Salam.Orient 2014

Oktober 7, 2014 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit den Schwerpunkten Palästina und Syrien

Ferghana Qasimova & Ensemble (Aserbaidschan)  Bild: © Quasimova

Ferghana Qasimova & Ensemble (Aserbaidschan)
Bild: © Quasimova

Vom 14. Oktober bis zum 3. November findet heuer in Wien das Festival SALAM.ORIENT statt. Dabei setzt Festivalleiter Norbert Ehrlich zwei programmatische Schwerpunkte. In einem Palästina-Schwerpunkt wird es nicht-alltägliche Einblicke in den Kultur- und Lebensraum von Kindern und Jugendlichen mittels eines semi-dokumentarischen Theaterstückes sowie mit zwei Konzerten internationaler und nationaler Musiker/innen geben. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Auflösung der neuerlichen explosiven Spannungen in diesem Raum. Frauen.Stimmen steht als Klammer für ein breites Spektrum an weiblichen Stimmen, deren Themen im weiten Feld der Welt(musik)kultur unterschiedlicher nicht sein könnten. Frauen.Stimmen präsentiert Künstlerinnen weit weg von Opfer-Rollen oder der latenten Wahrnehmungsfalle, „nicht gehört und gesehen zu werden“. Folgende Sängerinnen teilen resolut ihre vielfältigen Botschaften mit:

Cigdem Aslan (16.10., Sargfabrik) bedient sich der griechischen Volksmusik Rembetiko in einer Art und Weise, die Grenzen zwischen „Türkischem“ und „Griechischem“ bewusst verschwimmen lässt. Was bleibt ist der Blues des Mittelmeeres, entstanden in den Tavernen von Smyrna (heute Izmir), Thessaloniki und Piräus. Musik, wunderschön und traurig zugleich. Mit Malouma & Ensemble (23.10., Sargfabrik) gibt es eine wahre Diva zu entdecken. Dabei sind die Texte der Künstlerin aus Mauretanien durchaus politisch zu verstehen. Sie singt voller Leidenschaft gegen Ausbeutung aller Art, für die Beseitigung von Analphabetismus, die Rechte von Frauen in patriarchalischen Gesellschaften, gegen Kinderarbeit und bleibt dennoch der phantastischen Tradition der Griots in Westafrika und deren Buntheit und Farbigkeit verbunden. Iranische Sängerinnen haben außerhalb ihrer Heimat höchst divergente Musikstile entwickelt: Golnar Shahyar fand in Wien zu einem sehr persönlichen Stil zwischen Jazz und Weltmusik und tritt am 25.10. gemeinsam mit Mahan Mirarab und Shayan Fathi als Gruppe Sehrang in der Brunnenpassage auf. Azam Ali und Niyaz (30.10., Porgy & Bess) mixen in einem extravaganten und tanzbaren Hybrid, welches sie „Transe Global“ nennen, höchst erfolgreich alte Sufi-Texte mit west-lichem Dancefloor. Ferghana Qasimova (29.10. Odeon Theater), ist eine junge Interpretin der klassischen Mugham-Musik in Aserbaidschan und führt die Tradition ihres berühmten Vaters Alim Qasimov fort, strenge musikalische Formen mit großer improvisatorischer Freiheit zu verbinden. Die große und hochverehrte Sevdah-Interpretin Amira Medunjanin wiederum untersucht in Liedern aus ihrer bosnischen Heimat deren historische Verbindungen zur osmanischen Kultur (1.11., Theater Akzent).

Schwerpunkt Palästina: aus Ramallah kommt das Ashtar Theatre mit seinen eindrucksvollen, unbequemen „Gaza Monologen“ Jugendlicher über ihre Träume und Erfahrungen (18. & 19.10., Brunnenpassage) sowie der Oud-Virtuose Adnan Joubran. Dieser genießt bisher im Trio Joubran gemeinsam mit seinen Brüdern Sami und Wissam Weltruf. Er präsentiert in Wien sein neues Solo-Projekt „Borders Behind“, gemeinsam mit Stars der französischen World Music Szene (28.10., Odeon Theater).

