Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

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  1. 1. 2018

Werk X: Das Programm der Saison 2017/18

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Grand Hotel Abgrund“ heißt das Motto in Meidling

Die Werk-X-Leiter Ali M. Abdullah und Harald Posch. Bild: Renata Bencke

Sie würden es sich bei einem Aperitif auf der Terrasse ihres Grand Hotels am Rande des Abgrunds gutgehen lassen und geistreiche Debatten über das vor ihnen liegende Desaster führen, unterdessen „die Probleme des verfaulenden Kapitalismus immer offensichtlicher unlösbar“ würden, warf Georg Lukács 1962 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor. Die Terrasse des gleichen Grand Hotels ist auch heute gut besucht.

Es haben sich lediglich andere Protagonisten eingefunden – und man diskutiert seltener über dialektische Umkehrung und „Instrumentelle Vernunft“. Stattdessen geht es etwa um die Frage, ob man sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zu viel mit Identitätspolitiken beschäftigt habe, ob politische Korrektheit Sprechverbote produziere und Linke und Liberale am international zu verzeichnenden Aufstieg einer neuen Rechten am Ende selbst schuld seien. Damals wie heute kann „der tägliche Anblick des Abgrunds zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“ Unter dem Motto „Grand Hotel Abgrund“ begibt sich das Team des Werk X in der Spielzeit 2017/2018 auf die Spuren der Frankfurter Schule und blickt in die zivilisatorischen Abgründe des Projekts Aufklärung.

„Ziel des Werk X ist es, ein progressives Sprechtheater mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen und innovativer Ästhetik in Wien zu etablieren. Einen Ort, an dem Künstler arbeiten, die zwar in Berlin, Hamburg oder Zürich, aber eben nicht in Wien zu sehen sind. Dass uns dies in den vergangenen Jahren gelungen ist, verdankt sich vor allem der konsequenten Arbeit eines außergewöhnlichen Teams“, so Harald Posch, künstlerischer Leiter des Werk X bei der Vorstellung des Spielplans 2017/2018 am Mittwochvormittag.

aktionstheater ensemble. Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

Schorsch Kamerun zeigt „Me are the world“. Bild: privat

Die erste Eigenproduktion der neuen Werk-X-Spielzeit hat am 18. Oktober Premiere: ein „Opernspektakel zum Ende der Vielfalt“ von Schorsch Kamerun. Titel: „Me are the world“. Am 18. Jänner gelangt „Homohalal“ von Ibrahim Amir zur Aufführung. Vor etwa zwei Jahren sagte das Volkstheater die geplante Aufführung des Stücks angesichts der hitzigen Diskussion um Geflüchtete ab. „Wir sind überzeugt, einen angemessenen Umgang mit diesem Stoff zu finden, der auch heute noch Potenzial zur Diskussion birgt“, so Werk-X-Co-Leiter und Regisseur Ali M. Abdullah.

Zu sehen sind außerdem Pasolinis „Der Schweinestall“ als Gastspiel des Residentheater München, hier werden die Termine noch bekannt gegeben, „Mission der Schönheit“ von Sibylle Berg, Regie von  Julia Burger (Premiere: 19. Februar), „Onkel Toms Hütte“ ab 15. März in einer Inszenierung von Harald Posch und Elfriede Jelineks „Raststätte oder So machens alle“ in einer Inszenierung von Susanne Lietzow (ab 10. April). Diskussionen und Gespräche zur Lage der Zeit soll es auch in diesem Jahr in diversen Formaten wieder geben.

