Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2018/19

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Status Quo eines gemeinsamen Europas erheben

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2018/19 vor. Bild: Giovanna Bolliger

Den Weg eines politisch engagierten, ästhetisch und inhaltlich avancierten Autorentheaters mit einer großen Vielfalt unterschiedlicher Regiehandschriften will man am Schauspielhaus Wien auch in der kommenden Saison fortbeschreiten. Tomas Schweigen, künstlerischer Leiter, der seinen Vertrag soeben bis 2023 verlängerte, und Tobias Schuster, leitender Dramaturg, stellten heute den neuen Spielplan vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber resümierte die Ergebnisse der vergangenen Saison. Man wolle vor allem, so Schweigen, jene Reihe an Inszenierungen fortsetzen, die sich mit dem Status Quo und der Zukunft Europas beschäftigen, und ein Plädoyer für ein liberales Europa abgeben.

Los geht’s entsprechend am 26. September mit der österreichischen Erstaufführung von Robert Menasses „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646).  In „Punk & Politik“, der Eröffnungspremiere Schweigens im Herbst 2015, war Robert Menasse in einem Video zu sehen und schilderte seinen Plan eines Brüssel-Romans. Drei Jahre später beginnt mit dessen Dramatisierung die Saison: ein spannendes, humorvolles, melancholisches, ein wichtiges Werk für diese polarisierte Zeit. Regie führt Lucia Bihler, die sich 2016 mit ihrer bildstarken Inszenierung von Schnitzlers „Der grüne Kakadu“ am Haus vorstellte. Die Premiere der „Hauptstadt“ ist gleichzeitig der Startschuss zum Eröffnungsfestival „melancholie im september – survival of the weakest“, das in Partnerschaft mit der Schule für Dichtung umgesetzt wird. Thematisiert wird ein Gemütszustand, so tragi- wie -komisch, und zu sehen ist unter anderem das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ aus Zagreb.

Am 8. November folgt „Schlafende Männer“. Martin Crimp ließ sich für sein jüngstes Stück vom gleichnamigen Gemälde von Maria Lassnig inspirieren und spielt mit zahlreichen Referenzen aus dem Wiener Aktionismus – Regie bei der österreichischen Erstaufführung dieser surrealen Zimmerschlacht, die sich „vom Beziehungsdrama zum Horrorstück mit blutigem Ende“ steigert, führt Tomas Schweigen. Franz-Xaver Mayr begibt sich – nach seinem Ausflug ans Burgtheater – mit Enis Maci, die eben erst ex aequo mit Thomas Köck von Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres 2018 gekürt wurde, in eine Zusammenarbeit im Rahmen des „Arbeitsateliers“: Sie arbeiten an Macis‘ neuem Stück „Autos“, ein Kammerspiel in ebendiesen, ein Familienthriller um Verrat, Herkunft und Rassismus. Die Uraufführung ist am 12. Jänner. Elsa-Sophie Jach inszeniert das diesjährige Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, „Sommer“ von Sean Keller. Schweigen: „Es spielt im Jahr 3000, in dem die Menschheit gespalten ist in eine Weltraumkolonie und Gefangene in einer Zeitschleife, die immer wieder die 2000-Jahre durchleben.“ Uraufführung ist am 9. Februar.

Auf den 7. März fällt der Auftakt zur zweijährigen Serie „Was ihr wollt“, die „nicht Shakespeare, sondern Fragen der politischen Teilhabe und der politischen Willensbildung“ behandeln wird, so Schweigen. Gemeinsam mit der Gruppe FUX, die sich 2017 mit „Frotzler-Fragmente“ am Haus vorgestellt hatte, und dem Theater Oberhausen erhielt das Schauspielhaus Wien den Zuschlag der deutschen Kulturstiftung des Bundes für diese Kooperation; als erstes Projekt wird FUX am Schauspielhaus Wien die Inszenierung „Was Ihr wollt: Der Film“ realisieren – ein Dokumentarfilm, der live auf der Bühne entsteht. Es folgt am 26. April die österreichische Erstaufführung von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex 1 + 2“ in der Regie von Tomas Schweigen. In den Buchbestsellern wechselt ein bankrotter Ex-Plattenladenbesitzer die Wohnungen und WGs seiner Freunde, um sich mietfrei über Wasser halten zu können. Ein Gesellschaftspanorama, das als eine der großen literarischen Analysen des Rechtsrucks in Europa gilt und zwischen anarchischem Witz und tieftraurigen Momenten hin und her springt.

