TheaterArche: Odyssee 2021

September 11, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Irrfahrt durch Schauplätze und Seelenräume

Eike N.A. Onyambu, Helena May Heber, Roberta Cortese, Bernhardt Jammernegg, Pia Nives Welser, Marc Illich und Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Es wäre nicht Jakub Kavin, wenn er nicht wieder etwas Besonderes in petto hätte. Der Theatermacher, der seine TheaterArche als einziger am ersten möglichen Tag nach dem Kulturlockdown zur Premiere des überaus passenden Rückzugsstücks „Hikikomori“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=40634) öffnete, hat mit seinem Team nun die „Odyssee 2021“ erarbeitet. Ein Stationentheater, dessen erste zum Prolog ein jeweils anderer Ort im sechsten Bezirk sein

wird, diesmal war’s der Fritz-Grünbaum-Platz vorm Haus des Meeres, bevor es in die Münzwardeingasse 2 geht. Uraufführung ist heute Abend, www.mottingers-meinung.at war bei der gestrigen Generalprobe. Und so beginnt die Irrfahrt durch Schauplätze und Seelenräume. Zu Homer, Dantes „Göttlicher Komödie“, Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ und natürlich James Joyces „Ulysses“, hat Kavin, weil ihm das alles zu männlich konnotiert war, als weibliche Gegenstimmen die Autorinnen Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Lydia Mischkulnig, Kathrin Röggla, Theodora Bauer, Margret Kreidl und Sophie Reyer eingeladen, Texte für die „Odyssee 2021“ zu verfassen.

„Mit dem Resultat“, so Kavin im Gespräch über sein nunmehriges „Frauenstück“, „jetzt vier Odyssas, zwei Penelopes und eine Lucia Joyce zu haben, Lucia, die Tochter von James Joyce, eine Tänzerin, die mit 30 als schizophren diagnostiziert wurde und 50 Jahre in diversen psychiatrischen Kliniken zubrachte.“ – „Errrrrrrrrrrrr wiederholt sich. Sch! Schlauch, Schlund, Schlamassel. Der Schlüssel zum Ödipuskomplex.“ (Margret Kreidl)

Sieben Performerinnen und sieben Performer, Roberta Cortese, Max Glatz, Claudio Györgyfalvay, Elisabeth Halikiopoulos, Helena May Heber, Marc Illich, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Nagy Vilmos, Manami Okazaki, Eike N.A. Onyambu, Amélie Persché, Pia Nives Welser und Charlotte Zorell, dazu Multiinstrumentalist Ruei-Ran Wu, die meisten davon erstmals im TheaterArche-Engagement, gestalten die Collage. Eine Reise ins Ungewisse, Unbekannte, Untiefe, die sich für jede Zuschauerin, jeden Zuschauer des in drei Gruppen aufgeteilten Publikums anders gestaltet.

Choreografin Pia Nives Welser, hi.: Roberta Cortese und Claudio Györgyfalvay. Bild: © Jakub Kavin

Bernhardt Jammernegg im Inferno mit Max Glatz, Manami Okazaki und Charlotte Zorell. Bild: © Jakub Kavin

Roberta Cortese unter Höllentieren: Claudio Györgyfalvay, Max Glatz und Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Bernhardt Jammernegg, Roberta Cortese, Charlotte Zorell und Pia Nives Welser. Bild: © Jakub Kavin

Man selbst strandet zuerst im Irish Pub, die Ausstattung aller Räume ist von Schauspielerin und Bildhauerin Helena May Heber, denn wie stets hat Kavin interdisziplinär tätige Künstlerinnen und Künstler um sich versammelt, strandet im Irish Pub also, wo man aber nicht etwa Leopold Bloom, sondern in Marc Illich und Tom Jost zwei Raskolnikows begegnet, die Serviererin-Prostituierter Sonja, Pia Nives Welser, mit Marc Illich und Claudio Györgyfalvay auch für die Choreografien zuständig, und Barkeeper Johannes Blankenstein bei Wodka und Whiskey vom Totschlag der Pfandleiherin berichten.

Dass dabei auch Russisch gesprochen wird, ist in der TheaterArche Programm, später wird’s noch Monologe in Englisch, Italienisch und Japanisch geben, Eike N.A. Onyambu rappt Amanda Gormans Amtseinführungsrede für Joe Biden: „We are striving to forge our union with purpose. To compose a country committed to all cultures, colors, characters and conditions of man.“ Roberta Cortese klagt im „Inferno“: „ich bin verwirrt gewesen, das kommt doch vor. ich hatte die mitte des lebens erreicht, die mitte des horizonts, den halben weg. oder, wo sonst bin ich hier?“ (Miroslawa Svolikova).

Koloratursopranistin und TheaterArche-Co-Leiterin Manami Okazaki spricht und singt zur AKW-Katastrophe in Fukushima: „Die Natur schlug zu und traf das Kernkraftwerk. 120 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt bin ich aufgebrochen und wusste wohin. In ein Zelt. Und was wird sein?“ (Lydia Mischkulnig). Kavin hat den Begriff Odyssee weit gefasst, vom antiken Inselhopping zur Irrfahrt zu sich selbst zur Rückkehr in ein verseuchtes Land.

