Johannes Krisch in Felix Mitterers „Märzengrund“

August 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In die Berg bin i gern

Johannes Krisch. Bild: © Metafilm

Johannes Krisch. Bild: © Metafilm

Doch, doch, es gibt ihn, den modernen Heimatfilm, den quasi Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend. Evi Romens „Hochwald“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47728) ist eines der bestechendsten Beispiele dafür. Nun zog’s, als Nachfolgeprojekt seines Sensationserfolgs „Die beste aller Welten“ im Jahr 2017, Regisseur und Drehbuchautor Adrian Goiginger Richtung Dreitausender.

„Märzengrund“, ab 19. August im Kino, erzählt die wahre Geschichte des Zillertalers Simon Koch, vom großen Tiroler Volksdichter Felix Mitterer 2016 zum Bühnenstück veredelt, Mitterer, der am „Märzengrund“-Skript mitschrieb und momentan mit Andrä-Hofer-Land im Clinch liegt. In schonungsloser Manier schildert er den schmerzhaften Weg einer Selbstfindung, die ein Leben lang nicht aufhört.

Harte Wirklichkeit statt Gebirgsidyll soll’s also sein, und siehe: Es scheint in der Tat eine ordnende Hand zu brauchen, wie am Theater z.B. die der Stephanie Mohr, um des Autors durchaus zum Pathos neigende Natur- schauspiele umzusetzen. Goiginger hingegen hat alle Hände voll zu tun, den Kitsch-Hang nicht zur Lawine werden zu lassen. Dieses ständige „Aufi muas i!“ ist zu dünn, zu höhenluftig, um zwei Stunden Film zu tragen.

Offen gesagt, zur Halbzeit wird es einem fad, die imposante Landschaftskulisse von Klemens Hufnagl und Paul Sprinz, durch die je ein anderes miniaturkleines Männlein oder Weiblein schweren Schrittes stapft, die Emotions-Stereotypen, psychologische Entwicklung nur als Behauptung, die eh-scho-wissen-Dorfjugend, die sich in der Disco prügeln muss, die allzu holzschnittartigen Elternfiguren und deren hartleibige Familientraditionen. „Märzengrund“ ist ein Paradebeispiel für genretypisch – nix gegen Heimatfilm!

Doch statt sich als Betrachter, Betrachterin in die Szenen zu involvieren, was bei „Die beste aller Welten“ so mühelos-warmherzig gelang, steht man auf seltsame Weise draußen vor der Sennhüttentür. Das ändert sich allerdings, sobald Johannes Krisch die Gebirgler anzieht, das sind endlich die Momente, in denen der Film erdigen Boden unter den Füßen bekommt – Krisch ist wie stets im Spielen eine Naturgewalt.

Jakob Mader. Bild: © Metafilm

Gerti Drassl. Bild: © Metafilm

Harald Windisch. Bild: © Metafilm

Womit es wohl Zeit wird, kurz zum Inhalt zu kommen: Der junge Elias (Jakob Mader), wiewohl mit einem silbernen Löffel auf die Welt gekommenen, hat keine Freude damit, der Hoferbe, der Jungbauer zu sein. Lieber liest er, als seinem Vater, dem reichsten Landwirt in der Gegend (Harald Windisch ganz Patriarch), dabei zuzusehen, wie der einem spielsüchtigen Nachbarn Hab und Gut abknöpft. In der Disco lernt er die Moid kennen – die aktuelle Buhlschaft Verena Altenberger, die schon Goigingers Helga Wachter war, hier aber nichts darzustellen hat.

Ausgerechnet die Gschiedene, noch dazu Ältere. Als die Mutter (Gerti Drassl) die beiden beim nackert Schmusen im Teich ertappt, setzt es was – von dieser Mater dolorosa der Drassl, die einem derart auf die Nerven geht, dass man das nur ganz große Schauspielkunst nennen kann. Nun heißt’s auf die Alm mitm Buam, doch der hatte ohnedies schon beschlossen zum Eremiten zu mutieren: Als wär’s seine Initiation in die Berg steigt er dort in einen eiskalten See – und als um 40 Jahre älterer Mann wieder heraus.

