Nurejew – The White Crow

September 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der waghalsige Weg vom Sowjetflüchtling zum Weltstar

Der ukrainische Balletttänzer Oleg Ivenko brilliert in seiner ersten Schauspielrolle, hier als Rudolf Nurejew als Krieger Solor in „La Bayadère“. Bild: Alamode Film

„Monsieur Nurejew muss sich jetzt entscheiden“, sagt der Flughafenpolizist, und markiert damit den Moment, auf den der ganze Film abzielt. Der 23-jährige Balletttänzer sitzt im Wachzimmer auf dem Aéroport de Paris – Le Bourget, es ist der 16. Juni 1961, sein Blick ist gesenkt, die Hände zittern. Wird er im Westen bleiben oder in die Sowjetunion zurückkehren? Und was wird aus seiner Familie, wenn er sich für ersteres entscheidet? Wird er hier überhaupt Fuß fassen können oder nur als Trophäe des Kalten Kriegs gelten?

Man weiß, wie’s ausgeht, auch, dass der nunmehr Staatenlose 1964 als Tänzer und Choreograph an die Wiener Staatsoper engagiert wurde und im Zuge dessen die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Doch dank der virtuosen Darstellung von Oleg Ivenko kann man nicht anders, als augenblicklich um den verängstigten Flüchtling zu bangen. Der junge ukrainische Tänzer von der Tatar State Ballet Company verkörpert im Biopic „Nurejew – The White Crow“, ab 27. September in den Kinos, den späteren Weltstar. Es ist Ivenkos erste Arbeit als Schauspieler, und wie er sich dem egozentrischen, exzentrischen, mittelschwer explosiven Genie in körperlicher und künstlerischer Haltung nähert, ist von unfassbarer Authentizität.

Ralph Fiennes hat sich für sein drittes Regievorhaben nach dem Lesen der Biografie von Julie Kavanagh für diesen Wendepunkt im Leben der Legende begeistert, hat Dramatiker und Drehbuchautor David Hare ins Team geholt, der, wie er es formuliert, bereits das „berühmte Monster“ Nurejew kennenlernte, und der nun für sein Tun mit Clara Saint, Pierre Lacotte und weiteren Freunden und Wegbegleitern des Tanzgottes sprach. Gemeinsam entwickelten Fiennes und Hare für ihren Film eine Nouvelle-Vague-Ästhetik, die Kameramann Mike Eley in cremigen Bildern, und Production Designerin Anne Seibel und Kostümbildnerin Madeleine Fontaine perfekt bis ins kleinste Roaring-Sixties-Detail umsetzten.

Und weil es Fiennes, der auch Russisch spricht, wichtig war, mit russischen Schauspielern zu drehen, sind Chulpan Khamatova als Ksenija Puschkin, Fiennes selbst spielt Nurejews brillanten Lehrmeister Alexander Puschkin, Alexey Morozov als KGB-Agent Strischewsky, der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin als Juri Solowjew und Anna Polikarpova, bis vor Kurzem Erste Solistin des Hamburg Ballett, als Primaballerina Natalia Dudinskaya Teil des Casts. Für die richtige Atmosphäre sorgt einmal mehr die Musik von Komponist Ilan Eshkeri, der auch bei den bisherigen Fiennes-Projekten dabei war, und der den Sound zwischen klassisch russisch und modern minimalistisch wechseln lässt.

Regisseur Ralph Fiennes spielt Rudis berühmten Leningrader Ballettlehrer Alexander Puschkin. Bild: Alamode Film

Nurejew ist sich ab seinen ersten Solos absolut sicher, dass er schon bald ein Weltstar sein wird: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Auch die Erzählebenen wechseln. Fiennes hat die drei Zeitfenster Paris 1961, Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad ab 1955 und die Kindheitsjahre in den späten 1940ern, gedreht auf 16 mm und in bis beinah zum Schwarzweiß gedämpften Farben, ineinander verwoben. „Nurejew – The White Crow“ beginnt am Anfang, am 17. März 1938, als Rudi in der bis zum Bersten vollen Transsibirischen Eisenbahn geboren wird. Auf diese Art zur Welt gekommen zu sein und sein Minderwertigkeits- empfinden wegen seiner ärmlichen Herkunft, werden den Hochsensiblen fürs Leben prägen.

Und wohl Ursache – zumindest interpretieren es Fiennes und Ivenko so – für seine wie eine Waffe geführte Hybris sein. Haupthandlungsstrang ist freilich Paris, wo Nurejew als Mitglied der Gastspieltruppe des Kirow-Ballett an der Opéra Garnier auftritt; aus den Schlüsselszenen dieses ersten Aufenthalts im Westen entwickeln sich die Rückblenden. An die 1940er-Jahre, und wie ihn die anderen Kinder schon im baschkirischen Dorf nahe Ufa „weiße Krähe“ nennen, den außergewöhnlichen Außenseiter, den der russische Kinderstar Maksimilian Grigoriyev spielt.

An seinen aus dem Dienst in der Roten Armee heimkehrenden Vater, der Rudi bei einem Jagdausflug allein im Wald zurücklässt; wie er mit seiner Mutter und seinen vier Schwestern dank einer in der Lotterie gewonnenen Eintrittskarte in Ufa seine erste Ballettaufführung sieht; der frühe Unterricht bei den ehemaligen Ballerinen Anna Udeltsova und Elena Vaitovich. An die Ausbildung in Leningrad ab 1955, wo Nurejew als 17-Jähriger fast zu spät ankommt, und daher sofort beschließt, die Ballettschule in der Hälfte der Zeit zu absolvieren. Da zeigt Oleg Ivenko Nurejews Hartnäckigkeit, seinen Fleiß, aber auch sein aufbrausendes Temperament, wenn er Lehrer ablehnt, die ihn zu wenig fordern, oder den von Nebojša Dugalić dargestellten Ersten Solotänzer Konstantin Sergejew, weil ihn irritierend, aus dem Ballettsaal wirft. Schließlich darf Rudi bei Alexander Puschkin vortanzen und wird in dessen Klasse aufgenommen. Eindrucksvoll intensiv ist dieses Zusammenspiel von Fiennes und Ivenko, der Zögling, der an des Meisters Lippen hängt, wenn dieser „Nur durch Disziplin erreicht man Freiheit“ doziert, dabei selbst aber vorm Apparat kapituliert hat.