Bernhardt Jammernegg als Teiresias. Bild: © Jakub Kavin

Fukushima-Monolog von Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Elisabeth Halikiopoulos im Spiegel-Boudoir. Bild: © Jakub Kavin

Bildhauerin Helena May Heber. Bild: © Jakub Kavin

„Es geht mir um die Heimatsuche, die geografische wie die innere“, sagt er. „Meine Figuren sind Weitgereiste, Wartende, vom Schicksal verwehte, Anti-Heldinnen und -Helden, die fehlgehen, wo immer der Mensch nur irren kann. Das heißt“, unterbricht er sich, „meine Figuren sind es nicht, wir sind ein Produktionskollektiv, bei dem alle in die Rolle das Ihre einbringen. Ich vertraue den Spielerinnen und Spielern den Text an, damit sie ihn mit ihren eigenen Subtexten zum Leben erwecken.“

Derart ist die Performance von der ersten Minute an intensiv, durch die Nähe zum Geschehen auch intim, meint: auf spezielle Weise immersiv, die TheaterArche gewohnt innovativ. Weiter geht’s in den Theatersaal, wo sich im von Tom Jost und Nagy Vilmos gesprochenen „Inferno“ Roberta Cortese und Bernhardt Jammernegg in Höllenqualen winden. TheaterArche, das ist immer auch Körpertheater, hier kriecht ein Ensemble aus Unterweltsfratzen gleich Totentieren auf die Unglücklichen zu. Grausam-poetisch ist das, enigmatisch, aufregend, und so findet man sich in der persönlichen Lieblingsschreckenskammer wieder.

Einem Dostojewski’schen Spiegel-Boudoir mit Elisabeth Halikiopoulos als frech-frivole Molly Bloom, Charlotte Zorell als Reitgerten-bewehrte Domina und Nagy Vilmos mit Beißkorb – pst, mehr soll da nicht verraten sein. Nur so viel, um Sartre zu bemühen: Die Hölle, das sind die anderen …

Die Raskolnikows Marc Illich und Tom Jost parlieren im Irish Pub auch auf Russisch. Bild: © Jakub Kavin

Selbst das Klavier ist gestrandet: Amélie Persché, Nagy Vilmos und Charlotte Zorell. Bild: Jakub Kavin

Als Reitgerten-bewehrte Domina mit einem Stammkunden: Charlotte Zorell mit Nagy Vilmos. Bild: © Jakub Kavin

Endlich Penelope und Odysseus: Helena May Heber und Claudio Györgyfalvay. Bild: © Jakub Kavin

Die „Odyssee 2021“ dreht sich kaleidoskopisch um die Achse Homer, bei Kavin reimt sich selbst noch Amanda Gorman aufs Gorman-Gilbert-Schema zum „Ulysses“, Homer also, als dessen antiker Odysseus Claudio Györgyfalvay durch das Labyrinth der Räume rennt, gehetzt von Kirke und eigenen Dämonen, einen Ausweg erflehend, doch von Kavins Assoziationsketten in Fesseln geschlagen. Und apropos, schlagen: Im Foyer findet man erneut Helena May Heber, die während der zweimonatigen Spielzeit einen 300-Kilo-Stein zur Muttergöttin meißeln wird, begleitet von Amélie Persché, mit 17 Jahren die jüngste im Ensemble, auf der Bratsche. Zwei Frauen, Homers Penelope und Theodora Bauers Penny: „Sie haben mir gesagt, ich muss warten. Ich muss immer, immer warten. Ich hasse warten.“

Am Ende, alle versammelt im Theatersaal, gesellt Jakub Kavin zu seinen Protagonistinnen und Protagonisten die Antagonisten: Bernhardt Jammernegg als mittels Kontaktlinsen erblindeter Teiresias im Fake-News-Anzug, Tom Jost als Swidrigailow, Nagy Vilmos als Leopold Bloom und Max Glatz, eben noch Polyphem, als Joyces „Telemach“ Stephen Dedalus. Für Marc Illich als Zukünfigen Odysseus hat Hausautor Thyl Hanscho einen Text geschrieben. So endet nach drei Stunden ein herausforderndes, faszinierendes Theaterereignis, ein Gesamtkunstwerk, dessen Genuss man nur von ganzem Herzen empfehlen kann.

„Zwischen Skylla und Charybdis lassen wir die Ketten zur Brücke werden. Wir befreien die Ungeheuer und damit uns von der Angst in die alten Sprachen zurückzugeraten.“ (Marlene Streeruwitz)

Vorstellungen bis 11. November. Den Spielort des Prologs erfährt man jeweils beim Kauf des Tickets. www.theaterarche.at

TIPP:

Von 11. September bis 11. November findet in der TheaterArche außerdem das Odyssee Festival statt. Zu den 14 Aufführungen zählen: Dione – mit Koloratursopranistin Manami Okazaki präsentiert Scharmien Zandi erstmals alle Elemente des internationalen Kunstprojekts als Opernperformance. Lost My Way von und mit Saskia Norman, Regie: Elisabeth Halikiopoulos. Das Tanztheaterstück Mythos. The Beginning of the End of the Story von Nadja Puttner und Unicorn Art. Das Schauspiel- und Figurentheater Der Sturm, für Kinder ab 6 Jahren, frei nach Shakespeare und inszeniert von Eva Billisich. Stilübungen – Raymond Queneaus Meisterwerk als Theaterstück. Und von 28. bis 30. Oktober Das Dostojewski Experiment, eine szenische Collage der TheaterArche mit großem Ensemble, ein Fest zum 200. Geburtstag des russischen Romanciers.

