Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018

Womit haben wir das verdient? – Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch

November 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Debatte ums Kopftuch nicht den Rechten überlassen

Nina eröffnet ihrer Mutter, dass sie zum Islam konvertiert ist: Chantal Zitzenbacher und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Diesen Freitag kommt die Komödie „Womit haben wir das verdient?“ in die Kinos. Darin muss eine Familie ihre stets behauptete Weltoffenheit angestrengt unter die Lupe nehmen, ist doch die pubertierende Tochter zum Islam konvertiert. Nina nennt sich nun Fatima, und die Mutter fällt aus allen Wolken.

Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer karikiert in ihrem erstem Spielfilm nicht nur leichtfüßig und lustvoll die gängigen Klischees, sie geht auch furchtlos die großen Fragen an: Was heißt radikal? Wie weit kann Toleranz gehen? Wie steht es anno 2018 tatsächlich um die Frauenrechte? Mit Caroline Peters, Simon Schwarz, Alev Irmak oder Mehmet Ali Salman ist „Womit haben wir das verdient?“ hochkarätig besetzt. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina. Eva Spreitzhofer im Gespräch:

MM: Wie frech ist es, die Kopftuch-Debatte in „Womit haben wir das verdient?“ als Komödie anzulegen?

Eva Spreitzhofer: Ich finde, es geht gar nicht anders. Ein so komplexes und umfehdetes Thema ist weder politisch noch im Film ohne Humor anzupacken. Wenn man mit anderen über Dinge lacht, diese Dinge auch zuspitzen kann, dann befreit das den Kopf. Es gibt zu diesem Thema viele Herangehensweisen, es könnte auch eine Doku sein, die vermutlich nicht so viele Leute anschauen würden, wie eine Komödie, aber als Sozialdrama hätte es meines Erachtens gar nicht funktioniert.

MM: Haben Muslimas und Muslime den Film schon gesehen, und haben die gelacht?

Spreitzhofer: Sehr. Und sie waren total begeistert. Die Rückmeldungen sind von allen Seiten so, dass sie sich verstanden gefühlt haben, auch verarscht gefühlt haben, aber in einer Art und Weise, wie sie’s gut nehmen konnten. Das ist ein großes Kompliment für mich. Ich glaube, bis auf echte religiöse Ideologen und Ideologinnen, die naturgemäß völlig humorlos sind, werden sich alle gut amüsieren – und das ist tatsächlich das, was mir am allerwichtigsten war. Ich habe eine ganz klare Haltung zu dem Thema, es ist mir auch wichtig, dass ich von der ausgegangen bin, aber ich wollte einen „Disney-Film“ machen, bei dem die Kinder über etwas anderes lachen als die Erwachsenen. Ich wollte gerne alle abholen, ich habe für jede einzelne Position in diesem Problemfeld eine Figur erfunden. Es gibt keinen Charakter im Film, für den es nicht ein Role Model in der Realität gibt, und es gibt keine Situation, die kein Vorbild hat.

MM: Und Ihre klare Haltung ist?

Spreitzhofer: Im 21. Jahrhundert geht es nicht, dass Frauen unsichtbar gemacht werden. Weder in der Sprache, noch in der Bundeshymne, noch im öffentlichen Raum. Deshalb bin ich fürs Binnen-I, für die Töchter in der Bundeshymne, und bin ich dafür, dass Frauen ihre Reize nicht verdecken müssen, damit Männer nicht geil werden. Wenn Menschen das machen wollen, aus religiösen oder privaten Gründen, dann können sie das gerne tun, aber sie sollen Kinder und junge Mädchen in Ruhe lassen. Und auch zugeben, dass das Kopftuch keine Frage der Selbstbestimmung von Frauen ist, sondern, dass die Art Religion über die gleiche Sexualisierung wie die Werbung funktioniert. Wenn man heute eine Religion oder Ideologie erfinden würde, in der Männer mit Handschellen gefesselt durch die Stadt gehen müssten, damit sie nicht mehr „deppert“ irgendwohin greifen könnten, würde ich mich auch dagegen verwehren. Ich fände das falsch, und ich würde nicht hinnehmen, dass Vertreter dieser Idee sagen: Wir wollen nicht, dass sich jemand einmischt.

MM: Niemand thematisiert allerdings, ob Sikh-Buben einen Patka tragen wollen, oder jüdische eine Kippa.

