Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Burghart Klaußner: Vor dem Anfang

Januar 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwejkiade während der Schlacht um Berlin

„Vor dem Anfang“, damit meint Burghart Klaußner die Zeit vor der bedingungslosen Kapitulation der nazideutschen Streitkräfte. Es ist der 23. April 1945 in Berlin, und der Schauspieler, Sänger, Regisseur, nun auch Buchautor erzählt in seinem Debütroman von der Schicksalsgemeinschaft zweier Soldaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Fritz, der eine, der jüngere, ein Rausreder, Durchlavierer und kein Kind von Traurigkeit, hat die Front nicht einmal noch von Weitem gesehen. Schulz, der andere und im Schützengraben schon einmal schwer verwundet, ist stiller, zäher, grüblerischer, vorausplanender – und daher ratloser.

Der Krieg liegt in den letzten Zügen, die Russen rücken näher, und weil die beiden von der Fliegerreserve auf dem Flugplatz Johannisthal absolut nichts mehr zu tun haben und bei einer Zigarette dem Müßiggang frönen, verpassen sie den Abzug ihrer Truppe. Was dazu führt, dass sie vom letzten sich noch nicht verdünnisiert habenden Vorgesetzten dazu verdonnert werden, die Geldkasse der Einheit dem Reichsluftfahrtministerium zu überbringen. Der Auftrag bedeutet eine Tour quer durch die beschossene Stadt auf den einzig verbliebenen Fortbewegungsmitteln – zwei Fahrrädern.

Was folgt ist eine Schwejkiade während der Schlacht um Berlin. Klaußner schreibt unprätentiös und prägnant, klar und kraftvoll, seine knappe Sprache ein Synonym für die durchs Pedale-Treten und die permanente Angst vor Fliegerbomben und Granaten erzeugte Atemlosigkeit seiner Protagonisten. Deren Dialoge schwanken zwischen Lakonie und trockenem Humor, und dass Klaußner sie so wunderbar berlinern lässt, macht zum Gutteil den Charme des Buches aus. Man spürt die große Wärme, die der Autor seinen Figuren entgegenbringt, etwa, wenn er ihnen hilft, dem Irrsinn der vor ihnen liegenden vierundzwanzig Stunden mit dem einzig möglichen Mittel beizukommen: indem sie den Ereignissen mit Gelassenheit und Ironie begegnen.

Nicht nur stoßen die Kameraden, Fritz und Schulz sind keine Freunde und durchaus aufeinander misstrauisch, auf einen schießwütigen Leutnant, der mit bunt zusammengewürfeltem Volkssturm-Haufen eine ohnedies verlorene Stellung hält, sondern sie geraten immer wieder auch in Straßenkontrollen der Feldgendarmerie, die die Echtheit ihres Marschbefehls anzweifelt. Deserteure gibt es dieser Tage allüberall, an die Wand gestellt ist man schnell, und es ist Fritz‘ Berliner Schnauze zu danken, dass derlei brenzlige Situationen glimpflich ausgehen. Tatsächlich schmiedet das Duo Pläne zur Fahnenflucht, wenn auch unterschiedlicher Art. Schulz will sich in einer verlassenen Gartenkolonie, durch die sie radeln, verstecken, Fritz an den Wannsee, wo der besser situierte Promi-Gastwirt ein Segelboot liegen hat. Mit Zivilkleidung und genug Proviant, um das Ende der Auseinandersetzungen abzuwarten.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Was diese „Traute“ betrifft, unterfüttert der passionierte Segler Klaußner seine Momentaufnahme des Krieges mit als Rückblenden eingeschobenen Erinnerungssplittern, manchmal auch traumartigen Sequenzen. Diese Aufgabe obliegt Fritz, der an Augenblicke des Glücks auf seinem Schiff zurückdenkt, aber auch an seine Kindheit zwischen alkoholsüchtigem Vater und energischer Mutter, an Deformationen, die ihm seine Erziehung beigebracht hat, und an die Zeit seiner Selbstentdeckung, als er in einem aus der Erwachsenen-Bibiliothek entwendeten Buch „Brüste“ statt Bürste las. Auch die Verfolgung der Juden taucht aus Fritz‘ Gedanken auf, als ihm eine frühe Demütigung eines älteren Herrn mit Davidstern durch einen wütenden Mob wieder einfällt.

