Nestroy-Preis 2018: Die Gewinner

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine besonderen Vorkommnisse

The Who and The What: Peter Simonischek mit Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Für den Gag des Abends sorgte Peter Simonischek in Abwesenheit. Weil er Samstagabend kurzfristig mit einer Vorstellung einspringen musste, konnte er nicht bei der Nestroy-Preis-Verleihung im Theater an der Wien sein. Die Auszeichnung entgegen nahm sein Sohn Benedikt, der brav des Vaters Dankesworte verlas, von einem Zettel, auf dessen Rückseite deutlich Simonischeks Statement „Na endlich!“ zu erkennen war.

Erhielt der Burgschauspieler mit der Goldtrophäe für seine Leistung in „The Who and The What“ doch tatsächlich erst seinen ersten „Nestroy“. Für die frech festgehaltene Feststellung gab’s viel Gelächter und Applaus im Publikum.

Ansonsten, so könnte man sagen, keine besonderen Vorkommnisse. Es wirkte, als hätten die Theaterkünstlerinnen und – künstler des Landes zu dessen aktueller Lage nichts zu sagen. Mit Ausnahme von Autor Ferdinand Schmalz, der sich bezüglich „Bundespopulisten“ und „Vorurteilsfäulnis“ kein Blatt vor den Mund nahm. Schmalz‘ Kritik richtete sich an jene, die „gern an der Festung Europa“ bauen, „obwohl man meinen könnte, dass die, die heute wirklich unsere Sicherheit gefährden, in den Ministerien sitzen.“ Der Dramatiker: „Wir dürfen nicht vergessen, dass mit der Zukunft der Demokratie auch die Zukunft des Theaters auf dem Spiel steht.“ Und auch Regisseur Dušan David Pařízek warnte vor „Rechtsruck“ und einer „weltfremden linken Elite“.

Laudator Klaus Maria Brandauer verneigte sich mit einer „Satzbiografie“ vor Peter Handke für dessen Lebenswerk. Der war ganz im Glück und antwortete mit einer launigen Rede. Kein Glück hatte indes Nikolaus Habjan. Bereits zum zweiten Mal mit dem ORF III-Publikumspreis bedacht, konnte er diesen, weil erkrankt, nicht selbst entgegennehmen. Er schickte seine Schwester. Durch den Abend führten, nach dem Buch von Nicolaus Hagg, Maria Happel, Viktor Gernot und Peter Fässlacher als sympathisches und nicht nur sängerisch talentiertes Moderatorentrio – überraschte doch Fässlacher mit einer Showeinlage als Taschenspieler und Gernot mit einer täuschend echten Otto-Schenk-Parodie. Das Theater in der Josefstadt ging unverständlicherweise völlig leer aus.

Die Preisträger:

Vor Sonnenaufgang: Dörte Lyssewski mit Markus Meyer und Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

jedermann (stirbt) von Ferdinand Schmalz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Zehn Gebote: Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Muttersprache Mameloschn: Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach, Martina Rösler und Jelena Popržan. Bild: Bettina Frenzel

Lebenswerk: Peter Handke www.mottingers-meinung.at/?p=18269   http://www.mottingers-meinung.at/?p=23720

Bestes Stück – Autorenpreis: Ferdinand Schmalz für „jedermann (stirbt)“ am Burgtheater www.mottingers-meinung.at/?p=28390

Beste Ausstattung: Alice Babidge für „Hotel Strindberg“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=28131

ORF III-Publikumspreis: Nikolaus Habjan www.mottingers-meinung.at/?p=26649

Beste Schauspielerin: Caroline Peters in „Hotel Strindberg“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=28131

Bester Schauspieler: Peter Simonischek in „The Who and the What“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=28977

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Dörte Lyssewski in „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=27733

Beste Regie: Dušan David Parizek mit „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=27733

Bester Nachwuchs weiblich: Lara Sienczak in „Die Weiße Rose“ am Theater der Jugend

Bester Nachwuchs männlich: Peter Fasching in „Die Zehn Gebote“ am Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=27700