Miroslava Svolikova, Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums 2016, wird in diesem Jahr mit dem AutorInnen-Preis der Theaterallianz ausgezeichnet. Im Juni wird die Uraufführung von „Der Sprecher und die Souffleuse“ in einer Kooperation mit dem Grazer Theater am Lend im Rahmen der Theaterallianz am Schauspielhaus Wien zu sehen sein. Eine politische Farce um die Albtraumsituation, dass eine Theatervorstellung beginnen soll, aber die Schauspieler fehlen. Wer hat jetzt das Recht, die Bühne zu entern? Kleinere Produktionen im Nachbarhaus und eine Reihe von Specials und Gastspielen runden das Programm ab. Aus diesen hervorzuheben: „Café Bravo“ von Felix Krakau über die berühmt-berüchtigte Jugendzeitschrift (Uraufführung: 31. Oktober) und das Coming-of-Age-Stück „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer, eine Kooperation mit dem Bregenzer Theater Kosmos (Premiere: 24. November).

Der  neue kaufmännische Leiter und Geschäftsführer Matthias Riesenhuber berichtete schließlich, dass das Geschäftsjahr 2017 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden konnte. Für das laufende Jahr rechne er damit, die Vorjahreszahlen erneut zu erreichen, vielleicht sogar zu übertreffen. Die Besucherzahlen sind über die vergangenen Jahre stabil geblieben, die Auslastung lag weitgehend konstant zwischen 75 und 80%. Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Vorstellung konnte um 8% gesteigert werden. Weiterhin ist der Zuspruch beim Publikum unter 30 Jahren zunehmend und liegt bei mehr als 50 %, wie im Frühjahr eine aktuelle Besucherumfrage ergeben habe. Neu und unter der Schirmherrschaft von Rudolf Scholten ist „HausfreundIn in Gold“: Um 299 Euro für einen, 499 Euro für zwei Personen, erhält man Eintritt zu allen Vorstellungen inklusive der Premieren und Ermäßigungen in einigen umliegenden Lokalen.

www.schauspielhaus.at

7. 9. 2018

TAG: Das Programm der Saison 2018/19

September 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was TAG-Chef Gernot Plass „verwirrt und grantig“ macht

Die TAG-Chefs Gernot Plass (re.) und Ferdinand Urbach präsentieren den Spielplan der anlaufenden Saison 2018/19. Bild: Georg Mayer

Mit einer „Gruselgeschichte“ begannen Gernot Plass und Ferdinand Urbach, künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer des TAG, ihre Saisonpressekonferenz am Donnerstag – und in dieser dreht es sich natürlich um Geld. Weil die Stadt Wien nicht imstande sei, die Förderung zu valorisieren, bleibe dem sich als Wiener Stadttheater verstehenden Haus nichts anderes übrig, als weniger zu produzieren.

Für die beiden Theatermänner ist das Verhalten des Subventionsgebers, „diese leise Strangulierung, die in der Öffentlichkeit nicht einmal bemerkt wird“, nicht nachvollziehbar, werde das TAG von Politik und Kritik doch gleichermaßen hochgelobt. „Das verwirrt einen und macht einen grantig“, so Plass, „vor allem wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verpflichtet ist.“ Immerhin: In der vergangenen Saison kam das TAG auf 72,3 Prozent Auslastung bei einer Eigendeckung von mehr als 18 Prozent.

Als Ergebnis dieser finanziellen Nichtentwicklung gibt es in der Saison 2018/19 „nur“ drei Premieren. Deren erste ist am 17. November die Uraufführung von „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“. Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Republik“ werden Ed. Hauswirth und Ensemble diese Koproduktion mit dem Grazer Theater im Bahnhof „sehr frei nach Boccaccios ,Il Decamerone‘ gestalten. „Es wird um die Defensive des linken Diskurses gehen“, erklärt Plass, wenn sich in eine Villa am Semmering Intellektuelle und Journalisten zurückziehen, um ihre Wunden angesichts der rechtslastigen politischen Krise zu lecken.

Einer der, laut Plass, „herausragendsten Balten“ bestreitet die Uraufführung am 2. Februar: Arturas Valudskis interpretiert Tschechow unter dem Titel „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“. Der russophone Litauer übersetzt dafür das Original auf seine eigene Art ins Deutsche, er nimmt die Spartenbezeichung „Komödie“ des Dramatikers ernst und „betont die komödiantisch-absurde Seite des Stücks“. Am 3. April schließlich wird Bernd Liepold-Mosser seine Neuschreibung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ präsentieren. Der Regisseur inszeniert erstmals am TAG, und wird Hauptmanns Dialektsprache in seine eigene Kunstsprache übertragen.