Spreitzhofer: Weil das einen ganz anderen Ursprung hat. Das kommt nicht daher, dass man’s aufsetzen muss, weil dadurch eine Sittsamkeit, eine Anständigkeit präsentiert wird. Das wird verschleiert von den Menschen, die das Kopftuch als Freiwilligkeit ausgeben, was individuell zweifellos vorkommen kann, aber das ganze Paket, das mit dem Kopftuch mittransportiert wird, bedeutet, eine Frau hat ehrbar, sittsam, anständig zu sein, vor allem unsichtbar zu sein. Und je nach religiöser Radikalität wird das stärker, wird die Schamgrenze unterschiedlich ausgelegt, im schlimmsten Fall mit einer Verhüllung von oben bis unten, also mit Niqab. Das macht ein anderes Straßenbild, als wenn Männer eine Kippa aufsetzen oder einen Turban tragen. Das Problem ist, dass sich weder die Rechten noch die Linken wirklich mit dem Islam beschäftigen, und deswegen lauter Blödsinn verhandelt wird. Das weiß ich natürlich auch erst, seit ich so wahnsinnig viel recherchiert habe.

MM: Wenn man betrachtet, aus welcher Richtung immer wieder der Vorstoß zur Verschärfung des Kopftuchverbots kommt, ist man da als Filmemacherin nicht in Gefahr, sich ins falsche politische Eck zu stellen?

Spreitzhofer: Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns die Debatte wieder retour holen, es kann nicht sein, dass wir uns das Thema von den Rechten wegnehmen lassen, die überhaupt keine Lösungen anbieten, die das Ganze nur instrumentalisieren, um Hass und Hetze zu schüren, die selbst ein Frauenbild haben, das genau das gleiche, wie das der Islamisten ist, wie in Österreich, wo die Bundesregierung unheimlich vielen Frauenorganisationen das Geld streicht … Das kann man doch dann nicht ernst nehmen. Auf der anderen Seite steht, dass die SPÖ dazu keine klare Haltung hat, außer der: Da muss man halt ein Integrationspaket schnüren. Das ist natürlich richtig, aber Fakt ist, es gibt unglaublich viele Musliminnen, die selbst der Meinung sind, dass das Kopftuch ein patriarchales Unterdrückungsinstrument ist. Und diese Stimmen muss man endlich einmal hören.

MM: Das wird nicht getan?

Spreitzhofer: Die SPÖ, aber auch die Grünen, haben viel mehr Kontakt mit Vertretern, und jetzt sage ich nicht VertreterInnen, obwohl ich normalerweise gendere, aus islamischen Verbänden, aber nicht mit liberalen Musliminnen und Muslimen, die eine ganz andere Meinung dazu haben. Jetzt ist die große Aufregung, dass Seyran Ateş eine Einladung der FPÖ angenommen hat. Ich halte es auf der einen Seite für ganz falsch, vor denen zu reden, weil sie sich damit instrumentalisieren lässt, es muss da eine hygienische Grenze geben. Auf der anderen Seite muss man sagen: Die SPÖ hat Seyran Ateş meines Wissens noch nie eingeladen. Das ist das Problem. Man treibt solche Leute den Rechten in die Arme. Siehe auch Susanne Wiesinger, die auch erst gehört wird, seit sie sich mit rechteren Medien ins Bett gelegt hat.

MM: Hat Sie als sozusagen Systemfremde nie das Gefühl beschlichen, sie kümmern sich um Dinge, die Sie gar nichts angehen?

Spreitzhofer: Ich überlasse es auch nicht der katholischen Kirche, den sexuellen Missbrauch nicht aufzuklären, wie sie es seit Jahrzehnten tut, sondern finde, die Gesellschaft muss sich einmischen. Ich akzeptiere prinzipiell nicht, dass wir nicht darüber diskutieren können, wo wir uns als Gesellschaft hin entwickeln und welche Werte wir dabei vertreten. Ich bin natürlich für Religionsfreiheit, aber die darf niemals über Frauen- und Kinderrechten stehen. Ich halte viel von dem Satz: Das Private ist politisch. So bin ich aufgewachsen, und das gilt immer mehr. Vor nicht allzu langer Zeit, bis 1989!, war Vergewaltigung in der Ehe straffrei, da waren die Argumente: Kommt jetzt die Polizei ins Schlafzimmer? Wie soll man noch Sex haben? Das erinnert mich sehr an die #MeToo-Debatte, wo man jetzt angeblich nicht mehr weiß, wie man flirten soll.

