Houchang Allahyari: Goli Jan. Ich darf kein Mädchen sein

September 8, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neuer Spielfilm und Retrospektive zum 80. Geburtstag

Fatima Amiri als Goli Jan. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nach seinen Dokumentarfilmen „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727) und „Die Liebenden von Balutschistan“ kehrte Houchang Allahyari in den Iran zurück, um einen Spielfilm zu drehen, dem es an Aktualität wahrlich nicht mangelt. Geschildert wird die Geschichte von Goli Jan, einer jungen Frau, die – nachdem ihr Vater von den Taliban ermordet wurde und ihr Onkel sie an einen alten Mann zwangsverheiraten will –

gemeinsam mit dem Fahrradboten Jawad aus Afghanistan in den Iran flieht und sich als Junge verkleiden muss, um nicht aufzufallen. Stets in Angst vor der Rache des mächtigen Onkels, begegnen die beiden neben verschlagenen auch hilfsbereiten Zeitgenossen, die sie bei sich aufnehmen und ihnen die Chance für einen Neuanfang eröffnen. Der Film, der am 9. September im Metro Kinokulturhaus Premiere hat, ist eine mit sparsamen Mitteln hergestellte, aber umso persönlichere Auseinandersetzung mit den Themen weibliche Selbstbestimmung, männliche Dominanz, Solidarität, grenzübergreifende Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, mit einem Wort: ein echter Allahyari, und dies zu Zeiten da „Afghanistan“ vielen ein Reizwort ist.

Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit Allahyari-Sohn Tom Dariusz und der künstlerischen Leiterin des diverCITYLAB Asli Kişlal (www.divercitylab.at). Begleitet wird die Premiere von einer Retrospektive zum 80. Geburtstag von Houchang Allahyari. Und so beginnt die Story. Mit einer beklemmenden Stille über Ruinen, voller Staub über brachliegendem Land, und kein Lebensraum nirgendwo. Flüchtende Kinder, allesamt männlich, springen auf einen Pickup, von den – vor den jüngsten Entwicklungen – geschätzt drei Millionen illegaler afghanischer Flüchtlinge im Iran sind zahlreiche unbegleitete zwischen zehn und achtzehn Jahren. Lieferant Jawad fährt mit dem Fahrrad durch ein Geisterdorf, „keiner weiß noch, wer gegen wen kämpft“, sagt er, und sieht Goli Jans Vater Gashem mit den beiden Dorfcapos im Streit um die Wasserrechte für die Felder.

Die sind an der Macht. Ich habe mich arrangiert, um zu überleben“, wird ihn sein älterer, wohlhabender Bruder später schelten, doch da wird schon Gashems Leichnam nach Hause getragen. Die Dorfobersten, an denen Allahyari die brutale Willkürherrschaft der Taliban festmacht, deren Tyrannisieren der eigenen Leute, sind wieder dabei Jungen „einzusammeln“. Auch Jawad steht auf ihrer Liste, der schmiedet Pläne für die Flucht in den Iran. Der vor Begierde sabbernde Onkel will Gashems Witwe „aus Mitleid“ heiraten, „wenn ihr arbeiten geht, bringt ihr Schande über mich“, und auch Goli Jan an den Ehemann bringen.

Der betagte Bräutigam hat schließlich schon bezahlt, er reist an. Mit einem Schaf, ein paar Plastikblumen und seiner ersten Frau zur Begutachtung der alsbald zweiten. Es ist die Szene, in der Goli Jan mit dem Brennstoff, mit dem sie Feuer unterm Teekessel machen soll, sich selbst entzünden will, der ihre Mutter bewegt, das Mädchen Jawad anzuvertrauen. Verkleidet als „Cousin Assad“, verstaut im Kofferraum eines Schleppers.

„Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten. Flüchtlinge aus Afghanistan haben sie mir bei den Dreharbeiten von meinem Dokumentarfilm ,Rote Rüben in Teheran‘ erzählt“, erklärt Houchang Allahyari im Gespräch. Seine Protagonistinnen und Protagonisten hat der Filmemacher vor Ort gecastet: „Es sind alles Laien, außer der Darstellerin der Mutter von Goli Jan, Halimeh Nassim Amiri. Sie ist Radiosprecherin in einem afghanischen Sender in Iran, hat großes Interesse an Film und Kunst, und zeigte von Anfang an Verständnis für das Projekt. Ihre Tochter Fatima übernahm die Rolle von Goli Jan, obwohl das für afghanische Frauen verboten ist, und durch sie und ihre Mutter habe ich den Darsteller von Jawad, Nemat Amiri, gefunden.“

