Endlich im Kino: Koproduzent Österreichs Oscar-Beitrag „Quo vadis, Aida?“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Massaker von Srebrenica, die Schande Europas

Die Dolmetscherin Aida Selmanagic sucht unter 25.000 Flüchtlingen ihren Ehemann und ihre beiden Söhne: Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Für einen Oscar 2021 hat’s zwar nicht gereicht, der Spielfilm der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić „Quo vadis, Aida?“ war in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert, dafür gab’s bisher 16 andere internationale Auszeichnungen. An der europäischen Koproduktion sind außer Bosnien-Herzegowina sieben weitere

Länder beteiligt, aus Österreich die coop99 filmproduktion mit den Koproduzenten Barbara Albert, Antonin Svoboda und Bruno Wagner – COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, ist das Drama über das Massaker von Srebrenica nun endlich in den heimischen Kinos zu sehen. Hier noch einmal die Filmrezension vom März: Aida rennt. Sie hastet durch Korridore, irrt durchs Labyrinth der früheren Batteriefabrik, vorbei an den Blauhelmen, durchs provisorisch eingerichtete Lazarett, hinaus ins so unfreie Freie, wo 25.000 bosnische Flüchtlinge vergeblich auf Einlass ins UNPROFOR-Quartier in Potočari hoffen. Es ist der 11. Juli 1995, so auch ein früherer Titel des Films: „11th of July“, die Menschen kommen aus Srebrenica – womit sich mehr zu erläutern eigentlich erübrigt. Aida erklimmt das Wärterhäuschen am Schranken, „Nihad, Hamdija, Sejo!“ ruft sie, doch wie unter den vielen hier Ehemann und Söhne finden?

„Quo vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić ist ein Film, der wehtut. So richtig wehtut. Und das ist gut so. Das Massaker von Srebrenica ist die Schande Europas, und nicht die letzte, wie man anno 2021 weiß. Sieht man die Bilder dieser am Zaun ihrer Überlebenschance abgewiesenen Männer, Frauen, Kinder, muss man unweigerlich an jüngere Ereignisse denken. Derart spannt der Film einen Bogen zu Moria, Kara Tepe, Europas Außengrenzen, Lipa tatsächlich an der bosnisch-kroatischen. „Quo vadis, Aida?“ ist kein Plädoyer, es ist ein Appell.

Žbanić, selbst Überlebende des Bosnienkriegs, Mitglied des „Democracy in Europe Movement 2025“, Unterzeichnerin der „Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner“, ließ sich für ihr Skript vom Buch über den Völkermord in Srebrenica des Übersetzers für die UN-Truppen Hasan Nuhanović inspirieren. Diese Dolmetscherin ist nun Aida Selmanagić, die Jasna Đuričić mit einer Eindringlichkeit, einer Unmittelbarkeit spielt, für die sich der serbische Theater- und Kinostar eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient gehabt hätte.

Eben noch hatte Colonel Karremans den an Hunger sterbenden – denn die bosnisch-serbische Armee ließ keine Hilfslieferungen zu – Srebrenicern erklärt, in der „Schutzzone“ seien sie sicher, da schlagen die Granaten ein, rollen Panzer an, Kriegsherr, Kriegsverbrecher Ratko Mladić im Machtrausch, Darsteller Boris Isaković auch von einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit. „Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk“, verkündet der General in die Fernsehkamera, dieser ständigen Begleiterin seines Eroberungsfeldzugs. Seine „ethnische Säuberung“ wird 250.000 Tote fordern, 1.3 Millionen Flüchtlinge, geschätzte 20.000 bis 50.000 Vergewaltigungsopfer – in Srebrenica wurden 8372 muslimische Männer und Jungen ermordet -, der schlimmste Genozid in Europa seit dem Dritten Reich.

Und die Menschen laufen mit Sack und Pack, Gehbehinderte in Schubkarren, Mütter, die ihre Kinder im Chaos verloren haben, Verletzte, eine Kuh als letztverbliebenes Hab und Gut. Die Statistinnen und Statisten aus Stolac und Mostar, das ist die Stadt an der Brücke Stari Most, sind mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache. Jede und jeder auf den die Grazer Kamerafrau Christine A. Maier, bekannt für Barbara Alberts „Licht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053) oder Ruth Maders „Life Guidance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27841), zoomt, verkörpert einen Charakter, Gesichter, die um das wissen, was hier geschildert wird, Gesichter, die man so schnell nicht vergisst.

Rückblende: Aidas Erinnerungen an einen unernsten Beauty-Contest in Srebrenica. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Niederländer wollen nicht helfen, Aida ist ratlos und verzweifelt: Jasna Đuričić:. Bild: © Polyfilm Verleih

Ratko Mladić-Mann Joka provoziert Major Franken: Emir Hadžihafizbegović und Raymond Thiry. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Unterhändler unterwegs zu Mladić: Rijad Gvozden als Muharem, Johan Heldenbergh als Colonel Karremans und Jelena Kordić-Kuret als Chamila. Bild: @ Polyfilm Verleih

Tausende suchen im UNO-Gelände in in Potočari, wo bald chaotische Zustände herrschen. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida erklärt den Flüchtlingen, dass sie deportiert werden: Raymond Thiry und Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Ob’s nun heißt, die Basis ist voll oder das Boot ist voll, das Dutchbat ist von der Situation völlig überfordert. Karremans telefoniert vergeblich um Luftunterstützung, die NATO-Generalität urlaubt um diese Jahreszeit. Später wenn Mladićs Tschetniks mit der Unverfrorenheit der Sieger den UN-Stützpunkt nach muslimischen Freischärlern durchsuchen, wenn der abgebrühte, herrlich großsprecherische Joka von Emir Hadžihafizbegović den diensthabenden Major Franken, Raymond Thiry, wie einen Schulbuben abkanzeln wird, werden dessen Jungs in ihren lächerlichen kurzen Camouflage-Hosen ob all des Leids rund um sie den Tränen nahe sein.

Aida, von den Niederländern überdeutlich als Untergebene behandelt, hat es zwischenzeitlich geschafft, ihre Familie ins Camp zu holen, indem sie ihren Mann und ehemaligen Schuldirektor Nihad für die Gruppe der Unterhändler, die Mladić zu sehen verlangt, vorschlägt. Auch Izudin Bajrović als in sich gekehrter Nihad, Boris Ler als nervlich schwer angeschlagener Hamdija und Dino Bajrović als dessen jüngerer Bruder Sejo agieren mit einer Authentizität, die gespenstisch, die kaum auszuhalten ist.

Ebenso Jelena Kordić-Kuret als Chamila und Rijad Gvozden als Muharam, die mit Nihad das „Verhandlerteam“ bilden. Chamila, die sich auf ekelhafte Art nach Waffen abtasten lassen muss, während der niederländische Soldat nach der Losung „Wir dürfen die Serben nicht reizen!“ schweigt, Rijad Gvozden, der als Kriegswaise im SOS-Kinderdorf in Gračanica aufwuchs, und der’s als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur auf die Kinoleinwand schaffte.