www.theaterarche.at

  1. 9. 2021

Hin & Weg 2021: Die Highlights aus dem Programm

Juli 27, 2021 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Geballte Theaterpower am Waldviertler Herrensee

Parterre Akrobaten, Schubert Theater. Bild: © Barbara Pálffy

Das 4. Theaterfestival Hin & Weg vom 13. bis 22. August in Litschau am Herrensee steht unter dem Motto „Mut und Vergänglichkeit“. Rund um dieses Thema präsentiert Festivalgründer und Intendant Zeno Stanek mehr als 100 Veranstaltungen an mehr als 30 Spielorten in Litschau und Umgebung. An den beiden Wochenenden 13. bis 15. und 20. bis 22. August sind Aufführungen, szenische Stückpräsentationen, „Küchenlesungen“ von

bekannten Theaterleuten in privaten Haushalten, Hörspiele, Theaterereignisse für junge Menschen, Autorinnen-/Autorenlesungen und Performatives zu erleben. Bei Hin & Weg geht es um Dialog und Austausch. So spricht Ö1Journalist Bernhard Fellinger an den Vormittagen bei „Fellingers Früh.Stück“ mit hochkarätigen Gästen, bei den Feuergesprächen wird zu später Stunde zu verschiedenen Themen diskutiert. Dramatiker Calle Fuhr und Musikerin Maria Petrova begleiten das Festival mit ihrer kreativen Arbeit als Artists in Residence. Ernst Molden hat wieder sechs SingerSongwriterKonzerte, etwa EsRAP & Band oder Gerald Votava und Walther Soyka mit Nöstlinger-Songs, kuratiert. Last but not least finden, ergänzend zum Festival, vom 16. bis 20. August Workshops rund ums Theater statt.

Geprägt wird Hin & Weg von einer geballten Ladung an junger kreativer Energie. Die seit Beginn bestehende Zusammenarbeit mit der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, mit Studierenden des Max ReinhardtSeminars und heuer auch mit der HfS Ernst Busch Berlin ermöglicht zahlreichen begabten jungen Menschen, eigene Ideen und Projekte auszuprobieren, sowie den Austausch mit bereits arrivierten Theaterleuten, die ihre Erfahrung gerne an die Jugend weitergeben. So sind Künstlerinnen und Künstler wie Fanny Altenburger, Ljuba Arnautović, Theodora Bauer, Josephine Bloéb, Gerti  Drassl, Calle Fuhr, Felix Hafner, Markus Kupferblum, Jim Libby, Manuela Linshalm, Erni Mangold, Anna Marboe, Maeve Metelka, Ursula Mihelič, Ernst Molden, Alina Schaller, Christa und Kurt Schwertsik, Paul Skrepek, Katharina Stemberger, Christian Strasser, Fritzi Wartenberg, AntoN Widauer, Rebekah Wild, Christian Winkler, Doris Weiner oder Johannes Zeiler zu Gast.

Zahlreiche Ensembles wie English Lovers, Gledališče Dela, theatergruppe kollekTief, Schubert Theater Wien oder Volkstheater Wien zeigen oder erarbeiten vor Ort ihre Produktionen. Hauptspielorte sind das Herrenseetheater direkt am See und der Brauhausstadl in Hörmanns. Als weitere Bühnen werden Räume aller Art adaptiert. Gespielt wird beispielsweise im Kulturbahnhof, im Gütermagazin am Bahnhof, im ehemaligen Supermarkt, in einer alten Bäckerei, in einer leer stehenden Industriehalle, in einem Schuppen, im alten Lichtspielhaus, aber auch open Air in freier Natur.

Die Fellner Lesung, Institut für Medien, Politik und Theater. Bild: © buero butter

MOŽ! sitz mit mir, Gledališče Dela / Theatre Works. Bild: ©mMiniature puppet

Wer hat Angst vorm weißen Mann? Bild: © Jake Tazreiter

Festivalmotto: Mut und Vergänglichkeit

Eine beispielhafte Produktion zum Thema Mut ist eine der beiden Eröffnungsproduktionen am 13. 8.: „Finale“, ein „Bühnenessay“ von und mit Calle Fuhr, der Mut machen will, sich den Herausforderungen unserer Zeit wie Umweltproblemen und politischen Krisen zu stellen. „K(l)eine Angst“ der neuseeländischen Puppenspielerin Rebekah Wild ermutigt dazu, die eigenen Ängsten zu überwinden. Elly Jarvis und Lilli Strakerjahn steuern mit „subject: YOU/ME/US a solo performance about queer identity“ einen dokumentarischen Theaterabend zum zeitgleichen Coming out von Elly – mit 23 Jahren mitten im queeren Großstadtleben von Berlin – und ihrem Großvater Dix mit 93 Jahren allein in seinem Haus in Michigan – bei.

Vergänglichkeit findet sich in der zweiten Eröffnungsproduktion am 13. 8.: „Proteus ein verschollenes Stück Erinnerung“ von Christian Winkler, verhandelt, ausgehend von der „Orestie“ des Aischylos, mit einem Chor aus Seniorinnen und Senioren Themen wie Schuld, Widerstand, Liebe und Tod. Vergänglich ist in der Abschlussproduktion am 22.8. auch der Glaube an ein Idol: In Heldenplätze“ von Calle Fuhr, einer Voraufführung des Volkstheaters Wien, gedenkt Gerti Drassl als Theresa ihres früh verstorbeben Bruders und seines  „Helden“ Toni Sailer. Doch dann werden 2018 gegen den mittlerweile verstorbenen Skistar Vergewaltigungsvorwürfe neu aufgerollt

In „The Worm“ von Gledališče Dela steht der Wurm als Metapher für den Tod, ein absoluter Herrscher, der sich um die Qualität oder den Wert des Lebens nicht schert. Musikalisch der Beitrag von Stelzhamma: Für ihre „Wassamusikhaben die vier in Linz ausgebildeten Jazzmusiker ein eigens der Vergänglichkeit gewidmetes Stück komponiert.