Derart entstand ein großartig empathischer, eindringlicher Film, Allahyaris erster im Iran gedrehter Spielfilm, freilich ohne offizielle Erlaubnis, doch mit Hilfe von Regisseur Babak Behdad, der sich um Drehgenehmigungen „für sich selber“ kümmerte und das Drehbuch in einen stimmigen afghanischen Dialekt übersetzte, und Allahyaris wie stets warmherziger Blick aufs Ensemble wird diesmal noch durch dessen Authentizität aufgewertet.

Halimeh Nassim Amiri (re.) . Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mutter und Tochter. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mit Nemat Amiri als Jawad. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nemat Amiri und Fatima Amiri. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Allahyari: „Es gab zwar ein fertiges Drehbuch, aber ich habe es an Fatima und Nemat angeglichen. Wir mussten auch darauf Rücksicht nehmen, dass Fatima während der Dreharbeiten der Schule nicht fernbleiben konnte. Sie legt großen Wert auf Bildung, Nemat weniger. ,Wenn du schon keine Bücher liest, dann schau Fernsehen, damit du etwas lernst‘, hat sie zu ihm gesagt. Der Satz ist nun im Film. Es ist sehr viel von ihr eingeflossen, vor allem der Mut und die Kraft, mit denen sie sich Schwierigkeiten stellt.“

Über weite Strecken ist „Goli Jan“ ein Roadmovie. In langen, langsamen Einstellungen hält der in seiner Heimat hochgehandelte Kameramann Reza Teymouri die karge Landschaft fest, Einöde und Einheimische, Gesichter, in die sich ihr Schicksal eingegraben hat, ohne jemals in die Lokalkolorit-Falle zu tappen. Und je näher Goli Jan und Jawad Richtung Teheran kommen, umso mehr bangt man um eine Love Story zwischen den beiden (Spoiler: Man wird nicht enttäuscht werden und doch Houchang Allahyari das Ende seines Films niemals verzeihen).

Die Betreiberin einer Pension, auch dieser Kurzauftritt ein scharf gezeichneter Charakter, verdient sich ein Zubrot als Schmugglerin von Illegalen in die Hauptstadt, wo Jawad und „Assad“ Arbeit am Bau finden. Anrührend ist das, wie Gentleman Jawad die ihm Schutzbefohlene vorm gemeinsamen Waschen mit anderen Arbeitern rettet. „Es duschen immer zwei Mann, um Wasser zu sparen“, bescheidet ihm der anlassige Landsmann Vahid, der die Scharade längst durchschaut hat. In ihrer Not wendet sich Goli Jan an die Frau des Bauunternehmers, Neda Urudji und Mehdi Urudji als die guten Menschen von Teheran, die ihr einen Job als Hausmädchen gibt und sie für die Schule anmeldet.

Es kommt der Moment, da Jawad beinah schon den Arm um Goli Jan legt, sie prahlt mit ihrem Englischunterricht, er sagt den einzigen Satz, den er kann: I love you. Doch Vahid hat die jungen Liebenden an den tobenden Onkel verraten – und der rückt samt Gefolge an … Denkt man, mit welch großen Gesten und Tränendrück-Gefühlen an ein solches Thema herangegangen hätte werden können, beeindruckt Allahyaris Schlichtheit umso mehr. Reza Teymouri hat durchgehend mit Handkamera gearbeitet und „unbewegte Einstellungen nur mit einem Polster stabilisiert“, so Allahyari. „Goli Jan“ ist sein sanfter Appell, mitsammen daran mitzuwirken, dass Happy Endings möglich sind.

Doch apropos: Houchang Allahyari leistet sich einen Cameo-Auftritt als mehr oder minder er selbst, der in einem von Mehdis Häusern eine Wohnung bezieht. Als Goli Jan und Jawad als Putztrupp erscheinen und den Herrn Doktor nach dem Paradies Österreich fragen, kann der ihnen nur bedingt Hoffnungen machen. Wenn der Filmemacher über Rassismus, Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, Ausländerfeindlichkeit und sein eigenes „Fremd-Sein“ referiert, ist das wie eine verbale Ohrfeige für die heimischen Verhältnisse (Allahyaris anderer Sohn Kurosch ist Obmann des Vereins Purple Sheep: www.purplesheep.at). Dennoch wird sich das Paar von der strapaziösen und gefährlichen Reise nicht abhalten lassen, wie zum Schluss ein Telefonat in Wien beweist …