Die Anspannung, die Todesangst, die Panik, das Unverständnis über den Hass der gerade noch gewesenen Hausnachbarn ist förmlich mit Händen zu greifen, das nahende Unheil liegt in der Luft, Gerüchte von Vergewaltigungen und Erschießungen gehen um. Zu den nach außen hin ruhig ausharrenden Flüchtlingen mengt Jasmila Žbanić den Kommandoton, im Grunde Ohnmachtsschrei der niederländischen Soldaten, stille Minuten des Zusammensitzens mit dem mitfühlenden Arzt Dr. Robben, Reinout Bussemaker, ein kleines Lachen, ein schneller Kuss, in der Rückblende Aidas Erinnerung an einen nicht ganz ernst gemeinten Beauty-Contest. Beim Kolo, beim Reigentanz, hält die Kamera inmitten der ausgelassenen Stimmung wie versteinerte Mienen fest. Sind diese Menschen tot, klagen sie uns an, war der oder der nicht unter den Widerstandskämpfern zu sehen?

Momente sind das. Blauhelme mit gesenkten Köpfen vs. die serbischen Herrenmenschen, die Furcht vor Mladićs Unberechenbarkeit so enorm, dass die Niederländer alle Prinzipien, alle Vorschriften außer Acht lassen. Die UNPROFOR, die der General sowieso deppert anrennen lässt, ohne Benzin, ohne Nahrungsmittel, erst die Tschetniks bringen Brot ins Lager, welch ein Armutszeugnis, was muss Mladić gelacht haben. Chamila, die im Gegenüber von Ermin Bravo einen ehemaligen Mitschüler erkennt, die Vorkriegs-Lehrerin Aida im brutalen Beli von Jovan Zivanovic einen früheren Schüler – ein kurzer Dialog, der mit Grüßen an die jeweiligen Verwandten endet, doch als Major Beli Mutter Aida nach dem Verbleib von Hamdija fragt - die beiden waren offensichtlich früher befreundet -, erkennt man, wie doppelbödig diese Frage ist und wie gefährlich eine ehrliche Antwort sein könnte.

Und in all das hinein wird ein Kind geboren, ein Symbol, das jüngste Opfer in Srebrenica war ein wenige Stunden altes Baby, ein Mädchen, das Fatima genannt werden sollte. Und Aida rennt. Wie eine Löwin, mit dem Mut der Verzweiflung hat sie für ihre drei Männer gefightet, für die die plötzlich wieder befehlsgehorsamen Niederländer keinen Platz im abrückenden Konvoi freimachen wollen – die humanitäre Katastrophe ist gleichsam die Niederlage des Humanismus. Jeder Ausweg, den Aida einschlägt, endet vor neuen Hürden, neuen Hindernissen, in Sackgassen. Es ist ein Anlaufen gegen das Unvermeidliche.

Für ihr starkes Spiel hätte sich Jasna Đuričić eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient gehabt. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida, in doppeltem Wortsinn eine Seherin, ist nicht nur Getriebene, sondern auch treibende Kraft, als Übersetzerin versucht sie dort zu vermitteln, wo „vernünftig“ Reden längst nichts mehr bewirken kann. Immer mehr wird sie, der die anderen bevorzugte Behandlung unterstellen, zur Zielscheibe von Neid, Wut und Frustration. In der Szene, in der sie den Flüchtlingen mitteilen muss, dass sie von den bosnisch-serbischen Soldaten nach Kladanj abtransportiert werden, Sätze, bei denen sie ihre Skrupel kaum noch runterwürgen kann, bleibt

einem selbst ein Kloss im Hals stecken. Der Strudel, der Aida in die Tiefe zieht, er hat einen längst erfasst. Was folgt ist scheußlichste Zeitgeschichte. Frauen und Mädchen werden von Männern und Jungen getrennt, was weiblich ist, in Autobusse verfrachtet, was männlich ist, weggeführt, die Selektierten jedem Schutz durch die UNPROFOR entzogen, 200 Meter von der UN-Basis entfernt laden erste Erschießungskommandos durch. Für andere geht’s statt zur „Entlausung“ zu einer „Filmvorführung“, statt Gas einzuleiten ragen Maschinengewehre durch die Oberlichten … „nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heißt das nicht, dass sie nicht geschehen können“, sagt Jasmila Žbanić in einer „Director’s Note“.

Unbegreiflich bleibt dennoch, wie 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Shoah mitten in Europa ein Massaker stattfanden konnte, das bis heute eine klaffende Wunde in den Herzen zweier, nein: dreier Völker ist. Zum 25-Jahr-Gedenken 2020 blieben die Fronten verhärtet. Bosnische Meinungsmacher betreiben Polit-Propaganda, serbische leugnen. Um Peter Handke gab’s genug Aufregung, Aufregung auch, weil die Niederlande demonstrativ ihre Srebrenica-Blauhelme ehrten, Hasan Nuhanović fordert immer noch Gerechtigkeit für sich und seine abgeschlachtete Familie.

Dies ist der Film der Stunde, der größtmögliche Aufmerksamkeit verdient, ein Film, der niemanden kalt lassen kann. Er erzählt von Srebrenica mit einer Allgemeingültigkeit für alle Schauplätze, an denen Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihres demokratiepolitischen Engagements verfolgt und verschleppt werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Es ist Jasmila Žbanić zu unterstellen, dass sie das Heute wie das Gestern meint, und sage keiner, „das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen“, schreibt der Buchenwald-Überlebende Ivan Ivanji in seinem jüngsten Buch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45243).

Den Film beschließt ein Epilog – Achtung: Spoiler! Es ist Winter, an Aidas ergrauendem Haar sichtlich etliche Jahre später, die Lehrerin ist zurück in Srebrenica, will wieder als solche arbeiten, und fordert von der jungen Vesna, Edita Malovčić, ihre alte Wohnung zurück. Vesna stellt Aida ihren Sohn Luca als deren künftigen Erstklassler vor. Ein Augenblick, in dem sie – ist er’s wirklich? – im Stiegenhaus Lucas mit Einkaufstaschen bepackten Opa Joka sieht. Er erkennt sie nicht, grüßt freundlich, nicht alle landen im Fangnetz von Den Haag. Eine Aufnahme, in der Frauen um sterbliche Überreste im Kreis gehen, Angehörige, die vergraben, nicht beerdigt wurden, Skelette und Stoffreste – da erkennt Aida Hamdijas Sneaker.

Schnitt. Eine Schüleraufführung. In der ersten Reihe Luca, im Publikum Frauen mit bosnischem Hidzab und ohne, Muslime und Serbisch-Orthodoxe, und eine stolze Lehrerin Aida, die an der Sprossenwand lehnt. Die Kinder singen ein Lied, halten erst die Hände vors Gesicht, dann heißt es: Augen auf! Vielleicht ist ja die nächste Generation eine Friedenschance … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45395

www.facebook.com/quovadisaida       Jasmila Žbanić im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=91OYf2rspDQ       Original-Trailer – unbedingt ansehen: www.youtube.com/watch?v=ErLD8P4VUjY

13. 7. 2021

Belvedere: Wotruba und das Wiener Biedermeier

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Skandalöse Betonklotz-Kirche mit Kultstatus

Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, Ansicht von Osten. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Architekturikone aus Betonblöcken: Die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit gilt heute als modernes Wahrzeichen Wiens. Der künstlerische Entwurf des seinerzeit heftig umstrittenen Kirchenbaus geht auf den Bildhauer Fritz Wotruba zurück. Nach Planung mit Architekt Fritz Gerhard Mayr wurde von 1974 bis 1976 einer der markantesten Sakralbauten Wiens realisiert. 45 Jahre nach der Einweihung widmet das Belvedere nun der sogenannten WotrubaKirche erstmals eine Ausstellung.