Spezialpreis: „Die Kinder der Toten“, Regie Nature Theater of Oklahoma beim steirischen herbst www.mottingers-meinung.at/?p=26015

Beste Off-Produktion: „Muttersprache Mameloschn“, Inszenierung Sara Ostertag am KosmosTheater www.mottingers-meinung.at/?p=27612

Beste Bundesländer-Aufführung: „Iwanow“, Inszenierung Mateja Koležnik am Stadttheater Klagenfurt www.mottingers-meinung.at/?p=24871   www.mottingers-meinung.at/?p=30503

Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum:Die Perser“, Inszenierung Ulrich Rasche bei den Salzburger Festspielen

www.nestroypreis.at

  1. 11. 2018

Viennale 2018: Die Highlights aus dem Programm

Oktober 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eva Sangiorgi sorgt für ein Entdeckerfestival

„Suspiria“ von Luca Guadagnino. Bild: Viennale

Am 25. Oktober beginnt die erste Viennale unter der Leitung von Eva Sangiorgi. Dienstagabend präsentierte die neue Chefin gemeinsam mit Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, und Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchivs Austria, ihr Debütprogramm. Mit Blick darauf lässt sich sagen: Die Viennale bleibt ein breit gestreutes Festival für Filmentdecker.

Bei dem die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm als überholte Kategorisierung von Kunstschaffen aufgegeben wurde. Eröffnet wird mit „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher, für den die italienische Filmemacherin dieses Jahr in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Im Hauptprogramm präsentiert die Viennale Filme, die kürzlich uraufgeführt wurden, wie „High Life“ von Claire Denis, „Doubles Vies“ von Olivier Assayas, „Roma“ von Alfonso Cuarón, „Monrovia, Ind iana“ von Frederick Wiseman, „Ni De Lian“ von Tsai Ming-liang, „Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog, „In Fabric“ von Peter Strickland und „Suspiria“ von Luca Guadagnino. Letzterer bietet zudem die Gelegenheit, auch das Original von Dario Argento aus dem Jahr 1977 wieder einmal zu sehen, in restaurierter 4K-Fassung. Eine interessante Wechselwirkung wird sich wohl auch aus dem Vergleich der beiden von inneren Dämonen heimgesuchten Musikstars in den Biopics „Vox Lux“ von Brady Corbet und „Her Smell“ von Alex Ross Perry ergeben – zwei ebenso unterschiedlichen wie kraftvollen Porträts dieser Lebenswelt.

„Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog. Bild: Viennale

„Doubles Vies“ von Olivier Assayas. Bild: Viennale

„Vox Lux“ von Brady Corbet. Bild: Viennale

„Angelo“ von Markus Schleinzer. Bild: Viennale

„Joy“ von Sudabeh Mortezai. Bild: Viennale

Regisseurinnen und Regisseure aus aller Welt werden ihre Werke vorstellen: Darunter Ivan Salatić, der mit „Ti imaš noć“ ein Generationen übergreifendes, mysteriöses Familiendrama gedreht hat, und César Vayssié, dessen „Ne Travaille Pas“ den Geist von 1968 mit künstlerischer Hingabe feiert, indem er filmische Gesten mit tänzerischen Bewegungen in Dialog treten lässt – was auf wunderbare Weise einen Bezug herstellt zu seinem vorangegangenen Film, ebenfalls im Programm: „Ufe“, der das politische Engagement bis auf die Spitze des Aktionismus treibt.

Er stellt dies in einem überraschenden meta-fiktiven Experiment in Verbindung zum militanten Kino der 1970er-Jahre und führt es als Verflechtung künstlerischer Disziplinen fort. Keinesfalls auch sollte man sich „La Flor“ entgehen lassen, einen epischen Film aus Argentinien von 14 Stunden Dauer und das Werk des nicht klassifizierbaren Filmemachers Mariano Llinás, der in dieser großartigen, gleichfalls nicht klassifizierbaren Übung in der Anwendung verschiedener Stile mit Geschick, Rhythmus und Sinn für Humor von einem Filmgenre zum andern übergeht, kurz: eine Hymne auf das Kino und die Frauen.