Der Krisch ist geboren – und mit ihm jene mürrisch-wortkarge, sturschädelige Intensität, die man von ihm kennt und liebt, ein weißbärtiger Wurzelsepp wie aus dem Bilderbuch. Wenn er im wild-sprudelnden Bach watet und sich offenbar kindlich wohl dabei fühlt, gibt es ein Stückchen Ahnung von der Befreiung, der bedingungslosen Freiheit, die ein nur von der Natur bestimmtes Leben bietet kann. Es muss da schließlich etwas sein, dass uns Angepasste an Aussteigerstorys so fasziniert. Jung-Elias liest – Symbol as Symbol can – „Robinson Crusoe“.

Die Dorfjugend unterwegs zur Disco. Bild: © Metafilm

Verena Altenberger und Jakob Mader. Bild: © Metafilm

Harald Windisch und Gerti Drassl. Bild: © Metafilm

Iris Unterberger. Bild: © Metafilm

In „Märzengrund“ gibt es eine Klammer: Zu Beginn des Films findet sich orientierungs-, weil eben noch bewusstlos der alte Elias im Krankenhaus wieder. Diagnose: Prostatakrebs, Operation, Reha und die Empfehlung sein Einsiedlerdasein aufzugeben. Am Ende ist dieser Elias immer noch im Tal, in der sich selbst so nennenden Zivilisation (als die Krankenschwester, die nach einem Schlaganfall ebenfalls im Heim lebende Mutter reinschiebt, entfährt einem ein: Was die Alte lebt immer noch?), sieht sich dort mit den desaströsen Ergebnissen seiner Entscheidung konfrontiert – und wieder: Gefühlaufwallungen so glitzernd wie Kunstschnee.

Da ist der andere Schluss besser, der den alten Elias zur Frage des jungen zurückbringt: Wie will ich leben? Und wenn Johannes Krisch zuletzt in lichten Höhen in die gleißende Sonne geht, statt die Therapie im Krankenhaus fortzusetzen, scheint diese Frage auch die Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes zu beinhalten …

metafilm.at/film/maerzengrund

18. 8. 2022

Volkstheater: Der Lechner Edi schaut ins Paradies

November 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Moderner Wanderzirkus mit famosem Herrn Direktor

Wie ein Wanderzirkus: Adrian Hildebrandt, Thomas Frank, Evi Kehrstephan, Christoph Theussl und Thomas Butteweg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie versuchen es mit Zauber- und anderen Kunststücken, einem patscherten Breakdance, einer aufgrund des Protagonisten Gewichts zu Boden gewalzten Slackline, dem Verschwindenlassen einer leeren Bierdose – fünf Arbeitslose auf der Donaukanalbrücke. Die haben sie zugemüllt mit den Requisiten, mit denen sie ihre Tricks aufführen. Ein Leben am Rand einer städtischen Wohlfühlzone, ein Leben am Rande von Werktätigkeit. Oder eine neue Art von …

Eine Blechbüchse geht herum, spärlich fallen Münzen hinein, das Publikum im Volx/Margareten weiß nicht recht, was tun. Zum Glück entkrampft das gemeinsame Lachen. So beginnt Christine Eders Inszenierung von Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ für das Volkstheater in den Bezirken.

1936 hat Soyfer sein linkes Volksstück voll Kampfgeist, Witz und Poesie verfasst. Als Mittelstück für die „Literatur am Naschmarkt“, politische Kritik umrahmt von Kabarett. 350.000 Arbeitslose gab es damals in Österreich, heute sind es 7,9 Prozent bei verschobener Sachlage. Schrieb Soyfer, als Kommunist und Jude bald doppelter „Volksschädling“, schrieb der Schöpfer des Dachau-Liedes, der sich im KZ mit Typhus ansteckte und 1939 mit nur 26 Jahren starb, noch gegen eine Automatisierung an, die die Menschen brotlos machte, hat nun die Digitalisierung bereits das Ende einer Arbeitsgesellschaft eingeleitet. Wenige werden überbleiben, die sich „was leisten“ können, die Politik ist darob ideen- und konzeptlos.

