Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Oscar-Gewinner kommt endlich ins Kino

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Den Oscar in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 nahm der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg mit nach Hause. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“:

www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist „Der Rausch“ ein im Wortsinn berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis. COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, kommt der Film am 16. Juli nun endlich in die heimischen Kinos. Hier noch einmal die Filmkritik vom April: Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide.

Und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat. Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im vergangenen Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorische Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45870

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

13. 7. 2021

Endlich im Kino: Koproduzent Österreichs Oscar-Beitrag „Quo vadis, Aida?“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Massaker von Srebrenica, die Schande Europas

Die Dolmetscherin Aida Selmanagic sucht unter 25.000 Flüchtlingen ihren Ehemann und ihre beiden Söhne: Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Für einen Oscar 2021 hat’s zwar nicht gereicht, der Spielfilm der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić „Quo vadis, Aida?“ war in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert, dafür gab’s bisher 16 andere internationale Auszeichnungen. An der europäischen Koproduktion sind außer Bosnien-Herzegowina sieben weitere

Länder beteiligt, aus Österreich die coop99 filmproduktion mit den Koproduzenten Barbara Albert, Antonin Svoboda und Bruno Wagner – COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, ist das Drama über das Massaker von Srebrenica nun endlich in den heimischen Kinos zu sehen. Hier noch einmal die Filmrezension vom März: Aida rennt. Sie hastet durch Korridore, irrt durchs Labyrinth der früheren Batteriefabrik, vorbei an den Blauhelmen, durchs provisorisch eingerichtete Lazarett, hinaus ins so unfreie Freie, wo 25.000 bosnische Flüchtlinge vergeblich auf Einlass ins UNPROFOR-Quartier in Potočari hoffen. Es ist der 11. Juli 1995, so auch ein früherer Titel des Films: „11th of July“, die Menschen kommen aus Srebrenica – womit sich mehr zu erläutern eigentlich erübrigt. Aida erklimmt das Wärterhäuschen am Schranken, „Nihad, Hamdija, Sejo!“ ruft sie, doch wie unter den vielen hier Ehemann und Söhne finden?

„Quo vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić ist ein Film, der wehtut. So richtig wehtut. Und das ist gut so. Das Massaker von Srebrenica ist die Schande Europas, und nicht die letzte, wie man anno 2021 weiß. Sieht man die Bilder dieser am Zaun ihrer Überlebenschance abgewiesenen Männer, Frauen, Kinder, muss man unweigerlich an jüngere Ereignisse denken. Derart spannt der Film einen Bogen zu Moria, Kara Tepe, Europas Außengrenzen, Lipa tatsächlich an der bosnisch-kroatischen. „Quo vadis, Aida?“ ist kein Plädoyer, es ist ein Appell.

Žbanić, selbst Überlebende des Bosnienkriegs, Mitglied des „Democracy in Europe Movement 2025“, Unterzeichnerin der „Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner“, ließ sich für ihr Skript vom Buch über den Völkermord in Srebrenica des Übersetzers für die UN-Truppen Hasan Nuhanović inspirieren. Diese Dolmetscherin ist nun Aida Selmanagić, die Jasna Đuričić mit einer Eindringlichkeit, einer Unmittelbarkeit spielt, für die sich der serbische Theater- und Kinostar eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient gehabt hätte.

Eben noch hatte Colonel Karremans den an Hunger sterbenden – denn die bosnisch-serbische Armee ließ keine Hilfslieferungen zu – Srebrenicern erklärt, in der „Schutzzone“ seien sie sicher, da schlagen die Granaten ein, rollen Panzer an, Kriegsherr, Kriegsverbrecher Ratko Mladić im Machtrausch, Darsteller Boris Isaković auch von einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit. „Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk“, verkündet der General in die Fernsehkamera, dieser ständigen Begleiterin seines Eroberungsfeldzugs. Seine „ethnische Säuberung“ wird 250.000 Tote fordern, 1.3 Millionen Flüchtlinge, geschätzte 20.000 bis 50.000 Vergewaltigungsopfer – in Srebrenica wurden 8372 muslimische Männer und Jungen ermordet -, der schlimmste Genozid in Europa seit dem Dritten Reich.

Und die Menschen laufen mit Sack und Pack, Gehbehinderte in Schubkarren, Mütter, die ihre Kinder im Chaos verloren haben, Verletzte, eine Kuh als letztverbliebenes Hab und Gut. Die Statistinnen und Statisten aus Stolac und Mostar, das ist die Stadt an der Brücke Stari Most, sind mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache. Jede und jeder auf den die Grazer Kamerafrau Christine A. Maier, bekannt für Barbara Alberts „Licht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053) oder Ruth Maders „Life Guidance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27841), zoomt, verkörpert einen Charakter, Gesichter, die um das wissen, was hier geschildert wird, Gesichter, die man so schnell nicht vergisst.

Rückblende: Aidas Erinnerungen an einen unernsten Beauty-Contest in Srebrenica. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Niederländer wollen nicht helfen, Aida ist ratlos und verzweifelt: Jasna Đuričić:. Bild: © Polyfilm Verleih

Ratko Mladić-Mann Joka provoziert Major Franken: Emir Hadžihafizbegović und Raymond Thiry. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Unterhändler unterwegs zu Mladić: Rijad Gvozden als Muharem, Johan Heldenbergh als Colonel Karremans und Jelena Kordić-Kuret als Chamila. Bild: @ Polyfilm Verleih

Tausende suchen im UNO-Gelände in in Potočari, wo bald chaotische Zustände herrschen. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida erklärt den Flüchtlingen, dass sie deportiert werden: Raymond Thiry und Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Ob’s nun heißt, die Basis ist voll oder das Boot ist voll, das Dutchbat ist von der Situation völlig überfordert. Karremans telefoniert vergeblich um Luftunterstützung, die NATO-Generalität urlaubt um diese Jahreszeit. Später wenn Mladićs Tschetniks mit der Unverfrorenheit der Sieger den UN-Stützpunkt nach muslimischen Freischärlern durchsuchen, wenn der abgebrühte, herrlich großsprecherische Joka von Emir Hadžihafizbegović den diensthabenden Major Franken, Raymond Thiry, wie einen Schulbuben abkanzeln wird, werden dessen Jungs in ihren lächerlichen kurzen Camouflage-Hosen ob all des Leids rund um sie den Tränen nahe sein.