Klaußner erschafft plastische Nebencharaktere und pointierte Beschreibungen, die sich zu einer authentischen Kulisse für diesen Roadtrip durch Ruinen fügen. Eine der besten dieser Episoden ereignet sich in einem Luftschutzkeller, in dem Fritz und Schulz Unterschlupf finden, erst feindselig beäugt vom Luftschutzwart, „der aussah wie ein kaiserlicher Polizist, mit dickem Schnauzbart und friedensmäßiger Plauze“, bis ihnen eine Frau ein Stück ihres in Sicherheit gebrachten Kuchens anbietet – mit den Worten: „Ranjeklotzt und nich jezittert, ran an Sarg und mitjeweent!“ Schön auch die Szene, in der sich Fritz im ausgebombten Schillertheater auf einen der wenigen noch intakten Sitze setzt, und vor seinem geistigen Auge die Feenwelt der letzten hier gesehenen Vorstellung von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ aufersteht. Dies ein beinah biografischer Exkurs über das Haus, an dem Klaußner zu Beginn seiner Karriere engagiert war.

„Die Welt existierte zuletzt nur noch in einem Umkreis von einigen Kilometern. Ein Kreis, der sich wie durch ein elastisches Band, je nach dem Stand der Informationen, ausdehnte oder zusammenzog“, schildert Klaußner die prekäre Unordnung im Schatten des untergehenden Dritten Reichs, in dem sich Menschen zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht in unsinnig gewordener Pflichterfüllung ergehen oder Fluchtversuche mit ungewissem Ausgang wagen. Aus diesem Hin und Her bezieht „Vor dem Anfang“ seine soghafte Spannung, die Frage stellt sich, ob Fritz und Schulz den Waffenstillstand überhaupt noch erleben werden. Denn als die Soldaten nach ihrer Odyssee endlich im Ministerium ankommen, ist dort alles in hektischer Auflösung, alles rennet, rettet, flüchtet, Verhängnisvolles wird vernichtet oder auf Lastwagen verladen, und dann ist plötzlich Schulz weg. Fritz steht allein im sich leerenden Gebäude, und wird, als er sich die Stempelwut der Wehrmacht für sein Soldbuch zu Nutze machen will, von einem SS-Offizier hopsgenommen und Richtung Gefechtslinie geschleppt. Ausgerechnet. Auf den buchstäblich letzten Metern noch eingefangen.

Mit „Vor dem Anfang“ fordert Burghart Klaußner zur Selbstbefragung darüber auf, wie es sich in einer entmenschlichten Zeit zu verhalten gilt. Dieser ethische Anspruch macht seinen kammerspielartigen Roman ebenso lesenswert, wie Klaußners Talent mit knappen Strichen Stimmungen und Sinneseindrücke zu zeichnen. Was den Schluss betrifft, so dies: Wie bei jeder guten Geschichte gibt’s auch hier einen Regenbogen. Und an dessen Ende findet sich bekanntlich ein Goldtopf …

Über den Autor: Burghart Klaußner, geboren 1949 in Berlin, absolvierte das Max Reinhardt Seminar und spielte nach Anfängen bei Tabori, an der Schaubühne und dem Schillertheater an nahezu allen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. Er ist ständiger Gast im Ensemble des Burgtheaters, wo er derzeit in „Der Besuch der alten Dame“ zu sehen ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28967). Für seine Darstellung des Pfarrers in Michael Hanekes „Das weiße Band“ und eines entführten Managers in Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ wurde er jeweils mit dem Deutschen Filmpreis sowie dem Preis der deutschen Filmkritik als bester Darsteller ausgezeichnet. Grandios auch seine Leistung in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15024), für die er den Bayerischen Filmpreis erhielt. Burghart Klaußner ist Mitglied der freien Akademie der Künste in Hamburg und der deutschen Filmakademie. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg. „Vor dem Anfang“ ist sein erster Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“, Roman, 176 Seiten.