„Die Kirche ist ein Wahrzeichen, für viele hat sie Kultstatus. Über ihre Entstehung – ein Stück Nachkriegs– wie gleichermaßen Kunstgeschichte – ist bislang wenig bekannt. Die Ausstellung füllt hier eine Lücke und lässt das lieb gewonnene Bauwerk anders sehen und neu erleben“, so Stella Rollig, Belvedere-Generaldirektorin. Die Einweihung der Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit erfolgte am 24. Oktober 1976, mehr als ein Jahr nach Wotrubas Tod und nach 13-jähriger, schwieriger Entstehungsgeschichte. Ursprünglich hatte der Bildhauer 1965 den Auftrag erhalten, für den Orden der Karmelitinnen ein Kloster mit Kirche in Steinbach bei Wien zu entwerfen. 1966 entstanden die ersten plastischen und zeichnerischen Entwürfe Wotrubas. Das Klosterprojekt wurde nicht verwirklicht, das Modell der Klosterkirche jedoch diente als künstlerischer Entwurf für den Bau der Rektoratskirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer.

Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit, Innenansicht mit Blick Richtung Süden. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Wotruba in seinem Atelier bei der Arbeit an einem Tonmodell für das  Karmelitinnenkloster in Steinbach bei Wien, 1967. Belvedere, Wien, Nachlass Fritz Wotruba

Fritz Wotruba, Skizze zu einer Architektur, 1966. Bild: Harald Eisenberger / Belvedere, Wien

Modell der Kirche des Karmelitinnenklosters in Steinbach bei Wien, 1967. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Die Ausstellung „Wotruba. Himmelwärts. Die Kirche auf dem Georgenberg“ macht die Entstehung dieses bedeutenden Bauwerks aus 135 Betonkuben nachvollziehbar und bringt die archiskulpturale Formgebung mit dem Gesamtwerk Wotrubas in Zusammenschau. Der Dialog zwischen Skulptur und Architektur zeigt sich im gesamten bildhauerischen Werk des Künstlers. Entwurfszeichnungen, Kirchenmodelle und ergänzende plastische Arbeiten aus den 1960er-Jahren veranschaulichen dies. Erstmals sind nahezu alle plastischen Entwürfe für die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in einer Ausstellung zu sehen.

Die Schau ist in mehrere Themenbereiche gegliedert. Einer davon beleuchtet die kontroversielle öffentliche Debatte zum Kirchenbauprojekt im Mai 1968, nachdem Wotrubas Entwürfe für das Karmelitinnenkloster in der Wiener Galerie nächst St. Stephan präsentiert wurden. Eine weitere Diskussion über die Kirche kam vor Kurzem auf: Auslöser waren ein 2019 errichteter Lift und die Erweiterung der im Inneren des Hügels liegenden Gemeinderäume mit einem neuen Zugang und einer Glasfront. Im Vordergrund stand nun das denkmalpflegerische Interesse am Erhalt des originalen Erscheinungsbildes des Architekturdenkmals, dessen Bedeutung mittlerweile unbestritten ist.

Im Kontext internationaler Vergleiche skulpturaler Architektur – von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart, von Le Corbusier bis Günther Domenig – tritt die Einzigartigkeit von Wotrubas künstlerischem Bau deutlich hervor. Archiskulpturale Arbeiten von Richard Serra, Max Bill, Aurélie Nemours und Hans Hollein zeigen Verbindungen des Bildhauers mit anderen Künstlerinnen und Künstlern durch seine Beschäftigung mit Figur, Architektur und Raum. Ungebrochen ist die Anziehungskraft, die das außergewöhnliche Werk moderner Bildhauerarchitektur auf zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler ausübt. Exemplarisch dafür werden Thomas Draschans Experimentalfilm zur Wotruba-Kirche aus dem Jahr 2014 und Evy Jokhovas transdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Architektur des Sakralbaus von 2016 bis 2017 gezeigt. Aglaia Konrads filmische Betrachtung Wotruba Wien befindet sich seit 2018 in der Sammlung des Belvedere.

Friedrich von Amerling, Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und Gustav, 1837. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Peter Fendi, Mädchen vor dem Lotteriegewölbe, 1829. Belvedere, Wien

Ferdinand Georg Waldmüller, Der Abschied der Patin (Nach der Firmung), 1859. Belvedere, Wien, Leihgabe des Vereins der Freunde der Öster. Galerie Belvedere

Bessere Zeiten? Waldmüller und das Wiener Biedermeier

Biedermeier – viel zitiertes und oft diskutiertes Wort dieser Tage: Macht sich ein bürgerlich-idyllischer Lebensstil in der Gesellschaft breit? Was ist Biedermeier eigentlich? Ist ein Blick auf diese Epoche ein Blick auf bessere Zeiten? Die neue Sonderausstellung im Oberen Belvedere „Bessere Zeiten? Waldmüller und das Wiener Biedermeier“ erzählt ab 12. Mai von der Zeit der Metternich’schen Restauration, der Stärkung des Bürgertums und seinem gleichzeitigen Rückzug aus der Sphäre politischer Verantwortung ins Private.

Die Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Französische Revolution und Napoleon haben sie in ihren Grundfesten erschüttert – durch Repression versucht sie die alte Stärke wiederzuerlangen Das Bürgertum gewinnt ein neues, bis dahin ungekanntes Selbstbewusstsein. Im Zentrum steht die Familie, das sprichwörtliche häusliche Glück. Gleichzeitig ziehen sich deren Protagonistinnen und Protagonisten aus dem politischen Leben zurück. Dies war das Ausgangsszenario für eine neue Stilrichtung: das Wiener Biedermeier. Die scheinbare Idylle des Privaten wurde zum herrschenden Ideal. Darstellungen häuslichen Lebens kehrten zunehmend in die Kunst ein. Die Salonkultur hatte Hochkonjunktur.

In der bildenden Kunst wurden in dieser Zeit Familienporträts, Einblicke in die beschauliche Heimeligkeit oder Blumenbilder beliebt. Die heimatliche Landschaft als Ort der Identifikation wurde zum gefragten Motiv. Dennoch blieb die Kunst auch in dieser Zeit nicht gänzlich unkritisch: Darstellungen von vermeintlich beschaulichen oder anrührenden Szenen kippen bei genauerer Betrachtung in ihr Gegenteil. Armut, und gesellschaftliche Ausgrenzung sind die „versteckten“ Themen der Biedermeiermalerei. Kurator Rolf H. Johannsen widmet sich in dieser Ausstellung Sein und Schein einer für Wien und seine Kunstgeschichte prägenden Epoche. Mit Werken von Ferdinand Georg Waldmüller, Friedrich von Amerling, Rosalia Amon, Josef Danhauser, Thomas Ender, Peter Fendi, Pauline Koudelka-Schmerling, Carl Schindler, Franz Steinfeld und Adalbert Stifter.

www.belvedere.at

8. 5. 2021

Academy Awards – „Quo vadis, Aida?“ ist auch für Österreich im Rennen um den Auslands-Oscar

März 24, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Massaker von Srebrenica, die Schande Europas

Die Dolmetscherin Aida Selmanagić sucht unter 25.000 Flüchtlingen ihren Ehemann Nihad und ihre beiden Söhne Hamdija und Sejo: Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Mit etwas Glück, kann auch Österreich an den diesjährigen Academy Awards teilhaben: Der Spielfilm der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić „Quo vadis, Aida?“ ist in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert, zusammen mit Einreichungen aus Hongkong, Rumänien, Tunesien – und Thomas Vinterbergs „Der Rausch“ als dänischem Beitrag.

