brut Wien: Das Programm der Saison 2016/17

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grenzverletzungen und andere Streifzüge durch die Stadt

Showcase Beat Le Mot: Nazisupermenschen sind euch allen überlegen. Bild: © Gerolf Mosemann

Showcase Beat Le Mot: Nazisupermenschen sind euch allen überlegen. Bild: © Gerolf Mosemann

Dienstagvormittag stellte Kira Kirsch das Spielzeitprogramm von brut Wien vor: Mit einer durchschnittlichen Auslastung von etwa 90 % zieht sie eine positive Bilanz über die vergangene und ihre erste Spielzeit als künstlerische Leiterin des Hauses; an 225 Spieltagen kamen insgesamt an die 16.000 Besucher. Ab 25. September geht’s nun mit einem dichten, abwechslungsreichen zweiwöchigen Eröffnungsprogramm in die neue Saison.

Es eröffnet die Wiener Gruppe toxic dreams mit der Uraufführung der schwarzen Beziehungskomödie Thomas B or Not, die im Kosmos von Off- und Staatstheater angesiedelt ist. Zum Social Muscle Club laden die Wiener Künstler Laia Fabre und Thomas Kasebacher (notfoundyet) und Stefanie Sourial ein. Düster-orchestrale Melodien gibt es vom Wiener Black Palms Orchestra rund um Christian Fuchs, der live auf der Bühne im brut von zahlreichen lokalen Musikern unterstützt wird, darunter Ankathie Koi (Fijuka), Anna Attar (Monsterheart) und Oliver  Welter (Naked Lunch). Mit Spannung erwartet werden darf die Österreichische Erstaufführung von Nazisupermenschen sind euch allen überlegen am 7. Oktober. Das Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot arbeitet seit 1997 mit brachialem Humor und fröhlich-sarkastischen Grenzverletzungen an der radikalen Aufarbeitung historischer Themen und Geschichten. Ihr aktuelles Projekt beschäftigt sich mit zeitreisenden Nazisupermenschen und entfacht ein humorvolles Spiel mit dem politisch Unkorrekten.

Prominent besetzt ist das erste brut+ Projekt der Saison mit dem bekannten Performancekollektiv Rimini Protokoll. Ab 28. September führt Hausbesuch Europa (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=21388) in die Räume von Wiener Privatwohnungen. Jede Aufführung findet in einem anderen Zuhause statt und involviert dort 15 Gäste in ein Gesellschaftsspiel, das um die Frage kreist, wie viel Europa in  uns allen steckt. Den öffentlichen Raum besiedelt das österreichisch-deutsche Performance- und Fernsehkollektiv irreality.tv. Ab 10. Oktober bauen die Künstler am Kriemhildplatz im 15. Bezirk für mehrere Wochen ein Filmset auf und interpretieren gemeinsam mit Menschen vor Ort sehr frei Motive aus Wagners Ring für die partizipative Stadt-Fernsehserie Der Ring des Nibelungenviertels.

Ein besonderes Highlight ist die Uraufführung von Doris Uhlichs neuestem Stück Ravemachine am 20. Oktober, einer Zusammenarbeit mit dem Choreografen und Tänzer Michael Turinsky,  in der körperliche, musikalische und mechanische Energien aufeinanderprallen. In Kooperation mit WUK performing arts findet zudem der Workshop Every Body Electric für Menschen mit Behinderungen statt, dessen Ergebnisse am 22. Oktober mit einem Remix von Ravemachine und anschließender Rave-Party im WUK gezeigt werden.

Doris Uhlich: Ravemachine mit Michael Turinsky. Bild: © Theresa Rauter

Doris Uhlich: Ravemachine mit Michael Turinsky. Bild: © Theresa Rauter

Theater im Bahnhof: Aufräumen. Drei Frauen finden die Hose von Johanna Dohnal. Bild: © Johannes Gellner

Theater im Bahnhof: Aufräumen. Drei Frauen finden die Hose von Johanna Dohnal. Bild: © Johannes Gellner

Mit Sicherheit und Überwachung in öffentlichen und privaten Räumen beschäftigt sich die Wiener Gruppe Fourdummies. Gemeinsam mit dem Publikum begeben sich die Künstler am Nationalfeiertag auf einen Streifzug, um die Inszenierung und die Repräsentation von Sicherheit zu untersuchen. Das Ergebnis der Recherche, Safe Vienna! Save Vienna!, kommt im Frühjahr im brut zur Premiere. Mit Rollenstereotypen setzen sich zwei starke Frauenpositionen aus der Steiermark auseinander, die in Räumen im 5. und im 6. Bezirk gezeigt werden. Mit Female History folgen die Rabtaldirndln einem selbstauferlegten Bildungsauftrag und erzählen ab 7. November in einer performativen Vortragsreihe von der Selbstermächtigung unkonventioneller Frauenfiguren.

Die Frauen des Theaters im Bahnhof wagen ab 21. November mit dem preisgekrönten Stück Aufräumen eine humorvolle Bestandsaufnahme zum Thema Feminismus in Österreich und nehmen die Geschichte der ehemaligen SPÖ-Frauenministerin Johanna Dohnal zum Ausgangspunkt. Die erfolgreiche Interviewserie Zu Gast im brut – Ein Talkshowkonzentrat setzt das TiB schon ab 19. November fort. Anlässlich der Vienna Art Week gibt es ein Spezial zum Thema „Schönheit“. Pro Abend wird vier Gästen in intimen Zwiegesprächen von der Interviewerin Pia Hierzegger auf den Zahn gefühlt.

