aktionstheater ensemble – Streamen gegen die Einsamkeit: Staffel 4

Februar 1, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von „Pension Europa“ zum „Bürgerlichen Trauerspiel“

Bild: © Gerhard Breitwieser

Nach den erfolgreichen digitalen Aufführungsreihen „Streamen gegen die Einsamkeit: Staffel 1 + 2 + 3“ bieten Martin Gruber und sein preisgekröntes aktionstheater ensemble ab heute bis 28. März wieder acht ausgewählte Uraufführungen unter www.aktionstheater.at zum Stream an. Das Motto der 4. Staffel lautet „Fernbeziehung“ und beinhaltet, zusätzlich zu den Streams, wöchentliche Publikums-Gespräche – live via Zoom:

Da das aktionstheater ensemble die Kommunikation mit seinem Publikum nach den Aufführungen als wesentlich erachtet, gibt es jeden Donnerstag um 20 Uhr ein virtuelles Zoom-Treffen von Schauspielerinnen und Schauspielern, mit den Musikerinnen und Musikern der jeweiligen Streaming-Produktion. Anmeldung für diese kostenlosen virtuellen Treffen unter: karten@aktionstheater.at. Die Aufführungen werden wöchentlich geändert, jeweils um10 Uhr.

Das Programm:

Pension Europa. 1. bis 7. Februar, 10 bis 22 Uhr: Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384 Sechs Frauen auf die verzweifelt-aberwitzige Suche nach einer Vision. Wahrhaftige Bekenntnisse und verdichtete Geständnisse, skurill-witzig, tragisch und mitten aus dem Leben. Manchmal gnadenlos, manchmal versöhnlich. Alles eine Frage der Perspektive. Die Produktion war nominiert für den Nestroypreis 2015. Publikumsgespräch live via Zoom am 4. Februar ab 20 Uhr.

Die wunderbare Zerstörung des Mannes. 8. bis 14. Februar, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384 Martin Gruber inszeniert mit seinem mehrfach ausgezeichneten aktionstheater ensemble die Suche nach einem neuen Männerbild und das gleichzeitige Scheitern daran. Sechs Männer, sechs Sichtweisen. Trotz einer offensichtlichen Regression, der Rückkehr von Uralt-Machos auf nationalem und internationalem politischen Parkett, scheint sich ein Zerfall alter Rollenbilder, soweit diese überhaupt festgemacht werden können, abzuzeichnen. Aus dem Jahr 2018. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. Februar ab 20 Uhr.

Wie geht es weiter. 15. bis 21. Februar, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672 Neoliberale Politstrateginnen und -strategen und rechtspopulistische Demagoginnen und Demagogen haben sich als Heilsbringer in Stellung gebracht und die sogenannte Zivilgesellschaft scheint im Tiefschlaf zu versinken. So weit, so bekannt, so ermüdend, aber wie geht es weiter? Das aktionstheater ensemble wühlt genussvoll in der österreichischen Seele und entwirft ein aberwitziges Panoptikum. Aus dem Jahr 2019. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. Februar ab 20 Uhr.

Wie geht es weiter. Bild: © Stefan Hauer

Immersion. Bild: © Gerhard Breitwieser

Ich glaube. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die Zerstörung des Mannes. Bild: © Stefan Hauer

Heile mich. 22. bis 28. Februar, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260 In gewohnt schonungsloser Manier beginnen Martin Gruber und seine Compagnie in dieser Nabelschau bei sich selbst; aus dem Bedürfnis ganz und heil zu sein, suchen sie nach möglichst schnellen Patentrezepten. Rezepte, die freilich nicht verkürzt und einfältig genug sein können, als dass man sie nicht gerne glauben will. Die Suche nach dem Heil führt drei Schauspielerinnen und fünf Musiker, mit Karacho, zu einem tragikomischen Ritt in den Abgrund. Was dazwischen aufkeimen darf, sind stille Momente der Poesie, hinter welcher so etwas wie Heilung liegen mag. Aus dem Jahr 2019. Publikumsgespräch live via Zoom am 25. Februar ab 20 Uhr.

Ich glaube. 1. bis 7. März, 10 bis 22 Uhr. Geld, Gewalt, Freiheit, Katholiken, Yoga, Protestanten, Freunde, Muslime, Liebe, Veränderung, Wahrheit, Katharsis und die große Frage: woran glauben wir – noch? Regisseur Martin Gruber führt mit seinem aktionstheater ensemble durch die Ab-/Gründe von Glaubensätzen! Manchmal poetisch, manchmal traurig, manchmal lustig, manchmal nachdenklich. Aus dem Jahr 2017. Publikumsgespräch live via Zoom am 4. März ab 20 Uhr.