Unterwegs auf der Suche nach den Schuldigen: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit dem Auto zurück in die Zukunft: Thomas Frank, Evi Kehrstephan und Christoph Theussl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies der moderne Rahmen, den Eder Soyfers didaktischem Zaubermärchen gibt: Eine der Figuren liest zwischendurch immer wieder aus dem „Manifest der Glücklichen Arbeitslosen“. Sätze fallen wie „Arbeit verhöhnt die Freiheit!“, „Arbeit ist Massenmord oder Genozid!“ (Zitat Bob Black) und natürlich „Arbeiter aller Länder entspannt euch!“.

Unter diesem theoretischen Überbau darf sich aber herzhaft amüsiert werden. Eder hat einen wunderbaren Wanderzirkus für die Bezirke erschaffen, sie zeigt Theater wie aus dem Koffer, mit einem fabelhaften Thomas Frank als Zirkusdirektor. Die Ruderleiberlrolle des Lechner Edi ist eine mehr, die ihm wie auf den Leib geschneidert ist; wechselnd zwischen aufrechter Wut und komischer Verzweiflung legt Tausendsassa Frank dessen naive Weltsicht mit entwaffnender Logik dar.

Weil also der Fortschritt an allem schuld ist, muss dieser aufgehalten werden. Gemeinsam mit seiner Geliebten Fritzi (Evi Kehrstephan) und „Petersens elektrischem patentierten Industriemotor“, kurz Pepi (Christoph Theussl), macht sich der Edi auf den Weg in die Vergangenheit.

Einst waren er und Pepi, der aggressiv-bullige Proletarier gegen den schlanken Motor, Konkurrenten um den Arbeitsplatz, jetzt steht auch die Maschine auf der Straße, abgebaut, weil sich die von ihr produzierte Ware niemand mehr leisten kann. Und so reist man von Galvani zu Galilei, von Columbus zu Gutenberg (alle: Adrian Hildebrandt), singt dazu statt dem „Wanderlied der Zeit“ Udo Jürgens „Tausend Jahre sind ein Tag“, doch von Erfinder zu Entdecker lässt sich feststellen, keiner von ihnen ist verantwortlich.

Bis das Trio endlich vor den Pforten des Paradieses landet. Wo Edi beschieden wird, dass der Mensch selbst seine Entscheidung von „Ja oder Nein“ treffe und nichts eine Zwangsläufigkeit sei, dass Geschichte von der Masse gemacht wird und von ihr zu gestalten ist. Dies Soyfers marxistisches Credo.

Das Ensemble agiert mit großer Spielfreude. Mit viel Humor turnt es über die Bühne und durch das Soyfer’sche Pathos, die teils gereimten Textstellen werden wie Kalendersprüche aufgesagt. Auch das lockert den Abend. Ein Tuch wird zum Segel der Santa Maria, zack aufgezogen, zack weggeräumt, Thomas Buttewegs Beine werden zu zuckenden Froschschenkeln, Pappkartons zu Roboterbauteilen oder zum Auto. Gutenberg schließlich wird mit heutigen Druckerzeugnissen zur Räson gebracht, angesichts derer schmilzt er sogar seine Lettern ein.

Im Hintergrund laufen derweil auf einer Scheibe – denn wäre die Erde nur eine solche geblieben! – Bilder von Arbeitswelten anno dazumal und künstlichen Intelligenzen samt Knight Rider, Terminator und den neuesten Humanoiden wie dem „Atlas“.

