WUK: On The Edge #9 – experimentelle Zirkuskunst

November 3, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Männer in Pferdegeschirren und Omas in luftigen Höhen

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Wer heutzutage Zirkus sehen will, findet sich nicht mehr zwangsläufig in einem Zelt zwischen Tieren, Popcorn und Wohnwagen wieder. Die zeitgenössischen Formen des Zirkus sind mittlerweile international und – insbesondere europaweit – bestens etabliert. Und so zeigt das WUK von 5. bis 13. November das Festival für experimentelle Zirkuskunst „On The Edge #9“. Das Festival öffnet einen Raum für Zirkuskunst, die sich an der Schnittstelle zu Performance

und Bildender Kunst bewegt. „On The Edge“ zeigt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die die eigene Praxis abstrahieren oder dekonstruieren und den Raum, die experimentelle Ausdrucksform oder die Rolle des Publikums neu denken. Das Festival fördert mutige künstlerische und politische Positionen und einen reflektierten Umgang mit Genderrollen auf der Bühne.

„On The Edge #9“ wird von den Residenz-Künstlerinnen und -künstlern eröffnet: Vier Artistinnen und Artisten aus Österreich, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz wurden im Rahmen des circus re:searched Programms eingeladen ihre aktuellen Projekte und Forschungen während zwei-wöchigen Studio-Residenzen zu vertiefen oder bestehende Arbeiten zu präsentieren. Nachwuchskünstlerinnen und -künstler treffen auf etablierte Zirkusschaffende und frische Experimente auf bereits bestehende Stücke. Die Performances von Anne Kugener und Julian Vogel beschäftigen sich beide mit der Schnittstelle von Zirkus und Bildender Kunst – von Vogel ist auch die Installation „China Series #11“ zu sehen. Das Duo Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger untersucht das Geschlechterverhältnis und die Rollenverteilung in der partnerakrobatischen Praxis.

Hier schließt auch die Künstlerin Kathrin Wagner an, die ihre Rolle und Erfahrungen als Frau und Performerin in der Zirkuswelt reflektiert. Aus persönlichen Erfahrungen mit Sexismus und Berichten anderer Performerinnen entstand das Slam-Gedicht „I was told“, das zusammen mit dem Text „Love Letter to myself“ Ausgangspunkt für die aktuelle Kreation ist. Nachdem Jonglage und Poetry Slam von der Künstlerin als separate Disziplinen erlernt wurden, entstand der Drang, eine tiefere Verbindung zu schaffen. In der Kombination aus gesprochener Sprache und Jonglage bereichern sich nun beide gegenseitig und verändern die Wahrnehmung des Publikums auf die einzelnen Genres.

I was told. Bild: © Jan Ole Laugesen

Grand Mère. Bild: © Alexandre Fray

Anne Kugener. Bild: © Natali Glisic

„In the maze of your perception, I resonate …“ von Tänzerin Elena Lydia Kreusch und Straßenkünstler Andrea Salustri ist eine interdisziplinäre Rauminstallation: Kleine Publikumsgruppen können sie gemeinsam begehen und Klanginstallationen, Videokunst und interaktive Skulpturen eigenständig erkunden. Die präsentierte Auswahl ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts, im Rahmen dessen das Duo mit alternativen und nicht-performativen Formaten für zeitgenössischen Zirkus experimentierte. Zirkuskörper und -disziplinen werden dekonstruiert und Zirkusgesten und -objekte werden in einen neuen Kontext gesetzt. Die Infragestellung etablierter Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven auf ein vertrautes Genre.

Als „Acrobalance: Extreme Symbiosis“ präsentieren das schwedische Künstlerpaar Henrik Agger und Louise von Euler Bjurholm eine intime 55-minütige dokumentarische Lecture Performance. In „Extreme Symbiosis“ geben sie dem Publikum einen Einblick in ihre Arbeit, Praxis und ihr Leben als Paarakrobaten. Indem sie die Bedeutung eines konstanten geistigen und körperlichen Trainings in ihrer Kunstform zeigen und hervorheben, hoffen sie, das Verständnis für diese Kunstform zu erweitern. „Was geschieht in der Interaktion zwischen uns, wenn wir unsere Praxis ausüben? Eine Zusammenarbeit zwischen Körper und Geist, individuellen Systemen und gemeinsamen Sinnen. Eine langjährige PartnerInnenschaft, die auf extremem Vertrauen basiert und in der Praxis täglich herausgefordert wird.”