Erfahrungen mit dem Staatsterror im Iran, Widerstand und Flucht beschäftigt die Wiener Künstler Gin Müller, Gorji Marzban und Jan Machacek in ihrem neuen Stück Fantomas Monster, das am 16. Dezember Premiere hat. Anfang 2017 verwandelt das Wiener Künstlerduo hoelb/hoeb den Saal im brut in einen Resonanzraum für die Themen Verlust und Trauer. Das installative Performanceprojekt Lost_Inn. staging grief involviert das Publikum in Gespräche mit Experten, Seelsorgern und Ethikern über die Beschaffenheit von Trauerräumen und -ritualen. Weitere Uraufführungen im Jänner und Februar sind noch in Planung.  Der Küchenstammtisch Bring your own booze findet wie gewohnt montags statt, der erste  der Saison am 10. Oktober.

Die finanzielle Situation für 2016 schließt an jene der vergangenen Jahre an. Das Jahresbudget beträgt etwa 1.8 Millionen Euro, daran tragen den größten Anteil die Stadt Wien, ein EU-Projekt und die Eigeneinnahmen. Ein Antrag beim Bund wurde erneut abgelehnt, ein Gesprächstermin hat diesen Status quo bestätigt. Für das Budgetjahr 2017 geht man im brut daher von ähnlichen Zahlen wie 2016 aus. Das brut wird selbst ein EU-Projekt beantragen und ist Partner in zwei weiteren EU-Anträgen. Ein weiterer Bundantrag ist ebenfalls in Planung. In den kommenden beiden Saisonen wird das Künstlerhaus bekanntlich generalsaniert. Als Letztstand der Gespräche mit dem Vermieter Künstlerhaus wurde versichert, dass trotz Baugeschehen um und am brut ein nahezu störungsfreier Betrieb während der kommenden Spielzeit möglich sein wird.

brut-wien.at

Wien, 13. 9. 2016

Schauspielhaus Wien: Die Pläne für die Saison 2016/17

September 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kubin, Kudlich, Kaspar Hauser

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen (M.) mit Rita Kelemen und Tobias Schuster. Bild: Schauspielhaus Wien

Tomas Schweigen ist zufrieden. Man hätte ihn nämlich mehrmals gewarnt vor dem steinigen Weg, den er bereit sei zu beschreiten, sagt er. En-Suite-Spielen in Wien, damit sei kein Publikum zu gewinnen. Doch Schweigen hat. Hat seine erste Spielzeit als künstlerischer Leiter des Schauspielhaus Wien mit einer Auslastung von 83 % abgeschlossen.

Und, noch bemerkenswerter, mittels einer Besucherbefragung festgemacht, dass sich dabei der Anteil der Zuschauer unter 30 Jahren auf etwa 50 % erhöhte. Kein Grund also, den steinigen Weg zu verlassen, auch in dieser Saison bleibt das Haus ein „Autoren- und Entdeckertheater“, setzt Schweigen sowohl auf die Zusammenarbeit mit österreichischen Künstlern als auch auf eine weitere Internationalisierung seiner Spielstätte. Man sehe sich als Ensembletheater, das die gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit mit aufregenden Regiehandschriften beschreiben will, so Schweigen. Als da wären: Werte und andere Utopien und die Sehnsucht danach. Dies die Eckpunkte, die Tomas Schweigen Mittwochabend bei der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 gemeinsam mit seinem leitenden Dramaturgen Tobias Schuster und seiner kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen vorstellte.

Die Eröffnungspremiere am 29. September verantwortet er als Regisseur selbst. Traum Perle Tod! heißt die Produktion auf Grundlage der fantastischen Fabel „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, ein surrealistischer Schlüsselroman und „gespenstisch aktuell“. In Schweigens Händen wird die Geschichte des Multimillionärs Claus Patera und seines im ewigen Dämmerlicht liegenden Albtraumreichs Perle natürlich keine klassische Romanadaption, der Theatermacher verspricht ein „spezielles Bühnenerlebnis in einer sehr speziellen Bühnensituation, wie es sie, so hat man mir versichert, in Wien noch nie, oder zumindest schon lange nicht mehr, gegeben hat.“

Die folgende Produktion Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht, Premiere ist am 25. November, ist nach dem Stadtspaziergang „Strotter“ eine erneute Zusammenarbeit mit Autor Thomas Köck. Der Oberösterreicher, mittlerweile zu einer der wichtigsten Stimmen der heimischen zeitgenössischen Dramatik avanciert und für seinen Text bereits mit dem Preis der Österreichischen Theaterallianz ausgezeichnet (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17739), verhandelt entlang der Biografie des Bauernbefreiers Hans Kudlich Fragen zur Ausbeutung durch andere und zur kapitalistischen Selbstausbeutung. Schweigen: „Es wird ein Parforceritt durch die Restaurationszeit und durchs heutige Dienstleistungsproletariat, es treten Figuren von Georg Büchner bis Andreas Gabalier auf, es wird saftig und humorvoll.“ Die kunstvolle kleistige Klassiksprache wird Regisseur Marco Štorman auf die Bühne heben.

Am 1. Dezember wird der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson mit seinem Team ans Schauspielhaus zurückkehren. Nach seiner 504-Stunden-Installation „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916), bei der er das gesamte Theater in ein gespenstisches Dorf samt seiner skurrilen Bewohner verwandelte, hat er nun für sein begehbares Beziehungsgemälde JINXXX eine klaustrophob-kammerspielartige Form gewählt. Im kalten Kosmos einer Autobahnraststätte, die auch Bordell ist, und einer surrealen Waldhütte, in der sich drei sinistre Frauen herumdrücken, spürt er Tendenzen von Radikalisierung nach. Schweigen: „Es wird eine Reise in den Abgrund, wieder begleitet von den sozialen Medien und wieder unter Mitarbeit des Publikums.“

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt ist der Titel des Stücks von Miroslava Svolikova, das ab 12. Jänner gezeigt wird. Die Wienerin, sie ist Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums, gilt, seit vergangene Saison im Burgtheater-Vestibül ihr Text „die hockenden“ uraufgeführt wurde, als Spezialistin für absurde Komik und schrill-prägnante Dialoge. Nun hat sie eine Farce verfasst, die so manche Konvention des Theaterbetriebs infrage stellt, oder wie Schweigen erklärt: „Es geht um drei Figuren, die sich ins finstere Herz der Antragsbürokratie vorwagen. Wichtige Rollen spielen Hologramme, Teesiebe und sprechender Speichel …“ Um die Inszenierung kümmert sich der junge Salzburger Regisseur Franz-Xaver Mayr.

