Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Volkstheater: Hochstaplernovelle

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fulminantes Solo von Schauspieler Martin Schwanda

Gerissen und geschmeidig: Martin Schwanda verwandelt sich in Robert Neumanns Hochstapler, Dieb und Trickbetrüger Emil. Bild: Christian Mair.

Da ist er also wieder. Emil. Nun begleitet er einen schon seit – wie vielen? – Jahren. Für eine Festwochenproduktion 2013 entdeckte Regisseurin und Salon5-Intendantin Anna Maria Krassnigg den vergessenen, weil von den Nazis aus den Bücherregalen verbannten Wiener Autor Robert Neumann. Entdeckte unter anderem auch seine „Hochstaplernovelle“ aus dem Jahr 1930 und dramatisierte sie. Aus dem „kleinen“ Abend, einer szenischen Lesung in der LiteraTurnhalle, wurde ein durchkomponierter Abend für Krassniggs niederösterreichischen Thalhof – nun machte Emil in der vollbesetzten Roten Bar des Volkstheaters Station.

Martin Schwanda verwandelte sich aufs Neue, und aufs Neue war’s großartig, in den kultivierten, scharfzüngigen, routinierten Gentleman-Betrüger Emil, der Identitäten – bevorzugt solche mit einem „von“  – wechselt, wie andere die Wäsche. Bares bis Brillanten, er ertrickst sich, was grad geht. Doch von seinem gewohnten Jagdrevier, der Côte d’Azur, später Venedig, verschlägt es ihn Richtung „Balkan“. Kleine Fische für den Meeresangler.

Und trotzdem wird er irgendwo im Hotel Nirgendwo auf seine Meister treffen. Ein geheimnisvolles Fürstenpaar … Schwanda, geschmeidig tänzelnd, blasiert, gerissen, bewegt sich zwischen den Zuschauern, macht sie zu seinen Statisten und zur Staffage. Er schenkt den Damen tiefe Blicke – die Verehrerinnen des Ausnahmeschauspielers sitzen bebend mit später zu überreichenden Blumenbouquets auf den Knien, spricht die Herren in Komplizenschaft an. Mehrere Stationen, einen Kartenspieltisch, einen Tennis-Schiedsrichterstuhl, eine aus blaugrünem Licht gepflanzte „Gartenlaube“, hat er sich für seinen Abend aufgebaut. Und einige Versatzstücke bereitgelegt. Je nach Schwindel eine neue Dame, markiert durch ein keckes Hütchen, einen Sonnenschirm aus Spitze, und auch die lässt er in Aufregung erschaudern. Ein Fächer aus Federn wird zum heiß behauchten Nacken. Ein gehäkelter Pompadour Opfer seines nächsten Häkel. Gezinkte Karten im Ärmel sind ein Muss.

Aus Perlenkette und Abendpumps wird ruckzuck eine Baronin. Bild: Christian Mair

Die Herren werden zur Abzocke an den Spieltisch geladen. Bild: Christian Mair

Schwanda hat sich Neumanns glänzend stilistische Sprache, ihre verwehte Elegance, zu eigen gemacht. Er gestaltet den weltversponnenen Professor, den akkuraten Industriellen, die bulgarische Baronesse, deren Akzente, Dialekte, Sprechweisen, Schrullen. Beinah zwei Dutzend Charaktere füllen so facettenreich die Rote Bar. Aus Emil, diesem aus ärmsten Kleinstadtverhältnissen Emporgekrochenen, hat Schwanda zwischenzeitlich den britischen Lord Chesterton gemacht. Hinter dessen Distinguiertheit lässt er von Zeit zu Zeit den unfeinen Taschendieb hervorblitzen. Ein Dämon, ein Spielteufel ist Emil am Kartentisch.

Christian Mair sorgt mit seiner Live-Musik, mit Soundteppich und Geräuschkulisse, für die richtige Atmosphäre im Raum, Ausstatterin Lydia Hofmann schwebt mal im Pelz, mal im Negligée als Denise durchs Bild. Aber: Mit Denise arbeitet Emil nicht mehr – und diesmal erfährt man im Gegensatz zu früheren Fassungen sogar den Grund. Ein wunderbarer Abend, ein fulminantes Solo. Das so nur durch die Initimität und das Flair der Roten Bar möglich war. Und durch Martin Schwanda, diesen Vortragenden der Luxusklasse, diesen Experten für die Vielschichtigkeit der Wiener Zwischenkriegszeit-Literatur. Er lädt ein in sein Kopftheater; locker-leicht entlarvt er dort eine Gesellschaft, die punkto Gier der heutigen nicht unähnlich und in der jeder um irgendeinen Preis käuflich ist. Emil wird sich mit dem „Fürstenpaar“ in Komplizenschaft (ver)einigen. Doch die neuen Zeiten mit ihren neuen Herren klopfen schon an die Tür. Das damalige Ende ist bekannt, das jetzige muss freilich noch ausstehen. Emil, auf ein nächstes Mal!

