Schauspielhaus: Das Leben des Vernon Subutex 1+2

Mai 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Currysuppe gegen Dreigangmenü

In der Bar Rosa Bonheur: Clara Liepsch als Céleste, Steffen Link als Daniel, Simon Bauer als Patrice, Jesse Inman als Vernon Subutex, Sebastian Schindegger als Xavier und Anna Rot als Hyäne. Bild: © Matthias Heschl

Die Zweiklassengesellschaft gibt es sogar beim Nachtmahl. Besteht dies doch für die einen aus Currysuppen-Street-Food, immerhin einzunehmen in Anwesenheit des Titelantihelden, für die anderen hingegen wird Boboausspeisung aufgewartet, Spargelrisotto und so, an der prächtigen Tafel von Marie-Ange und Xavier. Die Kluft zwischen oben und unten symbolisiert mit Plastikschüsseln vs Porzellantellern, auf dem ureigensten Gebiet der Franzosen also, der Küche.

Das passt perfekt zum kapitalismuskritischen Grundton von Virginie Despentes‘ Bestsellerromanen „Das Leben des Vernon Subutex“. Deren Teile 1+2, in Buchform ist die Trilogie vollendet, zeigen Tomas Schweigen und Tobias Schuster nun in von ihnen erstellter Bühnenfassung am Schauspielhaus Wien, Regie: Schweigen, und die Erwartungen an dessen szenische Umsetzung der literarischen Sensation der Jahre 2015 bis 2017 werden nicht enttäuscht. Schweigen packt Despentes‘ witzig-wütenden Text über Abstiegshysterie und Anspruchsdenken in eine vierstündige Tour de Force für sieben Schauspieler. Bis auf Jesse Inman als Subutex haben alle mehrere Rollen zu stemmen, und sie tun dies mit dem für sie typischen Mix aus Eindringlichkeit und Nonchalance.

Vernon Subutex, der Vorname einem Pseudonym des französischen Autors Boris Vian entliehen, der Nachname der eines Schmerzmittels, das man in der Behandlung Heroinabhängiger einsetzt, ist ein pleitegegangener Plattenladenbesitzer. Allein der Beruf schon Hinweis auf Vernons Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, und nachdem er verkauft hat, was irgend verkauft werden konnte, der nächste Schicksalsschlag: Sein Finanzspritzen setzender Freund und Popstar Alex Bleach stirbt an einer Überdosis. So wird Subutex zum Sofasurfer, kurvt von einer Couch zur nächsten, erschleicht sich Schlafgelegenheiten bei ewig nicht mehr gesehenen Freunden, ehemaligen Geliebten, Ex-Bandkollegen.

Ein letztes Ass hat Vernon noch im Ärmel: Alex hat ihm die Videoaufzeichnungen eines Selbstinterviews hinterlassen, das letzte Zeugnis des Musikgenies, ein Gottesgeschenk für den Boulevard. Und so hat es Vernon bald nicht nur mit seiner früheren Bassistin, jetzt schwer übergewichtigen Emilie, dem verkrachten Drehbuchautor Xavier oder seinem alten Freund und Frauenprügler Patrice zu tun, sondern auch mit dem skrupellosen Filmproduzent Dopalet, der Vernon zwecks Erhalt der Bänder die „Hyäne“ auf den Hals hetzt … So verrückt das klingt, so irre ist es auch. Despentes lässt vom identitären Skinhead bis zur muslimischen Jusstudentin, vom koksenden Trader über den transsexuellen Pornodarsteller, von der promiskuitiven Musikjournalistin bis zur Cyber-Mobberin keine Spielart der Gattung Mensch aus, um ihre These einer radikalisierten Einzelkämpfergesellschaft zu untermauern.

Vernon mit Patrice und Xavier: Simon Bauer, Jesse Inman und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Vernon gibt Emilie die Bänder mit Alex Bleachs Autointerview: Vera von Gunten und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Den karriere- und gewinnorientierten Druckkochtöpfen stellt sie ein Personal an abgeklärten Aussteigern gegenüber, etwa die überzeugte Obdachlose Olga, und so nimmt es nicht wunder, dass in all dem Chaos ausgerechnet der abgesandelte Vernon Subutex der Ruhepol ist. Jesse Inman spielt ihn mit der würdevollen Lässigkeit eines, dem das Begreifen dafür fehlt, was das Dasein an Tiefschlägen für ihn vorgesehen hat. Ihre Desillusionstiraden lassen Simon Bauer als Dopalet und Patrice, Vera von Gunten als Emilie und Lydia Bazooka, Schauspielhaus-Neuzugang Clara Liepsch als Olga und Céleste, Steffen Link als Kiko und Daniel, Anna Rot als Sylvie und Hyäne und Sebastian Schindegger als Xavier auf ihn los. Jacob Suske begleitet den Angst-und-Aufgebrachtheitschor als Musiker.

