Belvedere 21: Henrike Naumann. Das Reich

September 22, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschwörungstheorien anno 1990

Henrike Naumann: „Anschluss ’90“, 2018: Ausstellungsansicht beim Steirischen Herbst. Bild: Mathias Völzke, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlinann0 1990

Ab 26. September versetzt Henrike Naumanns Rauminstallation im Belvedere 21 die Besucherinnen und Besucher ins Jahr 1990 und skizziert ein fiktives Szenario, in dem sich politische Verschwörungstheorien mit persönlichen Schicksalen und den Brüchen der deutsch-österreichischen Geschichte verbinden.

Henrike Naumann wuchs in Zwickau auf, als das politische Ende der DDR nahte und der Staat schließlich in einem wiedervereinten Deutschland aufging. Die Erfahrungen ihrer Jugend zwischen Hedonismus, Konsumkultur und erstarkendem Rechtsradikalismus verarbeitete sie in mehreren Ausstellungen zu Installationen. In einer Archäologie der Zeitgeistigkeiten untersucht sie die Wechselwirkungen zwischen Ästhetik und Ideologie und macht sie in begehbaren Raumsituationen erfahrbar.

Henrike Naumann: „Das Reich“, 2017. Ausstellungsansicht im Berliner Herbstsalon. Bild: Ladislav Zajac, Courtesy die Künstlerin und KOW, Berlin

Der Ausgangspunkt ihrer Ausstellung im Belvedere 21 ist das Jahr 1990: Die Reichsbürgerbewegung erkennt die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik Deutschland nicht an und übernimmt nach der Wiedervereinigung kurzerhand die Kontrolle. Österreich schließt sich dem wiedererrichteten Deutschen Reich bald an. Dieses fiktive Szenario skizziert Henrike Naumann in einer immersiven Rauminstallation aus Möbeln, Wohnaccessoires und Videos.

Die Reichs(-bürger-)kanzlei, inszeniert als germanisches Stonehenge, trifft hier auf Homevideos des nationalsozialistischen Untergrunds und von Feiernden auf Ibiza, ein 1990er-Jahre-Möbelhaus und allerlei Finca-Chic. Das Reich lässt sich als Psychogramm einer alternativen Weltanschauung lesen, die dem realen Gedankenkosmos heutiger rechtsextremer Strömungen bedrohlich ähnelt.

www.belvedere.at           www.henrikenaumann.co

22. 9. 2019

Belvedere 21: Attersee. Feuerstelle

Januar 30, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Würfel-BH, Weinetikett und Serviettenzwilling

Christian Ludwig Attersee: Feuerstelle, 2011. Privatbesitz. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht, Wien, 2019

Das Belvedere 21 würdigt Christian Ludwig Attersee ab 1. Februar mit einer umfassenden Ausstellung, die sein Frühwerk in den Fokus rückt. Mit bisher wenig bekannten Arbeiten zeigt die Schau „Feuerstelle“, wie Attersee den Umbruch in der künstlerischen Produktion ab den 1960er-Jahren aktiv gestaltet und begleitet hat. In seiner fast sechzigjährigen Künstlerkarriere hat Christian Ludwig Attersee erfolgreich alle Kategorisierungen der Kunstgeschichte unterlaufen. Sukzessive ebnet er ästhetische Grenzen.

Zwischen High und Low, zwischen Pop und Moderne, zwischen freier und angewandter Kunst. Vom Würfel-BH bis zum Prothesenalphabet, vom Weinetikett bis zur Attersee-Wurst, von der Briefmarke bis zum Attersee-Haus – der österreichische Künstler „atterseeisiert“ seine Welt und macht seinen eigenen Namen zur Trademark. Vögel, Fische, Blumen, Speisen, Früchte, Frauen, Horizont, Segelsport und Wetter gehören seit den Anfängen zu seiner Ikonografie und bilden ein allumfassendes Narrativ, dessen zahllose Geschichten erst bei näherer Betrachtung Konturen annehmen und lesbar werden. Attersees Werk schöpft aus seiner eigenen Biografie und seinem Alltag genauso wie aus der Kunst und ihrer Geschichte.