Auf Sightseeingtour in der Sainte-Chapelle: Oleg Ivenko, rechts: seine späteren Lebensretter Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) und Clara Saint (Adèle Exarchopoulos). Bild: Alamode Film

Nurejew liebt das Flair in den Straßen von Paris und genießt das Sitzen in den legendären Kaffeehäusern: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Fiennes spielt Puschkin mit väterlicher Milde als Antithese zum Klischee des gestrengen Ballettlehrers, aber auch einer seltsam bizarren Bedachtsamkeit, mit einer Art gewaltsam erzwungener Zurückhaltung, die die politische Dimension seines Jobs verdeutlicht, ein Beiklang, der die gesamten 127 Minuten des Films begleitet. Sozusagen als Klammer dazu dient ein Verhör Puschkins durch den KGB, bei dem er beteuert, nichts von Nurejews Fluchtplänen gewusst zu haben. Als ihn daheim dann seine Frau fragt „Alles in Ordnung?“, wird er mit einem hocherfreuten „Ja!“ antworten.

Ksenija ist es auch, die Rudi nach einer Knöchelverletzung aus dem Krankenhaus holt, ihn in der ehelichen Wohnung, genauer: in deren Schlafzimmer aufnimmt, und dort Rudis „Entjungferung“ erledigt. „Nurejew – The White Crow“ bleibt stets nah an seinem Protagonisten. In langen Sequenzen von Proben und Auftritten zeigt nicht nur Ivenko sein Können, sondern auch, dass Rudis Selbstherrlichkeit, mit der er seinem Umfeld gehörig auf die Nerven geht, durchaus berechtigt war. Mit lakonischem Humor geht Ivenko an diesen Wesenszug heran: Als der noch unbekannte Tänzer auf einem Bankett etwa gefragt wird, ob er auf der Bühne gewesen sei, lautet die Replik trocken: „Hätte ich getanzt, hätten Sie es bemerkt“.

Dies vorgetragen nicht mit der Arroganz eines Angebers, sondern in der Vorahnung, dass er mit dieser Aussage einmal recht haben wird. Ivenko gestaltet seine Figur als wissbegierigen, intelligenten, charismatischen Mann, dem es nicht genügt, die Pflicht von Choreografien zu erfüllen, weil er das Leben zur Kür machen will. In Paris wird er zu Clara Saint und Pierre Lacotte sagen, er habe das „Feminine“ in seinen Stil integriert, um ebenso zu strahlen wie die beneideten Ballerinen, und um die männlichen Rollenparts endlich zu emanzipieren.

Auch Nurejews Bisexualität thematisiert Fiennes‘ Film unaufgeregt. Louis Hofmann ist als Rudis erster Geliebter, der ostdeutsche Tänzer Teja Kremke, zu sehen, ein Freigeist, der in Nurejew erste Fluchtgedanken keimen lässt. Kremke war Nurejew auch künstlerisch ein wichtiger Partner, hat er doch dessen Darbietungen gefilmt und gemeinsam mit Rudi auf Fehler analysiert – eine Erinnerung, ausgelöst beim Betrachten antiker Männerstatuen im Louvre. In Paris genießt Nurejew „La Liberté“, die Freiheiten und Freizügigkeiten des Westens in vollen Zügen.

Im Ballettsaal mit Juri Solowjew: Oleg Ivenko und der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin. Bild: Alamode Film

Ein Wunsch aus Kindertagen erfüllt sich, als Rudi in Paris eine Modelleisenbahn ersteht: Oleg Ivenko und Sergei Polunin als Juri Solowjew. Bild: Alamode Film

Er kauft sich – sein größter Wunsch – eine Modelleisenbahn, mit der er mit Juri Solowjew, Zimmergenosse seit Institutstagen, spielt, pflaumt nicht gleich spurende Verkäufer und Kellner an, schlendert allein durch die Pariser Parks, bei all diesen Unternehmungen misstrauisch beäugt und wegen „kapitalistischen Verhaltens“ offiziell verwarnt von KGB-Aufpasser Strischewsky, den Alexey Morozov die Angst um die eigene Person aus allen Poren schwitzen lässt. Nurejew findet verlässliche Freunde im französischen Balletttänzer Pierre Lacotte und in der kunstsinnigen, irgendwie geheimnisumwitterten Chilenin Clara Saint.

Raphaël Personnaz und Adèle Exarchopoulos überzeugen als diese Charaktere, mit denen Rudi die Nachtclubs der Stadt und Jazzspelunken, in den Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen, unsicher macht. Dass Clara die Verlobte des bei einem Autounfall gestorbenen Sohns von André Malraux, seines Zeichens Links-Gaullist, Kulturminister und Autor des Romans „La Condition humaine“, war, wird Nurejew vor seiner Rückführung in die UdSSR bewahren. Dass der impulsive Rudi auch sie immer wieder beleidigt und beschämt, verzeiht sie ihm in ihrer bedingungslosen Zuneigung permanent …

In dieser letzten halben Stunde verwandelt Fiennes seinen Film in einen dramatischen Politthriller, der verdeutlicht, welche vernichtende Wirkung repressive Regime auf den Einzelnen haben. Als es nämlich weiter gehen soll zur nächsten Tourneestation London, wird Nurejew von Strischewsky und seinen Schergen von der Truppe abgesondert. Erst heißt es, er solle zurück in die Heimat, um bei einem Staatsempfang zu tanzen, dann seine Mutter sei erkrankt. Mit allen Mittel und allen möglichen Psychospielchen will man ihn nach Moskau verfrachten, wo er von der Bildfläche verschwinden soll.

