aktionstheater ensemble: „6 Frauen 6 Männer“ im Kosmos Theater Wien

Januar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Suche nach Selbstbildern

Anti-Helden im Feinripp: Andreas Jähnert, Benjamin Vanyek, Sascha Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Peter Pertusini. Bild: Gerhard Breitwieser

Nicht, dass es nicht klar gewesen wäre, aber einmal mehr zeigte sich gestern Abend, dass es so viel besser ist, eine Frau zu sein. Weil als solche trinkt man Sekt gleich flaschenweise, während die Männer sich mit Sprudelwasser begnügen müssen. Überhaupt ist’s, als träfen wilde Bacchantinnen auf ein Therapiegrüppchen, hie Ekstase, da Krampf, die Frauen grölen anstößige Lieder, die Männer geben einander Tipps zum Massieren von Rosen. Damit die sich öffnen.

Und ja, es wäre zu schön, um wahr zu sein, hätten sie das doppeldeutig gemeint. Also … Zum 30-Jahr-Jubiläum des aktionstheater ensembles hat dessen Mastermind Martin Gruber die aktuelle Produktion „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ und die 2015 für den Nestroy-Preis nominiert gewesene „Pension Europa“ zum Abend „6 Frauen 6 Männer“ verknüpft, derzeit zu sehen im Kosmos Theater Wien. Wie stets beweist Gruber damit Gespür für die Themen der unmittelbaren Gegenwart – von Genderfragen und Rollenklischees bis zu Grenzziehungen und gesellschaftlichen Exklusionen. Entstanden aus Recherche und Selbstbefragung, für die aktuellen Termine textlich und inszenatorisch neu bearbeitet und musikalisch neu interpretiert, hebt Gruber doch zwischen Teil eins und zwei die Ähnlichkeiten in den Unterschieden hervor.

Sie reichen von Sexproblemen bis Körperunzufriedenheit, von der Suche nach einem Selbst- bis zum unangenehmen Fremdbild, Wurzel allen Übels das gegenseitige Missverstehen der Geschlechter – solcherart präsentieren die Performerinnen und Performer ihre unerbittliche Bestandsaufnahme, die Streitpunkte und die Schnittmengen, machen mit beißendem Witz das Politische zum Privaten und das Private zum Politischen, immer hart an der Kante von Selbsterkenntnis und Rollenspiel, und wie immer als theatrale Verdichtung von Sprache, Musik und Choreografie zu einem großen Ganzen.

Den Anfang machen die Männer, Andreas und Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek, begleitet von Musikerin und Sängerin Nadine Abado mit ihrem Projekt PH LION. In weißer Feinrippwäsche und mit einer beständigen „Wohin mit den Händen?“-Bewegung beginnt das Abklopfen von Männlichkeitsstereotypen, wobei nicht nur der ewig untote Machismo, sondern auch „der neue Mann“ satirisch aufs Korn genommen wird. Eine so grandiose wie gnadenlose Nabelschau ist das geworden, Alltagsbeobachtungen als Essenz kredenzt, ein Auflisten von Versagensängsten und erotischen Albträumen, von ödipalen Komplexen und unheilbarer Hypochondrie.

Kirstin Schwab, Alev Irmak und Michaela Bilgeri, die im Kosmos Theater mit Gipsbein spielt. Bild: Felix Dietlinger

Will die Frau in sich erspüren: Thomas Kolle mit Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Die Darstellung der diversen Identitätskrisen ist Hochleistungssport, bald haben sich die sechs schweißnass gearbeitet, wenn sie übers Anforderungsprofil Held auf weißem Hengst, handwerkliches Universalgenie, perfekter Hausmann, Liebhaber sowieso sinnieren. Von Baumarktgesprächen geht’s zum Reproduktionsurinstinkt, mag nicht einfach sein, sich mit einem Körperteil mit Eigenleben, oder im schlimmsten Fall keinem mehr, zu arrangieren, zum Quotenlosertum. Nicht umsonst, konstatiert der Schnelle-Fick-Typ Fabian, sei Versager ein männliches Wort. Wozu es allerdings zu sagen gilt, dass sich im Synonymlexikon dieser Tage unter „Frau“ nach wie vor die Begriffe Dienstmagd, Bettgenossin, Flittchen, unter „Mann“ hingegen die Vergleiche Herr der Schöpfung, das starke Geschlecht, Mannsbild finden.