MM: Und mit dem Kopftuch …?

Spreitzhofer: … ist es das Gleiche: Wenn jemand ihr Frauenbild öffentlich vor sich her trägt, dann reagiere ich darauf. Wenn Frauen sich ein Kopftuch aufsetzen und weite Gewänder anziehen, damit sie eben ihre Reize verhüllen, und wenn das zunimmt in einer Gesellschaft, wenn damit ein Frauenbild verbunden wird, das ich nicht für zeitgemäß halte, dann werde ich das doch hinterfragen dürfen. Egal, ob ich diese Religion habe oder nicht. Ich finde nicht, dass Atheistinnen und Atheisten weniger Rechte haben sollten, als religiöse Menschen.

MM: Sie haben vorhin von Ihrer Recherche gesprochen? Wie sind Sie vorgegangen? Wie sind Sie auf das Thema für Ihren Film gekommen?

Spreitzhofer: Auf das Thema bin ich sehr privat gekommen, als meine Töchter, die nun 18 und 20 sind, am Anfang der Pubertät waren. Ich saß in einer Gruppe von Eltern, und wir haben überlegt, was in den nächsten Jahren Arges auf uns zukommen wird: Schule schwänzen, Drogen, Rechtsradikal werden …, und ich sagte, das Schlimmste, das ich mir vorstellen könnte, wäre, wenn meine Töchter religiös werden und ein Kopftuch tragen würden. Alle, die mich als Atheistin und Feministin kennen, fanden das sehr lustig. So war die Idee zum Film geboren, denn wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, das sie sich vorstellen kann, dann ist das immer ein guter Ausgangspunkt für eine Komödie.

MM: Damals, 2016, war das Thema noch nicht so aufgeheizt.

Spreitzhofer: Es war am Beginn der großen Eskalation, und es war klar, dass man jetzt beginnen muss, das Thema filmisch anzugehen. Was mir Spaß gemacht hat, war es aus diesem liberalen Milieu heraus zu erzählen. „Monsieur Claude und seine Töchter“ hat es von der großbürgerlich-katholischen Seite abgehandelt, das fand ich sehr lustig, ich wollte aber in eine Lebenssituation, in die Patchwork-Familie gehen, die ich sehr gut kenne und die sich dafür sehr gut eignet. Was die Recherche betrifft: Ich bin immer sehr vergnügt, wenn ich in eine mir neue Welt eintauche, weil ich dann sehr offen bin für Zwischentöne. Ich habe mich mit einer schiitischen Hausmeisterin getroffen, mit einem Aleviten, mit dem Leiter der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien, und habe von jedem Tipps bekommen, mit wem ich noch reden könnte. Neben den Fakten habe ich versucht, Persönliches zu hören.

Wanda sucht Rat bei Hanife: Caroline Peters und Alev Irmak. Bild: © Mona Film

Ninas Vater versucht sich getarnt „bei den Muslimen“ einzuschleichen: Simon Schwarz mit David Oberkogler. Bild: © Mona Film

MM: Nämlich?

Spreitzhofer: Was die Leute am Lustigsten finden, was am Schlimmsten. Ich habe mich bemüht, ein möglichst großes Spektrum an Meinungen einzufangen. Über Anekdoten bekommt man einen guten Einblick in eine Gemeinschaft. Außerdem kann man solche Geschichten nie erfinden, die Realität ist immer absurder als das, was man sich ausdenken würde.

MM: Ganz blauäugig gefragt: Gibt es Konvertitinnen?

Spreitzhofer: Jede Menge. Nicht mehr so aktuell sind im Moment die Mädchen, die zum IS gefahren sind, ich erinnere mich da zum Beispiel noch an zwei dm-Lehrlinge mit 15, 16 Jahren, das hat ziemlich aufgehört, weil der IS jetzt anders rekrutiert. Und die, die konvertieren, sind halt oft fanatischer, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, wo Leute, die neu in eine Gruppe kommen, und sich dort erst beweisen müssen, radikaler werden als die anderen sind.

MM: Die Figur Nina ist ja so. Würde ich das islamische Pendant kennen, müsste ich nicht sagen, sie ist päpstlicher als der Papst.

