21er Haus: Daniel Richter – Lonely Old Slogans

Februar 1, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemalte Gesellschaftskritik

Daniel Richter: Alles Ohne Nichts, 2006-2007. Bild: Tatintsian Collection, © Jochen Littkemann, Berlin / © Bildrecht, Wien 2017

Die Frage, wie Kunst auf politische, soziale und mediale Realitäten reagieren kann, bildet den Ausgangspunkt für das künstlerische Schaffen Daniel Richters. Er hinterfragt die Möglichkeiten der Malerei ebenso radikal wie das gegenwärtige Weltgeschehen. Unter dem Titel „Lonely Old Slogans“ zeigt das 21er Haus ab 3. Februar erstmals eine umfassende Werkschau des deutschen, in Wien lebenden Malers. Der Überblick folgt mit 52 Arbeiten Richters Entwicklung von den frühen farbintensiv- abstrakten Gemälden bis heute.

Sein Œuvre teilt sich grob in drei Schaffensperioden. Als der Künstler in den frühen 1990er-Jahren zu malen begann, wurde die Malerei in Europa als ein Medium erlebt, dem man weitgehend mit den Mitteln der Ironie, Distanz und Zerlegung begegnete. Richter aber näherte sich dem Genre ganz direkt mit einer Fülle von expressiven Formen und Farben. Den so entstandenen dichten, abstrakt-ornamentalen Gemälden setzte er um die Jahrtausendwende großformatige, figurative und narrative Bilder einer gesellschaftspolitischen Wirklichkeit entgegen. Sie sind bühnenhaft aufgebaut und erzählen Geschichten über die Widersprüchlichkeiten dieser Zeit. Die Arbeiten machten Richter in der jüngeren Generation deutscher Maler zu einer berühmten und gefeierten Figur. Die Werke dieser zweiten Schaffensphase sind auch der Kern der Ausstellung. Mit seinen jüngsten Arbeiten kehrt Richter teilweise zurück zur Abstraktion. Er hat erneut eine neue Bildsprache entwickelt und reizt in sehr reduzierter, fast choreografischer Form die Möglichkeiten der Malerei aus. Seine Kunstwerke erinnern nun an den amerikanischen abstrakten Expressionismus.

Daniel Richter: Erinnerungen an S.O.36, 2009. Bild: Igal Ahouvi Art Collection, © Jochen Littkemann, Berlin / © Bildrecht, Wien 2017

Daniel Richter: Lonely Old Slogan, 2006. Bild: Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, © Bildrecht, Wien, 2017

Daniel Richter ist ein politisch motivierter Maler, nicht nur wegen seiner Herkunft aus der linksautonomen Hamburger Punk-Szene, sondern vor allem aufgrund der Aufmerksamkeit und des kritischen Blicks, die er seinem Publikum abverlangt. Die Bildtitel – die Lonely Old Slogans – machen es dem Betrachter einfacher und schwerer zugleich. Manchmal scheinen sie das Geschehen präzise zu beschreiben, dann positionieren sie sich wieder Dada-artig am Rande des Verständlichen. So sprengen Richters Bilder den Rahmen ihrer Bedeutung und versuchen jenen Un-Geist der Gegenwart einzufangen, der vom Verschwinden der großen politischen Utopien gekennzeichnet ist.

www.21erhaus.at

Wien, 1. 2. 2017

21er Haus: Kurt Hüpfner. Aus dem Verborgenen

November 16, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wiederentdeckung witziger Zeitkritik

Kurt Hüpfner: Black Mess. Bild: © Belvedere, Wien

Kurt Hüpfner: Black Mess. Bild: © Belvedere, Wien

Mit der Ausstellung „Kurt Hüpfner – Aus dem Verborgenen“ würdigt das 21er Haus ab 18. November das Lebenswerk des österreichischen Künstlers mit seiner ersten musealen Einzelpräsentation. Die Schau zeigt einen Querschnitt durch die zentralen Schaffensphasen des heute noch aktiven Künstlers – von seinen grafischen Anfängen, seinen Zeichnungen, den markanten Assemblagen der 1970er-Jahre bis hin zu den Kleinplastiken, die sein Werk ab Mitte der 1980er-Jahre charakterisieren.

