Kino wie noch nie: Sechs Filme als Freiluft-Preview

Juni 21, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Leonard Cohen, Lady Diana und der Sundance-Hit

The Princess. Bild: © Polyfilm

Das wunderschöne „Kino wie noch nie“ öffnet in Kooperation mit der Viennale am 23. Juni wieder seine Pforten im Wiener Augarten für alle cinephilen Freiluftfreundinnen und -freunden. Polyfilm zeigt in diesem Rahmen sechs Filme als Preview – noch vor dem Kinostart im Herbst/Winter.

The Princess von Ed Perkins. Termine: 29.6. – 21.30 Uhr Augarten, 30.6. – 19.30 Uhr Metro

Zum 25. Todestag der Princess of Wales kommt mit „The Princess“ die ultimative Diana-Doku ins Kino, die als Sundance-Höhepunkt gefeiert wurde. Produziert vom Oscar-prämierten Team von „Searching for Sugarman“ erzählt der Film erstmals Dianas ganze Geschichte, mit noch nie gezeigten Archivaufnahmen. Es entsteht ein überraschendes und überwältigendes Bild einer Frau, die heute aktueller und moderner denn je erscheint.

Papicha von Mounia Meddour. Termine: 9. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 10. 7. – 19.30 Uhr Metro

Algier in den 1990er-Jahren. Die 18-jährige Studentin Nedjma lebt im Studentenwohnheim und träumt davon, Modedesignerin zu werden. Nach Einbruch der Nacht schlüpft sie mit ihren besten Freundinnen durch den Zaun des Wohnheims, und geht in den Nachtclub, wo sie den „Papichas“, hübschen algerischen Mädchen, ihre Kreationen verkauft. Die politische und soziale Lage im Land verschlechtert sich zunehmend. Ungeachtet dieser Ausweglosigkeit beschließt Nedjma, für ihre Freiheit zu kämpfen, und veranstaltet eine Modenschau, mit der sie sich über alle Verbote hinwegsetzt. Die Geschichte ist inspiriert von den eigenen Erfahrungen der Regisseurin Mounia Meddour und ihrer vier Freundinnen, die alle von einem neuen Leben träumten.

Mein Wenn und Aber von Marko Doringer. Termine: 15. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 16. 7. – 19.30 Uhr Metro

Um sich selbst zu verwirklichen, muss man erst mal wissen, was man will. „Mein Wenn und Aber“ ist ein bitter-süßer Beziehungsfilm über die Vereinbarkeit von Beruf und Liebe – und den täglichen Kampf ums Glück. Marko besucht Freunde, Kolleginnen und seine Eltern, um herauszufinden, wie sie mit dem fragilen Gefüge von Partnerschaft, Familie und Arbeit umgehen. Seine Generation ist hin- und hergerissen: Auf der einen Seite die Freude an der Arbeit. Auf der anderen Seite die Angst, dem Partner oder den Kindern nicht gerecht zu werden. Dazwischen der Wunsch, die Versäumnisse der eigenen Eltern nicht zu wiederholen. Gibt es ein Glücksrezept für ein gelungenes Leben? Einfühlsam, beharrlich und humorvoll erforscht Regisseur Marko Doringer die Gefühlswelt einer Generation, die um ihren Weg ringt. Damit kommt nach „Mein halbes Leben“ und „Nägel mit Köpfen“ der dritte Teil der österreichischen Kultserie ins Kino. Preview in Anwesenheit des Regisseurs.

Hive von Blerta Basholli. Termine: 17. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 18. 7. – 19.30 Uhr Metro

Dieser starke Debütfilm wurde zum Sundance-Hit. Um ihre Familie zu versorgen, gründet Fahrije, Alleinerzieherin deren Mann im Kosovokrieg verschollen ist, ein kleines landwirtschaftliches Unternehmen. Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf beginnt sie die Gemüsepaste Ajvar zu produzieren. Ihre Bemühungen, sich und andere Frauen zu stärken, werden in ihrem traditionellen, patriarchalischen Dorf nicht gern gesehen. Doch auch die Männer können ihren Erfolg nicht verhindern. Eine ermutigende Emanzipations-Geschichte über Frauensolidarität nach wahren Begebenheiten. Sundance Festival 2021: Publikumspreis, Beste Regie, Großer Preis der Jury.