www.martinschwanda.com

salon5.at          www.volkstheater.at

Wien, 16. 3. 2017

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

August 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

 Eine Satire als Plädoyer gegen den Krieg

bild 1„Hört mal her: Billy Pilgrim hat sich aus dem Lauf der Zeit gelöst.“ So beginnt die Geschichte und sprunghafte Zeitreise von Billy Pilgrim. Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“, einer der wichtigsten Antikriegsromane der Weltliteratur und Meisterwerk der amerikanischen Postmoderne, 1969 erstmals veröffentlicht, ist nun endlich in neuer Übersetzung von Gregor Hens bei Hoffmann und Campe erschienen. Ein Antikriegsbuch mit jeder Menge Science Fiction, autobiografisch und eine Satire über die USA, streckenweise sehr traurig und doch komisch. Was macht der Krieg mit einem Menschen? Was machen die Bilder und Erinnerungen? fragt das Buch, das ein Kaleidoskop des Irrsinns und des Absurden entwirft und nicht nur die Zerstörung einer Stadt, sondern auch die eines Menschen beschreibt.

Auf 240 Seiten folgt man dem abenteuerlichen Leben Billy Pilgrims, der durch alle Phasen und Episoden seines Lebens driftet. Er hat als US-Soldat die Ardennenoffensive und als deutscher Kriegsgefangener das Bombeninferno von Dresden 1945 in einem ehemaligen Schlachthof (Nummer 5) überlebt. Zurück in seiner Heimat fällt er aus der Zeit, er bewegt sich zwischen den verschiedenen Episoden seiner Biographie: der Hochzeitsnacht und dem Kriegsgefangenenlager, einer Nervenheilanstalt und einem ehemaligen Schlachthof in Dresden, einer behäbigen Existenz als Optiker und einem Zoogehege auf dem Planeten Tralfamador, wo Billy Pilgrim als Spezies Mensch ausgestellt wird. „Wie das so ist.“ Ein Satz, der den Leser das ganze Buch hindurch begleitet.

Als Soldat ist Billy völlig ungeeignet, trotzdem schlägt er sich als wahrhaft reiner Tor durch die Gräuel und Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges, während andere Kameraden sterben, etwa Edgar Derby, der am Schluss wegen Plünderung verurteilt und erschossen wird, oder Roland Weary, der Billy mehrmals das Leben rettete. Und dann gibt es noch das Schlüsselerlebnis: die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 durch die Alliierten. Ein Ereignis, das weder Billy noch Autor Vonnegut je wieder loslässt. „Der Himmel war schwarz vor Rauch. Die Sonne war ein winziger, grimmiger Knopf. Dresden glich einer Mondlandschaft, die Stadt bestand nur noch aus Mineralien. Die Steine waren heiß. Alle Bewohner des Viertels waren tot. Wie das so ist … Der Zweck des Ganzen war, den Krieg schneller zu beenden.“ Bei der Bombardierung der Stadt und dem nachfolgenden Inferno kamen mindestens 25.000 Menschen ums Leben, zum Großteil Zivilisten. Für viele US-Militärs ist diese Episode des Zweiten Weltkrieges immer noch tabu, umso bemerkenswerter, dass Vonnegut sie aufgriffen und zu einem wichtigen Teil seines Romans gemacht hat.

„Schlachthof 5“ ist ein Plädoyer gegen den Krieg, in dem die Soldaten, viele kaum dem Kindesalter entwachsen, ihre Unschuld verloren haben – ob im Zweiten Weltkrieg oder in Vietnam oder im Kinderkreuzzug von 1212, als Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und Frankreich unter der Leitung visionärer Knaben zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Viele starben beim Marsch über die Alpen oder ertranken bei Schiffbrüchen, andere wurden in Nordafrika als Sklaven verkauft. Palästina erreichte niemand. Nur wenige kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Vonneguts Sprache ist voller lebendiger Bilder, manchmal grausam und schockierend, aber auch witzig. Der Vietnamkrieg – das Buch wurde wie gesagt knapp vor 1969 geschrieben – hinterließ seine Spuren.

Zwischen seinen Kriegserlebnissen reist Pilgrim immer wieder in seinem Leben vor und zurück, auch ins Jahr 1967, als ihn die fliegende Untertasse aus Tralfamador verschleppte. Eine Entführung von Außerirdischen, die ihm allerdings niemand abkauft. Er schildert eine Zivilisation, die sich ebenfalls zwischen den Zeiten bewegt und ihr eigenes Ende kennt, indem sie das gesamte Universum in die Luft fliegen lässt. An manchen Tagen haben sie Frieden, an manchen Tagen Kriege. „Wir können nichts gegen sie ausrichten, deshalb vermeiden wir einfach, sie anzusehen. Wir ignorieren sie. Wir bringen eine Ewigkeit damit zu, die angenehmen Augenblicke zu betrachten“, erklärt ein Wärter Billy. Wie das so ist!