Pension Europa. Bild: © Felix Dietlinger

Heile mich. Bild: © Stefan Hauer

Bürgerliches Trauerspiel. Bild: © Gerhard Breitwieser

Bürgerliches Trauerspiel. 8. bis 14. März, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710 Ein einziges langanhaltendes bürgerliches Trauerspiel. Oder ein Trauerspiel des Bürgerlichen. Oder eine Kapitulation des Bürgerlichen vor der Realität. Vor der von ihm selbst erzeugten Realität. Die zusammengesetzt ist aus ein paar Gerechtigkeitsbehauptungen, ein bisschen Tapferkeitsgetue, jeder Menge Besonnenheitsblingbling und viel Klugheitsblongblong. „Bürgerliches Trauerspiel“ ist ein aberwitziger, lustvoller, anarchischer Abgesang und eine theatrale Trauerfeier auf ein Leben wie es einmal war. Aus dem Jahr 2020. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. März ab 20 Uhr.

Immersion. Wir verschwinden. 15. bis 21. März, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39693 Genug gearbeitet, genug gestritten, genug gekämpft, genug gehasst. Genug von den bestehenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen. Sie wollen weg. Weg aus dieser Realität. Sich verstecken hinter etwas anderem, eintauchen untertauchen, wegtauchen. Es bleibt nur noch the big escape, die große Flucht. Nur wohin! Und dann weicht der Sehnsucht nach dem Verschwinden die Angst vor dem Verschwinden. Aus dem Jahr 2016. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. März ab 20 Uhr.

Salz Burg. 22. bis 28. März, 10 bis 22 Uhr. Das aktionstheater ensemble veranstaltet eine Sponsorenparty. Alles ist „vorbereitet aufs allerbest´ für Sponsoren und andere Gäst´“. Doch dann ist der potentielle Hauptsponsor weg, hat sich am stillen Örtchen versteckt, will nicht raus. Ab jetzt gerät alles ins Wanken. Und das Ensemble unternimmt alles um den Abend doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Aus dem Jahr 2012. Publikumsgespräche live via Zoom am 25. März, ab 20 Uhr.

aktionstheater.at

  1. 2. 2021

Staatsoper: Live-Streams mit Netrebko und Beczala

Dezember 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Schläpfers Uraufführung „Mahler 4“ auf ORF2

© Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

Diese Woche beschert Opernfans drei ganz besondere Live-Stream-Erlebnisse aus der Wiener Staatsoper: Anna Netrebko wird in Wien das erste Mal die Tosca singen, Piotr Beczala gibt sein Wiener Rollendebüt als Werther und dazu kommt die Premiere der Neuproduktion und Staatsopern-Erstaufführung von Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“. Die Opern werden, wie andere Werke

auch, trotz des Lockdowns im Haus zur Aufführung gelangen. Gespielt wird ohne Publikum vor Ort, nur für Kameras und Mikrofone. Alle Streams sind kostenlos auf der Webseite play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19 Uhr, die Übertragungen sind 24 Stunden lang abzurufen.

10. Dezember, 19 Uhr (Live – nur in Österreichs verfügbar): Werther. Musikalische Leitung: Bertrand de Billy, Inszenierung: Andrei Serban. Mit Piotr Beczala, Gaëlle Arquez, Clemens Unterreiner und Daniela Fally

13. Dezember, 19 Uhr (Live): Tosca. Musikalische Leitung: Bertrand de Billy, Inszenierung: Margarethe Wallmann. Mit Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Wolfgang Koch und Evgeny Solodovnikov

14. Dezember, 19 Uhr (Live, Premiere): Hans Werner Henze: Das verratene Meer. Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Jossi Wieler und Sergio Morabito, Ausstattung: Anna Viebrock. Mit Vera-Lotte Boecker, Bo Skovhus, Josh Lovell, Erik Van Heyningen, Kangmin Justin Kim, Stefan Astakhov und Martin Häßler

Auf ARTE concert sowie morgen ab 9 Uhr auf ORF2 präsentiert der neue Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer mit dem zweiteiligen Abend Mahler, live nicht nur sein erstes eigenes Programm in der Wiener Staatsoper, sondern stellt sich mit seiner Uraufführung „4“ zu Gustav Mahlers 4. Symphonie, dem zweiten Werk des Abends, auch als Choreograph vor. Entstanden ist ein großes Ballett für das gesamte Ensemble, dem zur Eröffnung des Programms mit Hans van Manens „Live“ eine Ikone der Tanzgeschichte vorausgeht.