Ihre erste Inszenierung im deutschsprachigen Raum zeigt ab 1. Februar die in Norwegen bereits gefeierte Autorin und Regisseurin Lisa Lie. Bekannt für ihre archaischen Bilder und ihre verspielt-skurrile Komödiantik, hat sie sich des Kaspar-Hauser-Mythos angenommen. In Kaspar Hauser oder Die Ausgestoßenen können jeden Augenblick angreifen! befasst sie sich frei und assoziativ mit der Frage, wie eine Gesellschaft mit dem Fremden umgeht, wie eine Mehrheit durch einen Neuankömmling ihre eigene Funktionsweise hinterfragen muss, und wie ein einzelner eben diese infrage stellt, weil er ihre Mechanismen nicht kennt.

Das junge Performance-Kollektiv FUX, bestehend aus Nele Stuhler und Falk Rößler, befasst sich im März in den Frotzler-Fragmenten mit den historischen Theaterformen des Roten Wien der 1920er-Jahre. Ihre „postmonetäre Doppelconférence“ untersucht Reformperspektiven zum zunehmend krisenanfälligen Kapitalismus. Eine Arbeiterrevue, in der Reizworte wie Sharing Economy oder bargeldlose Gesellschaft fallen werden.

Danach forschen Tomas Schweigen und Ivna Žic im April mit Blei über die umkämpfte Geschichte des Feldes von Bleiburg/Pliberk, bis heute eine Pilgerstätte des Nationalsozialismus. Schweigen: „Auf diesem Feld an der Grenze von Kärnten und Slowenien liegt immer noch Kriegsmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben. Im Mai 1945 wollte ein Tross aus Wehrmachtssoldaten und Zivilisten nicht den Tito-Soldaten in die Hände fallen, sondern sich den Briten ergeben. Doch die Briten lehnten ab, und die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee trieb die Menschen zurück ins Landesinnere.“ Dieses Massaker von Bleiburg und die folgenden Todesmärsche würden aus den widersprüchlichsten Perspektiven betrachtet. „Uns“, so Schweigen“, geht es um das Zeigen der ideologischen Instrumentalisierung von Geschichte im Geiste des wieder erstarkenden Nationalismus.“

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Imperium. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Città del Vaticano. Bild: © Matthias Heschl

Zum Abschluss der Spielzeit im Mai/Juni werden schließlich Milo Rau und Robert Misik mit Agora ein Projekt über Demokratie ins Leben rufen, einen performativen Diskussionsraum schaffen, einen Ort für politischen Austausch, in dem Besucher mit Performern und Experten über aktuelle politische Fragen sprechen können. Wiederaufgenommen werden Città del Vaticano und der Publikums- und Kritikerliebling Imperium (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17877); auch die Uraufführungsrechte für Christian Krachts neuen Roman „Die Toten“, der heute erscheint, habe man sich bereits gesichert, freut sich Schweigen. „Für eine mittlere Summe im sechsstelligen Bereich.“

Das Schauspielhaus Wien ist nach wie vor mit etwa 1,5 Millionen Euro von der Stadt Wien und mit 400.000 Euro vom Bund subventioniert, reichte Rita Kelemen an Zahlen nach. Man habe vergangene Saison für 226 Vorstellungen 20.000 Karten verkauft, die Eigendeckung liegt bei 19 %. Letzter Satz: „Da weiterhin keine Indexanpassung in den öffentlichen Förderungen vorgesehen ist, bleibt die wirtschaftliche Situation des Schauspielhauses angespannt.“

www.schauspielhaus.at

Wien, 8. 9. 2016

Landestheater NÖ: Marie Rötzer im Gespräch

September 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Intendantin über ihre Pläne für das Haus

Marie Rötzer ist die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Marie Rötzer ist beginnend mit dieser Saison die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Am 16. September startet das Landestheater Niederösterreich unter neuer Leitung in die neue Saison. Marie Rötzer hat die Intendanz des Hauses in St. Pölten übernommen und große Pläne. Ein Gespräch über die ersten Premieren, das junge Ensemble – und wie Rötzer das Theater zum Publikum bringen will:

MM: Warum Theater?

Marie Rötzer: Das hat mit der großen Liebe zur Literatur begonnen. Aber erst am Theater wird der Text lebendig. Am Theater haben wir es mit Menschen zu tun. Theater ist hautnah, ein Live-Erlebnis, ein Gemeinschaftserlebnis. Die Geschichte wird durch den Schauspieler greifbar gemacht. Die Darstellung des Menschen, des Menschseins, das finde ich am Theater als Kunstform am faszinierendsten.

MM: Was muss Theater für Sie können? Glauben Sie an Theater als moralische Anstalt?

Rötzer: Für mich ist Theater ganz klar eine politische Kunstform, mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten dessen, was politische Kunst sein kann und soll. Ich glaube, dass man als ein anderer Mensch aus dem Theater hinausgeht, als man hineingegangen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Theater den Menschen verändern kann, ihn zu einem besseren Menschen machen kann.

MM: Da Sie von verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten sprechen, welchen Stempel wollen Sie dem Landestheater Niederösterreich aufdrücken? Wie wird Ihre Handschrift sein?

