netzzeit 2019 Out of Control: Dionysos Rising

September 20, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bakchen wurden in die Psychiatrie überstellt

Umringt von allerlei surrealem Volk: Zachary Wilson als Dionysos mit Knochendaimon Evandro Pedroni, Da Yung Cho als Telete, Waldgeist Britt Kamper-Nielsen, Faun Juliette Rahon, Anna Quadrátová als Semele und Nymphe Luan de Lima. Bild: © netzzeit

“Ist der Dame nicht gut?”, fragt eine Zuschauerin mit Blick auf die junge Frau, die sich in einer Ecke auf dem Boden windet. Es ist Sopranistin Da Yung Cho in ihrer Rolle als Telete, die die prickelnde Atmosphäre des Sektempfangs auf der Spielfläche stört. Gerade, als das Publikum sich zuprostet, der Gott des Weines wie des Rauschs lässt keine gläserne Flöte lange leer, wird seine Tochter verhaltensauffällig, die Vortänzerin seines Nachtvolks nicht mehr nur im Ritual rasend – und schon stürmen Ärzte und Pfleger den Raum. Die Bakchen, sie wurden in die Psychiatrie überstellt …

Nach der umjubelten Uraufführung in Trient brachten Regisseur Michael Scheidl und Ausstatterin Nora Scheidl die Oper “Dionysos Rising” gestern im Wiener MuseumsQuartier zur Österreichischen Erstaufführung. Das musiktheatralische Werk von Komponist und Librettist Roberto David Rusconi markiert gleichsam den Auftakt von “netzzeit 2019 Out of Control” mit insgesamt drei Produktionen, die unter dem Motto “Der ewige Augenblick” stehen. Rusconi ließ sich für seine Arbeit von den „Dionysiaka“ des spätantiken, byzantinischen Dichters Nonnos von Panopolis inspirieren. Entstanden ist ein Meisterstück aus Schauspiel, Gesang – in italienischer Sprache mit Übertiteln – und Tanz.

Das Klangerlebnis ist ein einzigartiges, sind doch das live hinter der Bühne musizierende Instrumentalensemble PHACE unter der Leitung von Dirigent Timothy Redmond und sieben Chorstimmen dank des Surround Sounds von L-ISA, derzeit die innovativste Technologie auf diesem Gebiet und von Rock- und Elektropop-Bands wie Aerosmith oder Lorde bereits mit Begeisterung benutzt, von allen Seiten des Raums zu hören. „Soundscape“, Klanglandschaft, nennt Rusconi das so entstehende Phänomen, und er weiß sich damit als Pionier in Sachen Musikdrama.

Männliche Nymphe trifft auf weiblichen Faun: Die Tänzer Luan de Lima und Juliette Rahon. Bild: © netzzeit

Der Knochendaimon gibt Semele den Blutwein des toten Ampelos: Evandro Pedroni, Ray Chenez und Anna Quadrátová. Bild: © netzzeit

Dass derzeit am Burgtheater Ulrich Rasches Interpretation der Euripideschen „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) zu sehen ist, ist eine Koinzidenz, die wohl niemand vorhersagen hätte können. Bei Rasche wie bei Rusconi steht Dionysos für Instinkt und Emotion, für Kräfte jenseits des Rationalen, doch was dem einen numinos erscheint, erfasst der andere als heilsbringend. Die Welt müsse weg von einem Wertesystem, in dem Information mit tieferem Verständnis gleichgesetzt wird, befindet denn auch Michael Scheidl in seinen einleitenden Worten.

Leistungsdruck, Geldgier, Selbstentfremdung, den von Politik und Wirtschaft befeuerten “Flächenbränden des Hasses und der Regenwälder”, gelte es Empathie und Mut zur mänadischen Ekstase entgegenzusetzen. Im Erkennen, dass einen ein Zuviel an Seelenregung in der kalten Nüchternheit dieser Tage aber schnurstracks in die Nervenheilanstalt bringt, hat Rusconi eine solche als Setting gewählt. Zwangseingewiesen sind vier ver-rückte Menschen, deren Leiden die beiden “seriösen Herren” Michael Scheidl und Claudio Polzer diagnostizieren: Sopranistin Anna Quadrátová als Dionysos‘ Mutter Semele ist eine von Wahnvorstellungen von Feuern gepeinigte Frau.

