Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Landestheater NÖ: Ab jetzt

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Riesen-Nonsense mit Replikantin

Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Menschen mit Maschine: Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Zum Saisonschluss und zum Ende ihrer Tätigkeit als Intendatin des Landestheater Niederösterreich lud Bettina Hering, sie wechselt als Schauspielchefin zu den Salzburger Festspielen, zu einem der bewährten Gastspiele. Das Schauspielhaus Hamburg zeigte Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt“ in der Regie von Karin Beier.

Und es war der Abend der Lina Beckmann. Mit einer solchen Schauspielerin an der Hand, kann man als Theaterdirektorin gar nicht anders, als dieses Stück anzudenken. Dachte wohl auch Beier. „Ab jetzt“ ist der ganz andere Ayckbourn, gern wird gesagt, nicht sein bester, doch das sollte man zumindest nach dieser schwungvollen Inszenierung anders sehen.

Erzählt wird aus der Zukunft. Der Komponist Jerome hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, die allerdings mit Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für den Besuch samt Sozialarbeiter an einer heilen, neuen Familie – erst mit Leihmimin Zoe, doch als die Reißaus nimmt, mithilfe einer Roboterfrau namens Gou 300F. Die hat ein paar Macken, und als nun die frisch Geschiedene in der Tür steht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf … Beier hält sich nicht damit auf nach verkopfen, tieferen Bedeutungen im Text zu suchen, Motto: Was die Maschine dem Menschen antut, wenn er sich in Abhängigkeit zu ihr begibt, nein, sie fährt einfach mit Vollgas drauflos, von Gag zu Gag, von Nonsense zu Nonsense.

Kein Sofa über das nicht gestolpert wird, keine Wand gegen die man nicht läuft. Und die Königin dieser Komödie ist Beckmann – übrigens für die Rolle bereits mit einem Schauspielerpreis ausgezeichnet. Derangiert tanzt ihre Zoe an, man hat sie auf der Straße ausgeraubt, aber so arm dran kann die gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in einem Ich-war-mal-wer-Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Beckmann diese Übung, aus einer Knallcharge, einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Und das Publikum biegt sich vor Lachen, umso mehr als sie, nunmehr von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert, wie ein dem „Blade Runner“ entsprungener Replikant agiert. Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Denn war das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. So viel Mensch in einer Maschine, und man weiß nicht, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Jerome lebt in einem Hightechbunker, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Bildtelefon. Alles, was irgend Leben ist, speist er in den Computer ein, will er doch mit diesem Material sein Opus magnum ausgerechnet über die Liebe schreiben. Götz Schubert gibt diesen Beziehungsgestörten mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so schrullig, dass man ihn gerade noch sympathisch finden kann.

Ute Hannig spielt erst ebenfalls die Gou – Version 1, als gruselige, herrische Sexmachine in Seidenkorsage, dann Jeromes Frau Corinna als über weite Strecken herzlose, weil herzgebrochene Xanthippe, Gala Winter die Tochter Geain als genderverwirrten Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, ein Glatzkopfkerl mit Kinnbart, wird aber flugs mit Zöpfchen und Schleifchen wieder zur Sie. Herrlich auch Yorck Dippe als Mann vom Jugendamt: Der aalt sich in seinen großen Gesten, ganz Conferencier in eigener, ergo narzisstischer Sache und ist doch die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Behördentums. Michael Wittenborn, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss.

Was Beier und ihr Ensemble vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance. Am Ende läuft Gou durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell dreht sich von Minute zu Minute schneller, und Gala Winters Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat jetzt genug Zeugs zum Komponieren. Mit viel Witz und ihrem Gespür für schwarzen Humor hat Karin Beier St. Pölten einen höchst vergnüglichen Start in die Sommerpause beschert. Am 23. Mai wird Marie Rötzer, die neue künstlerische Leiterin des Hauses, ihren ersten Spielplan präsentieren. Man darf gespannt sein, was da alles zu erfahren sein wird.

www.landestheater.net

Wien, 13. 5. 2016

Doppelspitze leitet Diagonale ab 2016

November 27, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber als Intendanten designiert

Bild: (c) Lukas Maul

Bild: (c) Lukas Maul

Nachdem sich die derzeitige Festivalleiterin Barbara Pichler nach der Diagonale 2015 (die nächste Diagonale findet von 17. bis 22. März in Graz statt) auf eigenen Wunsch zurückzieht, gab es auf die Neuausschreibung der Intendanz hin insgesamt fünf männliche, fünf weibliche und zwei Bewerbungen im Duo. Zu einem Hearing wurden davon vier Bewerber/innen und die beiden Duos eingeladen. Die Generalversammlung hat danach einstimmig Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber als Intendanten designiert. Höglinger und Schernhuber werden unmittelbar nach dem Festival 2015 der derzeitigen Intendantin Barbara Pichler nachfolgen und für den Zeitraum 2016 bis 2019 für das Festival verantwortlich sein.