Am Schluss des Buches besucht der Autor – im Roman trifft er in deutscher Gefangenschaft in der Stadt auf Billy – mit einem ehemaligen Kameraden noch einmal Dresden, viele Jahre nach dem Krieg. Auch Billy Pilgrim kehrte in die Stadt zurück. Aber nicht in die Gegenwart, sondern in das Dresden, zwei Tage nach der Zerstörung 1945. Auf den letzten Seiten des Romans schildert Vonnegut aus Billys Sicht in erschütternden Bildern, eine einst blühende barocke Metropole, die nun „einer Mondlandschaft gleicht“. „Nichts rührte sich dort draußen, es gab keinerlei Verkehr. Nur ein einziges Fahrzeug stand da, ein zurückgelassener Karren mit zwei Pferden. Der Karren war grün und sargförmig. Vögel zwitscherten. Ein Vogel sagte zu Billy Pilgrim ,Tschilp-tschilp?‘“

Über den Autor:
Kurt Vonnegut wurde 1922 in Indianapolis geboren, seine Vorfahren stammen aus dem westfälischen Münsterland. Anfang 1943 meldete er sich als Freiwilliger zur US Armee und geriet während der Ardennenoffensive in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Bombardierung Dresdens erlebte er im Keller eines früheren Schlachthofs, eine Erfahrung, die in seinen Roman „Schlachthof 5“, der ihn 1969 weltbekannt machte, einfloss. An Kurt Vonneguts Haustür in New York hing bis zu seinem Tod 2007 ein Schild mit der Aufschrift: „Sei, verdammt noch mal, freundlich.“

Hoffmann und Campe, Kurt Vonnegut: „Schlachthaus 5 oder Der Kinderkreuzzug“, Roman, 240 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Hens.

www.hoffmann-und-campe.de

Wien, 11. 8. 2016

Salon 5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie inszeniert Dostojewskijs „Der Idiot“ und Shakespeare-Texte als musikalische Kinobühnenschau

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Der Salon 5 begibt sich demnächst in die Sommerfrische. Bereits zum zweiten Mal bespielt die kreative Truppe rund um dessen Gründerin und künstlerische Leiterin Anna Maria Krassnigg den Thalhof an der Rax. „Jenseits von Gut und Böse“ lautet das diesjährige Motto unter dem die Theatermacherin ein Schauspiel nach Dostojewskijs Roman „Der Idiot“, die musikalische Kinobühnenschau „Power to Hurt“ nach Shakespeare-Texten, Schnitzler und Jelinek und Herrn Grillparzer versammelt. Die Saison startet am 10. August, der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Anna Maria Krassnigg im Gespräch über ein Gebäude, das Geschichte atmet, ihr Programm inmitten einer beginnenden Zeitenwende, die Wiederentdeckung einer alten Kunst für ein junges Publikum und wie sie diesem zeigen will, was „die schrullige alte Tante Theater“ tatsächlich so kann:

MM: Für Theaterbegeisterte, die es noch nicht wissen: Was ist der Salon 5?

Anna Maria Krassnigg: Der Salon 5 ist ein Theaterlabel, das mit einem sehr zeitgenössischen Blick Ausgrabungen verfolgt. Das heißt, Texte, die sonst am Theater nicht vorkommen, sei es, weil sie zu einer Art verdrängter Literatur gehören, sei es, weil man sie nicht auf der Bühne vermuten möchte, obwohl es hochdramatische Texte sind, zur Aufführung bringt. Davor, danach, manchmal auch mittendrin, gibt es intensiven Austausch mit dem Publikum, den wir Salongespräche nennen. Wir möchten zeigen, dass Theater wie ein Musikclub funktionieren kann: dass man sich darüber austauschen und unterhalten kann, ohne, dass Experten von einem Podium herunter dozieren.

MM: Der Salon 5 geht an verschiedene Spielorte, nun geht er in die Sommerfrische an die Rax. Warum bespielen Sie heuer zum zweiten Mal den Thalhof?

Krassnigg: Wir sind verliebt in verwundete Räume, in Orte, die Geschichte haben, Geschichte erzählen aufgrund der Menschen, die an ihnen jahrhundertelang ein- und ausgegangen sind. Das betrifft die alte Turnhalle im Brick 5, den Nestroyhof, das Metrokino – und ganz stark den Thalhof. Er hat mich nach Reichenau gelockt. Ich bekam vor dreieinhalb Jahren das Angebot, dort etwas zu machen, hab‘ ihn mir angeschaut und bin ihm sofort verfallen. Das Gebäude hat etwas Magisches, eine märchenhafte, mystische Ausstrahlung. Man spürt auf eine merkwürdige Art, dass dort 400 Jahre lang gedacht und gedichtet wurde. Das belegt das berühmte Gästebuch. Die Wiener Bohémiens haben dort den Sommer über geschrieben: Freud einen Teil der „Traumdeutung“, Schnitzler, Grillparzer, Hebbel, Ebner-Eschenbach … Leo Perutz und Felix Salten. Man hat das Gefühl, die großen Geister leben immer noch in diesem Speisesaal. Und obwohl wir wahrlich genug Baustellen habe, sagte ich spontan, in dieser Atmosphäre möchte ich Geschichten erzählen.

