Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Januar 8, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Good, the Bad und die dazwischen

„Das Gefängnis verschlingt uns, es verdaut uns“, berichtet Paul Hansen über den unangenehmen Geruch des Eingesperrtseins: „Mief kasteiender schlechter Gedanken, sich überall ausbreitende Ausdünstungen schmutziger Einfälle, säuerliche Miasmen alten Bedauerns …“

Paul, im Jahr 2008 Insasse der kanadischen Haftanstalt Montreal, Boulevard Gouin Quest Nummer 800, am Rand des Rivière des Prairies, 1357 Häftlinge, gezählt ohne die zahlreichen Mäuse und Ratten, bis 1962 durch den Strang hingerichtete: 82, ist der Ich-Erzähler in Jean-Paul Dubois‘ jüngstem Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, der sich 2019 überraschend und durchaus zurecht im finalen Rennen um den Prix Goncourt gegen die belgische Autorin Amélie Nothomb durchsetzte (Rezension von deren Nominee „Die Passion“: www.mottingers-meinung.at/?p=42473).

Wie Nothomb beherrscht Dubois die Kunst, die großen Fragen, die existenziellen Themen des Lebens in Romane zu gießen, doch malt sie bevorzugt mit kräftigen Farben, sind seine Arbeiten gleich

Aquarellen mit getuschten Konturen. Der langjährige Journalist Dubois ist ein exakter Beobachter, der seine Plots und Protagonisten stets entlang der Realität entwirft, und so ist auch „Jeder von uns …“, dies so intensive wie stille Buch, dies hingeschriebene Innehalten, zunächst eine Jedermanns-Geschichte wie dem Chronik-Teil entliehen. Im abgeklärt-lakonischen Tonfall eines Mannes, der nichts mehr sein Eigen nennt und ergo nichts zu verlieren hat, schildert Paul seinen nunmehr zweijährigen Alltag hinter Gittern.

Was ihn in diese Situation gebracht hat, was tatsächlich passiert ist, Paul weiß es ebenso wenig wie die Leserin, der Leser, erst 250 Seiten später werden sie’s gemeinsam erfahren. Sobald Paul sich nämlich wieder erinnern kann. Derweil aber müht sich das Gedächtnis um Rekonstruktion der Straftat, hört Paul ganz hinten im Gehirn „alle Knochen brechen“, gehen seine in Literatur festgehaltenen Gedanken im Kreis.

Die tragikomisch anrührenden rund um seinen Zellengenossen Patrick Horton, ein Hüne von einem Hells Angel, der bestreitet, ein Mörder zu sein. Patrick, der von unberechenbar über aberwitzig bis leutselig die ganze Skala menschlicher Stimmungsschwankungen bespielt, ein Bursche, der mal ein Viertel der Stadtbevölkerung per Machete halbieren möchte und mit einem Blick Wärter wie Mitknackis in Schach hält, mal „wie ein junger Senator im Wahlkampf“ jedem zuwinkt, der seinen Weg kreuzt. Patrick, der seine heilige Harley „Fat Boy“ liebt und wie der biblische Samson panische Angst vorm Haareschneiden hat. Und eine Rattenphobie, was sich wirklich zum Tränenlachen liest.

Die Herzbeklemmung auslösenden Gedankenkreise sind die rund um die Hansen’sche Familiensaga. Paul beginnt diese bei seiner Geburt 1955 in Toulouse. Er ist der Sohn des dänischen Pastors Johanes Hansen und der französischen Programmkinobetreiberin Anna Margerit, der Vater, „ein smørrebrød-Esser, ein Mann aus dem nördlichen Jütland, der zu seinem Wort stand, denn die hierzulande beliebte flickflackernde Dialektik, die das Offensichtliche bereitwillig leugnet und frühere Aussagen bestreitet, war ihm völlig fremd.“

Die Mutter eine Schönheit, von der der Heranwachsende bemerkt, dass sie das Mojo besitzt, das Verlangen der Männer zu erregen, wofür Patrick Paul sofort rügt, so denkt man nicht an die eigene Mutter!, Anna Margerit, die Atheistin, in deren „künstlerischem Sammelbecken der revolutionären Avantgarde“ auf einem Plakat steht: „Wie soll man im Schatten einer Kapelle frei denken?“ Dies Johanes an die Wand gemalter Teufel. Der Protestant hat’s in Katholikenland schwer genug, und zum endgültigen Zerwürfnis kommt’s als Mutter 1972 beschließt, ihrem Publikum den Kassenschlager-Porno „Deep Throat“ zu zeigen.