Die drei von der Donaukanalbrücke: Evi Kehrstephan, Christoph Theussl, Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Neben Evi Kehrstephan als resoluter Pepi und Manifest-Vorleserin brillieren Christoph Theussl als pragmatischer Pepi und Adrian Hildebrandt als toter Freund Toni und als mal abgeklärter, mal aufgeklärter Forscher. Ein feiner fünfter Mann ist Thomas Butteweg, der nicht nur den blinden Andraschek gibt, sondern auch Matrosen, Wachhunde und Inquisitoren – und auf Wassergläsern wunderbare Musik macht.

In den 1980er-Jahren gab es in Wien am Spittelberg ein „Jura Soyfer Theater“, nach dessen Ende war es auf den heimischen Bühnen lange still um den bedeutenden politischen Autor. Ein Theatermacher, vor einiger Zeit darauf angesprochen, meinte, Soyfer sei nicht mehr zeitgemäß, seine vor Feierlichkeit und Inbrunst glühenden Stücke seien einem jetzigen Publikum nicht mehr vorzusetzen. Christine Eders Aufführung beweist mit Verve das Gegenteil. Alles ist möglich, wenn man die richtigen Einfälle hat.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2017

Rabenhof: Viel gut essen

Oktober 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kreisky rocken Sibylle Berg

Franz Adrian Wenzl performt den verbalen Rundumschlag von Typ Mittelschicht. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Sein altes Wohnviertel wird zu einem Mix aus Bobo-Behausungen und Asylantenheim umgebaut. Seinen Vorgesetztenjobtraum hat er an Frau Hüdüczü verloren, den Arbeitsplatz gleich dazu, hat er ihr doch ihren „doppelten Quotenanspruch – weiblich und Migrationshintergrund“ ins Gesicht gekotzt. Frau Claudia und Sohn Anselm haben das Weite gesucht. Nun steht er in seiner nicht abbezahlten Fast-Profi-Küche und brutzelt, was das Zeug hält.

Denn heute Abend sollen, werden sie, hofft er … heimkommen? Der arme „kleine Mann“, er könnte einem fast leid tun. Bevor er seinen Verbalrundumschlag beginnt. Auf alles und jeden, das und die ihm fremd sind – und das ist zu allererst einmal er selbst. „Ich weiß, dass ich ich bin, weil ich eine Wohnung habe, zu der mein Schlüssel passt“, singt Kreisky-Frontmann Franz Adrian Wenzl. Die Wienerwut-Rocker haben Teile von Sibylle Bergs Texttirade „Viel gut essen“ zu sechs neuen Songs vertont, den großen Rest spricht „Austrofred“ Wenzl bei diesem, seinem quasi Debüt als Schauspieler.

Nach Aufführungen in Deutschland und der Schweiz ist die in ihren beiden Heimatländern hassgeliebte Autorin mit ihrem Monolog nun im Rabenhof angekommen, und wirkte beim tosenden Schlussapplaus und den Standing Ovations sichtlich gerührt, ja sogar ein wenig schüchtern. Vater-Land/Mutter-Sprache, vielmehr: der empfundene Verlust derselben an neue Verhältnisse, das ist auch Thema von „Viel gut essen“.

Da steht er nämlich, der Repräsentant der sogenannten, von allen politischen Couleurs heiß umbuhlten Mittelschicht, weiß, hetero, xenophob, homophob, frauenfeindlich und ein Feind moderner Kunst, früher beruflich sogar erfolgreich, und sieht die Fassade bröckeln. Das Fundament seiner Existenz ist brüchig geworden. Das erzeugt Frust. Der erzeugt Gewaltbereitschaft. Aber noch ist er ruhig, der „kleine Mann“ und will nur kochen und die Geschichte seines Scheiterns erzählen. „Ich war immer angestellt, meinem Bedürfnis nach Planungssicherheit geschuldet“, sagt er. „Ich hatte nie das Bedürfnis nach Regelunkonformität. Ich wollte nicht aufbegehren“, sagt er.

