Museum NÖ – Der junge Hitler: Ausstellung geht ins Netz

November 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Das Kaiserpanorama, Bilder von 1914. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Die Sonderausstellung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ ist das bisher inhaltlich ambitionierteste Projekt im Haus der Geschichte in St. Pölten. Sie traf dort auf ein interessiertes Publikum und erfuhr internationale Medienaufmerksamkeit. Bis Ende Oktober 2021 war die Ausstellung im Nordico Linz zu sehen. Ab sofort ist sie als virtueller Rundgang auf abzurufen: www.museumnoe.at/ausstellungjungehitler

„Normalerweise wird in Ausstellungen nur der aktuelle Wissensstand vermittelt. Bei diesem Projekt war es anders. Die Ausstellung wurde selbst zum Impulsgeber für neue Forschungen“, hält Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte fest. „Bei unserem Workshop ‚Hitler und das Fin de Siècle‘ im Herbst 2020 hat Roman Sandgruber erstmals seine Forschungen zu Adolf Hitlers Vater Alois vorgestellt. Auch wir selbst konnten wichtige neue Quellen zu Kindheit und Jugend Hitlers beisteuern. Im April 2021 wurden diese dann in der Linzer Fassung der Ausstellung für das Nordico integriert.“ Die Beiträge des internationalen Workshops „Hitler und das Fin de Siècle“ und eine kurze Einführung von Christian Rapp sind hier abrufbar: https://www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte/Sonderausstellung/der_junge_Hitler.

Und hier noch einmal die Rezension der Schau vom Februar 2020: Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassenhass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet von einem Mitschüler namens Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch / Interfoto / picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=38606

www.museumnoe.at           www.museumnoe.at/ausstellungjungehitler

25. 11. 2021

Museum NÖ: Der junge Hitler. 1889-1914

Februar 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Keramik „Durch Reinheit zur Einheit“. Aus dem Nachlass Georg Ritter von Schönerer. © Stadtmuseum Zwettl – Sammlung Schönerer

Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassen- hass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet ab 29. Februar die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet vom Mitschüler Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses, jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Die Schau wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet. Am 3. März zum Beispiel ist das Theaterstück „Name: Sophie Scholl“ mit Bettina Kerl in der Hauptrolle als Gastspiel des Landestheater Niederösterreich zu Gast. Am 10. März diskutieren Christian Rapp und Hannes Leidinger mit Ö1-Journalist und Buchautor Martin Haidinger im Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ über den „Österreicher Hitler“. Und unter dem Titel „Standup-History: Hitler – wie alles begann“ gibt es mit Florian Graf, Christian Rapp und Benedikt Vogl am 4. März einen Abend im Ateliertheater Wien, der am 1. April ins Haus der Geschichte kommt.

www.museumnoe.at           www.landestheater.net           www.ateliertheater.net

29. 2. 2020

Festspiele Reichenau: 1914 – Zwei Wege in den Untergang

August 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

G’schichtln über die Geschichte

Apis mit den drei Attentätern bei der Angelobung: De Nardo, Gorski, Hoffelner, Graf Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Apis mit den drei Attentätern bei der Angelobung: De Nardo, Gorski, Hoffelner, Graf
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

„Muss das denn sein?“, fragt Autor Nicolaus Hagg im Programmheft. Und hält dann ein Plädoyer über die Notwendigkeit des Theaters zur Spekulation, weil es eben mehr könne „als die Tonnen von Fachliteratur“ zum Jahr 1914. „Muss das denn sein?“ Nein, ehrlich, es muss nicht sein. „Legionen von Historikern“ mögen die Menschheitstragödie zwar schon analysiert haben, aber sich sein eigenes G’schichtl über die Geschichte zu erfinden, ist riskant. Und: Von einer „kanonisierten Wahrheit“, wie Hagg sie wahrnimmt, kann auch keine Rede sein. Siehe: www.mottingers-meinung.at/christopher-clark-die-schlafwandler/, ein Sachbuch mit ganz neuem Blick auf die Ereignisse in Sarajevo und den Ersten Weltkrieg. So schmiert die Uraufführung des Auftragswerks „1914 – Zwei Wege in den Untergang“ schon bald nach Beginn ab.

Schade, es war die Produktion auf die man in Reichenau diesen Sommer am meisten gespannt war.

Michael Gampe hat das Stück im Neuen Spielraum inszeniert. Zwei Handlungsstränge bestimmen den Verlauf: Einerseits die Vorbereitung des Attentats durch Apis, den „finsteren“ Chef der Schwarzen Hand – eigentlich „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod) -, in Serbien, andererseits die Situation am Wiener Hof. Nationalitätenwahnsinn und Großreichssucht auf beiden Seiten. Es geht ums Prinzip. Und bald auch um Princip. Hagg beginnt mit der Hinrichtung von Dragutin T. Dimitrijević, genannt Apis, weil er eine Statur wie der heilige ägyptische Stier hatte, und seines Adjutanten. Für alle die’s interessiert: Dies geschah auf Anordnung des späteren serbischen Königs/Diktators Alexander Karadjordjević. Eine Pikanterie, hatte ihm Apis doch 1903 Vorgänger Aleksandar Obrenović nebst Gattin aus dem Weg geräumt. 1913 wurde er Chef des serbischen Militärgeheimdienstes. Nun heißt’s angesichts der Julikrise „Hochverrat!“ und weg mit ihm. Das alles erzählt Hagg nicht. Er legt den Fokus auf die Attentäter von Sarajevo, die die Hose so voll haben, wie sie den Mund nehmen. Mlada Bosna! Besonders skurril eine Szene, in der Apis die Verschwörer auf ein orthodoxes Kreuz schwören lässt. So stellt man sich Geheimbünde vor! Es wird viel geschrien. Heiliger Krieg und so – wahrscheinlich von wegen „Andocken am Heute“. Hagg setzt auf Fiktion und lässt Fakten links liegen. Sogar anhand von k.k.-Akten belegbare wie etwa den Attentatsverlauf.