Spreitzhofer: Genau. Sie will zeigen, dass sie die Super-Muslima ist. Es gibt da aber auch eine Sinnsuche, ein Verzweifeln an komplexen Problemen, für die die Religion einfache Lösungen bietet. Obwohl mir von vielen Musliminnen und Muslimen versichert wurde, dass der Islam die strengste und komplizierteste Religion ist. Aber da, wo’s viele Regeln gibt, gibt es auch viele Wege sie zu umgehen. Für Nina ist das nicht so. Mir war es jedenfalls wichtig, dass die Muslime mit denen wir in der Moschee gedreht haben, auch im echten Leben muslimisch sind …

MM: Sie haben auch in einer Moschee gedreht?

Spreitzhofer: Wir haben eine nachgebaut, weil wir keine gefunden haben, in der wir drehen durften. Also, wie gesagt, wirkliche Muslime, ich wollte da keine Codes verletzen, mir war wichtig, dass die Komparsen Teil der muslimischen Religion sind, und da wurde es natürlich lustig, denn ich hatte 40 Auskenner am Set, die mir in den unterschiedlichsten Sprachen wertvolle Tipps geben wollten. Ich war da sehr offen, aber Tatsache war, dass sie sich in ihren Tipps sehr widersprochen haben, was meine Annahmen zum Thema Religion nur bestätigt hat.

MM: Ninas entsetzte Mutter heißt Wanda. So intellektuell, liberal, atheistisch sie ist, ist sie doch eine Missionarin für Ihre Weltanschauung.

Spreitzhofer: Natürlich. Wanda ist im Prinzip ich. Und ich bin durchaus ungeduldig, intolerant, besserwisserisch, muss allen für ihr Leben Tipps geben, und ich habe wie Wanda nicht nur immer das Gefühl, es gibt für alles eine Lösung, sondern: ich habe für alles eine Lösung. Gleichzeitig bin ich in einem Alter, in dem ich das immer mehr mit einem Augenzwinkern sehen kann, und deswegen kann ich das auch persiflieren. Es gibt da eine Szene, wo sich Wanda darüber aufregt, dass man eine Frau in einen Käfig gesperrt hat, dabei ist das eine Demonstration gegen das Tragen von Pelzen. Solche Momente, in denen man überschwappt, kenne ich gut. Wanda kann einfach nicht aufhören, die kann ihre Tochter nicht in Ruhe lassen.

MM: Welche Mutter kann das schon?

Spreitzhofer: Ich besonders schlecht, sagen meine Töchter. Die im Film übrigens mitspielen, und zwar sind sie in den Youtube-Videos zu sehen, die sich Wanda von Konvertitinnen ansieht. Das war für mich noch berührender, weil meine Töchter improvisiert haben, ich habe ihnen gesagt, was ich haben möchte, aber sie haben’s mit eigenen Worten aus ihrem eigenen Leben umgesetzt.

MM: Ihr Film endet damit, dass Frauensolidarität über allem steht. Das ist Ihre Vision?

Spreitzhofer: Ja. Viele Menschen, die ich kenne, sind fassungslos über die USA unter Trump, über den Rechtsruck in Europa, über das Wiederkehren vieler Dinge, die wir eigentlich überwunden glaubten, und plötzlich wird vieles wieder infrage gestellt. Das macht mich betroffen und auch ohnmächtig, ich will aber nicht, dass wir glauben, bestimmte Errungenschaften könnten so einfach wieder rückgängig gemacht werden. Für mich war die Frage, wie komme ich intelligent und komödiantisch aus dem Film raus. Es wäre ja nicht gegangen, dass die Nina kein Kopftuch mehr trägt und aus. Ich verrate jetzt nicht, wie’s ausgeht, aber ich finde, dass man am Ende von den Frauen und ihrem Zusammenhalt berührt ist. Der die radikalen Muslime und die Rechten, die sich ja in vielem ähnlich sind, auf einmal hinwegfegt.

MM: Da verschieben Sie die Fronten.

Spreitzhofer: Genau. Ich wurde unlängst bei einer Diskussion in Deutschland gefragt, was meine Lösung fürs Zusammenleben ist, und ich sagte: Bildung, Demokratie und Feminismus. Das wären die Dinge, die uns schon ganz gut weiterbringen würden, der Rest wird sich dann fügen.

MM: Sie haben einen wunderbaren Cast: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Duygu Arslan, Alev Irmak, die man vom aktionstheater ensemble, aber auch als Vorarlbergerische Gerichtsmedizinerin in den „CopStories“ kennt.