„Goli Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ ist dazu angetan, die via Medien gefilterten Nachrichten neu zu bewerten und den Begriff „Afghanistan“ neu zu denken. Nicht nur die radikalen Islamisten, ein gesuchter Terrorist als Innenminister, ein ehemaliger Guantanamo-Häftling als Chef des Geheimdienstes und die Scharia machen dieses Land aus, sondern auch die Zehntausenden, die stillschweigend leiden und dulden, weil Widerstand ohne Hilfe von außen zwecklos ist. Es sind Frauen, Männer, Alte und Kinder, die – um Shakespeare zu bemühen – wie wir bluten, wenn man sie sticht. Höchste Hochachtung vor den Frauen, die dieser Tage unter Lebensgefahr in Kabul für ihre Rechte demonstrieren!

Abschlussfrage an Houchang Allahyari: Wird „Goli-Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ auch im Iran im Kino laufen?Nein, das ist in diesen Zeiten nicht möglich, da vor allem die Schauspielerinnen sehr gefährdet wären. Sie könnten von ihrer Familie verstoßen, sogar ermordet werden, da sie in ihren Augen Schande über sie bringen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ij802VaOyU4          www.filmarchiv.at

Retrospektive

Anlässlich des Kinostarts von „Goli Jan“ und des 80. Geburtstags von Houchang Allahyari präsentiert das Filmarchiv Austria eine Auswahl seiner Arbeiten. Im Metro Kinokulturhaus wird eine umfangreiche Retrospektive parallel zum Kinostart von „Goli Jan“ anlaufen. Sie beginnt am 16.9. um 19 Uhr mit „Der letzte Tanz“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari. Preview „Seven Stories about Love“ am Sa, 18.9. um 19 Uhr, anschließend um 21 Uhr noch „Rote Rüben in Teheran“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Houchang Allahyari (M.) Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

I love Vienna, A 1991. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf + Der mit dem gelben Pullover (17.9., 18 Uhr + 30.9., 19 Uhr)
Rote Rüben in Teheran (18.9., 21 Uhr + 24.9., 18 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727

I love Vienna (19.9., 19 Uhr + 26.9., 19 Uhr)
Höhenangst (19.9., 21 Uhr + 28.9., 18 Uhr)
Geboren in Absurdistan (20.9., 19 Uhr + 5.10., 20 Uhr)
Die verrückte Welt der Ute Bock (20.9., 21 Uhr + 7.10., 18 Uhr), Interview mit Houchang Allahyari: www.mottingers-meinung.at/?p=31182

Das persische Krokodil + I like to be in America + The Mozart Minute (22.9., 18 Uhr + 4.10., 20 Uhr)
Pasolini inszeniert seinen Tod + Die Wahrheit + Trotz alldem (29.9., 19 Uhr + 13.10., 18 Uhr)
Der Gast (24.9., 19 Uhr + 1.10., 21 Uhr)
Rocco (23.9., 19 Uhr)
Robert Tarantino (27.9., 19 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512

Mehr Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=44455           www.filmarchiv.at

  1. 9. 2021

Houchang Allahyari: Online-Retrospektive

Februar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 80. Geburtstag im Filmarchiv Austria

Houchang Allahyari. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

„Als ich ins Land kam, gab es nie solche Probleme, wie heute. Wir waren Exoten, das ja, aber deswegen auch gut behandelt. Die Leute waren nett und hilfsbereit, ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein Ausländer bin. Diese Ausländer-Sache ist langsam gekommen und immer mehr geworden“, sagt Houchang Allahyari im Gespräch mit mottingers-meinung.at. und fragt sich wie uns: „Wo ist diese Freundlichkeit geblieben?“ (Das ganze

Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=31182 anlässlich seines Films „Ute Bock Superstar“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31289). Heute feiert einer der unermüdlichsten und außergewöhnlichsten Filmemacher – und Psychiater – seinen 80. Geburtstag. Von 5. Februar bis 18. März widmet ihm das Filmarchiv Austria eine Online-Retrospektive. „Houchang Allahyari verkörpert meine Vorstellungen vom orientalischen Ideal, bei dem Familie und Individuum, Tradition und Weltoffenheit, Glaube und Wissenschaft keine Gegensätze bilden, sondern eine elastische Einheit sind«, so Schauspieler und Regiekollege Karl Markovics anlässlich der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien im Jahr 2012.