Rötzer: Mir ist sehr daran gelegen, dass wir erneut eine Humanismus-Debatte entfachen, dass wir ganz konkret über Werte nachdenken, über Werte der Aufklärung, Toleranz, Freiheit, Meinungsfreiheit, da möchte ich ganz klar auf heutige Geschehnisse eingehen. Wir leben in einer sehr turbulenten, schwierigen Zeit, einer Umbruchszeit, in der sich in Europa neue Situationen darstellen. Darauf möchte ich mit dem Theater auf jeden Fall reagieren. Auch in dem Sinn, dass man am Theater wie in einer Laborsituation über unterschiedlichste Dinge nachdenken kann. Mein Schlagwort dafür ist „Denk- und Spielraum ohne Grenzen“. Im Kopf und im Herzen. Ich denke nicht, dass wir uns in einem europäischen Schrebergarten einigeln können. Wir müssen uns weiter öffnen.

MM: In diesem Sinne lautet auch Ihr erstes Spielzeitmotto „Die Welt ist groß“?

Rötzer: Richtig. Das hat damit zu tun, dass ich denke, dass uns die Offenheit nur bereichern kann. Auch, wenn viele Fragen ungeklärt sind und man nicht auf alles Antworten geben kann, muss man die Angst überwinden. Wir können einander Geschichten erzählen, die erklären, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen könnte. Am Theater kann man die Welt darstellen, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Man kann über Visionen, Utopien nachdenke.

MM: Sie waren in Ihren beruflichen Anfängen schon einmal am Landestheater, in der Dramaturgie. Ist das jetzt eine Art Heimkommen?

Rötzer: Ich habe während meines Studiums zwei Spielzeiten hier gearbeitet, damals hieß das Haus noch Stadttheater und war ein Vierspartenbetrieb, mittlerweile ist alles auf das Schauspiel fokussiert. Das Haus hat sich sehr verändert, aber ich finde die neue Struktur für mich sehr passend, weil ich ja ursprünglich Schauspieldramaturgin bin.

MM: Diesen wird mitunter angelastet, dass sie für ein kopflastiges Theater stünden.

Rötzer: Kopflastig ist ja nicht unbedingt negativ, sagen wir doch kopfbefreiend oder kopfluftig. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass wir über uns selber nachdenken sollten. Was heißt Menschsein? Warum sind wir hier? Was hebt uns übers Normale hinaus? Theater hat die Möglichkeit, dies alles sehr lustvoll zu überlegen, sinnlich zu sein. Ich finde es schön, wenn man am Theater lachen kann, wenn man sich gut unterhält, aber auch, wenn unterschiedlichste Kunstdisziplinen gezeigt werden, wenn Musik, Lichtdramaturgie, Video und anderem gearbeitet wird. Und natürlich mit der Körperlichkeit der Schauspieler.

MM: Wenn wir nun schon bei Ästhetiken sind: Warum haben Sie das Haus violett gebrandet? Eine aufregende Farbe …

Rötzer: Wir wollten unseren Neustart mit einer prägnanten Farbe kenntlich machen. Violett hat sehr schöne Assoziationen, es steht für Spiritualität, Frieden, Schönheit. Das sind alles Dinge, die gut mit dem Theater in Einklang zu bringen sind.

MM: Lassen Sie uns über die Dinge sprechen, die neu werden. Erstens: das Ensemble.

Rötzer: Als künstlerische Leiterin wollte ich natürlich Menschen mitbringen, mit denen ich schon gearbeitet habe und die ich gut kenne. Außerdem wollten sich viele, die hier waren, verändern. Ich habe ein Drittel des bisherigen Ensembles übernommen, Michael Scherff, Lukas Spisser, Helmut Wiesinger und Othmar Schratt. Dazu kommen nun unter anderem Kollegen von Graz bis Mainz. Katharina Knap kommt aus Stuttgart, sie wurde von Theater heute 2014 zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt. Bettina Kerl kommt aus Düsseldorf, die kennt man, weil sie schon bei Andreas Beck am Schauspielhaus Wien gearbeitet hat. Tim Breyvogel, der in der Wiener Off-Szene sehr bekannt ist, kommt zu uns; er war zuletzt im Werk X in der „Proleten Passion 2015ff.“ zu sehen. Und dann Stanislaus Dick, ein Abgänger vom Konservatorium Wien, der für mich ein Phänomen ist, weil er mehrere Instrumente spielt. Wie überhaupt das Ensemble mit Musik sehr vertraut ist, singen kann und ein gutes Rhythmusgefühl. Außerdem haben wir noch Tobias Artner, Vidina Popov und Zeynep Bozbay, drei Mozarteum-Absolventen engagiert.

MM: Und Sie bringen Johannes Silberschneider, der mir noch in Graz gesagt hat, niemals, niemals nach Wien.

Rötzer: Jaha (sie lacht). Es macht ihm Spaß bei uns, er ist gerade mitten in den Proben mit Sandy Lopičić. Johannes Silberschneider ist ein wunderbarer Schauspieler.

Erste Premiere: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Erste Premiere: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: "Das goldene Vlies" mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: „Das goldene Vlies“ mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

MM: Womit wir bei der ersten Produktion sind: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Bestseller-Roman von Ilija Trojanow, Premiere am 16. September. Siehe Spielzeitmotto: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Rötzer: Für mich ist Ilija Trojanow einer der Schriftsteller, der ganz explizit auch ein politischer Autor ist, der auch Texte und Essays über politische Themen verfasst. In seinen Romanen geht es immer um die Vielfalt der Welt, da gibt es ein großartiges Zitat, in dem er sagt, wie in der Natur die Vielfalt zur Entwicklung notwendig ist, so auch in der Gesellschaft. Diese Neugier auf fremde Kulturen, auf Menschen, die aus anderen Zusammenhängen kommen, diese Begegnung zwischen dem anderen und dem eigenen, das ist für ihn ein dramaturgischer Faden. Und das alles findet auch in „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ statt.