Des Pastors Schäfchen sind entsetzt, und er ist seine Diözese los. Bis zur Scheidung schreien sich die Eheleute wegen „Deep Throat“ fortan die Kehle aus dem Hals. Also geht Papa als Prediger nach Kanada, ins Tagebau-Armageddon von Thetford Mines, wo in rauen Mengen Chrysotil aus der von Narben verheerten Landschaft gesprengt wird, und Paul folgt ihm in jene Asbesthölle, deren Skandal noch in den Startlöchern steckt – ein Philosoph im Paläolithikum. Pauls bedacht gewählte Ausdrucksweise, gespickt mit markigen Patrick-Zitaten, füllt die Zeilen, in die man beim Lesen eintaucht wie in den ruhigen See von Pauls Seelenruhe.

Die rührt nicht zuletzt her von seinen Begleitern: sein entschlummerter Vater, seine ebenfalls bereits verstorbene Ehefrau Winona Mapechee, eine Tochter der First Nations, und die gemeinsame – no na – tote Hündin Nouk sind die Geistwesen, die Paul nächtens besuchen – „um uns das zu geben, was wir auf grausamste Weise vermissten, ein wenig Trost und Wärme“, inmitten all der Langeweile und des schlechten Essens und dem winterlichen Frost von beinah minus 40 Grad, ab und zu ein Messerattentat, drei Schutzengel, auf deren Erscheinen Verlass ist und in dessen Verläufen sich enträtselt, wie sie zu Tode gekommen sind.

Bild: pixabay.com

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Mit Johanes teilt Paul Desillusion und Resignation eines, der „draußen“ in der Welt nichts mehr zu erwarten hat, und Dubois verflicht mit Verve sein Figurenkabinett, im Wortsinn gottvoll ist Kirchenorganist Gérard LeBlond, der unter Bach gern einmal Procul Harum mischt, mit kanadischer Zeitgeschichte: die von René Lévesque und seiner Parti Québécois angestrebte „assoziierte Souveränität“, eine Rechnung, durch die ihm Premier Pierre Trudeau, Vater des aktuellen Amtsinhabers Justin, einen dicken Strich machte; die heraufdämmernde Subprimes-Krise mit ihren in den Sand gesetzten Milliarden; der im 17. Jahrhundert aus Europa importierte „Glaubenskrieg“ Franzosen gegen Engländer, das zweisprachige Land nur einig im Dissen der indigenen Völker. Im Spiegel des Individuums liefert Dubois ein Epochen-Porträt von der linken 1968er-Bewegung bis zum Anbruch eines neuen neoliberal-kalten Millenniums.

Während Patrick sein Lebensmotto auf den Rücken tätowiert trägt, „Life is a bitch and then you die“, denkt sich Paul den Menschen als der Bitch Kollateralschaden. In Montreal wird er erst Hausmeister, später Verwalter der Wohnhausanlage „Excelsior“, die alte Dame nicht weniger „labil, verspielt, grillenhaft“ als ihre 63 Eigentümer, die der freundliche, mitfühlende, ja, zartbesaitete Mann alle mit gleicher Aufmerksamkeit betreut. Einer davon, Kieran Read, ein Schadensregulierer, der für Versicherungen zwecks auszuzahlender Summe den Wert eines eben Dahingeschiedenen kleinrechnet, wird ein Freund. Und wieder beim Lesen das große Fragezeichen, was denn um Himmels Willen passiert sei in diesem irdischen Paradies.

Paul lernt Winona kennen und lieben, sie stolze Besitzerin und Pilotin eines Wasserflugzeugtaxis, eine pragmatische Frau mit Algonkin-Draht zu den „Botschaften des Windes oder des Regens“, „die in jeder Sekunde in dem Bewusstsein lebte, dass das Leben viel zu kurz und zu wertvoll ist, um es in den Warteschlangen zweitrangiger Probleme auszubremsen“. Eines Tages findet sie die verwaiste Nouk und das Paar gibt dem Tier ein neues Zuhause, Nouk, die heißgeliebte, mit der Paul bald eine gemeinsame Sprache spricht.

