Swimming with Men

Juni 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Helden in Badehosen

Bild: © Alamode Film

Die Briten sind bekannt für ihre schrägen Sozialkomödien. Im meisterlichen „Ganz oder gar nicht“ wurden arbeitslose Stahlarbeiter zu Strippern, in „Billy Elliot“ erfüllte sich ein Bergarbeitersohn den Traum vom Ballett. Nun wird abgetaucht. „Swimming with Men“ heißt der neueste Spaß von Regisseur Oliver Parker, der am 8. Juni in die heimischen Kinos kommt. Und wie nicht anders zu erwarten, geht den Inselbewohnern auch mitten im kühlen Nass der trockene Humor nicht verloren.

„Swimming with Men“ ist höchst sympathisch und hat das Zeug zur Sommerkinokomödie des Jahres. Der Inhalt: Buchhalter Eric steckt in der Midlife-Crisis. Seine Frau steigt in der Lokalpolitik zur Stadträtin auf, der Teenager-Sohn entfremdet sich täglich mehr von ihm, sein Job als Buchhalter langweilt ihn unsäglich, das Leben ist graue Monotonie. Allabendlich geht Eric zwar ins Schwimmbad, doch selbst dort hat er als gewissenhafter Angestellter das Handy am Beckenrand liegen. Als er wieder einmal seine gewohnten Bahnen zieht, bemerkt er plötzlich etwas Merkwürdiges: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe an Männern gleitet mehr oder minder elegant neben ihm durchs Wasser, doch will die kunstvollste aller Schwebefiguren nicht gelingen. Zahlenmensch Eric weiß, woran das liegt: Die Amateursynchronschwimmer haben einen Mann zu wenig, um sich geschmeidig zu drehen.

Unversehens wird Eric als neues Mitglied des Wasserballetts, dieser „mittelalten Männer in zu kleinen Badehosen, die aus verschiedenen Gründen komische Figuren im Wasser aufführen“, wie es einer der Charaktere im Film formuliert, aufgenommen, und unterwirft sich dessen strengen Regeln: „Niemand spricht über den Schwimmclub. Was im Schwimmclub passiert, bleibt im Schwimmclub …“. Und während er den Mut findet, sein Leben noch einmal auf den Kopf zu stellen, steht schon die nächste Herausforderung an: Das Team bewirbt sich tatsächlich für die Weltmeisterschaft männlicher Synchronschwimmer …

Bild: © Alamode Film

Bild: © Alamode Film

„Johnny English“-Regisseur Parker hat ein selbstironisches Ensemble ohne auch nur einen „Luxuskörper“ um sich versammelt, das höchst würdevoll die Bäuche über den Hosenbund schwappen lässt. Neben Comedy-Star Rob Brydon als Eric – der Mann mit der stoischsten Miene seit Buster Keaton – sind unter anderem Rupert Graves aus „Sherlock“, Adeel Akhtar aus „Four Lions“, Thomas Turgoose aus „Game of Thrones“ und der aus „Downton Abbey“ bekannte Jim Carter mit dabei.

Charlotte Riley verdreht als toughe Bademeisterin den Männern den Kopf und macht sie fit für den Wettkampf. In diesem wird sogar gegen ein echtes Synchronschwimmerteam, die Mannschaft aus Schweden, angetreten, über die es bereits 2010 den Dokumentarfilm „Men who Swim“ gab.

Dass die Darsteller bei den Schwimmszenen nicht gedoubelt wurden, versteht sich von selbst. „Man könnte, was wir da tun, als organisiertes Ertrinken bezeichnen“, sagt Jim Carter, dem Figuren wie die „Welkende Blume“ oder „Die Schleife“ beigebracht wurden, mit dem ihm eigenen Understatement.