Unter den österreichischen Filmen bei der Viennale finden sich „Angelo“ von Markus Schleinzer, „Joy“ von Sudabeh Mortezai und „Chaos“ der in Wien ansässigen, syrischen Regisseurin Sara Fattahi. Nils Olger arbeitet in „Eine eiserne Kassette“ anhand seiner Familiengeschichte historische Fragen auf; auch „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ von Stephanus Domanig bezieht sich am Beispiel des hundertjährigen Komponisten, der ins Exil gezwungen wurde und heute in Chicago lebt, auf die Geschichte Österreichs – die im Zwanzigsten Jahrhundert vom Nationalsozialismus überschattet ist und bleiben wird.

Hingegen stellt Christiana Perschon in „Sie ist der andere Blick“ aus nächster Nähe und in Zusammenarbeit mit fünf zeitgenössischen Künstlerinnen deren jeweiligen Werdegang dar. Einer weiteren außergewöhnlichen Frau und Kämpferin ist Houchang Allahyaris Kein-Abschieds-Porträt „Ute Bock Superstar“ gewidmet.

„Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer. Bild: Filmarchiv Austria

„Die gekreuzigt werden“ von Georg Kundert. Bild: Filmarchiv Austria

Anlässlich der vielbeachteten Rekonstruktion und Restaurierung von Hans Karl Breslauers „Die Stadt ohne Juden“ geht das vom Filmarchiv Austria kuratierte Viennale-Spezialprogramm „Surviving Images“ den Spuren jüdischer Kultur und Geschichte im deutschsprachigen Stummfilm nach. Wenige Jahre vor der Shoah wurde jüdisches Leben vitaler und unmittelbarer als je zuvor im Film festgehalten. Vor allem österreichische und deutsche Stummfilme erwiesen sich dabei als eindrucksvolle Medien für die Dokumentation dessen, was bald völlig ausgelöscht werden sollte.

Im Jahr des Republikjubiläums erinnert diese Filmschau an jüdische Lebenswelten, die nur in Filmbildern überlebt haben. Acht der präsentierten zwölf Filme sind neue Restaurierungen, vier von diesen wiederum wurden im Filmarchiv Austria geschaffen. Die Filmschau ergänzt die noch bis Ende des Jahres im Metro Kinokulturhaus laufende Ausstellung „Die Stadt ohne“, die ausgehend von „Die Stadt ohne Juden“ einen Konnex herstellt zwischen dem historischen Hintergrund des Films und dem Antisemitismus und der Xenophobie der Gegenwart.

„Sh! The Octopus“ von William C. McGann. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„The Face Behind the Mask“ von Robert Florey. Bild: Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Unter den Retrospektiven einen besonderen Platz nimmt „The B-Film. Hollywoods Low-Budget-Kino 1935–1959“ ein. Ein einfacher Titel, dessen einfaches Ziel es ist, die Geschichte und das Vermächtnis jener Weise des Low-Budget-Filmemachens zu beleuchten, die innerhalb des Hollywood-Studiosystems erfunden und noch lange danach von so unterschiedlichen Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Seijun Suzuki, Hartmut Bitomsky, Martin Scorsese oder Quentin Tarantino als Ideal angestrebt wurde.

Der B-Film war, wie diese Retrospektive aufzeigt, ein historisch spezifisches Kinogenre, das von den frühen 1930er-Jahren bis zum sogenannten Paramount Decree von 1948 seine Blütezeit erlebte – dank der Einführung von Double Features und der paradoxen Idealvorstellung  des Studiosystems als einer „Art Factory“ mit dem damit einhergehenden hohen Ansehen. Mit dem B-Film wurde eine Art von purem Kino geschaffen, in dem man zum einen zu den Varieté- und „Attraktions“-Anfängen des Kinos zurückkehrte, und zum anderen diverse Avantgarde-Strömungen verfolgte – von Surrealismus und Photogénie bis zu sowjetischer Montage.

