Belvedere: Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938

Januar 21, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdrückt, unterschätzt, kaum wahrgenommen

Helene Funke: Akt in den Spiegel blickend, 1908-1910 © Belvedere, Wien. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Im Kanon der Kunstgeschichte werden sie bis heute kaum genannt. Die Künstlerinnen, die zur Zeit der Wiener Moderne und der Ersten Republik in Österreich mit ihren Werken einen wesentlichen Beitrag zum Kunstgeschehen geleistet haben, wie etwa Elena Luksch-Makowsky, Broncia Koller-Pinell, Helene Funke oder Erika Giovanna Klien. Im Unteren Belvedere ist diesen Frauen nun ab 25. Jänner die längst überfällige Präsentation „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“ gewidmet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauen, die Künstlerinnen werden wollten, massiv benachteiligt. Sie durften nicht an der Akademie studieren und hatten nur eingeschränkten Zugang zu Künstlervereinigungen. Damit reduzierten sich für sie auch die Ausstellungsmöglichkeiten. Trotz dieser Hürden gelang es einigen von ihnen, erfolgreich eine Karriere aufzubauen. Sie waren in der damaligen Kunstszene aktiv und stellten in der Secession, im Hagenbund, im Salon Pisko und in der Galerie Miethke aus.

Obwohl in den vergangenen Jahren Leben und Werk mancher der damals renommierten Künstlerinnen erforscht und in Retrospektiven aufgerollt worden sind, werden ihre Arbeiten bis heute in ihrer Bedeutung unterschätzt und kaum wahrgenommen. Ziel der Ausstellung im Belvedere ist, den Blick auf die Wiener Moderne und die Zwischenkriegszeit zu erweitern. Im Mittelpunkt stehen Künstlerinnen, die viel zur Kunst dieser Zeit beigetragen haben. Zum Teil werden wiederentdeckte Werke gezeigt, die erstmals präsentiert werden. Vor allem würdigt die Schau jedoch die Beiträge der heute großteils vergessenen Künstlerinnen zu den Kunstrichtungen Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Expressionismus, Kinetismus oder Neue Sachlichkeit.

Elena Luksch-Makowsky: Ver Sacrum. Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Helene von Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, 1920 /30. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu sehen sind Werke von Ilse Bernheimer, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Louise Fraenkel-Hahn, Helene Funke, Greta Freist, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Johanna Kampmann-Freund, Elisabeth Karlinsky, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Mariette Lydis, Emilie Mediz-Pelikan, Teresa Feodorowna Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Helene Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf Krakauer oder Franziska Zach.

www.belvedere.at

21. 1. 2019

Jüdisches Museum Wien: Die bessere Hälfte

November 4, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Arbeiten jüdischer Künstlerinnen bis 1938

Broncia Koller-Pinell: Marietta, 1907. Bild: Sammlung Eisenberger, Wien © Vera Eisenberger KG, Wien

Broncia Koller-Pinell: Marietta, 1907. Bild: Sammlung Eisenberger, Wien © Vera Eisenberger KG, Wien

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 4. November die Ausstellung „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“. Die Schau stellt 44 fast vergessene Künstlerinnen vor und zeichnet deren außergewöhnliche Wege nach, die vom Kampf um Anerkennung in einer männlich dominierten Kunstszene erzählen, aber auch von vielversprechenden Karrieren, die durch Vertreibung und Exil unterbrochen oder in den Vernichtungslagern des Nationalsozialismus für immer beendet wurden.

Wien um 1900 war auch eine Stadt der Frauen. Am Aufbruch in die Moderne waren viele Künstlerinnen beteiligt, die sich trotz der schlechten Bedingungen für Frauen im Kunstbetrieb durchsetzen konnten. Ein überdurchschnittlicher Anteil dieser Künstlerinnen kam aus assimilierten jüdischen Familien. Malerinnen wie Tina Blau, Broncia Koller-Pinell, Marie-Louise von Motesiczky oder die Keramikerinnen Vally Wieselthier und Susi Singer haben heute ihren Platz in der Kunstgeschichte. Doch viele andere sind – zu Unrecht – in Vergessenheit geraten, wie die Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries, die Malerinnen Grete Wolf-Krakauer und Helene Taussig oder die Malerin und Graphikerin Lili Réthi. Im vielbeschworenen Fin de Siècle war eine künstlerische Laufbahn für Frauen nahezu undenkbar. Als Salonièren oder Mäzeninnen waren vor allem Jüdinnen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sehr präsent, von einer offiziellen künstlerischen Ausbildung waren sie, wie überhaupt aus dem akademischen Leben, allerdings ausgeschlossen. Ein Besuch der Kunstakademien war erst ab 1920 möglich, daher besuchten viele die eigens für Frauen errichteten Kunstschulen. Besonders in jüdischen Familien, in denen seit jeher die Bildung der Töchter ein Anliegen war, wurde Mädchen Gelegenheit zu einer künstlerischen Ausbildung geboten; manche erhielten sogar teuren Privatunterricht bei einem Künstler, und später ein eigenes Atelier eingerichtet.