Axel Kober dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper, als Solistinnen sind Shino Takizawa am Klavier sowie die Sopranistin Slávka Zámečníková zu erleben. Auf ORF2 ermöglicht eine kurze Einführung, gestaltet von Markus Greussing, den Zuseherinnen und Zusehern in den Bewegungskosmos und in die höchst interessante Gedankenwelt von Martin Schläpfer einzutauchen.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=HzX2ir76JHg

Wiener Rollendebüt als Werther: Piotr Beczala. Bild: © Johannes Ifkovits

Singt in Wien erstmals die Tosca: Anna Netrebko. Bild: © Julian Hargreaves

Ballettprogramm „Mahler, live“: Martin Schläpfer. Bild: © Tillmann Franzen

Live-Fledermaus zu Silvester

Die Tosca“ und „Werther“ werden auch in ORF III zu sehen sein. „Tosca“ live-zeitversetzt am 13. Dezember um 20.15 Uhr, „Werther“ am 10. Jänner um 20.15 Uhr. Und auch für die Silvesternacht ist schon vorgesorgt: ORF III zeigt Die Fledermaus am 31. Dezember um 20.15 Uhr in der Reihe „Wir spielen für Österreich“ im Rahmen von „Erlebnis Bühne Live“.

Unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister sind Georg Nigl in seinem Staatsopern-Rollendebüt als Gabriel von Eisenstein, Camilla Nylund als Rosalinde, Jochen Schmeckenbecher als Frank und Peter Simonischek als Frosch zu erleben. Regula Mühlemann singt erstmals am Haus die Adele, als Orlofsky gibt Christina Bock ihr Debüt an der Wiener Staatsoper. Fast fixer Bestandteil der Silvester-„Fledermaus“ ist der prominente Überraschungsgast im zweiten Akt – heuer darf sich das Fernsehpublikum auf Starsopranistin Asmik Grigorian freuen, die im September mit der „Madama Butterfly“Premiere am Haus debütierte und die die Cio-Cio-San auch im Jänner verkörpern wird.

www.wiener-staatsoper.at            play.wiener-staatsoper.at           www.arte.tv/de/arte-concert

  1. 12. 2020

Karikaturmuseum Krems: Kult auf 4 Rädern

Januar 13, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Wer sein Auto liebt, der zeichnet es …

Wolfgang Ammer: Arche Noah, 2007, Landessammlungen Niederösterreich Bild: Christoph Fuchs © Bildrecht, Wien, 2016

Wolfgang Ammer: Arche Noah, 2007, Landessammlungen Niederösterreich
Bild: Christoph Fuchs © Bildrecht, Wien, 2016

2016 feiert das Auto seinen 130.Geburtstag: 1886 erfand Carl Benz das moderne Mobil mit Verbrennungsmotor für die Serienproduktion – und sein Siegeszug veränderte die Welt. Das Auto ist Symbol für Freiheit und Wohlstand. Und damit verbundene Probleme, wie steigende Verkehrs- und Umweltbelastungen. Das trübt das glanzvolle Bild der Jahrhundertinnovation. Und ruft naturgemäß Zeichner und Karikaturisten auf den Plan.

Mit kaum einem anderen Objekt lassen sich Spott und Satire auf politische und gesellschaftliche Themen, Trends und Zukunftsvisionen im Wortsinn besser transportieren. Das Karikaturmuseum Krems präsentiert ab 17. Jänner im Ironimus-Kabinett den „Kult auf 4 Rädern“. Die Ausstellung zeigt mehr als 50 Arbeiten, darunter Comicoriginale aus der Sammlung Rochus Kahr, der comic-car collection, sowie Werke aus den Landessammlungen Niederösterreich und aus Privatbesitz. Sie bieten einen umfassenden Einblick in die spannende Geschichte des Automobils: von der Familienkutsche zu Niki Laudas Formel-I-Boliden, vom Kultobjekt und Benzinfresser bis zum heutigen strombetriebenen Ökomobil und zum „Google-Hupf“.

