Neues Zentrum für die freie Theater-, Tanz- und Performance-Szene im 20. Bezirk

April 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch brut, das WUK und die Festwochen ziehen ein

brut-Intendantin Kira Kirsch und Kulturstadträtin Veronica Haup-Hasler. Bild © PID/Votava

Im Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof entsteht in einer ehemaligen Industriehalle aktuell ein neues Zentrum für die freie Performance, Tanzund Theaterszene. Auf Initiative von brut wird das Gelände als Performing Arts Areal entwickelt, in dem brut mit der neuen Spielstätte brut nordwest, die freie Szene, die Wiener Festwochen und das WUK bis Ende 2023 ein neues Zentrum finden werden. Die Mischnutzung ermöglicht Austausch, Kooperationen und Synergien.

Im Zentrum des Areals steht die 1.600 m² große Spielstätte brut nordwest, die eine Blackbox für 180 Personen, weitere flexible Flächen für Veranstaltungen, einen Backstagebereich für nstlerinnen und Künstler, Foyer und Theaterbuffet für das Publikum, einen Probenraum, Büro- und Lagerräume sowie Freiflächen im Innenhof umfasst. Die Adaptierungsarbeiten wurden im März 2021 von brut erfolgreich abgeschlossen. In Planung ist, ab September 2021 auf weiteren 600 m² vier durch die Stadt Wien geförderte Probenräume für die freie Performance-, Tanz- und Theaterszene zur selbstbestimmten Verwendung zu öffnen. Ziel ist es, mehr Räume für Kunst und Kultur zu schaffen. Die Nutzung soll jeweils von Juli bis April möglich sein.

Die Wiener Festwochen planen ab Mai das gesamte Areal zu bespielen. Aktuell werden die Probenräume in den Obergeschossen von den Wiener Festwochen adaptiert. Auch das sich in Generalsanierung befindliche WUK wird ab Sommer weitere Flächen für seine vielfältigen Aktivitäten zwischen Performing Arts und Soziokultur nutzen können.Der Standort kann bis Ende 2023 genutzt werden, ab dem Jahr 2024 wird auf dem Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof ein neuer Stadtteil entstehen.

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

Kira Kirsch, künstlerische Leiterin von brut, ist begeistert: „Die Entwicklung des Standorts als Zentrum für Performance, Tanz und Theater rund um unsere neue Spielstätte brut nordwest bietet enormes Potential für Vernetzung und Austausch und gute Bedingungen für das künstlerische Arbeiten der freien Szene. Wir sind glücklich, diesen Ort entdeckt und entwickelt zu haben und freuen uns, gemeinsam mit den Mitnutzerinnen und Mitnutzern an der Etablierung des neuen Areals zu arbeiten.“

Christophe Slagmuylder,Intendant der Wiener Festwochen, die an einer coronabedingt adaptierten Festivaledition 2021 arbeiten, schätzt das brut nordwest als eine der avisierten Spielstätten: „Das neue Gelände bietet eine Infrastruktur, die in dieser Form nicht allzu häufig in Wien in vergleichbarer Weise zu finden ist. Das Areal bietet sich für verschiedenste Formate an, als ‚klassische‘ Spielstätte, aber auch für diskursive Formate und Workshops und als sozialer Ort für Austausch und Begegnungen. Die Wiener Festwochen freuen sich darauf, für und an diesem Ort Inhalte zu denken und zu verwirklichen, Voraussetzung ist allerdings, dass es baldige Entscheidungen bezüglich der nächsten Öffnungsschritte für die Kultur gibt.

brut-wien.at           brut-wien.at/de/Magazin/brut-nordwest

19. 4. 2021

Karikaturmuseum Krems: Zwei neue Ausstellungen im Jubiläumsjahr / Freier Eintritt am 20. Februar

Februar 16, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Highlights und der Janosch-Superstar

Herr Wondrak von Janosch: Museum. © Janosch film & medien AG

Das Karikaturmuseum Krems startet mit einem Best-Of an Karikaturen der Landessammlungen Niederösterreich und einem Exkurs zum kultigen Herrn Wondrak von Janosch ins Ausstellungsjahr 2021 – und lädt Interessierte zum Eröffnungstag Samstag, 20. Februar, bei freiem Eintritt ein. 2021 feiert das Karikaturmuseum Krems sein 20-jähriges Bestehen. Seit 20 Jahren sammelt auch das Land Niederösterreich Karikatur und Bildsatire.