„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich eine Frau in der Nacht auf dem Gehsteig überholen soll, so dass sie keine Angst vor mir hat …“, fragt sich der sensible Sascha, während Peter im Furor sein Mann-Sein zwischen die Beine klemmt, um „die Frau in mir“ zu erspüren. All diese Verstörungen werden zwar höchst empathisch dargeboten, aber weil Buben von klein auf Konkurrenz getrimmt werden, kommt’s zu Aggression, Schlägerei und Rudelringkampf. Benjamin, der einzige Widerpart, der einzige Schwule, und auch das ein Klischee, resümiert immer öfter: „Und warum erzählst du das jetzt?“, sein Tonfall genervt, seine Haltung ein klares Mit-denen-nichts-zu-tun-haben-Wollen. Doch die Videoprojektionen von Claudia Virginia aka Dornwittchen changieren schon zwischen bissigem Rottweiler und blutigem Schmetterling, so wie sich der Chauvinismus in einen Tanz mit Cheerleader-Pompons verwandelt.

Sechs Männer, sechs Sichtweisen, da ist logisch, dass kein Konsens gefunden wird. Es mag einem ein wenig die Stringenz des Gezeigten abgehen, aber wenn Nadine Abado die vorgeführte Selbstdekonstruktion in ihren fantastischen Livegesang übersetzt, so geht das tief unter die Haut. Nicht weniger irrwitzig, ebenso poetisch und um einiges schamloser zeigen sich Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Alev Irmak, Isabella Jeschke und Kirstin Schwab danach in „Pension Europa“, erste mit Gipsbein und von ihren Mitstreiterinnen im Rolli geschoben. Aisah Eisa singt zum Spiel ihre selbstverfassten Songs über die Suche nach dem Paradies. In nudefarbenen Dessous, die Brandt trägt darunter selbstironisch Shapewear, werden nun weibliche wahre Bekenntnisse und erdichtete Geständnisse offenbart.

Und wie bei den Männern sind diese haarscharf an der Peinlichkeit und knapp vorbei an der Plattitüde, was vor wie nach der Pause beim Publikum für höchstes Amüsement sorgt. Wie’s seine Art ist, schafft es Gruber tiefsinnig durch Untiefen, liefert er Humor mit Hintersinn und ins Absurde verpackt eine messerscharfe Analyse. Auf ebenfalls fast leerer Bühne, rechts ein Kleiderständer mit Brautmode, an der Rückwand wächst und gedeiht Felix Dietlingers Video-Blume, gestalten die Schauspielerinnen ausdrucksstarke Körperbilder, eine Selbstverteidigungschoreografie, Aktionismus mit „Stacheldraht“ à la Pjotr Pawlenski, was Kirstin Schwab gründlich missrät, weil ihr, meint sie, zum einen die asketische Christus-Attitüde des russischen Konzeptkünstlers abgeht, und zum anderen in Österreich für eine gelungene Performance zu wenig gelitten wird.

Selbstverteidigungschoreografie: Susanne Brandt, Aisah Eisa, Michaela Bilgeri, hier noch ohne Rolli, Isabella Jeschke, Kirstin Schwab und Alev Irmak. Bild: Felix Dietlinger

Dem ist angesichts des Dargebrachten deutlich zu widersprechen. Wieder drehen sich Gespräche um die Unlust des Äußeren, was Männern die vergleichende Penis-Vermessung ist, sind den Frauen Cellulite und Wabelarme – und ein Muttermal an den Schamlippen. Susanne Brandt erzählt von einem ägyptischen Urlaubsflirt, der ihr nun nach Europa nachflüchten will, was ihr gar nicht passt, und, dass sie mit den osteuropäischen Bettlern in der U-Bahn nicht umgehen kann.