Als Strischewsky mit Anklageerhebung droht und Nurejew nach dem Warum fragt, lächelt dieser zynisch: „Uns fällt schon was ein“ (es wurde eine Verurteilung in Abwesenheit wegen Landesverrats). Da projiziert Oleg Ivenko eine Furcht in seinen bis dahin unbezähmbare Kraft versprühenden Blick, dass es einem Gänsehaut macht. Und während die Ballettkollegen sich mit eingezogenem Kopf Richtung Gate davonschleichen, weicht der zur Verabschiedung mitgekommene Pierre als menschliches Schutzschild nicht von Rudis Seite – bis Clara alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung gesetzt hat. Was folgt ist ein fulminanter Showdown, ein spektakulärer Befreiungsakt aus den restriktiven Fängen des sowjetischen Systems. Der Rest ist Geschichte …

 

Video: Teja Kremke fotografiert und filmt Rudolf Nurejew

www.nurejew-thewhitecrow.de

  1. 9. 2019

Love Machine

Januar 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Womanizer mit Waschbärbauch

Georgy Hillmaier wird vom ambitionslosen Musiker zum erfolgreichen Callboy: Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

„Sensibel, bissi Macho, lustig, aber ned bled“, solcherart charakterisiert Georgy Hillmaier das mängelfrei funktionierende Mannsbild, hat er doch selber mit dieser Grundausstattung den größten Erfolg. Wobei, apropos Grundausstattung, die wahrscheinlich längste Praline der Welt hat mit seinem guten Gedeihen im sogenannten ältesten Gewerbe schon auch etwas zu tun: Georgy Hillmaier bietet nämlich seit einiger Zeit als Callboy seine Liebesdienste an.

„Love Machine“ heißt folgerichtig die freche Filmkomödie von Andreas Schmied, die am Freitag in den Kinos anläuft, und in der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits den Georgy spielt. Der, ambitionsloses Mitglied einer Zwei-Mann-Combo für Geburtstage und andere Feiern, wird zunächst einmal vom Leben aus der Kurve getragen. Sein Musikerkollege stirbt mitten in einem Auftritt den plötzlichen Herztod, und weil Schulden da sind, verliert Georgy mit einem Schlag nicht nur den Job, sondern auch Auto und Wohnung. Eine Idee für eine neue Einnahmequelle muss also her, und eine solche hat Georgy mit dem Geistesblitz, er könnte doch professioneller Frauenverwöhner werden. Schwester Gitti unterstützt die Absicht nach anfänglicher Skepsis, kommt Georgy bei den Damen doch bestens an. Bald brummt das Geschäft – bis sich die Love Machine ernsthaft verliebt. Ein eher unpraktischer Gemütszustand in diesem Berufsfeld …

Noch sind Georgy und Gitti auf der Suche nach einer Geschäftsidee: Thomas Stipsits und Julia Edtmeier. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Fahrlehrerin Jadwiga wird Georgys große Liebe: Claudia Kottal und Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Leicht hätte ein Stoff wie dieser zur Sexklamotte, zum Klamaukfilm werden können, doch Regisseur Schmied und sein Hauptdarsteller meistern bravourös die Gratwanderung zwischen gefühlvoll, kess und komisch. Für diesen Mix ist Thomas Stipsits eine Idealbesetzung. Mit Charme und Schmäh und dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln gibt er den Womanizer mit dem wehmütigen Blick und dem Waschbärbauch. Wobei vor allem zweiterer Georgy auf die Kundinnen supersympathisch wirken lässt, sind etliche der einsamen Herzen doch in der Altersgruppe Fiftysomething, und sich der Attraktivität ihrer äußeren Erscheinung alles andere als sicher.

Gleich der erste Job scheint diesbezüglich in Peinlichkeit zu versinken, doch Georgy rettet die Situation mit dem Vorschlag, fürs Erste einmal miteinander zu reden. Klar, dass es zu mehr kommt, Stipsits lässt sich in seiner Rolle auf eine Reihe intimer Szenen ein, die kaum eine Spielart von Sex auslassen, und immer ist das Gezeigte stilvoll. Auch, wenn Oralverkehr mit Barbara Schöneberger natürlich zum Lachen ist. Der deutsche TV-Star ist nur eine der kongenialen Darstellerinnen rund um Stipsits‘ Georgy. Auch Lilian Klebow, Adele Neuhauser oder Julia Jelinek gehören zu dessen Klientel.

Mit seiner Ehefrau Katharina Straßer hat Stipsits außerdem eine köstliche Szene. Ihre Figur will Georgys Können geburtsanregend einsetzen – die Straßer dabei tatsächlich hochschwanger mit Töchterchen Lieselotte. Die grandiose Julia Edtmeier, bekannt als Teil der künstlerischen Leitung im Bronski & Grünberg (www.mottingers-meinung.at/?p=27524), ist als Georgys Schwester Gitti zu sehen, erst Waxingspezialistin im Beautysalon der Ulrike Beimpold, bis sie hauptberuflich zur – was Arbeitsaufträge betrifft unbarmherzigen und Leistung einfordernden – Zuhälterin wird.

Georgy wird optisch optimiert: Claudia Schwarz, Thomas Stipsits, Julia Edtmeier, Agnes Hausmann und Philipp Doboczky. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Durch das Ableben seines Bandleaders lernt Georgy dessen Schwester, die Fahrlehrerin Jadwiga, kennen – und ist vom ersten Augenblick an für sie entflammt. Claudia Kottal gestaltet diese seltsam verkorkste junge Frau ganz fabelhaft, zwischen einer Schroffheit und einer Verletzlichkeit, deren Ursache sich erst später herausstellen wird. Georgy jedenfalls muss sich nun entscheiden, ob er weiter Callboy sein oder seine Liebesangelegenheit vorantreiben will.

Glaubt er. Denn einer, von dem jede Frau genau das bekommt, was sie im Moment höchsten Glücks braucht, hat natürlich auch der ausgerechnet in Sexfragen komplizierten Jadwiga etwas zu bieten … „Love Machine“ ist Kinovergnügen pur, mit einem hinreißenden Cast an großartigen Schauspielerinnen und einem Thomas Stipsits, der sich kein Blatt vor den … nimmt. Anschauen!