Die neue Spielzeit bringt auch einige Veränderungen mit sich. So wird das „diverCITYLAB“ von Asli Kislal, das in den vergangenen vier Jahren am Werk X aufgebaut wurde, nun andernorts weitergeführt – dafür erhalten die Wiener Wortstätten ein „Asyl X“, in dem sie nach der umstrittenen Einstellung der öffentlichen Förderung weiter arbeiten können. Hinsichtlich der Juryempfehlung vom März 2017 finden gegenwärtig die abschließenden Gespräche mit dem Kulturamt über den vom Stadtrat gewünschten Spielstättenverbund ab 2018 statt. Das Werk X ist bemüht, so Posch, die Möglichkeiten für die  freie Szene weiter auszubauen und die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Das Werk X kann auf eine Auslastung von 87 Prozent und 24.480 Zuschauerinnen und Zuschauer in 271 Veranstaltungen verweisen. Den Hauptanteil an diesem Erfolg tragen Produktionen wie „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ nach Ödon von Horváths „Italienische Nacht“ (Inszenierung: Harald Posch), die auf Einladung des künftigen Burgtheater-Intendanten Martin Kusej an dessen aktueller Wirkungsstätte, dem Münchner Residenztheater, gastieren wird. Thirza Brunckens Inszenierung von „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (Romanvorlage: Clemens J. Setz) oder Ali M. Abdullahs Bühnenfassung des Romans „Macht und Rebel“ von Matias Faldbaken erwiesen sich als Publikumsmagneten. Die Spielzeit 2017/2018 startet am 11.10.2017 mit „Ich glaube“, einer Produktion des aktionstheater ensemble, und am 18.10.2017 mit „Me are the world“ von und mit Schorsch Kamerun.

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21. 9. 2017

Werk X: Unterwerfung

Februar 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Abend für intellektuelle Feiglinge

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François Bild: © Chloe Potter

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François. Bild: © Chloe Potter

Wenn Robert Rediger gegen Ende meint, der Islam hätte die Senkung der Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate bewirkt, fällt einem „Salafistes“ ein. In der Filmdokumentation von François Margolin und Lemine Ould M. Salem sagt ein Dschihadist im Wortlaut diesen Satz. Allah und die Scharīʿa wenden alles zum Guten. Der Film ist im Frankreich dieser Tage höchst umstritten. Weil er abbildet, informiert, aber nicht kommentiert. Welch ein Vorwurf an eine journalistische Arbeit.

Den Hintergrund der Werk-X-Bühne bestimmt die Houellebecq-Karikatur vom Charlie Hebdo-Titelblatt: 2022 mache ich Ramadan. Das war am 7. Jänner 2015. Da erschien sein Roman „Unterwerfung“ und das Terrorkommando in der Redaktion des Satiremagazins. Houellebecq war daraufhin in Frankreich höchst umstritten. Man warf ihm vor, dass er das kommentiert, Frankreich und der Islam. Ein Autor, der mit seiner Fiktion das Zeitgeschehen überlagert, welch ein Vorwurf an einen Schriftsteller.

Die Handlung von „Unterwerfung“ ereignet sich im Jahr 2022 in Frankreich. Ein charismatischer muslimischer Politiker, Mohamed Ben Abbès, schart immer mehr Wähler um sich. Die sozialistische Partei geht ein Bündnis mit den Konservativen und Ben Abbès ein, um den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern. Ben Abbès wird Staatspräsident, ändert die laizistische Verfassung und führt die Theokratie, die Scharīʿa und das Patriarchat ein. Das alles wird geschildert vor einem universitären Hintergrund. Die Sorbonne wird eine Islamisten-Uni und ein Literaturwissenschaftler gerät in die Mühlen der Weltgeschichte.

Ali M. Abdullah hat eine szenische Einrichtung des kontroversiellen Textes vorgenommen. Das ist ein wichtiger, ein mutiger Schritt im derzeit überhitzten Polit-Klima, in dem sich sogar künstlerische und journalistische Auseinandersetzungen selbstzensurisch verunmöglichen. Es geht vielerorts nur noch um entweder verbale Entgleisung oder die ideologische Exkommunikation. Abdullah aber hat Houellebecq als späten Nachfahren von Molière erkannt und er lässt ihn in seiner Spezialdisziplin brillieren: der Vorführung von Heuchelei und Opportunismus. Die Bühnenfassung von Abdullah und Hannah Lioba Egenolf trifft den Ton. So zwischen ausgenüchtertem Spott und beiläufigem Zynismus. Abdullah zeigt Houellebecqs Gedankenexperiment nicht als Zerrbild, sondern unter dem Vergrößerungsglas. Er haut dem derzeitigen gehirnweichen Herumgelabere eine Groteske um den Kopf. Das ist komisch. Dadurch lässt sich das in Buchform hysterisch diskutierte Werk als Theaterereignis zurückgelehnter betrachten.