Nach Anfängen als Gebrauchsgrafiker und Karikaturist entwickelt Kurt Hüpfner ab den frühen 1960er-Jahren ein komplexes eigenständiges Werk. Bei einem Parisaufenthalt 1961 lernte er die écriture automatique kennen – auch Automatisches Schreiben genannt. Diese Methode versucht Gefühle und Gedanken sinnbildhaft auszudrücken, ohne Rücksicht auf Grammatik, Zeichensetzung oder Rechtschreibung. Hüpfner ließ sich von seiner Entdeckung inspirieren und lehnte seine Zeichnungen seither daran an. Ab 1962 setzt er sich autodidaktisch mit dem Medium der Plastik auseinander, das mit der Zeit eine immer bedeutendere Rolle in seinem Schaffen spielt. Von nun an dienen seine Zeichnungen teilweise auch als Ausgangspunkt für seine ausgefallenen Plastiken, Assemblagen und Gemälde.

Nach dem prägenden Besuch der Ausstellung „Pop etc.“ 1964 im ehemaligen 20er Haus, entstehen Werke, die sich formal an der Pop Art orientieren, inhaltlich jedoch Themen wie Politik, Krieg und Literatur aufgreifen. In den 1970er-Jahren entwickelt Hüpfner einen gänzlich individuellen Stil. Seine kleinformatigen Gips- und Terrakottaplastiken, oftmals mit Ölfarbe bemalt, sind vielfältige „magische Geschöpfe“, von denen jedes eine eigene Geschichte zu erzählen vermag.

Kurt Hüpfner: The Hypertelist, 1966/1968. Bild: © Belvedere, Wien

Kurt Hüpfner: The Hypertelist, 1966. Bild: © Belvedere, Wien

Kurt Hüpfner: INRI, 1974. Bild: © Belvedere, Wien

Kurt Hüpfner: INRI, 1974. Bild: © Belvedere, Wien

Die Auseinandersetzung mit Kunstbewegungen der Moderne und dem zeitgenössischen Kunstgeschehen, wie Surrealismus, Dadaismus und Pop Art, sowie die Reflexion politischer Krisensituationen bilden die Parameter, in denen sich Hüpfners Kunstwerke entwickeln. Sein künstlerisches Arbeiten blieb weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Erst im Jahre 2006 beteiligte er sich das erste Mal an einer Gruppenausstellung.

www.21erhaus.at

Wien, 16. 11. 2016

21er Haus: Rudolf Goessl. Malerei im Wandel

September 6, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Innenschau eines Introvertierten

Rudolf Goessl, 2016. Bild: Roland Unger, © Belvedere, Wien

Rudolf Goessl, 2016. Bild: Roland Unger, © Belvedere, Wien

Das 21er Haus widmet dem österreichischen Maler Rudolf Goessl ab 7. September die Einzelpräsentation „Rudolf Goessl. Malerei im Wandel“. Die Schau bietet einen Schnitt durch die Entwicklung Goessls in dessen bewegtesten Phasen. Damit werden die Wandelbarkeit und die Empfindsamkeit des künstlerischen Einzelgängers erfasst. Der Fokus der Ausstellung liegt auf Bildern der 1960er- und 1970er-Jahre.

„Werke“, wie Direktorin Agnes Husslein-Arco sagt, „eines der wichtigsten Vertreter der abstrakten reduktionistischen Malerei in Österreich. In künstlerischer wie in persönlicher Hinsicht zeichnet Goessl eine große Beharrlichkeit aus. Über Jahrzehnte hinweg verfolgte er seine Gegenposition zu gestischen und aktionistischen Ansätzen und entwickelte so seinen persönlichen Stil“.

Rudolf Goessl studiert an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und diplomiert 1950 beim österreichischen Landschafts- und Porträtmaler Max Frey. Von 1957 bis 1959 besucht er die Abendakte von Herbert Boeckl an der Akademie der bildenden Künste Wien. Er ist einer der ersten österreichischen Künstler seiner Generation, der sich mit monochromer Malerei auseinandersetzen. Das Frühwerk des Malers ist vor allem durch seinen Aufenthalt in Nordamerika geprägt, wo er Pop-Art und Color Field Painting für sich entdeckt und auf seine eigene Weise neu interpretiert. 1969 beginnt Goessl allmählich eine eigene Formensprache zu entwickeln, die sich einer Art Trompe-l’œil-Effekt bedient. Zarte Rahmungen der Farbflächen erzeugen einen bühnenhaften Raum innerhalb des sonst gegenstandslosen Bildes und bewirken somit eine gewisse Dreidimensionalität.