Zwei Männer, zwei Ledergeschirre. Das ist „Cuir“ der Compagnie „Un loup pour l’homme“. Was wie ein Spiel um Dominanz und Unterwerfung aussieht, entpuppt sich als subtiles Duett, das das menschliche Verlangen nach gegenseitigem Verständnis erforscht. „Un loup pour l’homme“ benutzt die Geschirre – die normalerweise von Zugpferden getragen werden – um die Seele des Menschen zu durchpflügen und die Zerbrechlichkeit persönlicher Beziehungen aufzudecken. „Cuir“ ist eine akrobatische Tour de Force bei der die Energie in jeder Sekunde auf’s Publikum überspringt.

Der flämische Akrobat Toon Van Gramberen setzt sich seit einigen Jahren mit dem alternden Körper auseinander. Sein Vater erklärte sich bereit, ihn in einem gemeinsamen Prozess zu begleiten. Er ist sechzig Jahre alt und hat keinerlei akrobatische Vorkenntnisse. Dies war der Anfang von „Carrying my father“, einem Bühnenstück, das mittlerweile vier Akrobaten und ihre Väter involviert. Begleitend zum Kreationsprozess von „Carrying my father“ entstand die Fotoausstellung, die einen intimen Einblick in den Probenprozess gibt.

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger. Bild: © Claude Hofer

Acrobalance: Extreme Symbiosis. Bild: © Arts printing house

In the maze of your perception … Bild: © Kreusch & Salustri

Wenn der alternde Körper in den Mittelpunkt der akrobatischen Forschung gestellt wird, werden die Vorstellungen von körperlicher Virtuosität notwendigerweise dekonstruiert und neu definiert. So verschieben sich zwangsläufig auch Perspektiven auf den Körper des Akrobaten und auf die gesamte Disziplin. Der Dokumentarfilm „Vaders Dragen – Carrying fathers“ zeigt den Entstehungsprozess einer Zirkusproduktion in der sich vier Akrobaten die Bühne mit ihren Vätern teilen.

Das „Projet Grand Mère“ des Akrobaten Alexandre Fray, Mitglied von „Un Loup pour l’Homme“, untersucht die Geste des Tragens im Rahmen einer Recherche mit älteren Menschen: Tragen als Symbol des „Sich Kümmerns“. Es geht Fray darum, sich Zeit zu nehmen, miteinander in Beziehung zu treten, viel zuzuhören und eine Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen und Verbundenheit fördert. Dies ist die Basis für die Entwicklung einer gemeinsamen körperlichen Arbeit. Ziel ist das Finden einer Intimität, die von einer großen Zartheit durchdrungen ist. Gemeinsam mit älteren Frauen, welche nie oder selten getragen wurden, hinterfragt der Akrobat die Herausforderungen einer Disziplin, die vom Horizont der Höchstleistungen oft in den Schatten gestellt wird.

Was bedeutet es, sich den Gesetzen des Gleichgewichts und der Schwerkraft zu widersetzen, wenn Gelenke rosten und Muskeln schmelzen? Wie kann man „loslassen“, wenn der Körper dies verlernt um sich selbst zu schützen? Was bedeutet Virtuosität für den alternden Körper – kann auf einem Bein stehen mit 80 Jahren dasselbe Risiko kommunizieren wie ein Rückwärtssalto? Die Foto-Ausstellung „Projet Grand Mère“ dokumentiert die besonderen Begegnungen des Akrobaten mit Frauen im Alter von „Großmüttern“ von 2016 bis heute, die den Schritt ins Leere wagen und sich in die Luft heben lassen.

Arne Mannott, Choreograf, Zirkusperformer und Kurator, beschließt die Woche mit der Videoinstallation „circus“. Dafür wurden zehn Akteurinnen und Akteure verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft und mit verschiedenen künstlerischen Hintergründen zu ihrer Sichtweise zu Zirkus befragt. Im Fokus der Interviews steht die Frage nach dem „Was ist eigentlich Zirkus?“ – und damit auch danach, wodurch sich die Kunstform Zirkus selbst definiert und welche besonderen Merkmale dabei zustande kommen. Die Porträtierten sind alle seit Jahren oder Jahrzehnten in der Zirkuskunst tätig und treten für dieses Video in einen ganz persönlichen Dialog mit sich selbst.