Die Grundlage für die einstimmige Entscheidung der Generalversammlung war das klare und überzeugende Konzept von Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, das – von Mut, Neugier und von einer Lust an Neuem geprägt – sowohl Kontinuität als auch frische Impulse erwarten lässt. Beide bringen als langjährige Mitarbeiter der Diagonale und als Leiter des Internationalen Jugend Medien Festivals YOUKI weitreichende Kenntnisse der österreichischen Filmlandschaft und Erfahrungen im Festivalbereich mit; vor allem aber auch ein umfassendes Verständnis für die Rolle der Diagonale als Plattform für den gesamten österreichischen Film wie auch als Vermittlerin zwischen dem Publikum und dem heimischen Kino. Mit der Entscheidung für dieses Leitungsduo sieht die Generalversammlung die Diagonale nach der überaus erfolgreichen Intendanz von Barbara Pichler gerüstet für eine weiterhin erfolgreiche Ausrichtung sowie Weiterentwicklung des Festivals.

Der Generalversammlung des Trägervereins der Diagonale gehören die Regisseurinnen Andrea Maria Dusl und Dagmar Streicher, der Drehbuchautor Gustav Ernst, die Produzenten Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Mathias Forberg, Erich Lackner und Johannes Rosenberger, der Direktor des Filmarchiv Austria, Ernst Kieninger, sowie der Steuerberater Walter Mika an.

Zu den Personen:

Sebastian Höglinger, geboren 1983 in Linz, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, langjährige Erfahrungen in Organisation und Durchführung unterschiedlicher Veranstaltungen im Kulturbereich. Seit 2009 Ko-Leiter des Internationalen Jugend Medien Festivals YOUKI in Wels, Mitarbeit bei div. Filmfestivals (Diagonale, Crossing Europe, Viennale, …) in unterschiedlichen Departments sowie in der Programmauswahl/-beratung, Kurator von Filmreihen, u. a. zu Kino und Jugendkultur. Tätigkeiten als freier Autor mit Schwerpunkt Film u. a. für den Katalog der Diagonale und sixpackfilm. Texte für Medien Kultur Haus Wels, Donau-Universität Krems u. a., zuletzt für CINEMA Jahrbuch Zürich.

Peter Schernhuber, geboren 1987 in Wels, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft. 2013 STARTStipendium des bm:ukk für Kulturmanagement. Mitarbeit bei div. Filmfestivals in unterschiedlichen Departments (Diagonale, Viennale, Crossing Europe) sowie beim Music Unlimited Festival Wels, seit 2008 Ko-Festivalleiter des Internationalen Jugend Medien Festivals YOUKI in Wels. Kuratorische und organisatorische Tätigkeiten im Medien Kultur Haus Wels und im Alten Schlachthof Wels, Texte u. a. für FAQ, Insiderei, The Gap, zuletzt bei Ana Berlin Communications u. a. für PR und Öffentlichkeitsagenden des Österreichischen Pavillons der Architektur Biennale 2014, der VIENNA DESIGN WEEK, curated by vienna verantwortlich.

www.diagonale.at

Wien, 27. 11. 2014

mumok: Cosima von Bonin und Tocotronic

Oktober 1, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Hippies use Side Door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab

Cosima von Bonin: DER ITALIENER, 2014. Außeninstallation an der Fassade des mumok. Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack.Figur: 250 x 80 cm. Produktion: Saygel & Schreiber, Berlin Bild: Nikolaus Havranek

Cosima von Bonin: DER ITALIENER, 2014. Außeninstallation an der Fassade des mumok.
Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack.Figur: 250 x 80 cm. Produktion: Saygel & Schreiber, Berlin
Bild: Nikolaus Havranek

Im Herbst 2014 präsentiert das mumok die bisher umfassendste Ausstellung Cosima von Bonins in Österreich. Unter dem Titel HIPPIES USE SIDE DOOR. DAS JAHR 2014 HAT EIN RAD AB. erwartet die BesucherInnen ab 3. Oktober mit über 100 Arbeiten ein groß angelegter Überblick über das Werk der 1962 in Mombasa, Kenia geborenen Künstlerin – von den künstlerischen Anfängen bis hin zu ganz neuen Arbeiten. Retrospektiv angelegt, vollzieht die Ausstellung nach, wie von Bonins Arbeiten immer stärker in den Raum übergreifen.

Typisch für das komplexe Beziehungsnetz, das sie zwischen bildender Kunst und Musik aufgespannt hat, ist das Einbeziehen langjähriger KollegInnen und FreundInnen in ihre Ausstellungsvorhaben. Neben Tocotronic und Phantom Ghost, die mit Konzerten im Programm der Ausstellung vertreten sind, haben sich unter den Namen The 3 Ypsilons und The Ypsilon Five aus dem Freundeskreis der Künstlerin gleich zwei Formationen gebildet, die den Eröffnungsabend der Ausstellung am 3. Oktober mit Performancedarbietungen bestreiten. An der Fassade des mumok prangt ab Ausstellungsbeginn ein Balkon. Besetzt ist er mit einer sich übergebenden Figur.