SALAM.ORIENT beginnt und endet mit zwei Veranstaltungen in der Diplomatischen Akademie Wien zu den Themen „Türkei: Kurdistan – wie geht es weiter mit dem Friedensprozess?“ (14.10.) sowie „Syrien – von der Revolte zum regionalen Krieg?“ (3.11.). Weiters findet eine Lesung des aus Kairo stammenden und in Wien lebenden Autors Tarek Eltayeb statt (27.10., Hauptbücherei) sowie erstmals ein Orient-Ball der Wiener Szene – „Le Bal Oriental“ – mit Tanzeinlagen und Live-Musik (31.10., Restaurant Aux Gazelles).

Wie jedes Jahr werden dabei auch heuer im Rahmen von SALAM.ORIENT bereits Kinder ab 4 Jahren mit Workshops und vielfältigen Aufführungen an die ihnen noch fremde Welt des Orients herangeführt, Jugendliche mit etwas härteren, mitunter kontroversen Themen aus dem Alltag Gleichaltriger in anderen Ländern konfrontiert. Die Fülle der Angebote erzeugt Reaktionen, die von Begeisterung und Staunen bis hin zum Erschrecken über ferne Lebenswirklichkeiten reichen. Generell versucht das Festival in einer Welt, in der Grenzen fallen und neue Räume entstehen, mit den Mitteln der Kunst und Kultur Orientierungshilfen zu geben. Klarerweise entstehen Ängste und Abwehrhaltungen bei der Fülle an unüberschaubaren Umbrüchen von Westafrika bis Zentralasien. Im Rahmen von SALAM.ORIENT erleben wir immer wieder intensive Suche und Sehnsucht nach Lösungen für verengte Perspektiven, aber auch in dramatischen Konflikten. Wir werden Augenzeugen von Courage und Aufmunterung, über geistige Grenzen und Landes-Grenzen hinweg Verständnis für längst fällige Veränderung zu entwickeln. Die positive Kraft vieler Statements der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler wird die Menschen einander näher bringen – wenn man sie lässt.

http://salam-orient.at

Wien, 7. 10. 2014

mumok: Cosima von Bonin und Tocotronic

Oktober 1, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Hippies use Side Door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab

Cosima von Bonin: DER ITALIENER, 2014. Außeninstallation an der Fassade des mumok. Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack.Figur: 250 x 80 cm. Produktion: Saygel & Schreiber, Berlin Bild: Nikolaus Havranek

Cosima von Bonin: DER ITALIENER, 2014. Außeninstallation an der Fassade des mumok.
Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack.Figur: 250 x 80 cm. Produktion: Saygel & Schreiber, Berlin
Bild: Nikolaus Havranek

Im Herbst 2014 präsentiert das mumok die bisher umfassendste Ausstellung Cosima von Bonins in Österreich. Unter dem Titel HIPPIES USE SIDE DOOR. DAS JAHR 2014 HAT EIN RAD AB. erwartet die BesucherInnen ab 3. Oktober mit über 100 Arbeiten ein groß angelegter Überblick über das Werk der 1962 in Mombasa, Kenia geborenen Künstlerin – von den künstlerischen Anfängen bis hin zu ganz neuen Arbeiten. Retrospektiv angelegt, vollzieht die Ausstellung nach, wie von Bonins Arbeiten immer stärker in den Raum übergreifen.

Typisch für das komplexe Beziehungsnetz, das sie zwischen bildender Kunst und Musik aufgespannt hat, ist das Einbeziehen langjähriger KollegInnen und FreundInnen in ihre Ausstellungsvorhaben. Neben Tocotronic und Phantom Ghost, die mit Konzerten im Programm der Ausstellung vertreten sind, haben sich unter den Namen The 3 Ypsilons und The Ypsilon Five aus dem Freundeskreis der Künstlerin gleich zwei Formationen gebildet, die den Eröffnungsabend der Ausstellung am 3. Oktober mit Performancedarbietungen bestreiten. An der Fassade des mumok prangt ab Ausstellungsbeginn ein Balkon. Besetzt ist er mit einer sich übergebenden Figur.