Nach etwa zwei Jahrzehnten ist diese Karikatursammlung mit zirka 7.000 Originalen die größte ihrer Art in Österreich. Die Ausstellung „Schätze aus 20 Jahren. Karikaturen aus den Landessammlungen Niederösterreich“ zeigt eine Auswahl von 230 Arbeiten und von 20 Künstlern aus den Landessammlungen Niederösterreich.

„In der Ausstellung finden sich wahre Schätze ausgehend von den 1900er-Jahren bis hin zu brandaktuellen Arbeiten. Einen Schwerpunkt stellen Bildgeschichten von ihren historischen Anfängen im deutschen Sprachraum dar. Politische Karikaturen, die die Provokation nicht scheuen, bilden den zweiten Fokus der Ausstellung“, führt Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor des Karikaturmuseum Krems, aus.

Gezeigt werden Bildgeschichten von den 1920er-Jahren, von Fritz Gareis jun. und Ladislaus Kmoch, bis hin zum Lochgott von Rudi Klein. Die Schau spannt den Bogen weiter zur Gegenwart der politischen Karikatur. Zu sehen sind wahre Schätze von Meistern des Genres, darunter Erich Eibls „Schilling-Hai“, Erich Sokols Kommentar zur Besetzung der Hainburger Au oder Bruno Haberzettls erster „Frauenminister“ Österreichs. Provokant präsentiert sich Thomas Wizanys Joe Biden. Auf das Coronajahr blickt man mit Michael Pammesberger zurück.

Bruno Haberzettl: Ausstaendig, Datum. © B. Haberzettl/ Landessammlungen NÖ

Petar Pismestrović: Rudolf Anschober, 2020. © Petar Pismestrović

Bruno Haberzettl: Bundeskanzler Kurz und die (berechtigte) Angst vor Wiedergängern. © Bruno Haberzettl/ Landessammlungen NÖ

 

Mit den Originalen im Exkurs zum kultigen Herrn Wondrak würdigt das Karikaturmuseum Krems den 90. Geburtstag des genialen Zeichners Horst Eckert alias Janosch. Sein beliebter Antiheld stellte im ZEIT-Magazin einmal wöchentlich die Fragen des Lebens und beantwortete sie mit Einblicken in die eigene Lebensphilosophie. Wondrak – der Janosch für Erwachsene – ist so, wie sein Schöpfer Janosch es gerne wäre:

Einer, der offenbar alles falsch macht und dank seiner unkonventionellen Lebensphilosophie doch immer richtig liegt. Was er anfängt, ist selten vernünftig und trotzdem stets zielführend – weil Wondrak gar kein Ziel hat. Er hat nur den richtigen Weg und Grenzen kennt sein Leben ohnehin nicht, denn es gibt nur Möglichkeiten. 2019 erschien dort ein letzter Beitrag, „Herr Wondrak, wie sagt man Tschüss?“

Selbstverständlich geöffnet haben wird auch das Deix-Archiv. Mehr als 50 Karikaturen aus vielen Themenbereichen. Einfach die Ladenschränke öffnen und staunen!

www.karikaturmuseum.at

16. 2. 2021

Erich Sokol: Demnächst nasse Füße. © Annemarie Sokol/ Landessamml. NÖ

Thomas Wizany: Rodeo-Joe …, 2020. © Thomas Wizany

Manfred Deix: Wen wählt man da am besten, 2007. © Manfred Deix/ Landessammlungen NÖ

 

20 Jahre Kosmos Theater: Stay With The Trouble!

Mai 7, 2020 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das große Fest wird ab 11. Mai zum Web Special

Die Besetzung des Rondell1997. Bild: Kosmos Archiv

„Am liebsten würde ich ,Grüß Göttin!‘ sagen, wenn ich wo reinkomme“, sagt Barbara Klein im Jubiläumfilm „10 Jahre Kosmos Theater“. Ein Bonmot der Theatermacherin, und ein ernst gemeintes. Ließ doch „der nervige Quälgeist und die engagierte Kämpferin“ (© Josef Hader) kurz nach dem ersten Frauenvolksbegehren nicht ab von ihrer Idee, aus dem leerstehenden Pornokino Rondell einen Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, der ausdrücklich Frauen gewidmet sein sollte.