Thomas Stipsits im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31440

lovemachine.derfilm.at

  1. 1. 2019

Love Machine: Thomas Stipsits im Gespräch

Januar 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schreck der Frauen vor dem Sixpack

Thomas Stipsits: Von der Zwei-Mann-Combo ins Callboy-Business. Georgy Hillmaier stellt sich und seinen Körper der Damenwelt entgeltlich zur Verfügung. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Kein Job, keine Wohnung und nur noch 8% Handyakku? Kein Problem für Thomas Stipsits, der im Film „Love Machine“ den arbeitslosen Musiker Georgy Hillmaier spielt. Am Tiefpunkt von dessen Leben eröffnet sich für Georgy nämlich eine unerwartete Karrierechance. Als Callboy bringt er künftig zahlenden Kundinnen viel Freude – und das nicht in erster Linie wegen seines Luxuskörpers. Dass er sich schließlich allerdings verliebt, macht das Ganze nicht unkomplizierter …

Am 1. Februar startet die freche Komödie von Regisseur Andreas Schmied in den Kinos. Mit dabei: Claudia Kottal, Julia Edtmeier, Ulrike Beimpold, Barbara Schöneberger, Lilian Klebow, Adele Neuhauser, Julia Jelinek und Katharina Straßer. Thomas Stipsits im Gespräch:

MM: „Love Machine“ Georgy Hillmaier verfügt über eine sagenhafte Grundausstattung, ich habe überlegt, wie wir ein seriöses Gespräch führen wollen, ohne die wahrscheinlich längste Praline der Welt zu erwähnen, aber …

Thomas Stipsits: Ja, darauf kommen die Leute immer wieder zurück. Fragen Sie einfach, wie es Sie überkommt.

MM: Gut also, was hat Sie daran angesprochen, in diese Filmkomödie einzusteigen?

Stipsits: Ich fand zum einen die Idee lustig, zum anderen hat mir gefallen, dass Andreas Schmied diesen Film inszenieren würde, weil ich ihn als Regisseur sehr schätze und mit ihm sehr gut kann. Ich habe bei ihm noch nie vor der Kamera gearbeitet, aber wir haben schon gemeinsam geschrieben und ich sollte schon mit einer kleinen Rolle bei „Die Werkstürmer“ dabei sein. Aber dann hat mir Wolfgang Murnberger eine Hauptrolle in „Steirerblut“ angeboten, und Andreas hat gesagt: Mach das! Was „Love Machine“ betrifft, hatten wir sofort den Konsens, dass dieses interessante Thema keine Sexklamotte, kein Slapstick oder Klamauk werden darf. Die Gefahr ist bei so etwas sehr hoch, deshalb gab es im Vorfeld auch viele Gespräche und Proben, damit die Szenen wirklich Intelligenz und Sinnlichkeit besitzen.

MM: Georgy ist der Womanizer mit dem wehmütigen Blick. Ein ungefährlicher Durchschnittsmann, der zum Superliebhaber wird. Ist das eine Figurencharakterisierung, die Ihnen entgegenkommt?

Stipsits: Natürlich liegen mir solche Figuren, weil ich abseits der Bühne eher kein offensiver Mensch bin. Ich bin ein großer Diplomat, gehe Streitereien lieber aus dem Weg, und ich glaube, dass mir Georgy darin nicht unähnlich ist. Ich habe mir vor Beginn der Dreharbeiten „Willkommen Mr. Chance“ mit Peter Sellers angeschaut, darin spielt er einen Gärtner, der eine gewisse Bauernschläue besitzt und unter einer Käseglocke durchs Leben wandelt, ohne dass ihm etwas passiert. Georgy Hillmaier ist ein ähnlicher Typ. Er macht sich wenig Gedanken, er hat keinen Plan fürs Leben, alles passiert ihm. Letztlich auch diese Callboy-Sache.

MM: Mit der Georgy gerade reüssiert, weil er kein Chippendale ist.

Stipsits: Genau. Ich denke, dass sich Frauen mehr schrecken, wenn einer mit Sixpack bei der Tür reinkommt. Trotzdem war es mir wichtig, als er die erste Kundin trifft, dass es beiden ein bissl peinlich ist. Er schlägt ihr vor, nur zu reden, und das meint er auch ernst. Er ist ein Seelenstreichler, und er bewertet nichts großartig, Frauen können ihren seelischen Müll bei ihm abladen, und er wird das nicht aburteilen.

MM: Als Mitglied dieser Gruppe, haben mich diese ganzen Fiftysomething-Frauen sehr berührt. Es ist tatsächlich nicht leicht, in diesem Alter noch einen g’scheiten Mann zu finden.

Stipsits: Das ist schön, wenn Sie so etwas sagen. Zwischen Georgy und seinen Kundinnen geht es nämlich schon um eine gewisse Art von Zuneigung, und auch wenn sie erkauft wird, will Georgy den Frauen nicht dieses Gefühl geben. Er schätzt seine Kundinnen wert, und er wächst an den Begegnungen selber menschlich, er ist anfangs viel oberflächlicher, bevor er sich auf diese „Heldenreise“ begibt. Ulrike Beimpold, die im Film auch mitspielt, hat gesagt, dass Georgy über den Sex zur Liebe findet.

MM: Sind Rollen wie Georgy Hillmaier solche, die Sie suchen? Mit Ihrem Gschau könnten Sie doch gut einmal einen Verbrecher spielen.

Stipsits: Das wäre sicher reizbar, einmal einen unsympathischen Charakter zu spielen. Es wird mir nachgesagt, dass mich nicht alle, aber manche, sehr sympathisch finden. Auf der Bühne, im Film. Und dafür kann ich halt nichts, das ist mir irgendwie angeboren.

Mit Barbara Schöneberger. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Mit Katharina Straßer. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie waren in „Love Machine“ fast der einzige Mann am Set. Wie war’s mit so vielen Frauen?

Stipsits: Grundsätzlich einmal: schön. Gerade im Film gibt es viele Frauen, die hinter der Kamera arbeiten. Ich möchte mich jetzt wirklich nicht blöd einschleimen, aber Frauen am Set bringen eine gewisse Ruhe rein. Sie sind nicht so schnell aggressiv, sie sind Teamplayer, nicht auf dem Egotrip. Sie haben das große Ganze im Auge, sie schauen, dass sich jeder wohlfühlt, und versuchen, das Team in Harmonie zusammenzuhalten. Natürlich kommen in Gesprächen unter Frauen Themen auf, wo ich denke, das ist nicht meins, aber da muss ich ja nicht mitreden.

MM: Im Film gibt es themenbezogen viele intime Szenen, sei’s allein, sei’s zu zweit. Sie geben in diesen sehr viel von sich her. Wie schwierig ist das?