Impression I: English Lovers am Ufer des Herrensees, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression II: Gib mir ein F – Publikumsgespräch, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression III: Fellingers Früh.Stück im Herrenseetheater, 2018. Bild: © Constantin Widauer

Impression IV: Küchenlesung mit Katharina Stemberger, 2018. Bild: © Karl Satzinger

Starke Frauen & Theaterkollektive

Zahlreiche Produktionen stammen 2021 von bemerkenswerten Frauen, die in der zeitgenössischen Theaterlandschaft am Vormarsch sind. Multitasking ist angesagt: Viele schreiben ihre eigenen Texte, die sie selbst inszenieren und spielen. Kollektives Arbeiten ist die gängige Produktionsform geworden. So zeigt das FTZNKollektiv von Fritzi Wartenberg, Benita Martins, Hannah Rang und Runa Schymanski gleich zwei Stücke: „Bei aller Liebe jetzt wird gefotzt!“ als Fortsetzung der Erfolgsproduktion „Gib mir ein F“ aus dem Vorjahr, die heuer wiederaufgenommen wird. Beide Stücke hinterfragen ironisch die Widersprüchlichkeit zwischen feministischen Forderungen und nach wie vor bestehenden konventionellen Idealbildern von „Mann“ und „Frau“.

Theatergruppe kollekTief mit Alina Schaller, Andrea Meschik, Anna Marboe und Anton Widauer kommt mit „Der Traum nach einer Erzählung von Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Armela Madreiter und Kim Ninja Groneweg hinterfragen auf ihrem Audiowalk „(Ver)Gänglichkeiten“ Geschlechtsidentitäten. Aus Anlass von Thomas Bernhards 90. Geburtstag zeigen Doris Hindinger, Karola Niederhuber und Saxophonistin Ilse Riedler „Der Theatermacher und Der deutsche Mittagstisch“. In „ParterreAkrobaten“ des Schubert Theaters Wien unternehmen Manuela Linshalm, Christoph Hackenberg und Jana Schulz aus Anlass von H. C. Artmanns 10. Geburtstag eine Reise durch die Panoptika, Geisterbahnen und Fundbüros des Wiener Praters mit Texten und Musik von Artmann  und Kurt Schwitters.

Barbara Gassner erzählt in „Sagt man eigentlich noch Indianer Versuch 2“ in der Regie von Ed. Hauswirth die Geschichte ihrer Großtanten Anna und Mina, die 1919 aus der Provinz nach Wien gegangen sind und die Stadt ihr Leben lang nicht mehr verlassen haben. Musikerin in Residence Maria Petrova, seit 21 Jahren als vielbeschäftigte Musikerin in Wien beheimatet, wird am Festival als Begleiterin zahlreicher Veranstaltungen ihr gesamtes rhythmisches Œuvre an unterschiedlichsten Instrumenten entfalten.

„K(l)eine Angst“ der Neuseeländerin Rebekah Wild. Bild: © Barbara Pálffy

Beispiel fürs Festivalmotto: Oleanna – ein Machtspiel. Bild: © Jake Tazreiter

Proteus – ein verschollenes Stück Erinnerung. Bild: © Wolfgang Rappel

Kafka-Schwerpunkt

An Wochenende des 14. und 15. August 1920 trafen einander in Gmünd die Journalistin Milena Jesenská und der Schriftsteller Franz Kafka zum zweiten Mal in ihrem Leben persönlich. Diese Begegnung der beiden Liebenden fand Eingang in „Briefe an Milena“, die heute zur Weltliteratur gehören. In „1000 Briefe von dir und 1000 Wünsche von mir. Franz K. & Milena J.“ folgt Martina Winkel auf den Tag genau 101 Jahre nach dem  schicksalhaften Treffen in assoziativen Schattenbildern den brieflichen Spuren der komplexen Liebesgeschichte. Das Gastspiel „MOŽ! sitz mit mir“ von Gledališče Dela basiert unter anderem auf der Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Die Hörspielreihe in Zusammenarbeit mit Ö1 bringt fünf teils legendäre Hörspiele, darunter Der Gruftwächter“ von Franz Kafka mit Anne Bennent und Hans Neuenfels, erschienen als Klangbuch im Mandelbaum Verlag, 2009, oder Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, bearbeitet und gespielt von Felix Mitterer, einer Produktion des ORF Tirol, 2013.

Besonderheiten im Programm

Der Festivaltag bei Hin & Weg beginnt an den Wochenenden um 08.30 Uhr mit einer YogaSession am Ufer des Herrensees, danach folgen die morgendlichen Diskurse in der TeelöffelLounge, kuratiert von Katharina Stemberger. Bei „Fellingers Früh.Stück“ diskutieren zu „Mut“ Erni Mangold, Petra Ramsauer und Zeno Stanek, zu „Kontrollverlust “ Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher, Astrologin Astrid Hogl-Kräuter und ZIB-Wissenschaftsjournalist Florian Petautschnig, zu „Verwandlung“ Ljuba Arnautović und Imkerin Theresa Dirtl sowie zu „Vergänglichkeit“ Gerti Drassl und Schamane August Thalhammer. Bei den beliebten Küchenlesungen laden heuer unter anderem Gerti Drassl, Erni Mangold, Katharina Stemberger, Doris Weiner oder Johannes Zeiler in private Litschauer Haushalte. Dazu wird ein dreigängiges Menü serviert.