„Unterwerfung“ ist kein Abend für intellektuelle Feiglinge. Er überprüft Europa auf seinen reaktionären Gehalt. Er erkennt die Tragikomödie in Europas derzeitiger Verfassung. Er führt sozusagen die auf und die vor der Bühne vor. Führt nicht vor, wer „die“, sondern wie „wir“ sind. Selbstreflexive Hedonisten, linksdrehende Globalisierungssachverständige, Toleranzrassisten mit Armer-Schwarzer-Muslim-Attitüde, atheistische Gottsucher und Foucault’sche Humanisten. Opinion Leader vs Quotenmeinungsmacher. Und die Kampfzone weitet sich aus. Abdullah setzt seine Figuren in dieses Magnetfeld. Und los geht’s mit Kulturimperialismustalk und Youporn, Geilheit und Konsum, die Dialoge durchbrochen durch die monologische Prosa, diese Reflexion immer wieder durch Konfrontation.

Die Ureinwohner Europas sind: Der fabelhafte Marc Fischer als Huysmans-Verehrer François. Der Literaturprofessor hat sich den Dekadenzdichter einverleibt, und wie Fischer in seiner Lust am Leid schwelgt, ist großartig. Sein François changiert zwischen Eigenliebe und Weltekel, er gebraucht Sex zur Selbstbehauptung. Er ist ein pseudomachistischer Möchtegern, die Art hirnwixerischer Elfenbeinturmhocker, die 1933 dachte, dass das Jahr 1941 sie nicht tangieren kann. Das François umringende Gruppensystem beweist sich in Houellebecqs Versuchsanordnung als wertekatalogisch austauschbar. Dennis Cubic ist ein sleeker Kollege Steve, der aus der identitären Bewegung, also jenem rechtsextremen Milieu, dem der Front National zu weichgespült ist, die Karrierekurve kratzt. Christian Dolezal ist als Universitätspräsident Robert Rediger ein satanischer Verführer zum Islamismus. Er argumentiert mit quengeligem Trivial-Nietzscheanismus und längst abgegriffener Zivilisationskritik. Er sieht sich als Vertreter alter Werte, Gott, Familie, Vaterland; die „Führer“-Figur hat halt gewechselt. Dolezal spielt gekonnt den Unsympath. Arthur Werner ist als Staatspolizist Alain Tanneur auf der Suche nach Schuldigen.

In den Mittelpunkt stellt Abdullah François‘ Beziehung zu Frauen. Hanna Binder erscheint als Hop-on-Hop-off-Geliebte Myriam und als Uni-Kollegin Marie-Françoise Tanneur. Eigentlich als Frau an sich. Sie wird nach Israel auswandern; aus ihrer Karriere an den Kochtopf zurückgedrängt werden; zum Schluß verschleiert, eine Gesichts- und Namenlose, dastehen. Wo der Konservativismus aus seinen Gräbern steigt, ist die Gleichberechtigung stets die Verliererin. Ein Chor, Studierende des diverCITYLAB, kommentiert das Geschehen und die Wahlergebnisse. Abdullah projiziert für sein Vor-mir-die-Sintflut-Szenario gefakte Bürgerkriegsszenen und Bilder von stattgefundenen Demonstrationen in Paris und Wien, er lässt mit Live-Kamera arbeiten und einen VW-Fluchtwagen durchs Werk X fahren. Seine Inszenierung ist kein Erklär-, sondern ein Durchrüttelstück.