Wiederaufnahme „Unterm Strich“ mit Ensemblemitglied Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Wiederaufnahme „Macbeth – Reine Charaktersache“ mit Gast Julian Loidl. Bild: Anna Stöcher

An Wiederaufnahmen wird es geben: „Auf der Suche nach dem sechsten Sinn“ (29. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26064), „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“ (11. 10., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28818) und „Macbeth – Reine Charaktersache“ (17. 10., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28223).

Auch die beliebten Improvisationsformate haben einen fixen Platz im TAG-Spielplan: Von 4. bis 9. Oktober findet etwa „Moment! 7th International Improv Festival Vienna“ statt. Mit Impro-Profis aus der ganzen Welt, wie Patti Stiles, Ruth Bratt oder Dan O’Connor, die auch wieder Workshops anbieten werden. Zum Saisonauftakt startet am 23. September „Sport vor Ort“, und ab Dezember gibt es erneut Zieher & Leeb mit „Fake off!“ zu sehen.

dastag.at/

  1. 9. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Saison 2018/19

September 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Herbert Föttinger bleibt Direktor bis 2026

Chefdramaturg Matthias Asboth, Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, Stiftungsvorstands-Vorsitzender Günter Rhomberg und die Autoren Daniel Kehlmann und Max Morgan-Witts. Bild: Herwig Prammer

Am Tag, nachdem Bund und Stadt Wien angekündigt hatten, die Subventionen für das Theater in der Josefstadt für die kommenden drei Jahre um insgesamt 1.645.000 Millionen Euro aufzustocken – womit „unseren Wünschen einigermaßen entsprochen wurde“, so der Vorsitzende des Stiftungsvorstands Günter Rhomberg – lud Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger zur Programmpressekonferenz für die Spielzeit 2018/19.

Ein Vormittagsgespräch, das Rhomberg mit der guten Nachricht eröffnete, Föttingers Vertrag bis 2026 verlängert zu haben. Er habe sich, so der künstlerische Leiter des Hauses, die Entscheidung zu diesem Schritt nicht leicht gemacht, schließlich aber zugesagt, weil er „noch zwei ganz große Aufgaben“ zu stemmen gedenke, seit er in den vergangenen Jahren seiner Direktion die Josefstadt zum „Haus der lebenden Autoren“ und die Kammerspiele „zum urbanen Komödienhaus“ umfunktioniert habe: „Erstens will ich einen dritten Spielraum, eine Studiobühne, installieren, die als ,Josefstadt-Box‘ für 49 Zuschauer im derzeitigen Abonnementbüro untergebracht wird. Zweitens soll die Josefstadt eine echte Heimat für österreichische Dramatiker werden.“

Dieser Fokus ist an der mit der morgigen Uraufführung beginnenden Saison bereits abzulesen. 10 von 15 Premieren basieren auf Texten heimischer Autoren; der Themenschwerpunkt für 2018/19 lautet „Flucht und Heimatlosigkeit“. Dazu stehen Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ (14. 2.), Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ (14. 3.), Elmar Goerdens Joseph-Roth-Bearbeitung „Die Trottas“ (16. 5.) und Daniel Kehlmanns „Die Reise der Verlorenen“ auf dem Programm.

Will das Abonnementbüro zur Studiobühne für 49 Zuschauer umfunktionieren: Föttinger mit Rhomberg. Bild: Herwig Prammer

Mit Kehlmanns Dramatisierung des Buches „Voyage oft he Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts, Zweiterer bei der Pressekonferenz in Wien anwesend, geht’s am 6. September los. Das Stück beschreibt eine wahre Geschichte: die Fahrt der St. Louis mit 937 jüdischen Flüchtlingen am Bord von Nazideutschland nach Kuba – wo man nicht an Land gelassen wird und umdrehen muss Richtung Europa. „Vollkommen gepackt und fasziniert“ sei er von der Vorlage gewesen, erklärt Kehlmann seine Intention, an diesem Mammutprojekt mit 33 Schauspielern und 20 Statisten mitzuwirken. „Es ist wichtig in diesem Moment diese Geschichte zu erzählen“, so der Bestsellerautor.