MM: Am 10. August startet die zweite Saison nach der höchst erfolgreichen ersten. Wie funktioniert die Nachbarschaft mit den sehr arrivierten Festspielen Reichenau?

Krassnigg: Ich kenne die Festspiele als Zuschauerin und als Beteiligte, ich habe dort schon inszeniert, Daniel Kehlmanns „Ruhm“, das war eine sehr schöne Arbeit. Danach hat sich zwar keine Zusammenarbeit mehr ergeben, aber nun haben wir vergangenen Sommer auf die gute Nachbarschaft getrunken, denn es geht sich beides wunderbar aus. Die Festspiele toben im Juli, wir toben im August. Man kann in Reichenau also von Juli bis September durchgehend Theater, Diskussion, Geist, Lust, Unterhaltung erleben.

MM: Ihr Programm passen Sie sozusagen an den Spielort Thalhof an.

Krassnigg: Ja, da bin ich wieder bei den großen Geistern, deren Schätze wir zu heben versuchen. In diesem Sinne haben wir 2015 mit Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“ eröffnet, auch er ja ein ehemaliger Thalhofgast und heute ein leider eher unbekannter, nicht ausreichend geschätzter Autor. Dieser Raum schreit nach bestimmten Stoffen, das ist ein austriakischer Speisesaal in all seinem Prunk, der mitten in den Bergen stehend eine stark italienische Ausstrahlung hat. Die Südbahnstrecke Wien-Triest scheint sich in diesem Saal zu treffen. Wir suchen also Stoffe, die dort ihre Wirkung entfalten können, mehr, als es ihnen auf einer Guckkastenbühne gelingen könnte, auch wenn diese Bühne technisch besser ausgestattet ist. Der Genius loci ist die Inspiration für unsere Inszenierungen.

MM: Es gibt zwei Mottos: Für den Salon 5 ist es „In plot we trust“, für die diesjährige Thalhof-Saison „Jenseits von Gut und Böse“. Was wollen Sie damit sagen?

Krassnigg: „In plot we trust“ ist aus einem sehr ernsthaften Scherz entstanden. Wir haben etwas gesucht, an das alle, vom Autor über den Schauspieler bis zum Bühnentechniker, glauben. Da sind wir auf den Plot gekommen, die Narration, weil wir alle der Meinung sind, dass Geschichte und Zeitgeschichte über Geschichten zu erzählen lustvoller, genauer erfassbar und näher am Publikum ist, als wenn man das Erzählen lässt. Wir sind also alle leidenschaftliche Erzähler, aber mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Verfahren und einem jeweils anderen Rhythmus. Ich arbeite sehr gerne mit Spielplanklammern, die es allerdings bei mir vor dem Spielplan gibt, nicht erst, wenn die gezeigten Stücke schon feststehen. „Jenseits von Gut und Böse“ ist etwas, das uns im Moment umtreibt. Damit meine ich das Phänomen, dass die Grenzen, die Definitionen diesbezüglich nicht erst seit vergangenem Sommer verschwimmen. Diese moralphilosophischen Fragen nach Gut und Böse und einem jenseits davon, wollen wir anhand des Spielplans abhandeln.

MM: Beispielsweise mit Ihrer großen Produktion, einem Schauspiel nach Dostojewskijs „Der Idiot“. Sie haben die Spielfassung erarbeitet und führen Regie.

Krassnigg: Das ist der klassische Stoff zum Thema, weil er sich an den Fragen „Wer ist der gute Mensch?“ und „Was würde er in der Gesellschaft anrichten, wenn er in Reinkultur wirksam würde?“ abarbeitet. Im Roman ist Fürst Myschkin eine Art wiedergeborener St. Petersburger Jesus, der – flapsig gesagt – die Stadt aufmischt, in Liebesgeschichten und Rivalitäten gerät, und eine unglaubliche Bewegung auslöst, von der Walter Benjamin sagt, sie sei ein „ungeheurer Kratereinsturz“. Das Bemerkenswerte am Roman ist, dass er tatsächlich gut, böse, hell, dunkel auf eine sehr tiefe, existenzielle, radikale Weise abhandelt. „Der Idiot“ ist spannend wie ein Krimi und dabei wahnsinnig komisch. Dazu kommt, dass man diese Menschen kennt; die sind nicht aus der Vergangenheit, die könnten heute aus der Straßenbahn steigen. Das Ganze gipfelt im Sommer in Pawlowsk – da kann der Thalhof dann seine Datscha-Qualitäten ausspielen.