Christian Ludwig Attersee: Butterbrot mit Rehflocken, 1974/1975. Privatbesitz. Bild: Atelier/ Archiv Attersee, Wien, © Bildrecht, Wien, 2019

Christian Ludwig Attersee: Serviettenzwilling (Selbstbildnis Als), 1975. Privatbesitz. Bild: Atelier/ Archiv Attersee, Wien, © Bildrecht, Wien, 2019

Der besondere Fokus der Ausstellung im Obergeschoss des Belvedere 21 liegt auf den ersten zwanzig Jahren von Attersees Schaffen, in denen der Künstler die komplexe Vielfalt seines gesamten Werks formuliert. Gezeigt werden Arbeiten aus zahlreichen Genres, wie Zeichnungen, Collagen, Malerei, fotografische Serien, Teppiche, Filme, Musik, Objekte oder ausgewähltes Produktdesign. Christian Ludwig Attersees unverwechselbares Œuvre wird so in großem Umfang zugänglich gemacht.

www.belvedere21.at

30. 1. 2019

Belvedere 21: Alexander Kluge. Pluriversum

Juni 5, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die poetische Kraft der Theorie

Alexander Kluge, Blick in den Abgrund der Sterne, 2017. Filmstill, Bild: © Kairos Film

Passend zum Jahresmotto „Spirit of ’68“ widmet das Belvedere 21 dem deutschen Autor, Filmemacher und ehemaligen Adorno-Vertrauten Alexander Kluge ab 6. Juni eine Werkschau, die den Kern seiner multimedialen Arbeit sichtbar macht – und in engem Dialog mit ihm entwickelt wurde.

„Aufklärung über die Verhältnisse, Selbstbestimmung und Emanzipation sind zentrale Motive in Kluges Œuvre, in dem das Hoffnungspotential von 1968 immer wieder aufs Neue durchgearbeitet wird. Sein multimediales Werk will das Denken und Fühlen des Einzelnen in Bewegung setzen und gegen den Glauben an die Fatalität von individuellem Lebenslauf und allgemeiner Geschichte in Stellung bringen“, so Generaldirektorin Stella Rollig bei der Pressekonferenz am Dienstag Vormittag.

Als engagierter Poet, vielstimmiger Chronist und Seismograf der Gegenwart ist Alexander Kluge seit Langem berühmt. Der gelernte Jurist kann als einer der letzten Universalgelehrten bezeichnet werden und ist zweifellos einer der produktivsten Poeten im deutschsprachigen Raum. Kluge versteht sich selbst als Autor und Filmemacher und umkreist mit seinem Werk die großen Themen der Moderne. Als aufmerksamer Beobachter der gesellschaftlichen Wirklichkeit spürt er Fragen und Themen auf und verhandelt in seinen Texten, Filmen und Interviews die komplexe Gegenwart. Für sein umfassendes, genreübergreifendes Werk wurde Kluge vielfach international ausgezeichnet; 2017 erhielt er für sein literarisches Lebenswerk den Jean-Paul-Preis.

Die Ausstellung „Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie“ erzählt von Themen, Methoden und der Ästhetik Alexander Kluges. Aus Bildern, Filmen, Texten und Objekten bildet der Autor immer neue Konstellationen, deren Sinn maßgeblich durch das Prinzip der Montage entsteht. Historische Ereignisse, kosmische Gegebenheiten, wissenschaftliche Ergebnisse, individuelle Erlebnisse, Bilder, Kunstwerke oder eigene literarische Texte bilden das Ausgangsmaterial. Durch das Zusammenfügen und durch das Kluge-spezifische „Cross Mapping“, also das Übereinanderlegen von heterogenem Material und die Kombination der unterschiedlichen Künste, werden neue Sinnzusammenhänge erzeugt und erzählt.