MM: Worum geht’s?

Rötzer: Um eine Fluchtgeschichte, die auch biografisch ist. Er erzählt sehr fantasievoll die Flucht, die er gemeinsam mit seinen Eltern aus dem kommunistischen System Bulgariens in den Westen geschafft hat, und erzählt aber auch sehr schonungslos von einer Desillusionierung. Dieser Traum, den man von einem besseren Leben geträumt hat, erfüllt sich für sein Alter Ego erstmal nicht, doch dann greift für ihn die Kraft der Poesie, indem er diesem Jugendlichen einen Paten aus dem fernen Bulgarien schickt – und so machen sich die beiden auf die ganze Welt zu erobern. Auf dieser Reise emanzipiert sich dieser Junge und merkt, wie bunt und aufregend das Leben sein kann. Er verliert Ängste und Depressionen, die er vorher hatte, er reist zu seinen Wurzeln und darüber findet er seine Identität. Mit einem Wort, ein modernes Märchen.

MM: Und eine schöne erste Gelegenheit, für einen Großteil des neuen Ensembles, sich dem Publikum vorzustellen.

Rötzer: Da es die Welt repräsentiert, ja, zwei Drittel des Ensembles sind in dieser Produktion und eben Johannes Silberschneider. Außerdem sind vier Musiker auf der Bühne, die Strottern, Matthias Loibner, der Drehleierspieler, und Maria Petrova, eine bulgarische Percussionistin, weil jede Station anders musikalisch erzählt werden wird.

MM: Trojanow wohnt ja in Wien. War er schon schauen?

Rötzer: Noch nicht, aber er wird auf jeden Fall zur Premiere kommen.

MM: Worauf freuen Sie sich sonst noch?

Rötzer: Jedes Projekt dieser Spielzeit ist für mich ein Herzensanliegen. Wir haben zwei Themenbereiche, die bereits angesprochene Achse Heimat und Fremde; der zweite Teil ist ein Nachdenken über Utopien, alternative Lebensformen, das Sichüberlebthaben des Kapitalismus, und da gibt es zwei besondere Produktionen: Shakespeares „Wie es euch gefällt“, bei der Regisseur Gottfried Breitfuß die in den Wald verbannte Hofgesellschaft als eine Art Hippiekommune zeigen wird, der es um die Freiheit der Liebe und der Rede geht, um eine emanzipierte Gesellschaft ohne Druck und Repressalien. Die andere wird in der Theaterwerkstatt sein, für die Dramaturgin Julia Engelmayer eine Idee darüber entwickelt hat, wie Leben auch anders funktionieren kann.

MM: Und wird heißen?

Rötzer: Sie heißt „Utopia“ und ist eine Anlehnung an das Werk von Thomas Morus, der bereits im 16. Jahrhundert über Werte wie Gleichheit der Menschen gearbeitet hat. Das wird die Grundlage für ein Projekt, mit dem wir aus dem Landestheater nach Niederösterreich hinausgehen wollen, das Theater sozusagen direkt zu den Menschen bringen wollen. Wir wollen vor Ort mit Menschen Interviews machen, die schon nach den Gedanken Thomas Morus‘ leben und dies in das Stück einfließen lassen. Es geht mir sehr darum, dass wir aus dem Theater treten, den Menschen entgegengehen, die Schwellenangst nehmen … Damit die Menschen nicht immer zu uns kommen müssen, sondern wir auch zu den Menschen gehen. Wir sind ein Teil von Niederösterreich und wollen die Niederösterreicher mit unserem Theatervirus begeistern.

MM: Dies gedacht als Maßnahmen, um ein neues, ein junges Publikum zum Theater zu holen?

Rötzer: Genau. Meine Vorstellung ist schon, dass sich Theater nicht nur hinter Mauern versteckt, sondern mitten im Leben stattfinden muss. Wir wollen mit einem möglichst großen Publikum in Kontakt kommen. Wir wollen Theater für alle machen.

MM: Das Landestheater Niederösterreich hat ja bereits eine große Tradition bei Publikumsbeteiligungsformaten. Nun führen Sie zwei neue ein: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ und „Außer der Reihe“. Was wird das sein?

Rötzer: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ entspricht dem Gedanken, den ich eingangs erwähnt habe, nämlich dass Theater eine Form des Dialogs ist. Wir laden die Menschen ein, über ihre Themen, Sorgen und Nöte zu sprechen, und dazu bitten wir „Fachleute“, Philosophen bis Politiker, ihre Haltung zu vertreten. „Außer der Reihe“ werden Monologe, Liederabende, Kabarettistisches …, die wir in Kaffeehäusern, Wirtshäusern, Wohnzimmern zeigen wollen.

MM: Sie machen alle Schubladen auf: Landestheater goes Off.

Rötzer: Landestheater goes on and goes outside. Ja, das sind alles ambitionierte Pläne, wir werden sehen, wie sich das alles wird umsetzen lassen. Aber Theater ist ja work in progress, wir wollen experimentieren und die Menschen auf diesen Weg mitnehmen.

MM: Erfolgsdruck, oder: wann wird für Sie Erfolg sein?

Rötzer: Natürlich wünsche ich mir, dass gleich unsere erste Premiere gut angenommen werden wird. Es kann nur miteinander gehen, ich kann nur ermöglichen und helfen, das sehe ich als meine Aufgabe als Intendantin.