Während einem dabei unmittelbar Val Lewton und Edgar G. Ulmer in den Sinn kommen, gibt es zahlreiche genauso wichtige Beispiele von außerordentlich innovativen, aber weniger bekannten B-Filmen, die ebenfalls auf dem Programm stehen: von William McGanns bizarrer Krimikomödie „Sh! The Octopus“ aus dem Jahr 1937 bis zu Joseph H. Lewis’ Film noir „So Dark The Night“ von 1946.

www.viennale.at

17. 10. 2018

Osterfestival Imago Dei 2018: Das Programm

März 5, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Musik unter dem Motto „Nacht & Träume“

Klangraum Krems Minoritenkirche. Bild: Sascha Osaka, Osterfestival Imago Dei

In den Wochen vor Ostern und in der Karwoche wird der mittelalterliche Klangraum Krems Minoritenkirche wieder zum Gastgeber eines Frühlingsfestivals, das mit einem vielfältigen Programm Themen dieser besonderen Zeit des Jahreskreislaufes beleuchtet: Das Osterfestival Imago Dei lädt mit Musik aus verschiedenen Epochen und Ethnien, mit Literatur, Film und Diskurs dazu ein, selbst ein wenig innezuhalten und sich auf vielfältige Weise inspirieren zu lassen.

2018 steht das Festival unter dem Thema „Nacht & Träume“. Die Nacht ist als Zeit der Ruhe und Geborgenheit, der Sehnsucht und Liebe, der Geheimnisse, Fantasien und Träume seit jeher eine Inspirationsquelle für Literatur, Kunst und Musik.  Nacht bedeutet aber auch Fremdheit, Einsamkeit, Angst und Gefahr.  Diese Empfindungen versucht das Osterfestival Imago Dei mit Werken von der Antike über die Romantik bis zu den Klängen unserer Zeit einzufangen. Lesungen, Podiumsgespräche und ein Film ergänzen das musikalische Programm, das den Klangraum Krems Minoritenkirche, seine besondere Akustik, seine räumliche Eigenheit und spirituelle Atmosphäre auf vielgestaltige Art erfahrbar macht.

Bild: Chor Ad Libitum

Huelgas Ensemble. Bild: Melle Meivogel

Zur Eröffnung (9.3.) lässt der Grazer Chor Ad Libitum Chorwerke von Heinrich Schütz, Gustav Mahler, Johannes Brahms und Arvo Pärt erklingen, Katharina Stemberger liest dazu Texte von Meister Eckhart, S.M. Coleridge, Christine Lavant und anderen, die den Traum vom Leben und die Sehnsucht nach Frieden thematisieren. Unter dem Titel „Nocturne“ interpretiert das Minetti-Quartett Streichquartette von Joseph Haydn, György Ligeti und Franz Schubert (10.3.). An zwei Abenden führen Okzitanische Lieder aus 1000 Jahren mit dem Ensemble Organum (16.3.) und musikalische Annäherungen an die Musik und Poesie der antiken Dichterin Sappho durch die MusikerInnen von Constantinople und die Sängerin Savina Yannatou (25.3.) in fremde, fast vergessene Kulturen. Das Huelgas Ensemble und das Minguet Quartett verbinden Wolfgang Rihms Komposition „Et Lux“ und Gesualdos Responsorien (24.3.). Das Vokalensemble SoloVoices lädt mit Karlheinz Stockhausens wegweisendem Werk „Stimmung“ zu musikalischen Meditationen ein (16.3.). Marino Formenti und Jorge Sánchez-Chiong lassen sich von Robert Schumanns Fragmenten zu neuen Werken inspirieren (30.3., Uraufführung).