Sehenswerte sind auch „Die Maschine“ von Paul Skrepek und Andreas Platzer, die aus Sperrmüll akustische Apparaturen bauen, „Die Fellner Lesung Anleitung zum Fellnerismus“, ein Format des „Instituts für Medien, Politik und Theater“ in der Regie von Felix Hafner, unter anderem mit Josephine Bloéb und Clemens Berndorff, oder der Kurzfilm „Hörmanns“ von Siegmund Skalar.

www.hinundweg.jetzt

27. 7. 2021

ImPulsTanz 2021: Die Highlights der ersten Festivaltage

Juli 15, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz, Performance und eine Hommage an Ismael Ivo

Dieter Blum: Erinnerungen an Ismael Ivo. Bild: © Dieter Blum

Ab heute versammeln sich wieder Tausende Tanzlustige aus aller Welt in Wien, um die großen Choreografinnen und Choreografen dieser Zeit auf den Bühnen zu sehen, mit ihnen in den Studios des Wiener Arsenal zu tanzen, Newcomerinnen und Newcomer zu entdecken, neue Formate zu erleben sowie Konzerten in der Festival Lounge zu lauschen. Bis 15. August heißt es: tanzen und tanzen lassen.

Um 20 Uhr eröffnet Alexandra Bachzetsis im Odeon das PerformanceProgramm. Dabei bringt sie scheinbar Gegensätzliches zusammen Rembetiko und Wrestling, Liebe und Krieg und lässt Popkultur und Mode mit Performance und Tanz verschmelzen. Ihr „Private Song“ ist ein weiteres Mal am 17. Juli zu sehen.

Am Eröffnungstag, ab 19 Uhr, findet ebenfalls im Odeon die Vernissage von Dieter Blums Erinnerungen an Ismael Ivo statt. Diese ist im Weiteren an allen Spieltagen im Odeon von 16.30 bis 18.30 Uhr bei freiem Eintritt zu besuchen. Den ersten Festivaltag beschließt ein Konzert von Soulund R’n’BÜberflieger Lou Asril, der zuletzt mit Conchita Wurst „Lovemachine“ veröffentlichte, in der ImPulsTanz Festival Lounge im Kursalon im Stadtpark.

Ins Wochenende und in die [8:tension] Young Choreographers’ Series startet Sophia Rodríguez am Freitag, dem 16. Juli im Schauspielhaus mit ihrer im wahrsten Sinne des Wortes haarsträubenden Performance „Ostentation Project“. Im Anschluss daran holt Trajal Harrell im Akademietheater Tennessee Williams’ Maggie auf den Catwalk. Beide Stücke werden am 18. Juli ein zweites Mal gezeigt.

Der Samstag, der 17. Juli steht ganz im Zeichen von zwei Weltpremieren. Uraufgeführt werden Ian Kalers „POINTS OF DEPARTURE Hyphen“ mit einem Falken auf dem Arm, einer ComingofAgeStory und jede Menge Tanzim WUK (zweite Vorstellung am 19. Juli) und Meg Stuarts „CASCADE“ im Volkstheater ein freier Fall in die sich auflösende Zeit mit einem Bühnenbild von Philippe Quesne zur Musik von Brendan Dougherty (erneut ebenfalls am 19. Juli).Ein Happy End beschert anschließend in der ImPulsTanz Festival Lounge die PornPopBand Maraskino mit Frontsänger Julian Hruza von Julian & der Fux.

Mit den „impressions’21″ starten am Sonntag, dem 18. Juli vier Wochen buntes WorkshopTreiben im Arsenal (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=462339). In der Opening Lecture zeigen ausgewählte Dozentinnen und Dozenten, was in den kommenden 190 Kursen auf die Tänzerinnen und Tänzer zukommt, sowohl verbal als auch tänzerisch nd bei freiem Eintritt. Im Anschluss darf man sich auf die einmalige Vorführung von Trajal Harrells Film „Friend of a Friend“ im mumok kino freuen.

Trajal Harrell: Maggie The Cat. Bild: © Tristram Kenton

Meg Stuart / Damaged Goods. Bild: © Martin Argyroglo

Alexandra Bachzetsis: Private Song. Bild: © Mathias Voelzke

Sophia Rodríguez:. Bild: © Leontien Allemeersch

Aber das ist noch nicht alles: Trajal Harrell wird am Montag, dem 19. Juli gleich zwei Mal sein berührendes Solo „Dancer of the Year“ im Odeon präsentieren, dessen Ausgangspunkt seine Auszeichnung zum Tänzer des Jahres 2018 war. Dazwischen und erneut am 21. Juli ist die zweite der insgesamt neun Produktionen der [8:tension] Young Choreographers’ Series zu sehen: Mit „Everything I don’t know, I’ve stolen“ präsentiert Petar Sarjanović im Kasino am Schwarzenbergplatz eine spielerische Entdeckungsreise durch sein persönliches Kunstarchiv.