Burghart Klaußner liest aus „Vor dem Anfang“: www.youtube.com/watch?v=juCCvLBMMkU

Burghart Klaußner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=9361

www.burghartklaussner.de          www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs

Januar 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Stör-Schaschlik, serviert auf Dostojewski

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt“, sagt der Ich-Erzähler in Vladimir Sorokins jüngstem Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ und meint das wörtlich. Dies nämlich ist der Beruf des Géza genannten Protagonisten, er ist ein Star der Kulinarik-Szene, ein Grillgenie, das von einem elitären Event zum nächsten jettet, um gutsituierten Gourmets wie Gourmands seine Künste vorzuführen. „Book’n’Grill“ heißt dieses im doppelten Sinn delikate Vergnügen, meint das Wort „Book“ hier nicht das Buchen eines Privat-Chefs, sondern das begehrte Brennmaterial Buch.

Das Jahr ist 2037 und die Gutenberg’sche Erfindung Geschichte, Literatur zu „lesen“ bedeutet nur noch, sie in Flammen aufgehen zu lassen. Ein Showküchen-Spektakel, das sich eine neureiche und dekadente Nachkriegsclique etwas kosten lässt. 10.000 Pfund für zehn Jahre Haft, resümiert Géza nach einem Job, ist das Ganze doch höchst illegal, werden doch ausschließlich exquisiteste Erstausgaben entfacht. Die von sogenannten Antiquaren, heißt: einer Gilde besonderer Diebe, weltweit aus Bibliomuseen entwendet werden.

Géza, Budapester Kind eines belarussischen Juden und einer polnischen Tartarin, beide Flüchtlinge, er vor christlich-orthodoxen Fundamentalisten, sie vor islamischen, schließlich in Ungarn aufeinander getroffen, konzentriert sich auf die russischen Klassiker. Dostojewski, dessen „Idiot“ speziell geeignet für Schaschlik vom Stör, Tschechow für Ribeyesteaks, Tolstoi, Turgenjew, Soschtschenko, Seeteufelfilet auf Platonow …

Mit „Manaraga“ legt Sorokin eine seiner zynischsten Dystopien vor. Der Moskauer Autor, einer der präzisesten Analytiker des Putin-Systems und nicht zuletzt deshalb mittlerweile mit seiner Familie in Berlin lebend, der mit seinen Sci-Fi-Schauergeschichten aus der nahen Zukunft gern auf die gesellschaftspolitische Gegenwart feuert, hat seine grotesk-realsatirischen Geschoße diesmal nicht nur auf das gegenwärtige Russland gerichtet. Mag sein, „Manaraga“ ist inspiriert von der Tatsache, dass Sorokins eigene Romane von einer patriotischen Jugendorganisation schon auf dem Scheiterhaufen zerstört wurden, auch wird der Begriff Bücherverbrennung auf ewig mit dem Totalitarismus des Dritten Reichs verbunden sein – und so entwirft Sorokin das Bild eines refeudalisierten Europas, in dem Oligarchen, Tycoons, der Geldadel das Sagen haben.

Der Kontinent, wie man ihn kennt, ist passé, en passant wird erzählt von einem Krieg, einem „salafistischen Frühling“, endlich dem Großen Transsilvanischen Frieden, dies alles nur Schwingungen, Atmosphäre, nichts Ausgeschriebenes im Text, und vom neuen Leben in einer Art „aufgeklärtem Mittelalter“. Gegen dessen zweifelhafte Zeiterscheinungen die Schweiz zum Schutz geflügelte Legionäre bezahlt. Sie sind nur einer von Sorokins Fantasy-Einfällen, so wie auswechselbare Fingerabdrücke, Tarnhologramme, ein Zoomorph mit Fuchsgesicht oder jene „Flöhe“, überlegene Überwacher unklarer Herkunft, die, eingepflanzt im Hirn und hinterm Ohr, Wissen soufflieren und für Wohlgefühl sorgen. Géza gönnt sich gleich drei davon.