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=20180

www.landestheater.net

Wien, 5. 9. 2016

TAG: Die Pläne für die Saison 2016/17

September 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombies und zusammengenähte Tiermenschen

Die TAG-Chefs Gernot Plass und Ferdinand Urbach präsentierten den Spielplan der anlaufenden Saison 2016/17. Bild: © Irene Petzwinkler

Die TAG-Chefs Gernot Plass und Ferdinand Urbach präsentieren den Spielplan der anlaufenden Saison 2016/17. Bild: © Irene Petzwinkler

„Es ist ein Spielplan, gezeichnet von Horror und Entsetzen“, moderiert Gernot Plass die anlaufende Saison ein. „In drei Produktionen brennt ein Haus, einmal explodiert sie, es kommen Zombies, zusammengenähte Tiermenschen, rechtsradikale Familien und Engel vor.“ Gemeinsam mit seinem kaufmännischen Pendant Ferdinand Urbach präsentierte der künstlerische Leiter des TAG Donnerstag Vormittag seine Pläne für 2016/17.

Knapp vor dem Sommer wurden die Geschäftsführerverträge der beiden immerhin mündlich, wenn auch noch nicht schriftlich bis ins Jahr 2021 verlängert (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=19551), entsprechend gilt ihnen der Satz „Es hilft uns nur die gute Laune!“ nicht als Spielzeitmotto, sondern vielmehr als Credo. NEU: Ab sofort ist das TAG dank Treppenlift und einiger Umbauten barrierefrei!

Den bisher beschrittenen, höchst erfolgreichen, weil in Wien singulären Weg der Ur- und Erstaufführungen via Neuschreibung von Klassikern will man am Haus beibehalten. Man verstehe sich als Künstlertheater, so Plass, und als solches versuche man „die alte Berufsform des Theatermachers wieder zu beleben“, heißt: Autor und Regisseur seien nach Möglichkeit einer, der „vom weißen Blatt Papier bis zur Premiere den Abend entwickelt“. An Premieren gibt es fünf, allesamt Uraufführungen, in denen auch das neue Ensemblemitglied Nancy Mensah-Offei zu sehen sein wird. Die in Obuasi, in Ghana, geborene Schauspielerin „beobachtet“ Plass schon länger: „Jetzt ist sie endlich aus Linz zu uns gestoßen.“

Die Eröffnungspremiere „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“: Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Judith Stehlik

Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring: Raphael Nicholas, Jens Claßen, Georg Schubert und Elisabeth Veit. Bild: © Judith Stehlik

Los geht’s am 8. Oktober mit Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring. Autor Thomas Richter und Regisseurin Dora Schneider haben den lessingschen Nathan überarbeitet und gerafft und ihn zu einem clownesk existenziellen Drama entwickelt. In diesem wird nicht nur die vom Schöpfer als naiv gedachte Recha zur revolutionären Rächerin, sondern angesichts von Religionskonflikten allüberall auch die Idee der Aufklärung, der Vernunftsgedanke und Saladins „Toleranzgefasel“ als gescheitert hinterfragt. Am Ende sitzen die drei Söhne der Ringparabel vor einer Unzahl industriell reproduzierter, identer Ringe und räsonieren ungläubig über Glaube, Irrglaube und Gewalt.

Dem Grauen in seiner vielfältigen Gestalt widmen sich die nächsten beiden Produktionen. Am 2. November hat Die Inseln des Dr. Moreau Premiere, eine Koproduktion mit The Practical Mystery, Text und Regie von Performerin und Filmemacherin Mara Mattuschka. Die Geschichte von H. G. Wells ist die eines Ich-Erzählers, der schiffbrüchig auf einer Insel gestrandet auf einen wahnsinnigen Wissenschaftler trifft, der mittels Vivisektion aus Tieren menschenähnliche Monster kreiert. „Hierzulande“, so Plass, „kennt man den Stoff in erster Linie durch seine zahlreichen Verfilmungen, also wird Mara Mattuschkas Version eine psychodelische Reise durch diese. In aberwitzigen Szenen treten Darsteller, Regisseure und Produzenten auf, von Marlon Brando bis Charles Laughton, der Geist von H. G. Wells und des Schriftstellers größter Fan Stalin – und natürlich Dr. Moreau, der versucht, seine Geschichte richtig zu stellen und vom Horror zu befreien.“

Apropos, es folgt am 3. Dezember Der Nachmittag der lebenden Toten frei nach George A. Romeros C-Movie. Thomas Desi, verantwortlich für Text und Regie, verwandelt dessen heute trashig-kultigen ersten Zombie-Film aus dem Jahr 1968 in das psychologische Kammerspiel einer kleinen Menschengruppe, die sich in einem zu niedrig gebauten Investitionsobjekt im 7. Bezirk verschanzt. „Mitten in Bobostan“, so Plass, „verfolgen sie nun ihre widerlichen kleinen Interessen und werden aufgefressen von ihrer eigenen Gier.“ Der TAG-Chef, für den die Begegnung mit dem Untoten offenbar neu, aber ein Riesenspaß ist, „Ich hab‘ den Film zum ersten Mal gesehen und mich halb tot gelacht“, verspricht „eine Farce mit fatalem Finale.“

Die Uraufführung am 22. Februar verantwortet schließlich er selbst, (Ein) Käthchen.Traum nach Kleists berühmter Heilbronnerin. Die Story der ersten Stalkerin der Literaturgeschichte hat ja was von: Was hat der Dramatiker geraucht und kann ich das auch haben?, dieses somnambule Märchen, in dem Cherubime walten, die Nebenbuhlerin ein Cyborg ist, und der deutsche Kaiser ex machina erscheint und ein Mägdelein emporhebt, das sich hinsichtlich der ihr zugeraunten Prophezeiungen von einer Traumhochzeit nicht und nicht beirren lässt … „Ich bin aber romantisch nicht so begabt“, gesteht Plass, ergo werde dieses Filetstück deutschen Rittertums bei ihm zum „nervenzerfetzenden Psychothriller mit Nahtoderfahrung“. Am 6. Mai beschließt Weiße Neger sagt man nicht den Uraufführungsreigen. Autorin und Regisseurin Esther Muschol, laut Plass „eine Spezialistin für das realistische Volksstück“, bearbeitet dazu Nestroys „Talisman“, nur ist die inkriminierte Farbe nun nicht mehr die der Haare, sondern die der Haut. Und auch die Geschlechter werden getauscht. Aus Titus Feuerfuchs wird eine Titania, aus Salome Pockerl ein Salomo.