Kreisky: Klaus Mitter, Martin Max Offenhuber, Lelo Brossmann und Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Bernd Supper und Willi Landl: Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Und wie er das sagt. Wenzl trifft einen Ton zwischen bekanntem Politikertypus und sozialfaschistischem Prediger, ausgerechnet sein Protagonist doppeldeutig ein „Europe“-Fan, und der Eindruck bewahrheitet sich mit Fortschreiten des Abends, wenn Wenzl seine Sätze zunehmend als Parolen formuliert, diese immer öfter ins Mikrophon donnert. Oder sich in Glencheckanzug und Schwarzer-Kontinent-Shirt darüber wundert, dass „in Afrika eine Familie ein Monat von einem Stück Topfenstrudel leben“ kann. Die Musik erhöht den Druck, die Dynamik der Eskalation steigert sich stetig. Bald fehlt hinter ihm nur noch das Heimatplakat.

Berg und die Band wollten der Rabenhof-Aufführung etwas Wienerisches geben, und dazu gehört wohl, dass Wenzls Auftritt was Kabarettistisches hat. Die Kreiskys sind halt Kreisler-Kinder. Im Gemeindebautheater (wo die, die hier, eh immer eines Geistes sind) wurde jedenfalls gejohlt und gelacht (im Unterschied zur deutschschweizerischen Publikumsschreckstarre), da versteht man sich aufs Hinterfotzige, das Knallharte wird Kleinkunst, das Grausliche grotesk. Wie sich Wenzl so von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit zetert, das ist scham- und schonungslos, zynisch und provokant, und es ist melancholisch. Es ist wahnwitzig komisch und zum Brüllen traurig. Wenzl balanciert über Bergs Klischeeberg auf dem schmalen Grat von So was sagt man nicht! und Das wird man doch noch sagen dürfen!

Dort also, wo‘s die einen für den endlich notwendigen Tabubruch halten und die anderen für Rassismus. Früher hatte die politisch korrekte Mehrheitsgesellschaft beim Reden das Sagen, die anderen schwiegen, jetzt wächst der „kleine Mann“ über sich hinaus. Der Einzelne ist gar nicht mehr so anonyme Masse, das Schweigen wird laut, deshalb wird Wenzl außer von Klaus Mitter am Schlagzeug, Gitarrist Martin Max Offenhuber und Lelo Brossmann am Bass von einem Chor begleitet. Man hat sich dafür Bernd Supper von The Scarabeusdream, Maximilian Atteneder von Catastrophe & Cure und den oberösterreichischen Jazzsänger Willi Landl ausgeborgt.

Und die drei sind nun die Perversions- und Percussiongruppe, gestalten das schlechte und das böse Gewissen, die schlechten und die bösen Kindheitserinnerungen – die Mutter ging dem lieblos schweigsamen Vater mit „Jeff aus Eritrea“ durch: „Die armen Asylanten. Aber tanzen tun sie so anmutig. Sie haben so elegante, unterprivilegierte Gliedmaßen, da staunt die Frau auf ihrem Tretroller, da beben ihre roten Unterarme. Und schon gab es sie nicht mehr.“ Das Trio mimt auch Gourmetküchen-Aficionadas, es feiert als Herrn Jedermanns Kopfdruckkochtopf dessen Rezepte. „Kapern sind die Krönung des Fischfonds“, psalmodiert es. Oder: „Die Tomaten glänzen wie Halbedelsteine.“ – „Paradeiser heißt das bei uns“, kontert Wenzl.

Tänzeln in Starschnitt-Attitüde:Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Martin Max Offenhuber, Franz Wenzl, Sibylle Berg, Klaus Mitter und Lelo Brossmann: Bild: © Rabenhof / Ingo Pertramer

Auch, wenn der Chor über Claudia und Anselm singt, klingt’s oft wie Kirchenchoral. Die heilige Institution Familie. Heißt, wenn die Frau Blumen will, soll sie einen Fleurop-Lieferanten heiraten; will sie sich selbstverwirklichen, „irgendwas aus Ton oder Schmuck gestalten“. Dass andere von ihm abhängig sind, findet der Ex-Alleinverdiener „sinnstiftend“. Und will der Sohn zum Ballett, ist er ent-***, also jedenfalls aus der Art geraten. The Final Countdown. Franz Adrian Wenzl performt seinen Bühnenfreak mittlerweile mit Rebellenattitüde, tanzt über die Bühne wie ein Fred-Starschnitt. Unter seinen Posts erbeben Internetforen, seine Leserbriefe sind im mehrfachen Wortsinn Reaktion.