So bezieht sich etwa Erich Sokols Karikatur „4 im Jeep“ auf die Situation in Wien während der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wilfried Zeller-Zellenberg nimmt in der Ausstellung als Zeichner und Autonarr eine besondere Rolle ein. Er war nicht nur ein gefeierter Karikaturist, sondern auch Mechaniker, Chauffeur, Kriegsberichterstatter und Schauspieler. Seine Arbeiten zeigen einerseits humorvolle, kulturhistorisch interessante Illustrationen zu den Vorgängern des Automobils, andererseits kritische, entlarvende Ansätze nach dem Motto „Zeig mir, was du fährst, und ich sage dir, wer du bist“.

Berühmte Zeichner wie Jean Veenenbos und Dieter Zehentmayr thematisieren viele weitere politische Themen: Die unerwünschten Mitfahrer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Bruno Kreiskys zu Grabe getragener „AustroPorsche“, oder der EU-Beitritt Österreichs werden stark mit „automobilen“ Assoziationen kombiniert. Fehlen darf in dieser Schau natürlich nicht die österreichische Ikone des Rennsports: Niki Lauda meisterhaft porträtiert von Sokol oder spielerisch umgesetzt im Cartoon von Gerhard Haderer.

Der Kult und die hohe Wichtigkeit des Autos verführt auch zu Karikaturen mit biblischen Motiven wie Wolfgang Ammers Arche, die, anstatt Tiere vor der Sintflut zu retten, mit Autos beladen wird.  Borislav Sajtinac stellt die apokalyptischen Reiter, die über die Menschheit Krieg und Verderben bringen sollen, als apokalyptische Himmelsautos dar. Ein besonderes Highlight in der Ausstellung sind Comic Originale aus der Sammlung Rochus Kahr – comic-car collection. Schon als Kind war der Wiener Architekt von den bunten Bildgeschichten fasziniert. Später entflammte in ihm eine Begeisterung für Oldtimer, und noch viel später hatte er die Idee, diese beiden Leidenschaften zu verbinden. „Es entstand die comic-car collection, eine Sammlung, die inspiriert ist von der Begeisterung für tolles Autodesign, dynamischen Grafiken, dem Werk großartiger Künstler und dem Medium der sequenziellen Kunst, dem Comic“, sagt Kahr über seine Sammlung.

Aktuellste Zeichnungen, wie Jürgen Jansons „Volles Programm“, beschäftigen sich mit neuesten Narreteien, wie dem VW-Skandal. Dem Satz „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung, ich glaube an das Pferd“, des einstigen deutschen Kaisers Willhelm II. darf jedenfalls heftig entgegen gelacht werden.

www.karikaturmuseum.at

Wien, 13. 1. 2016

Die Oper Graz im Dezember

Dezember 4, 2013 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Molnàrs Grobian kommt in den Himmel

Astrid Gollob (Louise), James Rutherford (Billy Biogelow) Bild: Dimo Dimov

Astrid Gollob (Louise), James Rutherford (Billy Bigelow)
Bild: Dimo Dimov

Am 7. Dezember hat an der Oper Graz „Carousel“ Premiere. Franz Molnàrs berühmtestes Theaterstück „Liliom“ wollte bereits Giacomo Puccini vertonen, doch erst die Broadway-Musical-Profis Oscar Hammerstein und Richard Rodgers durften die melancholische Vorstadtlegende in ein Musical verwandeln. Die tragische Geschichte um das Scheitern eines Menschen an seiner eigenen Hilflosigkeit und der Unfähigkeit, seinen Gefühlen zu folgen, bleibt das zentrale Thema und am Ende landet der leichtlebige Hutschenschleuderer dennoch im Himmel. Die Grazer Erstaufführung von „Carousel“ liegt in den erfahrenen Händen von Matthias Davids, der an der Oper Graz schon Musical-Erfolge wie „Anything goes“ und zuletzt „Gigi“ herausbrachte. Sehr emotional in Szene gesetzt, mit großen „Broadway-Tanzeinlagen“ und voll herrlicher Musik – die Hymne „You’ll never walk alone“ tönt sogar millionenfach aus den Fankurven zahlreicher Fußballstadien – zieht diese herzergreifende Geschichte am Ende jeden in ihren Bann. Mit James Rutherford, Sieglinde Feldhofer, Dshamilja Kaiser, Dagmar Hellberg, Martin Fournier, der Tanzkompanie der Oper Graz und Marius Burkert am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters.

Am 15. Dezember folgt die Wiederaufnahme von „Hänsel und Gretel“. Brigitte Fassbaenders im Vorjahr erfolgreiche Inszenierung von Engelbert Humperdincks Märchenoper kommt um die Weihnachtszeit wieder auf den Spielplan.