Schnell kann der westlich aufgeklärte Mann der Polygamie und dem Tschador etwas abgewinnen. Und der Salonantisemitismus ist bald ganz der alte. Wie hellsichtig-houellebecqisch das ist, wie latest news: Gemäßigte Politikerinnen und Politiker werden zunehmend isoliert und gehen in Panik fragwürdige Allianzen ein, während die, die im System nichts zu erwarten haben, unerschrocken auf dessen Zerstörung hinarbeiten. Die „Lügenpresse“ schreibt nichts, was den faschistischen Schreihälsen Argumente liefern könnte, begeht damit aber Informationspflichtverletzung.  Wie dünn der Firnis der Vernunft ist, beweist sich täglich. In „Unterwerfung“ hat Europa keine Wahl zwischen rechtspopulistisch oder islamistisch. Das ist doch zum Lachen. Würden die, die jetzt Hakenkreuzfahnen und das Schwarze Banner schwenken, sich mit „Unterwerfung“ befassen, man könnte ihnen Theodor Däubler zitieren: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17545

werk-x.at

Wien, 19. 2. 2016

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

Christian Dolezal, Hanna Binder, Marc Fischer, Dennis Cubic und Arthur Werner Bild: © Yasmina Haddad

Christian Dolezal, Hanna Binder, Marc Fischer, Dennis Cubic und Arthur Werner
Bild: © Yasmina Haddad

Vor dem Hintergrund derzeitiger Islamdebatten inszeniert Ali M. Abdullah im Werk X Michel Houellebecqs „Unterwerfung“. Rechte Populisten sind europaweit auf dem Vormarsch und schüren mit faschistoiden Unwörtern wie „Überfremdung“ diffuse Ängste vor dem angeblich drohenden Verlust der kulturellen Identität. Houellebecqs Roman greift diese Phantasmen nicht nur auf, er spinnt sie weiter.

Aus der Perspektive des desillusioniert-gelangweilten Pariser Literaturwissenschaftlers François erzählt er von der Machtübernahme eines muslimischen Präsidenten im Frankreich des Jahres 2022. Es kommt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, bis sich die westliche Gesellschaft schließlich erstaunlich schnell mit einer europäisch-spießbürgerlichen Version des Islamismus abfindet. Houellebecq greift mit „Unterwerfung“ ein weiteres Mal lustvoll das korrumpierte bürgerliche Subjekt an, das von Machtstreben und Konsum besessen ist, während es unverdrossen die Werte der Aufklärung vor sich herträgt. Das Buch wurde in Frankreich zum Skandal, nicht zuletzt, weil am Erscheinungstag des Romans der Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verübt worden ist, das Houellebecq sein Titelbild gewidmet hatte. Im Werk X spielen Hanna Binder, Dennis Cubic, Christian Dolezal, Marc Fischer und Arthur Werner. Premiere ist am 18. Februar. Ali M. Abdullah im Gespräch:

MM: Bevor ich nach Meidling gekommen bin, habe ich noch ein Posting „An die Patrioten Europas“ über den Islam gelesen: „Wir müssen die Pest ausrotten, bevor sie uns ausrottet.“ Da möchte man instinktiv zurückschreiben, weiß aber, dass man auf jemanden treffen würde, der keinen Argumenten zugänglich ist. Was hätten Sie getan?

Ali M. Abdullah: Ich halte mich in den unsozialen Medien zurück, denn egal, was man repliziert, es dient deren Sache nur noch mehr. Es ist besser, auf diese Hasspostings gar nicht einzugehen, denn dann folgt Antwort auf Antwort, ein bewusstes Missverstehen, dass sich immer mehr aufschaukelt. Diskussionen muss man suchen, aber anderswo.

MM: Am Theater, wie ich annehme. Nur, ausgehend vom Werk X, inwieweit ist es möglich, damit Menschen zu erreichen, die nicht ohnedies einer Meinung sind? Man hat doch als Haus ein gewisses Konsenspublikum. Wie kann man Köpfe öffnen, wie kann man Botschaften transportieren?

Abdullah: Es ist das größte Problem und die größte Illusion zu glauben, man könne mit Theater etwas bewegen. Man muss davon ausgehen, dass bei uns nur Gesinnungsgenossen sitzen. Mein Lieblingswitz diesbezüglich ist, man müsste eine Vorstellung von uns mal im Josefstadt-Abo spielen, dann würde es richtig pfeffern, aber so … seien wir ehrlich, haben wir unser linkes Publikum drinnen, Leute, die mit einer speziellen Meinung zu uns kommen und mit uns mitdenken. Aber in „Unterwerfung“ geht es erstmals auch um deren Versagen. Da bin ich auf die Reaktionen gespannt.