Der Kampf an allen Fronten hat längst begonnen. Musikalisch als die „Mobilmachung des gesunden Menschenverstands“: „Wir sind keine dumpfe braune Horde/wir sind das Volk/wir sind Bürger mit Bürgerrechten/und die holen wir uns./Stillgestanden./In einer Reihe./Die Ausgabe der Waffen erfolgt jetzt -“

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=8&v=12sFvR-KeFE

www.rabenhoftheater.com

  1. 10. 2017

Festspielhaus St. Pölten: Carmina Burana

April 4, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Martin Grubinger und Adrian Eröd

Martin Grubinger Bild: Felix Broede

Martin Grubinger
Bild: Felix Broede

Am 22. April ist Multipercussionist Martin Grubinger mit „Carmina Burana“ im Festspielhaus St. Pölten zu Gast. Carl Orffs berühmtes Vokalwerk ist mit seinen fesselnden Chören, der mitreißenden Rhythmik und der lustvollen Musik stets aufs Neue ein Erlebnis – auch in der Fassung für Sängerinnen und Sänger, zwei Klaviere und Schlagzeug, die 1956 von Wilhelm Killmayer arrangiert und von Orff selbst autorisiert wurde.

Eröffnet wird der zweiteilige Abend mit Fazıl Says Oratorium „The Bells“, das in seiner Besetzung an Killmayers Bearbeitung von Orffs Monumentalwerk angelehnt ist und ebenso Spannung und federnde Leichtigkeit vereint. Ein Garant dafür ist natürlich Martin Grubinger, der es auf dem Schlagwerk zu beispielloser Virtuosität gebracht hat. Mit dem Chor Ad Libitum und dem Klavierduo Ferhan & Ferzan Önder begleitet der Schlagzeuger die hochkarätige Solistenbesetzung Laura Aikin, Iris Vermillion, Antonio Giovannini und Adrian Eröd, die das Konzert unter der Leitung von Heinz Ferlesch gestalten wird.

www.festspielhaus.at

www.martingrubinger.at

Wien, 4. 4. 2016

21er Haus: Abstract Loop Austria

Januar 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Raus aus dem „erbärmlichen Schattendasein“ der Op-Art

Gerwald Rockenschaub: Öl auf Leinwand, 1984. Dauerleihgabe Ernst Ploil Bild: © Belvedere, Wien

Gerwald Rockenschaub: Öl auf Leinwand, 1984. Dauerleihgabe Ernst Ploil
Bild: © Belvedere, Wien

Ab 28. Jänner präsentiert das 21er Haus des Belvedere eine Gruppenausstellung, in deren Mittelpunkt vier österreichische Künstler stehen: Marc Adrian, Richard Kriesche, Helga Philipp und Gerwald Rockenschaub. Ergänzt und in einen internationalen Kontext gestellt wird die Schau durch Arbeiten von Josef Albers und Marina Apollonio bis zu Jorrit Tornquist und Ludwig Wilding.

„Abstract Loop Austria“, so der Titel der Schau, zeigt anhand einer Gegenüberstellung, wie Österreich in den späten 1950er/1960er und 1970er Jahren einen wichtigen Betrag zur Op-Art und Konkreten Kunst geleistet hat und wie Gerwald Rockenschaub diese Tradition in unsere Gegenwart überführt.