Raphael von Bargen performt "Power to Hurt". Bild: Nora Scheidl

Raphael von Bargen performt „Power to Hurt“. Bild: Nora Scheidl

Der Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Thalhof: Im ehemaligen Speise-, heute Theatersaal lebt der Geist seiner berühmten Gäste weiter. Bild: Christian Mair

MM: Eine weitere Premiere ist „Power to Hurt“, eine Weiterentwicklung des Abends, der schon im Brick 5 zu sehen war. Nun wurde aus der Aufführung eine Kinobühnenschau. Diese Form darstellender Kunst haben Sie voriges Jahr mit „Pasada“ wiederentdeckt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Krassnigg: „Power to Hurt“ ist ein Projekt, das vernäht ist zwischen dem Schauspieler/Sänger Raphael von Bargen, dem Musiker/Komponisten Christian Mair und mir als Film- und Theaterregisseurin. Es ist eine extreme Teamarbeit, bei der ich uns eher als Band sehen möchte. Wir wollten es noch einmal genauer, größer und für mehr Publikum machen. Es passt zum Motto, denn Raphael von Bargen singt und spielt die größten Bösewichte der Theaterliteratur, zum anderen ist es auch ein wenig unser Beitrag zum Shakespeare-Jahr. Es ist eine sehr spezielle Bergung von Monologen und Sonetten, die als Kinobühnenschau dargeboten wird, also als Verschmelzung von Bühnen- und Filmelementen mit Musik. Da kommt eine opulente, sinnliche dritte Form heraus. Die Welle aus Musik, Bild, einem Extremschauspieler und dieser unglaublichen Literatur, die auf einen zurollt, ist sehr eigen und sehr traumartig.

MM: Das heißt, es wird nicht mit Live-Kamera gearbeitet, sondern der Film ist ein eigenständiges, vorher gefertigtes Element der Aufführung? Kinobühnenschau ist die Korrespondenz zweier Medien?

Krassnigg: Das drückt es exakt aus. Diese Form des Theaterspielens ist an der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm entstanden. Da gab es große Schauspieler, begnadete Erzähler, die live zu den Bildern Text gesprochen haben. Das Publikum hat das sehr geliebt. Man hat das dann weitergesponnen und das Live-Element Theater in Verhältnis zum Medium Film gesetzt. Damit wurden bestimmte Ebenen, die sich dafür eignen, Visionen, Träume, Zeitsprünge, Nachtsequenzen, erarbeitet, und dazu gab’s Schauspiel auf der Bühne. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit Videozuspielungen oder Live-Kamera, weil zwei unabhängige künstlerische Erzählweisen nur durch die Geschichte zusammenkommen. Der große Spaß daran ist die Kunst der Übergänge, wie die Film- und die Bühnenwelt ineinander verschmelzen, damit der Zuschauer sie als zwei Hälften einer ganzen Geschichte sieht. Es gibt auch im „Idiot“ einen gewissen Anteil kinobühnenschauhafter Elemente. Das hat sich inhaltlich aufgedrängt und ist auch optisch sehr stark.

MM: Sie gehören dem Leitungsteam des Max-Reinhardt-Seminars an, Sie unterrichten Regie. Studenten können sich am Thalhof mit einer eigenen Produktion erproben, sind aber auch als Publikum herzlich willkommen. Es gibt U25-Tickets um 2,50 Euro?

Krassnigg: Genau, das ist ein Teil meiner Welt. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, größere Kontexte wie ein Festival programmatisch zu bevölkern, ohne meine Studierenden einzubeziehen. Das ist mir ein Herzensanliegen. Dieses Jahr gibt es eine Sonderkooperation mit der Internationalen Sommerakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst. Jens Bluhm beleuchtet das Thema „Jenseits von Gut und Böse“ aus der Geschlechterperspektive, er wird einen unbekannten Schnitzler, „Die Braut“, eine Vorstudie zur „Traumnovelle“, Jelineks „Krankheit oder moderne Frauen“ entgegensetzen. Die Collage wird gespielt von Studenten des Max-Reinhardt-Seminars. Dazu musizieren Studierende des Joseph Haydn Instituts. Das freut mich besonders, weil Kollege Johannes Meissl, der dortige Institutsvorstand und wunderbare Geiger, sie das Thalhof Quartett genannt wird. Was nun das Publikum betrifft, so wollen wir eine Einladung aussprechen an all die Menschen, die Sommerfestivals sonst nicht besuchen – beispielsweise aus Kostengründen. Wir haben eben das U25-Ticket, aber auch weitere Ermäßigungen, Vorteilscards und Abos.