Bild: pixabay.com

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Über dessen Klientel handelt Sorokin nun nicht nur seine Missbilligung politischen Extremismus aller Art ab, von Autokratismus bis Isolationismus, sondern liefert auch ganz großartige Karikaturen auf die Welt der klassischen Musik, ein Koks schnupfendes Opernsängerpaar, das sich auf M. Agejews „Roman mit Kokain“ Süßkram kandieren lässt, Persiflagen auf die Filmindustrie, wenn bei einem „Der Meister und Margarita“-Dreh samt Bulgakow-Brutzeln die Crew als dessen Figuren Schwarzmagier Voland, Literaturfunktionär Berlioz oder Kater Behemoth auftritt.

Oder ergießt seinen Spott über das postsowjetische Schriftgut, mit dem zu Werke zu gehen Géza ja verweigert: „Wankja fegte die vollgepisste Treppe hinab, gab der Haustür einen Tritt, als wärs die löchrige Panzerweste eines Scheißukrainers, und fiel wie ein furzendes Sturmgeschütz in den Hof ein … Der Hof hielt die Beine für den Frühling gespreizt, die Erde geilte, die Jungs nicht minder … Was er jetzt brauchte, war ein Kescher aus starken und zärtlichen Worten … Ingrimmig, dass ihm schwarz vor Augen wurde, sog Wankja die Frühlingsluft in sich ein und brüllte: ,Fotze, ich schlag dich tot!‘“ Grandios als Gegensatz eine Bibliophilen-Parodie, ein Auftraggeber, der sich für Tolstoi hält, seine Verwandten als dessen Frau Sofja Andrejewna, Tochter Tanja, seinen Diener als Dichter Afanassi Fet auftreten lässt, und über dem von ihm selber verfassten Manuskript mit dem Titel „Tolstoi“ Karottenlaibchen auf einem Kosakensäbel aus dem 18. Jahrhundert gebraten haben will.

Spät kommt Sorokin auf den Buchtitel zu sprechen: Manaraga, ein 1662 Meter hoher Berg in der im Ural gelegenen Republik Komi, in einer von dessen Höhlen ein Umsturz vorbereitet wird, eine Revolution, die die Essensbuchkultur von Grund auf verändern will. Die Edelköche sind in der wie eine Loge aufgebauten geheimen Bruderschaft der „Großen Küche“ organisiert, und die wird plötzlich von einem anonymen Feind angegriffen, der in einer mysteriösen Maschine auf dem Manaraga Nabokows „Ada“ am laufenden Band reproduziert. Lauter Erstausgaben-Klone, „festes Papier (wood pulp), 626 Seiten, Ganzleinen, Schutzumschlag aus Kreidepapier, brennt wie eine Kiefer aus Rhodos“, die sich von Meeresfrüchten bis Wildbret für vieles eignen. Eine billige, legale Konkurrenz zu den geraubten Originalen, eine Gefahr für den „Book’n’Grill“-Markt, dessen Garen für einen erlesenen Circle durch die Bücherflut zur Massenausspeisung werden wird. Folter in einer Riesenfritteuse soll den Verräter ermitteln, dann schickt die „Große Küche“ ausgerechnet Géza in den Kampf gegen den Vervielfältiger …

Mit diesem Twist Richtung Thriller gibt Sorokin seiner Satire auf den letzten 35 Seiten noch einmal ordentlich Zunder. Sein Gruß aus der Küche ist nicht nur eine geistreiche Abrechnung mit einer (bildungs-)bürgerlichen Überflussgesellschaft, der der Konsum als neuer Gott gilt und deren Vergnügungen zunehmend verrückter und weltschädigender werden, nicht nur ein Metakommentar zu jenen rechten Regimen, zu denen Europas Demokratien mehr und mehr mutieren, nicht nur eine Selbstironisierung seiner Rolle als Schriftsteller und der Tradition, auf der diese fußt, ein Abgesang aufs Gedruckte zugunsten des Digitalen, spannend und unterhaltsam, bissig und manchmal unerwartet lyrisch, sondern darüber hinaus ein Buch, das Lust auf Mehr- und Nachlesen macht. Der Fülle literarischer Anspielungen, Zitate und Querverweise muss man einfach hinterher spüren, und „Tschewengur“, „Krieg und Frieden“, „Verbrechen und Strafe“, „Gespenster“ wieder oder zum ersten Mal in die Hand nehmen. Um danach den nächsten Sorokin zu lesen.