Mona Lisa und der Blutmond: Tolles Comeback von Kate Hudson. Bild: © Polyfilm

Höhepunkt in Venedig: Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song. Bild: © Polyfilm

Hive: Preisgekrönter Sundance-Hit. Bild: © Polyfilm

Aus Österreich: Mein Wenn und Aber. Bild: © Polyfilm

Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song von Daniel Geller und Dayna Goldfine. Termine: 23. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 24. 7. – 19.30 Uhr Metro

Ein Höhepunkt des Filmfestivals Venedig 2021: berührend, erhellend, witzig und musikalisch erhaben. „Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“ ist nach dem großen Kinoerfolg „Marianne & Leonard“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35793) der zweite Dokumentarfilm innerhalb weniger Jahre, der sich mit Leonard Cohen beschäftigt. Der titelgebende Jahrhundersong, eines der am meisten gecoverten Lieder der Popgeschichte, ist das Prisma, durch das Leben und Werk des legendären kanadischen Musikpoeten erzählt wird. Von den Anfängen bis zu seinem letzten Auftritt.

Mona Lisa und der Blutmond von Ana L. Amirpour. Termine: 12. 8. – 21.00 Uhr Augarten, 13. 8. – 19.30 Uhr Metro

Eine seltsame junge Frau mit merkwürdigen Superkräften, eine alleinerziehende Stripperin – ein tolles Comeback von Kate Hudson – und ihr kleiner Sohn sind das liebenswerteste Trio dieses Freiluft-Kinosommers. Gemeinsam machen sie New Orleans unsicher und das macht richtig viel Spaß. Inspiriert von Abenteuerfilmen der 1980er-Jahre, kreiert die iranisch-amerikanische Regisseurin Ana Lily Amirpour nach ihrer Sensation „A Girl Walks Home Alone at Night“ erneut einen wuchtigen und überraschenden Film, der ziemlich einzigartig ist – und sehr cool.

Außerdem auf der großen Freiluftleinwand: Der Publikumshit

Abteil Nr. 6 von Juho Kuosmanen. Termine: 1. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 2. 7. – 19.30 Uhr Metro

Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen schickt zwei Außenseiter auf eine amüsante und zutiefst berührende Reise, auf der sie – ganz ohne Kitsch – mit der Wahrheit ihrer Gefühle konfrontiert werden. Nur wenige Menschen zieht es im Winter ins eisige Murmansk am nördlichen Polarkreis. Die schüchterne finnische Archäologie- studentin Laura aber ist fest entschlossen, die berühmten Felsenmalereien der Stadt zu besichtigen – eine unglückliche Romanze, die sie in Moskau hinter sich lässt, motiviert ihren Entschluss umso mehr. Die Aussicht auf eine beschauliche Eisenbahnfahrt zerschlägt sich als Laura ihren Mitreisenden im Abteil Nr. 6 kennenlernt:

 

Ljoha ist Bergarbeiter, trinkfest und laut, ein Typ, der keine Grenzen zu kennen scheint und Lauras schlichtweg ignoriert. Doch während der nächsten Tage ihrer gemeinsamen Reise müssen die ungleichen Passagiere auf engstem Raum miteinander auskommen lernen … Zum Sound von „Voyage Voyage“ nimmt Kuosmanen das Publikum mit auf eine atmosphärische Reise durch das winterliche Russland der späten 1990er-Jahre, auf der sich zwei Menschen über alle Kultur- und Klassengrenzen hinweg begegnen und näher kommen. Ein liebevoll raues, melancholisch-komisches Roadmovie auf Schienen, inspiriert durch den gleichnamigen Roman von Rosa Liksom (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=3148).

www.polyfilm.at          Das ganze Programm und Tickets: www.filmarchiv.at/news/kino-wie-noch-nie-2

21. 6. 2022

Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich

August 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex & Drugs & Elendsmenschen