Stipsits: Das werde ich auch im privaten Bereich oft gefragt, und ich kann nur sagen, da haben sich die Proben, die Andreas Schmied angeregt hat, wieder einmal bezahlt gemacht, um die erste Scheu voreinander zu nehmen. Viele der Darstellerinnen kannte ich schon privat, Adele Neuhauser, Julia Jelinek, Claudia Kottal, aber herauszufinden, wie sich eine Sexszene anfühlt, das ist noch einmal etwas anderes. Andreas sagte uns: Macht, wie ihr euch wohlfühlt, ich bestehe auf nichts, es muss nur als Ganzes richtig rüberkommen. Eine Sexszene vor der Kamera, mit Leidenschaft auf Knopfdruck, hat nichts Prickelndes, und bei „Love Machine“ gab es keinen Moment, in dem jemand sagte, er fühlt sich jetzt ungut. Ich bin ja oft nackt im Film, aber ich hatte nie ein Schamgefühl, weil ich in diesem Team sicher aufgehoben war.

MM: Und konkret? Wie ist es mit Barbara Schöneberger im Schoß?

Stipsits: Sehr lustig. Sie ist wirklich grandios, ich kannte sie nicht, aber sie ist genau so, wie ich es mir gedacht habe, jemand, der gute Laune am Set verbreitet, und das ist auch immer wieder schön, dass diese ganz Großen total nett sind. Sie hatte einen eigenen Maskenbildner mit, der auch unfassbar witzig war, der auch sofort unseren Schmäh mitgemacht hat. Wir haben viel gelacht. Barbara musste Oralverkehr-Geräusche machen, und fragt den Tonmann, ob das Okay war, und er sagt im Vorbeigehen so nebenbei: Das Lutschen war gut. Das führt natürlich schon zu Heiterkeit.

MM: Sie haben mit Katharina Straßer eine Geburtsszene. Sind da private Erfahrungen eingeflossen?

Stipsits: Bei uns war’s viel konzentrierter und viel ruhiger. (Er lacht.) Aber natürlich ist es so, wenn man den fertigen Film sieht, und man weiß, da war die Tochter im Bauch von der Kathi …

MM: Der Schwangerschaftsbauch ist echt?

Stipsits: Jaja, Andreas wollte unbedingt, dass Kathi mitspielt, dann kam dieses Ereignis dazu, und so hat er für sie extra diese Szene geschrieben. Wir haben die zwei Wochen vor dem eigentlichen Drehstart aufgenommen, damit es sich mit dem Mutterschutz ausgeht.

MM: Da wir beim Thema sind: Sie sind seit September zum zweiten Mal Vater, nach Emil eine Lieselotte. Wieviel Humor braucht man als Eltern?

Stipsits: Viel. Sie ist sehr brav, das muss man sagen. Emil kostet uns schon Nerven. Lieselotte findet meine – Kathi nennt das – „Show“ noch lustig, der Emil nicht mehr so, der ist schon ein anspruchsvolles Publikum, da muss man das Programm sehr oft wechseln, damit man den bei Laune hält. Wenn’s ihm fad ist, steht er mittendrin auf und geht und ich bleib über mit meiner Performance. Das ist die ärgste Art zu sagen: Das gefällt mir überhaupt nicht. Aber Kathi und ich sagen im Spaß immer: Aber man kriegt ja so viel zurück.

Mit Julia Jelinek und Adele Neuhauser. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Die große Liebe: Claudia Kottal als Fahrlehrerin Jadwiga. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie haben Ihre Karriere als Kabarettist begonnen. Wieso der Schritt zum Schauspieler?

Stipsits: Das war immer ein geheimer Wunsch.

MM: Und woher das Talent?

Stipsits: Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil wir eine lustige Familie sind, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt: Kann ich das wirklich oder unterliege ich meiner eigenen Selbstüberschätzung? Ich bin sozialisiert worden mit dem österreichischen Kabarettfilm, „Indien“, „Hinterholz 8“, „Muttertag“, und damals dachte ich schon, das wär’s, einmal in einem Film mitzuspielen. Ich hatte das große Glück, auf Kolleginnen und Kollegen zu treffen, erfahrene Leute, die mir Tipps mitgegeben haben. Marion Mitterhammer, mit der ich „Wie man leben soll“ gemacht habe, war zum Beispiel so eine.

MM: Aber als größtenteils Solokünstler, wie einfach sind Sie in Film- oder Fernsehprojekten zu führen? Ich habe oftmals den Eindruck, Sätze, die Sie da sprechen, sind original von Ihnen.

Stipsits: Das stimmt, weil ich bis jetzt immer mit Leuten arbeiten konnte, wo das absolut erwünscht war. Am Anfang habe ich gefragt, ob ich etwas so oder so sagen darf, das mache ich jetzt nicht mehr. Ich sag’s einfach, ich mache mir die Sätze mundgerecht. Es gibt eben Dialoge, bei denen man sich denkt: So redet niemand. Da ist es schon mein Bestreben, etwas zu finden, das zwar dasselbe heißt, aber anders formuliert ist.

MM: Sie haben für Ihre Kabarettprogramme Figuren kreiert, die mittlerweile legendär geworden sind. Man denke nur an Unteroffizier Steinschleifer. Wie erschaffen Sie die?

Stipsits: Im konkreten Fall stammt die Idee von meinem Papa, weil der so jemanden in seiner Ausbildung hatte. Ein sehr netter Kerl, der aufgrund seines S-Fehlers immer ausgelacht wurde. Ansonsten bin ich jemand der Leute beobachtet, in der Straßenbahn oder wo immer ich bin. Das Kabarett lebt ja von der Beobachtung, weniger von der Übertreibung. Oder ich treffe jemanden, von dem ich mir denke, der könnte was für die Bühne sein.

MM: Wie in Ihrem Buch „Das Glück hat einen Vogel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26349), Kurzgeschichten nach Vornamen von A bis Z, drunter auch diverse Familienmitglieder. Mögen die das?

Stipsits: Teilweise. (Er lacht.) Sie sehen das alle mit einem Augenzwinkern. Bei der Familie sitzt man halt an der Quelle, und es ist immer leichter über Dinge zu schreiben oder zu reden, von denen man Ahnung hat, als man saugt sich irgendetwas aus den Fingern. Die Geschichten im Buch sind teils wahr, teils Fiktion, aber keine ist quasi ganz erfunden.

MM: Nun hätten Sie mit Lieselotte ein neues L.