Über den Autor: Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie „Die Schlange“, „Marinas dreißigste Liebe“, „Der himmelblaue Speck“ und zuletzt „Der Tag des Opritschniks“, „Der Zuckerkreml“ und „Der Schneesturm“. Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman „Telluria“. Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Kiepenheuer & Witsch, Vladimir Sorokin: „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen von Andreas Tretner.

Videolesung von Vladimir Sorokin und Andreas Tretner: www.youtube.com/watch?v=nCIme600nQ8

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  1. 1. 2019

Bronski & Grünberg: Tarzan – Affen unter sich

Januar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lange nicht mehr so gelacht

Wolfgang Türks, Bernhard Murg, Daniel Feik, Caroline Frank, Soffi Schweighofer und Tim Hüning. Bild: © Philinie Hofmann

Zwischen „Hu-Haa-Ha“ und „Heee Huhu Ha“ bestehen grundlegende Unterschiede. Die versteht zwar nur der vom Rest des Teams chronisch unterdrückte Dramaturg, dieser von den Diversen dazu noch ständig befragt, was genau er denn eigentlich mache – aber, herrje, ist das nicht immer so? Ja, die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg gewährt tiefe Einblicke in die Abgründe des Theaters, intimstes Insiderwissen wird da ungeniert ausgeplaudert, und dieser Blick hinter die Kulissen ist wahrlich keine Reklame für die Bühnenzunft. Ein Um- und Zustand, den die Zuschauer bei der Uraufführung von „Tarzan – Affen unter sich“ zum Zerkugeln fanden.

Tatsächlich lange nicht mehr so gelacht, und zwar im Fritz-Kortner’schen Sinne, sind einige Gags doch dermaßen Tiefflieger, dass, sagt einer „Stanislawski“ ein anderer „Gesundheit!“ antwortet. Schauspieler Wolfgang Türks hat die Komödie geschrieben, bester Boulevard, eine präzise Persiflage des Betriebs ist ihm mit ihr gelungen, und er hat auch den Part des Dramaturgen Stefan übernommen, kein Geringerer als Werner Sobotka die Regie. Der versteht sich bekanntermaßen auf Slapstick und Klamauk, und versteht es auch, Türks pointierte Dialoge auf den Punkt zu inszenieren.

Entsteht die Komik doch aus der Situation wie der Sprache. Die Figuren sind Meister im Aneinander-Vorbeireden, im Sich-gegenseitig-Missverstehen und im Einander-nicht-Zuhören. Und ganz nach dem Motto „What a life, what a cliché“ amüsante Abziehbilder der Wirklichkeit. Der Schauplatz von Türks Stück ist ein Theater in der Provinz. Dort wird gerade die kommende Premiere vorbereitet, eine weder Kosten noch Mühen scheuende Bühnenfassung der Legende des Herrn der Affen, blöd nur, dass der eigentliche Hauptdarsteller von der Liane geflogen und daher ausgefallen ist, und so muss sofort ein neuer Tarzan her. Der mittels Casting gefunden werden soll. Bereits bei der Kassa werden dem Publikum daher Zettel mit dem eingangs erwähnten Ha-Hu-He-Inhalt in die Hand gedrückt, doch, ein Glück, für einen selber bleibt’s bei der Statistenrolle, mal Gorilla, mal Kannibale, und auf fällt es, dass die Herren im Auditorium nicht nur besonders textsicher, sondern auch lautstark sind.

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Der Rest ist Kabale und Liebe, die branchenübliche Missgunst und die obligaten Misstöne, Fanat- und Despotismus, ein bissl Koks und ein Kuriositätenkabinett, in dem die einen G’spritzte sind und die anderen dringend einen solchen brauchen. Die Aufgabenstellung für die sechs Schauspieler lautet ergo: Outrieren beim Schmieren, und das gelingt ihnen mit Verve. Während Wolfgang Türks als um seine Standesehre ringender, selbstverständlich schwuler Stefan keine diesbezüglich stereotype Geste auslässt, spielt Tim Hüning den mit großer Klappe ausgestatteten, ansonsten eher einfach gestrickten Regisseur Malte, in seinem überbordenden Selbstbewusstsein nur übertroffen vom wamperten Intendanten Walter, Bernhard Murg als selbstverliebt polternder Hausherr, dem Auslastung und die Aussicht auf den Posten des Kulturstadtrats über künstlerische Angelegenheiten gehen.