Am Dienstag, dem 20. Juli und am Donnerstag, dem 22. Juli ist Choreograf Guilherme Botelho mit dem ersten von zwei Stücken im Akademietheater zu Gast. In „Sideways Rain“ tanzt seine 15köpfige Compagnie Alia sein eindrucksvolles Gleichnis zum Verlauf des Lebens. Thematisch schließt er ebendort am Mittwoch, dem 21. Juli mit der Gruppenchoreografie „Normal.“ an, in dersieben Tänzerinnen und Tänzer ein fulminantes Spiel mit der Schwerkraft treiben. Darüber hinaus hält der 21. Juli drei weitere österreichische Erstaufführungen bereit, mit musikalischer Note: vom französischen Impressionismus bis zum Berliner Rave.

Die Choreografin Lisbeth Gruwez und die Pianistin Claire Chevallier haben sich zusammengetan, um Claude Debussys Klavierwerke in Tanz zu übersetzen und präsentieren dies im MuTh (zweiteVorstellung am 23. Juli). Im Odeon bringt BerghainDJ Fiedel den passenden Sound zu Frédéric Gies’ Choreografie, die er für die schwedische, generationenübergreifende Weld Company entwickelte. „Tribute“ ist weiters am 22. Juli in einer Zusatzvorstellung sowie ein letztes Mal am 23. Juli zu sehen. Und im ersten Teil seiner UGLYTrilogie performt Raja Feather Kelly im Schauspielhaus quer über alle Facetten der Popmusik, von The Beatles über Missy Elliott und Beyoncé bis hin zu RuPaul. Sein „(Black Queer Zoo)“ ist erneut am 23. Juli zu besuchen.

www.impulstanz.com          Trailer: www.youtube.com/watch?v=R75Lo0Ejszk

15. 7. 2021

Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Oscar-Gewinner kommt endlich ins Kino

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Den Oscar in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 nahm der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg mit nach Hause. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“:

www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist „Der Rausch“ ein im Wortsinn berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis. COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, kommt der Film am 16. Juli nun endlich in die heimischen Kinos. Hier noch einmal die Filmkritik vom April: Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide.

Und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat. Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im vergangenen Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorische Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45870

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

13. 7. 2021

Endlich im Kino: Koproduzent Österreichs Oscar-Beitrag „Quo vadis, Aida?“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Massaker von Srebrenica, die Schande Europas

Die Dolmetscherin Aida Selmanagic sucht unter 25.000 Flüchtlingen ihren Ehemann und ihre beiden Söhne: Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Für einen Oscar 2021 hat’s zwar nicht gereicht, der Spielfilm der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić „Quo vadis, Aida?“ war in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert, dafür gab’s bisher 16 andere internationale Auszeichnungen. An der europäischen Koproduktion sind außer Bosnien-Herzegowina sieben weitere

Länder beteiligt, aus Österreich die coop99 filmproduktion mit den Koproduzenten Barbara Albert, Antonin Svoboda und Bruno Wagner – COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, ist das Drama über das Massaker von Srebrenica nun endlich in den heimischen Kinos zu sehen. Hier noch einmal die Filmrezension vom März: Aida rennt. Sie hastet durch Korridore, irrt durchs Labyrinth der früheren Batteriefabrik, vorbei an den Blauhelmen, durchs provisorisch eingerichtete Lazarett, hinaus ins so unfreie Freie, wo 25.000 bosnische Flüchtlinge vergeblich auf Einlass ins UNPROFOR-Quartier in Potočari hoffen. Es ist der 11. Juli 1995, so auch ein früherer Titel des Films: „11th of July“, die Menschen kommen aus Srebrenica – womit sich mehr zu erläutern eigentlich erübrigt. Aida erklimmt das Wärterhäuschen am Schranken, „Nihad, Hamdija, Sejo!“ ruft sie, doch wie unter den vielen hier Ehemann und Söhne finden?

„Quo vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić ist ein Film, der wehtut. So richtig wehtut. Und das ist gut so. Das Massaker von Srebrenica ist die Schande Europas, und nicht die letzte, wie man anno 2021 weiß. Sieht man die Bilder dieser am Zaun ihrer Überlebenschance abgewiesenen Männer, Frauen, Kinder, muss man unweigerlich an jüngere Ereignisse denken. Derart spannt der Film einen Bogen zu Moria, Kara Tepe, Europas Außengrenzen, Lipa tatsächlich an der bosnisch-kroatischen. „Quo vadis, Aida?“ ist kein Plädoyer, es ist ein Appell.

Žbanić, selbst Überlebende des Bosnienkriegs, Mitglied des „Democracy in Europe Movement 2025“, Unterzeichnerin der „Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner“, ließ sich für ihr Skript vom Buch über den Völkermord in Srebrenica des Übersetzers für die UN-Truppen Hasan Nuhanović inspirieren. Diese Dolmetscherin ist nun Aida Selmanagić, die Jasna Đuričić mit einer Eindringlichkeit, einer Unmittelbarkeit spielt, für die sich der serbische Theater- und Kinostar eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient gehabt hätte.

Eben noch hatte Colonel Karremans den an Hunger sterbenden – denn die bosnisch-serbische Armee ließ keine Hilfslieferungen zu – Srebrenicern erklärt, in der „Schutzzone“ seien sie sicher, da schlagen die Granaten ein, rollen Panzer an, Kriegsherr, Kriegsverbrecher Ratko Mladić im Machtrausch, Darsteller Boris Isaković auch von einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit. „Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk“, verkündet der General in die Fernsehkamera, dieser ständigen Begleiterin seines Eroberungsfeldzugs. Seine „ethnische Säuberung“ wird 250.000 Tote fordern, 1.3 Millionen Flüchtlinge, geschätzte 20.000 bis 50.000 Vergewaltigungsopfer – in Srebrenica wurden 8372 muslimische Männer und Jungen ermordet -, der schlimmste Genozid in Europa seit dem Dritten Reich.