MM: Sie gehen täglich in ein Haus voller enthusiastischer junger Theaterschaffender. In den Zuschauerräumen ist diese Generation dünn gesät. Woran liegt das? Was läuft da falsch? Das Angebot?

Krassnigg: Die Frage ist sehr gut. Ästhetiken altern halt wie Menschen auch. Meiner Ansicht nach sind drei Dinge wichtig: Es muss eine Preispolitik geben, die für junge Leute erschwinglich ist. Die gibt es vielerorts, daran liegt es nicht hauptsächlich, dennoch ist das wahnsinnig wichtig. Zum zweiten: Es wird überall über Kulturvermittlung gesprochen, aber was diese schrullige alte Tante Theater tatsächlich kann, wird nicht vermittelt. Das muss man jeder neuen Generation neu sagen, das geht nicht von selbst. Dazu darf es ruhig originellere Anstrengungen geben. Und das dritte, das ich an meinen Kindern oder deren Freunden oder auch Studierenden beobachte, ist, dass es letztendlich zu wenige Geschichten gibt. Im Gegensatz zum Kino, wo derzeit eine Menge großartiger Drehbuchautoren intelligentes Storytelling entwerfen. Jugendliche wären also sowohl über ihre Ästhetiken abholbar, als auch mit gut gemachter Narration. Oder anders gesagt: Theater als reine Kunstanstrengung ist für Unter-25 überhaupt nicht interessant.

MM: Eine klare Absage ans L’art pour l’art!

Krassnigg: Ich halte dieses „Wir wissen, wie’s geht, und daher ist es uns schon fad“ für falsch. Wir wissen nie, wie es geht. Große Werke verändern sich mit der Zeit, man liest nach zehn Jahren ein Stück ganz anders, hört ganz andere Stimmen. Die Partitur ist plötzlich wie neu. Damit muss man als Theaterarbeitender umgehen. Man bewegt sich auf dem Grat zwischen Zeitgenossentum, zwischen Frische und dem Das-Heute-Erzählen, und der Werktreue. Es kann beim Inszenieren nicht darum gehen, ein Profipublikum von Theater heute abwärts mit der außergewöhnlichsten Neuverwurschtung eines Klassikers hinter dem Ofen hervorzulocken, weil, gähn, das haben wir ja alles schon x-mal gesehen. Das als einziger Angang an die dreidimensionale Narration eines großen Textes ist sehr, sehr dünn. Damit kann man Berufsbeschäftigte erfreuen und für sich ein gewisses Ranking erzeugen, aber nicht Zuschauer. Die haben ganz andere Sehnsüchte.

MM: Sie bilden einen Gutteil der kommenden Regiegeneration aus. Wenn Sie selbst inszenieren, wie sehr stehen Sie bei Ihren Studierenden auf dem Prüfstand punkto Vermittlung und deren Umsetzung?

Krassnigg: Total! Als ich noch im Ausland inszeniert habe, war mir wohler in meiner Haut, das war gemütlicher. Ich habe es mit den härtesten aller Kritiker zu tun, denn Studierende, das kennen wir von uns selber, reklamieren für sich das Weltwissen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber es hat in der Gegenseitigkeit eine große Fairness. Meine Professur ist ein Beruf, den viele gerne hätten. Es ist eine Gnade, etwas, das man liebt, weitergeben zu können, und damit auch noch Geld zu verdienen. Ich hatte Glück dahin zu kommen, da darf man dann auch nicht wehleidig sein und Kritik nicht aushalten. Von meinen Studierenden „begutachtet“ zu werden ist unbequem und anstrengend, aber das hindert mich am Einschlafen.

Das Leitungsteam des Salon5 am Thalhof: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild:Martin Schwanda

Das Leitungsteam des Salon 5 bereitet die aktuelle Thalhof-Saison vor: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild: Martin Schwanda

MM: Sprechen wir über die Menschen, die dieses Jahr den Thalhof bevölkern werden …

Krassigg: Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat einmal auf die Frage, warum sie beim damals sehr kleinen Einaudi Verlag bleibt, geantwortet, er sei eine Familie, mit der man arbeitet. Sie meinte damit nicht, dass man gemeinsam Eierspeis‘ kocht, sondern, dass sehr unterschiedliche Menschen eine enthusiastische thematische Verbundenheit für ein Produkt haben. So ist das bei uns auch. Der Salon 5 besteht aus zum Teil sehr gegensätzlichen Menschen. Ganz wichtig ist da Christian Mair, einer der besten Komponisten, die ich kenne, der, weil Musiker auch oft Zahlengenies sind, „so nebenbei“ auch noch unser kaufmännischer Leiter ist. Er ist der ruhende Pol in unserem Wanderzirkus. Lydia Hofmann ist ein Faun, eine der größten Bildbegabungen dieser Tage, eine noch junge Bühnenbildnerin aus der Wonder-Klasse, außerdem Malerin, Skulpteurin, die es immer noch mit uns aushält, obwohl unser Budget viel zu klein ist für das, was sie eigentlich könnte. Sie prägt die Ästhetik des Salon von unseren berühmt-berüchtigten Foyers mit den Lampenschirmen bis zur Bühne. Und Antoaneta Stereva ist eine Designerin, die ihren sensiblen und exzentrischen Stil jahrelang in Theater und Film sowie der internationalen Mode geschliffen hat.