Am 18. Dezember folgt die Tanz Nite 4. Einer der großen europäischen Protagonisten des zeitgenössischen Tanzes arbeitet erstmals mit der Tanzkompanie der Oper Graz: Tilman O’Donnell, herausragender Tänzer der „Forsythe Company“, als Tänzer und Choreograf in Toronto, Saarbrücken, Göteborg erfolgreich, stellt sich der Projektidee „Works-in-a-week“ und choreografiert auf Einladung von Darrel Toulon in nur einer Woche ein Tanzstück. In seinen Arbeiten – wie etwa bei seinem auch letztes Jahr in St. Pölten gefeierten „Strindberg-Projekt“ zu sehen  – verbindet er Tanz mit Technik, wie  Mikrofoninstallationen, Soundmaschinen und Ähnlichem, zeigt ein sicheres Gespür für Bewegungsqualitäten und pointiert gesetzten Humor und schreckt auch vor dem Versuch nicht zurück, die Gravitation aufzuheben …

www.oper-graz.com

Wien, 4. 12. 2013

Das TAG: „Heinrich 4“

Oktober 31, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass: Wie immer ein Ass

(sorry, aber wenn sich’s so schön reimt …)

Elisabeth Veit, Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert, Horst Heiss, Michaela Kaspar Bild: Anna Stöcher

Elisabeth Veit, Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert, Horst Heiss, Michaela Kaspar
Bild: Anna Stöcher

Das Leben ist Scheiße. Das hat Gernot Plass mit seiner Inszenierung von „Heinrich 4  – Jetzt retten wir mal Jesus“ am TAG wieder einmal klar gemacht. „Scheiße“ ist das meistgebrauchte Wort des 140-Minuten-Abends. Plass‘ sechs Darsteller, die – wenn kein Verzähler vorliegt – 22 Figuren verkörpern, sagen es zornig, verzweifelt, resignativ, marottig: Scheißi-u-Scheißi-u. Da tickt einiges nicht richtig auf der englischen Insel. Plass, Gründungsmitglied des TAG und seit der Spielzeit 2013/14 dessen neuer künstlerischer Leiter, hat sich nach seinem überragenden „Richard 2“ (und dem großartigen „Hamlet sein“) nun ans nächste Shakespeare-Drama gewagt: „Heinrich IV.“, Historie in zwei Teilen, in Versen und Prosa, die Mitte der Lancaster-Tetralogie und deswegen von Staatsinteresse, weil sich aus diesem Hause die Tudors und damit Elizabeth I. entwickeln und so ihren Thronanspruch legitimieren. Der Abend ist wie gewohnt eine Überschreibung, frei nach dem britischen Barden, mit dem nicht wirklich nötigen Zusatz: „Jetzt retten wir mal Jesus“, weil Heinrich IV. ins gelobte Land kreuzziehen will, aber eh vorher stirbt (tatsächlich pilgerte er 1392/93 nach Jerusalem). Egal. Gernot Plass nämlich präsentiert sich mit dieser Arbeit wieder einmal als DER Shakespeare-Regisseur der Stunde. Sie ist rasant, martialisch, scharfzüngig, zeitkritisch – und nicht zuletzt abgrundtief komisch. Ein Stück Ewig- und Jetzt-sofort-Gültiges über Macht und Ohnmacht, Eigen- und Fremdinteressen, Beruf und Betrug. Boss sein als Bürde. Die Undankbarkeit der Großen. Schwierige Vater-Sohn-Beziehungen. Falsche Freunde. Humor meets Horror. Geschichte ist alles, Geschlecht nichts. Weshalb auch eine Schauspielerin Hitzkopf Percy, dieses unbändige Schlachtross in königlichen Diensten, spielt, während ein Kollege mit blondem Perückenzopf entzückend Frau Percy gibt. DAS Gerücht allerdings ist sehr sexy weiblich, eine Butler’sche Studie für Gender-Forscher, aber wie alle Ver-Körperten von Gewicht.