Alles Friede und Freude im Soziotop, bis sich Edouard Sedgwick der Eigentümer-Versammlung als neuer Vorsitzender aufdrängt. Ein Unsympath und Cost Killer, „ein zwanghafter Anhänger von Memos“, „kontrollierte hier, beschnitt da und vermehrte die nutzlosen Zusätze in den Paragraphen der Hausordnung, bis diese den Umfang eines Telefonbuchs hatte“. Dubois verfasst diese Seiten als Parabel darüber, wie ein böswilliger Mensch alles und alle in seinem Umfeld zum Schlechteren zu ändern vermag.

„Die Atmosphäre im Haus war bedrückend geworden, und eine Art generelles, vom Vorsitzenden qua seines Amtes gesätes Misstrauen hatte sich in allen Stockwerken ausgebreitet. Nach und nach hatte jeder jeden zu überwachen und argwöhnisch darauf zu achten begonnen, dass die Vorschriften, und seien sie noch so unsinnig und marginal, Punkt für Punkt befolgt wurden.“

Allen Schikanen zum Trotz bewahrt Paul lange seinen Gleichmut, bis Sedgwick seinen Hass auf Hunde an Nouk auslässt, und Paul in ungeahnter Rage blutrotsieht … Und so endet die Wechselerzählung von Gefängnis-Jetzt und Freiheits-Vergangenheit mit einem Epilog über des Schicksals ewiges Unentschieden-Spiel zwischen Soll und Haben, Sein und Werden, Vertrauen und Selbst-/Zweifel, Verlust und Scheitern, Hoffnung und immer wieder Neuanfang.

Jean-Paul Dubois‘ Roman über die Guten, die Bösen und die dazwischen, einen Casuality Adjuster mit Anstand, einen skrupellosen Kostenminimierer, einen kuriosen Koloss von einem Kumpel, Winona, Nouk und Paul und „die ganze Wildheit des Rudels“, einen Vater, der post mortem endlich ein „Min son, jeg er stolt af dig“, mein Sohn, ich bin stolz auf dich, über die Lippen bringt, ist bis zum Schluss eine Liebeserklärung an die Condition humaine. Denn „Jeder von uns …“ ist stets nur einen Schritt vom Straucheln, nur einen Schritt vom falschen Weg entfernt.

Jean-Paul Dubois. Bild: © Lee Dongsub

Über den Autor: Jean-Paul Dubois, geboren 1950 in Toulouse, studierte Soziologie und arbeitete zunächst als Sportreporter für verschiedene Tageszeitungen. Später berichtete er für den Nouvel Observateur aus den USA. Er hat mehr als zwanzig Romane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Prix Femina und 2019 für „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ mit dem Prix Goncourt, dem bedeutendsten französischen Literaturpreis. Er zählt zu den wichtigsten französischen Autoren der Gegenwart.

dtv Verlag, Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver.

www.dtv.de

  1. 1. 2021

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

April 8, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Roman der Bachmann-Preisträgerin 2019: Eine tröstliche Tragifarce über Resozialisierung

Arthur sitzt der Frau vom Amt gegenüber. Gesundheitscheck wegen des Therapieplatzes. Befragt nach Hobbys, Sport, Alkohol, Drogen … antwortet Arthur: „Ich bin nicht wirklich Raucher, ich leihe mir nur ab und zu Zigaretten. Oder ich kaufe sie, aber hauptsächlich, um nicht auf andere angewiesen zu sein.“ – „Aha“, sagt Gerhild Rothenberger und notiert etwas. „Ihre sozialen Beziehungen sind also abhängig vom Vorhandensein Ihrer Suchtmittel.“

Das ist die Art Galgenhumor, mit der Birgit Birnbacher ihren neuen Roman „Ich an meiner Seite“ spickt. 2019 für ihren Prosatext „Der Schrank“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, versteht es die Salzburger Schriftstellerin auch ihr aktuelles Buch als Mikrostudie von Lebensverhältnissen anzulegen. Mit ihrer knisternden, ergreifenden, manchmal auch gnadenlosen Sprache erzählt sie nach dem realen Vorbild „eines Menschen, der bereits war seine diesbezüglichen Erfahrungen mit mir zu teilen“, von einem 22-jährigen Zufallskriminellen.