Und die Menschen laufen mit Sack und Pack, Gehbehinderte in Schubkarren, Mütter, die ihre Kinder im Chaos verloren haben, Verletzte, eine Kuh als letztverbliebenes Hab und Gut. Die Statistinnen und Statisten aus Stolac und Mostar, das ist die Stadt an der Brücke Stari Most, sind mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache. Jede und jeder auf den die Grazer Kamerafrau Christine A. Maier, bekannt für Barbara Alberts „Licht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053) oder Ruth Maders „Life Guidance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27841), zoomt, verkörpert einen Charakter, Gesichter, die um das wissen, was hier geschildert wird, Gesichter, die man so schnell nicht vergisst.

Rückblende: Aidas Erinnerungen an einen unernsten Beauty-Contest in Srebrenica. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Niederländer wollen nicht helfen, Aida ist ratlos und verzweifelt: Jasna Đuričić:. Bild: © Polyfilm Verleih

Ratko Mladić-Mann Joka provoziert Major Franken: Emir Hadžihafizbegović und Raymond Thiry. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Unterhändler unterwegs zu Mladić: Rijad Gvozden als Muharem, Johan Heldenbergh als Colonel Karremans und Jelena Kordić-Kuret als Chamila. Bild: @ Polyfilm Verleih

Tausende suchen im UNO-Gelände in in Potočari, wo bald chaotische Zustände herrschen. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida erklärt den Flüchtlingen, dass sie deportiert werden: Raymond Thiry und Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Ob’s nun heißt, die Basis ist voll oder das Boot ist voll, das Dutchbat ist von der Situation völlig überfordert. Karremans telefoniert vergeblich um Luftunterstützung, die NATO-Generalität urlaubt um diese Jahreszeit. Später wenn Mladićs Tschetniks mit der Unverfrorenheit der Sieger den UN-Stützpunkt nach muslimischen Freischärlern durchsuchen, wenn der abgebrühte, herrlich großsprecherische Joka von Emir Hadžihafizbegović den diensthabenden Major Franken, Raymond Thiry, wie einen Schulbuben abkanzeln wird, werden dessen Jungs in ihren lächerlichen kurzen Camouflage-Hosen ob all des Leids rund um sie den Tränen nahe sein.

Aida, von den Niederländern überdeutlich als Untergebene behandelt, hat es zwischenzeitlich geschafft, ihre Familie ins Camp zu holen, indem sie ihren Mann und ehemaligen Schuldirektor Nihad für die Gruppe der Unterhändler, die Mladić zu sehen verlangt, vorschlägt. Auch Izudin Bajrović als in sich gekehrter Nihad, Boris Ler als nervlich schwer angeschlagener Hamdija und Dino Bajrović als dessen jüngerer Bruder Sejo agieren mit einer Authentizität, die gespenstisch, die kaum auszuhalten ist.

Ebenso Jelena Kordić-Kuret als Chamila und Rijad Gvozden als Muharam, die mit Nihad das „Verhandlerteam“ bilden. Chamila, die sich auf ekelhafte Art nach Waffen abtasten lassen muss, während der niederländische Soldat nach der Losung „Wir dürfen die Serben nicht reizen!“ schweigt, Rijad Gvozden, der als Kriegswaise im SOS-Kinderdorf in Gračanica aufwuchs, und der’s als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur auf die Kinoleinwand schaffte.

Die Anspannung, die Todesangst, die Panik, das Unverständnis über den Hass der gerade noch gewesenen Hausnachbarn ist förmlich mit Händen zu greifen, das nahende Unheil liegt in der Luft, Gerüchte von Vergewaltigungen und Erschießungen gehen um. Zu den nach außen hin ruhig ausharrenden Flüchtlingen mengt Jasmila Žbanić den Kommandoton, im Grunde Ohnmachtsschrei der niederländischen Soldaten, stille Minuten des Zusammensitzens mit dem mitfühlenden Arzt Dr. Robben, Reinout Bussemaker, ein kleines Lachen, ein schneller Kuss, in der Rückblende Aidas Erinnerung an einen nicht ganz ernst gemeinten Beauty-Contest. Beim Kolo, beim Reigentanz, hält die Kamera inmitten der ausgelassenen Stimmung wie versteinerte Mienen fest. Sind diese Menschen tot, klagen sie uns an, war der oder der nicht unter den Widerstandskämpfern zu sehen?

Momente sind das. Blauhelme mit gesenkten Köpfen vs. die serbischen Herrenmenschen, die Furcht vor Mladićs Unberechenbarkeit so enorm, dass die Niederländer alle Prinzipien, alle Vorschriften außer Acht lassen. Die UNPROFOR, die der General sowieso deppert anrennen lässt, ohne Benzin, ohne Nahrungsmittel, erst die Tschetniks bringen Brot ins Lager, welch ein Armutszeugnis, was muss Mladić gelacht haben. Chamila, die im Gegenüber von Ermin Bravo einen ehemaligen Mitschüler erkennt, die Vorkriegs-Lehrerin Aida im brutalen Beli von Jovan Zivanovic einen früheren Schüler – ein kurzer Dialog, der mit Grüßen an die jeweiligen Verwandten endet, doch als Major Beli Mutter Aida nach dem Verbleib von Hamdija fragt - die beiden waren offensichtlich früher befreundet -, erkennt man, wie doppelbödig diese Frage ist und wie gefährlich eine ehrliche Antwort sein könnte.