Mit Kaiserschnittnarbe, aber ohne Säugling, wurde sie doch laut Mythologie, als sie Zeus in seinem ganzen Glanz sehen wollte, von diesem verbrannt – worauf Hermes ihre Leibesfrucht bis zur Geburt in Vater Zeus’ Oberschenkel barg. Dass ihr ihre absonderliche Sex-Story niemand glaubt, versteht sich. Sopranistin Da Yung Cho ist als Dionysos‘ Tochter Telete eine offensichtlich mehrfach vergewaltigte Borderlinerin, die allen ihre Freundschaftsbändchen aufzwingt.

C-Tenor Ray Chenez sitzt als Dionysos‘ Geliebter Ampelos im Rollstuhl. Denn der Legende nach stürzte der Satyr von einem Stier, den er bei einer Jagd ritt, wurde vom wütenden Tier zu Tode getrampelt, und von Dionysos daraufhin als Sternbild des Bärenhüters an den Himmel gehoben. Rusconi hat ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung verpasst, Nora Scheidl eine Taleguilla, eine Matadorhose, und Michael Scheidl lässt ihn damit zähnefletschend grinsend über die Spielfläche fahren. Und schließlich Bassbariton Zachary Wilson als der Gott höchstselbst – ein herablassender Heroinsüchtiger im Slim-Fit-Anzug, bei dem die Psychiater Größenwahn und eine kognitive Störung konstatieren.

Da Yung Cho macht auf wütender Stier, hinten: Ray Chenez als Rollstuhlfahrer Ampelos. Bild: © netzzeit

Die Bakchantinnen und Bakchanten feiern im wilden Tanz ihren Gott Dionysos: Evandro Pedroni. Bild: © netzzeit

Wie diese jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich absolut auf der Höhe sind, vor allem darf man von Chenez‘ die Luft zerschneidendem, eisklarem Timbre angetan sein, ist großartig, dass sie es auch darstellerisch und tänzerisch sind, gehört zu den erstaunlichen Momenten dieser Aufführung. Als wären sie einer die Halluzination des anderen prallen die im klinischen Orkus Gestrandeten nun aufeinander, holen aus Kartons ihr Hab und Gut, eine kopflose Babypuppe und Stilleinlagen, goldene Parfümflakons und Kokain fürs “süße Delirium”, einen Kranz aus Weinlaub für den Fleisch gewordenen Rebstock.

Und während Dionysos auf Ampelos trifft und ihn zärtlich “Mondkalb” nennt, während Telete versucht, sich mit ihrer Strumpfhose zu erdrosseln, und Semele mit ihrem Therapeuten spricht, donnern aus dem Off die düsteren Stimmen von Göttervater Zeus, von der den Schicksalsfaden kappenden Moira Atropos, von Ate, Göttin der Verblendung, und von dem die Ewigkeit lenkenden Eon. Mehr und mehr verschmelzen die Protagonisten mit ihren klassischen Vorbildern, sich verzehrend nach dem einen, im Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust von Lebensfreude und Lust, Opfer hier – siehe Rasche – nicht des Sorgenbrechers, sondern eines apollinischen Prinzips.

Einer Kopflastigkeit, die der Körperlichkeit den Kampf ansagt. Bahn bricht sich nun Rusconis und Scheidls Plädoyer, die Macht von Empfindungen wieder auf Augenhöhe mit der Geistesstärke zu bringen. Der Albtraum wird zum Traumtanz, die beigen Wandpaneele fallen, Geschlechtszuschreibungen ebenso, und die Tänzerinnen und Tänzer, Luan de Lima als männliche Nymphe, Britt Kamper-Nielsen als Waldgeist, Evandro Pedroni als Knochendaimon und Juliette Rahon als weiblicher Faun, stellen sich mit den Sangeskünstlern zum stilisierten Sirtaki auf. Es ist das Totenfest für Ampelos, doch unter Dionysos’ Ägide verfliegt die Trauer rasch. Immer verzückter und entrückter stampfen sie auf, drehen sich in der Choreografie von Claire Lefèvre wie in Trance. Wenn Chaos konstruktiv und Methode ist, wieviel Sinn liegt dann im Wahn? Eine Frage, die “Dionysos Rising” auf geradezu genialische Art stellt. Antworten darauf kann man noch heute und morgen suchen.

