Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Kunsthalle Wien: Ineke Hans. Was ist Loos?

September 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicke Möbel, die die Umwelt schonen

Ineke Hans: Striped Baskets, Trays and Stacking Stools, 2017. Courtesy People of the Sun

Mit „Was ist Loos?“ präsentiert die Kunsthalle Wien ab 28. September die erste Einzelausstellung der Designerin Ineke Hans in Österreich. Die Designobjekte und Möbelentwürfe der Niederländerin entstehen als Antworten auf konkrete Bedürfnisse an Raum, Funktion und Interaktion. Faltbare Stühle, multifunktionale Tische, grafische Muster, ungewöhnliche Materialien sowiespielerische Formen und Farben –

Ineke Hans‘ Designs zeichnen sich mehr durch einen zeitgemäßen wie humorvollen Umgang mit den Herausforderungen gegenwärtigen Wohnens und Arbeitens aus als durch einen charakteristischen Stil. Der Titel der Ausstellung verknüpft die Frage nach zeitgemäßer Gestaltung mit einer Anspielung auf den stilprägenden österreichischen Architekten Adolf Loos. Das Denken Loos‘ beeinflusste die Entwicklung der modernen Architektur und des Möbeldesigns auch deshalb maßgeblich, weil er öffentlich als Kommentator seiner Zeit auftrat. Nicht ohne Übertreibung übte er Kritik an bestehenden ökonomischen wie gesellschaftlichen Verhältnissen und stellte dabei Forderungen in Bezug auf Gestaltung auf, die eine radikal neue Epoche einleiten sollten. In der Schau wirft Ineke Hans einen Blick auf den Status quo des internationalen Designs sowie auf dessen Verknüpfung mit Fragen des aktuellen Zeitgeschehens und Alltagslebens. Dabei spricht sie Designerinnen und Designern eine gesellschaftspolitische Verantwortung zu, gegenwärtige Problemstellungen in der eigenen Arbeit zu berücksichtigen.

Ineke Hans: Less Resources: Re-use, 2017. Bild: Studio Ineke Hans

Ineke Hans: Digital Daily: Home Office 24/7, 2017. Bild: Studio Ineke Hans

„Was ist Loos?“ wird jüngere Arbeiten von Ineke Hans unter drei Themenschwerpunkten zeigen, die sich mit globalen Entwicklungen auseinandersetzen. Dabei werden Produktionsmethoden ebenso angesprochen wie die zunehmende Verknappung von Ressourcen und Wohnraum. Exemplarisch für die Digitalisierung stehen zwei für die Ausstellung entwickelte Designobjekte: ein gemeinsam mit Gebrüder Thonet Vienna produzierter Stuhl sowie der Entwurf eines Tisches, der über eine Online-Plattform verfügbar ist.

Das im 19. Jahrhundert für seine Möbel aus gebogenen Holz berühmt gewordene Unternehmen Thonet arbeitete immer wieder mit bedeutenden österreichischen Künstlern, Architekten oder Kunsthandwerkern wie Otto Wagner, Josef Hoffmann und Koloman Moser zusammen. Adolf Loos gestaltete gemeinsam mit Thonet den zur Ikone gewordenen Kaffeehausstuhl für das gegenüber der Kunsthalle Wien Karlsplatz gelegene Café Museum.

Ineke Hans‘ Interesse für konventionelle wie innovative Produktionsmethoden und die regionalen Eigenheiten innerhalb der Designgeschichte spiegeln sich in ihrer Gestaltung des neuen Stuhls wider. Sie greift die Bugholz-Technik von Thonet auf und verbindet diese mit der Praktikabilität von stapelbaren Stühlen, die für Konferenzen und Veranstaltungen genutzt werden können. Als „Kunsthalle Wien Chair“ bleibt der Stuhl mit dem Ort seiner Entstehung verbunden. Mit dem „Instant Desk“ reagiert Ineke Hans auf den Einfluss von digitalen Technologien und globaler Vernetzung auf die Möbelproduktion. Als digitale Datei kann das Design über die Online-Plattform Opendesk weltweit bezogen und lokal von kooperierenden Produzenten hergestellt werden. Die Plattform gibt einerseits Designern neue Möglichkeiten der globalen Distribution ihrer Entwürfe und fördert andererseits die lokale Produktion vor Ort.