Caroline Frank gibt die Intendantensgattin Petra, im Gegensatz zum Emporkömmling-Ehemann Tochter einer Theaterdynastie, de facto völlig talentfrei, aber aufgrund ihres Status‘ und trotz in der Sache überzogenem Ablaufdatums für die Rolle der Jane vorgesehen. Soffi Schweighofer ist die manisch frauenbewegte Regieassistentin Sabine. Daniel Feik macht alle Tarzan-Kandidaten, vom Impro-Nerd über den Method Actor bis zum AMS-Abgesandten, von einfältig über aufbrausend bis intellektuell, schließlich den dauergechillten Fahrradkurier, der sich als Geschenk der Thalia erweisen wird. Und derweil die Technik mit Dschungelprojektionen und künstlichem Wasserfall kämpft, stellt sich heraus, dass ausgerechnet die auf emanzipiert gepolte Sabine ein Pantscherl mit Walter hat, was Petra nicht verborgen blieb, und Stefan mit Malte noch ein Hühnchen zu rupfen. Hat ihm der doch weiland seine Abschlussarbeit im Regiefach am Reinhardt Seminar verpatzt.

Dass sich Maltes Stargeklingel ob seines Berlin-Triumphs mit „The whole damn bloody Faust“ als Fake entpuppt, ist nicht Türks‘ und Sobotkas einzige Stichelei gegen’s Zeitgenössische. In Traumsequenzen dürfen sich die Figuren ihren „Tarzan“ ersinnen, da steht quasi Körperkraft gegen aufklärerischen Geist, und schon gibt es postkapitalistische, postfeministische, postkolonialistische, post-post… Positionen, eine Tarzanin, eine Sexbomben-Jane mit Marilyn-Solo, tanzen Darsteller*Innen in Tarnburkas und wilde Männer im Baströckchen. Dialekt tritt gegen Schönbrunner- tritt gegen Deutsch-Deutsch an, und die Schauspieler geben schamlos alles. „Tarzan – Affen unter sich“ ist eine weitere Perle auf dem Spielplan des „Bronski & Grünberg“. Wer Sinn für gepflegten Nonsense und Spaß am Vollgas-Spiel hat: nichts wie hin …

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  1. 1. 2019

Bronski & Grünberg: Pension Schöller

Dezember 13, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fest an den lockeren Schrauben gedreht

Philipp Klapproth am Ende seiner Kräfte: Claudius von Stolzmann, Gioia Osthoff, Benjamin Vanyek und Martina Dähne. Bild: © Andrea Peller

Es ist, ob legendärer Inszenierungen an den Kammerspielen, immer ein gewisses Wagnis in Wien „Pension Schöller“ zu zeigen. Der dort regieerfahrene Fabian Alder hat’s nun im Bronski & Grünberg getan, hat radikal viel gewagt – und alles gewonnen. In seiner Neufassung dockt das beinah 130 Jahre alte Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs geradezu demonstrativ an der Jetztzeit an.

Alder hat, ohne Irr- oder Sprachwitz des Originals zu beschädigen, die Charaktere weitergedacht und fortgeschrieben, hat fest an deren lockeren Schrauben gedreht, und schafft es, mitten im größten Spaß, ein hinterlistiges Statement zum Heute abzugeben. Die Welt anno 2018 – ein Narrenhaus.

Die Handlung ist bekannt. Privatier Philipp Klapproth will, weil er eine seiner Villen in ein Sanatorium für nervlich Angegriffene verwandeln möchte, in Wien eine Klapsmühle besuchen. Sein Neffe Alfred, der vorhat, ein chices Geschäft für sinnlos überteuerte Wohnaccessoires zu eröffnen, und dafür dessen finanzielle Unterstützung braucht, führt den Onkel zu einem Gesellschaftsabend in der Pension Schöller.