„Im Saal wurde ihr Name gebrüllt, sie hörte ,Gisberta, komm raus! Gisberta, wir lieben dich!‘ Als Gi mir das erzählte, zitterte sie. Alle riefen, begehrten sie. ,Das war schön, Junge.‘ Sie beugte ihre Schultern zu einer Pose, eine Erinnerung an Momente, niemals würde sie vergessen, wie das Publikum sie mit den Augen verschlang, wenn sie Marilyn war, mehr als die echte Marilyn. My heart belongs to daddy. … Erschöpft zog sie am Ende ihr Kleid aus, ließ es hinabfallen bis zu den Füßen, wie einen umgekehrten Heiligenschein. Und dann sahen sie ihr Haar über die nackten Schultern fallen, ihre wohlgeformten Brüste, ihre schmale Taille, die breite Hüfte. Und dann die enthaarte Scham und den Penis zwischen ihren Beinen. Yes, my heart belongs to daddy. … Erst als sie mir ein altes Foto zeigte, sah ich, dass meine Gi heute nur ein erbärmlicher Abklatsch war, von der damals auf der Bühne.“

In seinem jüngsten Roman „Aber wir lieben dich“ greift der portugiesische Autor Afonso Reis Cabral einen echten Kriminalfall auf. 2006 wurde in der Küstenstadt Porto die Transfrau Gisberta Salce Júnior von Jugendlichen aus einem Erziehungsheim mit sadistischer Brutalität erschlagen.

Erst gab es landesweit große Aufregung, dann passierte – nichts. Der Minister sprach von einem Einzelfall, die Justiz verhängte Jugendstrafen, immerhin: die „Jugendhilfeanstalt“ Oficina de São José wurde geschlossen, als der Prozess die dortigen Gewaltorgien und den sexuellen Missbrauch offenbarte.

Afonso Reis Cabral beleuchtet die Hintergründe des Verbrechens mit den Mitteln der schriftstellerischen Fantasie. In einer fiktionalen Vorbemerkung trifft er den nunmehr 29-jährigen Rafael Tiago, einen der Täter, der ihn in einem Brief um ein Buch über die Geschehnisse gebeten hat. Der Autor, so weit, so wahr, studiert Prozessakten und Presseberichte, interviewt Gisbertas Trans-Freundinnen, macht schließlich den 12-jährigen Rafa zum Ich-Erzähler – und entdeckt auf seiner Spurensuche „den Zusammenstoß zweier prekärer Welten, den Konflikt aller Beteiligten, die Folgen der Armut, dieses Wort, dass man nicht mehr benutzen will, aber weiterhin verwendet, die Balance zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Nichts Besonderes also …“

Den Postkartenansichten des pittoresken Altstadtviertels Ribeira zum Trotz, beschreibt Afonso Reis Cabral die „Dreckslöcher“ abseits der Touristenidylle, Stadterweiterungsgebiete, für die der Kommune das Geld ausging, Betonskelette aus rohem Zement neben Bauruinen, Schutt, Abfall, „verbotene Orte“, wie Nélson sie nennt. Derart ist die Gang schnell vorgestellt: der sein Kindheitstrauma mittels Rebellion gegen alles und jeden bekämpfende Rafa, der zerstörungswütige, sich abgebrüht gebende Nélson, der Schläger Fábio und Samuel, die sensible Künstlerseele, der die zerrüttete Welt der Jungs auf Papier festhält, Samuel, das Prostituiertenkind, denn Mütter haben die Fürsorgezöglinge allesamt, bettelarme, überforderte, drogensüchtige. „Mutterschaft war für sie ein steter Quell ungenießbaren Dreckwassers“.

Eines ihrer Quartiere, das die zum Sozialfall geborenen Jugendlichen täglich durchforsten, ist der Rohbau eines von den Investoren aufgegebenen Einkaufszentrums, „Pão de Acúcar“, also „Zuckerhut“, das, so Rafa, „zum Wohnheim für Menschen wurde, die in der Baustelle ihr eigenes Schicksal wiedererkannten“. Obdachlose, Junkies, Nutten – und mittendrin haust in einem elenden Verschlag ein bis auf die Knochen abgemagertes, androgynes Wesen, HIV-krank, geschwächt, schmutzig und mittellos, das jedoch mit brasilianischem Akzent, denn Gi kommt aus Übersee, die wunderbar traurigsten Geschichten erzählen kann.

