Bronski & Grünberg Theater: # Werther

April 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kanarienvogel kommt auch vor

Josef Ellers. Bild: Jan Frankl

Das Bühnenbild ist im Wesentlichen ein überdimensionales Smartphone-Display. Die „Super Rich Kids“ sind über allerlei Kanäle miteinander verbunden. Facebook, Snapshot, Twitter. Und man ahnt, schon lange war kein junger Werther mehr so jung wie diesmal.

„# Werther“ heißt entsprechend zum Social-Media-Auftritt des Protagonisten der Abend, den Regisseurin Helena Scheuba, Tochter von Florian und Mena Scheuba, mit dem Josefstadt-Schauspieler Josef Ellers entwickelt hat, und der noch bis 25. April im Bronski & Grünberg Theater zu sehen ist.

Scheuba und Ellers legen Goethes Roman 1:1 aufs Heute um – und siehe da: Es geht sich aus. Egal, ob mitten im O-Ton-Monolog eine Freundschaftsanfrage von Pauli Rosenberger reinkommt, „der Graf“ zum „One Night in Wahlheim“-Rave lädt, oder sich später Albert und Werther via SMS über Sinn und Unsinn von Suizid austauschen werden. „# Werther“ ist radikal anders, erfrischend neu gedacht – und, zumindest was die via iPod zugespielte und die Stimmungslagen des Antihelden definierende Songauswahl betrifft, laut.

Josef Ellers spielt sich 70 Minuten lang die Seele aus dem Leib. Von 0 auf 100, von manisch zu depressiv, kommt er in einer Tanzdrehung. Wenn ihn Lotte mit ihren „kleinen Vertraulichkeiten“ aufsext, kann er sich vor dem Griff in die Hose durch strenges Workout retten. Der an verliebten Lippen pickende Kanarienvogel kommt diesbezüglich übrigens auch vor. Man sieht seinen Werther Wodkatrunken und –kotzend. Und amüsiert sich, wenn über das „sehr viel Natur“ eines lieben Fräuleins berichtet wird – und dazu ein Vollbusenbild zu sehen ist.

”Es ist in der Welt nichts Lächerlicheres erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in die Augen“, sagt Werther. Da ist Lotte längst als Hintergrundbild hochgeladen, und Liebe und Leid sind immer während. Zu den Selfies gehört auch ein Waschbrettbauchvergleich mit Albert und ein Herumalbern in einer Jahrmarktachterbahn. Die Assoziationen, die Scheuba und Ellers finden, sind großartig, die Pistole knapp vor Aus ein Emojicon.

Bild: Jan Frankl

Bild: Jan Frankl

Ellers changiert zwischen Hoffen und Bangen, zwischen dem Versuch, seine Verzweiflung weg zu kaspern und stets ein bissl Machogehabe. Bis das Unheil mittels eines geänderten Beziehungsstatus Gewissheit wird, und sich das Unglück Bahn bricht, und ”# Werther“ sich aus allen Foren abmeldet. So bedingungslos ist das Begehren immer noch. Nach mehr als 200 Jahren, und nachdem Briefe längst durch Textnachrichten abgelöst sind. Scheuba hat das zeitlos-poetische von Goethes Werk unterstrichen, gerade indem sie es in der Jetztzeit andockt. ”# Werther“ ist ein junger Romantiker, der in einer Welt, die ihm alles bieten möchte, seinen Platz sucht und doch keinen Halt findet, und Josef Ellers stürmt’s und drängt’s in der Rolle als Wohlstandsverwahrlosten, als gäbe es, nein: weil er weiß, es gibt kein Morgen. Herr Geheimrat wäre mit dieser Interpretation seines Ansinnes wohl zufrieden gewesen …

www.bronski-gruenberg.at

www.facebook.com/profile.php?id=100011456585142&pnref=story

twitter.com/hashtagWerther

Wien, 19. 4. 2017

ImPulsTanz 2013

Juli 3, 2013 in Tipps

Auf die Spitze treiben!