Aida, von den Niederländern überdeutlich als Untergebene behandelt, hat es zwischenzeitlich geschafft, ihre Familie ins Camp zu holen, indem sie ihren Mann und ehemaligen Schuldirektor Nihad für die Gruppe der Unterhändler, die Mladić zu sehen verlangt, vorschlägt. Auch Izudin Bajrović als in sich gekehrter Nihad, Boris Ler als nervlich schwer angeschlagener Hamdija und Dino Bajrović als dessen jüngerer Bruder Sejo agieren mit einer Authentizität, die gespenstisch, die kaum auszuhalten ist.

Ebenso Jelena Kordić-Kuret als Chamila und Rijad Gvozden als Muharam, die mit Nihad das „Verhandlerteam“ bilden. Chamila, die sich auf ekelhafte Art nach Waffen abtasten lassen muss, während der niederländische Soldat nach der Losung „Wir dürfen die Serben nicht reizen!“ schweigt, Rijad Gvozden, der als Kriegswaise im SOS-Kinderdorf in Gračanica aufwuchs, und der’s als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur auf die Kinoleinwand schaffte.

Die Anspannung, die Todesangst, die Panik, das Unverständnis über den Hass der gerade noch gewesenen Hausnachbarn ist förmlich mit Händen zu greifen, das nahende Unheil liegt in der Luft, Gerüchte von Vergewaltigungen und Erschießungen gehen um. Zu den nach außen hin ruhig ausharrenden Flüchtlingen mengt Jasmila Žbanić den Kommandoton, im Grunde Ohnmachtsschrei der niederländischen Soldaten, stille Minuten des Zusammensitzens mit dem mitfühlenden Arzt Dr. Robben, Reinout Bussemaker, ein kleines Lachen, ein schneller Kuss, in der Rückblende Aidas Erinnerung an einen nicht ganz ernst gemeinten Beauty-Contest. Beim Kolo, beim Reigentanz, hält die Kamera inmitten der ausgelassenen Stimmung wie versteinerte Mienen fest. Sind diese Menschen tot, klagen sie uns an, war der oder der nicht unter den Widerstandskämpfern zu sehen?

Momente sind das. Blauhelme mit gesenkten Köpfen vs. die serbischen Herrenmenschen, die Furcht vor Mladićs Unberechenbarkeit so enorm, dass die Niederländer alle Prinzipien, alle Vorschriften außer Acht lassen. Die UNPROFOR, die der General sowieso deppert anrennen lässt, ohne Benzin, ohne Nahrungsmittel, erst die Tschetniks bringen Brot ins Lager, welch ein Armutszeugnis, was muss Mladić gelacht haben. Chamila, die im Gegenüber von Ermin Bravo einen ehemaligen Mitschüler erkennt, die Vorkriegs-Lehrerin Aida im brutalen Beli von Jovan Zivanovic einen früheren Schüler – ein kurzer Dialog, der mit Grüßen an die jeweiligen Verwandten endet, doch als Major Beli Mutter Aida nach dem Verbleib von Hamdija fragt - die beiden waren offensichtlich früher befreundet -, erkennt man, wie doppelbödig diese Frage ist und wie gefährlich eine ehrliche Antwort sein könnte.

Und in all das hinein wird ein Kind geboren, ein Symbol, das jüngste Opfer in Srebrenica war ein wenige Stunden altes Baby, ein Mädchen, das Fatima genannt werden sollte. Und Aida rennt. Wie eine Löwin, mit dem Mut der Verzweiflung hat sie für ihre drei Männer gefightet, für die die plötzlich wieder befehlsgehorsamen Niederländer keinen Platz im abrückenden Konvoi freimachen wollen – die humanitäre Katastrophe ist gleichsam die Niederlage des Humanismus. Jeder Ausweg, den Aida einschlägt, endet vor neuen Hürden, neuen Hindernissen, in Sackgassen. Es ist ein Anlaufen gegen das Unvermeidliche.

Für ihr starkes Spiel hätte sich Jasna Đuričić eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient gehabt. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida, in doppeltem Wortsinn eine Seherin, ist nicht nur Getriebene, sondern auch treibende Kraft, als Übersetzerin versucht sie dort zu vermitteln, wo „vernünftig“ Reden längst nichts mehr bewirken kann. Immer mehr wird sie, der die anderen bevorzugte Behandlung unterstellen, zur Zielscheibe von Neid, Wut und Frustration. In der Szene, in der sie den Flüchtlingen mitteilen muss, dass sie von den bosnisch-serbischen Soldaten nach Kladanj abtransportiert werden, Sätze, bei denen sie ihre Skrupel kaum noch runterwürgen kann, bleibt

einem selbst ein Kloss im Hals stecken. Der Strudel, der Aida in die Tiefe zieht, er hat einen längst erfasst. Was folgt ist scheußlichste Zeitgeschichte. Frauen und Mädchen werden von Männern und Jungen getrennt, was weiblich ist, in Autobusse verfrachtet, was männlich ist, weggeführt, die Selektierten jedem Schutz durch die UNPROFOR entzogen, 200 Meter von der UN-Basis entfernt laden erste Erschießungskommandos durch. Für andere geht’s statt zur „Entlausung“ zu einer „Filmvorführung“, statt Gas einzuleiten ragen Maschinengewehre durch die Oberlichten … „nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heißt das nicht, dass sie nicht geschehen können“, sagt Jasmila Žbanić in einer „Director’s Note“.

Unbegreiflich bleibt dennoch, wie 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Shoah mitten in Europa ein Massaker stattfanden konnte, das bis heute eine klaffende Wunde in den Herzen zweier, nein: dreier Völker ist. Zum 25-Jahr-Gedenken 2020 blieben die Fronten verhärtet. Bosnische Meinungsmacher betreiben Polit-Propaganda, serbische leugnen. Um Peter Handke gab’s genug Aufregung, Aufregung auch, weil die Niederlande demonstrativ ihre Srebrenica-Blauhelme ehrten, Hasan Nuhanović fordert immer noch Gerechtigkeit für sich und seine abgeschlachtete Familie.

Dies ist der Film der Stunde, der größtmögliche Aufmerksamkeit verdient, ein Film, der niemanden kalt lassen kann. Er erzählt von Srebrenica mit einer Allgemeingültigkeit für alle Schauplätze, an denen Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihres demokratiepolitischen Engagements verfolgt und verschleppt werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Es ist Jasmila Žbanić zu unterstellen, dass sie das Heute wie das Gestern meint, und sage keiner, „das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen“, schreibt der Buchenwald-Überlebende Ivan Ivanji in seinem jüngsten Buch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45243).