MM: 2022 ist in sechs Jahren, also wenn man so will, in einer Legislaturperiode. Michel Houellebecq entwirft je nach Blickwinkel die Utopie oder Dystopie, es gebe dann in Frankreich einen muslimischen Staatschef. Wie weit ist dieses Szenario tatsächlich weg?

Abdullah: Das habe ich mich beim ersten Lesen auch gefragt, aber dann erkannt, es ist die falsche Frage. Houellebecq hält in „Unterwerfung“ zu allererst fest, dass unser abendländisches Gesellschaftsmodell zum Scheitern verurteilt ist. Das begründet er mit verschiedenen Argumenten in mehreren Romanen, das führt er uns vor, da kennt er sich aus. Sein eigenes Versagen als Mitglied der Gesellschaft nimmt er da gar nicht aus. Also entwirft er ein Gedankenexperiment für Frankreich: Die nächste Wahl könnte der Front National gewinnen oder Vertreter des gemäßigten Islam. Ob’s nun die werden oder die, ist letzten Endes dasselbe Horrorszenario.

MM: Er malt sozusagen beiderlei Ängste als Teufel an die Wand. Dieses Spiel mit Religionen, dass Houellebecq spielt, meint er damit auch den Neid des Christentums auf den Islam, als eine Religion, die noch stärker im Glauben verankert ist?

Abdullah: Er führt eine Hauptfigur, den Pariser Literaturwissenschaftler François, vor, der anfangs zum Katholizismus zurückfinden möchte, aber es nicht schafft. Er geht sogar ins Kloster, aber auch dort fällt ihm nur Nietzsche ein. Dann kommt er mit dem Islam in Berührung und er wird vor die Frage gestellt: Weiterarbeiten an einer Top-Uni in Top-Position, aber weiterleben mit den Geboten Allahs. Der Islam ist in seiner Tradition viel kompakter und unkritischer, er ist bis heute viel stärker mit seinen Regeln verbunden, das macht es für Gläubige einfacher, seine Vorschriften umzusetzen. Da kann der Katholizismus schon neidisch sein, der von seinen Gläubigen von allen Seiten kritisch unter die Lupe genommen wird. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, denn Houellebecq beschreibt auf der ganzen Bandbreite, die Themen, mit denen man sich punkto Islam beschäftigen kann. Von Burka bis Polygamie als Reizworte, um damit satirisch zu spielen. Es ist schade, dass die Rezeption des Romans direkt verbunden ist mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“. Wäre das nicht passiert, hätte man ihn ganz anders gelesen. Die Hauptfigur sagt an einer Stelle: „Ich bin politisch wie ein Handtuch.“ Ich denke, das ist das Credo von Houellebecq. Er möchte, dass die Leute sich mit Politik beschäftigen, damit, was ihr Leben letztlich bestimmt. Denn wenn sie es nicht tun, werden sie bestimmt.

MM: Beim Erscheinen des Romans wurde Houellebecq in Frankreich Islamophobie vorgeworfen, Karin Beier hat kürzlich „Unterwerfung“ mit Edgar Selge in Hamburg gemacht, da stand im Feuilleton: „Islamkritik eignet sich nicht als Theaterstoff“. Darum geht’s aber gar nicht. Es geht Houellebecq nicht um „die“, sondern um „uns“. Wie wollen Sie diesem Missverständnis vorbeugen?

Abdullah: Man wird immer missverstanden. Die Menschen, die das missverstehen wollen, werden einen Weg dazu finden. Das muss man riskieren, sonst braucht man gewisse Stoffe gar nicht aufzugreifen. Ich habe vor mehr als zwanzig Jahren ein Stück über Neonazis gemacht, dazu habe ich Herrn Küssel interviewt, und in der ersten Reihe sind die Nazis gesessen und haben Juhu geschrien. Man wird mitunter von der falschen Seite vereinnahmt. Obwohl Houellebecq in einem Interview gesagt hat: Der, der mich vereinnahmen will, ist noch nicht geboren. Marine Le Pen könnte „Unterwerfung“ zu ihrer neuen Bibel erklären …

MM: Hollande hat sich gleich distanziert.