Spreitzhofer: Ich brauchte die beste Komödiantin, die man kriegen kann, und das ist einfach Caroline Peters. Sie fand das Drehbuch großartig, wir haben uns gut verstanden, damit war das eingetütet. Dann habe ich eine Familie rund um sie gebaut, habe überlegt, wer könnte mit ihr zusammenpassen. Als Simon Schwarz dazukam, haben Caroline und er beim Textlesen nur gelacht, also war das auch klar. Für die Nina wollte ich jemanden, der schon Dreherfahrung hat und mit den Erfahrenen mithalten kann, so kam Chantal dazu. Alev Irmak finde ich einfach seit den Umut-Dag-Filmen grandios. Ich finde es super, wie sie zwischen Österreichisch und Türkisch switcht. Und Duygu Arslan wurde mir von Eva Roth, meiner Casterin, vorgeschlagen, das ist ihr erster Kinofilm, und ich bin sehr glücklich mit ihr.

Wanda in der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien: Caroline Peters. Bild: © Mona Film

MM: Ihnen war auch wichtig, Schauspieler in anderen Rollen als den üblichen Klischees zu besetzen.

Spreitzhofer: Deshalb spielt zum Beispiel Mehmet Ali Salman alias Ali Capone, der Bösewicht aus den „Migrantigen“, bei mir einen Arzt. Der durfte bisher bevorzugt Taxifahrer spielen, dabei schauen so die Oberärzte heute doch aus.

MM: Welches Publikum wünschen Sie sich für Ihre Satire?

Spreitzhofer: So viel wie möglich. Ich habe bis jetzt Fernsehdrehbücher geschrieben, „Schnell ermittelt“ erfunden, und alles, was ich bis jetzt abgeliefert habe, ist im Fernsehen Tagessieger gewesen. Das heißt, ich bin schon publikumsverwöhnt.

Die Kritik zum Film: www.mottingers-meinung.at/?p=30834

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27. 11. 2018

TheaterArche: RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?

April 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Aufschrei der Seele in Gesang verwandelt

Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Jakub Kavin. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Die Poesie in Liedern interpretiert, das ist das Überraschendste am aktuellen Abend der TheaterArche. In der Regie von Jakub Kavin haben Barbara Schandl und Bernhardt Jammernegg für die Aufführung „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ einige von dessen Gedichten vertont, „Mädchenklage“ und „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ und „Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug“ …, und das ist so schön, dass einem der Atem stockt.

Gemäß der fragmentarischen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ hat Kavin, der die Figur auch interpretiert, Rilke-Texte collagiert. „Da standen die Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiß, der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht, und das Fade aus den Munden und der Fuselgeruch gärender Füße. Da stand das Scharfe vom Urin und das Brennen vom Ruß und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte Gestank von alterndem Schmalze. Der süße, lange Geruch von vernachlässigten Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen, und das Schwüle aus den Betten mannbarer Knaben. Und vieles hatte sich dazugesellt, was von unten gekommen war, aus dem Abgrund der Gasse, die verdunstete, und anderes war von oben herabgesickert mit dem Regen, der über den Städten nicht rein ist. Und manches hatte die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in derselben Straße bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man den Ursprung nicht wusste.“

Dazu gibt Jammernegg den Dichter in dessen „Doppelgeschlechtlichkeit“ und Schandl als die Wortgeberin dessen Vertraute Lou Andreas-Salomé (mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=22249). Entstanden ist so eine Suche nach der Essenz des Lebens. Die bildungsbürgerliche Atmosphäre, in der man sich bewegte, wird als hohl entlarvt, Kindheitstraumata und deren Folgen ebenso dargelegt, wie Stimmungen und deren Stunden. Und mitten im Fremdsein im eigenen Ich immer wieder die Lyrik, teils wie Dialoge vorgetragen.

Jakub Kavin und Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Jammernegg spricht aus der Sammlung „Briefe an den jungen Dichter“, Schandl ebenfalls Briefe und „In der Schule bei Freud“. Ein weiterer zentraler Punkt zwischen den beiden ist die im Zwiegespräch dargebotene „Dritte Duineser Elegie“.

„Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem
einzigen Jahr; uns steigt, wo wir lieben,
unvordenklicher Saft in die Arme. O Mädchen,
dies: dass wir liebten in uns, nicht Eines, ein Künftiges, sondern
das zahllos Brauende; nicht ein einzelnes Kind,
sondern die Väter, die wie Trümmer Gebirgs
uns im Grunde beruhn; sondern das trockene Flussbett
einstiger Mütter –; sondern die ganze
lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder
reinen Verhängnis –: dies kam dir, Mädchen, zuvor.“

Schandl steht aber auch als Pianistin Magda von Hattingberg – da spielt sie den „Mephistowalzer Nr. 1 von Franz Liszt – und in Andeutungen als Rilkes Mutter auf dem schmalen Laufsteg, der die Bühne bildet. Über die ziehen die drei Darsteller wie ein Sturm. Sie sind Aufruhr und Aufschrei der Seele, sie lassen nach dem Rilke-Zitat den Kunstakt als Notwendigkeit entstehen. Und immer ist da ein Streifen Wirklichkeit. Welch ein Abend. Chapeau!

Noch zu sehen bis 17. April im Theater Delphin.

www.theaterarche.at

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=75nrV-6CHDo

  1. 4. 2018

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Kunsthalle Wien: Ineke Hans. Was ist Loos?

September 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicke Möbel, die die Umwelt schonen

Ineke Hans: Striped Baskets, Trays and Stacking Stools, 2017. Courtesy People of the Sun

Mit „Was ist Loos?“ präsentiert die Kunsthalle Wien ab 28. September die erste Einzelausstellung der Designerin Ineke Hans in Österreich. Die Designobjekte und Möbelentwürfe der Niederländerin entstehen als Antworten auf konkrete Bedürfnisse an Raum, Funktion und Interaktion. Faltbare Stühle, multifunktionale Tische, grafische Muster, ungewöhnliche Materialien sowiespielerische Formen und Farben –

Ineke Hans‘ Designs zeichnen sich mehr durch einen zeitgemäßen wie humorvollen Umgang mit den Herausforderungen gegenwärtigen Wohnens und Arbeitens aus als durch einen charakteristischen Stil. Der Titel der Ausstellung verknüpft die Frage nach zeitgemäßer Gestaltung mit einer Anspielung auf den stilprägenden österreichischen Architekten Adolf Loos. Das Denken Loos‘ beeinflusste die Entwicklung der modernen Architektur und des Möbeldesigns auch deshalb maßgeblich, weil er öffentlich als Kommentator seiner Zeit auftrat. Nicht ohne Übertreibung übte er Kritik an bestehenden ökonomischen wie gesellschaftlichen Verhältnissen und stellte dabei Forderungen in Bezug auf Gestaltung auf, die eine radikal neue Epoche einleiten sollten. In der Schau wirft Ineke Hans einen Blick auf den Status quo des internationalen Designs sowie auf dessen Verknüpfung mit Fragen des aktuellen Zeitgeschehens und Alltagslebens. Dabei spricht sie Designerinnen und Designern eine gesellschaftspolitische Verantwortung zu, gegenwärtige Problemstellungen in der eigenen Arbeit zu berücksichtigen.

Ineke Hans: Less Resources: Re-use, 2017. Bild: Studio Ineke Hans

Ineke Hans: Digital Daily: Home Office 24/7, 2017. Bild: Studio Ineke Hans

„Was ist Loos?“ wird jüngere Arbeiten von Ineke Hans unter drei Themenschwerpunkten zeigen, die sich mit globalen Entwicklungen auseinandersetzen. Dabei werden Produktionsmethoden ebenso angesprochen wie die zunehmende Verknappung von Ressourcen und Wohnraum. Exemplarisch für die Digitalisierung stehen zwei für die Ausstellung entwickelte Designobjekte: ein gemeinsam mit Gebrüder Thonet Vienna produzierter Stuhl sowie der Entwurf eines Tisches, der über eine Online-Plattform verfügbar ist.

Das im 19. Jahrhundert für seine Möbel aus gebogenen Holz berühmt gewordene Unternehmen Thonet arbeitete immer wieder mit bedeutenden österreichischen Künstlern, Architekten oder Kunsthandwerkern wie Otto Wagner, Josef Hoffmann und Koloman Moser zusammen. Adolf Loos gestaltete gemeinsam mit Thonet den zur Ikone gewordenen Kaffeehausstuhl für das gegenüber der Kunsthalle Wien Karlsplatz gelegene Café Museum.