Das legendäre New Yorker Ensemble Bang On A Can All-Stars (17.3.) spielt in „Traumsequenzen“ Kompositionen aus klanglichen Feldforschungen von Steve Reich, Christian Marclay u.a. Der Künstler und Komponist Steve Bates und sein Black Seas Ensemble setzten sich mit halluzinatorischen Erfahrungen im musikalischen Zusammenhang und deren Inspirationskraft auseinander (23.3., Uraufführung). Ebenso eine Premiere ist das interdisziplinäre Projekt „My Favorit Nightmare“ von Renald Deppe, das Klänge mit live gemalten Bildern des iranischen Malers Shaahin Norouzi verbindet (29.3.). Das Festival mündet am Ostermontag schließlich in einem lebensfrohen Konzert von Les Musiciens de Saint-Julien mit schottischen Weisen und Tänzen aus dem Barock und Rokoko (2.4.).  Außerdem werden der Philosoph Robert Pfaller (23.3.), der Autor Rüdiger Safranski und der Publizist und Historiker Wolfgang Kos (10.3.) mit Lesungen und Gesprächen das Thema „Nacht & Träume“ näher beleuchten.

www.klangraum.at

5. 3. 2018

Karikaturmuseum Krems: Ironimus 90. Jetzt mal keine Politik! Cartoons von 1948 bis 2018

Februar 28, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bislang Unveröffentlichtes aus dem „Unruhestand“

Ironimus, Zehn Impressionen, 1958 © Ironimus Archiv

Ab 3. März zeigt das Karikaturmuseum Krems die Schau „Ironimus 90. Jetzt mal keine Politik! Cartoons von 1948 bis 2018“. Die Ausstellung zum 90. Geburtstag des Karikaturisten und der Zeichnerlegende zeigt neue, bislang unveröffentlichte Cartoons aus dem „Unruhestand“. Die humorvollen Zeichnungen der Jubiläumsausstellung geben einen besonderen Einblick in das Schaffen von Ironimus.

Mit mehr als 12.000 Karikaturen, über 30 Büchern und rund 100 Ausstellungen blickt Ironimus auf eine beispiellose Karriere zurück. Seine ORF-Sendungen „Die Karikatur der Woche“ und „Der Jahresrückblick in der Karikatur“ erreichten ein Millionenpublikum. Unter seinem bürgerlichen Namen wurde Gustav Peichl als Architekt bekannt, zum Beispiel durch den Bau der ORF-Landesstudios in Graz, Dornbirn, Eisenstadt, Salzburg, Innsbruck, St. Pölten und Linz, den Neubau des Städel Museums, der Bundeskunsthalle in Bonn und des Karikaturmuseum Krems. Aus diesem Anlass präsentiert das Karikaturmuseum Krems zu seinem 90. Geburtstag eine Jubiläumsausstellung mit seinen besten, nicht politischen Zeichnungen. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit Ironimus‘ Sohn, dem Kurator und Galeristen Markus Peichl kuratiert, dadurch erhält der Besucher einen sehr feinfühligen Blick in das Schaffen seines Vaters.

Ironimus , Metamorphosen, Nr. 32, 2016 © Ironimus Archiv

Ironimus, Metamorphosen, Nr. 10, 2015 © Ironimus Archiv

Mehr als 60 Jahre lang hat Ironimus mit spitzer Feder das politische Zeitgeschehen aufs Korn genommen, ehe er sich Ende 2014 zur Ruhe setzte. Der zeitliche Bogen der Arbeiten spannt sich von 1948 bis 2018 und präsentiert das zeichnerisch-humoristische Repertoire des Cartoonisten. Wie der Titel schon verrät, stehen nicht die (tages-)politischen Zeichnungen im Vordergrund. Feinsinnige Cartoons und hintergründige Beobachtungen, die mit der Doppelbödigkeit des Lebens und der Kunst spielen, sind in der Schau ein zentrales Thema. Sie führen die Absurdität der kleinen, alltäglichen Momente vor Augen.