Abdullah: Er hat ungefähr gesagt: Das ist nicht unser Frankreich, aber ich muss das Buch erst lesen. Naja, er wird als ziemliche Dumpfbacke dargestellt. Houellebecq versucht jedenfalls keine Lösungen anzubieten, er schaut kritisch auf das Hier und Jetzt. Mehr kann man als Theatermacher auch nicht tun. Die Zeit der Lehrstücke ist vorbei. „Wie müssen die Flüchtlingsobergrenze abschaffen“ ist kein Theaterabend, sondern die Aussendung einer politischen Interessensgemeinschaft. Am Theater muss man komplexer arbeiten, das wollen wir und hoffen, dass die Zuschauer mit uns mitgehen.

MM: In „Unterwerfung“ steht mit einem Wort alles. Was haben Sie daraus gefiltert? Welche Geschichte aus diesem Konvolut an Themen wollen Sie erzählen?

Abdullah: Der Roman ist reichhaltig, weil er sehr detailliert diese Versuchsanordnung beschreibt. Insgesamt gesehen ist das Thema aber sehr klein. Man kann es reduzieren auf: Ein Atheist versucht zu sich zu finden, weil er fühlt, dass ihm sein Leben entgleitet. Wir begeben uns auf seine Fährte und beobachten, wie er im politischen Karussell bloß mitfährt, bis er beginnt einen Anker zu suchen. Der wird ihm vom Islam angeboten. Ob er ihn nimmt, wird nicht beschrieben. Houellebecq beschreibt keine islamische Figur, die werden nur aus der Ferne gesehen, er beschreibt, wie wir mit dem Islam umgehen.

MM: Houellebecq hat in manchen Interviews die Frage aufgeworfen, ob ein Leben ohne Religion überhaupt möglich ist.

Abdullah: Und das hat mich sehr befremdet. Aber ich denke, er meint, dass der Mensch die Religion, oder besser den Glauben braucht als eine Art Wertekatalog fürs Zusammenleben. Wie eine Art Ethiküberbau. Das Wertesystem des abendländischen Europas ist christlich geprägt und könnte sich demnächst ändern. Kann ich mir vorstellen. Ich bin kein Visionär, aber der Islam wird sicher Einfluss nehmen auf das allgemeine Denken und Handeln.

MM: Wird dieser vielschichtige François von einem oder mehreren Schauspielern gespielt werden?

Abdullah: Von einem. Nach dem Attentat von Paris im November habe ich noch einmal ganz neu über das Werk und eine mögliche Inszenierung nachgedacht. Es stand nie zur Debatte, es nicht mehr zu machen, sondern nur wie es zu machen ist in dieser islamophoben Welle, in der sich Europa derzeit befindet. Das Stück wurde plötzlich so real, dass man als Theatermacher sagen muss, es ist bitte nicht real, es ist ein satirischer Kommentar.

MM: Satire ist das entscheidende Wort.

Abdullah: Ich hoffe, dass unsere Arbeit als solche gesehen wird, und die Leute in diesem Sinne auch lachen.

MM: Bei Houellebecq kommt wörtlich der Begriff Lügenpresse vor. In genau der Bedeutung, mit der man jetzt wieder konfrontiert ist. Machen Sie Lügentheater?

Abdullah: Das gefällt mir sehr gut! Wir machen natürlich Lügentheater, denn alles, was auf der Bühne stattfindet, ist ja nicht echt. Genauso wie nicht echt ist, was Sie schreiben. Houellebecq beobachtet sehr genau, wann wer was sagt oder schreibt. So einen Kritiker würde ich mir hierzulande wünschen. Houellebecq macht sich Feinde in allen Lagern. Er teilt aus, aber er kann auch einstecken. Das ist eine seltene Gabe.

