Volkstheater: ich lerne: gläser + tassen spülen

Januar 30, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Briefe von Bertolt Brecht und Helene Weigel

Bild: © Klaus Lefebvre

Bild: © Klaus Lefebvre

„Ich bitte Helli, folgendes zu veranlassen: 1) daß der Tod sichergestellt wird, 2) daß der Sarg aus Stahl oder Eisen ist, 3) daß der Sarg nicht offen ausgestellt wird, 4) daß er, wenn er ausgestellt werden soll, im Probenhaus ausgestellt wird, 5) daß weder am Sarg noch am Grab gesprochen, höchstens das Gedicht An die Nachgeborenen verlesen wird, 6) daß die Totenwache, wenn eine solche gewünscht wird, nur von Schauspielern gehalten wird, 7) daß keine Musik gespielt wird, 8) daß das Grab im Garten in Buckow oder im Friedhof neben meiner Wohnung in der Chausseestraße liegt und nur den Namen Brecht auf einem Stein hat. Danke, Helli!“

Brecht, November 1953, Berlin

Erst seit jüngstem gehört die „Brecht-Sammlung Victor N. Cohen“ dem Brecht-Archiv, einschließlich zahlreicher unbekannter Briefe, die Brecht während seines amerikanischen Exils Mitte der vierziger Jahre von der Ostküste der USA an Helene Weigel nach Kalifornien geschickt hat. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jahrhundertbriefe“ präsentieren am 3. Februar um 19.30 Uhr im Empfangsraum des Volkstheaters die Schauspieler Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier eine Auswahl aus den im Suhrkamp-Verlag erschienen Briefen erstmals auf einer österreichischen Bühne:
ich lerne: gläser + tassen spülen
Bertolt Brecht und Helene Weigel
Briefe 1923–1956
In einer ersten Bestandsaufnahme ihrer Beziehung schreibt Brecht zum Jahreswechsel 1923/24 an und über die junge Schauspielerin: „H W“; von ihr getrennt, herrschen bei ihm „Starke Langeweile/90% Nikotin/0% Grammophon“. Immer wieder bestürmt er sie: Sie möge ein Zimmer oder eine Wohnung beschaffen, Bücher und Artikel besorgen, er erkundigt sich nach ihren Rollen und nach der Resonanz von Publikum und Kritik; er berichtet über die Arbeit an den eigenen Stücken oder darüber, dass er „mit viel Nikotin wenige Sonette hergestellt“ habe. Nach der Flucht aus Deutschland Anfang 1933 geht es immer wieder um Orte, an denen Brecht weiterarbeiten kann, um die Mühsale einer Familie im Exil und um die Nöte einer Schauspielerin, die 15 Jahre lang ohne Bühne ist. Die aus begütertem Wiener Hause stammende Schauspielerin Helene Weigel lernt Brecht durch Vermittlung eines Jugendfreunds  im September 1923 in Berlin kennen. Sie wird Geliebte, Ehebrecherin an Marianne Zoff, schwanger, Ehefrau. Eine Jahrhundertverbindung. Brecht, biblisch im Wort-Sinn, liebte und betrog die Frau, bewunderte und beherrschte die Schauspielerin, vertraute der Gefährtin wie wohl keinem anderen Menschen. Er webt sie ein in sein Spinnennetz aus Zartheit, Hass, Verfallenheit und Beutegier. Früh ist der Ton seiner Briefe harsch und verlangend: Helene Weigel hat „Schwamm und Bürste“ zu ordnen, Briefe (an Piscator und Herbert Ihering) abzuschreiben, „ruf auch sogleich Ullstein an“ und „erkundige dich“ und „schicke mir“ und „hinterleg die genaue Adresse des Schuhmachers für mich“. Dazwischen ist diese Korrespondenz voller Tratsch und Klatsch über Schauspieler, Sottisen über Kollegen, Ehrgeizausflügen ins Elysium Berlin. Politisches vom Marxisten sucht man. „Ich küsse Dich, liebe, alte Helli, es ist schlimm, daß ich nicht da bin“, schreibt Brecht aus Paris zu Weigel nach Moskau. „Lieber Bert, jetzt muß ich Dir schon einen Brief schreiben, weil es mir selber närrisch vorkommt, daß ich nein sage, wenn Du mit mir schlafen willst, und außerdem erstaunt mich Dein sofort auftretendes neubelebtes Interesse, wieso, nur wegen dem nein?“, schreibt die Weigel. Und 1944 nach Bekanntwerden seiner Liaison mit Ruth Berlau: „Du kannst und willst nicht eine deklarierte mit Stempel versehene Ehe führen,  (…) das ist schon ein Fußtritt von besonderer Heftigkeit.“
Brecht-Enkelin Johanna Schall findet sich in der Welt dem Künstlerduo durch den Briefwechsel näher gebracht. Selbst große Geister leben zwischen niedrigen Erledigungen. Kunst ist alles, aber der Abwasch ist auch noch da. „Beide waren eigenwillige Dickköpfe, aber das ist ja eine Eigenschaft, die meiner ganzen Familie eigen zu sein scheint.“
Bertolt Brecht / Helene Weigel: „Briefe 1923-1956. ich lerne: gläser + tassen spülen“, herausgegeben von Erdmut Wizisla. Suhrkamp Verlag.
Wien, 30. 1. 2014