20 Jahre Kosmos Theater: Stay With The Trouble!

Mai 7, 2020 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das große Fest wird ab 11. Mai zum Web Special

Die Besetzung des Rondell1997. Bild: Kosmos Archiv

„Am liebsten würde ich ,Grüß Göttin!‘ sagen, wenn ich wo reinkomme“, sagt Barbara Klein im Jubiläumfilm „10 Jahre Kosmos Theater“. Ein Bonmot der Theatermacherin, und ein ernst gemeintes. Ließ doch „der nervige Quälgeist und die engagierte Kämpferin“ (© Josef Hader) kurz nach dem ersten Frauenvolksbegehren nicht ab von ihrer Idee, aus dem leerstehenden Pornokino Rondell einen Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, der ausdrücklich Frauen gewidmet sein sollte.

Es folgten Aktionen, Protestkundgebungen, und als Höhepunkt des zivilen Ungehorsams eine zehn Tage und Nächte anhaltende Besetzung des Rondell – mit dem Ergebnis, dass die widerständigen Frauen in das ehemalige Kosmos-Kino im 7. Bezirk einziehen konnten. Josef Hader, wie Alfred Dorfer und Robert Menasse Mitstreier der ersten Stunde, legt im Film den Finger in die gesellschaftliche Wunde der geschlechtlichen Chancenungleichkeit, die Kreativberufe wie alle anderen betrifft.

Und wenn der Schauspieler und Kabarettist über die herrschaftlichen Seilschaften herzieht, „wenn sich die Männer auf d’Nacht beim Bier treffen“, dann fällt einem jener gerade erst gewesene Burgtheaterdirektor ein, der nach einer bei der Kritik durchgefallenen Premiere ausschließlich p. t. Kollegen zu Umtrunk und Aussprache ins gehobene Wirtshausstüberl einlud …

Ein Grund zu Feiern? Stay With The Trouble! Noch einmal zehn Jahre sind seit der Eröffnung des Kosmos Theater ins Land gezogen, Elfriede Jelinek hielt am 15. Mai 2000 die Eröffnungsrede, Johanna Dohnal, Eva Rossmann, Elfriede Hammerl waren wertvolle Unterstützerinnen, Viktor Klima ein „Kunstkanzler“, der mutmaßlich nicht wusste, wie ihm geschah – und nun heißt es ab 11.Mai #Corona-bedingt eben online den Countdown zum 20. Geburtstag runterzuzählen.

Veronika Steinböck, die mit Gina Salis-Soglio das Kosmos Theater seit 2018 als Doppel-Spitze leitet, lädt das Publikum ab 11. Mai, 20 Uhr, zum Birthday Blog: kosmostheater.at/blog Am 15. Mai gibt es nach einer Schnitzeljagd von Petra Unger ab 18 Uhr den Digital Birthday Bash mit Live-Lesungen feministischer Literatur, Mini-Konzerten und inhouse Geburtstagseinlagen.

Barbara Klein, Robert Menasse und die Polizei. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Josef Hader echauffiert sich über Männerseilschaften. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Frauenlauf 1998: Kanzler Klima, B. Klein und Anna Sporrer. Bild: Kosmos Archiv / Rainer Nesset

Eröffnung des Kosmos mit Eva Rossmann und Elfriede Jelinek. Bild: Kosmos Archiv

Das Programm

11. Mai, 20 Uhr, Das Werk von Elfriede Jelinek. Stream einer Aufzeichnung und Live-Chat mit Regisseurin Claudia Bossard und dem Produktionsteam. Rezension – Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung: Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im KosmosTheater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im KosmosTheater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37418

Die nunmehrigen Leiterinnen Gina Salis-Soglio und Veronika Steinböck bei ihrer Eröffnung 2018. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Lukas David Schmidt, Glatzner, Peterhans, Brouwer und Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Riesen-Pink-K: Das Kosmos Theater mit seinem neuem Portal, 2018. Bild: Bettina Frenzel