Den Film beschließt ein Epilog – Achtung: Spoiler! Es ist Winter, an Aidas ergrauendem Haar sichtlich etliche Jahre später, die Lehrerin ist zurück in Srebrenica, will wieder als solche arbeiten, und fordert von der jungen Vesna, Edita Malovčić, ihre alte Wohnung zurück. Vesna stellt Aida ihren Sohn Luca als deren künftigen Erstklassler vor. Ein Augenblick, in dem sie – ist er’s wirklich? – im Stiegenhaus Lucas mit Einkaufstaschen bepackten Opa Joka sieht. Er erkennt sie nicht, grüßt freundlich, nicht alle landen im Fangnetz von Den Haag. Eine Aufnahme, in der Frauen um sterbliche Überreste im Kreis gehen, Angehörige, die vergraben, nicht beerdigt wurden, Skelette und Stoffreste – da erkennt Aida Hamdijas Sneaker.

Schnitt. Eine Schüleraufführung. In der ersten Reihe Luca, im Publikum Frauen mit bosnischem Hidzab und ohne, Muslime und Serbisch-Orthodoxe, und eine stolze Lehrerin Aida, die an der Sprossenwand lehnt. Die Kinder singen ein Lied, halten erst die Hände vors Gesicht, dann heißt es: Augen auf! Vielleicht ist ja die nächste Generation eine Friedenschance … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45395

www.facebook.com/quovadisaida       Jasmila Žbanić im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=91OYf2rspDQ       Original-Trailer – unbedingt ansehen: www.youtube.com/watch?v=ErLD8P4VUjY

13. 7. 2021

Die Oscars 2021: Corona-kurz, politisch und weiblich

April 26, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Nomadland“ ist die große Gewinnerin

Nomadland. © Searchlight Pictures

Corona-kurz und bündig, so wurden vergangene Nacht die Academy Awards verliehen, 23 Oscars in knapp drei Stunden, das ist Rekordzeit. In der Union Station von Los Angeles, der Art-Deco-Bahnhofshalle, fanden in blaugepolstert-glamourösen Nachtclub-Nischen so viele Nominierte wie unter den strengen Pandemie-Auflagen eben möglich Platz. Regisseur Steven Soderbergh, der die

Gala dieses Jahr mitproduzierte setzte ganz auf diese Intimität, und statt der üblich langen Filmtrailer auf charmante Anekdoten der Künstlerinnen und Künstler über ihr Filmschaffen. So erzählte etwa „Minari“-Darsteller Steven Yeun, wie er als Zehnjähriger, da seine Mutter die falschen Kinokarten gekauft hatte, mit selbiger in einem „Terminator“-Film landete, „sie aber so tat, als wäre das von ihr geplant gewesen“. Worauf als Überleitung von dieser Kindheitserinnerung ein Arnold-Schwarzenegger’scher Androidenarm den Weg zu den Nominierungen für visuelle Effekte – gewonnen von Christopher Nolans „Tenet“ – wies.

Glenn Close erwies sich bei einem Musikquiz unter den Anwesenden nicht nur als wertvoller Telefonjoker, sie wusste auch spontan eine Spike-Lee-Geschichte zum Song „Da Butt“, die sie mit einem entsprechenden Tänzchen belegte – und das alles, obwohl sie für ihre Mamew in „Hillbilly Elegie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46161) gerade mal wieder leer ausgegangen war. Close, zum achten Mal nominiert, hält damit weiterhin den Rekord der Öftest-Nominierten, aber nie ausgezeichneten. Den Oscar für die Beste Nebendarstellerin erhielt Yoon Yeo-jeong für den Film „Minari“.

Ihr Vorjahresgelöbnis zur Besserung löste die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ein, indem sie sich nach den Vorwürfen, zu alt, männlich und weiß zu sein #oscarssowhite, nun diverser präsentierte: Siebzig Frauen waren nominiert, und gleich der erste Oscar des Abends ging an Regisseur und Drehbuchautorin Emerald Fennell fürs Beste Originaldrehbuch ihres Rachethrillers „Promising Young Woman“.

Die große Gewinnerin 2021 ist Chloé Zhao mit „Nomadland“. Die gebürtige Pekingerin, die ihr Sozialdrama-Roadmovie auf den Spuren von Arbeitsnomaden durch die Vereinigten Staaten mit kleinem Budget selbst produzierte, wurde nicht nur als beste Regisseurin ausgezeichnet – und folgt damit Kathryn Bigelow, die für „The Hurt Locker“ 2009 als bislang einzige Frau in dieser Kategorie gewonnen hatte, Zhao nahm auch die Auszeichnung für den Besten Film entgegen. Mitproduzentin Frances McDormand schließlich ward für die Rolle der Fern zur Besten Hauptdarstellerin gekürt.

Beide Damen hielten sich in ihren Dankesreden zurück, man möchte dennoch sagen, man sah ihnen den Triumph an. Oder wie Filmexperte Alexander Horwath und ORF-Kulturjournalistin Lillian Moschen bei der Live-Übertragung meinten: In COVID19-freien Jahren wäre „Nomadland“ mangels Werbebudget mutmaßlich durch finanzkräftige Blockbusterproduktionen an den Rand gedrängt worden. Nun, da die großen Studios ihre Projekte verschoben hatten, kam auch mal das andere Kino zum Zug …

Hillbilly Elegie. Bild: © L. Terrell/Netflix 2020

The Trial of the Chicago 7. Bild: © Netflix 2020

Ma Rainey’s Black Bottom. Bild: David Lee – © Netflix 2020

One Night in Miami, re.: Regina King. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

An politischen Statements fehlte es nicht. So beschwor Regina King, die zum Show-Auftakt die Union Station als „Watch(wo)men“-Superheldin Sister Night stürmte, sie hätte ihre High Heels gegen deren Black Boots getauscht, „wenn die Dinge in Minneapolis diese Woche anders gestanden hätten“, womit sie das Urteil im Prozess um die Ermordung von George Floyd meinte. Ihr dreifach nominiertes Drama „One Night in Miami“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46117) über die afroamerikanischen Ikonen Muhammad Ali, Malcolm X, Sam Cooke und Jim Brown fuhr am Ende ohne Oscar nach Hause.