1941 in Teheran geboren, kommt Allahyari als junger Mann nach Österreich, um Medizin zu studieren und Filme zu machen. Seit Mitte der 1980er-Jahre entsteht so – mit unbeirrbarem Schaffensdrang und oft unabhängig produziert – ein beachtenswertes Werk, in dem er sich selten um Publikumserwartungen sorgt, sondern mehr um die Menschen, die im Zentrum seiner Arbeit stehen. Für Allahyari ist sein Geburtstag deshalb kein Grund zu feiern – nicht aus Angst vor dem Alter, der Jahreszahl oder gar COVID-19, sondern weil der Umtriebige das Gefühl hat, dass ihm bei den vielen Projekten, die er im Kopf hat, allmählich die Zeit davonläuft.

Zwei neue Filme sollen dieses Jahr Premiere haben. „Der eine heißt ,Goli Ja‘ über ein Mädchen, das keines sein darf und den ich in Afghanistan und Iran gedreht habe. Ich hoffe, dass der Film nach mehreren Verschiebungen nun endlich im März oder April Premiere haben kann. Und der zweite ist mein Episodenfilm ,Seven Stories about Love‘, der vielleicht in einem halben Jahr in die Kinos kommen könnte“, so Allahyari zur APA.

Nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie betrieb Allahyari eine Ordination, war als Neurotraumatologe und Psychiater im Lorenz-Böhler-Krankenhaus tätig und arbeitete daneben 20 Jahre lang für das Justizministerium in Haftanstalten als Psychiater für Drogenabhängige. Und noch heute hat er seine eigene Wahlarztpraxis in Wien.  Doch während er an verschiedenen Kliniken und vor allem Strafanstalten wirkt, reift in ihm auch der Wunsch, Filme zu machen. Auf für damalige Verhältnisse extrem innovative Weise bringt er beides in einem Therapieansatz zusammen und ruft mit seinen Schützlingen eine Filmgruppe ins Leben.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf, A 1990. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

I Love Vienna, A 1991. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Seine Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit lässt Allahyari bis heute in seine Filme einfließen: Von „Borderline“ bis zu „Der letzte Tanz“ – mit Erni Mangold in der gewagten Rolle einer Alzheimerpatienten, die eine intime Beziehung mit einem jungen Zivildiener beginnt, erzählen sie von zerbrechlichen Außenseitern, die in völlig unvorbereitet mit einem System konfrontiert werden, das sich aus Repressionen und Brutalität speist, und die so buchstäblich durch den „Fleischwolf“ gedreht werden.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen macht Allahyari ebenso regelmäßig zum Thema seiner Werke. Seine schwarze Komödie „I love Vienna“ mit einem jungen Michael Niavarani war 1991 der erfolgreichste österreichische Film und wurde als Kandidat für den Auslandsoscar eingereicht. Auch mit „Höhenangst“ über einen Häftling, gespielt von Fritz Karl, der in einem Dorf ein neues Leben beginnen will, erlangt er internationale Aufmerksamkeit. Heimische Filmprominenz wie Josef Hader und Karl Markovics wirkt daraufhin in der Produktion „Geboren in Absurdistan“  aus dem Jahr 1999 mit, in der eine österreichische und eine türkische Familie in einem Krankenhauszimmer aufeinandertreffen.

Die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit erlangt Allahyari dann mit dem Kinodokumentarfilm „Bock for President“, den er gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Allahyari dreht und der 2010 mit dem erstmals vergebenen Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wird. Der Film begleitet die Flüchtlingshelferin Ute Bock, Allahyaris Ex-Schwägerin, zwei Jahre lang bei ihrer Arbeit und stellt neben ihrem unermüdlichen Engagement für Asylsuchende die Situation von Flüchtlingen in Österreich in den Mittelpunkt.

Mit „Die verrückte Welt der Ute Bock“ und „Ute Bock Superstar“ folgten zwei Fortsetzungen. 2013 entsteht „Robert Tarantino“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512, dieser ein „Rebel without a Crew“, der gegen alle Widerstände in Wien einen No-Budget-Trash-Horrorfilm angelehnt an die Arbeiten seiner Vorbilder Robert Rodriguez und Quentin Tarantino drehen will.