12. Mai, 20 Uhr, Keimzelle – Der Autorinnen*Stammtisch Wien. Film-Release, Livestream und Live-Chat.

13. Mai, 20 Uhr, Leseprobe Königinnen von Lilly Axster, uraufgeführt 2000. Livestream. Mit Regisseurin Corinne Eckenstein und den Schauspielerinnen Grace M. Latigo, Claudia Sabitzer und Julia Köhler als die literarischen Ikonen Virginia Woolf, Djuna Barnes und Audre Lorde, die in einer Gewitternacht aufeinandertreffen. Voll medial-männlicher Wehleidigkeit schrieb ein Kritiker über diese Eröffnungspremiere im „frauenraum“, ein Namenszusatz, der später entfernt wurde, er hätte sich im Kosmos gefühlt, „wie eine Frau im Schwulencafé“, bevor er weniger die Aufführung lobt als den Umstand, dass, hurra!, auf eine Herrentoilette nicht vergessen wurde …

14. Mai, 20 Uhr, 10 Jahre Kosmos Theater – Der Jubiläumsfilm. Stream und Live-Chat mit Barbara Klein und anderen.

15. Mai, 11 bis 17 Uhr, 20 Years Of Claiming Space. Eine Schnitzeljagd auf den Spuren widerständiger Theaterfrauen durch Wien. Von Petra Unger. Anmeldung unter karten@kosmostheater.at und ein Smartphone mit mobilen Daten sind erforderlich! Digital Birthday Bash: 18 Uhr, Melange Galore Part I – Online-Reading of 20 feminist Drama-Queens. Livestream mit Barbara Gassner, Claudia Kainberger, Katharina Knap, Claudia Kottal, Anne Kulbatzki, Nancy Mensah-Offei, Karola Niederhuber, Negin Rezaie, Irina Sulaver und Dolores Winkler. Konzept: Anna Laner. 20 Uhr, Finale. Livestream mit Fauna, Mieze Medusa, Les Reines Prochaines, Peterhans, Jelena Popržan, Yasmo und dem Kosmos-Team.

In diesem Sinne ist Happy Birthday! zu wünschen, oder wie’s Miki Malör aus dem Mittelalterlichen und in Verwandtschaft zum französischen Glückwunsch „Merde!“ recherchiert hat: Potzfut!

kosmostheater.at

7. 5. 2020

The Show Must Go On! Andrew Lloyd Webber’s The Royal Albert Hall Celebration

April 30, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Glenn Close, Bonnie Tyler und Antonio Banderas

Elaine Page, Antonio Banderas, Donny Osmond und Ronan Keating von Boyzone. Bild: Andrew Lloyd Webber – The Royal Albert Hall Celebration. Courtesy the Really Useful Group

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues, am Karfreitag war es „Jesus Christ Superstar“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39238), gefolgt von „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433) und „Love Never Dies“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39809).

Für den 1. Mai hat er sich etwas Besonderes einfallen lassen, nämlich den Mitschnitt seiner Geburtstagsparty „Andrew Lloyd Webber’s Royal Albert Hall Celebration“, der von morgen um 20 Uhr bis inklusive Sonntagabend online zu sehen sein wird. Zu hören gibt es die größten Hits aus den oben erwähnten Musicals, dazu Evita, Cats, Sunset Boulevard, Starlight Express …

Banderas & Sarah Brightman. Bild: Courtesy the R. U. Group

Glenn Close. Bild: Courtesy the Really Useful Group

Bonnie Tyler. Bild: Courtesy the Really Useful Group

Julian Lloyd Webber. Bild: Courtesy the Really Useful Group

Zu sehen gibt es jede Menge Celebrities – Sarah Brightman selbstverständlich, Hollywood-Ikone Glenn Close und sexy Tangotanz-Kollege Antonio Banderas, Rockröhre Bonnie Tyler, Operndiva Kiri Te Kanawa, die Musicalstars Elaine Page, Donny Osmond und Michael Ball, Boyzone und Ronan Keating. Es spielt The London Musicians Orchestra – und als große Überraschung für den Jubilar sein Bruder und weltberühmter Cellist Julian Lloyd Webber auf seinem „Barjansky“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AONIXETJ7n8

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=SqKH-gLoDbQ

www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag          www.andrewlloydwebber.com            www.royalalberthall.com                    www.reallyuseful.com

30. 4. 2020

The Show Must Go On! Love Never Dies online

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine phänomenale Phantom-Fortsetzung