Ko Murobushi "Ritournelle / Danse  vol.1" © Laurent Ziegler

Ko Murobushi
„Ritournelle / Danse vol.1“
© Laurent Ziegler

Am 11. Juli ist es soweit. Das ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival feiert mit der Eröffnung im MuseumsQuartier seine 30. Ausgabe. Bis 11. August präsentiert die bislang größte Festivaledition dem Publikum internationale Highlights, vergibt in der [8:tension] Reihe erstmalig auch einen Publikumspreis und erschließt mit dem Weltmuseum Wien einen neuen Spielort. Mit der „License to Party“ geht es am Dienstag, den 9. Juli los, wenn der Shootingstar der New Yorker Performanceszene Trajal Harrell im Haupthof des MuseumsQuartiers mit einer mitreißenden Voguing-Show das diesjährige ImPulsTanz-Festival eröffnet. Zum Warm-Up verwandelt sich das MQ am frühen Abend in eine Grünoase mit Überraschungsgästen, zu denen Pia Hierzegger und Michael Ostrowski als gewitztes Moderatoren-Paar Stellung beziehen, bis um 21.15 Uhr eine schillernde Crew aus zeitgenössischen TänzerInnen und Voguing Divas und Divos zu ekstatischen House-Beats den Catwalk erobert. Danach zieht die Party in das Burgtheater Vestibül zur Eröffnung der ImPulsTanz festival lounge weiter, die sich diesen Sommer unter dem Motto „Because of you.“ für die 10. lounge Edition beim Publikum bedankt.

Die ersten beiden Performanceabende sind der [8:tension] Young Choreographers’ Series und dem französischen Performance-Exzentriker Olivier Dubois mit „Prêt à baiser“ („Ready to Kiss“) gewidmet – dem neuen Leiter des Centre chorégraphique national de Roubaix et du Nord-Pas de Calais. Dubois war vor wenigen Jahren selbst noch als Newcomer in der [8:tension] Reihe zu sehen und gewann den ersten „Prix Jardin d’Europe“ – jenen europäischen Tanzpreis, den ImPulsTanz ab 2013 für die nächsten fünf Jahre in Wien im Rahmen des Festivals vergeben wird. Mit der Einführung eines Publikumspreises haben FestivalbesucherInnen erstmalig die Möglichkeit, unter den 11 nominierten Performances ihre Favoriten per Online-Voting zu küren! Ob die humorvolle Show von Marta Navaridas & Alexander Deutinger, die exzentrische Konsumkritik von Mariana Tengner Barros, das starke Solo von Michael Turinsky oder die hypno tische Performance von Rodrigo Sobarzo De Larrechea gefällt, das entscheidet das Publikum.

Höhepunkte zeitgenössischer Tanzkunst erwarten die ZuseherInnen bereits an den ersten Festivaltagen. In d-Moll kündigt sich am Samstag, den 13. Juli, eine Begegnung mit Seltenheitswert an, wenn Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz im tänzerischen Ritual zu Johann Sebastian Bachs „Partita 2“ das Burgtheaterparkett als Bühne des zeitgenössischen Tanzes für diesen Sommer etablieren. Kurz darauf, am 16. und 18. Juli, bringt der vielfach ausgezeichnete Choreograf Akram Khan sein mit Oscarpreisträger Tim Yip entwickeltes bildgewaltiges Solo „DESH“ eben dort zur Aufführung. Auf einer entleerten Burgbühne ergreift der Choreograf Philipp Gehmacher, seines Zeichen Bewegungsperfektionist und Sprachskeptiker, am 17. Juli in „SAY SOMETHING: six speech acts“ das Wort. Gemeinsam mit Forced Entertainment Legende Tim Etchells und weiteren Gästen wird die im Tanz am meisten vernachlässigte Form der Kommunikation, das Sprechen, zum Thema. Bewegung pur gibt es hingegen bei „What the Body Does Not Remember“ am 15. Juli im Volkstheater, wenn der belgische Filmemacher und Choreograf Wim Vandekeybus mit Ultima Vez in einer Neuinszenierung seines bahnbrechenden Debutwerks Ziegelsteine regnen und PerformerInnen wirbeln lässt. Weiter geht es auf dem [WildWalk] – der ImPulsTanz Late Night Series ab 23.00 Uhr, der gegen Ende der ersten Performance-Woche vom kongenialen Performanceduo Jonathan Burrows & Matteo Fargion unter dem Motto „Expect the unexpected!“ begangen wird.