Es folgten Aktionen, Protestkundgebungen, und als Höhepunkt des zivilen Ungehorsams eine zehn Tage und Nächte anhaltende Besetzung des Rondell – mit dem Ergebnis, dass die widerständigen Frauen in das ehemalige Kosmos-Kino im 7. Bezirk einziehen konnten. Josef Hader, wie Alfred Dorfer und Robert Menasse Mitstreier der ersten Stunde, legt im Film den Finger in die gesellschaftliche Wunde der geschlechtlichen Chancenungleichkeit, die Kreativberufe wie alle anderen betrifft.

Und wenn der Schauspieler und Kabarettist über die herrschaftlichen Seilschaften herzieht, „wenn sich die Männer auf d’Nacht beim Bier treffen“, dann fällt einem jener gerade erst gewesene Burgtheaterdirektor ein, der nach einer bei der Kritik durchgefallenen Premiere ausschließlich p. t. Kollegen zu Umtrunk und Aussprache ins gehobene Wirtshausstüberl einlud …

Ein Grund zu Feiern? Stay With The Trouble! Noch einmal zehn Jahre sind seit der Eröffnung des Kosmos Theater ins Land gezogen, Elfriede Jelinek hielt am 15. Mai 2000 die Eröffnungsrede, Johanna Dohnal, Eva Rossmann, Elfriede Hammerl waren wertvolle Unterstützerinnen, Viktor Klima ein „Kunstkanzler“, der mutmaßlich nicht wusste, wie ihm geschah – und nun heißt es ab 11.Mai #Corona-bedingt eben online den Countdown zum 20. Geburtstag runterzuzählen.

Veronika Steinböck, die mit Gina Salis-Soglio das Kosmos Theater seit 2018 als Doppel-Spitze leitet, lädt das Publikum ab 11. Mai, 20 Uhr, zum Birthday Blog: kosmostheater.at/blog Am 15. Mai gibt es nach einer Schnitzeljagd von Petra Unger ab 18 Uhr den Digital Birthday Bash mit Live-Lesungen feministischer Literatur, Mini-Konzerten und inhouse Geburtstagseinlagen.

Barbara Klein, Robert Menasse und die Polizei. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Josef Hader echauffiert sich über Männerseilschaften. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Frauenlauf 1998: Kanzler Klima, B. Klein und Anna Sporrer. Bild: Kosmos Archiv / Rainer Nesset

Eröffnung des Kosmos mit Eva Rossmann und Elfriede Jelinek. Bild: Kosmos Archiv

Das Programm

11. Mai, 20 Uhr, Das Werk von Elfriede Jelinek. Stream einer Aufzeichnung und Live-Chat mit Regisseurin Claudia Bossard und dem Produktionsteam. Rezension – Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung: Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im KosmosTheater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im KosmosTheater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37418

Die nunmehrigen Leiterinnen Gina Salis-Soglio und Veronika Steinböck bei ihrer Eröffnung 2018. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Lukas David Schmidt, Glatzner, Peterhans, Brouwer und Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Riesen-Pink-K: Das Kosmos Theater mit seinem neuem Portal, 2018. Bild: Bettina Frenzel

12. Mai, 20 Uhr, Keimzelle – Der Autorinnen*Stammtisch Wien. Film-Release, Livestream und Live-Chat.

13. Mai, 20 Uhr, Leseprobe Königinnen von Lilly Axster, uraufgeführt 2000. Livestream. Mit Regisseurin Corinne Eckenstein und den Schauspielerinnen Grace M. Latigo, Claudia Sabitzer und Julia Köhler als die literarischen Ikonen Virginia Woolf, Djuna Barnes und Audre Lorde, die in einer Gewitternacht aufeinandertreffen. Voll medial-männlicher Wehleidigkeit schrieb ein Kritiker über diese Eröffnungspremiere im „frauenraum“, ein Namenszusatz, der später entfernt wurde, er hätte sich im Kosmos gefühlt, „wie eine Frau im Schwulencafé“, bevor er weniger die Aufführung lobt als den Umstand, dass, hurra!, auf eine Herrentoilette nicht vergessen wurde …