Alev Irmak, dass in der Wahl zwischen der Türkei und Österreich Heimat für sie dort sei, „wo ich am besten scheißen kann“, was derzeit hierzulande ist. Derart werden persönlichste Begebenheiten zu gleichsam europäischen, die Frauen wechseln von deftig zu hart zu zart, und sie haben’s definitiv lustiger. „6 Frauen 6 Männer“ besticht mit seiner hohen Authentizität; den Mitwirkenden ist für ihren Mut und ihr performatives Potenzial sehr zu danken. Was das aktionstheater ensemble hier auf eindrückliche Weise veranschaulicht, ist, dass Veränderungen im vermeintlich Kleinen wie im Großen nur stattfinden werden, wenn man endlich damit anfängt. Freiheit soll man sowohl sich selbst, als auch den anderen gewähren, scheint Martin Gruber zu sagen. Welch ein versöhnlicher Gedanke, der diese beiden großartigen Aufführungen abrundet.

Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322

Trailer „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“: vimeo.com/279821837

Trailer „Pension Europa“: vimeo.com/97548144

kosmostheater.at          aktionstheater.at/

  1. 1. 2019

Rabenhof: 6 Österreicher unter den ersten 5

April 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nikolaus Habjan rockt die Show

Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm Bild: © fotopalffy

Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm
Bild: © fotopalffy

Werte Leserinnen und Leser, geschätztes Publikum, sehr geehrte Damen und Herren, wohnen Sie nun einer noch nie dagehabten Zweiteilung einer Rezension bei. Denn was im Rabenhof als Bühnenpremiere von Dirk Stermanns Roman „6 Österreicher unter den ersten 5“ zu sehen war, lässt sich nicht unter eine Kasperlmütze bringen.

Zunächst das Szenische: Nikolaus Habjan, Gott unter den Figuren, die er schuf, und Manuela Linshalm sind zwei begnadete Puppenspieler. Wie sie Charaktere und Gemüter, Stimmen und Stimmungen erzeugen ist formidabel. Dazu Aaron Friesz als quasi Stermann und der für die Musik zuständige Kyrre Kvam. Sie alle sind in der Regie von Simon Meusburger herausragend. Heike Mirbach hat dazu als Bühnenbild ein schön Wienerisches „Ringelspiel“ erdacht, einen drehbaren Raum, das heißt: Aaron Friesz dreht ihn per Hand, der Würstelstand, Schlafzimmer, Straßenbahn, Spital, Puff und Gemeindebau ist. In dieser Welt findet sie also statt die – Achtung:  Pressetext – „Geschichte eines Deutschen der nach Österreich aufbrach, um entpiefkenisiert zu werden.“ Als absurd-komische Puppenshow. Und Nikolaus Habjan rockt diese Show. Er ist großartig als melancholischer Robert, der Universalkommentator, der immer  knapp am Suizid lebt, und noch besser als Hartmut, der präpotente Piefke, der so gerne ein Qualtinger wäre. Die beste Figur übrigens. Er spielt und belebt den typisch rechtsradikalen Taxifahrer und den k.k. kafkaesken Beamten und den oligatorischen Hundsviecher-wegen-ihre-Trümmerl-Hausmeisterhasser und den Vereinshymnen singenden Rapidfan und … 