An der europäischen Koproduktion sind außer Bosnien-Herzegowina sieben weitere Länder beteiligt, aus Österreich die coop99 filmproduktion mit den Koproduzenten Barbara Albert, Antonin Svoboda und Bruno Wagner – die bereits vielfach ausgezeichnete Arbeit, die am 7. Mai in den heimischen Kinos anlaufen soll, hätte sich den Auslands-Oscar mehr als verdient; in Venedig musste man den Goldenen Löwen knapp an Chloé Zhaos „Nomadland“ abtreten … Hier die Filmrezension:

Jasna Đuričić wäre eine Nominierung wert gewesen

Aida rennt. Sie hastet durch Korridore, irrt durchs Labyrinth der früheren Batteriefabrik, vorbei an den Blauhelmen, durchs provisorisch eingerichtete Lazarett, hinaus ins so unfreie Freie, wo 25.000 bosnische Flüchtlinge vergeblich auf Einlass ins UNPROFOR-Quartier in Potočari hoffen. Es ist der 11. Juli 1995, so auch ein früherer Titel des Films: „11th of July“, die Menschen kommen aus Srebrenica – womit sich mehr zu erläutern eigentlich erübrigt. Aida erklimmt das Wärterhäuschen am Schranken, „Nihad, Hamdija, Sejo!“ ruft sie, doch wie unter den vielen hier Ehemann und Söhne finden?

„Quo vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić ist ein Film, der wehtut. So richtig wehtut. Und das ist gut so. Das Massaker von Srebrenica ist die Schande Europas, und nicht die letzte, wie man anno 2021 weiß. Sieht man die Bilder dieser am Zaun ihrer Überlebenschance abgewiesenen Männer, Frauen, Kinder, muss man unweigerlich an jüngere Ereignisse denken. Derart spannt der Film einen Bogen zu Moria, Kara Tepe, Europas Außengrenzen, Lipa, tatsächlich an der bosnisch-kroatischen. „Quo vadis, Aida?“ ist kein Plädoyer, es ist ein Appell.

Žbanić, selbst Überlebende des Bosnienkriegs, Mitglied des „Democracy in Europe Movement 2025“, Unterzeichnerin der „Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner“, ließ sich für ihr Skript vom Buch über den Völkermord in Srebrenica des Übersetzers für die UN-Truppen Hasan Nuhanović inspirieren. Diese Dolmetscherin ist nun Aida Selmanagić, die Jasna Đuričić mit einer Eindringlichkeit, einer Unmittelbarkeit spielt, für die sich der serbische Theater- und Kinostar eine Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient hätte.

Eben noch hatte Colonel Karremans den an Hunger sterbenden – denn die bosnisch-serbische Armee ließ keine Hilfslieferungen zu – Srebrenicern erklärt, in der „Schutzzone“ seien sie sicher, da schlagen die Granaten ein, rollen Panzer an, Kriegsherr, Kriegsverbrecher Ratko Mladić im Machtrausch, Darsteller Boris Isaković auch von einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit. „Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk“, verkündet der General in die Fernsehkamera, dieser ständigen Begleiterin seines Eroberungsfeldzugs. Seine „ethnische Säuberung“ wird 250.000 Tote fordern, 1.3 Millionen Flüchtlinge, geschätzte 20.000 bis 50.000 Vergewaltigungsopfer – in Srebrenica wurden 8372 muslimische Männer und Jungen ermordet -, der schlimmste Genozid in Europa seit dem Dritten Reich.

Und die Menschen laufen mit Sack und Pack, Gehbehinderte in Schubkarren, Mütter, die ihre Kinder im Chaos verloren haben, Verletzte, eine Kuh als letztverbliebenes Hab und Gut. Die Statistinnen und Statisten aus Stolac und Mostar, das ist die Stadt an der Brücke Stari Most, sind mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache. Jede und jeder auf den die Grazer Kamerafrau Christine A. Maier, bekannt für Barbara Alberts „Licht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053) oder Ruth Maders „Life Guidance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27841), zoomt, verkörpert einen Charakter, Gesichter, die um das wissen, was hier geschildert wird, Gesichter, die man so schnell nicht vergisst.

Rückblende: Aidas Erinnerungen an einen unernsten Beauty-Contest in Srebrenica. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Niederländer wollen nicht helfen, Aida ist ratlos und verzweifelt: Jasna Đuričić:. Bild: © Polyfilm Verleih

Ratko Mladić-Mann Joka provoziert Major Franken: Emir Hadžihafizbegović und Raymond Thiry. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Unterhändler unterwegs zu Mladić: Rijad Gvozden als Muharem, Johan Heldenbergh als Colonel Karremans und Jelena Kordić-Kuret als Chamila. Bild: @ Polyfilm Verleih

Tausende landen im UNO-Gelände in Potočari, wo bald chaotische Zustände herrschen. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida erklärt den Flüchtlingen, dass sie deportiert werden: Raymond Thiry und Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Ob’s nun heißt, die Basis ist voll oder das Boot ist voll, das Dutchbat ist von der Situation völlig überfordert. Karremans telefoniert vergeblich um Luftunterstützung, die NATO-Generalität urlaubt um diese Jahreszeit. Später wenn Mladićs Tschetniks mit der Unverfrorenheit der Sieger den UN-Stützpunkt nach muslimischen Freischärlern durchsuchen, wenn der abgebrühte, herrlich großsprecherische Joka von Emir Hadžihafizbegović den diensthabenden Major Franken, Raymond Thiry, wie einen Schulbuben abkanzeln wird, werden dessen Jungs in ihren lächerlichen kurzen Camouflage-Hosen ob all des Leids rund um sie den Tränen nahe sein.

Aida, von den Niederländern überdeutlich als Untergebene behandelt, hat es zwischenzeitlich geschafft, ihre Familie ins Camp zu holen, indem sie ihren Mann und ehemaligen Schuldirektor Nihad für die Gruppe der Unterhändler, die Mladić zu sehen verlangt, vorschlägt. Auch Izudin Bajrović als in sich gekehrter Nihad, Boris Ler als nervlich schwer angeschlagener Hamdija und Dino Bajrović als dessen jüngerer Bruder Sejo agieren mit einer Authentizität, die gespenstisch, die kaum auszuhalten ist.

Ebenso Jelena Kordić-Kuret als Chamila und Rijad Gvozden als Muharam, die mit Nihad das „Verhandlerteam“ bilden. Chamila, die sich auf ekelhafte Art nach Waffen abtasten lassen muss, während der niederländische Soldat nach der Losung „Wir dürfen die Serben nicht reizen!“ schweigt, Rijad Gvozden, der als Kriegswaise im SOS-Kinderdorf in Gračanica aufwuchs, und der’s als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur auf die Kinoleinwand schaffte.