Ben Lewis und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues; vergangenen Freitag war es „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433), nun folgte dessen Fortsetzung „Love Never Dies“ aus dem Jahr 2012 und dem Regent Theatre im australischen Melbourne, das noch bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Das Jahr ist 1907, der Ort Coney Island, wo das Phantom als mysteriöser Mister Y einen Vergnügungspark namens „Phantasma“ betreibt. Bei ihm sind Madame Giry und ihre Tochter Meg, zweitere nun zum Tingeltangelstar avanciert, und Andrew Lloyd Webber führt seinen Protagonisten mit „’Til I Hear You Sing“

ein, der genialische Untergrund-Komponist immer noch der musikalischen Avantgarde verpflichtet, doch ohne seine nach wie vor heißgeliebte Christine bar jeder Stimme dafür. Und apropos, Liebe & Stimme: Wirklich warm wird man anfangs nicht mit dem Phantom von Ben Lewis, Ramin-Karimloo-verwöhnt erscheint einem Lewis Tenor erst zu hoch bei zu wenig Timbre. Doch der erste Eindruck täuscht, Ben Lewis wächst, je dramatischer der Plot, desto mehr in die Rolle – sein Spiel und sein Gesang steigern sich zu einer emotionalen Intensität, die nicht nur eingefleischten „Phans“ die Freudentränen in die Augen treiben wird.

Optisch ist die Inszenierung von Simon Phillips, hier von Brett Sullivan auf Film gebannt, atemberaubend. Designerin Gabriela Tylesova hat einen großartig gothic-grotesken Jahrmarkt auf die Bühne gestellt, ein Theater-auf-dem-Theater, das sich wie Meg im „Bathing Beauty“-Song um immer neue Schichten entblättert, das Highlight ein spektakuläres Kuriositätenkabinett voll lebender Kreaturen, die in den Katakomben, nicht unter der hehren Pariser Oper, sondern des halbseidenen Brooklyner Amüsierviertels hausen.

Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Das Phantasma des Mister Y. Bild: © Universal Pictures

Sharon Millerchip als Meg Giry. Bild: © Universal Pictures

Maria Mercedes als Madame Giry. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Mit hohem Tempo fährt die Kamera in diesen Monsterball der skurrilen Spukgestalten, Gaukler und Jongleure, mitten drin der große Bruder des Tschinellen-Affen, strotzt doch die ganze Produktion vor „Phantom“-Zitaten, vor allem auch musikalisch, die begnadeten Buffi Paul Tabone, Dean Vince und die kleinwüchsige Sängerin-Schauspielerin-Zirkusartistin Emma J. Hawkins als Conférencier-Trio – und die hinreißend das Tanzbein schwingende Sharon Millerchip als schwer ins Phantom verschautes und um dessen Aufmerksamkeit für ihre Kunst buhlendes „Ohlàlà -Girl“ Meg, Millerchip, die sich mit Lolita-Charme gegen die Kraft der Hauptstory ins Geschehen stemmt.

Da platzt ins Beinah-Idyll die Nachricht, Christine Daaé, nunmehr verheiratete Vicomtesse de Chagny und eine der berühmtesten Operndiven der Welt, komme nach New York, um für Oscar Hammerstein das neuerrichtete Manhattan Opera Hause zu eröffnen. Eine Zeitungsnotiz, die den Zorn der düsteren Schutzpatronin Madame Giry erregt, Maria Mercedes ganz Schmerzensfrau mit Kranzfrisur-Dornenkrone, die beim rächenden Gott schwört, zu viel für das von ihr vor Mob und Flammen gerettete Phantom geopfert zu haben, um den Mann noch einmal den Krallen der Teufelin Christine zu überlassen.

Wunderbar wundersam singt Maria Mercedes ihren Part, und wunderbar ist auch, dass Webber nicht auf einen Schurken fokussiert. Wer die wahre schwarze Krähe in „Love Never Dies“ ist, wird im Laufe der Handlung noch enttarnt … Alldieweil steigt Christine im Hafen vom Schiff, Anna O’Byrne mit Simon Gleeson als Raoul und dem hochtalentierten Jack Lyall als Sohn Gustave. Raoul ist mit den Jahren nicht sympathischer geworden, sondern ein besitzergreifender Spieler, selbstgerecht und dem Whiskey zugeneigt, der Christines Gage an den internationalen Roulette-Tischen verliert.

Zu Donnerschlägen und „Angel of Music“-Anklängen entführt ebendieser seine ehemalige Muse, halb zog er sie, halb sank sie hin, in seine Arme nämlich, Christine scheint längst bereut zu haben, dass sie gutes Aussehen vor Genie den Vorzug gab. Es folgt mit „Beneath a Moonless Sky“ logischerweise ein Liebesduett, und da das Phantom endlich seine Gummilippen losgeworden und zum Kuss bereit ist, macht man sich nach einer Stunde Spielzeit ernsthafte Happy-End-Hoffnungen.