Rafa ist abgestoßen und angezogen zugleich. Bringt Essen, Decken, was immer er selbst entbehren kann, repariert mit Gi ein weggeworfenes, reichlich ramponiertes Fahrrad, schrubbt sich danach im Wohnheim unterm heißen Wasser fast blutig vor Ekel – und ist doch morgen wieder da, um Gis Glamour-Storys von den Cabarets in São Paulo zu hören. Die Rückblicke auf ihre Glanzzeit helfen ihm einen tristen Tag nach dem anderen runterzubiegen, vielleicht, wer weiß?, fühlt er bei ihr so etwas wie erstmals Mutterliebe? „Bevor ich sie kennengelernt hatte, dachte ich, der ganze andere Scheiß sei das, was mich ausmachte und mit dem sich erklären ließe, was ich sei, aber dann trat Gi dort hinein, wo ich vorher gar nicht gedacht hatte, dass dort eine Lücke war, und machte mich zu einem anderen.“

Die Kalvarienberg-Stationen, zu denen die Kapitel aus Gisbertas Leben werden, kreuzen sich mit Rafas Bericht, zwei Beichten sind das, so nah entlang der Realität geschildert, die Frage, was der Mensch ist und was er zum Menschsein braucht, dass es einem so tief unter die Haut geht, wie die Nadeln, die Gi sich bald setzt. Von der Bühne geht’s ins Bordell, wo sie, als selbst da ihre Tage als zweigeschlechtliche Schönheit gezählt sind, mit der Kraft des Mannes den Rausschmeißer für lästige Freier und mit der Zuneigung einer Frau die „Tante“ für die Kinder der Kolleginnen macht.

Bild: pixabay.com

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In einer Art Besitzerstolz beschließt Rafa seine neue Freundin der Gang vorzustellen, und dann ist da Samuel, dessen Mutter Gi aus Zimmer 102 kannte, und ihn bereits als Baby. „Irgendwann strich ihm Gi mit der Hand über den Kopf, und er ließ diese Zärtlichkeit mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu, wie ich es niemals gekonnt hätte. Wie es nur jemand kann, der den Umgang mit Transvestiten von klein auf gewohnt ist. Mich traf es wie eine Pfeilspitze in den Kopf: So gestreichelt zu werden, war mehr, als die meisten vom Leben verlangen konnten.“

Das Glück, jemanden gefunden zu haben, für den man zählt, die Erfahrung, auch selbst etwas geben zu können, wird von Rafas Eifersucht zernagt. Hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Verachtung, gebeutelt von Geltungsdrang und Gruppenzwang, gleitet Rafa ohne es zu merken in eine Abwärtsspirale des Bösen. Zurück zu den Wurzeln von Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Denn der irre Fábio und sein Schlägertrupp treten an, um „das Unnatürliche“ auszumerzen. „,Zieht ihr die Hose runter, dann sehen wir, ob sie ein Mann oder eine Frau ist‘, sagte Fábio. Er zielte, versetzte ihr einen Tritt in den Magen und sagte: ,Es ist ein Typ!‘“

Gisberta überlebt das mehrtägige Martyrium nicht. Rafa und Samuel können ihr nicht helfen und treten unter dem Druck der Horde sogar selbst ein paar Mal zu. Afonso Reis Cabral schreibt dies nieder, ohne auf eine Zartbesaitetheit der Leserinnen und Leser Rücksicht zu nehmen. „Aber wir lieben dich“ ist ein grausamer Lesestoff, den man in seiner Intensität aushalten muss – und am Ende wird der, der Gi am meisten liebt, ihr den Gnadentod geben.