Die Anspannung, die Todesangst, die Panik, das Unverständnis über den Hass der gerade noch gewesenen Hausnachbarn ist förmlich mit Händen zu greifen, das nahende Unheil liegt in der Luft, Gerüchte von Vergewaltigungen und Erschießungen gehen um. Zu den nach außen hin ruhig ausharrenden Flüchtlingen mengt Jasmila Žbanić den Kommandoton, im Grunde Ohnmachtsschrei der Soldaten, stille Minuten des Zusammensitzens mit dem mitfühlenden Arzt Dr. Robben, Reinout Bussemaker, ein kleines Lachen, ein schneller Kuss, in der Rückblende Aidas Erinnerung an einen nicht ganz ernst gemeinten Beauty-Contest. Beim Kolo, beim Reigentanz, hält die Kamera inmitten der ausgelassenen Stimmung wie versteinerte Mienen fest. Sind diese Menschen tot, klagen sie uns an, war der oder der nicht unter den Widerstandskämpfern zu sehen?

Momente sind das. Blauhelme mit gesenkten Köpfen vs. die serbischen Herrenmenschen, die Furcht vor Mladićs Unberechenbarkeit so enorm, dass die Niederländer alle Prinzipien, alle Vorschriften außer Acht lassen. Die UNPROFOR, die der General sowieso deppert anrennen lässt, ohne Benzin, ohne Nahrungsmittel, erst die Tschetniks bringen Brot ins Lager, welch ein Armutszeugnis, was muss Mladić gelacht haben. Chamila, die im Gegenüber von Ermin Bravo einen ehemaligen Mitschüler erkennt, die Vorkriegs-Lehrerin Aida im brutalen Beli von Jovan Zivanovic einen früheren Schüler – ein kurzer Dialog, der mit Grüßen an die jeweiligen Verwandten endet, doch als der Major nach dem Verbleib von Hamdija fragt - die beiden waren offensichtlich früher befreundet -, erkennt man, wie doppelbödig diese Frage ist und wie gefährlich eine ehrliche Antwort sein könnte.

Und in all das hinein wird ein Kind geboren, ein Symbol, das jüngste Opfer in Srebrenica war ein wenige Stunden altes Baby, ein Mädchen, das Fatima genannt werden sollte. Und Aida rennt. Wie eine Löwin, mit dem Mut der Verzweiflung hat sie für ihre drei Männer gefightet, für die die plötzlich wieder befehlsgehorsamen Niederländer keinen Platz im abrückenden Konvoi freimachen wollen – die humanitäre Katastrophe ist gleichsam die Niederlage des Humanismus. Jeder Ausweg, den Aida einschlägt, endet vor neuen Hürden, neuen Hindernissen, in Sackgassen. Es ist ein Anlaufen gegen das Unvermeidliche.

Für ihr starkes Spiel hätte sich Jasna Đuričić auch eine Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida, in doppeltem Wortsinn eine Seherin, ist nicht nur Getriebene, sondern auch treibende Kraft, als Übersetzerin versucht sie dort zu vermitteln, wo „vernünftig“ Reden längst nichts mehr bewirken kann. Immer mehr wird sie, der die anderen bevorzugte Behandlung unterstellen, zur Zielscheibe von Neid, Wut und Frustration. In der Szene, in der sie den Flüchtlingen mitteilen muss, dass sie von den bosnisch-serbischen Soldaten nach Kladanj abtransportiert werden, Sätze, bei denen sie ihre Skrupel kaum noch runterwürgen kann, bleibt

einem selbst ein Kloss im Hals stecken. Der Strudel, der Aida in die Tiefe zieht, er hat einen längst erfasst. Was folgt ist scheußlichste Zeitgeschichte. Frauen und Mädchen werden von Männern und Jungen getrennt, was weiblich ist, in Autobusse verfrachtet, was männlich ist, weggeführt, die Selektierten jedem Schutz durch die UNPROFOR entzogen, 200 Meter von der UN-Basis entfernt laden erste Erschießungskommandos durch. Für andere geht’s statt zur „Entlausung“ zu einer „Filmvorführung“, statt Gas einzuleiten ragen Maschinengewehre durch die Oberlichten … „nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heißt das nicht, dass sie nicht geschehen können“, sagt Jasmila Žbanić in einer „Director’s Note“.

Unbegreiflich bleibt dennoch, wie 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Shoah mitten in Europa ein Massaker stattfanden konnte, das bis heute eine klaffende Wunde in den Herzen zweier, nein: dreier Völker ist. Zum 25-Jahr-Gedenken 2020 blieben die Fronten verhärtet. Bosnische Meinungsmacher betreiben Polit-Propaganda, serbische leugnen. Um Peter Handke gab’s genug Aufregung, Aufregung auch, weil die Niederlande demonstrativ ihre Srebrenica-Blauhelme ehrten, Hasan Nuhanović fordert immer noch Gerechtigkeit für sich und seine abgeschlachtete Familie. Nur eine angesichts dieser Konflikte feige Academy-Awards-Jury kann „Quo vadis, Aida?“ den Auslands-Oscar vorenthalten.

Dies ist der Film der Stunde, der größtmögliche Aufmerksamkeit verdient, ein Film, der niemanden kalt lassen kann. Er erzählt von Srebrenica mit einer Allgemeingültigkeit für alle Schauplätze, an denen Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihres demokratiepolitischen Engagements verfolgt und verschleppt werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Es ist Jasmila Žbanić zu unterstellen, dass sie das Heute wie das Gestern meint, und sage keiner, „das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen“, schreibt der Buchenwald-Überlebende Ivan Ivanji in seinem jüngsten Buch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45243).

Den Film beschließt ein Epilog – Achtung: Spoiler! Es ist Winter, an Aidas ergrauendem Haar sichtlich etliche Jahre später, die Lehrerin ist zurück in Srebrenica, will wieder als solche arbeiten, und fordert von der jungen Vesna, Edita Malovčić, ihre alte Wohnung zurück. Vesna stellt Aida ihren Sohn Luca als deren künftigen Erstklassler vor. Ein Augenblick, in dem sie – ist er’s wirklich? – im Stiegenhaus Lucas mit Einkaufstaschen bepackten Opa Joka sieht. Er erkennt sie nicht, grüßt freundlich, nicht alle landen im Fangnetz von Den Haag. Eine Aufnahme, in der Frauen um sterbliche Überreste im Kreis gehen, Angehörige, die vergraben, nicht beerdigt wurden, Skelette und Stoffreste – da erkennt Aida Hamdijas Sneaker.

Schnitt. Eine Schüleraufführung. In der ersten Reihe Luca, im Publikum Frauen mit bosnischem Hidzab und ohne, Muslime und Serbisch-Orthodoxe, und eine stolze Lehrerin Aida, die an der Sprossenwand lehnt. Die Kinder singen ein Lied, halten erst die Hände vors Gesicht, dann heißt es: Augen auf! Vielleicht ist ja die nächste Generation eine Friedenschance …

www.facebook.com/quovadisaida           Trailer: www.youtube.com/watch?v=ErLD8P4VUjY          Jasmila Žbanić im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=91OYf2rspDQ           Streaming: www.curzonhomecinema.com/film/watch-quo-vadis-aida-film-online

  1. 3. 2021

SOHO in Ottakring online: Wie meinen?