Paul Tabone und Dean Vince. Bild: © Universal Pictures

Ben Lewis mit Jack Lyall als Gustave. Bild: © Universal Pictures

Emma J. Hawkins als Fleck. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“, im Ronacher nur einmal 2012 und konzertant aufgeführt, hätte zweifellos auch in Wien das Zeug zum Klassenschlager. Mit um nichts weniger potenziellen Hits gesegnet als Teil I, besticht das Musical durch seinen sophisticated Style, der anspruchsvolle, opernhafte Arien mit bewährten Rock-Elementen des weiland „Jesus Christ Superstar“-Schöpfers verbindet, Hochdramatisches mit Unterhaltsamem, und möchte man sagen, das „Phantom“ parodiere die Kriegserklärung der Neuen Musik ans Klassische, so wird wohl diesmal der Zwist U gegen E ausgetragen.

Auch die Charaktere schillern in mehr Schattierungen als im Gut-vs-Böse-Original. Anna O’Byrnes Chistine hat das Leben das Mädchenhafte zwar nicht aus dem Antlitz, jedoch aus der Seele getrieben, ihre Existenz an der Seite Raouls ist gekennzeichnet als ständiger Balanceakt, seine Gereiztheit nicht herauszufordern. Dass O’Byrne zu ihren alabastrigen Good Lucks auch einen glockenhellen, in der Höhe sicheren Sopran mitbringt, ist ein weiteres Positivum.

Das Ereignis der Aufführung ist aber Simon Gleeson, dessen Raoul gewaltige Wandel durchläuft, vom Widerling zum Selbstzweifler, der in „Why Does She Love Me?“ von seiner eigenen Unzulänglichkeit gepeinigt wird, in Akt zwei dann ein typisch männlicher Minderwertigkeitskomplexler, der zum Man-summt-ihn-noch-tagelang-Ohrwurm „Devil Take the Hindmost“ mit dem als „Zirkusfreak“ verspotteten Phantom eine Wette um Christines Gunst eingeht – bis er zum Ende und in der Erkenntnis, dass die beiden mehr verbindet, schließlich bereit ist, sie für den Rivalen freizugeben. Das alles von Gleeson mit einer Leidenschaft und Subtilität verkörpert und gesungen, die seine unglückliche ménage à trois mit Christine und dem Phantom erst mit Elektrizität auflädt.

An anderer Stelle wiederum stellt Gleeson seinen Sinn für Sarkasmus unter Beweis, das Wiedersehensunfreudequartett „Dear Old Friend“ von Meg Giry, Madame Giry, Christine Daaé und Raoul ist diesbezüglich vom Feinsten. Den über allem schwebenden Reiz der auf Vintage getrimmten Show macht allerdings der Jubel und Trubel aus, der mit verschwenderischer Pracht längst vergangene Theatertage beschwört, ein Echo von Sentiment und Melodram, wie dereinst in der goldenen Musical-Ära eines Oscar Hammerstein II – seines Zeichens Enkel des oben erwähnten Opernimpresarios.

Simon Gleeson als Raoul. Bild: © Universal Pictures

O’Byrne, Mercedes, Gleeson. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Jack Lyall. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“ treibt die Tragödie auf die Spitze. In einer Kakophonie aus Licht und Ton lassen Webber und Regisseur Phillips das Phantom und Gustave aufeinandertreffen, der Wunderknabe hat nicht nur gleich dem Phantom Musik im Kopf, die er sofort auf Klaviertasten übertragen muss, er sieht bei diesem auch „The Beauty Underneath“, allein dieses Duett ist das Anschauen wert!, sodass augenfällig wird, dass die zwei mehr als nur eine Seelenverwandtschaft verbindet. Wann auch immer Christine und das Phantom Sex gehabt haben sollen. Die singt nun unterm Pfauenfächer endlich das titelgebende „Love Never Dies“, euphorisiert von der Schönheit der Musik, in der sie, wie sie dem Phantom gesteht, ihre innere wiedergefunden habe.

