Rabenhof: 3 Frauen und 1000 Bücher

Dezember 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold auf dem Höhepunkt

Esra Özmen, Erni Mangold und Sandra Cervik. Bild: © Pertramer / Rabenhof

Erni Mangold, Sandra Cervik und Esra Özmen – die Idee, die Schauspielerinnen und die Musikerin an einem Abend zu vereinen, ist genial. „3 Frauen und 1000 Bücher“ heißt ihr Programm, das gestern im Rabenhof Premiere hatte. Hausherr Thomas Gratzer hat die Kooperation mit dem Theater in der Josefstadt für die Bühne eingerichtet, und da Esra eine Hälfte des Duos EsRAP ist, ist ihr Bruder Enes Özmen selbstverständlich mit von der Partie. Von Arendt, Hannah bis Wollstonecraft Shelley, Mary begibt man sich auf eine literarische Reise.

Mal im Zwiegespräch mit der Dichterin, mal im Dialog mit der Darstellerin daneben, führt der Weg übers Da- als Frausein zur Freiheit zu Feminismus zur Rosa-Luxemburg’schen Familienaufstellung. Und wer nun fragt, was Sappho, Simone de Beauvoir und Valerie Solanas gemeinsam haben, so sind das Wutanfall und Herzenswärme, Aufbegehren und Begehren, Erregung ergo mal zwei, Passion, meint: Leidenschaft, nicht Leiden. Lina Loos gilt es wieder zu entdecken, ihr posthum gefundenes Theaterstück „Wie man wird, was man ist“, und apropos: Elfriede Gerstls „Tandlerfundstücke“ und die Anarchismus-Essays der Friedensaktivistin Emma Goldman.

Ottakring-Kind Esra Özmen rappt Christine Nöstlingers „Iba de gaunz oamen Leit“ und Ingeborg Bachmanns „Ich“ – wie’s für sie typisch ist auf Deutsch, heißt im ersten Fall: Wienerisch und Türkisch. Liest man hier die ZeilenSklaverei ertrag ich nicht / Ich bin immer ich / Will mich irgend etwas beugen / Lieber breche ich … Ich bin immer ich / Steige ich, so steig ich hoch / Falle ich, so fall ich ganz“, hat man ihren Rhythmus sofort im Ohr.

Die Damen mit Sänger Enes Özmen. Bild: © Pertramer / Rabenhof

Enes Özmen kann dazu nicht nur beatboxen, er verkörpert in all der angeklagten toxischen Männlichkeit das – im Wortsinn – Bild von einem Mann, wie es Frauen bevorzugen. Die Hip-Hop-Geschwister haben in dieser phallokratischen Welt die vorgeschriebenen Geschlechterrollen einfach vertauscht. Esra steuert die harten, schnellen Reime bei, während Enes mit seiner feinfühlig lyrischen Stimme die melodischen Vokalparts übernimmt. Enes singt Arabeske vom Feinsten, wonach Erni Mangold und Sandra Cervik zum größten Vergnügen des Publikums nöstlingerisch über das „echd ungerechd“-e Intimverhältnis räsonieren:

„A Mau deaf ruig waumpad sei, es redt eam kana ind Fettn drei. A blada Mau is a schdatlicha Hea und jedazeid guad fian Geschlechdsvakea. A Mau deaf ruig glozad sei, ohne Hoa is sei Zeid no laung ned vuabei. A Glodzn, de zeigd vun guada Bodenz und unhamlich hocha Sexual-Frequenz …“ Zum Höhepunkt kommt die Mangold als Onkel Bill, der – wer die US-Serie aus den späten 1960ern kennt – seine verwaisten Nichten und Neffen aufzieht, und sich bei Elfriede Jelinek von der kindlichen Verwandtschaft gern befingern lässt.