Ein Ausblick über den Festivalbeginn hinaus führt in die imperiale Säulenhalle des Weltmuseum Wiens, wo die große indische Tanzschaffende Padmini Chettur und der renommierte Choreograf und Tanzdozent David Hernandez als erstes von drei East-West Meetings einen gemeinsamen Abend gestalten.

Die ImPulsTanz Workshops eröffnen am Sonntag, den 14. Juli mit den „impressions ‘13“ im Wiener Arsenal. Workshop DozentInnen geben live Einblicke in ihre Workshops, beantworten Fragen und laden Kurzentschlossene zum Mitmachen ein. Bei mehr als 80 AnfängerInnen-Workshops von „Voice & Movement“ über „Modern Flow“ bis zu „Urban Styles“ ist Bewegungsfreude garantiert. Speziell die Ateliers und Tanzworkshops für Kinder- und Jugendliche in Kooperation mit dem Dschungel Wien erfreuen sich ab 15. Juli größter Beliebtheit.

Das Programm im Detail:

Der Zeit kann man sich nicht verweigern. Und doch kann man gegen sie aufbegehren!

Unter diesem Motto inszeniert der Universalkünstler William Kentridge aus Südafrika sein fulminantes Gesamtkunstwerk „Refuse the Hour“ im Rahmen von ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival, das vom 11. Juli bis 11. August 2013 mit einer hochkarätigen Spezialausgabe zum 30. Jubiläum Akzente setzt. Von Bach bis Schönberg, von der Oper bis zur Clubkultur, von den großen Spielstätten bis in verzweigte Labyrinthe, bringt ImPulsTanz die neuesten Werke der Top-ChoreografInnen des zeitgenössischen Tanzes nach Wien und überrascht das Publikum mit internationalen Trends der jungen Choreografie.
Überraschung im ImPulsTanz Performanceprogramm 2013 sorgt mit „Occupy The Museum“ ein Projekt in Kooperation mit dem Weltmuseum Wien. Noch nicht erschlossene Museumsräume dienen den mehr als 15 österreichischen und internationalen ChoreografInnen unter der Leitung von Ong Keng Sen & Michael Stolhofer als interaktiver Ort der Auseinandersetzung, des Austauschs und der Performance zum thematischen Schwerpunkt „Tanz in Asien“. Dabei bringen Kultstars wie Jérôme Bel & Pichet Klunchun, Padmini Chettur & David Hernandez sowie die jungen LöwInnen Clara Furey & Michikazu Matsune in performativen Ost-West-Begegnungen das Museumsparkett zum Schwingen. Eine weitere Neuerung vermeldet die [8:tension] Young Choreographers’ Series: Der mit € 10.000,- dotierte europäische Tanzpreis „Prix Jardin d’Europe“ wird ab heuer für die kommenden fünf Jahre in Wien bei ImPulsTanz vergeben!

Über diese beiden Highlights hinaus begibt sich das ImPulsTanz-Programm auf einen Streifzug durch die Musikgeschichte: Die große Marie Chouinard entwirft mit ihrem neuesten Stück „Gymnopédies“ ein Ballett für 11 TänzerInnen zur gleichnamigen Komposition von Erik Satie und zeigt am selben Abend ihr grandioses Companiestück „HENRI MICHAUX: MOUVEMENTS“. Überwältigende Klänge bringt auch Meg Stuart auf die Bühne. In „Built to Last”, das in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen entstanden ist, treten fünf PerformerInnen eine assoziative Reise durch Jahrhundertwerke zeitgenössischer und klassischer Musik an. Diese ertönen bei Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz in Gestalt des famosen Schlusssatzes „Partita 2“ von Johann Sebastian Bach, live interpretiert von der Starviolinistin Amandine Beyer. Der Klassik trotzt Louise Lecavalier in ihrem hochenergetischen Duett „So Blue“ und lässt da zu mitreißende Elektro-Beats erklingen; das exzentrische Künstlerduo Cecilia Bengolea und François Chaignaud greift eben solche Sounds in ihrem Gruppenstück „altered natives’ Say Yes to Another Excess—TWERK“ zu Ehren der Tanzformen der Clubkultur auf.