Die Schau im Untergeschoss des Belvedere 21 überträgt diese Zusammenhang generierenden Verfahren in den dreidimensionalen Raum. Neben Alexander Kluges sogenannten „Minutenfilmen“ werden eigens für die Ausstellung entstandene filmische Arbeiten präsentiert. Zudem wird erstmals Einblick in Kluges Arbeitsprozesse, sein umfangreiches Archiv und sein „Pluriversum der Bilder“ gewährt. Die „Sternenkarte der Begriffe“ zeigt Schlüsselbegriffe und zentrale Themen im Text- und Bilderkosmos von Kluge auf.

Alexander Kluge, Filmstill aus „Lebenszeit als Währung“, 2017. Bild: Courtesy Alexander Kluge

Alexander Kluge, Schwarze Augen, 2016. Filmstill, Bild: © Kairos Film

„In enger Zusammenarbeit mit Alexander Kluge haben wir seine erste große Museumsausstellung, die bis Anfang 2018 im Museum Folkwang zu sehen war, für Wien adaptiert und weiterentwickelt. Kluges Arbeiten suchen die Öffentlichkeit und die Verbindung zum Publikum, indem sie die Rezipienten intellektuell und emotional aktivieren. Im Wechsel zwischen den etwa 55 gezeigten Filmen, den Texten und Objekten bestimmt jeder Besucher und jede Besucherin eine individuelle Betrachtungszeit, eine Laufrichtung und generiert damit neue Sinnzusammenhänge“, erläutert Kurator Axel Köhne.

„Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht“, beteuert Alexander Kluge. Die Idee des Austauschs und der Zusammenarbeit ist für seine Arbeit elementar. Den Subtext der Ausstellung bildet die Zusammenarbeit und das Zusammendenken mit Künstlern, Wissenschaftlern, mit Mitarbeitern und Freunden.

So setzt die Schau etwa Werke von Kerstin Brätsch, Thomas Demand, Anselm Kiefer und Thomas Thiede in Beziehung zu Kluges filmischer Praxis. Alexander Kluge transformiert den Ausstellungsraum in eine multimediale Denkwerkstatt, die um eine Audioinstallation im Tiefhof, ein Filmprogramm im Blickle Kino und den virtuellen Raum auf den Mobiltelefonen der Besucherinnen und Besucher erweitert wird.

www.belvedere.at

5. 6. 2018

Belvedere 21: Günter Brus. Unruhe nach dem Sturm

Januar 31, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Retrospektive zum 80. Geburtstag

Günter Brus: Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien mit Anna Brus

Anlässlich seines 80. Geburtstags würdigt das Belvedere 21 ab 2. Februar das Gesamtwerk von Günter Brus mit einer umfassenden Retrospektive. „Passend zum Jahresmotto ‚Spirit of ’68‘, das 2018 als Klammer für die gesamten Aktivitäten des Hauses fungiert, wird mit dieser Ausstellung Günter Brus als großer Kunstrebell der 1960er-Jahre gewürdigt. Fünfzig Jahre nach der radikalen Aktion ,Kunst und Revolution‘ zeigen wir, dass Brus nie aufgehört hat sich weiterzuentwickeln“, so Generaldirektorin Stella Rollig.

Günter Brus gehört heute zu den wesentlichen internationalen künstlerischen Positionen in Österreich. Als Vertreter des Wiener Aktionismus thematisiert der Künstler in den 1960er-Jahren mit eindringlicher Präsenz die physische und psychische Verfasstheit des Menschen und die Ausgesetztheit des Individuums gegenüber gesellschaftlichen Regelwerken. Mit seinem radikalen, körperbezogenen und performativen Werk gelingt es ihm, sich von der „Marke“ Wiener Aktionismus zu lösen und sich als wesentlicher Wegbereiter der internationalen Aktions- und Performancekunst in die Geschichte einzuschreiben. 1970 wendet sich Günter Brus von der Aktionskunst ab und beschäftigt sich zunehmend mit dem Medium Zeichnung, mit „Bild-Dichtungen“ und Theaterarbeiten.