Juni 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Festival zur Meinungsfreiheit und zum Ringen um sie

Hans a. Blast: Der Volksmund. Bild: © Hannes Stelzhammer

Auch „SOHO in Ottakring“ präsentiert sich dies Jahr #Corona-bedingt von 6. bis 20. Juni als Online-Festival. Der angedachte Themen- schwerpunkt „Wie meinen? Über Meinungsfreiheit und das Ringen um sie“ schien den Kuratorinnen und Kuratoren in der derzeitigen Lage umso dringlicher, und so wollen nun 14 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive ihre Arbeiten in Zusammenhang bringen „mit den vielen offenen Fragen, die über den Zustand der Demokratie gestellt werden müssen“.

Während des Festivalzeitraums wird auf der SOHO-Website www.sohoinottakring.at täglich eine neue Arbeit von maximal 30 Minuten zu sehen sein, alle Beiträge danach noch bis 5. Juli.

Highlights aus dem Programm:

穴 Cave (dt. Höhle)*. Video von Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung, online ab 7. Juni, 17 Uhr. Die Kernidee zu diesem Video entstand, als Delphine Hsini Mae 2018 im Rahmen einer Künstlerresidenz einen Kurzfilm gegen Gewalt an Frauen in Mexiko in einem verlassenen Haus drehte. Als Mae durch den Ort ging, spürte sie das verlassene, vergessene alte Haus wie einen vernachlässigten, alternden, weiblichen Körper. Der Raum eines Hauses ist wie die Sphäre eines Körpers. Die Videoarbeit beschreibt Lebensausdruck inmitten von Chaos und unausgesprochenerStille, wenn der Raum/ Körper alt und marginalisiert, vergessen oder vernachlässigt, ignoriert oder krank, physisch oder psychisch missbraucht ist.

Das Video hallt wie ein Gedicht, wie ein Brief, geschrieben über die Zehn-Jahre-danach und gerichtet an das zukünftige Selbst, das zukünftige Du. Delphine Hsini Mae lebt und arbeitet nach jahrelangen internationalen Arbeitsaufträgen wieder in Taiwan. Sie ist Performerin, Schriftstellerin, Dichterin, schamanistische Geist-Körper-Energiepraktikerin und kreative Pädagogin. Jia-ling Chung arbeitet im Bereich Film als Regisseurin, Kamerafrau, Dokumentarfilmerin und Cutterin.

Artefakte. Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Ausstellung von Martha-Cecilia Dietrich, online ab 8. Juni, 17 Uhr. Brotkrümel, Muscheln, Rinderknochen, Steine, Klopapier, Obstkerne, Kleiderfetzen, das sind die Materialien aus denen politische Häftlinge während des bewaffneten Konflikts in Peru von 1980 bis 2000 Objekte anfertigten. In der Einzelhaft kommunizierten sie mit ihren Liebsten anhand selbst gemachter Geschenke. Winzige Artefakte sprachen von großen Themen wie Hoffnung, Hingebung, Entschlossenheit, Liebe und Ausdauer. In der Isolation, wo Beschäftigung und Sprache verboten sind, symbolisieren persönliche Objekte politischen Widerstand, weil sie der menschlichen Existenz eine greifbare Form geben.

Der Ausdruck als politischer Akt macht alltägliche Dinge wie Broschen, Stofftiere, Karten, Figuren und Schmuck zu gefährlich Gegenständen, weil sie sich dem Regime widersetzen. Die Ausstellung „Von stummen Orten“ der Wiener Sozialanthropologin Martha-Cecilia Dietrich stellt Objekte und Geschichten von vier Frauen, die seit mehreren Jahrzehnten Gefangene in Limas Hochsicherheitsgefängnis von Santa Monica sind, in den Vordergrund und setzt sich mit kritischen Konzepten wie Stimme, Sichtbarkeit und Widerstand auseinander.

Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Dokumentation einer verleugneten Existenz. Fotografien von Mehmet Emir, online ab 9. Juni, 17 Uhr. Werner Finke, 1942 bis 2002, war ein Ethnologe, der über drei Jahrzehnte regelmäßig in die Türkei reiste und audiovisuelle Dokumentationen und ethnographische Sammlungen in den von Kurdinnen und Kurden bewohnten Regionen erstellte. Ab 1966 bis 2002 durchquerte er die ostanatolischen Provinzen und war fasziniert von den Bewohnern und der Bergwelt in dem türkischen Grenzgebiet zum Iran und Irak – eine Faszination, die ihn Jahr für Jahr wieder in das Gebiet führte.

Insbesondere seit der Gründung der türkischen Republik, als die Existenz der Kurden in den türkischen Gebieten verschwiegen und ihre Sprache verleugnet wurden, konnten ihr soziales Leben und ihre politischen Bestrebungen weder in einem nationalen noch in einem internationalen Kontext thematisiert werden. Trotzdem führte Finke die audiovisuellen Dokumentationen weiter. Diese Präsentation, zusammengestellt vom Fotokünstler, Kolumnist, Musiker und Sozialarbeiter Mehmet Emir, zeigt einzigartiges, noch unpubliziertes Material über das Leben der Viehzüchter auf den Sommerweiden in den frühen 1970er-Jahren. Mehmet Emir zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Wie meinen?“: „Als Kurde und Migrant sage ich, hier in Österreich, noch schlimmer, in der Türkei findet meine Meinung keinen Platz!”

Sophie Utikal: Care und Coexisting. Bild: © Sophie Utikal

Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung: 穴 Cave (dt. Höhle)*. Bild: @ Delphine Hsini Mae

Mehmet Emir: Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Bild: © W. Finke/ Institut für Sozialantropologie

Martha-Cecilia Dietrich: Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Bild: ©Martha-Cecilia Dietrich

Care und Coexisting. Textilbilder von Sophie Utikal, online ab 11. Juni, 17 Uhr. Sophie Utikal benutzt das Material ihrer Kleidung, die negative Form ihres Körpers, um Situationen ihres Lebens, die sie geprägt haben, zu verändern. Damit möchte sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Women of Color stärken, die Erfahrungen im Kampf gegen Unterdrückung teilen. Die Arbeit „Care” entstand für den Film „Die Sprache der Stimme“ von Franziska Kabisch und Laura Nitsch und zeigt auf, was es bedeutet, die Stimme zu verlieren und dennoch Strategien der Ermächtigung zu finden. „Coexisting” ist eine Vision für die Zukunft mit fiktiven Wesen, die auf die bereits zerstörte Erde kommen, um sie mit ihren Körpern neuerlich zu befruchten. Als Inspiration diente die Science-Fiction-Buchreihe „Liliths Brood“ von Ocativa Butler. Sophie Utikal, geborenin Tallahassee, USA, studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Ruby Sircar, Ashley Hans Scheirl und Gin Müller. Sie lebt in Berlin und Wien.