Arthur, der gerade 26 Monate Gefängnis hinter sich gebracht hat. Nun soll er nach dem Willen ebendieser in der Gesellschaft wieder Fuß fassen, in der WG „Weitermachen e. V.“ mit

anderen jungen Ex-Straftätern und einem eher eigenwilligen Psychopädagogik-Projekt, dem „Starring“-Prinzip, Starring von Star, heißt: man entwirft sich selbst als Hauptfigur, als Held, als ureigene Optimalversion, und lässt diese sich in brenzligen Situationen „spielen“. Die Rolle „Ich“, die instagramig weichgezeichnete, weltläufige, weitaus klügere als Retter in der Not der Behörden- und Bewerbungsgespräche, die auf einen Haftentlassenen zukommen. Die sich das ausgedacht haben sind das grandiose Gegensatzpaar in Birnbachers Panoptikum, Betty Bergner und Konstantin Vogl, sie das Hirn, er das Herz einer Uni-Studie, sie pedantisch-penible akade- mische Aktenanlegerin, er abgefuckter Bewährungshelfer mit sehr speziellem Rechtsverständnis und Spitzname Börd, gemeinsames Credo: „Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können.“

Beim bärbeißigen Börd, Markenzeichen vorabendliche Alkoholfahne, abgeschmierter Arbeitsmantel, weil Wohnort eine aufgelassene Autowerkstatt, weiß Arthur und mit ihm der Leser nie, woran er ist. Birnbacher zeichnet mit Verve einen Bessere-Zeiten-gehabt-Charakter, der bald zum Stützpfeiler im Leben seines Schützlings wird. Man mag einander, Arthur, weil „es angenehm ist, mit Börd unterwegs zu sein. Immer fällt Börd unangenehmer auf als er selbst.“ Mit Börd dreht Birnbacher ihr Coming-of-Age-Resozialisierungsdrama, denn die Momente, die einem die Luft abschnüren, in denen ein Mensch ohne die richtigen Papiere kein Mensch ist, hat der Roman durchaus, zur skurrilen Tragifarce. Börd, immer lässig und leicht daneben, wiewohl die Autorin auch seinen holprigen Lebensweg in Andeutungen enthüllt, der sich von seinen Klienten nicht vollraunzen lassen will, und sie deshalb veranlasst, was sonst die Sitzung mit dem Therapeuten wäre, lieber solo auf Tonbänder zu sprechen.

Zum Zwecke einer „Dokumentation“, die freilich gar nicht existiert, Arthurs Aufnahmen aber ein zeitversetzter zweiter Handlungsstrang, ein Was-bisher-Geschah von der Jugend bis zur Justizanstalt. Derart erfährt man von einem stillen Kind, „das Räume leise betritt und trotzdem alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als ginge eine stumme Spannung von ihm aus, die es niemandem mehr erlaubt, sich zurückzulehnen. Immer ist er vielen voraus. Denkt schneller und schweigt dann, bis sie soweit sind. Aber die Ungeduld sieht man ihm an den Fingerknöcheln an. Ins Gespräch kommen die wenigsten mit ihm.“ So wird’s auch bleiben. Der Vater haut ab, die Mutter zieht Arthur und Bruder Klaus in der – was Raum und Geist betrifft engen – Bischofshofener Eisenbahnersiedlung auf, bis Georg auftaucht und mit ihm Pläne für ein Luxus-Sterbehospiz in Andalusien.

Arthur arrangiert sich mit dem Staaten- und sozialen Schichtwechsel, Klaus kehrt der Familie den Rücken, aus Arthur, Milla und Princeton, die beiden ebenfalls verpflanzte und umso mehr verwöhnte Rich Kids, wird eine pubertätsgepeinigte ménage à trois. Es kommt während eines bekifften Bootsausflugs zu einem tödlichen Badeunfall, der aus der Bahn geworfene Arthur flüchtet zurück nach Österreich, Wien diesmal, wo der wohlstandsverwahrloste Geschäftsführerinnen-Spross aus Geldmangel zum Phishing-Betrüger mutiert.

Das alles beschreibt Birnbacher nicht so linear wie hier. Beinahe zwei Drittel der Seiten bleibt unklar, wer, was, wie, während sich die Abwärtsspirale in den Rückblenden immer rasanter dreht, in einer Gefängnisvergewaltigung gipfelt, und sich im Jetzt und Heute die Endlosschleife abgelehnter Bewerbungen und erfolgloser Wohnungssuche wie eine Schlinge um Arthur zusammenzieht. Anschaulich, spannend, nachvollziehbar wird das geschildert. Arthurs Traumatisiert-Sein, seine Panikattacken aus der Hinter-Gitter-Zeit, seine akute Angst nach Ablauf seines Jahres in der „Maßnahme“ ohne Schutzschirm und wieder im freien Fall zu sein.