MM: Wir reden so gerne über Frankreich, aber Sie machen Ihr Stück in Österreich und werden mutmaßlich für Kontroversen sorgen. Wie beurteilen Sie die Islamdebatte hierzulande?

Abdullah: Jeder hat eine Meinung, keiner kennt sich aus? Wir haben nur Halbinformationen, wir wissen nicht, was wirklich abgeht.

MM: Ihr Name etikettiert Sie als Auskenner.

Abdullah: Sagt aber nichts über meinen Glauben aus. Mein Vater ist aus Bombay in Indien, muslimisch, natürlich mit diesem Namen. Ich bin in der Tradition geboren, aber nicht religiös erzogen worden, sondern ganz im Gegenteil sehr laizistisch-aufgeklärt, ohne Religion. Dazu bekenne ich mich auch. Mein Regieprofessor hat mir zwar geraten, ich sollte meinen Namen ändern, denn von einem Regisseur, der so heißt, will man sicher nicht Goethes „Faust I“ inszeniert bekommen, ich hab’s aber nicht gemacht, wie man weiß. Wenn also jemand, der Abdullah heißt, in Österreich „Unterwerfung“ macht, kommt es vielleicht zum Tabori-Effekt. Ihm war ja jede Art von jüdischem Witz erlaubt, und vielleicht darf ich so islamophobe Figuren auf die Bühne stellen ohne, dass man sich denkt Oha. Vielleicht ist die Fiktion besser zu erkennen, wenn neben ihr mein Name steht. Die Realität sieht sowieso immer anders aus. Wir haben im Werk X ein paar syrischen Flüchtlingen Wohnungen zur Verfügung gestellt, das ist unsere Art der Unterstützung in der humanen Katastrophe, die wir erleben. Mit diesen Menschen gibt es keine Probleme. Wir helfen ihnen, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Was sie damit machen, ist aber ihre Sache.

MM: Wenn ich ein Bemühen um ein Miteinander unterstelle, wie kann man dieses Gefühl mit „Unterwerfung“ im Zuschauer erzeugen?

Abdullah: Indem sich jeder einzelne überlegen muss, ob er das gut findet, was da auf der Bühne abgeht. Es ist schon so, dass man sich die vorgeführten Gedanken durch den Kopf gehen lassen darf. Wir haben doch einmal Auszüge aus Anders Breiviks „Manifest“ als szenische Lesung gemacht und dann gerade von den Aufgeklärten Anrufe bekommen, welche Dreckskunst wir da unterstützen. Da müsste man noch einmal ganz scharf nachdenken. Und so kann’s uns diesmal passieren, dass die Kritiker schreiben: Das Werk X sagt, die Muslime übernehmen die Macht. Das wird dann sicher eine hitzige Debatte.

MM: Wird die Aufklärung des „Abendlands“ überschätzt?

Abdullah: Ich glaube, sie interessiert niemanden mehr. Über die sind wir schon hinweg, die nervt uns nur noch. Die nächste Generation denkt nicht mehr so, die wurde in dieses System reingeboren und aus. Dass Aufklärung ein Prozess ist, der immer wieder neu gestartet werden muss, sehen die nicht.

MM: Mit „Unterwerfung“ hat das Werk X wieder einmal die theatrale Spürnase am Boden. Wie gelingt Ihnen das, die Themen zur Zeit immer zur rechten Zeit aufzugreifen?

Abdullah: Wir machen nicht viele Aufführungen, fünf Eigenproduktionen pro Spielzeit, die müssen aber thematisch sitzen. Wir reden lange, wir lassen uns Zeit, wir bereiten länger vor, länger als an einem Stadttheater möglich wäre. Unsere Qualität ist, dass wir aus Stoffen selber etwas entstehen lassen. Da haben wir eine lange Expertise, weil wir das seit Jahren machen, und wenn Sie sagen, dass wir dabei die Nase vorne haben, dann nehme ich das gerne als Kompliment an.

werk-x.at

Wien, 12. 2. 2016