Daniel Kaluuya, für seine Rolle als Fred Hampton in „Judas and the Black Messiah“ als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet, erwähnte in seiner Dankesrede explizit die „Black Panther“-Bewegung als großen Einfluss in seiner Jugend. Die für ihre Kurzfilme „Two Distant Strangers“ und „If Anything Happens I Love You“  ausgezeichneten Will McCormack und Michael Govier beziehungsweise Travon Free und Martin Desmond Roe erinnerten an die Opfer von Polizeigewalt und Amokläufen an Schulen: „Heute wird die Polizei drei Menschen töten, morgen wird die Polizei drei Menschen töten und am Tag darauf ebenfalls“, so Will McCormack.

Aaron Sorkins Gerichtsthriller „The Trial of the Chicago 7“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45513), in dem Fred Hampton ebenfalls Protagonist ist, erhielt von den prognostizierten sechs Oscars sagenhafter Weise keinen. „Ma Rainey’s Black Bottom“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45646), unter dessen fünf Nomierungen Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle als Bester Hauptdarsteller hoch gehandelt worden war, ausschließlich die beiden für Bestes Make-up und Frisuren und Bestes Kostümdesign. Keinen Oscar gab’s für Hochkaräter wie Tom Hanks und „Neues aus der Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45795), George Clooney und “ The Midnight Sky“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46031) und Sophia Loren mit „La vita davanti a sé“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46201).

Zum sechsten Mal war Anthony Hopkins für einen Oscar nominiert, doch im Gegensatz zu Close hatte er den Goldjungen 1992 für die Rolle des Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ schon einmal mit nach Hause nehmen dürfen. Nun erhielt er die Trophäe für die Hauptrolle in „The Father“ – ohne die Statuette allerdings persönlich entgegenzunehmen. Dabei machte Regisseur Florian Zeller, er wurde gemeinsam mit Christopher Hampton für das Beste adaptierte Drehbuch seines Theaterstücks ausgezeichnet, ausdrücklich die Zusammenarbeit mit Hopkins für das Gelingen des Films verantwortlich: „Ich hatte beim Drehbuch-Schreiben ständig sein Bild im Kopf.“

[Hopkins meldete sich am Dienstag via Telegraph aus Wales: www.youtube.com/watch?v=Y111jltWqoo] In Wien war das Alzheimer-Drama bereits 2016 an den Kammerspielen der Josefstadt in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Erwin Steinhauer als „Vater“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522). Das als Geheimtipp gehandelte Gehörlosendrama „Sound of Metal“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45178) konnte von sechs Nominierungen nur zwei einlösen. Als der Verlierer des Abends muss allerdings David Finchers Schwarzweiß-Satire „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151) gelten. Der Film war mit zehn Nominierungen als haushoher Favorit ins Rennen gegangen, konnte aber nur die Goldstatuetten in den Kategorien Kamera und Produktionsdesign für sich reklamieren.

Quo vadis, Aida? Bild: @ Polyfilm Verleih

Auch Österreichs kleine Auslands-Oscar-Hoffnung währte nicht lange. Jasmila Žbanićs von coop99 filmproduktion koproduziertes Bosnienkriegsdrama „Quo vadis, Aida?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45395) ging, obwohl Alexander Horwath, Lillian Moschen und mottingers-meinung.at darauf gesetzt hatten, leer aus. Thomas Vinterbergs Trinkerparabel „Der Rausch“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45870) setzte sich als Bester internationaler Spielfilm durch.

Die Dankesrede des dänischen Regisseurs war zugleich die emotionalste des Abends. Kurz vor Fertigstellung des Films kam seine Tochter Ida, die in „Der Rausch“ in Schauspieldebüt geben sollte, bei einem Autounfall ums Leben. Unter Tränen widmete ihr Vinterberg sein Werk.

Der Rausch, re.: Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Neues aus der Welt. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved

La vita davanti a sé. Bild: Greta © Netflix 2020

Mank. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Die Preisträgerinnen und Preisträger im Überblick

Bester Film: „Nomadland“

Beste Regie: Chloé Zhao („Nomadland“)

Bester Hauptdarsteller: Anthony Hopkins („The Father“)

Beste Hauptdarstellerin: Frances McDormand („Nomadland“)

Bester Nebendarsteller: Daniel Kaluuya („Judas and the Black Messiah“)

Beste Nebendarstellerin: Yoon Yeo-jeong („Minari“)

Bestes Original-Drehbuch: „Promising Young Woman“

Bestes adaptiertes Drehbuch: „The Father“

Bester internationaler Film: „Der Rausch“ (Thomas Vinterberg) www.mottingers-meinung.at/?p=45870

Bestes Make-up und beste Frisuren: „Ma Rainey’s Black Bottom“ www.mottingers-meinung.at/?p=45646

Bestes Kostümdesign: „Ma Rainey’s Black Bottom“ www.mottingers-meinung.at/?p=45646

Bester Ton: „Sound of Metal“ www.mottingers-meinung.at/?p=45178

Bester Kurzfilm: „Two Distant Strangers“

Bester animierter Kurzfilm: „If Anything Happens I Love You“

Bester animierter Film: „Soul“

Bester Dokumentar-Kurzfilm: „Colette“

Bester Dokumentarfilm: „My Octopus Teacher“

Beste visuelle Effekte: „Tenet“

Bestes Szenenbild: „Mank“ www.mottingers-meinung.at/?p=45151

Beste Kamera: „Mank“ www.mottingers-meinung.at/?p=45151

Bester Filmschnitt: „Sound of Metal“ www.mottingers-meinung.at/?p=45178

Beste Filmmusik: „Soul“

Bester Filmsong: „Judas and the Black Messiah“

www.oscars.org

26. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Sophia Loren in La vita davanti a sé“ / „Du hast das Leben vor dir“

April 16, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Edoardo Pontis Oscar-nominierter Film mit La Mamma

Madame Rosa mit Momò in ihrem Schutzraum im Keller, der von Momò so genannten „Batcave“: Sophia Loren und Ibrahima Gueye. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Sophia Loren zuletzt in einem Film zu sehen war, nun kehrt die italienische Diva mit einem fulminanten Auftritt zurück – im auf Netflix zu streamenden Drama „La vita davanti a sé“, deutsch: „Du hast das Leben vor dir“, ihres Sohnes Edoardo Ponti. Regisseur und Drehbuchautor Ponti hat die Geschichte nach

dem gleichnamigen Prix-Goncourt-Gewinner-Roman des französischen Autors Romain Gary selbstverständlich ganz auf La Mamma zugeschnitten – und allüberall befand das Feuilleton, dass sich die Loren für dies perfekte Spiel ihren dritten Oscar verdient hätte. Ponti führt mit dem 12-jährigen italienisch-sengalesischen Filmdebütanten Ibrahima Gueye außerdem einen beachtenswerten Jungschauspieler ein. Dennoch konnte sich die Academy punkto des andernorts gerne ausgezeichneten Films – etwa mit dem Grand Dame Award for defying ageism oder den Capri Hollywood Awards für die Loren und Ponti – „nur“ zu einer Nominierung für den Besten Filmsong durchringen, „Io si“ von Diane Warren und Laura Pausini, und von Pausini im Abspann auch gesungen.