Mit Sibylle Berg wird übers Mittelklasse-Midlifecrisis-Paar Rasmus und Chloe gelästert, der eine Partner vom anderen gehegt und gepflegt, wie eine liebgewordene Zimmerpflanze, mit der queeren Graphic-Novel-Autorin Alison Bechdel die ewige Mutter-Tochter-Beziehungskiste bejammert, und weil Frauen keine Waserln sind, hat diesbezüglich stellvertretend für alle Stefanie Sargnagel einen Kater, den postalkoholischen, nicht das Tier. Ihre bereits berühmten, bachmann-publikumsbepreisten „Penne vom Kika“ sind nach wie vor – Sie wissen schon! – geschmacklos gut.

www.rabenhoftheater.com           www.esrapduo.net                     www.youtube.com/user/karayazi90/videos

  1. 12. 2019

Romy Schneiders „3 Tage in Quiberon“

April 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseurin Emily Atef im Gespräch über ihren Film

Emily Atef. Bild: Peter Hartwig

1981 verbringt der Weltstar Romy Schneider drei Tage in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon, um sich dort vor ihrem nächsten Filmprojekt ein wenig Ruhe zu gönnen. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs  ein, zu dem der von Schneider geschätzte Fotograf Robert Lebeck die dazugehörige Fotostrecke liefert. Aus dem geplanten Termin entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Journalisten und der Ausnahmekünstlerin, das alle an ihre Grenzen bringt …

Inspiriert von den beeindruckenden, sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Robert Lebeck von Romy Schneider in Quiberon gelangen, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef  mit einer herausragenden Marie Bäumer in der Hauptrolle von einem entscheidenden Ereignis in der letzten Lebensphase einer der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen.   In den Nebenrollen brillieren Birgit Minichmayr als Romys – fiktive – Freundin Hilde, Robert Gwisdek als Michael Jürgs und Charly Hübner als Robert Lebeck. Kinostart ist am 13. April. Emily Atef im Gespräch:

MM: Wie kamen Sie auf das Thema für den Film?

Emily Atef: Das Thema kam zu mir. Es war die Idee des französischen Produzenten Denis Poncet, der mit Marie Bäumer befreundet war, und es nicht verstehen konnte, dass sie nicht Romy spielt. Sie wurde sehr oft gefragt, und sie hat immer verneint, weil sie sich nicht anmaßen wollte, in einem Biopic zu spielen. Und dann haben sie Quiberon-Bilder gesehen, und sagten: Das ist es! Und da Sie merkten, dass der Film ein deutscher Film sein müsste, wegen der Sprache, der deutschen Protagonisten,  kam die Idee schließlich zu mir, auch weil Marie meine zweiten Film „Das fremde in Mir“ sehr mochte. Mich haben die Fotos von Robert Lebeck so bewegt, sie sind so wahrhaftig, reportagehaft, ungeschminkt, am Lachen, am Tanzen, am Hadern, am Weinen … Auch das Interview von Michael Jürgs hat mich umgehauen – und da sah ich einen Film. Auch ich hätte nie ein Biopic gemacht, denn man kann in 90 Minuten kein Leben erzählen, aber „3 Tage in Quiberon“, das geht gut.

MM: Der Film ist nun ein großartiges Kammerspiel geworden. Wie ist darin das Verhältnis von Fakt und Fiktion?

Atef: Ich habe vieles neu- und umgeschrieben. Viele Zitate sind auch authentisch. Ich habe mich mit Robert Lebeck, der ja 2014 verstorben ist, und Michael Jürgs getroffen. Das war sehr spannend. Die Freundin habe ich auch kennengelernt, doch die wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, das war ihr alles zu emotional. Aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreiieren, so habe ich die österreichische Kindheitsfreundin Hilde Fritsch erfunden, und es war ein großes Glück für mich, dass ich diese vollkommen fiktive Figur zur Verfügung hatte. Michael Jürgs habe ich mehr zum Antagonisten gemacht, als er mutmaßlich war. Nach den Gesprächen und dem Sichten von ungefähr 600 Bildern, von denen gerade mal 20 bekannt sind, musste ich aber meine eigene Version der Geschichte schreiben …

MM: Das heißt?

Atef: Dass mich existenzielle Fragen interessiert haben. Dinge, die stellvertretend Frauen auch heute angehen. Über Mutterschaft, über Arbeit, Ruhm, Freundschaft – und, ob es überhaupt möglich ist, mit jemandem eine Freundschaft aufzubauen, der das von zu Hause aus nicht gelernt hat.

MM: Das macht die Erfindung der Hilde Fritsch umso betrüblicher, als Romy Schneider offensichtlich keine solche Jugendfreundin hatte.