14. Mai, 20 Uhr, 10 Jahre Kosmos Theater – Der Jubiläumsfilm. Stream und Live-Chat mit Barbara Klein und anderen.

15. Mai, 11 bis 17 Uhr, 20 Years Of Claiming Space. Eine Schnitzeljagd auf den Spuren widerständiger Theaterfrauen durch Wien. Von Petra Unger. Anmeldung unter karten@kosmostheater.at und ein Smartphone mit mobilen Daten sind erforderlich! Digital Birthday Bash: 18 Uhr, Melange Galore Part I – Online-Reading of 20 feminist Drama-Queens. Livestream mit Barbara Gassner, Claudia Kainberger, Katharina Knap, Claudia Kottal, Anne Kulbatzki, Nancy Mensah-Offei, Karola Niederhuber, Negin Rezaie, Irina Sulaver und Dolores Winkler. Konzept: Anna Laner. 20 Uhr, Finale. Livestream mit Fauna, Mieze Medusa, Les Reines Prochaines, Peterhans, Jelena Popržan, Yasmo und dem Kosmos-Team.

In diesem Sinne ist Happy Birthday! zu wünschen, oder wie’s Miki Malör aus dem Mittelalterlichen und in Verwandtschaft zum französischen Glückwunsch „Merde!“ recherchiert hat: Potzfut!

kosmostheater.at

7. 5. 2020

Wiener Stadthalle: Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles schon ausgesessen

Maschek: Robert Stachel, Peter Hörmanseder und – für diesmal wieder dabei – Ulrich Salamun. Bild: Ingo Pertramer

Es begann im Jahr 1998. Da genehmigte Thomas Klestil, damals „oberster Befehlshaber der Vereinspolizei“, höchstselbst die Gründung der Satiretruppe Maschek. Wenn‘s denn wahr ist. Jedenfalls wurde ab jetzt der Politik aufs Maul geschaut, falls die versuchte, dem Volk nach dem Mund zu reden. Lippensynchron gab’s nun die unbequeme Wahrheit, das heißt: was Peter Hörmanseder, Robert Stachel und Ulrich Salamun als solche aussprechen, nämlich die Maschekseite, die Kehrseite dessen, was die Tonangeber und Ton-Angeber der Republik in diverse Fernsehkameras äußern.

Zum Jubiläum gönnen sich und dem Publikum die drei Herren, Ulrich Salamun dafür wieder mit dabei, die Show „Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden“. Eine mit heutigem Wissen umso heiterere Rückschau, die Verschütt- oder Niemals-Verloren-Gegangene, Fast-Vergessene und Immer-noch-Unvermeidliche auf die große Leinwand holt.

Ein Best-Of Blödsinn, Sternstunden vergangenen und noch wirkenden Irrsinns, eine Zeitreise durch zwei Jahrzehnte Zeitgeschichte, wie jung, wie langzodert, wie schnauzbartert da die Leute noch waren, vorkommen unter anderem sieben Bundeskanzler, drei Bundespräsidenten, sechs ÖVP-Chefs und neun ÖFB-Teamchefs – und so es an diesem Abend eines zu bemerken gibt, dann, was und wen Österreich nicht alles schon ausgesessen hat. Was wiederum Hoffnung macht.

Chronologisch läuft das Geschehen ab, Schweigekanzler Schüssel und sein fescher, fleißiger Karl-Heinz Grasser, kurz der Kurz, der schon als Maturant mit den Großen mitreden will, Alfred Gusenbauer, dem die Mama nach dem Wahlsieg zehn Euro zusteckt, Stefan Petzner, dem nach dem Himmelssturz der Sonne nur das Solarium bleibt. Fritz Muliar verspachtelt das Buffet im Ministerrat, Hannes Kartnig empfiehlt sich als Superminister, Barbara Rett interviewt Jörg Haider auf dem Opernball – tatsächlich ist ihr Gesprächsgegenüber der teintmäßig tiefbraune Opernstar Franco Bonisolli.