Anfang der 1970er-Jahre wird auch Monsignore Otto Mauer von der Wiener Galerie nächst St. Stephan auf den Einzelgänger aufmerksam, und veranstaltet mit diesem 1973 eine Ausstellung. Diese sollte die letzte sein, die Otto Mauer vor seinem Tod eröffnete.

Rudolf Goessl: Innenblick, 1973. Bild: © Ernst Kainerstorfer

Rudolf Goessl: Innenblick, 1973. Bild: © Ernst Kainerstorfer

Rudolf Goessl: Freitag, 1978. Bild: © Ernst Kainerstorfer

Rudolf Goessl: Freitag, 1978. Bild: © Ernst Kainerstorfer

Bühnenhaftigkeit und Raumtiefe weichen mit der Zeit einer flächigeren Malweise, die an die zarte Faltung seidener Tücher erinnert. Diese Reduktion führt Goessl weiter, bis jeder räumliche Anhaltspunkt in seinen Bildern verschwunden ist. Goessls Empfindsamkeit zeigt sich in einem schleierartig wirkenden Farbauftrag und in den feinen Helligkeitsabstufungen. In seiner weiteren Entwicklung bringt er, indem er Sand auf die Leinwand aufträgt, einen haptischen Ansatz in seine sphärischen Bilder ein. Die spürbare Materialität der Arbeiten erhält immer mehr Gewicht. Der leichte Farbauftrag weicht einer stark gestischen und expressiven Malweise, die sich auch in der Farbigkeit widerspiegelt. Somit schließt sich der Kreis der Arbeiten in den 1990er-Jahren, als Goessl gänzlich zur Farbigkeit zurückkehrt.

www.21erhaus.at

Wien, 6. 9. 2016

Ai Weiwei kommt nach Wien

Juni 20, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Er baut einen chinesischen Tempel im 21er Haus

Ai Weiwei. Bild: © Belvedere, Wien

Ai Weiwei. Bild: © Belvedere, Wien

„Alles ist Kunst – alles ist Politik“, sagt Ai Weiwei, der zu den international bedeutendsten Künstlern der Gegenwart zählt. Als Konzeptkünstler, Dokumentarist und Aktivist übt er nicht nur Kritik am Regime seiner Heimat China, sondern reagiert mit seinem Schaffen auf die aktuelle politische Realität wie die Flüchtlingskrise in Europa.

Vertreibung, Migration und gewollter Ortswechsel als Auslöser verändernder Prozesse in Menschen und an Objekten ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei zieht. Es steht auch im Zentrum seiner ersten monumentalen Einzelpräsentation in Wien.

Das Kernstück bildet der Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus der Ming-Dynastie, dessen Haupthalle originalgetreu im 21er Haus wiederaufgebaut und ab 14. Juli in der Ausstellung „translocation – transformation“ zu sehen sein wird. Der 14 Meter hohe Tempel aus Holz besteht aus mehr als 1.300 Einzelteilen und wird zum ersten Mal außerhalb Chinas gezeigt. Seiner ursprünglichen Funktion enthoben bekommt das Bauwerk durch seine Versetzung eine neue Bedeutung. Auch das 21er Haus war als temporärer Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel ursprünglich für einen anderen Ort und eine andere Funktion errichtet worden und so sollen die beiden vor ihrer Zerstörung geretteten Gebäude auf verschiedenen Ebenen einen spannenden Dialog eingehen. Die von Alfred Weidinger kuratierte Ausstellung erstreckt sich unter anderem auch auf den barocken Garten des Belvedere, wo der Künstler das Ensemble „Circle of Animals/Zodiac Heads“ am großen Wasserreservoir aufzustellen beabsichtigt.