Doch zum Grande Finale folgt Plot-Twist auf Plot-Twist, der Strudel von Verlagen und Eifersucht dreht sich immer schneller, rohe Gewalt bricht sich Bahn, erneut eine wilde Kamerafahrt durch „Phantasma“, spannend, wer diesmal als Man In The Mirror zurückbleiben wird, und wieder endet’s bei Nacht und Nebel mit Wahnsinn und Wasser. Und wenn sie nicht gestorben sind … schreibt Andrew Lloyd Webber vielleicht noch ein bittersüßes Sequel über der Musical-Welt liebsten Anti-Helden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SdPrrMsUH48

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=eXP7ynpk1NY          www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.loveneverdies.com          www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020

The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall – online auf The Show Must Go On!

April 18, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein viktorianisches Schauerstück wird zur Opernsatire

Der Rote Tod erscheint auf dem Maskenball: Ramin Karimloo als das Phantom auf Bühne und Leinwand. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues, am Karfreitag war das selbstverständlich „Jesus Christ Superstar“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39238), gestern folgte „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ aus dem Jahr 2011, das bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Weiland war die Bühnenproduktion zum 25-Jahr-Jubiläum des Phantoms live in Kinosäle auf der ganzen Welt übertragen worden. Eine Aufzeichnung davon, die elektrisierende Atmosphäre des großen Ganzen und – als Überblendungen – spezielle Close-Ups der Darsteller gibt es nun zu sehen, die Gemeinschaftsarbeit von Theaterregisseur Laurence Connor und Filmregisseur Nick Morris eben mehr als ein „Mitschnitt“, sondern ein eigenständiges Erlebnis – und als solches eins nicht nur für eingefleischte „Phans“.

Denn tatsächlich, die zuletzt 1988 in der goldenen Peter-Weck-Ära gesehene Musikschmonzette hat an Dramatik nichts eingebüßt. Immer noch spektakulär ist der damalige Aha-Effekt aus Nebel-Wasser-Barke-Kerzenschein, die Hits von „The Music of the Night“ bis „The Point of No Return“ sowieso, und um’s gleich zu sagen: In London’s most iconic venue saust der Kronleuchter nicht mit Karacho Richtung der Zuschauerköpfe, er explodiert in der imperialen Höhe des Konzertsaals – fürs Filmpublikum heißt das natürlich Vogelperspektive und „hautnah“.

Derart sitzt man beim #stayathome auf den besten Plätzen. Was die Magie des Moments, die Emotionen, die leidenschaftliche Stimmung betrifft, und auch den Sound. Das von Anthony Inglis dirigierte 45 Mann und Frau starke Haus-Orchester thront dafür auf einer Plattform oberhalb des Bühnengeschehens, hinter sich eine gigantische Vidiwall für etwaige Groß- und Backstage-Aufnahmen, beispielsweise sieht man das Phantom beim Verfassen seiner „Operngeist“-Anweisungen an die Direktoren, alldieweil die Messieurs Firmin und André diese dreisten Billets bereits lesen. Gelungen auch die Phantom-Verdopplung bei dessen abruptem Erscheinen in der „Masquerade“-Szene, die Schädelmaske des Roten Tods in überlebensgroß besonders schaurig.

Ramin Karimloo und Sierra Boggess als Christine Daaé. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Boggess flüchtet in die Arme von Hadley Frasers Raoul. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Demaskiert: Ramin Karimloo als Phantom. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Der Showdown mit Karimloo, Boggess und Fraser. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Was im aus der Raumnot eine inszenatorische Tugend machenden Setting gezeigt wird, ist very british und wunderbar Vintage. Beginnend mit der holprigen „Hannibal“-Probe und dem poetischen „Think of Me“ zeigen Sierra Boggess und Wendy Ferguson was gesanglich und schauspielerisch in ihnen steckt, Boggess eine Christine Daaé, deren schöner lyrischer Sopran übers Anforderungsprofil „Musicalstimme“ weit hinausragt, Ferguson als Carlotta Giudicelli eine höchst theatralische Primadonna assoluta, die begnadete Komödiantin ein Glanzpunkt des Abends, wenn ihr Operndivenschein beim „Poor Fool He Makes Me Laugh“-Gequake in Schieflage gerät.

Und apropos, „Il Muto“: Ein Auskenner-Auge werfen sollte man auf den 2011-Gerade-noch-Shootingstar Sergei Polunin, der Ballett-Rebell hier mal als Slave Master im „Hannibal“, mal als Shepherd in „Il Muto“ Spitze, mittlerweile erwachsen gewordenes Enfant terrible, der seine bravouröse Technik auf Leinwand zuletzt im Biopic „Nurejew – The White Crow“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34617) demonstrierte. Ein zweites auf den Umstand, dass Regisseur und Webber-Experte Laurence Connor ins Gewand seines viktorianisch kostümierten Gothic Horror gekonnt eine humorvoll-gfeanzte Satire auf verschmockte Musiktheatermanierismen und ein opernweltliches Starunwesen kleidet. Kitsch meets Kunst.