Ein Balkon für das mumok – Der kotzende ITALIENER

Für ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung in Österreich belässt es die Künstlerin Cosima von Bonin nicht dabei, ihre Werke ausschließlich im Inneren des mumok zu zeigen. Noch vor der großen Eröffnung wird sie vor dem großen Panoramafenster an der Front des Hauses einen Balkon anbringen lassen. Von Bonin hat ihre ursprüngliche Idee, auf dem Dach des Museums eine Rakete in Position zu bringen, auf der ein sich übergebendes Küken reitet, zugunsten eines einfachen Balkons, so wie er oft an Fassaden von Ein- und Mehrfamilienhäusern zu finden ist, aufgegeben. Auf die Nachfrage, weshalb sie sich anstelle der von Weitem sichtbaren Rakete, für die erst auf den zweiten Blick sichtbare Sonnenterrasse entschieden habe, antwortete von Bonin, die sich bekanntermaßen mit Interpretationen ihres eigenen Werks zurückhält, kurz und knapp: „Ich fand schon immer, dass das Museum einen Balkon haben sollte.“ Auf dem Balkon steht eine etwas hölzern und angespannt wirkende Figur. Sie erinnert in keinster Weise an die auf Hochsitzen und anderem Mobiliar herumlungernden, vor Erschöpfung und Müßiggang zusammengesunkenen Kreaturen, die ab 3. Oktober hinter dem großen Fenster, hinter ihrem Rücken also, zu Scharen das Museum besetzen werden. Von Bonin nennt sie DER ITALIENER – in Anlehnung an den gleichnamigen Film des österreichischen Filmemachers Ferry Radax von 1972, der nach einem Drehbuch von Thomas Bernhard entstand. Dieser „Italiener“, von einer eher mageren Statur, steht da mit einer Mischung aus forscher Grandezza und introvertierter Zurückgezogenheit, vor allem aber als auseinandersetzungsfreudiger Unruhestifter, eine Art Agent Provocateur. Ihm wird schlecht, und er muss sich übergeben. Ob er das tut, weil ihm die Höhe zu schaffen macht, er die Nase von seinem Joch und sich endgültig voll hat, oder sich gegen Cosima von Bonin auflehnt und deshalb ihrer Ausstellung den Rücken kehrt, bleibt den Mutmaßungen der einzelnen BetrachterInnen überlassen.

TOCOTRONIC: Konzert am 4. Oktober

Sound und Musik sind für die Künstlerin Cosima von Bonin ein maßgeblicher Bestandteil ihrer Arbeiten. Die begnadete Netzwerkerin bezieht in ihre Ausstellungsprojekte stets befreundete KünstlerInnen auch anderer Genres mit ein. Der Kreis der Mitwirkenden wächst stetig. Zum Auftakt ihrer Retrospektive im mumok spielt eine Combo, die sie schon seit mehr als einem Jahrzehnt begleitet: „die unpeinlichste, stilsicherste und höflichste deutschsprachige Band überhaupt“ (Die Welt) – Tocotronic. Am 4. Oktober 2014, 20.30 Uhr, geben die vier Musiker in Wien ihr einziges Österreichkonzert des Jahres. Tickets können über Ö-Ticket bezogen werden. Die Konzerttickets gelten auch als Eintrittskarten zur Ausstellung im mumok.