Dragon, 2015. Bild: © Ai Weiwei Studio

Dragon, 2015. Bild: © Ai Weiwei Studio

Mit den zwölf, die Tierkreiszeichen des chinesischen Horoskops darstellenden bronzenen Köpfen, reagiert er auf die 1860 durch französische und britische Truppen erfolgte Zerstörung einer circa 1749 vor dem Sommerpalast Yuanming Yuan in Peking errichteten Brunnenanlage. Der Palast war vom europäischen Barock inspiriert worden, was das hochbarocke Gartenpalais von Prinz Eugen zu einer besonders reizvollen Folie für die Installation Ai Weiweis macht.

Der Akt mutwilliger Zerstörung und Plünderung bedeutete eine schwere Demütigung des chinesischen Volks und markierte das Ende des zweiten Opiumkriegs, ein mit militärischer Gewalt erzwungener Opiumimport zur Durchsetzung der kolonialen Wirtschaftsinteressen, vor allem den Handel mit Tee, Porzellan und Seide. Zwischen 2000 und 2007 konnte China fünf der geraubten Tierköpfe – ursprünglich waren die gesamten Körper ausgebildet – erwerben. 2009 wurden zwei weitere aus der Sammlung von Yves Saint Laurent in einer Auktion angeboten. Die verbleibenden Köpfe werden bis heute vermisst.

Alle Bemühungen der chinesischen Regierung, die beiden Bronzen nach China rückzuführen, scheiterten. Ai Weiwei reagierte daraufhin mit einer Neuerschaffung des Zyklus. Die Bronzen sind keine vollkommenen Kopien, sondern eine eigene künstlerische Interpretation und damit nicht nur physisch, sondern auch konzeptuell ein Produkt des 21. Jahrhunderts. Ganz bewusst spießt der Künstler die von den Plünderern sprichwörtlich geköpften Häupter auf Stangen und stellt sie als Auftakt zur Ausstellung zur Schau.

Auch weitere Arbeiten werden die großvolumige Installation der Ahnenhalle komplementieren. Einige davon beziehen sich auf die Teekultur Chinas, auch auf deren politische Komponente, und stehen so in enger Verbindung mit der Geschichte der ursprünglichen Besitzer des Tempels.
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Blog zur Ausstellung: aiww21.com
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Wien, 20. 6. 2016

21er Haus: Die Sprache der Dinge & Cornelius Kolig

Juni 7, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Paradies aus Plexiglas und Polyester

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Das 21er Haus zeigt ab 10. Juni zwei Ausstellungen: „Die Sprache der Dinge. Materialgeschichten aus der Sammlung“ mit Arbeiten unter anderem von Franz West, Herbert Brandl, Gelatin, Gerhard Richter, Robert F. Hammerstiel, Heimo Zobernig, Anselm Kiefer, Brigitte Kowanz, Daniel Spoerri, Erwin Wurm und Franz von Zülow. Die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst und der Artothek des Bundes stellt den Umgang mit Materie, Material und Materialitäten in den Fokus.

Seit den 1960er-Jahren sind sie gleichermaßen Ausgangspunkt und Inhalt künstlerischer Produktion. Standen etwa in der Minimal Art die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Materials selbst im Vordergrund, zeugen aktuelle Auseinandersetzungen das Spannungsverhältnis zwischen Materialität und Immaterialität im Zeitalter der Digitalisierung. Die Schau stellt beide Positionen im Vergleich nebeneinander.

Außerdem zu sehen ist „Cornelius Kolig: Organisches“. Der 1942 in Vorderberg in Kärnten geborene Maler, Bildhauer, Installations- und Objektkünstler ist durch seine kompromisslosen Arbeiten bekannt geworden, die um den menschlichen Körper und die Psyche, Sexualität und Tod, Obsessionen und Tabus kreisen. In den 1960er- und 1970er-Jahren experimentierte er mit neu entwickelten Werkstoffen wie Plexiglas und Polyester und schuf in erster Linie Skulpturen, die der technoiden Ästhetik der Zeit verpflichtet waren.

1980 begann er mit der Errichtung seines Lebens- und Gesamtkunstwerks: einer Architekturanlage in Vorderberg an der Gail namens „Das Paradies“. Die Präsentation bietet Einblicke in unterschiedliche Werkgruppen seines umfangreichen künstlerischen Schaffens.

www.21erhaus.at

Wien, 7. 6. 2016