In sehr persönlichen Werken erzählen unterdes die großen MeisterInnen bei ImPulsTanz ihre bewegenden Geschichten. Mit “Drugs kept me alive” hat Jan Fabre für den langjährigen Forsythe-Solisten Antony Rizzi ein Solo geschrieben, das von den Abgründen der Existenz erzählt – mit autobiografischen Verweisen zu Antony Rizzi selbst. Auch Akram Khan kommt mit einem Erfolgssolo zu ImPulsTanz. In „Desh“ begibt er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln in Bangladesch. Darüber hinaus zeigt er sein neuestes Companiestück „iTMOi“ anlässlich des 100. Geburtstags von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Im Zentrum von Jérôme Bels jüngstem Erfolgsstück „Disabled Theater“ stehen SchauspielerInnen mit geistiger Behinderung des Zürcher Theater HORA, die wort- und bewegungskräftig gegen Dynamiken der Ausgrenzung antreten: unter anderem tun sie das beim renommierten Berliner Theatertreffen 2013! Und Mathilde Monn ier, Leiterin des Centre chorégraphique national de Montpellier Languedoc-Roussillon, zeigt ihr neuestes Companiestück „Twin Paradox“ und ergründet in „Qu’est-ce qui nous arrive?!?“ (Was ist los mit uns?) das Comic-Genre für den zeitgenössischen Tanz, wofür sie noch 15 bis 20 Amateure sucht. Mehr dazu in Kürze auf unserer neuen Website!

Die starke zeitgenössische Choreografie aus Österreich sorgt mit Uraufführungen von Doris Uhlich, Silke Grabinger, Philipp Gehmacher und vielen anderen für Bewegung auf den ImPulsTanz Bühnen 2013!

Zeitgenössischen Tanz in seiner ganzen Vielfalt kann man 2013 in über 200 hochkarätigen Workshops & Researchprojekten erleben. Mit den weltweit Besten ihres Faches geben sich AnfängerInnen und Profis beim größten Workshopfestival für zeitgenössischen Tanz ein Stelldichein. So etwa führt „Voguing“-Ikone Archie Burnett, der schon Madonna und Diana Ross als Schülerinnen hatte, in die kantigen Moves der New Yorker Clubkultur ein, während HipHop und Street Jazz-Legende Jermaine Brown seinen StudentInnen mit einer Mischung aus Kraft und Sinnlichkeit begegnet. Als Choreograf zeichnet er sich u. a. für die Modeschauen von Victoria’s Secret verantwortlich! Wer die Ballettberaterin zum Film Black Swan kennen lernen möchte, ist in Francesca Harpers Kurs des zeitgenössisches Balletts für AnfängerInnen genau richtig. Unter der künstlerischen Leitung des ImPulsTanz-Mitbegründers Ismael Ivo, unterrichtet sie heuer zum erst en Mal auch die jungen Tanzprofis des internationalen Ausbildungsprojekts „Biblioteca Do Corpo“, das im Rahmen des Jubiläumsfestivals bei ImPulsTanz in Wien lanciert und zu einer Uraufführung gebracht wird. Für Yogafans gibt es über die Workshops hinaus Wiens erstes „Yoga Teacher Training for Dancers“ mit der legendären Sri Louise. danceWEB 2013 geht heuer mit 67 StudentInnen aus 40 Ländern unter der Leitung des vom einstigen Dance Webber zur Fixgröße des europäischen Tanzes aufgestiegenen Mentors Ivo Dimchev an den Start.

www.impulstanz.com

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 7. 2013