Witzige, bisweilen absurde Situationen wechseln sich mit intelligenten Kurzgeschichten ab, unerwartete Perspektiven treffen neue ungewöhnliche Bild-Metamorphosen. Allesamt haben die Originale eine klare Formulierung und die unverkennbare Handschrift von Ironimus. Politisch aufgeladen finden sich viele dieser Bildideen in den Editorial Cartoons des Künstlers wieder. Genau diese Kombination und die Einzigartigkeit Ironimus‘ sind weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und geschätzt.

www.karikaturmuseum.at

28. 2. 2018

Wiener Festwochen: Das Programm 2018

Februar 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mechanismen des Angstmachens aufzeigen

Phobiarama. Bild: ©Willem Popelier

Das „Theater der Angst“ und das fragile Gebilde Demokratie stehen im thematischen Mittelpunkt der Wiener Festwochen 2018, deren Programm Intendant Thomas Zierhofer-Kin Donnerstag Vormittag im Museumsquartier präsentierte. Mit insgesamt 30 Produktionen, darunter vier Uraufführungen und zwei eigens für Wien adaptierten Neuversionen, will man ab 11. Mai „die Mechanismen des Angstmachens aufzeigen“ und erzählen, wie einfach gesellschaftliches Leben aus den Fugen bricht. „Ein erster Strang“, so Zierhofer-Kin, „befasst sich damit. Ein weiterer Themenkreis ist die Beschäftigung mit Kollektiv gegen Individuum beziehungsweise Subjekt und Masse.“ Den Auftakt der diesjährigen Festwochen bildet eine Produktion von Dries Verhoeven. Der niederländische Künstler bringt mit Phobiarama sein Theater der Angst nach Wien – als Geisterbahn, mitten ins Museumsquartier. Die performative Installation spielt mit der Lust am Erschaudern und führt dabei genau jene Strategien und Mechanismen vor, die einen täglich umgeben in einer Welt, in der die Kategorien Wahrheit und Lüge ebenso ins Wanken geraten wie die Demokratie an sich.

Weitere Programmhighlights:

Seinen ganz eigenen Blick auf den Beginn europäischer Theatergeschichte und die Geburtsstunde der Demokratie europäischen Verständnisses wirft der Shooting-Star des deutschen Theaters Ersan Mondtag in seiner Inszenierung der Orestie von Aischylos. Nach den Gräueln des Trojanischen Kriegs setzen sich blutrünstiges Morden, Rache, Vergeltung und Familienfehden fort. Dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten versucht Pallas Athene durch göttlichen Richterspruch. Doch wie verhalten sich die Göttinnen, Götter und Menschen, die in Mondtags Orestie als Mensch-Ratten-Hybride bislang ihren dunkelsten Trieben gefolgt sind?

Ebenfalls zurück in die Geschichte Griechenlands geht der Regisseur Ong Keng Sen, bekannt für seine interkulturelle Herangehensweise, wie für die Kunst, scheinbar Vertrautes neu auszuleuchten. In seiner musiktheatralischen Arbeit Trojan Women stellt er Helena ins Zentrum der Tragödie „Die Troerinnen“ von Euripides. Ausgehend von Jean-Paul Sartres Bearbeitung, einem starken Statement gegen Krieg und Kolonialismus, in der Helenas Außenseiterinnen-Rolle als Griechin und Europäerin in ihrer ethnischen Dimension beleuchtet wird, geht Ong Keng Sen noch einen Schritt weiter und macht sie zur Grenzgängerin zwischen den Geschlechtern. Auch formal changiert Ongs Inszenierung zwischen vielen Welten: Alte Formen koreanischer Oper treffen auf neue Theatersprachen und koreanischen Pop.

Perspektivwechsel und koloniale Praxis stehen auch in der ersten Bühnenarbeit des international renommierten ägyptischen Künstlers Wael Shawky im Zentrum. The Song of Roland: The Arabic Version erzählt das mittelalterliche, französische Heldenepos rund um die Kreuzzüge Karls des Großen gegen die islamischen Sarazenen. Die Brutalität und Mordlust verherrlichenden Verse werden hier nicht von Europäern, sondern von 20 Fidjeri-Sängern auf Arabisch vorgetragen; so eröffnet Shawky ein Vexierspiel mit vermeintlich historischen Gewissheiten und aktuellen Debatten über islamisch-arabische wie christlicheuropäische Weltbilder.