Atef: Das stimmt. Sie hatte nicht viele Menschen, die für sie da waren.

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der deutschen Presse willigt Romy Schneider (Marie Bäumer) in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Bild: © Filmladen Filmverleih

Romy Schneiders (Marie Bäumer) beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr, l.) ist in dieser schwierigen Lebensphase für Romy da. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Und so zeigt Marie Bäumer Ihrer Intention gemäß mehr als Romy Schneider, nämlich einen Menschen, der an der Klippe steht?

Atef: Einen Menschen, der an der Klippe steht, aber auch einen, der bereit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Der Film handelt von einer Person, die zu sich kommt, auch wenn es vielleicht nur für einen Nachmittag ist, der Film handelt von einer Person, die ihren Frieden findet, auch wenn der nur ein paar Wochen dauern wird. Das ist es, das ist mir auch sehr wichtig dieser Tiefgang. Diesen seelischen Moment kann Romy niemand nehmen. Sie hatte ein hartes Jahr hinter sich, und wie wir wissen, das härteste noch vor sich. Doch auch, wenn ich in allen meinen Filmen Frauen in existenziellen Krisen zeige, brauche ich einen Hoffnungsschimmer. Und den gibt es am Schluss mit einer Szene in Paris …

MM: Mussten Sie für Ihren Dreh eine Erlaubnis einholen?

Atef: Ich hatte extrem viel Glück. Michael Jürgs hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte, ich habe ihn mehrmals getroffen, und auch sein Darsteller Robert Gwisdek traf sich mit ihm. Ich habe ihm dann das Buch geschickt, und er meinte: Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende. Das war hart für ihn, aber er hat mir nichts dreingeredet. Ich finde, Jürgs macht im Film die größte Entwicklung von allen Figuren durch: Ein junger, ehrgeiziger Journalist, der die große Story will, der seine Karriere pushen will, der Millionen Hefte verkaufen will, aber nach drei Tagen nur seine ganze Art zu Arbeiten hinterfragt. Das ist eine große Verwandlung, die Jürgs dann auch akzeptiert hat, obwohl er ziemlich geschluckt hat. Und ich sagte wieder, Romy hat dir im Endeffekt vertraut und sie hatte recht, er hat ihr ja auch den Final Cut gegeben. Im echten Leben sind die beiden nämlich befreundet geblieben, und sie hat ihm noch ein Interview gegeben. Das einzige, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Interview war aber so unendlich traurig, dass Jürgs es nicht freigegeben hat. Da hat er sie geschützt.

MM: Apropos, wenn jemand vor der Kamera so viel gibt, wie Marie Bäumer, gehen Sie da als Regisseurin auch in Beschützerhaltung?

Atef: Ja, das ist wichtig. Ich habe drei Jahre an dem Projekt gearbeitet, da haben wir uns auch befreundet, aber sie konnte nicht über die Rolle reden, sie hatte Angst davor, sie zu spielen. Einen Monat vor Drehbeginn sagte ich, jetzt müssen wir aber, und dann hat sie sich voll drauf eingelassen. Marie war wahnsinnig fragil in dieser Drehzeit, sie musste auch tief in die Krise von Romy schlüpfen und konnte dazu kaum schlafen, um Kräfte zu sammeln. Durch diese Anstrengung hatte sie aber die Ausstrahlung, die man nun in den Bildern sieht. Dazu diese Halbinsel Quiberon, die immer noch die emotionale Energie von damals ausstrahlt, weil sich dort kaum etwas verändert hat. Das war auch für mich superanstrengend. Ich hatte den Vorteil, dass mein Produzent Karsten Stöter mir die Zeit gegeben hat, mit den Schauspielern intensiv zu arbeiten, und auch sagen zu können, heute klappt’s nicht, machen wir das morgen.

MM: Und die Entscheidung in Schwarzweiß zu arbeiten …

Atef: … hat den einen oder anderen Geldgeber anfangs nicht entzückt. Für mich kam aber nichts andere infrage, inspiriert von Lebeck habe ich die Szenen schon beim Schreiben immer in Schwarzweiß gesehen. Ich konnte nicht anders. Und es ist auch eine Brücke zur Fiktion, das Schwarzweiße macht klar, dass das nicht die x-te Reportage über Romy Schneider ist.