Die Liebenden von Balutschistan, A 2017. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Der letzte Tanz, A 2014. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Höhenangst, A 1994. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

„Bei allen Unterschieden in der Dramaturgie haben alle Filme mit mir und meiner Umgebung zu tun, behandeln Themen, die ich in der einen oder anderen Art erlebt habe. Ein weiterer Aspekt ist die Menschlichkeit“, sagt Allahyari. „Houchang Allahyari ist bis heute Optimist. Der Gewalt gegen die Schwachen setzt er das unerschütterlich Gute entgegen: Sie sind nicht alleine auf dieser Welt, weil es Menschen gibt, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Wenig überraschend sind diese Menschen häufig Ärzte oder Pfleger – jedenfalls sind ihnen Wesenszüge wie Eitelkeit oder Egoismus fremd“, so Filmarchiv-Austria-Kurator Florian Widegger.

In den jüngst vergangenen Jahren hat Allahyari nach langer Zeit seine erste Heimat wieder besucht und sie auch filmisch auf unterschiedlichste Weise erforscht. So wandte sich der Polystilist mit „Die Liebenden von Balutschistan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23791) gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch wieder dem Dokumentarfilm zu und zog durch den Nahen Osten. „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727 ) heißt Allahyaris gemeinsam mit Tom-Dariusch entstandener Dokumentarfilm über den Iran, das heißt eigentlich: dessen Menschen, und der für den einen den ersten Besuch nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit, für den anderen die erste Reise ins Familienherkunftsland bedeutete.

Was nicht nur Fragen über „Fremdsein“, zu Identität, Mentalität und deren Unterschieden in neue Zusammenhänge setzt. Irgendwann im Film erzählt Houchang Allahyari eine Anekdote aus seiner Schulzeit. Seine Mitschüler und er hatten nasse Tücher an die Zimmerdecke geworfen, um dem Direktor einzureden, dass es in die Klasse regnet. Der Bluff hat funktioniert, man wurde nach Hause geschickt, aber bog schon an der nächsten Ecke ab, um sich im Kino „Et Dieu… créa la femme“ mit Brigitte Bardot anzusehen. Heute gibt es diese Teheraner Straße der Lichtspielhäuser nicht mehr, nur leere Ruinen …

Den Lockdown hat der Regisseur unter anderem für die Vorbereitung der Online-Werkschau genützt: „Ich hatte Zeit, meine alten Filme zusammenzusuchen und für die Retrospektive im Filmarchiv digitalisieren zu lassen. Ich war zwar daheim, habe aber viel gearbeitet. Und: ich finalisiere gemeinsam mit meiner Tochter ein neues Buch. Mir war also keine Sekunde langweilig.“

Die Filmliste:

5. bis 12. Februar: Der letzte Tanz, Houchang Allahyari, A 2014 / 12 bis 18. Februar: Fleischwolf, Houchang Allahyari, A 1990 / 19. bis 25. Februar: I Love Vienna, Houchang Allahyari, A 1991 / 26. Februar bis 4. März: Höhenangst, Houchang Allahyari, A 1994 / 5. bis 11. März: Geboren in Absurdistan, Houchang Allahyari, A 1999 / 12. bis 18. März: Die verrückte Welt der Ute Bock, Houchang Allahyari, A 2010, und  Die Liebenden von Balutschistan, Houchang Allahyari, Tom-Dariusch Allahyari, A 2017.

www.filmarchiv.at

  1. 2. 2021

Ilija Trojanow: Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen

Mai 31, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Das passende Buch vor Rio 2016

u1_978-3-10-080007-7Ilija Trojanow, in Wien lebender Autor des „Weltensammlers“, nimmt den Leser diesmal mit in die Welten des Sports. Während der Olympischen Spiele 2012 fasst er nämlich einen ehrgeizigen Entschluss. Er will alle achtzig Olympia-Sommer-Einzeldisziplinen trainieren. Sein Ziel: halb so gut abzuschneiden wie der Goldmedaillengewinner von London. Gesagt, getan. Trojanow wirft Diskus, Speer und Hammer, spielt Badminton, misst sich im Zehnkampf, bezwingt im Kajak das Wildwasser, er lernt Ringen im Iran, boxt in einem legendären Gym in Brooklyn, absolviert das Judotraining in Japan und läuft im Hochland von Kenia. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist nun in „Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen“ nachzulesen. Ilija Trojanows Bericht einer Selbsterfahrung gewährt einen einzigartigen, faszinierenden Einblick in die Welten und Milieus des Sports. Eine ebenso kluge wie humorvoll-selbstironische Reflexion über Grenzen, über die Beziehung von Geist und Körper und über das Älterwerden. Großartig geschrieben, mit der leichten Hand eines Fechters und dem Punch eines Boxer, ist dieses Buch genau das passende vor Rio 2016.