Ineke Hans‘ Interesse für konventionelle wie innovative Produktionsmethoden und die regionalen Eigenheiten innerhalb der Designgeschichte spiegeln sich in ihrer Gestaltung des neuen Stuhls wider. Sie greift die Bugholz-Technik von Thonet auf und verbindet diese mit der Praktikabilität von stapelbaren Stühlen, die für Konferenzen und Veranstaltungen genutzt werden können. Als „Kunsthalle Wien Chair“ bleibt der Stuhl mit dem Ort seiner Entstehung verbunden. Mit dem „Instant Desk“ reagiert Ineke Hans auf den Einfluss von digitalen Technologien und globaler Vernetzung auf die Möbelproduktion. Als digitale Datei kann das Design über die Online-Plattform Opendesk weltweit bezogen und lokal von kooperierenden Produzenten hergestellt werden. Die Plattform gibt einerseits Designern neue Möglichkeiten der globalen Distribution ihrer Entwürfe und fördert andererseits die lokale Produktion vor Ort.

Neben den neuentwickelten Arbeiten zeigt Ineke Hans eine Auswahl an existierenden Möbelstücken und Objekten, welche sich wandelnde gesellschaftliche Bedingungen für die Designwirtschaft, -produktion und -entwicklung aufzeigen beziehungsweise darauf reagieren. Der Bereich „Making and Making Sense“ thematisiert Produktionsmethoden, von traditionell gefertigten Objekten über industrielle Verfahren bis zu innovativen Herstellungsweisen. Ineke Hans stellt Fragen danach, was, warum und vor allem wie produziert wird. Durch die Massenproduktion ist vielmals auch das Wissen über traditionelle Produktionsmethoden und Materialien verlorengegangen, welches in einem zeitgenössischen Kontext wieder sinnstiftend eingesetzt werden kann. Ineke Hans geht es dabei um die sinnvolle und sozial engagierte Auseinandersetzung mit verfügbaren Methoden der Herstellung, die über die grundlegende Frage nach Funktion und Stil hinausgehen.

Ineke Hans: Making: Handmade Series, 2017. Bild: Studio Ineke Hans

„Dealing with the Digital“ setzt sich mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Lebenswelten auseinander. Dies betrifft zum einen unseren Alltag, der durch eine omnipräsente Vernetzung mit dem Internet geprägt ist, zum anderen aber auch Möglichkeiten der technologischen Innovation sowie Online–Distribution und Marketing von Ideen und Entwürfen.

In einer nachindustriellen Gesellschaft ist die Verfügbarkeit theoretischen Wissens wichtiger geworden, welches sich über das Internet einfacher denn je teilen lässt. Kooperation und Austausch erlangen neue Bedeutung. Gleichzeitig führt die ständige Erreichbarkeit von Personen auch zur Verschiebung von Arbeits- und Privatleben. Eine von Mobilität und Flexibilität geprägte Lebensführung verändert den Anspruch an Gebrauchsgegenstände. Heute sind oftmals Multifunktionalität und Hybridität von entscheidender Bedeutung.

Das Thema „Less“ beschäftigt sich mit der Verknappung von Ressourcen. Dabei sind sowohl natürlich vorkommende Ressourcen als Ausgangmaterial für die Produktion gemeint als auch die Ressource Wohnraum. Entwicklungen hinsichtlich Klima und Umwelt verlangen ökologisch verträgliche Produktionen und nachhaltige Nutzung. Recycling und die Reduktion von Abfall rücken in den Fokus. Verstädterung trägt zur Verdichtung von urbanen Gebieten bei und lässt Wohnraum verknappen. Mit dem Rückgang der Quantität des Raum werden Aspekte wie Qualität und Aneignung von öffentlichem Raum als Raum der Gemeinschaft wieder wichtiger. Im Gegensatz zum monofunktionalen Bauen der Moderne geht es heute um kollektiv nutzbare Räume und Objekte. Indem sie unsere Wohn-, Arbeits- und öffentlichen Räume strukturieren, können funktionale Objekte und Einrichtungsgegenstände soziale Situationen mitgestalten.

Die drei Themen der Ausstellung sind auf das Engste miteinander verknüpft und demonstrieren die Herausforderungen, denen Design heute gegenübersteht. Mit ihren Entwürfen reagiert Ineke Hans auf gesellschaftliche Bedürfnisse und entwickelt Objekte, die in ihrer Funktionalität soziale Dimensionen einbeziehen. „Was ist Loos?“ zeigt Objekte, die als gestalterische Lösungen für aktuelle Anforderungen gelesen werden können.

www.kunsthallewien.at

25. 9. 2017