Die Story: Henry Bolingbroke hat seinen Cousin Richard II. im Tower entsorgt. Der hatte zwar die größeren Ansprüche auf die Krone, aber die kleineren, beziehungsweise angeblich queer gelegten Eier, war jedenfalls dem „Gnadenlosen Parlament“ ausgeliefert. Rosenkrieg. An allen Fronten Gefechte, nun auch gegen Schottland und Wales. Heinrich IV. ruft seinen Sohn, später Heinrich V., zu den Waffen, doch der säuft und hurt sich lieber mit dem feisten, vom Theaterpublikum aller Jahrhunderte heißgeliebten Jack Falstaff durch die Wirtshäuser. Prinz Harry und seine Streiche. Da brauchte es noch keine Sun, der König erfuhr auch so davon. Doch als seine einstigen Königsmacher Northumberland, dessen Sohn Percy und Worcester („Wuster“) von ihm abfallen, soll der Sprößling fürs Köpferollen fit sein. IV stirbt (bei Plass hat auch ein Kopfpolster damit zu tun), V rafft den goldenen Stirnschmuck an sich. Und verleugnet Falstaff wie einst Petrus den Jesus … Dazu spielt’s Anklänge von Black Sabbaths „War Pigs“: www.youtube.com/watch?v=sc0BqXN9BKw  und am Ende Cat Stevens‘ „Father and Son“: www.youtube.com/watch?v=Q29YR5-t3gg Musik: Dr. Plass.

Ausstatterin Alexandra Burgstaller erschuf für diese Vision eine Welt in Schwarz-Grau-Weiß. Kleidung, Wälle/Wände, Stühle, Bänke, die zum Totenbett, zum Sarg werden. Im Bühnenboden versteckt ein Wassergraben, in dem man sich beim Kämpfen so richtig gut einsudeln kann. Mach‘ dich nicht nass, das besorge ich schon. Auf dem Schlachtfeld geht es weniger komplex zu als in der Geheimdiplomatie. All diese Versatzstücke werden von den Schauspielern immer wieder neu arrangiert. Hacklerregelung. Schwerstarbeit im Shakespeare’schen Hochofen. Schier unglaublich, was sechs Leute an Schlachtgetümmel und -lärm erzeugen können … Horst Heiss ist ein fabelhafter König, streng autoritär, aufgefressen von Staatsräson, Krankheit, schlechtem Gewissen. Er fordert Loyalität, weil er weiß, was ohne passiert, er fordert für seine Feldzüge Finanzausgleich: „I want my money back!“ Alles an ihm ist Kommandobunker, seinem Sohn würde er lieber eine flaken. Der ist hin- und hergerissen zwischen zwei Vaterfiguren. Mitm Falstaff ist’s halt lustig. No risk, trotzdem fun. Man ist doch nur einmal jung, dumm und gefräßig. Raphael Nicholas spielt den Prinzen schön schizophren zwischen unfrisiert und perfekt gescheitelt, zwischen Schlabberlook und Anzug mit Krawatte. Die personifizierte Ich-Störung, in der die kommende Gefahr schlummert. Wie ein Raubkatze bewegt sich Nicholas übers Parkett. Geknechtete Kinder werden Tyrannen. Plass lässt zahlreiche Anspielungen aufs Theater zu. In einer „Theaterszene“ geben mal der Prinz, mal Falstaff den König. Zukunftsweisend. „Heinrich V.“ steht schon auf dem Spielplan. Georg Schubert ist ein wunderbarer Falstaff. Welch ein Schlitzohr, welch ein eloquenter Gauner, des Lebens nackte Lust, ein Tunichtgut, der so gut tut, ein Spaßmacher. Der beinhart skrupellos die Feinde in die Falle führt. Ihm gehört die Bühne. Obwohl Plass dem blassen Lancaster-König und Titelgeber deutlich mehr Raum gibt als das elisabethanische Original. Ein Kräftemessen inszeniert er. Zwischen der Ratio und dem Rattenfänger. Am Ende will es, kann es der nicht glauben, dass der junge König ihn verbannt. Am Abend, spätestens morgen wird er Audienz bei ihm haben. Da ist Schubert anrührend. Scheißi-u-Scheißi-u.

Jens Claßen überzeugt in zahlreichen Rollen, etwa als erst siegessicherer, dann verkrampfter Northumberland oder als „abtrüniger“ Bischof – York, ebenso Michaela Kaspar unter anderem als Wuster und als Gerücht. Elisabeth Veit ist ein Percy mit vor Ärger und Ekel verzogenem Mund. Die Warnung Nur-nicht-den-Kopf-verlieren ist bei dem bereits umsonst. Auch er erhebt Ansprüche auf Zepter und Krone. Geht nicht. Beides gebührt Plass.

www.dastag.at

Trailer: vimeo.com/77903879

Wien, 31. 10. 2013