Im Anhang zitiert der Autor aus seinem Quellen. Der Público schrieb damals über die Leiche des toten Mannes und triefend vor Ignoranz gegenüber der LGBT-Community: „Was sich tatsächlich in dem verlassenen Haus abspielte, ist nach wie vor alles andere als aufgeklärt. Manche Zeugen berichten, es habe oft Streit mit dem Opfer gegeben. Einer der an der Tat Beteiligten bezeichnete ihn trotzdem als seinen Freund.“ Es sind diese blinden Flecken in der faktischen Wahrnehmung, die Afonso Reis Cabral mit der verstörenden Wucht seiner Fiktion füllt. Wobei er die Täter niemals mit einem Opfermythos verklärt, sondern ihrem Machtwillen als Mittel zum Überleben, zum Sich-seinen-Platz-Sichern in einer barbarischen Umgebung, ihrem Glauben an das Recht des Stärkeren durchaus Raum lässt.

Mit „Aber wir lieben dich“ ist Afonso Reis Cabral ein vielschichtiger Roman gelungen. Was auch eine simple True-Crime-Story hätte sein können, ist aus seiner Feder ein bewegendes Drama geworden, vor allem aber eine beunruhigende Parabel über die Abgründe der menschlichen Natur.

Über den Autor: Afonso Reis Cabral, 1990 in Portugal geboren, studierte Portugiesisch und Fiktionales Schreiben. Er veröffentlichte bereits im Alter von 15 Jahren seinen ersten Gedichtband. Für seinen Debütroman „O Meu Irmão“ (Mein Bruder) wurde er 2014 mit dem Prémio LeYa ausgezeichnet. Bei Hanser erschien 2021 sein zweiter Roman „Aber wir lieben dich“, für den er 2019 den wichtigsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago, erhielt.

Hanser Verlag, Afonso Reis Cabral: „Aber wir lieben dich“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.

www.hanser-literaturverlage.de

Screening-Tipp: September Mornings/Manhãs de Setembro

Einfühlsam und dabei vollkommen pathos- und kitschbefreit erzählt die fünfteilige brasilianische Mini-Serie von der Transfrau Cassandra, die in São Paulo ihrem großen Traum nachhängt. Tagsüber unterwegs als Botenfahrerin für eine Service-App, verwandelt sie sich nachts in einen Club-Star, eine Sängerin, die vor allem den Songs ihres Idols Vanusa, einer brasilianischen Sängerin der 1970er-Jahre, frönt.

In Ivaldo hat sie einen so leidenschaftlichen wie treu ergebenen Lover gefunden, der um ihre Geschlechtsumwandlung weiß, eben bezieht sie ihre erste eigene Wohnung. Da steht eines Tages, gleich einem Gespenst aus der Vergangenheit, Leide vor der Tür, ein jugendsündlicher One-Night-Stand, nein, nicht von Cassandra, sondern deren früherem männlichen Ich Clóvis – und mit ihr der gemeinsame Sohn Gersinho. Leide ist obdachlos, unstet, ob ihrer Not eine Kleinkriminelle, und Cassandra sieht das alles. Doch wird sie das Herz haben, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen?

Manhãs de Setembro: Singer-Songwriterin Liniker als Transfrau Cassandra. Bild: © Amazon Studios

Cassandra wird zum Vater wider Willen: Mit Gustavo Coelho als Sohn Gersinho. Bild: © Amazon Studios

Lover Ivaldo weiß von Cassandras Vergangenheit als Mann: Thomas Aquino. Bild: © Amazon Studios

In Brasilien längst Superstar: Liniker, die Kämpferin gegen Gender-Diskriminierung. Bild: © Amazon Studios

Die Produktion für Amazon Prime Video ist ein wahres Fundstück, getragen nicht zuletzt von Singer-Songwriterin Liniker, die mit ihrem rauen, seelenfängerischen Timbre, dann wieder rekurrentem Falsett das Publikum in ihren Bann zieht. Liniker ist Transfrau, und hat sich neben dem als Musikerin auch einen Namen als unermüdliche Kämpferin gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung gemacht.