Linshalm steht ihm in nichts nach als Würstelfrau, dauerbetrunkene ORF-Maus, mit der man jederzeit b’soffenen Sex haben kann, oder „wilde Wanda“, die berühmte Zuhälterin von Wien. Dirk Stermanns Wiener Werdegegang ist ein wahrer Radetzkymarsch. Er schleppt sich durchs Nachtleben und taumelt durch Altbauten und liefert ein schräges Panoptikum von Österreich und seinen Eingeborenen. Hier wieder Pressetext: „Wie dereinst Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nach Amerika fuhr, zog der junge deutsche Student, Dirk Stermann, im Wintersemester 87/88 von Düsseldorf nach Wien, um eine für ihn fremde, exotische Welt zu erforschen und letztlich zu bleiben.“ Stermann: „Ich hatte keine Meinung zu den Österreichern. Aber womit ich nicht gerechnet hatte: Jeder Österreicher hatte eine Meinung zu den Deutschen. War es wirklich klug, als Rheinländer in ein Land zu ziehen, das heute noch von Córdoba schwärmt?“ Stermann hängt an einem „Gag“: Das uns Trennende ist die Sprache. Man MUSS es ihm lassen: Das ist total neu.

Und ab hier fliegt der Schas. Und zwar tief. Dass dieser Roman nach Erscheinen wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten stand, bringt einen zu einem Zitat von I Stangl: „Jedes Mal, wann i ma des News kauf, denk’ i ma: wer kauft si des?“ Klischee as Klischee can. Stermann lässt keines aus. Jede seiner Figuren ist eine Stereotype. Ganz Wien eine Geisterbahn. Mir san morbid, meistens ang’fressen, lauter Hiniche, a Oarschpartie, de Weiba blede Urscheln, aber des Goldene Wienerherz schlagt scho no in da Brust. Sätze wie „Wann mi ana fragt, ob mei Glasl halb voll oder halb leer is, sog i, i hob’s austrunken“ fallen. Oida, mir ham an Spiegl daham, mir sehn eh jeden Tog, wie ma san. Des kannst in Bad Böblinghausen und Nordrhein-Castrop-Rauxel spün, de wundern sie vielleicht. Hätt‘ no ana g’sogt: Da Tod is a Wiener – i warat zum Basilisk wurn. Stermann verwechselt Mentalität mit Skurrilität. Im ersten Drittel des Abends ist das noch recht unterhaltsam, verliert aber zunehmend an Substanz und wird zäh wie ein Kaugummi, der einem auf der Schuhsohle pickt. Was will uns der Autor damit sagen? Das Ganze ist wie „Asterix bei den Österreichern“ – schlachte alle Vorurteile aus, die es gibt, dann lachen sie schon, wirst sehen. Nur Mut.

Die Nabelschau schenkt Stermann sich. Was kann ein Deutscher schon an Ver-Fehlern haben? Lässt sich lieber am Schluss als Integrationspuppe, also „entpiefkenisiert„, vorführen. Stermann hat nicht verstanden, was der Österreicher am Piefke nicht mag. Da geht’s doch nicht um eine gestohlene Kaiserhymne (Was sollen wir singen? Gott erhalte unseren Kanzler?), um gemeinsam verlorene Weltkriege – und wer sich noch an Córdoba festhält, für den kommt eh jede Hilfe zu spät. Da geht’s nicht einmal mehr darum, dass die Deutschen vor dem Euro in Tirol oder Kärnten ganz selbstverständlich mit D-Mark bezahlt haben (und die Hüttenwirte sie beim Umrechnen ordendlich übers Haxl g’haut haben). Da geht’s nicht einmal mehr darum, dass der Ausdruck „Neckermänner“ ja nicht von ungefähr kommt. (Wer rennt denn um sechs Uhr Früh all inklusive Strandliegen mit Badetüchern belegen?) Da geht’s um große Goschn, nix dahinter. Es gab gerade ein aktuelles Beispiel dafür. Und apropos, Piefke: Mir san a ned de Ösis,vastehst? Jodelnde, schuachplattelnde Gebirgler, G’selchter. Ham’s bei dir eigentlich einbrochen? Und wenn schon Hans Moser: www.youtube.com/watch?v=qGXxpqOWLGw&feature=kp , Kurt Sowinetz: www.youtube.com/watch?v=oDjbbkGVT4Q , Helmut Qualtinger und André Heller: www.youtube.com/watch?v=bvBXZQdm5Qk bemüht werden, kann ich nur sagen: Da wurde was vergessen:

Travnicek: „Nau, wos brauch’ i des?“

Aber Manuela Linshalm, Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Kyrre Kvam san echt super!

www.rabenhoftheater.com

www.mottingers-meinung.at/dirk-stermann-im-gespraech/

Wien, 24. 4. 2014

Dirk Stermann im Gespräch

April 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Rabenhof: 6 Österreicher unter den ersten 5

Fotorätsel: Welche der Figuren ist Dirk Stermann?  Bild: © http://pertramer.at

Fotorätsel: Welche der Figuren ist Dirk Stermann?
Bild: © http://pertramer.at

Der Roman einer Entpiefkenisierung endlich auf der Bühne: Am 23. April feiert Dirk Stermanns Bestseller „6 Österreicher unter den ersten 5“ im Rabenhof Welturaufführungspremiere. Wie dereinst Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nach Amerika fuhr, zog der junge deutsche Student Stermann im Wintersemester 87/88 von Düsseldorf nach Wien, um eine für ihn fremde, exotische Welt zu erforschen und letztlich zu bleiben. Für einen fernreisenden Deutschen gibt es keine schwierigere Aufgabe, als in Österreich Integration zu erfahren, zu viele exotische Eindrücke, oide Huan, fette Taxla, lesbische Zuhälterinnen, der Hundefetisch  – eine neue Welt gilt es für ihn zu entdecken, eine neue Sprache zu lernen und vor allem, zu überleben. Die Nestroy-Preis-prämierten Masterminds des zeitgenössischen Puppentheaters  Nikolaus Habjan und Simon Meusburger schaffen aus Stermanns Erfolgsroman eine absurd-komische Show. Ein Gespräch mit Dirk Stermann:

MM: Wieso lassen Sie eigentlich das schönste Volk der Welt von Herrn Habjans skurrilen Puppen darstellen? Haben alle Burgmimen abgesagt?

Dirk Stermann: Die meisten Burgmimen haben abgesagt, weil man als Mensch neben den Puppen von Nikolaus Habjan nur verlieren kann. Weil die Puppen immer interessanter wirken, als es Menschen könnten.

MM: Sind Sie stolz, froh, glücklich, dass Ihr Bestseller „6 Österreicher unter den ersten 5“ zum Theaterabend wird?

Stermann: Ja, ich bin stolz, froh und glücklich.

MM: Apropos, Entpiefkenisierung: Ich weiß – Piefke: preußischer Militärmusiker. Aber ich muss bei Herrn Piefke immer an den Dackel aus Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ denken. Haben Sie doch einmal  positive Assoziationen zu dem Namen … 😉

Stermann: Miefke wär‘ schiarcher.

MM: Man – auch Sie in „Willkommen Österreich“ – sagt uns Österreichern gern einen Minderwertigkeitskomplex nach. Das ist kein Wunder. Laut Medien ist Christoph Waltz Deutscher, Michael Haneke Deutscher, sogar Udo Jürgens. Nur Hitler ist Österreicher Machen wir doch so: Ihr gebt uns Beethoven und wir euch Conchita eh schon Wurst.

Stermann: Ich bin schon so lang in Österreich, daß ich mit „Ihr“ und „Wir“ und „Unser“ und „Euer“ mich nur mehr vertu.

MM: Österreicher sollen auch depressiv, melancholisch, morbide sein. Wir sind doch eh lei lei! Wie würden Sie den klassischen Deutschen beschreiben? Es gibt allerdings einen Unterschied: Frage: Wie geht es dir? Deutschland: Mensch, bin supererfolgreich, mach’ ein Ding nach dem anderen. Antwort Deutschland: Ein Macher, den müssen wir für unsere nächste Sendung haben. Antwort Österreich: Na, der is eh so guat im G’schäft. Nemma lieba den Dings, der tuat sich grad schwer. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?