Wiewohl Schweigen und Schuster von den aberhunderten Romanseiten etliche streichen mussten, ist ihnen ein konzises Destillat der ersten beiden Vernon-Bände gelungen, das kein Despentes-Thema – furchtsam-verunsicherte Mittelschicht, Aufstieg der Neuen Rechten, Islamisierung, Digitalisierung …- unerwähnt lässt. Wie die Autorin betreiben auch die Theatermacher in den von ihnen ausgebreiteten Milieus soziologische Devianzforschung. Dies in Form szenischer Miniaturen, dann wieder in Erzählpassagen, auch Spielfilmsequenzen, umgesetzt von Nina Kusturica und Michael Schindegger, sind ein Mittel der Wahl.

Live oder via Leinwand zeigt sich das Schauspielhaus-Ensemble in Hochform. Jesse Inman schafft auf sympathische Weise den Wandel vom Zero zum Szene-Hero und retour. Extrem wandlungsfähig sind auch Steffen Link, der sich nicht nur von Debbie zu Daniel verändert, sondern auch vom Rechtsdenker Kiko zum rechtsradikalen Schläger Loïc, und Clara Liepsch, die von der kurzgeschürzten Kellnerin zur matronenhaften Olga optisch die größte Metamorphose durchmacht. Und gerade als die Sache wegen ausufernder Monologe aus dem Ruder zu laufen scheint, fällt der Vorhang, heißt: das Projektionstuch, und gibt den Blick auf ein schickes Loft und die Party darin frei. Vernon Subutex arbeitet mit genialischem Gespür für den Geschmack des Publikums seine Playlists ab, die Zuschauer sind zur Gemeinschaftsekstase auf die Spielfläche eingeladen. Da kann man verschmerzen, dass einen das in den letzten Band der Trilogie verweisende apokalyptische Ende ohne entsprechendes Vorwissen nicht wirklich erreicht, Hinweis: es geht um die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris, Hauptsache das Leben ist ein Rave.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=PJ5ETBPDvZo

www.schauspielhaus.at

1. 5. 2019

Theaterfink: Da Einedrahra in der Leopoldstadt!

August 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wanderung durch eine Wiener Kriminalgeschichte

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Dass einem der Hauptdarsteller die Hand küsst, das ist schon was, selbst, wenn er nur ein Latexschädel in einem alten Gehrock ist. Küsst und danach abstaubt, weil Peter Ritter von Bohr, das war ein großer Abstauber. Die Truppe Theaterfink erzählt als zweiten Teil ihres Zyklus‘ „Von Grosskopfade und Sacklpicka“ seine Geschichte, ein spannendes Stück Wiener Kriminalgeschichte: „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“.

Das ist mehr als Straßentheater, vielmehr eine wundersame Wanderung über elf Stationen, authentische Schauplätze, an denen der Betrüger sein Unwesen trieb und nun wieder treibt, vom Alexander-Poch-Platz bis in die Praterstraße. Mehr als eine Verquickung von Schauspiel und Puppenspiel, vielmehr ein saftiges Stück Volkstheater, das sich als freches Instrument zum politischen Aufbegehren versteht. Dazu von Ernst Molden erdachte Moritaten – da muss man im mehrfachen Wortsinn mitgehen.