Das unprätentiöse Spiel des gesamten Casts gibt nicht nur einen authentischen Einblick in eine Welt, die sonst meist mit Federboas, Pailletten und „Tunten-Alarm“ gepimpt ist, sondern zeigt auch den täglichen Überlebenskampf der nicht mit Reichtum gesegneten „Paulistanos“. Und bemerkenswert ist, wie normal und ohne Ausrufezeichen die Beziehung zwischen Cassandra und Ivaldo beschrieben wird. Zu streamen in deutscher Sprache oder in Portugiesisch mit englischen Untertiteln. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O3iE_imB_7s           www.amazon.de

  1. 8. 2021

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Mai 31, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel

Schmerzlich vermissen ein Mann und seine beiden kleinen Söhne die vor wenigen Tagen bei einem Unfall ums Leben gekommene Mutter. Nichts geht mehr in dieser zurückgebliebenen Familie. Bis endlich eine überdimensionale Krähe an der Tür läutet. „Ich gehe erst wieder, wenn ihr mich nicht mehr braucht“, verkündet das Tier und zieht in die Wohnung ein. So beginnt Max Porters unvergleichlicher Roman über einen ungebetenen Gast. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist das bewegendste, verwegendste, was einem dazu in die Hände fallen kann.

In poetischer Sprache und mit herzzerreißender Genauigkeit schreibt Porter über den Verlust eines nahen Menschen. „Allmählich war ich Experte für Verhalten im Trauerfall“, denkt Dad da beispielsweise. „Im Epizentrum zu sitzen erlaubt ein merkwürdig gesteigertes anthropologisches Bewusstsein für andere: die Überwältigten, die Unsensiblen, die Weg- und die Ewigbleiber …“ Dann geht’s ans Aufräumen: „Sie wird nichts mehr brauchen (Make-up, Kurkuma, Haarbürsten, Thesaurus) … Sie wird nichts mehr auskosten (Highsmith-Krimi, Erdnussbutte, Lippenbalsam).“ Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel.

Die Krähe – erzählt wird aus drei Perspektiven: ihrer, Dad, Jungs – bringt die Familie auf Vordermann. Schlichtet Streitereien, vernichtet Alkoholdepots, kümmert sich um den Haushalt, verscheucht ungebetene Gäste. Dass sie dabei lyrisch-grausame Töne anschlägt, auch derb-fluchend den Parasit Trauer verprügeln darf, ist durch einen Kunstgriff Porters zu verstehen. Sein Totemtier ist bei seinem persönlichen literarischen Fixstern Ted Hughes ausgeborgt. Die tricksterartige, mythologische Krähe ersann der britische Poet in den 1960er-Jahren für sein nie vollendetes Hauptwerk „Crow, ihr Gekrächze half dem Witwer der Schriftstellerin Sylvia Plath damals durch die Lebenskrise. Plath hatte Selbstmord begangen.

Wie sich „Crow“ in den Gedichten mit aller Brutalität als Tier und gleichzeitig Dämon darstellt, so heißt es bei Porter: „Bei Krähe gibt es ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Natur- und Kulturwesen, zwischen Aasfresser und Philosoph, Ganzheitsgott und schwarzem Fleck …“ Bald wird klar, dass Dad ein Ted-Hughes-Forscher ist und an einem wissenschaftlichen Buch über diesen arbeitet. In Porters dichter, prägnanter Sprache hat diese Wendung gar keine Chance ein selbstgefälliger literarischer Insider-Witz zu werden. Die Grenzen zwischen Fantasiewelt und realer fließen, auch das Schriftbild passt sich an:

„Kein Schlaf.

Scharfe Kanten.

Schlechter Atem.“

Und es gibt nur einen Wunsch: Wieder haben. Bitte wieder haben. „Nach-vorne-Schauen als Konzept ist für Deppen, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass Trauer ein Langzeitprojekt ist. Ich werde nichts überstürzen. Es bremse, beschleunige oder nehme niemand den Schmerz, den wir leiden.“ – „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist anders als alles, was man bisher gelesen hat.