Was in Wahrheit nicht mehr als ein Zusammentreffen eines freilich exaltierten, aber keineswegs geisteskranken Künstlerkreises ist, ist für Klapproth pure Psychiatrie. Doch weil sich Klapproth immer mehr in seinen Begegnungen mit den vermeintlichen Insassen verstrickt, nehmen die Verwirrungen naturgemäß ihren Lauf. Um deren grelle Komik zu illustrieren, hat Kaja Dymnicki ein mit pinker Luftpolsterfolie überzogenes Bühnenbild erdacht, die Kostüme von Julia Edtmeier kontrastierend dazu in ihrer spießigen Kleinkariertheit. Darin gelingt dem Ensemble mit viel Spielfreude und hohem Tempo, zwischen Handgreiflichkeiten und Slapstick-Stürzen, großartiger Boulevard.

Martina Dähne gibt mit Verve die beherzte Pensionswirtin, die mit ihren „internationalen“ Soiréen das Ende der Demokratie in Europa abwenden will – vorausgesetzt die Subventionen dafür fließen. Benjamin Vanyek bezaubert in der Paraderolle als Schöllers schwuler Sohn und „logopädisch herausgeforderter“ Jungschauspieler mit Abscheu vor der strukturellen Ausbeutung am Theater. Hinreißend, wie er als Showhighlight „Oh mein Papa“ nispelt, und nogisch, dass er in Dominic Marcus Singers aufgeräumtem Alfred sein Liebesglück findet.

Ein verdächtiges Geschenk vom Globetrotter: Claudius von Stolzmann und David Oberkogler. Bild: © Andrea Peller

Die Postdramatikerin im Infight mit dem Major: Gioia Osthoff und Thomas Weissengruber, hinten: Martina Dähne, Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Hier findet zusammen, was zusammen gehört: Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Die Schauspieler schmieren und klamauken sich derart Vollgas durch ihre Rollen in dieser gegenüber dem 1890er-Stück noch  zugespitzten Farce, dass es eine Freude ist. Das „Kasperltheater“ mit dem die Kaffeehausszene beginnt, ist auch in Folge wörtlich zu nehmen. David Oberkogler spielt den Löwenbändiger Bernhardy, der hier hauptberuflich ein mittelschwer narzisstischer Auslandskorrespondent ist, immer bereit über seine zahlreichen Journalistenpreise zu schwadronieren oder eine „kritisch-unabhängige“ Frage zu platzieren.

Gioia Osthoff ist als Schriftstellerin, nun mit dem Namen „Weißgarnix“, zur feministischen Postdramatikerin avanciert, die ihr Umfeld mit ihren unverrückbaren Gender-Positionen nervt. Thomas Weissengruber ist – mit einem Riesenrepertoire an wutbürgerlicher Mimik – als cholerischer Major a. D. zu sehen, dessen Karriereende mit dem (tatsächlich Pilz’schen) Sager vom „Höschen aus Paris“ zu tun hat, und der daher in funktionierende Opposition gehen will. Solcherlei Bezüge stellt Fabian Alder mit Vorliebe her. Und nicht immer nur geht es dabei um politische Fettnäpfe, sondern im extremsten Fall um einen wieder gesellschaftsfähigen Faschismus.

Philipp Klapproth nämlich, von Claudius von Stolzmann lange Zeit ganz prima als Provinztropf angelegt, ist nämlich aus Chemnitz. Was nicht nur diverse Seitenhiebe zur aktuellen Lage hierzu- und im Nachbarlande zulässt, sondern auch eine Schlusspointe, in der sich das vorgeblich so harm- wie arglose Onkelchen als Drahtzieher einer Operation, genannt „Schöne braue Donau“, enttarnt. Was es damit auf sich hat, sollte man sich selber anschauen. Nur so viel: Zum Schluss heißt es nicht nur Komödienfeuer frei.

Auch in seiner dritten Saison erweist sich das Bronski & Grünberg mit dieser High-Speed-Aufführung als erste Adresse für absurden, bissigen Witz und scharfsinnigen Schabernack. Mit diesen Mitteln ist dem Wahnsinn dieser Tag wohl am besten beizukommen, sozusagen Lachen als Theater- und Lebenskonzept. Erst kürzlich ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien, dass, wer schwarzen Humor mag, einen höheren Intelligenzquotienten und ein niedrigeres Aggressionslevel als andere hat …

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13. 12. 2018