Das gilt für Aufführung wie Ambiente. Denn selten zuvor war’s so ersichtlich, dass das Phantom, nicht nur mit einer abscheulichen Fratze, sondern auch mit dem absoluten Gehör gestraft, zugleich Zertrümmerer und Erneuerer im Musentempel ist. Einer, der mit der Atonalität der Avantgarde, siehe sein „Don Juan Triumphant“, das allzu Genregewöhnliche ausmerzen will, die Art Spearhead/Queer Head, der für seine Vision alle in den Wahnsinn treibt, ein Wesenszug, der Genies wie Möchtegerns anhaften mag, einer, der dafür Kollateralschäden in Kauf nimmt, ein mörderischer Pygmalion, der die von ihm erschaffene Göttin nicht loslassen kann und will.

Wendy Ferguson als Carlotta Guidicelli. Bild: The Really Useful Group Ltd.

Shootingstar Sergei Polunin. Bild: The Really Useful Group

Maskenball: Sierra Boggess und Hadley Fraser. Bild: The Really Useful Group Ltd.

Der in Teheran geborene Ramin Karimloo (www.raminkarimloo.com), mit seinen Eltern als Kleinkind vor dem Khomeini-Regime nach Kanada geflüchtet, spielt davon jede Facette. Der Phantom-Profi, seit er Anfang der 2000er erst in die Rolle des Raoul, dann in die des Phantoms schlüpfte, bietet in der Royal Albert Hall eine andere, eine unerwartete Interpretation der Figur. Selbstverständlich kann Karimloo Schmerz und Schreck und spooky sein, doch seine Augen hinter der Maske, mal funkensprühend böse, mal vor Tränen funkelnd, die Sehnsucht in seiner Körpersprache, dann wieder seine Hybris, die das Bemitleidenswerte übertüncht, diese subtilen Signale werden auf dem Bildschirm erst so richtig ersichtlich. Karimloo macht in düsteren Nuancen die gefährliche seelische Instabilität des Phantoms deutlich, und macht, was eindimensional sein könnte, so zum schillernden Main Charakter.

Dass zwischen Karimloo und Boggess die Chemie stimmt, weiß, wer die beiden bereits im Phantom-Sequel „Love Never Dies“ gesehen hat, sie tut’s auch zwischen Boggess und Hadley Fraser, der mit seinem angenehm sanften Bariton den Vicomte Raoul de Chagny gleich einem Fels in der Brandung singt. Man glaubt Fraser bis in jede Faser, dass er der ganze Mann ist, der sich gegen das Monster stellen wird, je hypnotischer das Phantom, desto wutentbrannter er, der Realist im irrationalen Treiben. Raouls beschützende Kraft ist dabei die gegen- sätzliche zur besitzergreifenden, obsessiven des Phantoms, mit dem Ergebnis, dass die beiden samt der zwischen zwei Lieben hin- und hergerissenen Christine der Sierra Boggess die perfekte Ménage à trois ergeben.

Ihr Highlight auch hier die „The Point of No Return“-Reprise, „The Final Lair“, das Grande Finale dargeboten mit vollem Schmelz, die Schraube, die das Phantom zweifelsohne locker hat, von Laurence Connor bis zum Abschlag angezogen, das Ende für Christine beinah ein emanzipatorisches, ihr „One Love, One Lifetime“ definitiv ans Phantom gerichtet. „Love conquers all“ heißt’s, also auch das Phantom, und bezüglich „Love Never Dies“, wer weiß, vielleicht wird das ja in einer der kommenden Wochen noch gestreamt.

Unterirdische Bootsfahrt mit Boggess und Karimloo. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Wynne Evans, Wendy Ferguson, Daisy Maywood, Barry James, Gareth Snook und Hadley Fraser. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

„Il Muto“-Satire mit Stephen John Davis (re.) als Don Attilio. Bild mit freundl. Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Zwölftongeorgel: Ramin Karimloo und Sierra Boggess. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

„The Phantom of the Opera“ ist in seinem 35. Jahr immer noch phänomenal, das beweist diese Show aus der Royal Albert Hall. Die mit Barry James und Gareth Snook als amüsant-überhebliche Operndirektoren Monsieur Firmin und Monsieur André, Liz Robertson als gouvernantenhafte Unheilkünderin Madame Giry, Daisy Maywood als töchterliche Ballettmaus Meg Giry, Wynne Evans als Pavarotti-Lookalike Ubaldo Piangi und Nick Holder als finstere Späße treibenden Bühnenmeister Joseph Buquet auch in den weiteren Rollen tadellos besetzt ist.