Porter gelingt es meisterhaft Trauerklischees zu umschiffen, er setzt auf echten Schmerz, wo falsches Sentiment möglich gewesen wäre, und wiewohl er die Innenschau vor allem Dads nur andeutet, gelingen ihm Figuren aus Fleisch und Blut. Selbst die verstorbene Mutter gewinnt in den Erinnerungen Kontur. Am Ende wird der skurrile Schutzgeist Wort gehalten haben und die Familie wieder verlassen. Doch nicht ohne einen letzten Rat mit auf den Weg zu geben: „Seid brav und hört auf die Vögel.“

Über den Autor: Max Porter, 1981 geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang als unabhängiger Buchhändler, was ihm den Young Bookseller of the Year Award einbrachte. Seit 2012 ist er Lektor bei Granta Books. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist sein schriftstellerisches Debüt. Der Roman erhielt den International Dylan Thomas Prize und avancierte in Großbritannien zum Bestseller. Max Porter lebt mit seiner Familie in London.

Kein & Aber Pocket, Max Porter: „Trauer ist das Ding mit Federn“, Roman, 126 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz, Matthias Götz, Uda Strätling.

keinundaber.ch

  1. 5. 2018

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin

Februar 7, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mauerblümchen erblüht an seiner Missbrauchsstory

Noch bevor einen die Handlung in Bann schlagen kann, tut es bereits die Sprache. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen malt mit Worten wunderschöne Bilder. Über ein Mädchen etwa schreibt sie: „Ihre jüngere Schwester bewegte sich so bezaubernd frei und ungezwungen, dass die Ampel der Stadt jedes Mal freudig erröteten, wenn sie sich näherte. Die ohnehin verstopften Straßen verstopften noch mehr, denn die Ampeln lieferten eine solche Welle von Rot, dass der gesamte Verkehr zum Erliegen kam. Nur Maya wandelte durch liebliche Auen grünen Lichts …“

Maya ist nicht die Protagonistin dieses Buchs. Die „Lügnerin“ ist ihre ältere Schwester Nuphar Schalev, in den Schulferien Eisverkäuferin, und von der Göttin Schönheit nicht ganz so intensiv geküsst, wie sie’s gern hätte. Kurz, Nuphar ist ein Mauerblümchen. Und dann ereignet sich das Schicksal. Ein abgehalfteter Showstar, Avischai Milner, betrifft das Geschäft, missgelaunt, weil er soeben erfahren hat, dass sein Comebackversuch scheitern wird. Also pöbelt er Nuphar an, die läuft weinend in den Hinterhof, der Sänger hinterher, sie schreit –

Und schon hat die Welt eine neue Story: „Versuchte Vergewaltigung einer Minderjährigen – Ex-Star verdächtigt … Für einen kurzen Augenblick verharrt die neugeborene Geschichte an ihrem Geburtsort, atmet die würzige Abendluft, dann hält sie es keine Minute länger im Hinterhof aus.“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht. Polizei, Feuerwehr, Soldaten, Passanten sammeln sich um Nuphar, die Medien sowieso. Und siehe, das Mädchen blüht an seiner aufgebauschten Missbrauchsstory auf. Ein völlig neues Selbstbewusstsein durchfährt die 17-Jährige. Plötzlich ist sie die Wichtige in der Familie, nicht mehr Maya.

Gundar-Goshen erzählt all dies mit viel Humor. „Lügnerin“ ist, man würde es bei diesem Thema kaum glauben, ein großes Lesevergnügen. Die Autorin weiß nicht nur alles Teenagerelend dieser Welt zu verpacken, sondern schildert auch Alltag in Israel, ein Leben zwischen Friede und immer wieder neuen Kriegen, daran entrollt sie ganze Familiengeschichten. Über einen Vater heißt es: „Arie Maimon kannte die Karte des Libanon in- und auswendig, aber auf den verborgenen Pfaden vom Sofa zum Zimmer seines Sohnes, in den Wadis zwischen Flur und Küche, irrte er hilflos herum.“ Avischai Milner wiederum wurde als Straßensänger entdeckt, als das Land um Schimon Peres trauerte …