Meinungstauschzentrale – Ansichten einer Stadt. Partizipatives Projekt zur Sammlung und Erforschung des “Volksmundes” von und mit Hans a. Blast, vor dem Alten Kino im Sandleitenhof, Liebknechtgasse 32, Ottokring, ab 6. Juni, 16 bis 20 Uhr, online ab 13. Juni, 17 Uhr. Als Anlaufstelle stehen ein Ort und eine soziale Plastik als Ort der Zusammenkunft und Gallionsfigur bereit. Hier werden Meinung und Haltung „Aller“ ausgelotet: von Lebensentwürfen, Vorurteilen bis hin zu Graffitis, Kritik und Wut. Die „Meinungstauschzentrale“ sieht sich auch als Treffpunkt für kulturelle Verschiedenheit. Hans a. Blast arbeitet in den Bereichen Interdisziplinäre soziale Plastik, Fotografie, Skulptur, Text, Bühne, Wirt/Parasit-Synergien und Handwerk. Er lebt als Künstler in Wien.

To Look After a Stranger’s Urge. Video von Eliana Otta und Hansel Sato, online ab 18. Juni, 17 Uhr. Entstanden aus einem Workshop mit Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien unter Leitung von Hansel Sato. Im Workshop wird untersucht, was sich heute wichtig anfühlt und wie man es ausdrücken kann: „Wie artikulieren wir, was wir gerne ändern würden und was unsere Empörung hervorruft? Wie verbalisieren wir einen sehr intimen Wunsch oder Traum, den wir nicht zu offenbaren wagen? Und vor allem, wie verhalten wir uns zu den Ideen oder Hoffnungen eines anderen auf Veränderung? Wie hören und nehmen wir Dringlichkeiten wahr, die nicht unsere eigenen sind? Können wir sie genau beachten? Könnten wir uns sogar für eine Weile um sie kümmern? Das wird ein Moment sein, in dem wir uns auf die Ausdrucksweise des anderen konzentrieren können, in dem wir uns um eine Forderung kümmern, die nicht unsere eigene ist; und zu beobachten, was passieren kann, wenn wir das tun, mit uns selbst und mit anderen.“

Die im Workshop erarbeiteten Werke werden im Rahmen von SOHOnline präsentiert. Eliana Otta und Hansel Sato sind beide aus Peru, sie multidisziplinäre Künstlerin, er bildender Künstler, Comiczeichner und Kulturvermittler.

Through the Textile. Video von Alfredo Ledesma Quintana, online ebenfalls ab b 19. Juni, 17 Uhr. In der Prä-Inka, Wari-Kultur zeugen Textilien und ihre Symbolik von ihrer Vision der Welt. Textilien fungieren als Kommunikationsmittel zwischen verschiedenen Gemeinschaften und Menschen. Sie sind ein Ausdruck der Gefühle / des Denkens über Natur und Umwelt, und sie führen zu einem kollektiven Ausdruck und kommu- nikativen Transfer. Textilien haben einen rituellen Charakter, wodurch das Bedürfnis gestillt wird, die Werte und das Wissen auf eine reine Art, wie sie in der Natur selbst existiert, auszudrücken und zu transzendieren. Mittels symbolischer Intervention mit andinen Textilien und ihrer Bedeutung möchte Alfredo Ledesma Quintana eine Reflektion und ein Hinterfragen des Verständnisses und der Wahrnehmungvon „Natur“ anregen.

Damit will er der Natur Raum geben, ihre eigene Sprache zu artikulieren und sich so auszudrücken, wie sie ist. Gleichzeitig sind die Stimmen der Bevölkerung des Valle de Tambo zu hören, die ihre landwirtschaftliche Lebensgrundlage gegen die Kupfergewinnung internationaler Großkonzerne verteidigen. Dadurch wird der konfliktreiche Charakter parallel existierender Wahrnehmungen und Bewertungen von Natur deutlich wird. Alfredo Ledesma Quintana ist peruanischer Künstler, der wie Otta und Sato in Wien lebt. Gemeinsam mit Imayna Caceres bilden sie eine Gruppe in Österreich lebender, peruanischer Künstlerinnen und Künstler, die gemeinsam an der Verdeutlichung sozialer und ökologischer Krisen arbeiten.

www.sohoinottakring.at

4. 6. 2020

Kunsthalle Wien/Wiener Festwochen: And if I devoted my life to one of its feathers?/Ho Tzu Nyen: No Man II

Mai 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Wien wird zum Ausstellungsraum

Chto Delat: Eine Feder, visualized by Dmitry Vilensky, 2020, Courtesy die Künstler*innen

Ursprünglich für den Frühsommer 2020 geplant, ist die gemeinsame Ausstellung mit den Wiener Festwochen, „And if I devoted my life to one of its feathers?, kuratiert von Miguel A. López, auf das kommende Jahr verschoben. Eine Auswahl von Arbeiten für den öffentlichen Raum gibt nun allerdings einen ersten Vorgeschmack:

Ab 1. Juni sind eigens für dieses Projekt geschaffene Statements von sechs Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven – Manuel Chavajay, Chto Delat, Inhabitants mit Margarida Mendes, Daniela Ortiz, Prabhakar Pachpute und Sophie Utikal – auf 250 großformatigen Plakatflächen in ganz Wien verteilt zu sehen.

Dieser „Prolog im öffentlichen Raum“ versucht, einige der Stimmen und Themen der Schau in ein Medium zu übersetzen, das mit den Hindernissen und Umständen vereinbar ist, mit denen Kulturschaffende in aller Welt dieser Tage umgehen müssen. López hat sie eingeladen, Arbeiten zu kreieren, die aus der Perspektive der je eigenen Erfahrungen, Sorgen, Geografien und politischen Gemeinschaften auf die Pandemie reflektieren.

In jedem Werk kommt eine andere Sicht auf die Welt zum Ausdruck, in der die Coronavirus-Pandemie zwar alle, aber nicht alle gleichermaßen betrifft. Ganz im Geiste der ursprünglichen Schau wollen diese Interventionen eine Auseinandersetzung über Selbstbestimmung sowie gesellschaftlichen und ökologischen Wandel anstoßen. Der öffentliche Raum ist zuletzt zum Schauplatz der einschneidendsten Veränderungen in unserem Alltag geworden. Zuerst war er unzugänglich oder nur stark eingeschränkt nutzbar. Jetzt aber ist in Wien ein Wiederaufleben der Möglichkeiten zu sehen, die er für einen körperlich erlebbaren und gesellschaftlichen Dialog bietet – und die künstlerisch aktiviert werden wollen.

„Der Titel ,And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum‘ zitiert die chilenische Dichterin und Aktivistin Cecilia Vicuña, die auffordert, ästhetische und geistige Bande zwischen Mensch und Natur zu knüpfen“, so Miguel A. López. Und weiter: „Rund um den Erdball hat die Covid-19-Pandemie das Alltagsleben zum Erliegen gebracht und Vorstellungen außer Kraft gesetzt, die unserem Weltverständnis zugrunde liegen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen – Lockdowns und plötzlich geschlossene Grenzen und Türen – war  klar, dass wir nicht einfach die Ausstellung verschieben konnten: Es galt, ein gemeinsames transnationales Gespräch über diese neu errichteten Mauern hinweg am Leben zu erhalten.“

Daniela Ortiz: Papa, with P for Patriarchy, 2020, Courtesy die Künstlerin

Manuel Chavajay: Tz’ikin, 2020, Bild: Josue Samol, Courtesy der Künstler

Prabhakar Pachpute: A plight of hardship, 2020, Bild: P. Pachpute & Amol K Patil, Courtesy der Künstler

Die fünf besten Beiträge:

Chto Delat: Kollektiv, gegründet 2003 in Petersburg –  Eine Feder, visualisiert von Dmitry Vilensky, 2020. Der Beitrag des russischen Kollektivs Chto Delat bedient sich der Ästhetik sowjetischer Anti-Atomkriegs-Plakate aus den 1970ern, in denen ausgeschnittene Bilder zu einer Darstellung bedrohlicher Szenarien collagiert sind, die verheerende Umweltzerstörungen zeigen. Die Frage, die Chto Delats grafische Arbeit aufwirft – „Und wenn nun eine Feder vom Körper abfällt?“ – reformuliert spielerisch den Titel der Ausstellung und fordert uns auf, den Ursprung der Corona-Pandemie als „Schwarzen Schwan“ zu begreifen: ein unvorhersehbares und unerwartetes Ereignis, das schwerwiegende Folgen nach sich zieht. In der spekulativen Fiktion der Arbeit ist eine vernetzte und globalisierte Welt zum Spielball eines Nacktmeerschweinchens geworden, einer Abart des Meerschweinchens, die 1978 von Wissenschaftlern gezüchtet wurde.

Daniela Ortiz: aus Cusco, Peru – Papa, with P for Patriarchy, 2020. Diese Arbeit der antikolonialen Künstlerin und Aktivistin Daniela Ortiz bewirbt ein von Hand gezeichnetes Kinderbuch über einen Vater, der ein Held ist – aber ein Held des Patriarchats. Das Bild stellt die diversen Figuren in einer Geschichte vor, die den rechtlichen Mechanismen nachgeht, die hinter rassistischen und patriarchalen Übergriffen und Gewalt stecken. Ortiz zeigt auf, dass psychische Unterdrückung und die mit ihr verbundenen Formen wirtschaftlichen, seelischen, körperlichen und emotionalen Gefangenseins, wie insbesondere alleinerziehende Mütter sie erfahren, der gesellschaftlichen Isolation ähneln, die den Menschen wegen der Covid-19-Pandemie auferlegt wurde. Das Buch kann unter kunsthallewien.at/papapatriarchy kostenlos heruntergeladen werden.

Manuel Chavajay: aus San Pedro La Laguna, Guatemala – Tz’ikin, 2020. Der Künstler Manuel Chavajay, ein Angehöriger des Maya-Volks der Tz’utujil, stellt Tz’ikin dar, einen der zwanzig nahuales der mittelamerikanischen Kosmologie, in der sie als persönliche spirituelle Begleiter und Schutzgeister der Menschen auftreten. Die Figur hält einen Goldbarren und steht so symbolisch für die Sicht des Westens auf die angestammten Gebiete der Maya: als Ort der Kapitalakkumulation durch Rohstoffextraktion – mittels der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen. Das Wort „Ru k’ayewaal“ unter der Figur stammt aus dem Tz’utujil und kann mit „wegen einer aufgezwungenen Gewaltsituation in Not“ übersetzt werden.

Prabhakar Pachpute: aus Pune, Indien – A plight of hardship, 2020. Die Figur, die in Prabhakar Pachputes Zeichnung ihrer Wege geht, ist aus Körperteilen, persönlicher Habe und Putzzubehör zusammengesetzt und erinnert so an die Ikonografie diverser indischer Göttinnen, die mit Seuchen in Verbindung gebracht werden. So lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit auf die Kehrseite des erlahmenden Alltagslebens in aller Welt und der landesweiten Ausgangssperren: Die schlecht bezahlten Arbeitskräfte, die mit ihren unverzichtbaren Tätigkeiten während der Pandemie den sprichwörtlichen Laden am Laufen halten, haben oft keinen Zugang zu Leistungen wie bezahltem Urlaub und einer Krankenversicherung. Die wandernde Figur lässt auch an Migranten denken, die sonst nirgends hinkönnen, oder vielleicht an die derzeitige Massenflucht aus dicht bevölkerten Städten aufs Land. Unter den diversen Schichten, die die Figur sich übergezogen hat, wird eine als Gewalt erfahrene Rechtlosigkeit und insbesondere das Fehlen von Arbeitnehmerrechten erkennbar.

Inhabitants mit Margarida Mendes – What Is Deep Sea Mining?, 2018–20. Inhabitants ist ein 2005 von den portugiesischen Künstler*innen Pedro Neves Marques und Mariana Silva gegründeter Onlinekanal für Videos und dokumentarische Arbeiten, die Themen rund um den Umweltschutz und das Anthropozän untersuchen. Das gezeigte Schaubild gehört zu einem größeren Forschungsprojekt zur Bergbauindustrie in der Tiefsee, die beginnt, die Weltmeere ihrer Profitgier zu unterwerfen. Es wirft ein Schlaglicht auf laufende Erkundungen im Rahmen geplanter Tiefseeminen, die sich über eine Fläche der Größe Europas erstrecken sollen. Die Verwüstung des Meeresbodens stellt nicht nur für Meeresflora und -fauna und ganze Ökosysteme, sondern auch für den weltweiten Kampf gegen Umweltungerechtigkeit und die nahende Klimakatastrophe eine akute Bedrohung dar.

Inhabitants with Margarida Mendes: What is Deep Sea Mining?, 2018–2020, Courtesy die Künstler*innen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

Wiener Festwochen – Ho Tzu Nyen: No Man II

Die Videoinstallation „No Man II“ von Ho Tzu Nyen ist die einzige künstlerische Arbeit der Wiener Festwochen 2020, die in ihrer geplanten Form stattfinden kann. Von 2. Juni bis 30. September belebt die Installation mit einem geisterhaften Chor aus Menschen, Tieren, Hybriden und Cyborgs die Kärntnertorpassage am Karlsplatz. Die Arbeiten des singapurischen Videokünstlers und Theatermachers Ho Tzu Nyen sind visuell beeindruckende Werke mit einer Unzahl kultureller Referenzen. Zentrales Thema ist bei Ho die Erforschung der kulturellen Identitäten Südostasiens, die von so vielen Einflüssen überschrieben wurden, dass eine Reduktion auf einen gemeinsamen historischen Kern fast unmöglich ist. „Kein Mensch ist eine Insel für sich allein.“

Der Titel der Videoinstallation bezieht sich auf eine Zeile des englischen Dichters John Donne aus dem Jahr 1624.No Man II“ vereint 50 aus Onlinematerial digital generierte Figuren. Sie bilden eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung, animiert mit zwiespältig anmutenden Bewegungen, vom harmlos menschlichen Verhalten bis zum taumelnden Gang der Zombies. Vielleicht sind sie eine kleine Auswahl der figurativen Imagination der Menschheit quer durch die Geschichte. Vielleicht sind sie „wir“. Vielleicht auch „wir“ nach „uns“, wenn die menschliche Spezies verschiedene Mutationen durchlaufen haben wird. Ein unerwartetes Echo findet diese faszinierende Choreografie digitaler Körper durch ihre Platzierung im städtischen Raum, wenn sie mit den Bewegungen der Passantinnen und Passanten in der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz interagiert.

kunsthallewien.at             … von Brot, Wein, Autos …: www.mottingers-meinung.at/?p=40411

www.festwochen.at           Ho Tzu Nyens „No Man II“: www.mottingers-meinung.at/?p=40289

  1. 5. 2020