Die Figur Peter Ritter von Bohr ist zu gut, um erfunden worden zu sein. 1773 in Luxemburg geboren, kam der Künstler und Erfinder durch Wechselgeschäfte mit Napoleons Truppen zu einem ansehnlichen Vermögen, das sich danach allerdings wie von selbst vermehrte. Eine der Erfindungen Bohrs war ein Gerät zur Erstellung von Sicherheitsmerkmalen beim Druck von Banknoten. Bohr kaufte bald halb Wien auf, hatte Geschäftspartner bis in allerhöchste Kreise, Metternich war einer seiner Schuldner, der gute Kaiser Franz lobte seine Unternehmungen, er war 1819 Mitbegründer der Ersten Österreichischen Spar-Casse mit Sitz Alexander-Poch-Platz – und flog 1845 durch Ermittlungen des Kommissär Felsenthal als Geldfälscher im großen Stile auf. Nach seiner Verurteilung beriet er die Nationalbank punkto fälschungssicherer Banknoten. Wer nun aktuelle Bezüge zu heute mutmaßt oder unerwünschte Ähnlichkeiten sieht, der hypoventiliert. Jedenfalls, historisch 1906 wurde Bohrs Haus in der Tivoligasse, das „Banknotenhäusel“, abgerissen – und bei den Arbeiten fand man ein männliches, mumifiziertes Skelett in einem Fass. Wer das war? Und von wem ermordet – von Bohr? Man weiß es nicht.

Genau hier fängt „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“ an. Nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar und Susita Fink, hat die Fink einen g’scheiten, akribisch recherchierten Text geschrieben, den Frau Prinzipalin auch selbst in Szene setzte. Das ist nicht nur eine Hetz‘, sondern was fürs Hirn, was man da alles an Geschichte und G’schichtln erfährt. Und die Leute marschieren mit, zwei Hunde auch, fotografieren, schauen aus den Fenstern ihrer Wohnungen auf die Gassn, wobei sich ein besonders keifertes Waschweib später als Mitakteurin entpuppt, kommen aus Cafés und Beisln und weichen hurtig den ohne Rücksicht auf Verluste agierenden Darstellern aus. Spektakel müssen sein. Und das darob höchst amüsierte Publikum mittendrin.

Einige honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl der Künstler. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl des Künstlers. Bild: Joseph Vonblon

Eva Billisich spielt die arbeitslose Pathologin Edith, die von ihrer ehemaligen Studienkollegin, nun pragmatisierte Bundesdenkmalamtsbeamtin, Hanni (Claudia Hisberger) gebeten wird, sich die störende Leich‘ anzuschauen. Heißt: in einem gefakten Gutachten zu bescheinigen, dass es sich bei ihr nicht um einen historisch relevanten Fund handelt. Da prallen sie aufeinander, die beiden Welten der Linksgedrehten mit dem Flachmann und der Gutsituierten mit dem Aktenmapperl, und es kommt der großartigen Billisch zu, die Moritaten vom Geld und wie ihm die Menschen hinterherkräun zu singen. Wie eine finanzgeile Fledermaus plustert sie sich dazu vor dem Johannes-von-Gott-Denkmal auf, und der Ordensgründer der Barmherzigen Brüder scheint ihr recht zu geben. „Die Stadt wächst und mit ihr das Konto einiger weniger.“

Im Kriminalmuseum, passenderweise, stellt sich der Schurke persönlich vor – „Der Armen sind viele und es kann ein lukratives Geschäft sein, in die Wohltätigkeit zu investieren“ -, und ein Spiel auf zwei Zeitebenen beginnt. Ediths Schnodern vs Bohrs elegant altertümlicher Ausdrucksweise. Und seiner Galanterien gegenüber den Damen. Das ist sehr charmant. Während die beiden Freundinnen Fundstücke vom Tatort untersuchen, beginnt parallel eine Zeitreise in den Vormärz, wo sich die Schlinge um Bohr immer enger zieht. Walter Kukla haucht der beinah menschengroßen Puppe Leben ein. Den ihn verfolgenden Kommissär Felsenthal muss Knopfharmonikaspieler Walther Soyka auf dem Buckl ertragen. Hinter Fotowänden melden sich honorige Herren der Wiener Gesellschaft, die besten Köpfe, ja selbst das gekrönte Haupt und sein Kanzler, zu Wort.

Georg Mittendrein ist als GenI.a.D. Agent Schwarzhappl mit von der Partie, aber mittlerweile sind die Zuschauer sowieso alle in den Spitzelstatus erhoben. In Gruppen aufgeteilt wird man vor Bohrs Wohnhaus, Jägerzeile Nr. 520, auszuschwärmen und es zu umstellen haben. Habt acht!, die Fink scheucht Unentschlossene auf ihre Positionen. Die schönste Puppe ist die von ihr bewegte Frau Bohr, Mathilde Gräfin Christalnigg, grasser geht’s nicht, die die Nerven verlieren und ihren Mann verraten wird. Es kommt ergo zum Showdown beim Nestroydenkmal, wo Bohr sein sentimentales Schlusslied vom unverstandenen Wohltäter singen darf. Es gibt zu sehen, wer im Fass ist, und zu erfahren, warum Hanni die Leich‘ unbedingt wieder verschwinden lassen will.