Und in all das hinein wird ein Kind geboren, ein Symbol, das jüngste Opfer in Srebrenica war ein wenige Stunden altes Baby, ein Mädchen, das Fatima genannt werden sollte. Und Aida rennt. Wie eine Löwin, mit dem Mut der Verzweiflung hat sie für ihre drei Männer gefightet, für die die plötzlich wieder befehlsgehorsamen Niederländer keinen Platz im abrückenden Konvoi freimachen wollen – die humanitäre Katastrophe ist gleichsam die Niederlage des Humanismus. Jeder Ausweg, den Aida einschlägt, endet vor neuen Hürden, neuen Hindernissen, in Sackgassen. Es ist ein Anlaufen gegen das Unvermeidliche.

Für ihr starkes Spiel hätte sich Jasna Đuričić eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient gehabt. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida, in doppeltem Wortsinn eine Seherin, ist nicht nur Getriebene, sondern auch treibende Kraft, als Übersetzerin versucht sie dort zu vermitteln, wo „vernünftig“ Reden längst nichts mehr bewirken kann. Immer mehr wird sie, der die anderen bevorzugte Behandlung unterstellen, zur Zielscheibe von Neid, Wut und Frustration. In der Szene, in der sie den Flüchtlingen mitteilen muss, dass sie von den bosnisch-serbischen Soldaten nach Kladanj abtransportiert werden, Sätze, bei denen sie ihre Skrupel kaum noch runterwürgen kann, bleibt

einem selbst ein Kloss im Hals stecken. Der Strudel, der Aida in die Tiefe zieht, er hat einen längst erfasst. Was folgt ist scheußlichste Zeitgeschichte. Frauen und Mädchen werden von Männern und Jungen getrennt, was weiblich ist, in Autobusse verfrachtet, was männlich ist, weggeführt, die Selektierten jedem Schutz durch die UNPROFOR entzogen, 200 Meter von der UN-Basis entfernt laden erste Erschießungskommandos durch. Für andere geht’s statt zur „Entlausung“ zu einer „Filmvorführung“, statt Gas einzuleiten ragen Maschinengewehre durch die Oberlichten … „nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heißt das nicht, dass sie nicht geschehen können“, sagt Jasmila Žbanić in einer „Director’s Note“.

Unbegreiflich bleibt dennoch, wie 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Shoah mitten in Europa ein Massaker stattfanden konnte, das bis heute eine klaffende Wunde in den Herzen zweier, nein: dreier Völker ist. Zum 25-Jahr-Gedenken 2020 blieben die Fronten verhärtet. Bosnische Meinungsmacher betreiben Polit-Propaganda, serbische leugnen. Um Peter Handke gab’s genug Aufregung, Aufregung auch, weil die Niederlande demonstrativ ihre Srebrenica-Blauhelme ehrten, Hasan Nuhanović fordert immer noch Gerechtigkeit für sich und seine abgeschlachtete Familie.

Dies ist der Film der Stunde, der größtmögliche Aufmerksamkeit verdient, ein Film, der niemanden kalt lassen kann. Er erzählt von Srebrenica mit einer Allgemeingültigkeit für alle Schauplätze, an denen Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihres demokratiepolitischen Engagements verfolgt und verschleppt werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Es ist Jasmila Žbanić zu unterstellen, dass sie das Heute wie das Gestern meint, und sage keiner, „das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen“, schreibt der Buchenwald-Überlebende Ivan Ivanji in seinem jüngsten Buch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45243).

Den Film beschließt ein Epilog – Achtung: Spoiler! Es ist Winter, an Aidas ergrauendem Haar sichtlich etliche Jahre später, die Lehrerin ist zurück in Srebrenica, will wieder als solche arbeiten, und fordert von der jungen Vesna, Edita Malovčić, ihre alte Wohnung zurück. Vesna stellt Aida ihren Sohn Luca als deren künftigen Erstklassler vor. Ein Augenblick, in dem sie – ist er’s wirklich? – im Stiegenhaus Lucas mit Einkaufstaschen bepackten Opa Joka sieht. Er erkennt sie nicht, grüßt freundlich, nicht alle landen im Fangnetz von Den Haag. Eine Aufnahme, in der Frauen um sterbliche Überreste im Kreis gehen, Angehörige, die vergraben, nicht beerdigt wurden, Skelette und Stoffreste – da erkennt Aida Hamdijas Sneaker.

Schnitt. Eine Schüleraufführung. In der ersten Reihe Luca, im Publikum Frauen mit bosnischem Hidzab und ohne, Muslime und Serbisch-Orthodoxe, und eine stolze Lehrerin Aida, die an der Sprossenwand lehnt. Die Kinder singen ein Lied, halten erst die Hände vors Gesicht, dann heißt es: Augen auf! Vielleicht ist ja die nächste Generation eine Friedenschance … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45395

www.facebook.com/quovadisaida       Jasmila Žbanić im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=91OYf2rspDQ       Original-Trailer – unbedingt ansehen: www.youtube.com/watch?v=ErLD8P4VUjY

13. 7. 2021