MM: Dann gibt es alte Wegbegleiter …

Krassnigg: … wie eben Raphael von Bargen oder Daniel F. Kamen, der mein Myschkin sein wird. Er ist in Österreich viel zu wenig bekannt, ein einmaliger Darsteller, zutiefst dramatisch und dabei extrem komödiantisch. Dazu laden wir gern Gäste ein, wie Maxi Blaha, die mit ihren eigenwilligen Projekten nicht in den Mainstream gehört. Heuer zeigt sie ein Doppelporträt Bachmann/Jelinek, „Es gibt mich nur im Spiegelbild“, darauf freue ich mich schon sehr. Eine Neuentdeckung ist Michaela Saba. Von ihr wird man ganz viel hören. Sie ist eines der eigenartigsten, schönsten und begabtesten Wesen, die das Reinhardt-Seminar in den vergangenen Jahren ausgespuckt hat.

MM: Werden all Ihre Bemühungen auch von den Subventionsgebern gewürdigt?

Krassnigg: Wie kann ich das formulieren, ohne zu klagen? Denn es gibt in dem Sinn nichts zu klagen, weil wir erstaunlicherweise, obwohl Geld überall knapper wird, doch arbeiten können. Wir entwickeln Konzepte weiter, wir erforschen neue Formen. Wir wollen nicht nur – hoffentlich – ein Publikum beschenken, sondern uns ganz ernsthaft fragen: Was geht mit dieser Kunst? Uns interessiert dieses Laborhafte. Die Anerkennung dafür differenziert. Der Bund fördert unsere Arbeit konsequent nicht – so geht es vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Wir werden subventioniert von der Stadt Wien und vom Land Niederösterreich, da ist es sehr schön, dass es kein Topferldenken, keine Bundeslandgrenzen mehr gibt. So können Produktion, wie „Pasada“ vom Thalhof ins Metro Kinokulturhaus wandern. Das Publikum ging da sehr mit, es wollte sehen, was der neue Raum mit der Produktion macht – und das ist ja auch etwas, das uns interessiert.

MM: Apropos, wandern: Eine kleine Herbstvorschau?

Krassnigg: Anna Poloni wird ihre über „Camera Clara“, „Carambolage“ und „Pasada“ geführte Tetralogie mit „Albergo Dante“ beenden. Das wird eine Art von höllischem Hotel, in dem eine Untersuchung von privat und politisch stattfinden wird, die großen Kämpfe im Kleinen – und die falschen Leute werden sie austragen. Und es wird der Spielfilm von „La Pasada“ herauskommen. Wir sind gerade im Endtonschnitt, jetzt gilt es Dinge wie, welcher Verleih, welches Festival zu entscheiden.

salon5.at

Wien, 15. 6. 2016

Salon5 im Theater Nestroyhof Hamakom: Morsch

Mai 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fußgetrampel für das Vernichtungslager-Musical

Generation zwei: die Alltagsfaschistenfamilie. Martin Schwanda, Jan Nikolaus Cerha, Saskia Klar. Bild: Andrea Klem

Generation zwei: Die Alltagsfaschistenfamilie am Mittagstisch. Martin Schwanda, Jan Nikolaus Cerha und Saskia Klar. Bild: Andrea Klem

Es beginnt mit dem Ende, und es beginnt in der Zukunft. Ein Mann und eine Frau auf einer Pritsche, sie warten auf ihren Tod, darauf, dass sie abgeholt werden. Ein nicht näher benanntes totalitäres Regime hat sie ausgesondert, für „unwert“ erklärt, warum, sie wissen es nicht, aber weiß man das je?, und nun … Kuchen essen und abwarten.

Jérôme Junod, der Schweizer Dramatiker und Regisseur, hat im Theater Nestroyhof Hamakom seinen Text „Morsch“ inszeniert, und die Produktion der Gesellschaft für Musische Unterhaltung und des Salon5 erweist sich als grandioser Abend. Fünf Szenarien hat Junod nebeneinander entworfen, ineinander verschachtelt, fünf Generationen, die an einer Geschichte kranken, doch das entschlüsselt sich erst am Schluss, und, nein, das Ganze ist keine Dystopie. Endzeit ist immer jetzt. „Morsch“, das heißt eben nicht nur verrottet, sondern auch verkommen – oder verfallen. Einer Ideologie zum Beispiel. Fünf Stationen sind auf der Bühne aufgebaut, das lässt ein hohes Spieltempo zu, und die Darsteller Martin Schwanda, Saskia Klar und Jan Nikolaus Cerha turnen sich mit Verve durch dieses theatralische Zirkeltraining. Jeder von ihnen in mindestens vier Rollen.