Die Band Tocotronic, die mittlerweile auf über 20 Jahre gemeinsame Geschichte und zehn Alben zurückblicken kann, spielt in Wien unter anderem Songs aus ihrem Jubiläumsalbum Wie wir leben wollen. Auf ihrem 17 Titel umfassenden musikalischen Epos verneigen sich die selbst ernannten „Plüschophilen“ mit dem Song „Neue Zonen“ auch vor Cosima von Bonin, die gleichermaßen kunstvolle Kusshände in Richtung der den Trainingsjacken mittlerweile entwachsenen Jungs wirft. Seit 2000 dauert der Austausch der bildenden Künstlerin und des Kopfes der Hamburger Formation, Dirk von Lowtzow, nun schon an. Sie beziehen sich immer wieder auf die Arbeit des/der anderen, zitieren einander und produzieren füreinander. Cosima von Bonin gestaltete bereits mehrere Cover für Dirk von Lowtzows Zweitband Phantom Ghost, zum Beispiel in Form des überdimensionalen Mobiles Thrown out of Drama School (2008) für die gleichnamige Platte. Auch das Bühnenbild für den Auftritt von Phantom Ghost beim Berliner Festival Foreign Affairs am 7. Juli 2014 stammt von ihr. Der Sänger und Songwriter schreibt Texte über das Kuscheltierimperium von Bonins und taucht immer wieder in unterschiedlichen Rollen im Programm der Ausstellungen der in Köln lebenden Künstlerin auf.

www.mumok.at

Wien, 1. 10. 2014

Frankfurter Buchmesse 2014

September 24, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Fest der Bücher

Foto-0050Die weltweit größte internationale Messe für Bücher macht Frankfurt vom 8. bis 12. Oktober 2014 zum Treffpunkt für Autoren und Verleger, Kreative und Medienvertreter, Buchhändler und Bibliothekare, Leser und Kulturliebhaber aus der ganzen Welt. Mehr als 100 Nationen – von Ägypten bis Vietnam – sind bei der Leistungsschau des gedruckten Wortes vertreten. Natürlich sind wie alle Jahre auch viele bekannte Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Sachbuch und Belletristik anwesend. Die Bandbreite reicht von Ken Follett („Kinder der Freiheit“), Robert Seethaler („Ein ganzes Leben“), Marlene Streeruwitz („Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“), Ned Beauman („Glow“), Raja Alem („Das Halsband der Tauben“), Andrej Kurkow („Ukrainisches Tagebuch“) bis hin zu Wolf Haas („Brennerova“).
Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Finnland (2015: Indonesien). Mehr als 50 finnische Autoren haben bereits ihr Kommen zugesagt und präsentieren dem Lesepublikum vor Ort ihre deutschsprachigen Neuerscheinungen.
Weitere Highlights: Am 8. Oktober werden erstmals die Gewinner des Literaturpreises der Europäischen Union (EUPL) nicht nur verkündet, sondern auch gleich zur Debatte gebeten und am Messe-Freitag wird der traditionelle Deutsche Jugendliteraturpreis verliehen.

www.buchmesse.de

Buchtipps

Philip Teir, „Winterkrieg“, Blessing
Max ist Soziologe an der Universität von Helsinki und erfolgreicher Buchautor. Sein akademisches Steckenpferd sind Sexualität und Ehe – seine eigene dagegen funktioniert schon lange nicht mehr. Auch seine beiden Töchter Eva und Hellen hadern mit ihren Lebensentwürfen. Als Eva eine Affäre mit ihrem Dozenten beginnt und Max mit einer jungen Journalistin spitzt sich die Lage der Familie zu. Ein Gesellschaftsroman über Menschen, die eigentlich alles haben und/oder deswegen nicht glücklich sein können.

Tuomas Kyrö, „Bettler und Hase“, Hoffmann & Campe
Der rumänische Bettler Vatanescu und der knapp dem Tod entronnene Hase, der eigentlich ein Kaninchen ist, ziehen auf der Suche nach dem Glück durch Finnland. Sie begegnen   integrierten Vietnamesen, kriminellen Ukrainern, trinklustigen Saunagängern und überambitionierten Polit-Aktivisten. Eine Mischung aus Roadmovie, Sozialsatire und modernem Märchen.