Die Moral von der Geschicht‘ ist nämlich: Die Reichen haben alle eine im Keller. Oder wie die Billisch sagt: „Die Großkopfaden glauben, Geld steht ihnen zu.“ Das ist, im Falle dieser Inszenierung, so lustig, weil es wahr ist. Mitwandern, mitwundern! Dieser Streifzug durch die Welt der gewieften Finanz-Einedrahra ist sehenswert.

Vorstellungen bis 16. August. Am 1. September übersiedelt Peter Ritter von Bohr an seine zweite Wirkungsstätte in den 23. Bezirk: „A Einedrahra kommt nach Liesing!“

www.theaterfink.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AEunfKJFDh8

Wien, 12. 8. 2016

Kunsthaus Wien: Climate Changes Everything 2

Februar 8, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Kunst im Zeichen der Klimakatastrophe

goods in process 1, 2014 Bild: © Stefanie von Schroeter

goods in process 1, 2014
Bild: © Stefanie von Schroeter

Ab 11. Februar zeigt das Kunsthaus Wien in der Garage die Ausstellung „Climate Changes Everything 2“. Die Schau folgt einer ersten Präsentation im Sommer des Vorjahrs, in der die Folgen des Klimawandels kritisch unter die Lupe genommen wurde. Gastkurator Raimar Stange wählte Werke acht internationaler Künstlerinnen und Künstler, die nach einem alternativen Umgang mit Natur und Umwelt fragen und die rücksichtslose Ausbeutung „natürlicher“ Ressourcen ihrer Kritik aussetzen.

Peter Friedl etwa zeigt in seiner Computeranimation „Home Tree Home“ Handlungsanweisungen, wie ein Baumhaus gebaut werden kann, ohne dass der Baum dabei verletzt wird. Baumhäuser stehen für einen romantischen Rückzug in die Natur, allerdings bedeutet ihre Errichtung oft Gefahr für den Baum. Im Stil sozialkritischer Kohlezeichnungen geht Friedl der Frage nach, ob eine Verletzung des Baumes wirklich nötig ist. Er schlägt Alternative Halterungen vor, die gewissermaßen Haltung beweisen. Antje Majewski und Pawel Freisler stellen den Apfel ins Zentrum ihrer künstlerischen Reflexion, etwa in ihrer gemeinsamen Ausstellung „Der Apfel. Eine Einführung (immer und immer und immer wieder)“ im Museum Abteiberg Mönchengladbach 2015. Eine gemeinsam mit verschiedenen städtischen Gruppen organisierte Pflanzaktion im öffentlichen Raum verlagerte das künstlerische Geschehen gezielt raus aus dem hehren White Cube. In „Climate changes everything 2“ sind eine filmische Dokumentation dieser Aktion und zwei aus der Ausstellung hervorgegangene Editionen zu sehen.

Christine Würmells Installation „was bleibt und wächst“, die speziell für diese Ausstellung konzipiert wurde, behandelt die Rolle der Kunst selbst im Kontext der Klimakatastrophe. Der Energieverbrauch, der während der Ausstellungsdauer im Ausstellungsraum anfällt, wird gemessen und dabei der Anteil an Biostrom festgestellt. Immer, wenn dieser Anteil eine Quantität erreicht, die von einer Grünpflanze gebunden werden kann, wird eine solche Pflanze in der Ausstellung platziert. Oliver Ressler thematisiert in seinem Film „Leave in the ground“ die globalen Folgen der Klimakatastrophe und ruft zum Kampf gegen diese Entwicklung auf. Ausgangspunkt ist die anvisierte Ölförderung im Meer rund um die norwegische Inselgruppe der Lofoten. Es handelt sich hier um eines der weltweit größten Lebensareale von Fischen und Meerestieren. Die Konsequenzen der beabsichtigten Tiefseebohrungen und der Ölförderung auf diese Populationen sind unabsehbar. In der Vergangenheit hat sich jedoch gezeigt, dass ihr Überleben hochgradig gefährdet ist – politischer Aktivismus, aber auch künstlerischer Artivismus sind hier dringend gefragt.