In der Wahrnehmung der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts führt die konstruktive, konkrete Kunst der Nachkriegszeit, tatsächlich eine wichtige internationale Tendenz, nicht nur laut Dieter Ronte „ein erbärmliches Schattendasein“. Dabei zeigten sich gerade hierzulande vielseitige Ausgangs- und Anknüpfungspunkte wie beispielsweise der Wiener Kinetismus, Op-Art, Konkrete Kunst, Konzept- und Computerkunst. Grundlegend für die konstruktiv-konkrete Kunst der Nachkriegszeit sind die radikalen Ideen des Aufbruchs in die Moderne, von Wiener Kreis bis Zwölftonmusik, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Abkehr von den figurativen Tendenzen des österreichischen Expressionismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die generelle Idee eines Neuanfangs. Die konstruktiv-konkreten Kunst bildet dabei eine wichtige Konstante und wurde unter unterschiedlichen Vorzeichen immer wieder aufgegriffen – beispielsweise in der Neo-Geo-Bewegung der 1980er-Jahre.

Im Mittelpunkt der Ausstellung im 21er Haus stehen aber die Anfänge dieser Kunstrichtung und erste Vertreter. Marc Adrian etwa hat bereits in den 1950er-Jahren die individuelle und unterschiedliche Betrachterposition vor den Kunstwerken in seinen Arbeiten mitgedacht. Der Teilnehmer an der legendären Ausstellung „The Responsive Eye“ 1965 im New Yorker MoMA, die als Geburtsstunde der Op-Art gilt, war nicht nur einer der Begründer des österreichischen Experimental- beziehungsweise Avantgardefilms, sondern hat sich bereits in seinen Objektkästen und Hinterglasmontagen mit kinetischen Effekten, zeitlichen Interferenzen und optischen Strukturproblemen beschäftigt. Sie werden in der Schau ebenso gezeigt, wie seine plastischen Werke, die Mobiles, und frühe Experimentalfilme. Im Zuge der Ausstellung wird auch das Werkverzeichnis dieses zu Unrecht vergessenen, national wie international bedeutenden Künstlers vorgestellt.

Durch Marc Adrian kam Helga Philipp in Kontakt mit Kinetik und Konkreter Kunst und untersuchte in ihren frühen schwarz-weißen Objektkästen und ihren Plexiglasarbeiten optische Phänomene im Sinne der Op-Art. Durch die Verwendung neuer Materialien wie Acrylglas und später die Siebdrucktechnik wollte Philipp eine Kunstform ohne persönliche Handschrift finden. Richard Kriesche wiederum übertrug in seinem Frühwerk die Ideen konzeptuell geometrischer Malerei in farbige Objekte, häufig auf der Grundlage von mathematischen Codes und definierten Regeln. Später geht Kriesche von den Ideen der Konkreten Kunst über zur Medienkunst und elektronischen Bildverfahren.

Und einer bedingte den nächsten: Gerwald Rockenschaub war an der Universität für Angewandt Kunst nicht nur ein Schüler von Helga Philipp, sondern vielmehr griff er Mitte der 1980er-Jahre ihre optische Erforschung der Oberfläche und Struktur von Kunstwerken auf. Er spezialisierte sich auf die Untersuchung der künstlerischen Wahrnehmung von Alltagscodes und der Zeichen neuer Informationstechnologien. Später wurde seine Malerei durch mechanische Verfahren und industrielle Materialen, wie Folien oder Plexiglas, abgelöst und Club-Kultur, Techno-Musik und Computertechnik miteinbezogen.

Edgar Knoop: Subway 813

Parallel zu „Abstract Loop Austria“ findet anlässlich einer Schenkung des Künstlers an die Österreichische Galerie Belvedere die Präsentation von Edgar Knoop „Subway 813“ statt. Zu sehen sind Werke der 1970er- bis 2010er-Jahre. Kinetische Lichtobjekte nennt Knoop seine Werke, die sich dem Auge des Betrachters durch Lichtreflexionen als immer wieder veränderlich darstellen.

www.belvedere.at

Wien, 25. 1. 2016