvollen  Renaissance-Gemäldes  und  der Streit  um  ein  großes  Familienvermögen die beiden zusammen. Angesiedelt in einem fiktiv-nostalgischen (osteuropäischen) Kurort der Republik Zubrowka schuf Anderson eine märchenhafte Post-Belle Epoque-Welt in satten Farben. Unter denen Nationalsozialismus-Braun und Kommunismus-Rot nicht fehlen. Er habe sich, sagt der Regisseur im Interview, von den Screwball-Comedies der 1930-Jahre ebenso inspirieren lassen wie natürlich von Stefan Zweig. So entstand Andersons ureigene Welt von gestern.“Ich habe in der Vorbereitung aber auch Hannah Arendts ‚Eichmann in Jerusalem‘ und ‚Suite Française‘ von Irène Némirovsky gelesen. Obwohl beide Bücher nicht unmittelbar mit meinem Film zu tun haben, lieferten sie mit ihren scharfen Politanalysen den historischen Subtext.“

Als Anderson die Figur des Gustave H. schuf, hatte er als Darsteller bereits Ralph Fiennes im Hinterkopf. Der zeigt sich nun als konfus-chaotischer Concierge nicht nur von seiner besten schauspielerischen Seite, sondern auch äußerst angetan von der Zusammenarbeit: „Ich liebe den bittersüßen Unterton des Films. Er ist so distinguiert. Wes gelingt ein ungewöhnlicher Mix aus Leichtigkeit, schweren Themen und heftigen Emotionen. Sein Sinn für Humor, sein Blick auf die Welt sind einzigartig“, sagt er. Und über seine Rolle: „Gustave ist wie ein Fleisch gewordener Schlüssellochblick auf die ,gute, alte Zeit‘ während sich diese gerade verabschiedet.“ Für Action im Film sorgt das Ableben der 84-jährigen Komtesse Madame Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis, genannt Madame D., gespielt von der fabelhaften Tilda Swinton. Damit nämlich beginnt das Hauen und Stechens um angeblich immense Erbe. Es treten auf Adrien Brody als sinistrer Bösewicht-Sohn der Verblichenen, dessen Gefolgsmann Willem Dafoe – der sich „wie in einen Lubitsch- oder Billy-Wilder-Film zurückversetzt“ fühlte – und Militärpolizeichef Albert Henckels, gespielt von Edward Norton. Letzterer lobt nicht nur die Arbeit vor der Kamera, sondern auch die Stimmung dahinter: „Wes schafft es am Set eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Wir kamen uns vor, als wären wir tatsächlich Mitglieder der von ihm erfundenen Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel, in der Concierges aus den besten Hotel in aller Welt versammelt sind, die dem des Mordes an der Komtesse verdächtigten Gustave zu Hilfe eilt.“ Norton lacht. Das wird bald auch das Publikum. Denn Wes Anderson gelang einmal mehr ein Film für Herz und Hirn, zum Nach-Denken und Er-Spüren, ein Nachweis dafür, dass der tiefste Ernst in der luftigsten Komödie steckt.

www.berlinale.de

www.grandbudapesthotel.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1Fg5iWmQjwk

Wien, 3. 2. 2014