Lili Réthi: Hochofen, um 1924. Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 23754. Bild: JMW

Lili Réthi: Hochofen, um 1924. Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 23754. Bild: JMW

Margarete Hamerschlag: Illustration zu Die Maske des Roten Todes, 1924. Bild: Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 24373/1-5

Margarete Hamerschlag: Illustration zu Die Maske des Roten Todes, 1924. Bild: Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 24373/1-5

Da die Künstlervereinigungen zur Jahrhundertwende keine Künstlerinnen akzeptierten, gründeten die Frauen eigene, wie die seit 1910 bis heute bestehende Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs. Unterstützende Mitglieder fanden sich hierfür im Hochadel, aber auch unter den bekannten und einflussreichen jüdischen Familien Wiens, wie Bondi, Ephrussi, Gomperz, Gutmann, Rothschild, Schey, Wertheimstein … Alle diese Vereinigungen hatten zum Ziel, Standesvertretungen zu sein und durch die Organisation von Ausstellungen und anderen Veranstaltungen Ansehen und Einkommensmöglichkeiten ihrer Mitglieder zu verbessern. Tatsächlich stammte ein überproportionaler Teil der Wiener Künstlerinnen aus jüdischen Familien, darunter einige der bekanntesten und bedeutendsten Künstlerinnen der Epoche wie Tina Blau, Broncia Koller-Pinell oder Vally Wieselthier. Die meisten von ihnen kamen zwar mit einer vom galizischen Schtetl geprägten Familiengeschichte, aber aus einem bereits assimilierten Umfeld. Als eigenständige Künstlerinnen wurden selbst diese prominenten Vertreterinnen erst nach einiger Zeit wahrgenommen. Verallgemeinern lässt sich die breite Reihe an großartigen jüdischen Künstlerinnen jedenfalls definitiv nicht. Es ist eine sehr diverse Gruppe herausragender Frauen, deren künstlerische Ausdrucksform sich völlig unterschiedlich präsentiert und die Einzigartigkeit und Individualität der Persönlichkeiten hervorhebt.

Tina Blau und Teresa Feodorowna Ries waren unter den ersten Frauen, die im Wien des späten 19. Jahrhunderts die Kunst zu ihrem Beruf erwählten. Die Landschaftsmalerin Tina Blau entwickelte in den 1860er- und frühen 1870er-Jahren als einzige Frau gemeinsam mit wenigen männlichen Kollegen die österreichische Variante der europaweit verbreiteten realistischen Stimmungslandschaft nach dem Vorbild der Schule von Barbizon – den Österreichischen Stimmungsimpressionismus. Auch die aus Russland stammende Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries ließ sich nicht entmutigen und schaffte es, sich einen Platz im, zu dieser Zeit ausschließlich von Männern dominierten, Feld der Bildhauerei zu erobern. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg spielten Künstlerinnen eine bedeutende Rolle in der 1903 von Josef Hoffmann und Kolo Moser mit der finanziellen Unterstützung des jüdischen Industriellen und Mäzens Fritz Wärndorfer gegründeten Wiener Werkstätte, in der sich angewandte und bildende Künste gleichberechtigt vereinen sollten. Die bedeutendsten Vertreterinnen wie Vally Wieselthier, Susi Singer-Schinnerl und Kitty Rix waren jüdischer Herkunft. Vally Wieselthier stellte 1928 ihre Keramiken sogar auf der International Exhibition of Ceramic Art des Metropolitan Museums aus; Susi Singer und Kitty Rix, gingen in ihren Arbeiten weit über die traditionelle Gebrauchskeramik hinaus und schufen außergewöhnliche Skulpturen.

Helene Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1930/35. Bild: Belvedere, Wien, Inv.-Nr. Lg 1563

Helene Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1930/35. Bild: Belvedere, Wien, Inv.-Nr. Lg 1563

Schon ab den 1920er-Jahren gingen viele jüdische Wiener Künstlerinnen ins Ausland oder lebten zumindest zeitweise dort: So ging die Malerin Lilly Steiner nach Paris, Vally Wieselthier in die USA, die Grafikerin Bertha Tarnay erst nach Berlin und dann nach England, und die Malerin Grete Wolf-Krakauer wanderte nach Palästina aus. Die Gründe dafür waren vielfältig: Die schlechte Wirtschaftslage in Österreich, das Bedürfnis, den künstlerischen Horizont zu erweitern, Zionismus, Abenteuerlust und die Freude an der neuen Ungebundenheit einer Bohème, der nun auch Künstlerinnen angehören durften, oder wie im Fall von Friedl Dicker politische Gründe. Sie war 1934 wegen ihrer kommunistischen Aktivitäten verhaftet worden und flüchtete nach ihrer Freilassung bereits 1936 vor der Verfolgung. Die mühsam erkämpfte Anerkennung währte nur kurz, denn die Lebenswege jüdischer Künstlerinnen wurden durch die Schoa gebrochen. Flucht und Vertreibung beendeten die Karrieren dieser Frauen jäh. Jene, die flüchten konnten, mussten alles hinter sich lassen und rangen im Exil um ihre Existenz, ganz zu schweigen von einem Neuanfang in der Kunstwelt.

Vielen der Künstlerinnen gelang die Flucht allerdings nicht. Sie wurden deportiert und ermordet, wie Friedl Dicker-Brandeis und viele andere, wodurch auch die Erinnerungen an so manche dieser Künstlerinnen verloren gingen. Vor dem so genannten „Anschluss“ im März 1938 spielte die jüdische Herkunft dieser Frauen keine Rolle.

www.jmw.at

Wien, 4. 11. 2016