Mehr Infos und alle Termine: www.wuk.at

3. 11. 2021

Burgtheater online: Wiener Stimmung Folge #1

Mai 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“

Wiener Stimmung Folge #1: Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“. Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Wien im Frühjahr 2020 ist eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungs- träger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ – und laut Kurz‘ Arbeit sonst niemand! – leisten alle brav ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in

Österreich lebende Autorinnen und Autoren eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Derart ist aus der Isolation ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster, ein Parallel-Wien aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die nun jeweils donnerstags und samstags um 18 Uhr auf www.burgtheater.at/wiener-stimmung online gehen.

Den Uraufführungsreigen gestartet hat Norman Hacker mit dem von Franzobel verfassten Text „Die Säuberung“, und großartig ist, was man in der Regie von Mechthild Harnischmacher, Videoart von Sophie Lux, zu sehen bekommt. Den Hacker als Home-Hackler, sozusagen unrasiert und fern der Heimat-Bühne, wie er halbnackt (weil: die Untergürtel-Hälfte sieht man nicht) in den Spiegel spricht. Und mit einer/m imaginären [?] PartnerIn.

Das hat was von Krapp’s Last #Corona-Tape mit einem Hauch Herr Karl, zweiteres soweit es das Wechseln vom Wienerischen zum Hochsprach-Firnis betrifft und selbstverständlich das Vernadertum. Hat zwar nicht er, doch immerhin sein unsichtbarer Raumteiler fürs Anzeigen von Mundschutzsündern den Orden Pandemiebekämpfer 1. Klasse verliehen bekommen. Weshalb die Franzobel-Figur ihn oder sie nun auch vom Fenster weg kommandiert, weil man will schließlich selber auch, ned woa …

Jahreszahl, Tages- oder Nachtzeit, Krisendauer, nichts genaues weiß man nicht, die -stimmung ist so, als ob’s schon lange währe. „Die Säuberung“ ist ein schwarzweißer Endzeitmonolog im Desinfektionsvollbad, eine typisch Franzobel’sche Farce, hinterfotzig und – siehe doppelsinnigem Titel – mit heimtückischem Ende, und Norman Hacker versteht sich in Großaufnahme famos aufs Fotzn-Ziehen, während man vom Gesagten eine feste kriegt. So gesamtgesellschaftlich betrachtet, denn Hacker belässt es nicht beim Lamentieren über Fressattacken, Kiloexplosion und Apfelstrudelsucht.

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Zunehmend ist er vom Wahnsinn angepeckt. Der Zusammenhang Ausgangssperre/Alkoholkonsum ist evident. Einen genial paranoid klaustrophoben Charakter hat Franzobel da erdacht, „Glaubst lebt noch wer?“, fragt er ängstlich, weil, wenn nicht, wem soll er dann die Hauspatschen als Pendlerpauschale in Rechnung stellen? „Manchmal träume ich, außer dem Paketzusteller sind alle tot, und die Pressekonferenzen Aufzeichnungen.“ Ein Glück, heißt der Erreger #Corona, wie majestätisch das klingt, und immer heftiger infiziert sich Franzobels Protagonist mit jenem Virus namens autoritärer Maßnahmenstaat.

Mit zwei Streichhölzern, gerade noch zum Entfernen des Schlafgrinds genutzt, zeigt Hacker einen eben gesichteten Verstoß gegen’s social distancing, dieses bereits fixer Kandidat für die Wahl zum Unwort des Jahres, soooo nah, echauffiert sich Hacker, sind sie sich gestanden. Wo man weiß, dass heutzutag‘ jeder eine biologische Waffe ist! Oder doch alles nur ein perfides soziologisches Experiment? Zeit ist’s für „Die Säuberung“! Unbedingt ansehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist beim dritten Mal lesen eh schon fad. Schreibt Franzobel, sagt Hacker: „Und wir haben ernsthaft geglaubt, wir dürfen noch einmal hinaus …“

Wiener Stimmung – so geht es weiter:

Folge #2 folgt schon heute, Kathrin Röggla: „Klare Kante“ mit Sarah Viktoria Frick – die dieses Jahr mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnete Autorin hat einen Text über die komischen Untiefen der Kommunikation in #Corona-Zeiten verfasst. Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen: www.youtube.com/watch?v=RsYcLgnXVIQ. Folge #3 gibt es ab 7. Mai, Mikael Torfason: „Apfelstrudel“ mit Elma Stefanía Áugústdóttir – der dank Ehefrau Elma in Wien lebende Autor und Dramatiker hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben, gespielt in der heimischen Küche mit den beiden zwei und zwölf Jahre alten Töchtern Ída und Ísolde.

Weitere Episoden mit Texten von Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Daniel Wisser und Ivna Žic werden auf der Webseite angekündigt.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/watch?v=uL4cfINwqMk

Buchrezension – Franzobel: „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483

  1. 5. 2020

Bronski & Grünberg Theater: # Werther

April 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kanarienvogel kommt auch vor

Josef Ellers. Bild: Jan Frankl

Das Bühnenbild ist im Wesentlichen ein überdimensionales Smartphone-Display. Die „Super Rich Kids“ sind über allerlei Kanäle miteinander verbunden. Facebook, Snapshot, Twitter. Und man ahnt, schon lange war kein junger Werther mehr so jung wie diesmal.

„# Werther“ heißt entsprechend zum Social-Media-Auftritt des Protagonisten der Abend, den Regisseurin Helena Scheuba, Tochter von Florian und Mena Scheuba, mit dem Josefstadt-Schauspieler Josef Ellers entwickelt hat, und der noch bis 25. April im Bronski & Grünberg Theater zu sehen ist.

Scheuba und Ellers legen Goethes Roman 1:1 aufs Heute um – und siehe da: Es geht sich aus. Egal, ob mitten im O-Ton-Monolog eine Freundschaftsanfrage von Pauli Rosenberger reinkommt, „der Graf“ zum „One Night in Wahlheim“-Rave lädt, oder sich später Albert und Werther via SMS über Sinn und Unsinn von Suizid austauschen werden. „# Werther“ ist radikal anders, erfrischend neu gedacht – und, zumindest was die via iPod zugespielte und die Stimmungslagen des Antihelden definierende Songauswahl betrifft, laut.

Josef Ellers spielt sich 70 Minuten lang die Seele aus dem Leib. Von 0 auf 100, von manisch zu depressiv, kommt er in einer Tanzdrehung. Wenn ihn Lotte mit ihren „kleinen Vertraulichkeiten“ aufsext, kann er sich vor dem Griff in die Hose durch strenges Workout retten. Der an verliebten Lippen pickende Kanarienvogel kommt diesbezüglich übrigens auch vor. Man sieht seinen Werther Wodkatrunken und –kotzend. Und amüsiert sich, wenn über das „sehr viel Natur“ eines lieben Fräuleins berichtet wird – und dazu ein Vollbusenbild zu sehen ist.

”Es ist in der Welt nichts Lächerlicheres erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen“, sagt Werther. Da ist Lotte längst als Hintergrundbild hochgeladen, und Liebe und Leid sind immer während. Zu den Selfies gehört auch ein Waschbrettbauchvergleich mit Albert und ein Herumalbern in einer Jahrmarktachterbahn. Die Assoziationen, die Scheuba und Ellers finden, sind großartig, die Pistole knapp vor Aus ein Emojicon.

Bild: Jan Frankl

Bild: Jan Frankl

Ellers changiert zwischen Hoffen und Bangen, zwischen dem Versuch, seine Verzweiflung weg zu kaspern und stets ein bissl Machogehabe. Bis das Unheil mittels eines geänderten Beziehungsstatus Gewissheit wird, und sich das Unglück Bahn bricht, und ”# Werther“ sich aus allen Foren abmeldet. So bedingungslos ist das Begehren immer noch. Nach mehr als 200 Jahren, und nachdem Briefe längst durch Textnachrichten abgelöst sind. Scheuba hat das zeitlos-poetische von Goethes Werk unterstrichen, gerade indem sie es in der Jetztzeit andockt. ”# Werther“ ist ein junger Romantiker, der in einer Welt, die ihm alles bieten möchte, seinen Platz sucht und doch keinen Halt findet, und Josef Ellers stürmt’s und drängt’s in der Rolle als Wohlstandsverwahrlosten, als gäbe es, nein: weil er weiß, es gibt kein Morgen. Herr Geheimrat wäre mit dieser Interpretation seines Ansinnes wohl zufrieden gewesen …

www.bronski-gruenberg.at

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Wien, 19. 4. 2017

ImPulsTanz 2013

Juli 3, 2013 in Tipps

Auf die Spitze treiben!