Kamp. Bild: ©Hermann Helle

The Walking Forest. Bild: © Aline Macedo

The 2nd Season. Bild: © Anja Beutler

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dunklen Kapiteln der Menschheitsgeschichte führt die niederländische Theatergruppe Hotel Modern mit der Live-Film-Performance Kamp bis in die jüngere Vergangenheit fort: Ohne Worte wird mit fingergroßen Figurinen in einem Miniaturmodell von Auschwitz der Alltag im Lagerkomplex dargestellt und mittels Mikrokameras auf eine Leinwand übertragen. 80 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs wird die 13 Jahre alte Arbeit nun erstmals auch in Wien zu sehen sein.

Einen gesellschaftspolitisch utopischen Ansatz verfolgt die brasilianische Theater- und Filmemacherin Christiane Jatahy in ihrer multimedialen, sehr freien Adaption von Shakespeares „Macbeth“: The Walking Forest nimmt Einzelschicksale von Menschen zum Anlass, einen Appell an den Gemeinwillen von Gesellschaften zu richten, an die Kraft, gemeinsam Veränderungen bewirken zu können.

Eine ganz besondere Form musikalischen Protests gegen Systeme anhand von Fabeln hat der kanadische Musiker und Cartoon-Zeichner Josh „Socalled“ Dolgin mit der Fortsetzung seines international erfolgreichen Anarcho-Puppen-Musicals „The Season“ geschaffen. In The 2nd Season gelingt es ihm, zusammen mit Puppenspielern, Live-Musikern und dem James Brown-Kollegen Fred Wesley, die Form des Musicals zu einem klugen wie unterhaltsamen Musiktheater über ökologische Themen und Kapitalismuskritik umzudeuten.

In Tiefer Schweb von Christoph Marthaler versuchen die Mitglieder eines geheimen Fachgremiums so manch unbewältigbares Problem, wie eine schwimmende Insel mit Geflüchteten auf dem Bodensee, zu lösen. Der Großmeister abgründig anarchisch-komischer Theaterarbeiten zeigt in seiner Beamten-Revue, wie sich die Verantwortlichen, statt Probleme mit Offenheit, Intelligenz und menschlicher Haltung zu bewältigen, überfordert und ängstlich in eine Blase am tiefsten Punkt des Bodensees zurückziehen.

Eine ganz andere Gemeinschaft hat der international bekannte ungarische Regisseur und Filmemacher Kornél Mundruczó im Sommer 2014 auf der Flucht vor Krieg, Terror und Tod in Ungarn gefilmt. Entstanden sind zeitgeschichtlich wertvolle filmische Dokumente über eine Gruppe von Menschen in einer existenziellen Grenzsituation, über ihre Sehnsüchte wie Hoffnungslosigkeit. Um den stummen Bildern eine Stimme zu verleihen, wählt Mundruczó den wohl subjektivsten abendländischen Liederzyklus über Einsamkeit, Entfremdung, Flucht und Tod: Schuberts Winterreise in der komponierten Interpretation von Hans Zender.

Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides. Bild: © Judith Buss

Paul McCarthy: Film Still of CSSC DADDA VIENNA EDIT. Bild: Edmund Barr. Courtesy of Paul McCarthy and Hauser & Wirth

Susanne Kennedy, erstmals in Österreich zu sehen, inszeniert ihre auf Jeffrey Eugenides Roman und Sofia Coppolas Film basierende Arbeit Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides als eine psychedelische Reise in den Tod. Mit radikaler Künstlichkeit, Entfremdung und Entsubjektivierung erzählt Kennedy die Geschichte des Freitods der Teenager-Schwestern anhand des Tibetanischen Totenbuches, begleitet vom LSD-Papst Timothy Leary, als Grenzerfahrungstrip.

Schließlich, als Ausblick auf ein Projekt, das die Wiener Festwochen 2019 zusammen mit dem legendären US-amerikanischen Künstler Paul McCarthy realisieren werden, wird mit CSSC/DADDA VIENNA EDIT eine exklusive Preview seines aktuellen Film-Projekts zu sehen sein: eine Abrechnung mit globalen faschistischen Tendenzen anhand einer radikalen Dekonstruktion von John Fords Western-Klassiker „Stagecoach“ aus dem Jahr 1939.

www.festwochen.at

15. 2. 2018