Teaser: www.facebook.com/newmusictheatrefestival/videos/2490249161233863/          www.netzzeit.at

  1. 9. 2019

Art Carnuntum: Piero Bordin präsentiert das Programm

Juni 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe und ein Fest für Melina Mercouri

Twelfth Night. Bild: Marc Brenner

Sein sagenhaftes Dreißig-Jahr-Jubiläum feiert Art Carnuntum, das Welt-Theater-Festival im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum, im Sommer 2019 – und wie stets hat Intendant Piero Bordin ein erlesenes Programm zusammengestellt, das, wie es sich für einen „Runden“ gehört, mit einem Geburtstagsfest beginnt.

Am 3. August, 19.30 Uhr, lädt Bordin unter dem Titel Aus Mythen Geboren zu einer poetisch-musikalischen Reise zu den Wurzeln der europäischen Kultur, eine Hommage an das Theater und an Melina Mercouri, der Initiatorin der „Kulturhauptstädte Europas“, mit Live-Orchester und den berühmtesten Liedern der legendären Schauspielerin, Sängerin und späteren griechischen Kulturministerin.

Regie-Altmeister und Antiken-Spezialist Hansgünther Heyme wird Texte aus 2500 Jahren lesen, in denen starke Frauenfiguren eine wichtige Rolle spielen: von der tatkräftigen Hausfrau Praxagora des Aristophanes bis zu den zahlreichen Antigones und Medeen. Für mediterranes Flair sorgt Weinbauer Trygeos Traubenzupfer.

Seit Jahren sind die großartigen Aufführungen des Shakespeare’s Globe Theatre aus London die Highlights des Festivals. Heuer kommt das Ensemble wieder mit drei Inszenierungen zu Art Carnuntum, allesamt Stücke, die von Schiffbrüchigen handeln, die auf der Suche nach Verwandten oder einer neuen Heimat sind. So ist am 9. August, 19.30 Uhr, The Comedy Of Errors zu sehen, in dem ein Paar auf See getrennter Zwillingsbrüder und ein Paar ebenfalls getrennter Zwillingsdiener für Chaos sorgen. Am 10. August, bereits um 14 Uhr, folgt Twelfth Night über Zwillinge, die ein Schiffbruch auseinandertrieb, was zu Liebesqualen und den wohl hervorragendsten Liedern, die Shakespeare je geschrieben hat, führt. Um 19.30 Uhr desselben Tages wird schließlich Pericles gezeigt, die erste von Shakespeares späten Romanzen, in denen der Prinz von Tyrus sich gezwungen sieht, aus seinem Königreich zu fliehen und die Welt zu durchstreifen …

The Comedy Of Errors. Bild: Marc Brenner

The Comedy Of Errors. Bild: Marc Brenner

Pericles. Bild: Marc Brenner

Pericles. Bild: Marc Brenner

Ein Experiment wagt Piero Bordin dann am 14. August, 21 Uhr, mit Die Erkannten Unerkannten des polnischen Theaters der Schattenrevolution ohne Worte. Die Inszenierung von Wioletta Dadej verspricht ein faszinierendes, archaisch anmutendes Theaterereignis zu werden, das fast ohne Sprache auskommt. Ein Spektakel, das sich auf die Werke der 2017 verstorbenen polnischen Bildhauerin Magdalena Abakanowicz bezieht und deren eindrucksvolle Figurengruppen zu beleben versucht, eine Performance, die zeigt, was passiert, wenn eine Menge beinah identer Gestalten beginnt, an Individualität zu gewinnen, und zu Entdecker, Manipulant, Führer, Retter oder gar Verbrecher mutiert, Propheten und Ideologen aufsitzt, nur um am Ende erneut eine uniforme, formlose Masse zu werden. Ganz klar, dass bei diesem Abend Fragen über Freiheit und Unterdrückung verhandelt werden.