Bild: pixabay.com

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Dazu kommt ein Lustigmachen über die Käuflichkeit einer Gesellschaft, die aus Sensationsgier und Mediengeilheit alles tut. Nuphar wird auf einmal von den feinsten Boutiquen für ihre Fernsehauftritte eingekleidet. Sie muss nur die Namen der Kaufhäuser nennen. Und seinen. Nuphar bleibt im Buch nicht die einzige, die sich die Wahrheit zurechtbiegt. Lavie Maimon, Aries Sohn, hat die Szene mit Milner vom vierten Stock aus beobachtet – und durchschaut. Also beginnt der schmächtige Bursche, der dem Vater vorgaukelt, er hätte sich bei einer Eliteeinheit beworben, das Mädchen zu erpressen, sie muss ihn öffentlich „mein Freund“ nennen. Doch was kann man gegen eine Lüge sagen, die das eigene Leben zumindest besser macht? Dies die großen Fragen, die Gundar-Goshen immer wieder stellt: Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Maya wird immer misstrauischer, und auch Nuphars Mutter, als sie ein umgeschriebenes Tagebuch entdeckt. Ein Bettler weiß ebenfalls Bescheid, erfährt man, die Kommissarin will nicht aufhören nachzuforschen, der Vater ist befangen, und Nuphars Lügenspirale dreht und dreht sich. „Die ganze Nacht spann sie Handlungsfäden und Ereigniskurven, und als die ersten Sonnenstrahlen in ihr Zimmer fielen, sank sie erschöpft aufs Bett …“ Es kommt zum Showdown mit Milner …

Und schließlich, im zweiten Teil des Buches, die einnehmendste aller Lügnerinnen: Die Altersheimbewohnerin Raymonde, die sich für ihre verstorbene Freundin Rivka ausgibt, deren Biografie annimmt, um der Einsamkeit zu entfliehen und mit Schülern als Zeitzeugin nach Polen reisen zu können. Wie sie Jiddisch lernt und Kibbuz-Hebräisch, wie sie an einem Internetkurs teilnimmt, um dort etwas über Auschwitz zu erfahren, das sie später erzählen wird können. Sie lernt den alten Ahrale kennen, er tatsächlich Holocaustüberlebender. Ihm muss sie die Wahrheit gestehen, doch darauf angesprochen sagt er später nur: „Ich kann mich nicht erinnern!“ Denn wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Über die Autorin: Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, „Eine Nacht, Markowitz“ (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zugesprochen wurde, wird derzeit von der BBC verfilmt. 2015 folgte mit „Löwen wecken“ ihr zweiter Roman, den sich NBC für eine TV-Serie vorgenommen hat.

Kein & Aber, Ayelet Gundar-Goshen: „Lügnerin“, Roman, 336 Seiten

keinundaber.ch

  1. 2. 2018

Galerie der Komischen Künste: Schilling & Blum

März 2, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ärztecartoons und was sonst noch zum Kranklachen ist

Schilling & Blum: Hörsaal Bild: Galerie der Komischen Künste

Schilling & Blum: Hörsaal
Bild: Galerie der Komischen Künste

Am 10. März startet in der Galerie der Komischen Künste die Ausstellung „Wir wissen nicht, was Sie haben, aber es ist etwas Lateinisches!“. Zu sehen gibt es Cartoons über Ärzte und Krankheiten von Schilling & Blum. Ein junges und innovatives Cartoonistenduo, das sich gekonnt mit den Widrigkeiten des Lebens auf wunderbar komische Weise auseinandersetzt. Lachen ist bekanntlich gesund, und mit Humor betrachtet ist eh alles nur halb so schlimm.

Der Eintritt ist frei!

 

 

 

Zu den Künstlern: Schilling & Blum, das sind Michael Schilling, geboren 1983 in Mannheim, und Jan Blum, geboren 1981 in Euskirchen. Von Köln aus führen sie seit 2010 ihren Cartoon-Blog vomlebengezeichnet.de und veröffentlichen unter anderem in der Titanic, im Eulenspiegel und bei Spiegel Online.

www.komischekuenste.com

Wien, 2. 3. 2016