Bild: pixabay.com

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Ein Glück. Birnbacher vergisst aufs Tröstliche und Komödiantische nicht. Sie beherrscht Sprache in subtilsten Nuancen, kann’s von spitzfedrig bis superempathisch, wechselt im Wortumdrehen zwischen den emotionalen Aggregatzuständen ihrer Figuren, die namenlos bleibende Wendy-Mutter ist ein hingeschriebenes Kabinettstück, Arthurs WG-Zimmergenosse Lennox, Börds „Musterschüler“, weil er sich vom Dealer zum Game-Erfinder gemausert hat, rührt mit seinen hochneurotisch-verzweifelten Versuchen seinen Koks-Kumpels zu entkommen.

Birnbacher ist ihren literarischen Geschöpfen spürbar zugewandt, sie ist scheint’s das erzählerische Commitment eingegangen, anständig mit ihnen umzugehen und auch den größten Loser nicht auflaufen zu lassen. Sie holt selbst kleinste Randerscheinungen in die Mitte des Geschehens und bietet ihnen den Platz, ihr Dasein, wenn auch nur kurz, zu entfalten. Mit großer Sensibilität, viel Gespür fürs Zwischenmenschliche und einer angenehmen autorlichen Zurückhaltung befühlt sie deren Schicksale. Und nimmt sich ungeniert den Freiraum, abseits eines sonst oft bemühten und spröden Sozialrealismus, die schiefe Bahn, über die ihr Personal rutscht, für den Leser zur himmelhoch-erdenschweren Seelenschaukel zu machen. Ihr Tonfall – eine Lakonie, die den Text locker lässt und trotz des Themas, dem Thema zum Trotz jede Moralinsäure verunmöglicht.

Bei Weitem kein Rand-, obgleich ein Phänomen ist „la famosa Grazetta“, die Arthur als Patientin des stief-/elterlichen Hospiz‘ kennenlernt, viel zu kurzes Kleid, Glitzerjäckchen in Knallblau-getigert, spindeldürr, schwer geschminkt mit schwarzen Oberlidbalken, „Kleopatra, denkt Arthur, Nofretete“, auf dem Boden hingestreckt, weil mit dem Rollator ausgerutscht, gewesene Schauspielerin und immer noch in allen Kulissenfarben schillernd, die in Wahrheit gutwienerisch Maria Meischberger heißt, und die bald der Dreh- und Angelpunkt in Arthurs Existenz wird.

Sie gibt im Roman eine famose Abschiedsvorstellung, während sie den Allzu-Kindgebliebenen in das Erwachsenendasein einschult, und als gar nicht so gutes Herzerl den tatsächlich vom „Scheißpech“ Verfolgten, dem sie nach Wien nachreist, wo sie samt 24-Stunden-Pflegerin im Bristol residiert, von seiner Verpflichtung zur „Scheißehrlichkeit“ entbindet, wegen derer er kein Praktikum kriegt. So mäandert Börds Starring-Methode ihrem Ende entgegen, zwischen neonbeleuchteten Sandler-Ausspeisungen und in Stadtrandbrachen irrlichternden Schmalspurganoven, wobei’s erst zum Showdown, dann zum unerwartet versöhnlichen Familienfinale kommt.

Börd ist mit seiner Therapie gescheitert – und auch nicht. Mehr und mehr widerspricht ihm Arthur, widerlegt Bettys wissenschaftlichen Ansatz. „Er, so hat er sich Betty gegenüber einmal ausgedrückt, sei durch all dieses Hauptfiguren-Getöse eben nicht seiner Vorbildfigur nähergekommen, sondern vor allem sich selbst. ,Es kommt mir so vor‘, hat Arthur zu Betty gesagt, ,als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.‘“

Über die Autorin: Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Soziologin und Autorin in Salzburg. 2016 erschien ihr Debütroman „Wir ohne Wal“, sie wurde unter anderem mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung, dem Rauriser Förderungspreis und dem Theodor Körner Förderpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Zsolnay Verlag, Birgit Birnbacher: „Ich an meiner Seite“, Roman, 272 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay

8. 4. 2020

Komische Künste: 2019 in Cartoons & Grafiken

Januar 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ausgelacht nach Strich und Farben