Stipsits: Ja, ich mache aber lieber ein neues Buch. Einen Stinatz-Krimi mit einer Art Columbo-Kommissar.

MM: Apropos, Stinatz: Sie touren derzeit mit den „Stinatzer Delikatessen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28317), die zwei Drittel Best-of, ein Drittel neu sind. Wann kommt ganz neu?

Stipsits: Die „Delikatessen“ waren als Übergangsprogramm gedacht. Jetzt ist aber die Nachfrage so groß, was mich sehr freut, dass sie sicher noch bis 2020 laufen werden. Ich habe zwar schon Ideen fürs neue Programm, aber ich mache mir da keinen Stress. Ich habe neue Nummern, von denen ich weiß, sie funktionieren, und dabei belasse ich es einmal. Das gilt auch fürs Auftreten mit Manuel Rubey. Wir haben Ende des Jahres 2018 mit „Gott & Söhne“ aufgehört, und die Pause, die wir jetzt einlegen ist rein künstlerischer Natur. Privat verstehen wir uns bestens, aber um uns künstlerisch nicht zu wiederholen, macht jetzt jeder einmal sein Ding, und danach treffen wir uns wieder mit neu gefülltem Rucksack. Heißt: Stipsits & Rubey wird auf alle Fälle weitergehen.

MM: Sie arbeiten auch an einem Griechenland-Projekt, Ihr Lieblingsland.

Stipsits: Ein Kinofilm, eine Aussteigerkomödie mit bewusst starken Alexis-Sorbas-Motiven, die ich gemeinsam mit Harald Sicheritz und Georg Weissgram geschrieben habe, und in der wir der Frage nachgehen, warum es gerade über Griechenland diese „Irgendwann bleib‘ i dann dort“-Gedanken gibt. Ein Teil ist schon finanziert, auf einen „Topf“ warten wir noch. Wenn alles klappt, werden wir im Mai, Juni drehen. Mit Kathi. Das wird dann Family-Urlaub und Dreh in einem.

MM: Um nun noch einmal auf die Einstiegsfrage nach der Grundausstattung zurückzukommen …

Stipsits: Dazu muss ich schweigen!

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=31598

lovemachine.derfilm.at          www.stipsits.com

21. 1. 2019

Die Blumen von gestern

Januar 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liebeskomödie unter Holocaustforschern

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Wenn im Abspann Hauptdarsteller Lars Eidinger endgültig aus der Rolle fällt und gekonnt ein paar Stunts hinlegt, über ein Fahrrad springt, über eine Kühlerhaube turnt, dann ist damit der Film in einem Moment erklärt. Hier wollten ein paar spielen, der Schwere des Themas eine ganz besondere Leichtigkeit unterjubeln, das Leben feiern und die Liebe – und das Leben, das aus dieser Liebe entsteht. Am 13. Jänner kommt Chris Kraus‘ neuer Film „Die Blumen von gestern“ in die heimischen Kinos.

Nach „Poll“ oder „Vier Minuten“ arbeitet sich der Regisseur und Drehbuchautor einmal mehr an seiner eigenen Familiengeschichte ab. Kraus‘ Großvater war bei der SS, und diesen Umstand unterschiebt er nun seinem Protagonisten Totila „Toto“ Blumen. Der ist wie zur Sühne Holocaustforscher, ein schlecht gelaunter, sogar aggressiver, impotenter noch dazu. „Ich verdiene mein Geld damit, negativ zu sein“, ist der Satz, den Toto zu sich selbst zu sagen hat. Als ein anderer statt er zum Chef der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen befördert wird und der für einen Auschwitz-Kongress als Sponsor eine ehemals in Nazigeschäfte verwickelte Autofirma an Land zieht, schlägt Toto blindlings zu.

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Seine Frau hat einen genehmigten Lover, doch nun wird, was nur Sex sein sollte mehr, weil die Angetraute die „Traumata-Scheiße“ daheim nicht mehr aushält. Und als wär’s noch nicht genug bekommt Toto eine Assistentin zugeteilt, eine Französin namens Zazie, die ihm lang schon auf der Spur ist, weil sein Großvater ihre Großmutter ins Gas schickte. Es entwickelt sich eine Amour Fou, man begibt sich auf eine Reise rückwärts in die Familiengeschichte; auch in Wien wurde gedreht für Toto und Zazies Spurensuche in der Vergangenheit …

Was nach großem Drama klingt, verwandelt sich in Kraus‘ Händen zur subtilen Tragikomödie. Der Filmemacher hat seinen Stoff mit einem sehr eigenen Humor unterfüttert, einem, der sich deutlich von den obligaten deutschen Nazi-Satiren unterscheidet. Kraus nähert sich dem Thema mit großem Respekt, weiß einen auch zu berühren, doch die dazu unter der Oberfläche brodelnden aberwitzigen Dialoge und die teilweise fast schon obskure Situationskomik machen‘s aus, dass „Die Blumen von gestern“ ein kleines Meisterwerk sind. Getragen von den beiden Ausnahmeschauspielern Lars Eidinger und Adèle Haenel. Die zweifache César-Gewinnerin, in Frankreich längst ein Star, nahm für die Rolle der Zazie sogar Deutschunterricht, um nicht auf einen Sprachcoach angewiesen und deshalb im Ausdruck authentischer zu sein.

Lars Eidinger brilliert als schrulliger Jungprofessor im Burn-Out-Beruf. Kaum jemals war die erste Kraft der Berliner Schaubühne auf der Leinwand seinem Theater-Ich an Kraft und Intensität näher denn als Toto Blumen. Er changiert zwischen bierernst und betroffen, gibt mit ebenso viel Verzweiflung wie Zorn einen Nach-Sich-Suchenden, einen Täterenkel, der um Befreiung aus der Familienschuld ringt. Das hat Humor, weil Toto eben keinen hat. Eidinger weiß das fulminant darzustellen.

Seiner Misanthropie setzt Haenel als Opferenkelin Zazie eine charmante Verrücktheit entgegen. Gemeinsam bedienen Eidinger und Haenel das Instrumentarium der Screwball-Comedy; Kraus hat ihnen dazu Dialoge geschrieben, die zwischen befreiender Frechheit, tiefempfundenem Mitgefühl und deutscher Gedenkroutine hin und herflitzen. Kraus ist einer, der dem Menschlichen und dem Allzumenschlichen stets ein Lächeln schenkt.