Stermann: Der Österreicher ist barocker als der Deutsche, um zu generalisieren. Protestantischer Strenge herrscht in Deutschland, in Österreich eine katholische Beichtkultur, in der natürlich mehr erlaubt ist, weil Gott dann doch vergibt. Im lutherischen Deutschland vergibt Gott nie. Das führt zu verkniffeneren Lippen.

MM: Und weil wir gerade bei Vorurteilen sind: Ich war mal in Japan. In angeheiterter Karaoke-Runde machten die Japaner uns Europäer nach: In Österreich sitzen am Verhandlungstisch die Stellvertreter der Stellvertreter, sagen Vielleicht, Werden wir sehen, Müssen wir besprechen, Reden wir beim nächsten Meeting drüber. Raus kommt nichts. In Deutschland sitzen am Verhandlungstisch die Verantwortlichen, machen Nägel mit Köpfen, und wenn man aufsteht, ist alles gesagt und alles geklärt. Stimmt das?

Stermann: Der Deutsche ist, statistisch gesehen, bei Gesprächen mehr an Informationsweitergabe interessiert, der Österreich am Klang der Sprache.

MM: Die Sprache ist bekanntlich das uns Trennende. Wir hatten mal eine US-Austauschstudentin, die hat daheim natürlich deutsch-deutsch gelernt, und  bestellte beim Floridsdorfer Bäcker „Brötchen“. Antwort: Brötchen is bei uns wos mit Ei und Gurkerl drauf. Was war Ihre schlimmste Sprachsünde?

Stermann: Im Entpiefkenisierungssprecherkurs hab ich das österreichische „Ei“ nicht aussprechen können. Das Deutsche „Ai“ gewann immer gegen das Österreichische „Aei“. Nach 20-30 Eiern gaben die Sprechlehrerin und ich auf und tranken vergnügt einen Kaffee.

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DMBdPFHFgUc

Wien, 17. 4. 2014

Das „Arme Theater Wien“ im „Zimmer Nr. 6“

Mai 3, 2013 in Tipps

Schöner Abschluss der Tschechow-Trilogie

Szekely, Pauer  Bild: © Vondru

Szekely, Pauer
Bild: © Vondru

„There never was a smile like his“, schrieb Samuel Beckett. Er ist nicht der einzige, der Anton Tschechow verehrt, ja fast in ihn verliebt war. Die illustre Fangemeinde reicht von Thomas Mann bis Woody Allen. Und natürlich zum Armen Theater Wien. Das beendet seine Tschechow-Trilogie („Die Möwe“ 2010, „Onkel Wanja“ 2011, „Drei Schwestern“ 2012) mit „Zimmer Nr. 6“. Durch dessen Tür man in einen völlig neuen Assoziations- und Bedeutungsraum der Tschechow’schen Welt gelangt.

Premiere ist am 9. Mai im Wiener WUK-Projektraum.

„Wenn Sie nicht fürchten, sich an den Nesseln zu verbrennen, so gehen wir zusammen den schmalen Pfad entlang, der zu dem Nebengebäude führt, und schauen, was sich dort abspielt.“ Lautet so eine Art Leitsatz zum Stück, in dem der Zugang zu Tschechow  nicht unmittelbar im Text stattfindet. Man begegnet eher Fragmenten, Fragen, aus denen sich Figuren zu entwickeln versuchen. Nichts ist da antiquiert, sondern alles „neue Struktur“. Man darf gespannt sein. In der Regie von Erhard Pauer spielen Manuel Heuser, Manfred Jaksch, Georg Leskovich, Johannes Nepomuk, Krista Pauer und Piroska Szekely.

www.armestheaterwien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. Mai 2013