Ein Tipp: Nach dem Schlussapplaus noch zwanzig Minuten dranbleiben. Es gibt eine Überraschung, Andrew Lloyd Webber tritt auf, und was dann folgt, hat sehr viel mit ihm und seinem persönlichen „Angel of Music“ Sarah Brightman zu tun. Gänsehaut garantiert! Die Royal Albert Hall jedenfalls tobte …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=C90eHuBPhS8

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=nINQjT7Zr9w

www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag     www.thephantomoftheopera.com         www.andrewlloydwebber.com            www.royalalberthall.com                    www.reallyuseful.com

18. 4. 2020

Simon Strauß: Spielplan-Änderung!

April 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bekannte Künstler über die besten unbekannten Stücke

Es ist zugegeben eine Koketterie. „Spielplan-Änderung!“ – über ein Buch mit diesem Titel kann man dieser Tage nicht hinwegsehen. Kulturjournalist Simon Strauß, Sohn des großen Botho, hat es herausgegeben, hat Künstlerinnen und Künstler eingeladen, über Stücke zu schreiben, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, aber dringend auf die Bühne gehörten. Gemeinsam begründen sie in diesem Buch das Programm für ein neues Theater, das sich nicht an Besetzungszwang, Auslastung oder einem wohlfeilen Spielplanmotto orientiert, sondern ausschließlich an literarischen Qualitäten.

Dörte Lyssewki, Daniel Kehlmann, Hans Magnus Enzensberger, Nino Haratischwili, Johanna Wokalek, Burghart Klaußner, Hanns Zischler und selbstverständlich Strauß Vater stehen auf Simon Strauß‘ „Besetzungsliste“. Und wenn sich auch derzeit kein Vorhang hebt, so wird hinter den Kulissen die Zwangspause doch fürs Planen von Künftigem genutzt. Strauß samt Mitstreitern wollen in diesem Sinne ihren Band durchaus als Inspirationsquelle verstanden wissen. Abseits der ausgetretenen Pfade des Längst-Bewährten, der oftmals irrwegigen Dramatisierungen von Vorlagen laden sie ein, das weite Land der Theaterliteratur neu zu erobern.

Mit 30 ausgewählten Stücken lassen sie den Leser die Probe aufs Exempel machen, in ihnen alles, was schon Großmeister Irimbert Ganser während des Theaterwissenschaftsstudiums dessen archetypische Themen nannte: Liebe – Macht – Tod. Beschworen wird ein Armes Theater à la Jerzy Grotowski, ein Peter-Brook’scher Leerer Raum, ein Schauspieler/eine Schauspielerin, Stimme und Körpersprache, um Allzu- wie Unmenschliches über die Rampe zu bringen.

In einzelnen Szenen vorgestellt wird Unbekanntes von Altbekannten – von Lope de Vegas “Das berühmte Drama von Fuente Ovejuna“ aus dem Jahr 1619, Franz Grillparzers „Esther“ von 1868 über Ferenc Molnárs „Die rote Mühle“ von 1924, Jean Anouilhs „Der arme Bitos oder Das Diner der Köpfe“ aus dem Jahr 1956 bis zu „Frankie und Johnny“ des vor wenigen Tagen verstorbenen, in Österreich dank Andrea Eckert als Maria Callas in seiner „Meisterklasse“ berühmten US-Dramatikers Terrence McNally, den Filmkritikerin Verena Lueken gegen die Star-gespickte Banalisierung durch Hollywood verteidigt. Und auch ein echter Picasso ist zu finden – „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ aus dem Jahr 1944.

Um anderes Angebotene braucht man sich hierzulande keine Sorgen zu machen. Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ hatte erst vor einem Jahr Premiere an der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31969), „Der Dibbuk“ von Salomon An-Ski, der Klassiker der jiddischen Literatur, war in einer sehr launigen Fassung im Hamakom zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30932). Das „Automatenbüffet“ der gebürtigen Wienerin Anna Gmeyner, das sich weder wegen Horváth noch Marieluise Fleißer – deren Stück „Der starke Stamm“ hier in Erinnerung gerufen wird – in die zweite Reihe stellen muss, kennen wenigstens die Connaisseurs.