Dazu glänzt die Riege der Nebendarsteller. Jan Josef Liefers spielt mit Verve gegen Eidingers Toto an, ist doch der neue Chef der Zentralstelle nicht der auf ihn projizierte Unsympath, sondern eigentlich ganz nett. Hannah Herzsprung ist für die Rolle von Totos Ehefrau in den Fatsuit gestiegen, Bibiana Zeller gibt die über die Familienvergangenheit nur vorgeblich verwirrte Großmutter. Rolf Hoppe und Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt sind zwei Holocaust-Überlebende. Großartig sind die Szenen mit Marquardt und Eidinger; er muss um ihre Teilnahme als Zeitzeugin beim Kongress ringen, doch sie frühstückt ihn ab: „Sie amüsieren mich nicht.“ Den fertigen Film konnte die Marquardt nicht mehr sehen, sie starb knapp vor Fertigstellung mit 91 Jahren.

blumenvongestern08„Eine Komödie über Wunden und ihre Herkunft“ nennt Chris Kraus seinen Film. Er zeigt auf, dass in Deutschland wie in Österreich die öffentlich betriebene Vergangenheits- bewältigung mit ihren feierlichen Zeremonien nur das amtlich-anonyme Pflaster auf dem Schorf des Dritten Reichs ist.

„Wir leben in einer Zeit, in der man dem rechten Wahnsinn mit allen Mitteln die Stirn bieten muss, warum also nicht mit Mitteln anarchischer Fröhlichkeit …“, lautet eine Regienotiz von Kraus. „Glücklich das Leben feiern, das so schwierige und schmerzvolle, naiv auf Versöhnung hoffen, die Bekloppten in ihre Schranken weisen und politische Schönheit schaffen: Das kann so verkehrt nicht sein.“ Ist es auch nicht.

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23768

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 9. 1. 2017

Die Blumen von gestern: Lars Eidinger im Gespräch

Januar 7, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt den Holocaustforscher Toto Blumen

Zwei Holocaust-Forscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Zwei Holocaustforscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Am 13. Jänner kommt der neue Film von Chris Kraus in die heimischen Kinos. In „Die Blumen von gestern“ erzählt der Filmemacher von der Amour Fou zweier Holocaustforscher, sie Opferenkelin, er Täterenkel, sein Großvater schickte ihre Großmutter ins Gas. Was nach großem Drama klingt, wird bei Kraus zur skurril-leichten Tragikomödie. Sein Film ist eine Ode an das Leben und die Liebe, und das feiert er auf höchst groteske und kuriose Art.

Dass die Übung gelingt, liegt nicht zuletzt an Hauptdarsteller Lars Eidinger. Er spielt den Jungprofessor Toto Blumen, mit ihm der französische Leinwandstar Adèle Haenel dessen Assistentin Zazie, Hannah Herzsprung die Ehefrau, Jan Josef Liefers den Vorgesetzten, Bibiana Zeller die Großmutter und Rolf Hoppe den Mentor; Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt ist mit 91 Jahren als Holocaust-Überlebende in ihrer letzten Rolle zu sehen. Lars Eidinger im Gespräch:

MM: Aus Deutschland kamen in den vergangenen Jahren immer wieder aberwitzige Komödien, die sich mit dem Dritten Reich und dem Holocaust befassen, „Die Blumen von gestern“ aber hat eine ganz eigene Atmosphäre. Was meinen Sie?

Lars Eidinger: Regisseur Chris Kraus ist ein Schüler von Rosa von Praunheim, und der bringt seinen Schülern bei, dass man als Filmemacher für den Film seine Persönlichkeit zur Verfügung stellen muss. Ich hatte in der Arbeit mit ihm immer das Gefühl, auch wenn ich natürlich meinen Beitrag geleistet habe, dass es am Ende die Persönlichkeit von Chris Kraus ist, die man auf der Leinwand sieht. In all ihrer Widersprüchlichkeit. Der Film hat was Skurriles, was Verzweifeltes, hat Aggression, aber auch extremen Witz und ein hohes Maß an Emotionalität. Womit „Die Blumen“ aufwarten, ist wahnsinnig komplex und nicht so leicht einzuordnen. Das gefällt mir.

MM: Welche Reaktionen erwarten Sie auf diesen unkonventionellen Film?

Eidinger: Ich habe Probleme damit, wie große Teile des Filmgeschäfts in Deutschland den Holocaust verhandeln. Vieles unterläuft die Dimension des Themas, indem sie auf vordergründigen und parodistischen Witz setzen, dafür ist dieses Phänomen aber viel zu schwer und kompliziert. Natürlich eignet sich eine Figur wie Hitler gut für die Persiflage, aber man darf nie vergessen, was da an Gräuel tatsächlich passiert ist, und da verbietet sich für mich eine gewisse Form von Humor. Unser Film würde auch funktionieren, wenn keiner lacht, weil sich die Figuren ihrer Komik nicht bewusst sind. Gerade ich, als Totila Blumen, habe die Aufgabe, die Dinge aus einer humorlosen Distanzlosigkeit zu sehen, dass heißt: das Publikum lacht, aber Totila lacht nicht.

MM: Wie würden Sie diesen Toto charakterisieren? Ist er spaßbefreit von Berufs wegen? War dieser grundaggressive Misanthrop einfach herzustellen?

Eidinger: Zumindest sagt er: „Ich bin Holocaustforscher, ich werde dafür bezahlt negativ zu sein.“ Toto stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Für mich war es nicht einfach, ihn zu generieren. Ich habe nicht leicht Zugang zu ihm gefunden, was ich mir im Nachhinein damit erklärt habe, dass er mir so nah ist. Meiner Erfahrung nach fallen einem Charaktere leichter, die man gut von sich weghalten kann, deren Verhalten man reflektiert und durchschaut hat, und dass mit dem eigenen möglichst wenig zu tun hat. Bei diesen Dreharbeiten musste ich mir aber eingestehen, wie misanthropisch und soziopathisch ich eigentlich bin, und dass ich in Wahrheit viel Aufwand betreibe, um das zu verbergen.

MM: Warum?