An ausgesuchten Abenden wird „Die Reise der Verdammten“ als Dilogie mit Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ zu sehen sein. Weitere Ur- und Erstaufführungen an der Josefstadt und an den Kammerspielen: „Vier Stern Stunden“ von Daniel Glattauer (13. 9.), „Marias Testament“ von Colm Tóibín (29. 9.), „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ von Tracy Letts (28. 3.), „Toulouse“ von David Schalko (11. 4.) und „Die Niere“ von Stefan Vögel (2. 5.).

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Volkstheater: Das Programm der Spielzeit 2018/19

Mai 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auseinandersetzung mit dem Widersprüchlichen

Anna Badora. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der vierten Spielzeit von Anna Badora will das Volkstheater das Publikum dazu verführen, „seinen Überzeugungen untreu zu werden – probeweise“. Mehr denn je wolle die Bühne „als Ort für riskante Wahlmöglichkeiten, Utopien und Grenzüber- schreitungen“ dienen, so Badora bei der Spielplanpräsentation am Donnerstag. Die dabei gestellten Fragen nach Haltungen gehen von Klassikern aus – „Der Kaufmann von Venedig“, „Don Karlos“ (16. November), „König Ottokars Glück und Ende“ (12. Dezember) – ebenso wie von neuen Stücken, Christine Eders Politshow „Verteidigung der Demokratie AT“ (18. Oktober) und Ibrahim Amirs Drama „Rojava“, „Die rote Zora und ihre Bande“ (22. September). „Biedermann und die Brandstifter“ und „Endstation Sehnsucht“ komplettieren die Premieren im großen Haus.

Mit Dušan David Pařízek inszeniert erstmals ein Tscheche in Österreich Grillparzers habsburgisches Königsdrama, als Regisseur von Max Frischs Parabel kehrt auch Victor Bodo ans Volkstheater zurück. Ihre Debüts am Haus geben die polnische Regisseurin Barbara Wysocka – sie arbeitet zum ersten Mal in Österreich – sowie der Musiker und Regisseur Sandy Lopičić.

Robert Gerloff und Pınar Karabulut erweitern die Liste an jungen Kräften, die sich bis dato mit Studioproduktionen empfehlen konnten. Zur Saisoneröffnung am 8. September inszeniert Badora selbst Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Insgesamt stehen in der Saison 2018/19 sieben Ur- und Erstaufführungen auf dem Spielplan, im Volx/Margareten bearbeitet Alexander Charim „Opernball“ von Josef Haslinger für die Bühne, in den Bezirken geht Simon Stephens’ Erfolgsstück „Heisenberg“ (30. November) auf Tournee. Mit der Dramatisierung „Watschenmann“, den partizipativen Stückentwicklungen „Werte Familie“ und „Silver Surfer“ werden weitere Österreich-Bezüge gesetzt. Nestroy-Preisträger Felix Hafner inszeniert „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“, das neue Stück von Sybille Berg. In den Bezirken stehen außerdem „Der Weibsteufel“ (21. September), „Die Leiden des jungen Werther“ und „Der Raub der Sabinerinnen“ auf dem Programm.

Erfolgreich eingeführte Diskurs-Formate wie die Volkstheatergespräche mit Corinna Milborn und die Matineereihe „Trojanow trifft …“ mit Ilija Trojanow und seinen Gästen sind auch in der neuen Spielzeit im Angebot. „Wir bieten noch mehr Informationen“, so Badora. „Aber nicht als rohen Datenfluss, der die Köpfe überschwemmt und orientierungslos macht. Wir setzen sie in den Kontext unserer Lebenswelten. So hoffen wir, unseren Besucherinnen und Besuchern Bedeutung zu destillieren, im Dialog, in der Auseinandersetzung mit dem Widersprüchlichen, dem Anderen. Und ja, das gefährdet unser aller Überzeugungen. Seien Sie also gewarnt.“

www.volkstheater.at

  1. 5. 2018

Burgtheater: Das Programm der Spielzeit 2018/19

April 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Karneval der Wirklichkeit

Florian Hirsch, Hans Mrak, Klaus Missbach, Karin Bergmann, Thomas Königstorfer und Eva-Maria Voigtländer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„willkommen beim karneval der wirklichkeit!“ Das Zitat aus Miroslava Svolikovas „europa flieht nach europa“ steht über der nächsten Spielzeit der Direktion von Karin Bergmann, die sie am Freitag im Burgtheater präsentierte. Neben seiner politischen Komponente ist das Zitat ein wunderbares Theatermotto: Das unterhaltsame Spiel mit Schein und Maske, dahinter aber der ungeschminkte Blick auf das Sein, auf die Wirklichkeit. Starke 22 Premieren, darunter sieben Ur-und Erstaufführungen, sowie Projekte mit Josef Haslinger, Joachim Meyerhoff, Harald Schmidt und Michael Niavarani umfasst der letzte Spielplan von Bergmanns Direktion. Der Fokus liegt auf Theaterkunst in ihrer ganzen Vielfalt: große Stoffe und Texte, mit unterschiedlichen Handschriften aus der Perspektive der Gegenwart erzählt.