Aus Polen kommt „Die Erkannten Unerkannten“. Bild: Theater der Schattenrevolution ohne Worte

The Summit / Der Gipfel: Diocletian (Erich Svoboda) steigt bodyguard-bewacht aus seinem Wagen. Bild: Art Carnuntum

Auch der diesjährige Aufführungszyklus gipfelt in The Summit / Der Gipfel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25528) am 23. August, 21 Uhr. Nach einem Text und in der Inszenierung von Piero Bordin kann das Publikum eines der historisch wichtigsten Ereignisse auf österreichischem Boden mitverfolgen, die im Jahr 308 in Carnuntum stattgefunden habende „Kaiserkonferenz“, ein Gipfeltreffen, bei dem unter Leitung von Diokletian die IV. und letzte Tetrarchie zustande kam, bei der vier Kaiser zur Macht gelangten, die innerhalb von fünf Jahren die damalige Welt weiter entwickelten. Mit ihren Edikten beendeten sie die Christenverfolgung und gewährten erstmals religiöse Toleranz für alle Glaubensgruppen, bis heute eines der elementarsten und erneut schwerst missachteten Menschenrechte. Ein Projekt, das mit ausschlaggebend dafür war, dass die Europäische Kommission Carnuntum das Europäische Kulturerbe-Siegel verliehen hat.

INFO: Alle Zuschauerplätze sind überdacht, dem Wetter angepasste Kleidung wird dennoch empfohlen. Parkplätze sind ausreichend vorhanden. Es gibt aber zu allen Aufführungen auch komfortable Shuttlebusse von und zur Wiener Staatsoper, für die die Tickets aufgrund der limitierten Sitzplätze jeweils zusammen mit den Eintrittskarten zu erwerben sind.

www.artcarnuntum.at

25. 6. 2019

Wiener Festwochen 2019: Ein Programmüberblick

Februar 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Auftakt ein Theatermarathon in der Donaustadt

Diamante. Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018 . Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion

„Die Wiener Festwochen sind ein Ort für multidisziplinäres künstlerisches Schaffen: visionär und gleichzeitig mit Geschichte vertraut, international und in der Stadt Wien verankert.“ Dieses Motto stellt Christophe Slagmuylder, der aus Belgien stammende neue Intendant, seinem ersten Festival voran. Das heute im Studio Molière vorgestellte Programm beginnt am 10. Mai mit einem fünfeinhalbstündigen Theatermarathon in der Donaustadt – mit Veranstaltungen rund um die Erste Bank Arena.

Drinnen wie draußen, mit Kurztexten und Installationen, Disco-Eislaufen und Party. Als Kernstück wird Mariano Pensottis „Diamante“ aufgeführt, das Ganze sowohl eine theatralische Novela als auch eine epische Geschichte, in der es um Errichtung und Niedergang einer städtische Mustersiedlung im Dschungel Argentiniens geht. Slagmuylder, der im Vorjahr kurzfristig auf den überraschend zurückgetretenen Leiter Tomas Zierhofer-Kin gefolgt war, sieht die Wiener Festwochen durchaus in einem politischen Kontext. „Das Festival versucht ein Gegenmittel für jede Form von Selbstüberhebung zu sein, für jeglichen Reflex von Konservatismus, für die Tendenz, das zu schützen, wovon wir Angst haben, es zu verlieren“, schreibt der langjährige Leiter des Brüsseler Festivals Kunstenfestivaldesarts, der in Wien einen Vertrag bis 2024 unterschrieben hat, im Programmbuch. „Um der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, behaupten die Festwochen, dass es sich lohnt, die Fenster zu öffnen, die Welt zu sehen.“

Und so finden sich im Programm neue Werke europäischer Kunstschaffender, die als internationale Schlüsselfiguren gelten und durch die Linse ihres künstlerischen Schaffens Perspektiven auf die zeitgenössische Gesellschaft eröffnen. Deren Bühnenwerke beschäftigen sich mit dem populistischen Klima, das derzeit einen großen Teil des Kontinents dominiert. Sie nehmen Bezug auf die westliche Literatur oder griechische Tragödien, um Formen des Konformismus und der Zensur zu hinterfragen, und stellen so eine Verbindung von der Geschichte zur Gegenwart her.