Rosa Liksom, „Abteil Nr. 6“, DVA
Draußen vor dem Zugfenster ziehen die unendlichen Weiten Sibiriens vorbei, drinnen im Abteil Nr. 6 ist es beklemmend eng. Die finnische Archäologiestudentin sitzt nur eine Armeslänge entfernt von einem mit allen schmutzigen Wassern gewaschenen Russen, und aus der erhofften beschaulichen Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn wird ein Höllentrip und doch entwickelt der Mann echte Fürsorge für die Frau. Ein preisgekröntes Kammerspiel einer schonungslosen Freundschaft. www.mottingers-meinung.at/rosa-liksom-abteil-nr-6/

Aki Ollikainen, „Das Hungerjahr“, Transit
Mirja, eine junge Bäuerin, verlässt ihren kleinen Hof im Norden Finnlands und macht sich mit den beiden Kindern auf eine lange Wanderung durch Kälte, Eis und Schnee. Ihr Ziel, das sie trotz aller Warnungen, mit viel Energie und Mut, unbedingt erreichen will, ist St. Petersburg, das Zentrum des Zarenreichs, zu dem Finnland damals, 1867, gehört. Mit ihr sind Zehntausende auf der Flucht nach Süden, um der Hungersnot zu entkommen. Doch für die Petersburger sind sie nichts anderes als Vagabunden, Bettler, Fremde.

Kjell Westö, „Geh nicht einsam in die Nacht“, btb
Helsinki, in den 68ern. Jouni, Ariel und Adriana könnten unterschiedlicher nicht sein und sind doch Freunde. Jouni kann sowohl reden als auch zuschlagen, er ist ein Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Karriere, Ariel ein stotternder Träumer mit musikalischem Talent. Zwischen ihnen steht Adriana: scharfsinnig, selbständig und nervös. Sie ist die treibende Kraft des Trios. Es ist ihre Idee, dass die drei eine Band gründen – und für eine Weile leben sie eine ménage a trois wie im Film „Jules et Jim“. Aber dann trennen sich ihre Wege. Jouni geht in die Politik, Adriana wird zunehmend von Ängsten geplagt, und Ariel versinkt in seiner Drogensucht und geht nach Stockholm, wo er spurlos verschwindet. Zwanzig Jahre später beginnt Frank Loman zu recherchieren, was mit den drei Freunden geschehen ist. Es gibt Berührungspunkte, nicht zuletzt ist er rettungslos in Adrianas jüngere Schwester Eva verliebt, und sein eigenes Leben ist auf ungeahnte Art in vielem eine Fortsetzung ihrer Lebenswege.

Hannu Raittila, „Kontinentaldrift“, Luchterhand
Sie waren beste Freundinnen, Paula und Sara, zwei vernachlässigte Mädchen, die alles teilten, die erste Liebe, die Träume vom Leben, die Wünsche nach Glück. Als Teenager hingen sie auf dem Flughafen Helsinki herum, machten ihre Leidenschaft für fremde Länder und weite Reisen schon bald zum gefährlichen Job – und verloren sich schließlich aus den Augen.Doch dann, Jahre später, beobachtet Sara zufällig, wie ihre ehemalige Schulfreundin, hochschwanger und in Handschellen, aus einer Iberia-Maschine in einen Grenzschutzbus geführt wird. Was sie nicht weiß: dass man Paula in die Psychiatrie bringt und dass sie von dort bald verschwinden wird. Wenig später erhält Paulas Mutter Pirjo per Email Tagebücher zugesandt. Es dauert eine Weile, bis sie das eigene Kind darin erkennt. denn die Verfasserin bezeichnet sich nach einer Figur in „Twin Peaks“ als Laura Palmer. Als Pirjo das begreift, macht sie ihren früheren Mann ausfindig, Johan Lampen, Offizier der Küstenwache, der sich vor Jahren dazu entschieden hat, keine Rolle im Leben seiner Tochter spielen zu wollen. Nun begibt er sich auf die weltweite Suche nach ihr – um wieder zusammenzuführen, was vor Jahren aufgrund von Missverständnissen und Sprachlosigkeit auseinanderdriftete wie vor Urzeiten die Kontinente.

Roope Lipasti, „Ausflug mit Urne“, Blessing
Teemu und Janne, zwei ungleiche Brüder, machen sich mit der Asche ihres Stiefgroßvaters Jalmari auf den Weg ins ostfinnische Imatra. Dort soll der letzte Wille des Verstorbenen verkündet werden. Die Reise quer durch Finnland, auf der die Brüder die Lebensstationen Jalmaris abklappern, ist gleichzeitig eine Reise in ihre Vergangenheit. Ein humorvoller und scharfsinniger Roman über geplatzte Illusionen, über das Älterwerden und darüber, wie unterschiedlich Menschen sein können, selbst wenn sie dieselben Eltern haben.