Maschek machen mit ihrem Sprachwitz Situationskomik. Und so wird die gutmütige, aber zunehmende Genervtheit von Heinz Fischer bei jeder neuerlichen Angelobung einer Bundesregierung zum Running Gag, Papst Benedikt XVI. kurzerhand zum Alitalia-Flugbegleiter, sein Nachfolger Franziskus mit der argentinischen (nunmehr Ex-)Präsidentin in folgenden Dialog verstrickt: „Ich bin die Kirchner.“ – „Nein, ICH bin die Kirche!“ Putin, Merkel und Obama finden ihren Platz in dieser bissig bösen Politikerpersiflage. Christian Kern – das war aufg’legt – als Pizzalieferant, und Humphrey Bogart in Rick’s Casablanca-Café in einer wunderbaren Kern-Kurz-Parodie. Beinah prophetisch heißt es über Geschasste und Gegangene, es wird nichts besseres nachkommen. Was natürlich zu Werner Faymann als Kasperltheaterfigur führt.

Die FPÖ kommt aktuell vor, der Parteiobmann knattert und keucht im Bierzelt, an der Staatsgrenze findet eine Flüchtlingsabwehrshow für freundlich gesinnte Medien statt – dieses Grenzschutz-Nachspielen mit 500 Polizisten und 220 Soldaten der Minister Kickl und Kunasek gab es im Sommer wirklich -, sofortige Abschiebung muss schon laut Wahlplakat sein, und so trifft es auch einen Migranten-Panda der zweiten Generation: „So long – Fu long!“ Ja, manch einer sorgt für die Karikatur schon selbst, und wie immer bei Maschek stimmen Tempo und Timing. Vor den Bonus-Tracks, mit Highlight „We Are the World“ und den täuschend ähnlichen Stimmen vom wispernden Michael Jackson über den rockröhrenden Bruce Springsteen bis zum näselnden Bob Dylan, hat deshalb Pamela Rendi-Wagner das Wort. Auch sie sagt bei ihrem Journalisten-Spießrutenlaufen in den SPÖ-Parlamentsklub nichts als die Wahrheit: „Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin. Jede Stunde zählt …“  Angesichts solcher Maschek’scher Lippenbekenntnisse wird klarerweise nicht nur das Zwerchfell erschüttert.

Bild: Czernin Verlag

Zum runden Geburtstag gibt es neben der Tour ein Buch mit Bildern, Clips, Anekdoten, bis dato unveröffentlichtem Material von den Anfangszeiten bis heute – und einer überraschenden Auseinandersetzung mit dem Begriff Satire. Gastbeiträge stammen unter anderem von Florian Scheuba, Austrofred, Hilde Dalik, Michael Ostrowski, Sibylle Hamann, Amina Handke, Lotte Tobisch, Gerhard Haderer, Alfred Dorfer, Doris Knecht, Stefanie Sargnagel, Conchita und Ulrich Seidl.

Czernin Verlag, Christopher Wurmdobler/Maschek (Hg.): Maschek. Satire darf al, Geschichts-, Bilder- und Fanbuch, 304 Seiten.

www.maschek.org

www.czernin-verlag.com

www.stadthalle.com

26. 10. 2018

Nick Cave: 20,000 Days on Earth

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Musiker bleibt ein Mythos

„Music doesn’t come naturally to me. Sitting at a typewriter, writing a script – I can do that. But there is a mystery in music, the process. That’s why I return to it, why it gives me such pleasure.“

RollingStone Interview mit Nick Cave

© Stadtkino Filmverleih

© Stadtkino Filmverleih

Der Wecker klingelt und der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Er steht auf, blickt in den Badezimmerspiegel und sieht  Momente des Alltags als Songs, Gedichte, Romane und Filme Richtung Allmächtigkeit hochgewürgt. Der australische Sänger liebt Metaphern und Mythen und stilisiert sich gerne selbst zum Mythos. Später, am Steuer seines Jaguar XJ sieht er mit seinem schwarzen Anzug und der goldgerahmten Vintage-Brille aus wie ein zwielichtiger Geschäftsmann. Oder ein Auftragskiller. Mit ihm im Wagen Blixa Bargeld oder Kylie Minogue. Cave und Minogue wurden übrigens als ESC-Teilnehmer in Wien vorgeschlagen …

24 Stunden im Leben der Musiklegende Nick Cave – In „20,000 Days on Earth“ treffen Erinnerung, Fiktion und Wirklichkeit des vielfältigen Genies aufeinander. „20,000 Days on Earth“ ist keine herkömmliche Dokumentation, sondern ein rohbehauenes Portrait über Nick Cave, das Einblicke in seinen künstlerischen Schaffensprozess gibt. Ein Film, der sich mit Identität beschäftigt und der Frage auseinandersetzt, was eigentlich den Menschen ausmacht; ein Loblied auf die transformative Macht der Kreativität. Kein Bio-Pic, ein Kunstwerk.