Jene Madame Rosa, die der 86-jährige Leinwandstar hier verkörpert, mag nicht die uneingeschränkte Hauptrolle des Films sein, dessen Herzschlag aber ist sie allemal. Sophia Lorens Art, sich Figuren anzueignen, ist es in großem Maße zu danken, dass „La vita davanti a sé“ nicht Richtung Rührstück verrutscht. In Madame Rosas behaglich abgenutzter Wohnung lehnt sie am Türstock, wie sie es immer getan hat. Die Arme unter der Brust verschränkt, den Kopf ein klein wenig zur Seite geneigt, sodass ihr Stolz und ihre Resolutheit deutlich gemacht sind, im Bedarfsfall schon mal Blitze aus den Augen schießend, in dieser Pose betrachtet sie wortlos die Szenerie, bevor sich das Temperament Bahn bricht.

Die Loren im nachlässig übergeworfenen Hauskleid, das hochgesteckte Haar in Auflösung begriffen: Sie ist eine ewige Filumena, deren Feuer Funken sprüht. Der Typ hart, aber herzlich, erschöpft, aber niemals ausgeknockt liegt der Charakterdarstellerin seit den Arbeiten mit Vittorio De Sica, und auch ihre Madame Rosa legt sie ohne großes Getue an – die Holocaust-Überlebende, die sich im apulischen Bari als Prostituierte durchschlug und die nun die Kinder anderer Sexarbeiterinnen betreut.

Da kommt eines Tages Hausarzt Dr. Cohen, Renato Carpentieri, zu ihr und bittet sie, den 12-jährigen Momò, eine Waise aus dem Senegal, aufzunehmen. Ausgerechnet den kleinen Gangster, der sie gerade eben auf dem Markt beklaut hat. Doch Dr. Cohen gibt ihr die gestohlene Einkaufstasche zurück, und weil Rosa das Geld braucht, das der Mediziner ihr für Momòs Unterbringung anbietet, willigt sie schließlich ein. Ein schönes Früchtchen hat sie sich da mit dem ungezogenen, zornigen Momò ins Haus geholt. Also sind die nächsten 90 Filmminuten darauf verwendet, zu zeigen, wie die Ziehurgroßmutter den Jungen mit sanfter Seelengüte und fester Hand auf den Pfad der Tugend scheucht. „Basta, stronzetto!“, das sagt die Loren eben wie keine andere. Ihr Humor, ihr vollmundiger neapolitanischer Tonfall erden den Film dort, wo er ins Melodramatische abdriftet könnte.

Ibrahima Gueye ist eine Entdeckung. Sein Momò, Mohammed, der im Übrigen als Ich-Erzähler seiner Story fungiert, ist scheu und angriffslustig zugleich, und beileibe kein hilfloses Ausländerkind. Von den beiden Beinen, mit denen er im Leben steht, steckt er mit einem zwecks Drogendealen zwar im Kriminal, aber Momò – und durch die Kopfhörer schallt der HipHop – nimmt’s Gesetz der Straße locker. „Ich werde dem Glück nicht in den Arsch kriechen“, ist sein Motto. Die Dreistigkeit und der schlitzohrige Charme, die frühreife Männlichkeit, mit der Ibrahima Gueye das rüberbringt, erinnern an einen jungen Omar Sy – und eine ebensolche Karriere, Sy zuletzt als „Lupin“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44044), wünscht man Gueye auch.

Filmdebütant Ibrahima Gueye liefert als Momò eine grandiose Performance. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Madame Rosa quält Iosif mit Hebräisch-Stunden: Iosif Diego Pirvu. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Signor Hamil soll Momò einen Job in seiner Greißlerei geben: Babak Karimi. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Ein flottes Tänzchen mit der Trans-Nachbarin: Abril Zamora als Lola. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Die in die Schusslinie der Scharmützel zwischen Madame Rosa und Momò geraten sind: Madames zweiter Schützling Iosif, Iosif Diego Pirvu gleichfalls in seinem ersten Film, den sie mit ihrem Hebräisch-Unterricht für die Bar Mizwa traktiert. Und die Prostituierte Lola, deren Baby Babu ebenso von Rosa betreut wird, und die als Transfrau und ehemaliger Boxchampion im Mittelgewicht an einem ausgewachsenen Vaterkomplex knabbert – gespielt von der spanischen Trans-Schauspielerin Abril Zamora, was erwähnt, aber nicht betont wird. Oder wie Zamora im Golden-Globes-Interview sagt: „Die Transsexualität ist eine weitere ,Info‘ zur Figur und es ist wunderbar, dass sie natürlich behandelt wird und dass sich die Handlung nicht darauf konzentriert. Dies ist der nächste Schritt bei der Trans-Integration in das Audiovisuelle. Nicht alle Trans-Charaktere konzentrieren sich auf Sexualität. Es ist viel integrativer, einen LGTB-Charakter außerhalb eines LGTB-Plots zu haben.“

Es dauert, bis sich die Jüdin und der junge Muslim annähern. Wundersame Szenen entstehen so. Er bemerkt beim Abwaschen die tätowierte Nummer auf ihrem Unterarm, sie erklärt „Damals war ich so alt wie du“ und „Ich habe mich in Auschwitz unter der Baracke versteckt“, doch von Drittem Reich und Konzentrationslagern hat Momò noch nie gehört. Einmal folgt er Madame Rosa in den Keller und stöbert sie dort in einem vollständig möblierten Versteck auf. „Ihre Batcave“, meint Iosif, und dass Madame mutmaßlich Geheimagentin sei.