Ein Anliegen dieser Schau ist die umfassende Präsentation der ausgewählten Serien. Neben den bekannten Aktionsfotos, ergänzt um bisher kaum gezeigtes Material, werden Brus’ serielle Zeichnungen und „Bild-Dichtungen“, darunter der 160-teilige Zyklus „Leuchtstoffpoesie und Zeichenchirurgie“, in ihrer Gesamtheit gezeigt. Insgesamt sind rund 120 Werkzyklen und Werke mit mehr als 700 Einzelobjekten in der Ausstellung zu sehen, darunter Filme und bisher unbekannte Werkserien. „Die Ausstellung  wirft einen Blick auf das gesamte Œuvre des Künstlers und macht Zusammenhänge sichtbar. So sind die Theaterprojekte, die Zeichnungszyklen und die Künstlerbücher genauso wie die frühe gestische Malerei und die bekannten Aktionen Indizien für Brus’ radikale Kunstauffassung einer konsequenten Zerstörung des Kunstwerks, genauer gesagt seiner traditionellen Gestalt als Tafelmalerei“, erläutert Kurator Harald Krejci.

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Die Retrospektive öffnet sechs Themenfelder: Malerei im erweiterten Feld, Günter und Anna Brus, Bild und Narration, Kollaborationen, Theater und Psyche sowie die Berliner Zeit. Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf Günter Brus’ Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna, der Namensgeberin seiner ersten Performance. Aufgezeigt wird Anna Brus’ Anteil an der Erarbeitung der Aktionen. Anders als seine Mitstreiter Mühl oder Nitsch, die in ihren Arbeiten und im Umgang mit ihren Modellen dem Machismus verhaftet waren, hat Günter Brus immer mit seiner Frau kooperiert. Anna Brus sicherte den Lebensunterhalt für ihre Familie und wirkte in ihrer Freizeit bei Aktionen mit – ein Familienmodell, das in den frühen 1970er-Jahren sehr unüblich war. Inwieweit diese Form der Partnerschaft eine bewusste Entscheidung mit emanzipativer Grundhaltung war, bleibt offen. Fakt ist, dass Günter Brus Geschlechterrollen in seinem Werk immer wieder aufgreift und damit stereotype Zu schreibungen und Rollenbilder hinterfragt.

www.belvedere.at

1. 2. 2018

Theater franzjosefskai 21: Radetzkymarsch

Oktober 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alexander Waechter brilliert als die ganze Familie Trotta

Bild: Andreas Anker

Große Schauspielkunst gibt es derzeit im Theater franzjosefskai 21 zu sehen. Alexander Waechter hat seine Dramatisierung von Joseph Roths Jahrhundertroman „Radetzkymarsch“ nach der umjubelten Premiere beim Festival Attersee Klassik an sein Haus geholt, und schlüpft nun dort in die Charaktere der gesamten Herren Trotta. Vom „Held von Solferino“ über den Bezirkshauptmann bis zu Carl Joseph. Und siehe, bei seinem Vortrag macht Waechter, wiewohl den Text als Gedächtnisstütze in der Hand, mehr Theater, als andere, wenn sie Theater spielen.

Ein Stuhl, ein Säbel und eine Uniformjacke sind alles, was er an Requisite für sein Spiel braucht. Waechter ist ein pointierter Erzähler und begnadeter Satiriker, und so kommt’s, dass das Publikum bei allen Schicksalsschlägen und inmitten des Verfalls der alten Ordnung „Donaumonarchie“ auch immer wieder von Herzen lachen kann. Die Allüren der k.u.k. Gesellschaft, ihre selbstauferlegten Zwänge und die daraus entstehenden Nöte, ihre Manieren wie ihre Manierismen sind durchaus dazu angetan, eine heutige Zuhörerschaft zur Heiterkeit zu verführen.

