Die Känguru-Chroniken: Ab heute wird gestreamt

April 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der großen Leinwand ins Heimkino

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Die Schließung der Kinos wegen der Corono-Krise hat nicht nur die Lichtspielhäuser, sondern auch die Filmemacher hart getroffen. Selbst die hollywood’sche Traumfabrik steht dieser Tage still, Dreharbeiten werden gestoppt, Starttermine verschoben, knapp vor Schluss angelaufene Filme konnten nicht die Menge an Zuschauern erreichen, die für den angenommenen Blockbuster prognostiziert war.

Hierzulande erging es so Dani Levys und Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Chroniken“, der am 6. März anlief. Nun hat sich der X-Verleih zu einem für die Branche besonderen Schritt entschlossen und gibt die „Die Känguru-Chroniken“ bereits ab heute auf Video-on-Demand-Plattformen zum Streamen frei. An den etwa 17 Euro Downloadkosten will der Berliner Creative Pool, dessen Portfolio auch Jessica Hausners „Little Joe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35645) oder Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Rolle des Stefan Zweig (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437) enthält, die Kinobetreiber beteiligen.

„Es ist also ein Soli-Preis, quasi digitale Kinotickets“, so das Känguru in seiner Aussendung über diese Aktion der „Solidarität und Partnerschaft“. Sobald die Kinos öffnen, sollen „Die Känguru-Chroniken“ wieder ebendort zu sehen sein. „Und zwar mit einer neuen, natürlich känguru-typischen Überraschung.“

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Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche: mit Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Das asoziale Netzwerk: Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Filmkritik:

An alle Genossinnen und Genossen!

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

2. 4. 2020

Die Känguru-Chroniken

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An alle Genossinnen und Genossen!

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Ob beim gemeinsamen Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche … Bild: © Luna Filmverleih

… oder Gitarre klimpern, das Känguru ist mit dabei: Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Gestylt und mit „Maria“ Rosalie Thomass auf dem Weg zur Dwigs-Party. Bild: © Luna Filmverleih

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen. Rund um die beiden Protagonisten fährt die Kamera von Filip Zumbrunn Karussell – als wäre das alles aus der Hand gedreht.

Känguru-Connaisseurs werden sich zumindest an der zwischen „Es steht ein Känguru auf dem Flur“ und „Wenn das Känguru zweimal klingelt“ gelagerten Anfangssequenz erfreuen, darüber hinaus gibt’s den bereits legendären Kling’schen Politwortwitz in Sätzen wie „Gesunder Patriotismus klingt für mich wie gutartiger Tumor“, „Dein Anarchismus ist so gemäßigt, du könntest der SPD beitreten“, „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot“, und apropos Popkulturzitate, die reichen beim Cineastischen von „Fight Club“ über „Forrest Gump“ bis „Pulp Fiction“. Hinsichtlich letzteren hat Markus Hering den besten Gastauftritt als um nichts weniger unheimlicher Christopher-Walken-Klon, der für Jung-Dwigs statt der güldenen Uhr Vaters Hasenpfote in seinem Kriegsgefangenenarsch aufbewahrt hat.

Paulus Manker spielt Marc-Uwes und Jörg Dwigs‘ weinbrandseligen Wienerischen Seelendoktor, den Psychotherapeuten, der in einem Palais residiert, weil er sich am Nervenkasperl seiner Patienten gesundstößt. Bei einer Massenschlägerei machen das in den Vorlagen sehr verehrte Haudrauf-Duo via gelungener Bud-Spencer-Terence-Hill-Lookalikes auf Dampfhammer und Watschn-Beau. Den Vogel schießt freilich der Cameo von Helge Schneider als unsportlichster Fernsehfitnesstrainer ever ab. Henry Hübchen ist als Jörg Dwigs nicht nur der optische Drilling von Donald Trump und Boris Johnson, als AzD-Spitzenkandidat („Alternative zur Demokratie“) lässt er die Gags nur so krachen.

Das asoziale Netzwerk Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad … Bild: © Luna Filmverleih

… hat sein Hauptquartier in Hertas Kiez-Kneipe: Carmen-Maja Antoni. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Der berühmte Pipi-Angriff auf Dwigs Immobilien-Imperium: Dimitrij Schaad und das Känguru. Bild: © Luna Filmverleih

Ob er nun der Lügenpresse diktiert, wie er die abendländische Kultur zum Sieg führen wird, oder seinen rechten Gesinnungsbrüdern, am deutlichsten einer in Geert-Wilders-Maske zur Kenntlichkeit entstellt, bescheinigt: „Heute ist der erste Tag der nächsten Tausend Jahre“. Da schafft’s der Charakterdarsteller tatsächlich dem Klamauk ein Quantum Grusel zu verpassen. Vom Feinsten ist die Szene, in der er zwei türkischstämmige Imbissbesitzer beleidigt, alldieweil Neonazis seinen Luxusschlitten zerlegen, bevor sie im Anblick von Gottseibeiunsöberst zerknirscht Treue und Tapferkeit schwören – und Dwigs die Bande zu seinem Schlägertrupp macht.