Christophe Slagmuylder. Bild: Andreas Jakwerth

3 Episodes of Life. Bild: © Markus Öhrn

The Scarlet Letter. Bild: © Bruno Simao

Angélica Liddell ist bekannt für ihre unabhängige Haltung und ihre leidenschaftliche, engagierte Bühnensprache. „The Scarlet Letter“ ist eine neue Arbeit auf Grundlage des berühmten Romans „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne, in dem eine Frau aus der Gemeinschaft verbannt und als Sünderin gebrandmarkt wird. In ihrer Kritik an einer populistischen Gesellschaft, deren Angehörige sich zu Richtern ihrer Mitmenschen machen, und umringt von nackten – männlichen – Körpern, zelebriert die Künstlerin eine Messe, ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst, das jede Form von Puritanismus bekämpft.

Auch der polnische Theatermagier Krystian Lupa bringt eine wichtige Produktion nach Wien: „Proces“. Bei dieser langen und absurden Reise dient ihm Kafka als Führer in seiner Analyse der Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft. „Proces“ ist eine hoch persönliche Arbeit über Theater und Schauspielerei, Überzeugungen und Enttäuschungen. Mit seinen Einsichten in die Wechselbeziehungen zwischen Religion, Gerechtigkeit und politischer Macht ist diese Produktion jedoch vor allem ein starkes Statement, das sich an Lupas Heimatland und dessen aktuelle politische Verfasstheit richtet. Milo Rau ist derzeit wohl einer der am höchsten geschätzten europäischen Theatermacher.

Der anspruchsvolle Künstler und Unruhestifter leitet seit dem letzten September sein eigenes Theater im belgischen Gent. „Orest in Mossul“ ist seine neue Produktion, die im April 2019 uraufgeführt wird. Sie verlegt Aischylos‘ „Orestie“ in den Nahen Osten und bettet sie in die Konflikte ein, die derzeit die Region erschüttern. Während der Proben in Mossul nutzt Rau die fiktive Tragödie zur Dokumentation des realen Konflikts. Der aus derselben Generation stammende und ähnliche Ansätze in seiner Theaterarbeit verfolgende Portugiese Tiago Rodrigues präsentiert ebenfalls seine neueste Produktion „Sopro“ in Wien.

Rodrigues ist Direktor des bedeutenden Nationaltheaters D.Maria II in Lissabon. „Sopro“ stellt Personen in den Mittelpunkt, die normalerweise unsichtbar, fast „Geister“ sind – die Menschen hinter der Bühne. Dieses Stück wurde für Cristina, seit mehr als 39 Jahren Souffleuse am Teatro Nacional D.Maria II, als Hauptfigur geschrieben. „Sopro“ ist ein getriebenes, fast spukhaftes Werk, das darüber hinaus – ein weiteres Merkmal von Rodrigues’ Œuvre – die nachhaltige Aktualität von Fragen der Zensur und Diktatur unterstreicht. Romeo Castellucci, einer der am meisten geschätzten Künstler unserer Zeit, ist in Wien wohlbekannt, ganz besonders bei den Wiener Festwochen. Heuer präsentiert er zwei radikale performative Arbeiten, die seine künstlerische Sprache in Räume außerhalb des Theaters erweitern. Die unabhängig voneinander entwickelten Projekte „Le Metope del Partenone“ und „La vita nuova“ setzen Körper und Maschinen, geheimnisvolle – und manchmal gewalttätige – Bilder und Worte in einen Zusammenhang, um die Rätsel der Gegenwart zu untersuchen.