Über den Autor:
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia, wo der Autor zu einem begeisterten Sportler wurde. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie an der Universität München. In München gründete er 1989 den Kyrill & Method Verlag und 1991 den Marino Verlag. Heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine weithin bekannten Romane wie „Der Weltensammler“ und zuletzt „Eistau“ sowie seine Reisereportagen wie „An den inneren Ufern Indiens“ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Herbst 2015 erschien bei S. Fischer sein großer Roman „Macht und Widerstand“, Ilija Trojanow dazu im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14956. Am 16. September hat am Landestheater Niederösterreich die Dramatisierung seiner Romans „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ Premiere (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=20180).

S. Fischer, Ilija Trojanow: „Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen“, Sachbuch, 336 Seiten.

Buch-Premiere:

Ilija Trojanow stellt sein Buch am 5. Juni im Volkstheater Wien in der Roten Bar vor. Musikalische Begleitung: Alexander und Konstantin Wladigeroff. Der Eintritt ist frei.

www.fischerverlage.de

Wien, 31. 5. 2016

Neue Musicals im Wiener MQ und in der Bühne Baden

November 5, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Neat, sweet, petite: Uwe Kröger spielt Gomez Addams

Uwe Kröger und Edda Petri Bild: Brinkhoff/Mögenburg

Uwe Kröger und Edda Petri
Bild: Brinkhoff/Mögenburg

Die Addams Family erwacht zu neuem Leben: Ab 2. November 2016 sind Uwe Kröger als Gomez Addams und Edda Petri als seine elegant-untote Morticia im Wiener Museumsquartier, Halle E, im Erfolgsmusical von Andrew Lippa, Marshall Brickman und Rick Elice zu sehen. Regie führt Andreas Gergen. Der Opernchef des Salzburger Landestheaters hatte zuletzt „Der Besuch der alten Dame“ für die Vereinigten Bühnen Wien inszeniert, ebenfalls mit Kröger in einer Hauptrolle.

Im Broadway-Spaß durchleidet Gomez – ausnahmsweise einmal nicht lustvoll – die Höllenqualen jedes Vaters: Seine Tochter Wednesday hat sich verliebt und ihr Auserwählter ist alles andere als ein Prinz der Finsternis. Wednesday beschwört den Vater, ihr Geheimnis vor der gestrengen Mutter zu wahren, für den verliebten Ehemann schier unmöglich. Als dann auch noch die total normale künftige Schwiegerfamilie zum Besuch antritt, ist die Katastrophe in eiskalter Reichweite.

Hinter dem MQ-Musicalprojekt steht  jemand, der bis dato wenig mit dem Genre zu tun hatte: Der einstige Intendant der Opernfestspiele St. Margarethen, Wolfgang Werner, mit seiner neuen Firma. Er werde sich mit Wolfgang Werner Entertainment künftig darauf konzentrieren, Projekte verschiedenster Art nach Österreich zu holen, kündigte er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach seinem unsanften Abgang bei den Festspielen im Vorjahr an. Dazu würde laut APA ein Papageno-Stück in Rust am Neusiedler See gehören, das 2017 verwirklicht werden könnte. Bevor Kröger in Gomez‘ Haut schlüpft, bereitet sich der Musicalstar noch auf seine Premiere von „Annie“ am 10. Dezember im Salzburger Landestheater vor. Für „The Addams Family“ hat der Kartenvorverkauf bei oeticket begonnen.

Trailer:  theaddamsfamilymusical.de/medien-info

Musicaluraufführung: „In 80 Tagen um die Welt“ an der Bühne Baden

Doch Musicalfreunde haben einen viel näherliegenden Grund zur Freude: Am 14. November 2015 wird an der Bühne Baden die Musicalfassung von „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Vernes Roman uraufgeführt. Das nunmehr musikalische Abenteuer stammt aus der Feder von Beppo Binder, die Musik von Pavel Singer. Binder singt auch den Diener Passepartout, als Phileas Fogg ist René Rumpold zu sehen. Der wunderbare Lorin Wey, zuletzt an der Neuen Oper Wien in Shostakovitchs „Die Nase“ zu erleben, spielt Detectiv Fox.

www.buehnebaden.at

Wien, 5. 11. 2015