Sie wiederum beobachtet Momò, als Iosif von seiner Mutter abgeholt wird, Momò, der von seiner Mutter nicht einmal ein Foto hat, und wie Sophia Loren den Jungen in diesem Moment wahrnimmt, seinen Schmerz erkennt und dieses Erkennen mit einem fast unmerklichen Straffen ihres Körpers und mit dem plötzlich wachen Blick der nahenden Rettung spielt, ist großartig. Als Madame Rosa sich allerdings mit Momòs imaginärer Löwenmutter konfrontiert sieht, fragt sie Signor Hamil um Rat. „Sie üben die Kunst der Verführung mit Ihren Augen und Ihrer Stimme aus“, antwortet der versonnene Philosoph verzückt.

Der iranische Schauspieler Babak Karimi, den die Berlinale 2011 für seine Rolle im Drama und späteren Auslands-Oscar-Gewinner „Nader und Simin – Eine Trennung“ mit einem Silbernen Bären auszeichnete, spielt diesen Hamil, einen muslimischen Greißler, dem Rosa einen Job für Momò abschwatzt. Karimi spielt ihn auf so leise Weise, so beharrlich gut, dass man sich neben ihn setzen und seinen Geschichten lauschen möchte, während er mit bedächtigen Bewegungen und in tiefer Ruhe die Seiten von Victor Hugos „Les Misérables“ zusammenklebt – das Buch, das Momò in einem Wutanfall nach ihm geworfen hat. Signor Hamil wird zur Vaterfigur für Momò und versucht ihm die Religion und Kultur seines Geburtslandes nahe zu bringen.

Das alles bebildert Edoardo Ponti mit einer abgesofteten, poetischeren Spielart des Neorealismo, mehr à la De Sica als Luigi Zampa. Schriftsteller Romain Gary war selber Jude, diente in der französischen Luftwaffe und floh rechtzeitig nach England, von wo aus er mit Charles de Gaulle den Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisierte. Immer wieder schrieb er über das Überleben, das Weiterleben nach der Shoa oder die Unmöglichkeit, dies zu tun. In „La vie devant soi“ hat er sich für den Altruismus als Überlebensweisheit entschieden. Madame Rosa tut Gutes. Basta!

Momòs imaginäre Löwenmutter: Ibrahima Gueye. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Madame Rosa in katatonischem Zustand: Sophia Loren. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Das Ensemble am Set mit Regisseur Edoardo Ponti. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Sophia Loren und Sohn Edoardo Ponti. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Ponti fügt dem eine Fußnote hinzu. Wenn’s passiert, dass die Kinder Madame Rosa in katatonischem Zustand vorfinden, einmal regungslos während des Wäscheaufhängens im strömenden Regen. Wenn sie „Sie sind auf der Treppe!“ schreit. Als sie sich weigert ins Krankenhaus gebracht zu werden, weil die Ärzte allesamt Folterer seien, die an ihr Experimente durchführen wollen. Seelische Gebrochenheit und ungebrochene physische Präsenz, nur die Loren kann das so gekonnt in einem Charakter vereinen, der US-Kritik fiel dafür immer wieder das Wort „königlich“ ein. Falsch ist das nicht.

In Madame Rosa und Momò prallen die Traumatisierten zweier Generationen aufeinander, kurz zeigt Ponti „Illegale“, Miganten, Frauen, Kinder, die von der Polizei in Autobusse gezerrt werden, Momò will das sehen, Madame schnell weg. Eine subtile, melancholische Kritik an der Festung Europa, in der man nach wie vor Jagd auf Menschen macht. Keine Frage, der Film „La vita davanti a sé“ ist der Loren würdig.

Schließlich nimmt Rosa ihren Schutzbefohlenen in ihrem Kellerschrein mit, die mit Erinnerungsstücken aus ihrem Elternhaus gefüllte Batcave, sie ziehe sich hierher zurück, wenn sie schutzbedürftig sei und Sicherheit brauche, sagt sie, und auch Momò findet zwischen kolorierten Fotografien und dem Grammophon bald zu einer ungeahnten Unbeschwertheit und beim Arm-in-Arm-Einschlafen mit Rosa eine ungekannte Geborgenheit …

„La vita davanti a sé“ ist ein Film voller Ecken und Kanten, und gerade in seiner Kargheit sympathisch. Edoardo Ponti hat Romain Garys Roman, knapp nach Erscheinen in den 1970er-Jahren mit Simone Signoret als Madame Rosa schon einmal verfilmt, geschickt nach Italien und in die Gegenwart geholt, mit Elementen, wie den übers Mittelmeer kommenden Flüchtlingen, der Transgender-Nachbarin Lola oder dem Koran-kundigen Hamil und deren Erfahrungen als Bürger zweiter Klasse.

Die Themen, um die es Gary in den Siebzigern ging – das Aufeinandertreffen und gegenseitige Verständnis verschiedener Generationen, Kulturen und Religionen -, sind heute so dringlich wie damals. Mit der superben Sophia Loren und ihrem charismatischen Co-Star Ibrahima Gueye hat dieser mit viel Empathie erzählte Film alles, was großes Kino braucht. Wenn derzeit auch nur auf den Bildschirmen.

Trailer OV/dt.: www.youtube.com/watch?v=En1jkf34xjc  www.youtube.com/watch?v=PGpSQm-oPWo           Sophia Loren und Edoardo Ponti im Gespräch, ital.: www.youtube.com/watch?v=b7QCmMlJ8zk           www.netflix.com

16. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Glenn Close und Amy Adams in „Hillbilly Elegie“

April 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ron Howards Rust-Belt-Melodram spitzt auf zwei Oscars

Tränenreicher Abschied von J.D., der von Middletown, Ohio, zur Eliteuni Yale übersiedelt: Glenn Close, Amy Adams und Haley Bennett. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Auch wenn sich das Feuilleton wegen der Netflix-Filmadaption von J.D. Vances auto- biografischem Sachbuch „Hillbilly Elegie“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25744) nicht grad vor Freude überschlagen hat, wurde das mit viel Hollywood-Glanz zum Rust-Belt-Melodram gestylte White-Trash-Erklärstück von der