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Dörte Lyssewski sagt über Jakob Michael Reinhold Lenz‘ 1774er-Komödie „Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi“ mit dem illustren Personal eines Hauptmanns von Biederling, eines Grafen Chamäleon, eines Tiroler namens Zopf und eines Calmuckenprinzes, der freilich tatsächlich ein ehemaliger Page ist, dies sei eines der fulminantesten Stücke dieses „radikalsten, wildesten Sozialanklägers und revolutionärsten Vertreters des Sturm und Drang“, der seinerzeit Goethe derart Konkurrenz machte, dass dieser den späteren Büchner-Protagonisten als „Rebell und Querulanten“ aus Weimar verbannen ließ.

Hans Magnus Enzensberger erzählt von Alexander Suchowo-Kobylin, der 1850 wegen des Verdachts des Mordes an seiner Geliebten verhaftet und erst 1857 freigesprochen wurde, „dieser sensationelle Fall war einer der berühmtesten Skandale der zaristischen Gesellschaft. Erst sein Prozess machte ihn zum Dramatiker. Er schrieb eine Trilogie mit Stücken, deren Schärfe gegen die russische Justiz und Bürokratie ohne Vergleich war und ist.“ Sein Komödien-Scherz „Tarelkins Tod“ von 1869 ist der letzte und wildeste Teil, „eine Farce, die sich an den Grand Guignol und den Trivialroman anlehnt, von dem das Motiv des darin vorkommenden Vampirs stammt …“

Johanna Wokalek macht mit Sätzen wie „Aufgepasst, ich springe direkt rein in die Wupper! Anders ist der ,Wupper‘ nicht beizukommen. Denn sie mäandert durch Sprache, Bilder und Farben“ neugierig auf Else Lasker-Schülers gleichnamiges expressionistisches Schauspiel aus dem Jahr 1919, das die Schicksale der Unternehmerfamilie Sonntag und der Arbeiterfamilie Pius schlaglichtartig beleuchtet. „Es herrscht Hexensabbat zwischen und unter den Geschlechtern. Triebe und sexuelle Abhängigkeiten peitschen die Menschen zu- und auseinander. In den Köpfen lodert fortwährend die Walpurgisnacht. Wer, wenn nicht Else Lasker-Schüler, könnte davon erzählen?“

Daniel Kehlmann erinnert sich an seine Wiederbegegnung mit George Bernard Shaws „Die heilige Joahnna“, das er für von der Zeit angegraut und verstaubt wähnte: „Dann aber sah ich das Stück im Mai 2018 in der Inszenierung von Daniel Sullivan im New Yorker Friedman Theatre, vor ausverkauftem Haus, auf dem Höhepunkt der #MeToo-Bewegung. Keine opulente Produktion: Die Bühnenbilder waren zu Andeutungen reduziert, die Kostüme der Schauspieler unauffällig, alles konzentrierte sich, wie im angelsächsischen Theater üblich, auf die Leistung der Schauspieler. Im Zentrum verlieh Condola Rashad Johanna eine fröhliche Energie, eine Kraft und eine blitzende Intellektualität, die plötzlich wieder das ganze anarchische Potential dieses Schriftstellers spüren ließ.“

Ein sinnliches Erleben, dass auch dem Leser von „Spielplan-Änderung!“ schon unterlaufen ist, das Buch eine Empfehlung zum Anheizen der Theaterleidenschaft, zur Erweiterung des literarischen Horizontes – und als papierener Trost, bis es auf den Bühnen wieder „Vorhang auf!“ heißt.

Über den Autor und Herausgeber: Simon Strauß, geboren 1988 in Berlin, Sohn von Dramatiker Botho Strauß, studierte Altertumswissenschaften und Geschichte in Basel, Poitiers und Cambridge. Er ist Mitgründer der Gruppe „Arbeit an Europa“. 2017 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer althistorischen Arbeit über Konzeptionen römischer Gesellschaft. Er lebt in Frankfurt und ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Erstlingswerk „Sieben Nächte“ fand viel Beachtung bei Kritik und Publikum.

Tropen Verlag, Simon Strauß (HG.): „Spielplan-Änderung“, Theatertexte, 262 Seiten.

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7. 4. 2020