Ko Murobushi "Ritournelle / Danse  vol.1" © Laurent Ziegler

Ko Murobushi
„Ritournelle / Danse vol.1“
© Laurent Ziegler

Am 11. Juli ist es soweit. Das ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival feiert mit der Eröffnung im MuseumsQuartier seine 30. Ausgabe. Bis 11. August präsentiert die bislang größte Festivaledition dem Publikum internationale Highlights, vergibt in der [8:tension] Reihe erstmalig auch einen Publikumspreis und erschließt mit dem Weltmuseum Wien einen neuen Spielort. Mit der „License to Party“ geht es am Dienstag, den 9. Juli los, wenn der Shootingstar der New Yorker Performanceszene Trajal Harrell im Haupthof des MuseumsQuartiers mit einer mitreißenden Voguing-Show das diesjährige ImPulsTanz-Festival eröffnet. Zum Warm-Up verwandelt sich das MQ am frühen Abend in eine Grünoase mit Überraschungsgästen, zu denen Pia Hierzegger und Michael Ostrowski als gewitztes Moderatoren-Paar Stellung beziehen, bis um 21.15 Uhr eine schillernde Crew aus zeitgenössischen TänzerInnen und Voguing Divas und Divos zu ekstatischen House-Beats den Catwalk erobert. Danach zieht die Party in das Burgtheater Vestibül zur Eröffnung der ImPulsTanz festival lounge weiter, die sich diesen Sommer unter dem Motto „Because of you.“ für die 10. lounge Edition beim Publikum bedankt.

Die ersten beiden Performanceabende sind der [8:tension] Young Choreographers’ Series und dem französischen Performance-Exzentriker Olivier Dubois mit „Prêt à baiser“ („Ready to Kiss“) gewidmet – dem neuen Leiter des Centre chorégraphique national de Roubaix et du Nord-Pas de Calais. Dubois war vor wenigen Jahren selbst noch als Newcomer in der [8:tension] Reihe zu sehen und gewann den ersten „Prix Jardin d’Europe“ – jenen europäischen Tanzpreis, den ImPulsTanz ab 2013 für die nächsten fünf Jahre in Wien im Rahmen des Festivals vergeben wird. Mit der Einführung eines Publikumspreises haben FestivalbesucherInnen erstmalig die Möglichkeit, unter den 11 nominierten Performances ihre Favoriten per Online-Voting zu küren! Ob die humorvolle Show von Marta Navaridas & Alexander Deutinger, die exzentrische Konsumkritik von Mariana Tengner Barros, das starke Solo von Michael Turinsky oder die hypno tische Performance von Rodrigo Sobarzo De Larrechea gefällt, das entscheidet das Publikum.

Höhepunkte zeitgenössischer Tanzkunst erwarten die ZuseherInnen bereits an den ersten Festivaltagen. In d-Moll kündigt sich am Samstag, den 13. Juli, eine Begegnung mit Seltenheitswert an, wenn Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz im tänzerischen Ritual zu Johann Sebastian Bachs „Partita 2“ das Burgtheaterparkett als Bühne des zeitgenössischen Tanzes für diesen Sommer etablieren. Kurz darauf, am 16. und 18. Juli, bringt der vielfach ausgezeichnete Choreograf Akram Khan sein mit Oscarpreisträger Tim Yip entwickeltes bildgewaltiges Solo „DESH“ eben dort zur Aufführung. Auf einer entleerten Burgbühne ergreift der Choreograf Philipp Gehmacher, seines Zeichen Bewegungsperfektionist und Sprachskeptiker, am 17. Juli in „SAY SOMETHING: six speech acts“ das Wort. Gemeinsam mit Forced Entertainment Legende Tim Etchells und weiteren Gästen wird die im Tanz am meisten vernachlässigte Form der Kommunikation, das Sprechen, zum Thema. Bewegung pur gibt es hingegen bei „What the Body Does Not Remember“ am 15. Juli im Volkstheater, wenn der belgische Filmemacher und Choreograf Wim Vandekeybus mit Ultima Vez in einer Neuinszenierung seines bahnbrechenden Debutwerks Ziegelsteine regnen und PerformerInnen wirbeln lässt. Weiter geht es auf dem [WildWalk] – der ImPulsTanz Late Night Series ab 23.00 Uhr, der gegen Ende der ersten Performance-Woche vom kongenialen Performanceduo Jonathan Burrows & Matteo Fargion unter dem Motto „Expect the unexpected!“ begangen wird.