Ein Balkon für das mumok – Der kotzende ITALIENER

Für ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung in Österreich belässt es die Künstlerin Cosima von Bonin nicht dabei, ihre Werke ausschließlich im Inneren des mumok zu zeigen. Noch vor der großen Eröffnung wird sie vor dem großen Panoramafenster an der Front des Hauses einen Balkon anbringen lassen. Von Bonin hat ihre ursprüngliche Idee, auf dem Dach des Museums eine Rakete in Position zu bringen, auf der ein sich übergebendes Küken reitet, zugunsten eines einfachen Balkons, so wie er oft an Fassaden von Ein- und Mehrfamilienhäusern zu finden ist, aufgegeben. Auf die Nachfrage, weshalb sie sich anstelle der von Weitem sichtbaren Rakete, für die erst auf den zweiten Blick sichtbare Sonnenterrasse entschieden habe, antwortete von Bonin, die sich bekanntermaßen mit Interpretationen ihres eigenen Werks zurückhält, kurz und knapp: „Ich fand schon immer, dass das Museum einen Balkon haben sollte.“ Auf dem Balkon steht eine etwas hölzern und angespannt wirkende Figur. Sie erinnert in keinster Weise an die auf Hochsitzen und anderem Mobiliar herumlungernden, vor Erschöpfung und Müßiggang zusammengesunkenen Kreaturen, die ab 3. Oktober hinter dem großen Fenster, hinter ihrem Rücken also, zu Scharen das Museum besetzen werden. Von Bonin nennt sie DER ITALIENER – in Anlehnung an den gleichnamigen Film des österreichischen Filmemachers Ferry Radax von 1972, der nach einem Drehbuch von Thomas Bernhard entstand. Dieser „Italiener“, von einer eher mageren Statur, steht da mit einer Mischung aus forscher Grandezza und introvertierter Zurückgezogenheit, vor allem aber als auseinandersetzungsfreudiger Unruhestifter, eine Art Agent Provocateur. Ihm wird schlecht, und er muss sich übergeben. Ob er das tut, weil ihm die Höhe zu schaffen macht, er die Nase von seinem Joch und sich endgültig voll hat, oder sich gegen Cosima von Bonin auflehnt und deshalb ihrer Ausstellung den Rücken kehrt, bleibt den Mutmaßungen der einzelnen BetrachterInnen überlassen.

TOCOTRONIC: Konzert am 4. Oktober

Sound und Musik sind für die Künstlerin Cosima von Bonin ein maßgeblicher Bestandteil ihrer Arbeiten. Die begnadete Netzwerkerin bezieht in ihre Ausstellungsprojekte stets befreundete KünstlerInnen auch anderer Genres mit ein. Der Kreis der Mitwirkenden wächst stetig. Zum Auftakt ihrer Retrospektive im mumok spielt eine Combo, die sie schon seit mehr als einem Jahrzehnt begleitet: „die unpeinlichste, stilsicherste und höflichste deutschsprachige Band überhaupt“ (Die Welt) – Tocotronic. Am 4. Oktober 2014, 20.30 Uhr, geben die vier Musiker in Wien ihr einziges Österreichkonzert des Jahres. Tickets können über Ö-Ticket bezogen werden. Die Konzerttickets gelten auch als Eintrittskarten zur Ausstellung im mumok.

Die Band Tocotronic, die mittlerweile auf über 20 Jahre gemeinsame Geschichte und zehn Alben zurückblicken kann, spielt in Wien unter anderem Songs aus ihrem Jubiläumsalbum Wie wir leben wollen. Auf ihrem 17 Titel umfassenden musikalischen Epos verneigen sich die selbst ernannten „Plüschophilen“ mit dem Song „Neue Zonen“ auch vor Cosima von Bonin, die gleichermaßen kunstvolle Kusshände in Richtung der den Trainingsjacken mittlerweile entwachsenen Jungs wirft. Seit 2000 dauert der Austausch der bildenden Künstlerin und des Kopfes der Hamburger Formation, Dirk von Lowtzow, nun schon an. Sie beziehen sich immer wieder auf die Arbeit des/der anderen, zitieren einander und produzieren füreinander. Cosima von Bonin gestaltete bereits mehrere Cover für Dirk von Lowtzows Zweitband Phantom Ghost, zum Beispiel in Form des überdimensionalen Mobiles Thrown out of Drama School (2008) für die gleichnamige Platte. Auch das Bühnenbild für den Auftritt von Phantom Ghost beim Berliner Festival Foreign Affairs am 7. Juli 2014 stammt von ihr. Der Sänger und Songwriter schreibt Texte über das Kuscheltierimperium von Bonins und taucht immer wieder in unterschiedlichen Rollen im Programm der Ausstellungen der in Köln lebenden Künstlerin auf.

www.mumok.at

Wien, 1. 10. 2014