Die Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard arbeiten bereits seit sieben Jahren an einer Vielzahl von Projekten mit Nick Cave zusammen. „Wir kamen mit Nick schnell überein, was uns an Musik-Dokus nicht gefällt: dieser angeblich unaufdringliche, beobachtende Stil. Den ‚echten’ Nick Cave zu sehen, würde irgendwie mehr von Nick Cave offenbaren. Einem Rockstar dabei zuzusehen, wie er den Abwasch macht oder die Kinder zur Schule bringt, mag als eine stumpfsinnige Art von Promi-Verfolgung interessant sein, fesselt einen aber nicht intellektuell“, sagt Forsyth. Cave hat für den Film von Iain Forsyth und Jane Pollard nicht nur das Drehbuch geschrieben, er führt als Hauptdarsteller auch durch die Rahmenhandlung: Man sieht, wie er in seinem Arbeitszimmer an Texten arbeitet, beim Therapeuten über seine Kindheit spricht, mit einem Bandmitglied zu Mittag isst, in seinem Archiv stöbert und mit seinen beiden Söhnen vor dem Fernseher sitzt. Der Film ist ein einziger Gedankenstrom. Kein Spiel, keine Spielereien.

Im Geiste visionärer Filme wie „The Song Remains the Same“ (1976) über Led Zeppelin und Jean-Luc Godards „One plus One/Sympathy for the Devil“ (1968) begannen Forsyth und Pollard die visuelle und strukturelle Sprache zu entwerfen, die sie verwenden wollten. Beiden Regisseuren war klar, dass sie kein ehrfürchtiges Porträt des Künstlers anstrebten, ihn aber auch nicht demaskieren wollten, um Gewöhnliches aufzudecken. Vielmehr wollten sie mit Rockmythologie spielen und betonen, was Nick Cave so außerordentlich macht. (Nein, es sind nicht die  – mutmaßlich gefärbten – blauschwarzen Haare.) Funktioniert hat nur ein Teil des Plans: Die Filmemacher haben sich wie Schüler Wagner ihrem Helden und Lehrmeister Faust ergeben. Der macht dafür auf Mephisto: Grau, meine Freunde, ist alle Theorie, aber ihr kennt ja meine Songtexte und wisst das…

Cave, Jahrgang 1957, versucht sich tatsächlich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule für Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung. Darin formulierte Cave den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten müsse. Caves Poetik weist eine Nähe zur Romantik auf, nach deren theoretischem Konzept jedes Kunstwerk durch Ironie gebrochen werden müsse. Ähnlich wie in der Romantik beruhen seine Texte häufig auf  Transzendenz. In seinen frühen Alben stellte meistens das Alte Testament einen wichtigen Bezugspunkt seiner Texte dar, wie auch in seinem epischen Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Vor allem mit dem 1997 erschienenen Album „The Boatman’s Call“ tritt das Neue Testament stärker in den Vordergrund. 1998 schrieb Cave eine Einleitung zum Markus-Evangelium. Neben der Bibel lassen sich viele andere literarische Einflüsse in seinen Texten wiederfinden, wie zum Beispiel Nabokov, Dostojewski, William Faulkner und Dylan Thomas. Ganze Seiten könnte man also mit den klugen Aphorismen füllen, die Cave im Film von sich gibt. „Es gibt Wahrheiten, die unter der Oberfläche der Worte ruhen … , die sich urplötzlich zeigen wie die Buckel eines Seemonsters und dann wieder verschwinden. Auftreten und Singen stellen für mich einen Weg dar, dieses Monster an die Oberfläche zu locken.“ Auf der Bühne, eins mit seinen Monstern, gibt sich der Sänger als Prophet. Furchteinflößend, aber das liebevoll. Er rührt die junge Frau in der ersten Reihe zu Tränen, wenn er singt „Can you feel my heartbeat?“. Sie nickt und lächelt selig.  Ach, Nick. Wir hören dich. Und bitten dich: Erhöre uns!

www.20000daysonearth.com/

http://nickcave.com/

http://stadtkinowien.at

Wien, 12. 2. 2015