Das asoziale Netzwerk rund ums Känguru, über dessen skurrile Anwesenheit sich nebenbei bemerkt kein Schwein wundert, bilden neben Marc-Uwe Adnan Maral und Tim Seyfi als deutschtürkische Brüder Friedrich-Wilhelm und Otto-Von – Namenserklärung: „Unsere Eltern haben es ein wenig übertrieben mit dem Integrationswillen“ -, Carmen-Maja Antoni als Kiez-Kneipierin „Du denkst vielleicht du bist hart, aber ich bin Herta!“ und Rosalie Thomass als Marc-Uwes heimliches Love Interest Maria. Gemeinsam und nach dem Motto „Beweise brauchen wir nicht, wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“ und allesamt mit ausreichend Schmäh und Schnauze gesegnet, wollen sie Dwigs‘ sinistren Bauplänen den Garaus machen und verhindert, dass er der Multi-Kulti-Mischpoche seinen Architekturphallus „ins Gesicht wichsen“ kann.

Eine persönliche Lieblingsepisode hat es auch, nämlich wie Friedrich-Wilhelm und Otto-Von ein Jubelevent bei Dwigs infiltrieren – Bettina Lamprecht als dessen hochschwangerer, hammerharter, Krügel stemmender Ehefrau sei noch gehuldigt -, und von dessen internationalen Parteifreunden misstrauisch beäugt werden. Was die „Delegation vom Bosporus“ zum Weltklassesager aufstachelt: „Minderheiten unterdrücken, Andersdenkende einsperren und Völkermord leugnen, das können wir genauso gut wie ihr.“ Ob derlei freche Ungezogenheit eine Fortsetzung veranlasst, wird sich an der Kinokasse zeigen.

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

  1. 2.2020

Corinna Harfouch: Große Liebesgeschichten

Mai 3, 2013 in Buch, Tipps

Lesung am Landestheater NÖ in St. Pölten

Corinna Harfouch  Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Corinna Harfouch
Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Von großen Liebesgeschichten berichtet die große Schauspielerin Corinna Harfouch am 7. Mai im Landestheater Niederösterreich: Harfouch liest von Etel Adnan die Erzählung „Die Macht des Todes“, in der sie uns mit der Form von Liebe konfrontiert, bei der Banalitäten keinen Platz haben. „Eine einsame menschliche Stimme“ ist dem Band „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch entnommen. In literarischen Monologen, die aus Gesprächen entstanden sind, zeichnet sie Porträts von Menschen, die von der Reaktorkatastrophe direkt betroffen sind. Es entsteht ein ungeheuerliches Requiem der Klage und der Anklage, mit dem sich die Autorin ohne Zweifel neben Tschechows „Die Insel Sachalin“ und Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ gestellt hat, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.

Die Autorinnen Etel Adnan, geboren 1925 in Beirut, ist Kosmopolitin: Als Kind eines syrischen Vaters und einer griechischen Mutter erfährt sie schon früh, was es heißt zwischen verschiedenen Kulturen aufzuwachsen. Etel Adnan studierte an der Sorbonne, in Berkeley und Harvard Philosophie. Sie lebt in Paris und Kalifornien.

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 im ukrainischen Iwano-Frankiwsk als Tochter eines Weißrussen und einer Ukrainerin geboren. Sie arbeitete als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Über ihre Interviews fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem halbdokumentarischen „Roman in Stimmen“. Seit 2000 lebt sie mit Unterbrechungen im westlichen Ausland.

Die Schauspielerin Corinna Harfouch gehört zu den wichtigsten Bühnen- und Filmdarstellerinnen Deutschlands. Nach dem Schauspielstudium arbeitet sie mit Ruth Berghaus und Heiner Müller und findet im Berliner Ensemble eine erste wichtige Wirkungsstätte. Seit 1991 ist Corinna Harfouch freie Schauspielerin, gastiert am Deutschen Theater, der Schaubühne Berlin, dem Stuttgarter Staatsschauspiel und vielen anderen Bühnen. Als Filmdarstellerin ist sie in Filmen von Margareta von Trotta, Michael Gwisdek, Bernd Eichinger, Tom Tykwer, Andreas Dresen und Matthias Glasner zu sehen. Ihre Filme, wie aktuell „Was bleibt“ von Christian Schmid, gelangen zur Berlinale und anderen wichtigen Filmfestivals. Corinna Harfouch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (u. a. Gertrud-Eysoldt-Ring, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Filmpreis, Schauspielerin des Jahres 1997).

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013