„Ja, man muss viel Vertrauen mitbringen, wenn man sich von einem anderen Mann seine Beine um den Hals wickeln und unter Wasser ziehen lässt“, ergänzt Rupert Graves. Dass die Herren dabei bestmögliche Figur machen, ist nicht zuletzt den wunderbaren Unterwasserbildern von Kameramann David Raedeker zu verdanken. „Swimming with Men“ ist very british, wunderbar skurril und wirklich herzergreifend.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Emhdewg69N0

  1. 6. 2018

The Big Sick

November 15, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Viel mehr als nur eine Multi-Kulti Love Story

Kumail (Kumail Nanjiani) schlägt sich mehr schlecht als recht als Stand-up-Comedian durch. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.

Überzeugen kann man sich davon ab 17. November in den heimischen Kinos. Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders …

Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben. Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten.

Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will …

Im Krankenhaus: Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano) wollen nichts von Kumail wissen. Bild: © 2017 Comatose Inc.

Kumails Mutter (Zenobia Shroff) schleppt Heiratskandidatinnen an. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Bis es mit der Handlung so weit ist, hat das sympathische Protagonistenpaar die Zuschauer schon fest im Griff. Allein die Tatsache, dass hier die wahre Geschichte eines Ehepaars von ihm selbst erzählt wird, reicht aus, dass den beiden die Herzen zufliegen. Zoe Kazan gestaltet die Emily schön hibbelig, sie ist eine Stadtneurotikerin im besten Wortsinn, flutscht nervös hin und her, als wäre sie von Woody Allen erfunden worden, bis ihre Krankheit sie niederstreckt. Kumail Nanjiani ist ein ungemein charismatischer Schauspieler. Ein einziger grinsender Blick von ihm genügt, um ihn und seinen beharrlichen, freundlichen Charakter zu mögen. Warmherzig sind etwa die Szenen, in denen sie mit ihm an seiner One-Man-Theatershow über seine pakistanische Herkunft bastelt, und seinen halbwissenschaftlichen „Diavortrag“ zu einem unterhaltsamen Abend tunt.

Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch. Als sich Kumail seinem Bruder anvertraut, wäre dem lieber, der Jüngere wäre Scheckfälscher oder hätte Fahrerflucht begangen. Man wird mitten im Lokal laut, der Nebentisch mokiert sich, darauf folgt der US-groteske Dialog: „Entschuldigung!“ – „Wir hassen Terroristen!“ Schön auch, wie Emilys Vater zu Kumail über 9/11 sagt: „Ich wollte schon immer mit einem von euch darüber reden.“

Bald aber führt man ehrlichere Gespräche, von beiden Seiten ehrlicher, als Kumail mit seinen eigenen Eltern. Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen fängt die Kamera in diesen Momenten Blicke und gestische Andeutungen zwischen dem ungleichen Trio ein. Und langsam schälen sich komplexe Menschen mit ein paar Macken und auch ziemlichen Problemen aus den Figuren. Aus einer anfänglichen Schutzhaltung vor allem der Mutter entwickelt sich eine Freundschaft.

Zwischen Kumail und Emily (Zoe Kazan) funkt es. © 2017 Comatose Inc., Bild: Sarah Shatz

Herausragend gelingt diese Darstellung von Zoes Eltern, gespielt von Holly Hunter, als Tigermutter wie immer acting over the top, und Ray Romano als desillusioniertem Lehrer und Fremdgeher in einer späten Midlife Krisis. Großartig auch die hart, aber herzliche Comedy-Club-Clique Matty Cardarople als Stu, Rebecca Naomi Jones als Jessie und Kurt Braunohler als Loser Chris. Der Groove dieses Überraschungshits aus den Händen von Regisseur Michael Showalter stimmt.

„The Big Sick“ ist einer der ungewöhnlichsten, bewegendsten und bezauberndsten Liebesfilme seit Langem. Erfrischend unkitschig für eine US-Produktion, und trotzdem zum Tränen Lachen und auch ein paar Weinen. Im Nachspann der True Story gibt‘s noch die echten Hochzeitsfotos.

www.TheBigSick-Film.de

  1. 11. 2017