Ein Ausblick über den Festivalbeginn hinaus führt in die imperiale Säulenhalle des Weltmuseum Wiens, wo die große indische Tanzschaffende Padmini Chettur und der renommierte Choreograf und Tanzdozent David Hernandez als erstes von drei East-West Meetings einen gemeinsamen Abend gestalten.

Die ImPulsTanz Workshops eröffnen am Sonntag, den 14. Juli mit den „impressions ‘13“ im Wiener Arsenal. Workshop DozentInnen geben live Einblicke in ihre Workshops, beantworten Fragen und laden Kurzentschlossene zum Mitmachen ein. Bei mehr als 80 AnfängerInnen-Workshops von „Voice & Movement“ über „Modern Flow“ bis zu „Urban Styles“ ist Bewegungsfreude garantiert. Speziell die Ateliers und Tanzworkshops für Kinder- und Jugendliche in Kooperation mit dem Dschungel Wien erfreuen sich ab 15. Juli größter Beliebtheit.

Das Programm im Detail:

Der Zeit kann man sich nicht verweigern. Und doch kann man gegen sie aufbegehren!

Unter diesem Motto inszeniert der Universalkünstler William Kentridge aus Südafrika sein fulminantes Gesamtkunstwerk „Refuse the Hour“ im Rahmen von ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival, das vom 11. Juli bis 11. August 2013 mit einer hochkarätigen Spezialausgabe zum 30. Jubiläum Akzente setzt. Von Bach bis Schönberg, von der Oper bis zur Clubkultur, von den großen Spielstätten bis in verzweigte Labyrinthe, bringt ImPulsTanz die neuesten Werke der Top-ChoreografInnen des zeitgenössischen Tanzes nach Wien und überrascht das Publikum mit internationalen Trends der jungen Choreografie.
Überraschung im ImPulsTanz Performanceprogramm 2013 sorgt mit „Occupy The Museum“ ein Projekt in Kooperation mit dem Weltmuseum Wien. Noch nicht erschlossene Museumsräume dienen den mehr als 15 österreichischen und internationalen ChoreografInnen unter der Leitung von Ong Keng Sen & Michael Stolhofer als interaktiver Ort der Auseinandersetzung, des Austauschs und der Performance zum thematischen Schwerpunkt „Tanz in Asien“. Dabei bringen Kultstars wie Jérôme Bel & Pichet Klunchun, Padmini Chettur & David Hernandez sowie die jungen LöwInnen Clara Furey & Michikazu Matsune in performativen Ost-West-Begegnungen das Museumsparkett zum Schwingen. Eine weitere Neuerung vermeldet die [8:tension] Young Choreographers’ Series: Der mit € 10.000,- dotierte europäische Tanzpreis „Prix Jardin d’Europe“ wird ab heuer für die kommenden fünf Jahre in Wien bei ImPulsTanz vergeben!