Waechter folgt in seinem Zweidreiviertelstunden-Abend – als Solo für einen Schauspieler eine enorme Kraftanstrengung, die Waechter scheint’s ohne Mühe meistert – den wesentlichen Handlungssträngen Roths. Er wird zu Hauptmann Joseph Trotta, und wird mit der Figur heimisch in Stand, Rang und Ruhm.  Er ist aufrichtig erzürnt über die „Fake News“, die Geschichtsklitterung im Lesebuch des Sohnes. Die Beschwerde bei Seiner Majestät wird mit Beförderung erledigt. Es sind mit die schönsten Szenen, kleine Humoresken, wenn Waechter Kaiser Franz Joseph gibt. Wunderbar, wie der Monarch im Laufe der Jahrzehnte aus den Augen verliert, welcher Trotta nun schon wieder mit einem Gesuch an ihn herantritt. Denn auch des Hauptmanns Sohn wird vorsprechen, und um Gnade für seinen Nachkommen bitten.

Als dieser Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, Bezirkshauptmann, weil der Vater ihm nach der eigenen moralischen Schlappe die Militärlaufbahn verbot, ist Waechter ein bärbeißiger Beamter, ein Grantscherben, ein pedantischer Jurist, und wie alle Trotta-Männer nicht geeignet, Gefühle zu zeigen. Dies sehr zum Schaden der Familienbande. Und so wird schließlich der letzte seines Namens, Carl Joseph, weder schneidiger Soldat noch kaisertreuer Staatsdiener. Waechter gestaltet den dritten Trotta als äußerst weichen und feinfühligen Charakter, ein Offizier nach Vaters ausdrücklichem Wunsch, nicht nur deswegen mitunter weinerlich, und immer mit eineinhalb Füßen in der Malaise, weil er entweder für Schuldscheine von Freunden bürgt oder deren Frauen beglückt. „Ja, Vater“, lässt ihn Waechter bei den Zusammenkünften mit diesem angstvoll stammeln. Dass da große Liebe vom Vater für den Sohn ist, erkennt dieser zu spät. Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg, als er versucht aus einem Brunnen Wasser für seine Kompanie zu schöpfen. Der Großvater ein Held, der Enkel ein Wasserträger … So sah’s wohl die damalige Welt.

Bild: Andreas Anker

Bild: Andreas Anker

Aus Roths Chronik und Psychogramm einer Epoche bindet Waechter natürlich auch die Nebenfiguren in seinen Abend ein. Sie geraten ihm zu köstlichen oder betroffen machenden Miniaturen, manche versehen mit diesem leicht näselndem Alt-Österreichisch, dem Schönbrunner Deutsch, das Waechter so hinreißend beherrscht. Er wird zur aufreizend erotischen Frau Slama, zum schrulligen Faktotum Diener Jacques, er böhmakelt als Onufrij, spricht als Kapturak mit russischem, als Graf Batthyany mit ungarischem und als Graf Chojnitzky mit polnischem Akzent, ist ein fistelstimmiger Leutnant Kindermann und ein anrührender jüdischer Regimentsarzt Demant.

Dies überhaupt ein Glanzlicht der Aufführung, wie Waechter ein ganzes Regiment erschafft, mit Stimm-Modulation und mit feinen, für jede Figur neu erdachten Details. Wem immer Waechter im Moment Stimme und Gestalt verleiht, seine größte „Waffe“ ist seine Wahrhaftigkeit. Und wenn’s bei einem übermütigen Bordellbesuch nach Mäusen und Maiglöckchen riecht, dann glaubt man beinah, dass einen diese exotische Duftmarke an der Nase führt. Mit Blackouts hat Waechter die einzelnen Kapitel getrennt. Das Leitmotiv, den Radetzkymarsch lässt er zwischendurch immer wieder anklingen, am deutlichsten bei Carl Josephs Sterben: ratatam ratatam ratatatatam … Das klingt schon nach Maschinengewehr. Und der gütige alte Herr von Schönbrunn wandte sich „An meine Völker!“… „Radetzkymarsch“ in der fulminanten Darbietung von Alexander Waechter ist bis 25. Oktober im Theater franzjosefskai 21 zu sehen.

www.franzjosefskai21.at

  1. 10. 2017