In eine von der Inszenierung nicht vorgesehene Chronologie gebracht zeigen sie fünf Generationen: Da sind Maier und Luchs, zwei Insassen in einem Foltergefängnis, die auf ihre Befreiung durch oppositionelle Truppen warten. Eine Alltagsfaschistenfamilie am Mittagstisch, vor allem der Vater trägt Trauer um die vergangenen, glorreicheren Tage, und Maier ist sein Nachbar. Schließlich ist Maier verstorben, er hat ein Buch über seine Haft verfasst, und ein Literarisches Terzett befindet im Fernsehen darüber, ob die beschriebenen Schrecken nicht eigentlich Fiktion sein müssen. In Generation vier ist Maier schon Schullektüre, allerdings eine für fad befundene, wie auch die Verfilmung, zum Glück aber gibt’s ein fetziges Musical darüber … Und später? Zurück auf … Der Mensch wird aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne anfängt.“Wie damals. Niemals vergessen“, spottet Schwanda.

Junod erzählt das alles parallel, im Minutentakt wechseln seine Schauspieler zwischen Bretterverschlag, Ledercouch und Spielplatz – Bühne und Kostüme sind von Lydia Hofmann. Mit jeder Szene ändert sich gleichsam die Temperatur, von Tragödie zu Komödie, von Satire zu Sarkasmus. Wunderbar wandelbar ist Jan Nikolaus Cerha, der einmal als angsterfüllter Maier, einmal als schnippische Mutti mit Lockenwicklern die große Bandbreite seines Könnens zeigt. Szenenapplaus gibt’s es für ihn und Saskia Klar, als sie den großen Hit des Vernichtungslagersingspiels zum besten geben. Liebe ist die Antwort, Liebe wird uns retten. Da ist aus Luchs bereits ein Engel geworden, weil soviel Schmalz muss sein, und Lachen ist bei dieser Produktion nicht erlaubt, sondern erwünscht. Wie es sich für Fans des Genres gehört, dankt das Publikum für diese Sequenz mit Fußgetrampel und Bravopfiffen – die Musik ist von Christian Mair.

Generation eins: Jan Nikolaus Cerha und Martin Schwanda als Maier und Luchs. Bild: Andrea Klem

Generation eins: Jan Nikolaus Cerha und Martin Schwanda als Maier und Luchs. Bild: Andrea Klem

Generation fünf oder zurück auf Anfang: Saskia Klar und Martin Schwanda. Bild: Andrea Klem

Generation fünf oder zurück auf Anfang: Saskia Klar und Martin Schwanda. Bild: Andrea Klem

„Morsch“ behandelt von der Vergangenheit bewältigte Menschen, und in seinen Rück- und Vorblenden, die die Geschehnisse allmählich aufdröseln, die großen Fragen der Zukunft Europas. Wie überheblich über das Leid anderer diskutiert wird, wie leicht man über den Terror hinwegsieht, wenn er nicht in der eigenen Haustür stattfindet, wie schnell eine Gesellschaft zur entsolidarisierten Zone wird. Sind die Menschen noch nicht oder schon wieder nicht bereit für … Menschlichkeit? Junod stellt Fragen nach Identität und deren Verlust, nach plötzlichem „Fremdsein“ und danach, wie dünn der Firnis der Zivilisation tatsächlich ist. Er empfiehlt sich mit dieser atemberaubenden Arbeit für größere Aufgaben. Mit denen er auch bereits betraut wurde.

Martin Schwanda brilliert als Luchs und später als Vati, der sich mit sich selber in eine Täter-Opfer-Debatte verstrickt. „Alle sind sie dieselben“ ist ein gedankliches Erbe, das manche mitgekommen haben, in einer Welt, in der für manch andere das Wort „Schuld!“ eine Begrüßungsfloskel geworden ist. Nach 75 Minuten dann ein Twist in Generation eins, der alles bisher gesehene in ein neues Licht taucht. Junod ist ein Fuchs.

In Generation fünf enttarnen sich Verfolgte und Verfolger als alte Bekannte. Wie sich die Bilder nun gleichen. In Russland erwacht ein neuer Stalin-Kult, in Deutschland marschieren besorgte Patrioten, und in Österreich, man wird sehen, machen fürs Erste die Klettermaxe mobil. Heimat steht auf jedem Wahlplakat. Doch: Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede. Das ist von Paul Keller.

Das Ensemble im Gespräch: vimeo.com/164706925

Trailer: vimeo.com/159630016

www.salon5.at    www.hamakom.at

Wien, 12. 5. 2016