Neben den neuentwickelten Arbeiten zeigt Ineke Hans eine Auswahl an existierenden Möbelstücken und Objekten, welche sich wandelnde gesellschaftliche Bedingungen für die Designwirtschaft, -produktion und -entwicklung aufzeigen beziehungsweise darauf reagieren. Der Bereich „Making and Making Sense“ thematisiert Produktionsmethoden, von traditionell gefertigten Objekten über industrielle Verfahren bis zu innovativen Herstellungsweisen. Ineke Hans stellt Fragen danach, was, warum und vor allem wie produziert wird. Durch die Massenproduktion ist vielmals auch das Wissen über traditionelle Produktionsmethoden und Materialien verlorengegangen, welches in einem zeitgenössischen Kontext wieder sinnstiftend eingesetzt werden kann. Ineke Hans geht es dabei um die sinnvolle und sozial engagierte Auseinandersetzung mit verfügbaren Methoden der Herstellung, die über die grundlegende Frage nach Funktion und Stil hinausgehen.

Ineke Hans: Making: Handmade Series, 2017. Bild: Studio Ineke Hans

„Dealing with the Digital“ setzt sich mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Lebenswelten auseinander. Dies betrifft zum einen unseren Alltag, der durch eine omnipräsente Vernetzung mit dem Internet geprägt ist, zum anderen aber auch Möglichkeiten der technologischen Innovation sowie Online–Distribution und Marketing von Ideen und Entwürfen.

In einer nachindustriellen Gesellschaft ist die Verfügbarkeit theoretischen Wissens wichtiger geworden, welches sich über das Internet einfacher denn je teilen lässt. Kooperation und Austausch erlangen neue Bedeutung. Gleichzeitig führt die ständige Erreichbarkeit von Personen auch zur Verschiebung von Arbeits- und Privatleben. Eine von Mobilität und Flexibilität geprägte Lebensführung verändert den Anspruch an Gebrauchsgegenstände. Heute sind oftmals Multifunktionalität und Hybridität von entscheidender Bedeutung.

Das Thema „Less“ beschäftigt sich mit der Verknappung von Ressourcen. Dabei sind sowohl natürlich vorkommende Ressourcen als Ausgangmaterial für die Produktion gemeint als auch die Ressource Wohnraum. Entwicklungen hinsichtlich Klima und Umwelt verlangen ökologisch verträgliche Produktionen und nachhaltige Nutzung. Recycling und die Reduktion von Abfall rücken in den Fokus. Verstädterung trägt zur Verdichtung von urbanen Gebieten bei und lässt Wohnraum verknappen. Mit dem Rückgang der Quantität des Raum werden Aspekte wie Qualität und Aneignung von öffentlichem Raum als Raum der Gemeinschaft wieder wichtiger. Im Gegensatz zum monofunktionalen Bauen der Moderne geht es heute um kollektiv nutzbare Räume und Objekte. Indem sie unsere Wohn-, Arbeits- und öffentlichen Räume strukturieren, können funktionale Objekte und Einrichtungsgegenstände soziale Situationen mitgestalten.

Die drei Themen der Ausstellung sind auf das Engste miteinander verknüpft und demonstrieren die Herausforderungen, denen Design heute gegenübersteht. Mit ihren Entwürfen reagiert Ineke Hans auf gesellschaftliche Bedürfnisse und entwickelt Objekte, die in ihrer Funktionalität soziale Dimensionen einbeziehen. „Was ist Loos?“ zeigt Objekte, die als gestalterische Lösungen für aktuelle Anforderungen gelesen werden können.

www.kunsthallewien.at

25. 9. 2017

Karikaturmuseum: Alles klar Herr Kommissar?

