Ateliertheater: Evita Perón

Oktober 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lucy McEvil und Hubsi Kramar in Copis Groteske

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak Bild: Ateliertheater

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak
Bild: Ateliertheater

Dass man hier auf „Don’t Cry for Me Argentina“ vergeblich warten wird, ist schon mit dem ersten Satz klar. Der lautet nämlich: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Ja, Santa Evita ist in Copis bitterböser Satire über das mächtigste Ehepaar Argentiniens alles andere als heilig. Sie ist eine Bissgurn, berechnend, grausam, egoistisch. Aber schön, dargestellt von Lucy McEvil mit langem blondem Haar und langen hinreißenden Beinen. La commandanta im „Führerbunker“, in dem sie sich mit ein paar unfreiwillig Freiwilligen verschanzt hat, um ihren Krebstod abzuwarten – und die rechte Stimmung im Volk, die sie via Radio verfolgt, um dann in einem grandiosen Begräbnis einen letzten großen Auftritt zu haben. „Ich werde einen schönen Tod gehabt haben“, sagt sie. Doch die Straßen draußen sind leer: „So ist es immer, wenn sie sich fürchten“, stellt die Diktatorin lakonisch fest. Und trauert um den verpassten Moment, auf dem Balkon ihre letzten Worte gesprochen (nicht gesungen, das ist einer der vielen Brüller in dieser Show) zu haben. Als sie dann doch ein Liedchen anstimmt und Perón sofort abwachelt, heischt sie ihn an: „Du bist nur eifersüchtig, weil du nicht singen kannst.“ Regisseur Hubsi Kramar gibt den Präsidenten höchstpersönlich. Ein alter Trottel mit Riesenstaatsorden auf der Schärpe, ein Halbsätze sabbernder Zombie, hin- und hergerissen zwischen Migräne und Verstopfung.

Copi schrieb sein Stück 1971 im Exil in Paris. Es ist eine Abrechnung mit dem Peronismus * und dem Bild der Ikone Evita. Kramar macht mit seiner Inszenierung mit dem 3raum unterwegs diesmal im Ateliertheater Reloaded Station. Ein Stück Pulp Fiction, beste Schundliteratur auf der nach oben offenen politischen Entlarvungsskala, hat er aus Copi gemacht. Aus Verspottung wird Verhöhnung, das Extrem bis zum Exzess entstellt, die Darstellung ist ein Zerrbild, eine Fratze. Believe the Unbelievable! Das Bühnenbild: eine exquisite Altkleidersammlung rund um eine Chaiselongue. Evita, die Giftspritze, die den Inhalt ihrer Morphiuminjektion heimlich mit Wasser tauscht, braucht für ihre beinharten Psychospielchen mit ihrer Mutter schließlich ein Ruhekissen. Die „alte Schabracke“, die Schreckschraube, wartet nämlich dringlichst auf den Sensenmann. Die Tochter hat Safes in der Schweiz. Die Mutter braucht die Nummern, um ihr Luxusleben an der Côte d’Azur weiterleben zu können. Den Krebs ihrer Tochter, dieser Schlampe, hält sie nur für ein weiteres politisches Druckmittel. Und so unrecht hat sie damit nicht. Man bespitzelt sich also gegenseitig. Lilly Prohaska legt die Mutter zwischen ängstlich und aufbegehrend an. Herrlich, wie sie den ungefähr doppelt so großen Hubsi Kramar wie eine Schlange umwindet, um an ihr Ziel zu kommen. Geld! Dass in dieser lieben Familie gewürgt und geprügelt wird, wen wundert’s.

Und dann sind da noch Ibiza, der Adjutant, der Lover (?), Bernhard Mrak, ein stattliches Mannsbild in Uniform. Der einzig geistig Stabile. So unterworfen wie undurchsichtig. Und Evitas Krankenschwester, das Synonym fürs devote, sich jede Narretei gefallen lassende Volk. Julia Karnel in Schreckstarre ob Evitas Übermacht. Eine Schreckstarre, die sich in eine Leichenstarre wandeln wird. Denn – Achtung: Spoileralarm – die Krankenschwester wird fest in eiserne Ränke eingeschmiedet. Wird für einen „Ball“ mit Abendkleid und Perücke fein gemacht und um die Ecke gebracht. Evita kann nun dem ihr unerträglich gewordenen Argentien Adieu sagen. Mit Schmuckschatulle, Safekombination und Ibiza. Und über alles andere fällt der Totenschleier des Vergessens.

Nur noch zu sehen bis 25. Oktober! Karten sichern!

* Der Peronismus bezeichnet eine politische und gesellschaftliche Bewegung in Argentinien, die seit den 1940er Jahren besteht. Benannt ist sie nach ihrem Anführer Juan Perón, der 1946 erstmals die Regierung übernahm. Der Peronismus stellt sich als vielgestaltige populistische Bewegung dar, die sich im Verlauf ihrer Geschichte ideologisch, organisatorisch und personell wesentlich veränderte. Sie integrierte eine Vielzahl politischer Ziele (etwa auch die Unterstützung auf der Flucht befindlicher Nazis) und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als Führer gemein war.  Bis heute ist der Peronismus die prägende politische Kraft Argentiniens. Organisiert ist die peronistische Bewegung durch die „Gerechtigkeitspartei“ und die angeschlossenen Gewerkschaften, die unter dem Dachverband „Confederación General del Trabajo de la República Argentina“ (CGT) zu Zeiten Peróns gleichgeschaltet wurden. Die Gefolgschaft Peróns setzte sich anfangs aus Arbeitern und Gewerkschaftsführern sowie später verschiedenen konservativen, nationalistischen und katholischen Gruppen zusammen. Immer wieder gab es Kämpfe zwischen rechten und linken Peronisten. Perón wurde zwei Mal zum Präsidenten gewählt. Er regierte von 1946 bis 1955 und von 1973 bis zu seim Tod 1974. Sein autoritärer Führungsstil und sein demagogischer Populismus zum Militär wurde von seinen Gegnern stets angeprangert. Nach seinem Tod übernahm seine dritte Frau Isabel Martínez de Perón, die bereits als Vizepräsidentin vereidigt war, nahtlos die Macht. 1976 wurde ihre Regierung durch einen Militärputsch Jorge Rafael Videlas  – ein noch gewaltigerer Menschenschlächter als die Peróns – gestürzt. Perón und Evita (gestorben 1952) genießen bis heute eine große Popularität in Argentinien.

www.mottingers-meinung.at/lucy-mcevil-im-gespraech

http://3raum.or.at/

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Wien, 20. 10. 2014