Über diese beiden Highlights hinaus begibt sich das ImPulsTanz-Programm auf einen Streifzug durch die Musikgeschichte: Die große Marie Chouinard entwirft mit ihrem neuesten Stück „Gymnopédies“ ein Ballett für 11 TänzerInnen zur gleichnamigen Komposition von Erik Satie und zeigt am selben Abend ihr grandioses Companiestück „HENRI MICHAUX: MOUVEMENTS“. Überwältigende Klänge bringt auch Meg Stuart auf die Bühne. In „Built to Last”, das in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen entstanden ist, treten fünf PerformerInnen eine assoziative Reise durch Jahrhundertwerke zeitgenössischer und klassischer Musik an. Diese ertönen bei Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz in Gestalt des famosen Schlusssatzes „Partita 2“ von Johann Sebastian Bach, live interpretiert von der Starviolinistin Amandine Beyer. Der Klassik trotzt Louise Lecavalier in ihrem hochenergetischen Duett „So Blue“ und lässt da zu mitreißende Elektro-Beats erklingen; das exzentrische Künstlerduo Cecilia Bengolea und François Chaignaud greift eben solche Sounds in ihrem Gruppenstück „altered natives’ Say Yes to Another Excess—TWERK“ zu Ehren der Tanzformen der Clubkultur auf.

In sehr persönlichen Werken erzählen unterdes die großen MeisterInnen bei ImPulsTanz ihre bewegenden Geschichten. Mit “Drugs kept me alive” hat Jan Fabre für den langjährigen Forsythe-Solisten Antony Rizzi ein Solo geschrieben, das von den Abgründen der Existenz erzählt – mit autobiografischen Verweisen zu Antony Rizzi selbst. Auch Akram Khan kommt mit einem Erfolgssolo zu ImPulsTanz. In „Desh“ begibt er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln in Bangladesch. Darüber hinaus zeigt er sein neuestes Companiestück „iTMOi“ anlässlich des 100. Geburtstags von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Im Zentrum von Jérôme Bels jüngstem Erfolgsstück „Disabled Theater“ stehen SchauspielerInnen mit geistiger Behinderung des Zürcher Theater HORA, die wort- und bewegungskräftig gegen Dynamiken der Ausgrenzung antreten: unter anderem tun sie das beim renommierten Berliner Theatertreffen 2013! Und Mathilde Monn ier, Leiterin des Centre chorégraphique national de Montpellier Languedoc-Roussillon, zeigt ihr neuestes Companiestück „Twin Paradox“ und ergründet in „Qu’est-ce qui nous arrive?!?“ (Was ist los mit uns?) das Comic-Genre für den zeitgenössischen Tanz, wofür sie noch 15 bis 20 Amateure sucht. Mehr dazu in Kürze auf unserer neuen Website!

Die starke zeitgenössische Choreografie aus Österreich sorgt mit Uraufführungen von Doris Uhlich, Silke Grabinger, Philipp Gehmacher und vielen anderen für Bewegung auf den ImPulsTanz Bühnen 2013!

Zeitgenössischen Tanz in seiner ganzen Vielfalt kann man 2013 in über 200 hochkarätigen Workshops & Researchprojekten erleben. Mit den weltweit Besten ihres Faches geben sich AnfängerInnen und Profis beim größten Workshopfestival für zeitgenössischen Tanz ein Stelldichein. So etwa führt „Voguing“-Ikone Archie Burnett, der schon Madonna und Diana Ross als Schülerinnen hatte, in die kantigen Moves der New Yorker Clubkultur ein, während HipHop und Street Jazz-Legende Jermaine Brown seinen StudentInnen mit einer Mischung aus Kraft und Sinnlichkeit begegnet. Als Choreograf zeichnet er sich u. a. für die Modeschauen von Victoria’s Secret verantwortlich! Wer die Ballettberaterin zum Film Black Swan kennen lernen möchte, ist in Francesca Harpers Kurs des zeitgenössisches Balletts für AnfängerInnen genau richtig. Unter der künstlerischen Leitung des ImPulsTanz-Mitbegründers Ismael Ivo, unterrichtet sie heuer zum erst en Mal auch die jungen Tanzprofis des internationalen Ausbildungsprojekts „Biblioteca Do Corpo“, das im Rahmen des Jubiläumsfestivals bei ImPulsTanz in Wien lanciert und zu einer Uraufführung gebracht wird. Für Yogafans gibt es über die Workshops hinaus Wiens erstes „Yoga Teacher Training for Dancers“ mit der legendären Sri Louise. danceWEB 2013 geht heuer mit 67 StudentInnen aus 40 Ländern unter der Leitung des vom einstigen Dance Webber zur Fixgröße des europäischen Tanzes aufgestiegenen Mentors Ivo Dimchev an den Start.

www.impulstanz.com

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 7. 2013