Bild: Katzi

Bild: Katzi

Ein langweiliges Jahr war 2019 in Österreich sicherlich nicht – Ibiza-Gate, Neuwahlen und natürlich tonnenweise illegale Teigtascherl, die Liste der diesjährigen Aufreger ist lang. Damit die Geschehnisse des Jahres noch lange im Gedächtnis bleiben, haben Katzi, Jok und Dufitoon diese in Cartoons und Grafiken verewigt und so einen Jahresrückblick der humorvollen Art geschaffen. Ob FPÖ-„Ausrutscher“, die Wiederauferstehung des türkisen Messias oder der Sommerhit der Vengaboys – hier bleibt kaum ein Moment unvergessen! Zu sehen bis 21. Jänner in der Galerie der Komischen Künste im MuseumsQuartier.

www.komischekuenste.com

10. 1. 2020

Bild: Daniel Jokesch / Jok

Bild: Daniel Jokesch / Jok

Bild: Michael Dufek / Dufitoon

Bild: Michael Dufek / Dufitoon

 

Nestroy 2019: Und die Auszeichnungen gingen an …

November 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Publikum machte Thomas Frank zum Gewinner

Andrea Breths Burgtheater-Inszenierung von „Die Ratten“: Sylvie Rohrer, Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Gestern Abend wurden im Theater an der Wien die Nestroy-Preise 2019 verliehen. Durch den Abend führten die Publikumslieblinge Maria Köstlinger und Florian Teichtmeister gemeinsam mit ORF-III-Moderator Peter Fässlacher, für das Buch konnte wie bereits im Jahr 2018 Schauspieler und Autor Nicolaus Hagg gewonnen werden. Zwei Nestroy-Preisträgerinnen standen bereits fest: Andrea Breth erhielt den Preis für das Lebenswerk.

Der Nestroy-Autorenpreis für das „Beste Stück“ ging an Sibylle Berg für „Hass-Triptychon –Wege aus der Krise“ im Rahmen der Wiener Festwochen www.mottingers-meinung.at/?p=33485. Den Nestroy-ORF-III-Publikumspreis konnte Thomas Frank für sich gewinnen www.mottingers-meinung.at/?p=16131, nach Franks Fahrradunfall ab 3. Dezember wieder zu sehen:

Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

Alle Preisträgerinnen und Preisträger:

Beste Schauspielerin: Steffi Krautz als Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=32562

Bester Schauspieler: Steven Scharf als Lucas in „Medea“ von Simon Stone nach Euripides, Burgtheater und als Franz Woyzeck in „Woyzeck“ von Georg Büchner, Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=31048     www.mottingers-meinung.at/?p=32719

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Evi Kehrstephan als Anna in „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=31708

Beste Regie: Johan Simons mit „Woyzeck“ von Georg Büchner, Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=32719

Steven Scharf als „Woyzeck“ mit „Doktor“ Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Endstation Sehnsucht“: Steffi Krautz als Blanche mit Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bester Nachwuchs weiblich: Anna Rieser als Grace in „Dogville“ von Lars von Trier, Landestheater Linz

Bester Nachwuchs männlich: Moritz Beichl mit der Inszenierung „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von Paulus Hochgatterer, Uraufführung, Landestheater Niederösterreich

Beste Ausstattung: Raimund Orfeo Voigt für „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler, Theater in der Josefstadt und für „Sommergäste“ von Maxim Gorki, Salzburger Festspiele www.mottingers-meinung.at/?p=30503

„Der einsame Weg“: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

„Die Merowinger“: Thomas Frank als Schnippedilderich mit Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Spezialpreis: „3 Episodes of Life“ von Markus Öhrn, Uraufführung, Wiener Festwochen

Beste Off-Produktion: „The Bruno Kreisky Lookalike“ a Sitcom in 10 Episodes von Toxic Dreams, Text und Regie Yosi Wanunu, Uraufführung, Koproduktion Toxic Dreams und WUK performing arts 

Beste Bundesländer-Aufführung: „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ ein Film- und Theaterprojekt von Jan-Christoph Gockel & Ensemble, Uraufführung, Kooperation Schauspielhaus Graz, Africolognefestival

Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum „Dionysos Stadt“ Inszenierung Christopher Rüping, Münchner Kammerspiele

Die Gala in der ORF-TVthek: tvthek.orf.at/profile/Nestroy-2019-Die-Gala/13888024/ORF-III-LIVE-Nestroy-2019-Die-Gala/14033034            www.nestroypreis.at

25. 11. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: This is what happened in the Telephone Booth

November 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert

sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich. Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion vom netzzeit-Festival 2019 Out of Control mit Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert – und zwar noch genau sechs Mal.

Video: www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           www.netzzeit.at           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

17. 11. 2019