Charly Hübner spielt Robert Lebeck. Bild: © Filmladen Filmverleih

Marie Bäumer. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Mit Marie Bäumer spielen handverlesene Schauspieler: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Atef: Mir ist dieses Quartett superwichtig. Dass jede Figur ihre Perspektive hat. Natürlich kreisen alle um Romy, aber die anderen Figuren sind mehr als Staffage, sie haben ein Eigenleben, der Fotograf in seinem Zwiespalt zwischen Freund sein wollen – und trotzdem die Doppelseite im Stern haben, egal, ob’s Romy dabei gut geht oder nicht, der Journalist, der sich vorgenommen hat, über Leichen zu gehen und das dann doch nicht kann und überraschenderweise für sich selbst sehr getroffen ist, die Freundin, die zum Bodyguard werden muss. Sie ist mein Blick auf die Sache, ihr:  Was geht denn hier ab? Und Birgit spielt das ganz großartig. Sie kann Missbilligung ausdrücken, ohne das Gesicht verziehen zu müssen. Sie wirkt, auch wenn sie mal im Hintergrund sitzt. Als ich anfing, diese fiktive Hilde zu schreiben, habe ich Birgit sofort in jeder Zeile gesehen. Sie spielt mit jeder Pore.

MM: Hat Michael Jürgs eine Erklärung dafür, warum sich Romy Schneider in diesem Gespräch so geöffnet hat? Im Film hat nicht zuletzt der Alkohol die Schuld daran.

Atef: Ich vermute, sie wollte in Deutschland ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Die Deutschen waren ja sehr beleidigt, dass ihre Romy mit diesem Filou Alain Delon nach Frankreich abgehauen ist, und dort jetzt „solche“ Filme dreht, nachdem sie in Deutschland so ein braves Mädchen war. Ihre „Sissi“! Die wollten nicht, dass sie erwachsen wird und sich emanzipiert! Sie wurde deshalb fertiggemacht in der Presse, und hat auch wenig deutsche Interviews gegeben. Hier ging’s nur über ihre Fehlgeburten, Scheidung, Probleme … in Frankreich hat man sie so geliebt, dass man ihr das nicht angetan hat, obwohl es auch da Boulevardpresse gab. Im Jürgs-Interview wollte sie sich den Deutschen zeigen, wie sie wirklich ist. Sie sagt ja: Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren. Das ist Originaltext. Sie wollte sich erklären, und natürlich klappt das nicht.

MM: Wenn man sich mit solch einem Interview beschäftig, wächst die eigene Skepsis gegenüber der Presse?

Atef: Gegenüber einer gewissen Art von Journalist, ja. Es gibt immer welche, die einem Dinge in den Mund legen, die Sachen erfinden, um ihre Interviews zu verkaufen. Der öffentliche Mensch kann dann nur seine Anwälte bemühen, aber das ist denen egal, weil sie mit der Auflage genügend verdienen. Heute ist es noch schlimmer als damals, denn wenn heute ein Promi etwas sagt, verbreitet es sich im Internet einmal um den Globus und verschwindet nie mehr wieder. Damals haben die Leute die Zeitschrift irgendwann weggeworfen und gut war’s.

MM: Wäre Romy Schneider eine schlechtere Schauspielerin gewesen, wäre sie nicht so dünnhäutig gewesen?

Atef: Es gibt auch fantastische Schauspielerinnen mit einem gesunden Privatleben, Meryl Streep zum Beispiel.

MM: Wollen Sie, dass Ihr Film den Blick auf Romy Schneider verändert?

Atef: Nein, das war nie meine Absicht. Weder, dass man etwas Neues über sie erfährt, noch dass sich der Blick ändert. Ich möchte, dass man mit der Film-Romy mitleidet und mitlacht, und dass man von ihr berührt ist, von allen Figuren eigentlich. Ich möchte mit diesem Film dem Publikum die Chance geben, dabei zu sein bei diesen fiktiven Geschehnissen. Im Sinne, wie Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit.

www.3-tage-in-quiberon.de

10. 4. 2018