Academy of Motion Picture Arts and Sciences mit zwei Oscar-Nominierungen bedacht, und beide völlig zurecht, nämlich Eryn Krueger Mekash, Matthew Mungle und Patricia Dehaney für Bestes Make-up und Beste Frisuren, und: Glenn Close als Beste Nebendarstellerin. Die Charakterschauspielerin, die mit acht Nominierungen seit 1983 den Rekord als hoffnungsvolle, doch nie preisgekrönte Academy-Award-Aspirantin hält, wurde dies Jahr neben Regisseur Ron Howard und Drehbuchautor Vanessa Taylor aber auch schon für die Goldene Himbeere nominiert, und um den Oscar tritt sie immerhin in Konkurrenz mit Olivia Colman für „The Father“ (in Wien bereits 2016 in den Kammerspielen zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) und Amanda Seyfried für „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151). Hier noch einmal die Filmkritik vom November:

Wie die Waltons auf Crack

Um’s gleich zu gestehen, dieser Titel ist ausgeliehen vom britischen Autor Brian Viner, der „Hillbilly Elegie“ in der Daily Mail mit dem Satz beschrieb: „This film is like The Waltons on crack“, und weil man’s besser nicht sagen kann – Zitat! Als das autobiografische Sachbuch von J.D. Vance mit dem Titel „Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25744) 2016 erschien, traf es einen Nerv.

Nachdem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt worden war, begab sich die verdutzte, verunsicherte Hälfte der Nation auf Motivsuche für diesen Triumph. Vor allem die weiße, wirtschaftlich abgehängte Bevölkerung des Rust Belt, der einstigen Industrieregion im Nordosten, der White Trash, die Rednecks, mit einem Wort: die Kapitol-Stürmer vom Jänner 2021, wurden zum Forschungsobjekt. Viel war vom Wegbrechen der Arbeiterklasse die Rede, erbärmliches Prekariat statt aufrechtem Proletariat, man denke an die zornigen weißen Unterschichtler, die mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten [- auch 2020 wählten diese Menschen überwiegend Trump].

Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glaubten, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten. Doch immerhin war da einer, der aus erster Hand über den Zustand der Vereinigten Staaten hinten den sieben Bergen berichten konnte, J.D. Vance. Aufgewachsen in Jackson, Kentucky, und in Middletown in Ohio, gelang ihm das seltene Kunststück, sich aus seinem familiären Umfeld zu lösen, und es – nach der US-typischen Karriere Militär, als Marine im Irak, ergo Stipendium – zwecks Jusstudium gegen die Eliteuni Yale zu tauschen.

Sein Buch wurde ein Bestseller, bei den Demokraten, die ihre Ressentiments schriftlich bestätigt sahen, und im rechten Lager, zu dessen gefühlsduseligem Patriotismus sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt, und das sich von einem der ihren durchaus nicht ungerecht beschrieben fühlte. Dass sich „Hillbilly Elegie“ nun als prominent besetzte Netflix-Produktion wiederfindet, zeigt zwar, dass die klaffenden Klüfte arm-reich, rechts-links, Norden-Süden die Kulturschaffenden im Home of the Brave nach wie vor umtreiben, doch liefert Ron Howards überdramatisierte Filmversion kaum Ansätze, wie sich das Land und seine mehr als 40 Millionen armutsgefährdeten Menschen therapieren ließen.

Owen Asztalos und Glenn Close. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Glenn Close und Owen Asztalos. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Glenn Close. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Die Kamera von Maryse Alberti unternimmt ausgedehnte Ausflüge durchs Breathitt County, vorbei an Hütten zu nennenden Holzhäusern, davor Männer, die voll Oldtimer-Lust an einer Rostlaube schrauben, drinnen Frauen, die andächtig dem Radio-Prediger lauschen, der tägliche nachbarschaftliche Amoklauf so selbstverständlich wie der Zusammenhalt, die Familienehre ein ehernes Gesetz, die Colts sitzen so locker wie’s Mundwerk ist, Middletown, du Geisterstadt mit in den Seilen hängenden Scheintoten  – und überm ganzen trostlosen Elend gleißt glitzernd-heiß die Sonne.

Man merkt dem Film die Hemmung, die hier porträtierte Gesellschaftsschicht auch gesellschaftspolitisch zu sezieren, in jeder Sekunde an. Scheint’s bewusst belässt es Ron Howard diesbezüglich bei Leerstellen. Das Politischste ist noch die kurze Diskussion darüber, dass J.D.s Mutter keine Krankenversicherung hat, doch selbst das stellt sich als ihre eigene Entscheidung heraus. Während das Buch ein ganzes Milieu abzubilden versucht, geht es hier wirklich nur um eine Familie, und wie exemplarisch diese für andere stehen soll, verweist Howard ins Reich der Vermutungen. Der Regie-Routinier taucht lieber ein in die Untiefen der Sozialtristesse.

Von Vances‘ kritischen Kommentaren in seiner Rückschau, in denen er die fehlende Arbeitsmoral seiner Leute oder deren Ausnutzung von Wohlfahrtsprogrammen beklagt, fehlt jede Spur – „Er zeichnet Bilder von arbeits- unwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachen- bericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!“, stand in der mottingers-meinung.at-Buchkritik.

Stattdessen bekommt Glenn Close als traditionsverhaftete Hillbilly-Großmutter Mamew ausreichend Platz, um mit ihrer tragikauzigen Performance zu brillieren. Die Struwwel-Haare! Die Gurkenglas-Brille! Die Zigarette an die rechte Hand getackert. Ein wenig vulgär und von einem verschmitzten Verhärmt-Sein, aus dem die Meisterin der Verwandlung keinen Widerspruch macht. Es braucht den Nachspann, in dem Original-Vance-Familienfotos zu sehen sind, um zu begreifen, dass hier eine real existiert habende Frau und nicht die trockenhumorige Sophia aus den „Golden Girls“ abgeformt wurde.

Wie sie den dicklichen Tollpatsch J.D., als Kind: Newcomer Owen Asztalos, über den Augengläserrand hinweg anstiert und dabei schimpft wie ein Kapskutscher, selten wurde (groß-)mütterliche Liebe, das Prinzip harte Schale und weicher Kern, zugleich bedrohlicher und begütigender dargestellt. Denn es ist Mamew, die mit fürsorglichem – pardon! – Arschtritt ihren Enkel in die richtige Richtung befördert. Weg von Mutter Bevs Drogensaustall und nach vertrödelten Jugendjahren endlich hinein in die High School – und hopp-hopp zu mehr Selbstvertrauen.

Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Glenn Close und Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Bennett, Close und Asztalos. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Amy Adams und Haley Bennett. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

In schablonenhaften, nichtsdestotrotz treffsicheren Szenen macht Ron Howard klar, wie es ist, sich als Unterschichtskind auf die erste Sprosse der Karriereleiter zu wagen. Er wechselt dazu von Gegenwart zu Rückblick, beinah im Minutentakt, Vanessa Taylor hat das 300-Seiten-Buch zu einer 24-Stunden-Novelle verdichtet, und Gabriel Basso spielt J.D., den jungen Mann, als Außenseiter im elitären Juristenzirkel von Yale. Die sozialen Kontraste nicht nur deutlich gemacht durch ein Bewerbungsdinner, bei dem ihm ob der ihm unbekannten Besteckreihenfolge die Schweißperlen auf die Stirn treten, sondern auch in den Tischgesprächen der schnöseligen, standesdünklerischen Rechtsanwaltsclique.

So, so, er stamme also aus Ohio, na, da hätte er ja bis Yale den American Way beschritten! Wie sich’s heute wohl anfühle unter die Rednecks zurückzukehren? Spöttische Bemerkungen, als käme J.D. schnurstracks aus den verlassenen Höhlen von Moria. Wider besseres Ferialjob-Wissen wehrt er sich, und dabei ist ein Zusammenspiel aus Scham und Stolz sichtbar, das ans Kitschherz geht. Doch schon im nächsten Moment wird J.D. aus der Establishment-Welt in die noch grausamere Wirklichkeit gezerrt.

Ein Telefonanruf der Schwester, die aus dem Pica-Syndrom-Drama „Swallow“ bekannte Haley Bennett als Lindsay, die Mutter liegt wieder einmal wegen einer Überdosis Heroin im Krankenhaus, sie fleht den Bruder an, zu kommen … Auftritt Amy Adams als Beverly! Explosiv, wie aus der Kanone geschossen, rast sie durch ihr be***scheidenes Leben; Ron Howard fährt zur Inszenierung der Vance’schen Familienchronik schweres Geschütz auf, und derart kann nur ein Schlachtengemälde aus grobkörnigen Fotografien entstehen, jedes Close-up: Blitz, Donner, Einschlag!

Amy Adams schreit, prügelt, schluchzt, bereut, die komplette Schuld-und-Sühne-Klaviatur rauf und runter. Glenn Close lässt die Mundwinkel noch tiefer sacken und ihre Mamew vor Bev parieren und für J.D. kalmieren – beide Darstellerinnen von der Intensität, dass man als Betrachterin vor Schmerz aufjaulen möchte. Doch ob Adams nun auf die Ambulanzfahrer hysterisch wie eine Furie losgeht oder ihrem Sohn bei durchgetretenem Gaspedal mit einem tödlichen Autounfall droht, immer ist da die hilfesuchend ausgestreckte Hand, wieder und wieder, wir haben’s schon verstanden: Bev ist ein Opfer der Umstände. Wie anrührend, wie unangenehm berührend!

Und so resignativ wie Gabriel Bassos blasser J.D. wirkt, der Junge hat nicht mal mehr die Kraft für Zorn auf die Mühlstein-um-den-Hals-Familie, der Junge, der dennoch imstande war, die Opferrolle abzuschütteln, der Junge, der nichts mehr verabscheut, als den mitleidigen „Er kommt aus einer dysfunktionalen Familie“-Satz, so resignativ denkt man an Phil Morrisons „Junikäfer“, der Amy Adams 2015 die erste größere Aufmerksamkeit brachte, in dem die Gegensätze der beiden Amerikas um einiges subtiler herausgearbeitet waren.

Haley Bennett und Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Amy Adams und Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Freida Pinto. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Hier läuft’s für J.D. auf emotionale Erpressung hinaus. Von Mutter Bev, die mit ihrer „Verdammt nochmal!“-Art überall aneckt, die vor Spott und Hohn auf den Sohn, der jetzt ja glaube, etwas Besseres zu sein, vor Verzweiflung und Verletztheit trieft, und deren rotierende Abwärtsspirale in den Rückblenden erzählt wird: von der diplomierten Krankenschwester zum verwahrlosenden Drogenjunkie.

Von Schwester Lindsay mit der dauerhaft rotgeheulten Nase, die sich von Gott und der Welt alleingelassen fühlt, und über die Mutter sagt: „Ich versuche nicht, sie zu verteidigen, aber ich versuche ihr zu vergeben …“ Da ist diese eine Szene in der Küche, in der sie wutschnaubend erklärt, niemals werde sie so enden, als minderjährige Mutter mit schlechtem Job und einem ob seiner „Hobbys“ durch Abwesenheit glänzenden Ehemann, aber ach …

Man möchte diesen J.D., dessen einziger Anker Freundin Usha ist, „Slumdog Millionär“-Bollywood-Star Freido Pinto, J.D. und Usha sind übrigens bis heute verheiratet, man möchte also J.D. zurufen: Lauf! Mach dich los! Weg da! Jeden Moment, den ich dir zusehe, fürchte ich, deine Sippschaft zieht dich wieder auf ihr Niveau runter! Siehst du nicht, dass das „Home, sweet Home“ deine schlechtesten Eigenschaften zutage befördert!

Oder wie ein Polizist sagt, nachdem der gewalttätigen Bev wieder einmal die Handschellen angelegt wurden: „Das mag in deiner Familie normal sein, aber es ist nicht richtig.“ Worauf Owen Asztalos als J.D. die Mutter entschuldigend und in Schutz nehmend antwortet: „Sie hat nichts getan, ich habe mich schlecht benommen.“ Welch ein Kind, welch eine Kindheit! Und welch ein ehrliches, authentisches, denn das ist dieser Stoff ja schließlich, Sozialdrama man daraus mit etwas weniger wimmernden Geigen hätte machen können.

Im bereits erwähnten Abspann schließlich wird zur Beruhigung des Publikums Entwarnung gegeben: Die Vances sind auf dem besten Weg, Bev ist seit sechs Jahren clean und eine hingebungsvolle Großmutter für Lindsays mittlerweile drei Kinder. Die ehemaligen Blue-Collar-Worker pfeifen auf den Blues, sogar der Schildkröte, deren gebrochenen Panzer Klein-J.D. mit Klebeband verarztete, geht es prima. Hurra! Happy End!

Trailer OV/OmU: www.youtube.com/watch?v=KW_3aaoSOYg           www.youtube.com/watch?v=zIn074iQSbQ           www.netflix.com

15. 4. 2021