Sofi Oksanen, „Als die Tauben verschwanden“, Kiepenheuer & Witsch
Ein meisterhaft komponierter Roman über Machtstreben, Liebe und Verrat: Sofi Oksanen folgt dem Schicksal dreier Esten während des Zweiten Weltkriegs und danach: Roland, einem prinzipientreuen estnischen Freiheitskämpfer, seinem machthungrigen, skrupellosen Cousin Edgar und dessen Frau Juudit, die sich in einen deutschen Offizier verliebt. www.mottingers-meinung.at/sofi-oksanen-als-die-tauben-verschwanden/

Wienwoche 2014

September 1, 2014 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

„Migrazija-yeah-yeah …“: Erste Hilfe für jene,

die sich mit Migration schwer tun

Bild: (C) WIENWOCHE / Lisbeth Kovacic

Bild: (C) WIENWOCHE / Lisbeth Kovacic

Im Rahmen der dritten Auflage von Wienwoche, von 12. bis 28. September an zahlreichen Orten der Stadt, präsentieren 15 Projekte ihre Perspektiven auf die österreichische Gesellschaft von heute. Mit geschärftem Fokus auf die treibende Kraft ihrer Weiterentwicklung: die Migration.

„Sie gilt als Schreckgespenst der ‚Nation‘, als Allzweckwaffe für billige Wahlprozente und überhaupt als Grund aller Probleme. Heiß umkämpft, scharf geregelt und ständig schlecht geredet: die Migration.  Bis heute scheint Österreich seine Probleme mit ihr zu haben. Oder genauer: jene Teile der Gesellschaft, die sich als Mehrheit verstehen und davon beseelt sind, andere zu integrieren, zu tolerieren und zu akzeptieren. Und natürlich auch jene, die sich von allem ‚Fremden‘ bedroht fühlen und lieber unter sich bleiben wollen. Ihnen will Wienwoche 2014 aufzeigen: Ohne Migration ginge nichts (weiter) in diesem Land“, so das Wienwoche-Leitungsteam Petja Dimitrova, Can Gülcü und Radostina Patulova.

Mit Ausstellungen, Büchern, Lesungen, Filmen, Aktionen, Diskussionen, Konzerten und Interventionen erkunden, enthüllen, kommentieren und zelebrieren die Projekte die unterschiedlichen Facetten der Migration als stete Arbeit an der Gesellschaft von morgen. Der Themenbogen umspannt Rückblicke auf historische Kämpfe von Migrant_innen um soziale Rechte („Gaygusuz gegen Österreich“) ebenso wie das Feiern der Liebe als häufig vernachlässigten Aspekt der Migration („LOVE MIGRATION“). Eröffnet wird Wienwoche 2014 mit dem „Wiener Kopulationsring Ball (WKR-Ball)“ in den ehrwürdigen Räumlichkeiten der Hofburg sowie im Aux Gazelles: die queere Antwort der Perversen Initiative auf den Leberkäsedunst des Akademikerballs. Das Projekt „WIENerWARTEN“ greift eine der prägendsten Erfahrungen im Alltagsleben eines_einer Migrant_in auf: das Warten. Autor_innen wie Olja Alvir, Dimitré Dinev oder Yasmin Hafedh a.k.a. Yasmo verarbeiten dabei ihre Erfahrungen in den Wartezimmern der Einwanderungsbehörden und beschreiben dabei Humorvolles, aber auch Absurdes und Skandalöses.