Das Festival setzt auch seine Zusammenarbeit mit Markus Öhrn fort und produziert das neue Projekt des schwedischen Künstlers: „3 Episodes of Life“. Aus drei Teilen bestehend, die über einen Zeitraum von fünf Wochen regelmäßig zu sehen sein werden, stellt diese Arbeit eine Verbindung der unterschiedlichen Disziplinen Film, Theater und Musik dar. Gewalttaten zwischen Männern und Frauen, die Un/Gleichheit der Geschlechter sowie Missbrauchsfälle im beruflichen Umfeld bilden den Hintergrund für diese Serie, dessen Genre Markus Öhrn als „Silent Movie Theatre“ bezeichnet. Zwei wichtige deutsche Regisseure, die verschiedenen Generationen und Momenten der Berliner Theaterszene angehören, werden 2019 bei den Wiener Festwochen am selben Abend Uraufführung feiern. Der 31-jährige Ersan Mondtag inszeniert „Hass-Triptychon“, ein bisher unveröffentlichtes Stück von Sibylle Berg, mit Benny Claessens und Ensemblemitgliedern des Maxim Gorki-Theaters. Und René Pollesch erarbeitet „Deponie Highfield“, eine neue Produktion für das Burgtheater.

Proces. Bild: © Magda Hueckel

Zweifellos ein, wenn nicht das Highlight: Gleich nach der Premiere in Paris kommt „Mary Said What She Said“, eine neue Zusammenarbeit von Regisseur Robert Wilson, Schauspielerin Isabelle Huppert und Autor Darryl Pinckney nach Wien. Aus Japan kehrt Toshiki Okada, ein bemerkenswerter Theaterregisseur, mit „Five Days in March Re-creation“, einem der wesentlichsten Stücke seiner künstlerischen Laufbahn, nach Wien zurück.

Und, da Slagmuylder verstärkt auf Film setzen will, präsentiert der ungarische Starregisseur Béla Tarr, der sich 2011 eigentlich vom Filmemachen zurückgezogen hatte, mit „Missing People“ sein neues Projekt, ein Format zwischen Film und Installation.

www.festwochen.at

14. 2. 2019

Martin Kušej übernimmt das Burgtheater

Juni 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Amtsantritt des neuen Intendanten erfolgt 2019

Der neue Burg-Herr: Martin Kušej. Bild: BKA/Andy Wenzel

Nun ist es amtlich: Martin Kušej wird der neue Intendant des Burgtheaters, vorerst bestellt für die Jahre 2019 bis 2024. Dies gab der hocherfreute Kulturminister Thomas Drozda Freitagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt.

„Ich freue mich, dass der wichtigste Regisseur des Landes endlich das bedeutendste Theater des Landes übernehmen wird, und sich seiner Lebensliebe – dem Burgtheater – widmen kann“, streute Drozda Rosen. „Ich bin davon überzeugt, dass Martin Kušej das Haus mit Intellekt, Lust und Weitblick führen wird.“ Um nichts weniger enthusiasmiert der designierte neue Burg-Herr, der es kaum erwarten kann, „ein neues, spannendes Kapitel in der Geschichte des Burgtheaters schreiben zu können. Es wird meine Aufgabe sein, ein gutes Theater noch besser zu machen“, so Kušej.

Kulturelle Toleranz, gesellschaftliche Öffnung, die Bewahrung von politischen Tabus müssten ebenso wie die Realität einer multikulturellen Gesellschaft ernst genommen werden – gerade in einem modernen Wien voller verschiedener Kulturen und Sprachen. Und weiter: „Meine Aufgabe wird es auch sein, die nächsten Jahrzehnte vorauszudenken, damit sich das Burgtheater den Anforderungen der Zukunft – etwa die Herausforderungen durch das digitale Zeitalter – stellen kann“.

Thomas Königstorfer bleibt auch weiterhin kaufmännischer Geschäftsführer. Drozda dazu: Königstorfer habe sich nach der Ausschreibung unter sechs Kandidaten – darunter fünf Männer und eine Frau – als bestgeeignetster Kandidat durchgesetzt.

www.burgtheater.at

30. 6. 2017