April 2, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Inspektor gibt’s kan

Manfred Schmidt, Nick Knatterton,Collage für die Süddeutsche Zeitung,1950er & 1982, Privatbesitz

Manfred Schmidt, Nick Knatterton,Collage für die Süddeutsche Zeitung,1950er & 1982, Privatbesitz

Das Karikaturmuseum Krems bietet ab 6. April mit der Ausstellung „Alles klar Herr Kommissar? Knatterton, Kottan, Emil und andere Detektive“ einen spannenden Einblick in die Welt des Krimi-Genres. Humorvoll wird dabei das Polizei- und Detektivgenre gehörig auf die Schaufel genommen. Originalwerke laden zum Entdecken von Krimihelden und ihren Geschichten ein und zahlreiche Fotos, Cartoons sowie interaktive Stationen versprechen knisterndes Ausstellungserlebnis für alle Krimi-Fans.
„Ich kombiniere …“: Nick Knatterton, pfeifenrauchender Meisterdetektiv von uraltem Adelsgeschlecht bei Kyritz an der Knatter, ist die von Manfred Schmidt gezeichnete Parodie auf Helden wie Sherlock Holmes oder Superman. Mit seinem berühmten Kinnhaken – Nick ist bekanntlich Anhänger der humanen Gewaltanwendung – und seiner großen Kombinationsgabe löst er am Schluss – auch als Zeichentrickfilm – jeden kniffligen Fall. Da haben Juwelen-Jupp, Miezen Max und Virginia Peng nichts zu lachen.
„Jetzt geht’s Ruck-Zuck“: Aus Fleisch und Blut ist ein anderer Gesetzeshüter – Major Adolf „Dolferl“ Kottan. 19 Mal hat der Grantler vom Dienst von 1976 bis 1983 in der Kult-TV-Serie von Helmut Zenker und Peter Patzak ermittelt. Natürlich nicht ohne die Hilfe seiner Mutter, die immer den richtigen Riecher hat. Bereits in den ersten Folgen überwog das satirische Element, immer noch im Sinne einer Kritik am Polizeialltag – im Gegensatz zu den späteren Phasen der Serie, die in erster Linie slapstikhafte Elemente betonten. Unterstützt von Schrammel und Schremser schlüpften Peter Vogel, Franz Buchrieser und am längsten Lukas Resetarits in die Titelrolle. Der anarchistische Humor der Serie inspirierte österreichische Zeichner, wie Karl Berger, Bernd Ertl, Sammy Konkolits, Josef Krizanits, Christian Stellner und Reinhard Trinkler, die auch in der Ausstellung vertreten sind.
Tipp für Kottan-Fans: Im Ueberreuter Verlag ist kürzlich das neue Buch „Inspektor gibt’s kann“ von Jan und Tibor Zenker erschienen.
Weitere Höhepunkte der Ausstellung: Die mehrfach ausgezeichnete Comic-Zeichnerin Isabel Kreitz hat den Kinderbuchklassiker „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner zu neuem Leben erweckt. Und die Abenteuer des Detektiv-Duos „Lasse und Maja“ von Autor Martin Widmark und Illustratorin Helena Willis lassen die Herzen vielen Mädchen und Buben höher schlagen.

Mit einem echten Detektiv Fiktion und Realität erleben
In Kooperation mit EURODET (Europäische Detektiv-Akademie) bietet das Karikaturmuseum Krems Einblicke in den spannendsten Beruf der Welt. Nach Betrachtung von Comic- und Krimihelden in Zeichnung und Karikatur, beschreibt Ausbildungsleiter Markus Schwaiger Aufgaben und Berufsfeld des modernen Berufsdetektivs. Technisches Equipment, Observationstechniken oder Profiling  gestalten den Workshop zu einer einzigartigen Begegnung mit Spannung und Abenteuer.

www.karikaturmuseum.at

Wien, 2. 4. 2014