Beinahe unbemerkt schleicht sich „moving museum“ in die Ausstellungen von drei der wichtigsten kulturhistorischen Museen in Wien: Jüdisches Museum, Weltmuseum und Wien Museum. Mit seinen Interventionen verrückt das Projekt den Blick auf die Objekte mit dem Ziel, vergessene und verdrängte Geschichten wieder zum Vorschein zu bringen. Auf der „Migrationale“ bieten zahlreiche Expert_innen ihr Know-how zum Tausch an. Von der Amtswege-Beratung bis zur Fahrradreparatur – hier können alle Menschen Dienstleistungen offerieren und nutzen, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt bleibt oder erschwert wird.

Das Abschlussfest von Wienwoche 2014 führt ins Vindobona zum „Gazino Royal Viyana“, wo migrantische Musiker_innen mehrerer Generationen aus Deutschland und Österreich – unter ihnen Ata Canani (ehemals „Die Kanaken“) oder Bahtiyar Eroglu – zeigen, dass die „Gastarbeiter_innen“ nicht nur in den Betrieben geschuftet, sondern auch musiziert, gefeiert, ihre Erfahrungen durch Kunst verarbeitet und somit das heimische Kulturleben nachhaltig mitgestaltet haben.

www.wienwoche.org

Video: www.youtube.com/wienwocheorg

Wien, 1. 9. 2014

Wien modern 2014

August 22, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Start des Vorverkaufs am 25. August

Das Leben am Rande der Milchstraße: Bibiana Nwobilo, Theresa Dlouhy, Anna Clare Hauf, Benjamin Appl  Bild: ©  Bregenzer Festspiele / Anja Köhler

Das Leben am Rande der Milchstraße: Bibiana Nwobilo, Theresa Dlouhy, Anna Clare Hauf, Benjamin Appl
Bild: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler

Der Kartenvorverkauf für das Festival WIEN MODERN #27 beginnt am 25. August. Vom 29. Oktober bis 21. November findet Österreichs größtes Festival für zeitgenössische Musik 2014 statt.

Zur Eröffnung am 29. Oktober im Wiener Konzerthaus wird eine Auftragskomposition des diesjährigen Schwerpunkt-Komponisten Georg Friedrich Haas zu hören sein: „concerto grosso Nr. 2“ mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien und dem Klangforum Wien unter der Leitung von Cornelius Meister. Im Laufe des Festivals werden einige von Haas´ Werken präsentiert, interpretiert von renommierten Orchestern und Ensembles aus dem In- und Ausland; so bringt z.B. das Arditti Quartet an zwei Abenden alle seine Streichquartette. 

Im Rahmen des Schwerpunktes „on screen“ präsentiert WIEN MODERN ab 31. Oktober im Berio-Saal des Wiener Konzerthauses ein neues Musiktheater-Format: die Sitcom-Oper „Das Leben am Rande der Milchstraße“ in sieben Folgen mit Musik des österreichischen Komponisten Bernhard Gander. Im Rahmen von „on screen“ wird aber auch anderen Schnittstellen von Film/TV und zeitgenössischer Musik auf die Spur gegangen: So werden zahlreiche Kompositionen, die sich auf das Medium Film beziehen, zu hören sein und in Partnerschaft mit dem Österreichischen Filmmuseum wird eine siebenteilige Reihe „Neue Musik im Spielfilm“ gezeigt.

Der Erste Bank-Kompositionspreis 2014 ging an Reinhard Fuchs. Das Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling wird am 9. November im Wiener Konzerthaus sein neues Werk „MANIA“, inspiriert vom Filmklassiker „Blue Velvet“ von David Lynch, zur Uraufführung bringen.

Auch das Thema Klub und Party wird auch heuer wieder nicht zu kurz kommen: Nach einem Warm-Up am 16. Oktober wird in drei StudioNÄCHTEN im Elektro Gönner und einer KlubNACHT im Fluc gefeiert.
 
WIEN MODERN, eines der wichtigsten internationalen Festivals für Musik der Gegenwart, wurde 1988 von Claudio Abbado gegründet und steht seit 2010 unter der Künstlerischen Leitung von Matthias Lošek.

Der Generalpass ist um € 90,- erhältlich, alle Generalpass-InhaberInnen erhalten ein Freiexemplar des WIEN MODERN-Kataloges.
Wien, 22. 8. 2014