Eidinger: Weil ich weiß, dass das nicht gerade Attribute sind, die einen sympathischer machen. Ich gebe mich als wahnsinnig zugänglich und verbindlich, bin aber eigentlich das Gegenteil. Das ist mir in die Wiege gelegt worden durch meine Erziehung, ich arbeite aber daran. Ich bin großgeworden mit einer Elterngeneration, die sagte: So sind wir halt, wir können’s nicht ändern. Ich glaube, meine Lebensaufgabe besteht darin, das zu überwinden und mich nicht hinter „Veranlagung“ zu verstecken.

MM: Das klingt, als wären die Dreharbeiten für Sie ein Psychotrip ins eigene Selbst gewesen.

Eidinger: Im Grunde sehe ich meinen ganzen Beruf darin, mich selbst zu finden; das ist die Hauptaufgabe der Kunst: sich seiner selbst bewusst zu werden. Die Leute sollen aber nicht verstehen, wer ich bin, sondern wenn sie nun beispielsweise diesen Film anschauen, verstehen, wer sie selbst sind.

Im Büro gibt's Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Im Büro gibt’s Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

MM: Toto ist ein Täterenkel, der, wie sich herausstellen wird nicht zufällig, auf eine Opferenkelin trifft. In Deutschland und Österreich gibt es so etwas wie „Erinnerungskultur“, mit der man das Trauma Drittes Reich öffentlich überbewältigt, das Beispiel Toto und Zazie zeigt, dass das im Privaten noch lange nicht so ist.

Eidinger: Die Frage, die wir im Film stellen ist, was die Vergangenheit mit der Gegenwart macht. Inwieweit bin ich noch geprägt von dem, was mein Großvater im Krieg erlebt hat? Ich bin damit großgeworden, das komplett von mir wegzuhalten, zu sagen: was habe ich damit zu tun?, ich bin eine ganz neue Generation. Doch man irrt sich da. Ich glaube heute, es tut gut, es ist auch gesund, sich dem zu stellen. Tatsächlich ist es ja meine jüngste Vergangenheit, ich habe meinen Opa gekannt, er hat meinen Vater großgezogen, der im Krieg geboren ist, von dem bin ich wiederum erzogen und sozialisiert worden, das heißt, ich bin unmittelbar davon geprägt. Mein Opa hat nie über den Krieg gesprochen, ich erinnere mich an ihn nur rauchend im Fernsehsessel sitzend. Solcher Art Familienwunden sind der eigentliche Inhalt des Films, sie machen Totila und Zazie zu denen, die sie sind.

MM: Ist es so, dass sich jeder Deutsche und jeder Österreicher fragen muss, auf welcher Seite seine Familie gestanden hat? Haben Sie sich je gefragt?

Eidinger: Ja, und die Antwort ist, auf der falschen Seite. Weil die meisten Deutschen auf der falschen Seite gestanden haben, die Mehrheit waren Nazis, weil der Nationalsozialismus eine Massenbewegung war. Aber die Deutschen machen sich da gerne etwas vor, auch ich habe als Kind noch die Sätze gehört, man hätte nichts gewusst, nichts mitbekommen, das ist natürlich kompletter Quatsch. Rückblickend muss man sich im Gegenteil fragen, ob man in dieser Zeit nicht selbst auch Nazi gewesen wäre, denn die Leute sind mit einer Propaganda großgeworden, wie ihnen ganz andere Werte, eine ganz andere Sicht auf die Welt vermittelt hat. Wer weiß, ob nicht nachkommende Generationen zu uns einmal sagen: Kapitalismus? Wie konntet ihr den stützen? Ihr wusstet doch, auf welchem Elend und welcher Ausbeutung und Ungerechtigkeit er sich gründet!

MM: Ist dieser Blick aus der Vergangenheit auf sich selbst der Grund, warum man einen Film wie „Die Blumen“ macht?

Eidinger: Bei Chris Kraus ist das sicher so. Aber nicht im Sinne von „Erinnerungskultur“, wie Sie gesagt haben. Mit dem Wort kann ich nichts anfangen. Es geht vielmehr um eine Form der Bewusstmachung, damit so etwas wie das Dritte Reich nie wieder passiert. Ich sehe diesen Film aber nicht als Lehrstück. Ich bin kein Missionar. Ich möchte etwas von mir erzählen, in der Hoffnung, dass der Betrachter etwas über sich versteht. Aber ja, im Zuge der Gespräche, die ich nun führe, stelle ich immer mehr fest, dass der Film selbst die beste Antwort auf diese Fragen gibt, weil er sich dem Erbe, das wir am Dritten Reich tragen, in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit mit filmischen Mitteln stellt.

MM: Der Film erzählt von einer Amour Fou. Toto und Zazie verlieben sich ineinander. Kann man mit Liebe Narben glätten?

Eidinger: Wir zeigen eine Versöhnung, ja. Das ist romantisch und das gefällt mir auch: die kleinste gesellschaftliche Zelle, kann die Welt verändern. Wenn man noch kleiner geht und bei sich anfängt, hat das noch größere Auswirkungen. Das unterschätzen die Leute immer, welche Macht sie als einzelner habe. Liebe und mit dieser Liebe Leben schaffen, ist das, was die Menschen verbinden sollte, so romantisierend und pathetisch das auch klingen mag, aber ich denke, dass es sich auf diese simple Formel runterbrechen läßt. Für mich war die Begegnung mit Adèle Haenel das reine Glück. Ich hatte das Gefühl, in ihr meine geistige Schwester gefunden zu haben, mein weibliches Pendant, wodurch sich eine Form von Intimität vor der Kamera ergab, die ich mit keiner anderen Kollegin bislang erlebt habe.

MM: Sie hatten noch das Privileg mit der großen Sigrid Marquardt zu drehen. War sie abseits der Kamera auch so streng und kompromisslos wie davor?

Eidinger: Ich hatte Glück, sie mochte mich (er lacht). Ich war sehr beeindruckt von ihrer Person. Sie war nicht nur eine wahnsinnig attraktive Frau, sie hatte sich auch einen Schalk und einen Witz behalten, der beinah etwas Kindliches hatte. Andererseits fand ich interessant und anrührend, wie ehrgeizig sie noch war, wie sie sich geärgert hat, wenn sie mal einen Hänger hatte. Das hat sie für mich wahnsinnig sympathisch gemacht. Leider hat sie den Film nicht mehr gesehen.

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 7. 1. 2017