Der Beitrag von Stefanie von Schroeter schließlich ist das Foto „goods in process 1“. Es zeigt vier Hocker aus Kunststoff, die ineinander gestapelt brennend im Schnee stehen. Das so poetische wie widerspruchsvolle Bild eröffnet einen Denkraum, der von „Kunst als Ware“ über „Zivilisationsmüll“ bis hin zu „zerstörerische Hitze im Winter“ reicht. Denn der Dezember 2015 war mit deutlichem Abstand der weltweit wärmste Dezember seit dem Messungsbeginn 1880 …

www.kunsthauswien.com

Wien, 8. 2. 2016

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Sin City 2: A Dame To Kill For

September 16, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Blutbad geht weiter …

Marv (Mickey Rourke)  Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Marv (Mickey Rourke)
Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Am 19. September startet in den Kinos „Sin City 2: A Dame To Kill For“: Seitdem Dwight (Josh Brolin) vor einigen Jahren das Leben von Miho (Jamie Chung) rettete, will er sich jeglichen Ärger vom Leib halten – bis ihn seine schöne Ex-Freundin Ava (Eva Green) kontaktiert, die ihm einst das Herz brach und mit einem anderen durchbrannte. Doch nun fleht Ava Dwight um Hilfe an, weil sie von ihrem Ehemann Damien Lord (Marton Csokas) brutal misshandelt und dem skrupellosen Chauffeur Manute (Dennis Haysbert) überwacht wird. Dwight beschließt, ihr zu helfen, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass man in einer Stadt wie Sin City selbst einer Dame in Not nicht vertrauen kann… Gleichzeitig erwacht Marv (Mickey Rourke) eines Morgens zwischen mehreren toten Jugendlichen. Dabei wollte er in der vorherigen Nacht doch nur der schönen Stripperin Nancy (Jessica Alba) beim Tanzen zusehen. Marv begibt sich tief ins Herz des Molochs, um herauszufinden, was geschehen ist…

Für den „Film Noir“ wurden die Handlungsstränge von Frank Millers Graphic Novels „A Dame To Kill For“ und „Just Another Saturday Night“ virtuos miteinander verwoben. Regisseur Robert Rodriguez  landete abermals einen echten Besetzungscoup: Neben Josh Brolin, Eva Green  und Jessica Alba  betrügen, lügen und morden sich Mickey Rourke, Bruce Willis, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson und Dennis Haysbert  in stilistisch einmaliger Schwarzweiß-Ästhetik quer durch Sin City.

Beinah zehn Jahre hat sich Rodriguez für die „Sin City“-Fortsetzung Zeit gelassen. 2005 war seine filmische Umsetzung des Noir-Comics von US-Autor Miller eine kleine Sensation: innovativ, farblos bis aufs Blutrot und nichts für schwache Nerven. Allein für die Rache, die an „Perversling“ Elijah Wood genommen wird – Kettensäge, Arme und Beine weg, seine Lieblingshunde los von der Leine – wären Flugzeugsackerln gut gewesen. Filmschnitt auf Woods entsetzte Augen und Schwarzweißeffekt milderten die brutale Härte. Nun ist die Stadt der Sünde wieder bevölkert von einsamen, verzweifelten, verlorenen Seelen. An jeder Ecke lauert das Verbrechen, üble Gestalten, hässliche Mörder und sexy Prostituierten-Gangs. Und wieder geht’s um die ganz großen Themen: Liebe und Verrat. Rache. Nicht jeder der insgesamt vier Erzählstränge ist superspannend, aber Millers knallharte Dialoge sind ebenso treffsicher wie die Kugeln, die den Protagonisten – einer cooler als der andere – um die Ohren fliegen. Dass die Rechnung an der Kinokasse auch diesmal aufgehen dürfte, liegt einmal mehr am Schauwert. Atemberaubende Hell-Dunkel-Kontraste, deren Suggestivkraft durch wenige Farbbomben erhöht werden. So entwickeln Eva Greens wunderbar giftgrüne Augen erst im Kontrast zur Düsternis des restlichen Bildes ihre unheimliche Präsenz. Das gilt auch für diverse feuerrote Lippen und das wieder literweise verspritzte Blut der gemeuchelten Figuren. „Sin City 2“ ist ein zynischer, nihilistischer, erotisch aufgeladener Trip in 3D, den man erst einmal aushalten muss. Wer das kann, wird Spaß haben.

www.sincity2.de

Wien, 16. 9. 2014