TAGebuch Slam mit dem Motto "Stell dich deinen Jugendsünden!". Bild: © Anna Konrad

TAGebuch Slam: „Stell dich deinen Jugendsünden!“. Bild: © Anna Konrad

Außer den Eigenproduktionen kann man sich auf zwei Gastspiele freuen. Im März 2017 kommen Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer mit Eugen und Eugen, einem Zwillingsbrüderpaar, 1932 geboren, als Kinder getrennt und nun wieder vereint in einem TV-Studio, wo die beiden lebenslänglich Unfertigen anhand ihrer unterschiedlichen Biografien die Nachkriegszeiten von Berlin 1945 über Prag 1968 bis New York 2001 nacherzählen. Im Juni präsentiert das Grazer Theater im Bahnhof mit Wahr und gut und schön „eine Komödie rechts der Mitte“.

Ausgehend von Thomas Bernhards deutschem Mittagstisch entwickeln die Darsteller einen typisch österreichischen Familiensonntag, der nicht zuletzt, so Plass, „die unguten Seiten in uns allen“ aufzeigen wird. Natürlich gibt’s auch wieder jede Menge Impro-Theater, beginnend mit dem „5th International Impro Festival Vienna 2016“ am 15. September, die Reihe TAGebuch Slam, heuer unter dem Motto „Stell dich deinen Jugensünden!“ (weitere Infos: www.liebestagebuch.at), und das Musikformat Theater:Gig.

Zum Schluss nannte Ferdinand Urbach noch die wichtigsten Zahlen. In der vergangenen Saison lag die Auslastung des TAG bei 80,02 %, die Eigendeckung bei 19,3%. Bis inklusive 2017 werden sich die Subventionen seitens der Stadt Wien auf 770.000 Euro jährlich belaufen; der Bund gibt diese Saison für das Nathan-Projekt zusätzlich 8000 Euro. Allerdings: „Weiter wurde die Budgetierung des Hauses noch nicht angesprochen.“ Man müsse nun sehr aufmerksam verfolgen, was die Verantwortlichen punkto Kulturpolitik verlautbaren, denn: „Die Buschtrommeln verkünden derzeit ein Sparkonzept von minus fünf bis zehn Prozent für alle – von der freien Szene bis zum arrivierten Stadttheater.“

dastag.at

Wien, 1. 9. 2016

Landestheater NÖ: Neue Intendantin Marie Rötzer

Mai 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programm der Spielzeit 2016/17: „Die Welt ist groß“

Spielplanpräsentation im Landestheater Niederösterreich: Die neue Intendantin Marie Rötzer mit Johannes Silberschneider und Julia Engelmayer: Bild: Gerald Lehner/www.herrundfraulechner.at

Spielplanpräsentation im Landestheater Niederösterreich: Die neue Intendantin Marie Rötzer mit Gastschauspieler Johannes Silberschneider und Dramaturgin Julia Engelmayer: Bild: Gerald Lehner/www.herrundfraulechner.at

„Die Welt ist groß“, unter dieses Motto stellt die neue Intendantin des Landestheater Niederösterreich ihre erste Saison. Montag Vormittag präsentierte Marie Rötzer ihre Pläne für die kommende, ihre erste Spielzeit. Namhafte Gäste, internationale Gastspiele, Kindertheater und Lesungen werden auch weiterhin im Landestheater zu sehen sein. Neue Formate wie das „Theater – Stücke – Fest“, die Gesprächsreihe „Hier wird deine Sache verhandelt“ oder „Außer der Reihe“ sind in Planung. Rötzers Ensemble besteht aus elf Schauspielern.

Zu Michael Scherff,  Lukas Spisser, Othmar Schratt und Helmut Wiesinger kommen neu Tobias Artner, Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Stanislaus Dick, Bettina Kerl, Katharina Knap und Vidina Popov ans Haus. Als Gäste werden unter anderem Johannes Silberschneider, Toni Slama, Claus Peymann, Bibiana Beglau und Die Strottern zu sehen sein.  „Das Theater ist ein großer Spielraum, in dem vieles möglich ist und vieles möglich sein muss. Das Theater in einer Balance zwischen Unterhaltung und Aufklärung soll die Herzen öffnen und das Denken verändern. Das Landestheater im speziellen soll ein Mutmacher und eine Ideenmaschine für die Zukunft sein, gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen und sich als Spiel- und Denkraum ohne Grenzen präsentieren“, sagt Rötzer.

Das Bürgertheater wird unter der neuen Leitung von Nehle Dick weitergeführt und mit Alfred Komarek als Autor auf Spurensuche nach verschwundenen Orten in St. Pölten und Niederösterreich gehen. Geplant sind vier Uraufführungen, eine österreichische Erstaufführung und drei Österreich-Premieren, gespielt wird ab diesem Herbst zwei Monate länger, die Spielzeit beginnt im September und endet im Juni.