Eröffnet wird die Spielzeit am 5. September mit „Kommt ein Pferd in die Bar“ nach dem Roman von David Grossman, einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und dem Deutschen Theater Berlin. Dušan David Pařízek wird Grossmans komisch-schonungslosen Roman auf die Bühne bringen. Im Burgtheater folgt am 7. September „Mephisto“, Klaus Manns scharfe und zeitlose literarische Analyse eines (un)politischen Feiglings, inszeniert von Bastian Kraft mit Nicholas Ofczarek in der Hauptrolle. Am 27. September hat die Inszenierung des aus Serbien stammenden Regisseurs Miloš Lolić „Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès im Akademietheater Premiere, eine Auseinandersetzung mit kolonialer Historie und Gegenwart. Und am 29. September wird Michael Thalheimer mit Andrea Wenzl und Merlin Sandmeyer Horváths Totentanz in brüchigen und gefährlichen Zeiten auf die Burg-Bühne bringen: „Glaube Liebe Hoffnung“.

Mit vielfältigen Handschriften von Regisseurinnen und Regisseuren wie Andrea Breth, Claus Peymann, Johan Simons, Georg Schmiedleitner, Barbara Frey, Christian Stückl und erstmalig Nikolaus Habjan werden Klassiker der Moderne aus der Perspektive der Gegenwart befragt: Was verraten Eugène Ionescos „Die Stühle“, Georg Büchners „Woyzeck“, Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“, Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ oder, auf humorvolle Weise, Alan Ayckbourns „Schöne Bescherungen“ über unsere heutige Gesellschaft? Wie entlarvend ist Sternheims grelle und temporeiche Farce „Der Kandidat“?

„europa flieht nach europa“ von Miroslava Svolikova ist ein akuter wie zeitloser Text über Europa, in dem sich Exzess- und Gewaltbilder zu einem grellen „karneval der wirklichkeit“ vermischen; nach der Uraufführung bei den Autorentheatertagen in Berlin wird die Inszenierung ab Oktober im Kasino zu sehen sein. Und im Vestibül wird „Beben“, das neue Stück von Maria Milisavljevic, erstaufgeführt. Simon Stone bringt seine Bearbeitung von „Medea“ nach Euripides mit dem Ensemble im Dezember im Burgtheater zur österreichischen Erstaufführung und im Akademietheater wird das erste deutschsprachige Stück des hochgelobten Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila uraufgeführt: „Zu der Zeit der Königinmutter“. Im März wird Jan Bosse Clemens J. Setz’ Roman „Indigo“ auf die Bühne des Akademietheaters bringen und zu einer vorgezogenen Abschiedsfeier lädt im April Herbert Fritsch mit der Uraufführung seines Projekts „Das Zelt“ ins Burgtheater ein. Als letzte Premiere gibt es im Akademietheater im Mai die Uraufführung des „neuen René Pollesch“.

Auch in der letzten Spielzeit der Direktion Bergmann zeigen junge Regisseurinnen und Regisseure des Hauses ihre Abschlussarbeiten, dadurch wird das Vestibül mit Milisavljevic’ „Beben“, Rainer Werner Fassbinders „Tropfen auf heiße Steine“, „Waisen“ von Dennis Kelly und „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri zur großen Bühne aktueller Dramatik. Als diesjähriges Kinderstück wird Kenneth Grahames „Der Wind in den Weiden“, einer der großen englischen Kinderbuch-Klassiker, für Kinder ab 6 Jahren ab November im Kasino gezeigt. Harald Schmidt und Michael Niavarani, beide begnadete Fabulierer und singuläre Publikums-Unterhalter, werden einander einige Male in der kommenden Spielzeit auf der Bühne des Burgtheaters begegnen. Geplant sind auch Projekte von Josef Haslinger und Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff.

www.burgtheater.at

28. 4. 2018