Eröffnet wird die erste Spielzeit von Marie Rötzer am 16. September mit der Premiere von Die Welt ist groß und Rettung lauert überall nach Ilija Trojanow. Der Musiker und Regisseur Sandy Lopičić wird das moderne Märchen über Heimat, Flucht und Fremde als musikalisch-theatrale Reise auf die Bühne bringen. Mit dabei sind die Die Strottern und Johannes Silberschneider. Am 17. September gibt es ein großes Eröffnungsfest, einer der Höhepunkte ist Philipp Hochmairs theatral-musikalische Performance  Jedermann reloaded. Der Schauspieler zeigt gemeinsam mit der Band Die Elektrohand Gottes am Rathausplatz seinen außergewöhnlichen Theaterabend nach Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“.

Am 1. Oktober steht die Premiere von Franz Grillparzers Das goldene Vlies auf dem Spielplan. Die junge katalanische Regisseurin Alia Luque, die zuletzt für das Burgtheater die Uraufführung „die hockenden“ inszenierte, bringt alle drei Teile des Epos – „Der Gastfreund“  „Die Argonauten“ und „ Medea“ – in kompakter Besetzung auf die Bühne und verfolgt mit ihrer Inszenierung die Frage, welche Opfer der Erwerb von Macht verlangt. Als Gast im Ensemble ist Silja Bächli in der Rolle der Medea zu sehen. Danach inszeniert Sarantos Zervoulakos Alan Ayckbourns Schöne Bescherungen, Premiere ist am 1. Dezember.

Die Spielzeit in der Theaterwerkstatt eröffnet die Uraufführung von Josef Winklers Romandramatisierung Roppongi am 20. Jänner. Die Regisseurin Julia Jost möchte in ihrer Dramatisierung den dörflichen und familiären Kosmos des Romans auf der Bühne erfahrbar machen, dabei den Bogen nach Japan und Indien schlagen und erkunden, was die Menschen hier mit diesen weit entfernten Orten, den Menschen dort und ihren Traditionen verbindet – oder trennt. Am 4. März folgt die nächste Uraufführung in der Theaterwerkstatt: Utopia nach Thomas Morus. Das Wiener Theaterkollektiv YZMA nimmt den Roman zum Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise zu neuen, heutigen Utopien. Auf der Basis von Videointerviews und dokumentarischem Material vermessen die Performer dieses Land für eine Landkarte der Utopien und hinterlassen dabei ihrerseits Spuren aus der Zukunft. Regie führt Milena Michalek.

Tim Breyvogel ist neu im Ensemble. Bild: Katja Kuhl

Tim Breyvogel ist neu im Ensemble. Bild: Katja Kuhl

Toni Slama kommt als Gast. Bild: Landestheater NÖ

Toni Slama kommt als Gast. Bild: Landestheater NÖ

Gottfried Breitfuß, Schauspieler am Zürcher Schauspielhaus und Regisseur, wird Wie es euch gefällt von William Shakespeare inszenieren. Als Gäste im Ensemble werden, neben dem Musiker Helmut Stippich, André Willmund und Toni Slama zu sehen sein. Premiere ist am 18. März. Regie-Shootingstar Matthias Rippert zeigt am 28. April in der Theaterwerkstatt die österreichische Erstaufführung von Schere Faust Papier von Michel Decar. Das Stück versteht sich als künstlerische Antwort auf die Absurdität und Komplexität des Weltenlaufs, der Versuch, das Ungreifbare zu durchdringen: bunt, temporeich und ungemein komisch.

Die letzte Premiere im Großen Haus ist am 5. Mai die Uraufführung von Die Eroberung des goldenen Apfels – Geschichte einer Belagerung, ein Theaterprojekt von Hakan Savaş Mican. In einer Theatercollage mit viel Musik lotet der in Berlin lebende, türkischstämmige Regisseur das historisch gewachsene Verhältnis zwischen Europa und der Türkei aus. Szenen aus der Zeit der Türkenbelagerungen und zeitgenössische Dokumente, wie Briefe junger Dschihad-Sympathisanten, spannen einen Bogen über Jahrhunderte, die von Faszination, Ressentiments und kulturellem Austausch geprägt sind.

Neben den Eigenproduktionen gibt es drei Gastspiele als Österreich-Premieren: Am 13. Oktober kommt das Deutsche Theater Berlin mit münchhausen von Armin Petras. In der Inszenierung von Jan Bosse wurde der geisteswitzsprühende Monolog über den Schauspieler als Künstler und Mensch zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Das Schauspielhaus Zürich zeigt am 17. und 18. Februar Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise in der Inszenierung von Daniela Löffner mit Gottfried Breitfuß, Robert Hunger-Bühler und Elisa Plüss. Und das Thalia Theater Hamburg ist am 8. und 9. Juni mit Warten auf Godot von Samuel Beckett zu Gast, eine Inszenierung von Stefan Pucher.

Die abgelaufene Saison 2015/2016, die letzte von Bettina Hering vor ihrem Wechsel zu den Salzburger Festspielen, hatte bei insgesamt 201 Vorstellungen mit etwa 40.000 Besuchern eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Mit 2.763 Abonnenten konnte zudem ein Allzeit-Rekord seit Bestehen des Landestheaters aufgestellt werden.

Zur Person Marie Rötzer:

Marie Rötzer, geboren in Niederösterreich, studierte in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik. Während ihres Studiums war sie am damaligen Stadttheater St. Pölten als Dramaturgin engagiert.  Sie arbeitete in der Dramaturgie des Berliner Maxim Gorki Theater, dann als Chefdramaturgin am Schauspielhaus Graz, ab 2006 im Team von Intendant Matthias Fontheim als Chefdramaturgin am Staatstheater Mainz. Neben dieser Tätigkeit ist sie an der Uni Mainz als Lehrbeauftragte und bei der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ als Kuratorin engagiert. Von Dezember 2012 bis September 2015 war Marie Rötzer Persönliche Referentin des Intendanten Joachim Lux am Thalia Theater in Hamburg.

www.landestheater.net

Wien, 23. 5. 2016