Auch schauspielerisch teilt sich die Truppe in zwei Lager. In „Serbien“ ist Marcello de Nardo als Apis der überragende Mann. Was ihm an Bulligkeit fehlt, macht er durch Bühnenpräsenz wett. De Nardo ist immer auf der Höhe, egal was er spielt. Hier ist er ganz Militär, ganz Mission, ein Teufel, der Kinder (Gavrilo Princip und Nedeljko Čabrinović waren 19, Danilo Ilić war 23 Jahre alt) für die politische Idee verheizt, ein Ver- und Reinhetzer. Neben dieser Orkangewalt kann kaum ein Mitspieler bestehen, umso mehr, als Gampe und Hagg ihnen kein Profil geben. Stefan Gorski als Princip darf sich ein bisschen vom Träumer zum Täter entwickeln; die politische Bildung, die Tatsache, dass er für Revolutionsblätter schrieb, bleibt bei „Illic“ Alexander Hoffelner aber außen vor. Dafür herrscht überemotionalisierte Konfusion. Am Wiener Hof dagegen ist der Tonfall schön näselnd überheblich. Hier treffen sich in Rudolf Melichar als Obersthofmeister Montenuovo und Gertrud Roll als Erzherzogin Marie Therese zwei Ebenbürtige. Genauso auf Augenhöhe: Peter Moucka als Hötzendorf und Alexander Lhotzky als serbischer Gesandter, der das Schlimmste verhindern will, aber nicht gehört wird.

Der Schluss stellt sich so dar, dass Montenuovo dem Thronfolgerpaar wegen der Nichtstandesgemäßheit von Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, Militärschutz verweigerte. Potiorek kommt gar nicht vor. Sachliteratur kann auch ein Segen sein.

Wien, 16. 7. 2014

www.festspiele-reichenau.com

www.mottingers-meinung.at/festspiele-reichenau-effi-briest/

Hans Magenschab: Der Große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg 1914-1918

März 17, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit Begeisterung in den Untergang

Magenschab_Coverentwürfe.inddDie Literatur über den Ausbruch, der sich heuer zum 100. Mal jährt, und den Verlauf des Ersten Weltkrieges, ist schier unüberschaubar. Jeder Aspekt wird dabei mehr oder weniger wissenschaftlich analysiert. Natürlich darf dabei auch die Rolle der Habsburger-Monarchie nicht fehlen. Der Historiker Hans Magenschab richtet in seinem Buch „Der Große Krieg“ den Fokus der Kriegs- und Vorkriegsereignisse auf Österreich und schildert eindringlich und in zum Teil beklemmenden Fotos die anfängliche Kriegseuphorie der Menschen, die bald einkehrende Ernüchterung, die Entbehrungen der Zivilbevölkerung und das Leid der Soldaten an den verschiedenen Frontabschnitten.
Am Vormittag des 28. Juni 1914 erschoss Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Diese Tat beendete nicht nur das Leben zweier Menschen sondern bald darauf ein ganzes Zeitalter. Der Erste Weltkrieg, der durch den Mord ausgelöst worden war, veränderte den europäischen Kontinent so nachhaltig und radikal wie kein Ereignis zuvor. In einem bis dahin für unmöglich gehaltenem Gemetzel starben Millionen Menschen, gingen jahrhundertealte Kaiserreiche unter, darunter auch Österreich-Ungarn. Magenschab beschreibt zum einen die Vorgeschichte dieses „Großen Krieges“, schildert die Fehler und Versäumnisse österreichischer Politiker und Militärs „in einem Europa, das 1914 bereits einem Pulverfass glich“, erzählt aber in zahlreichen Bildern auch die Geschichte dieses weltumfassenden Waffengangs aus österreichischer Perspektive. Die Ostfront mit Galizien und den Karpaten findet dabei ebenso Berücksichtigung wie die Alpenfront im Süden der Monarchie. Das Leben der Zivilisten in der Heimat wird dargestellt, ebenso der mörderische Kampf der Soldaten an den vordersten Linien, und große politische Ereignisse ebenso wie individuelle Schicksale.
Das Buch ist zwar kein Bildband, aber das Bildmaterial überzeugt mit seiner Eindringlichkeit. Bekanntlich sagt ein Bild oft mehr als 1.000 Worte. Die Fotos, die der Autor zusammengetragen und sorgfältig ausgewählt hat, stammen zum Großteil aus Beständen des Österreichischen Kriegsarchivs und aus bislang unbekannter privater Herkunft.
Literarische Texte zeitgenössischer Autoren geben einen ausgezeichneten Einblick in das Lebensgefühl und die Ansichten jener Zeit. Propagandapostkarten und zahlreiche Übersichtspläne vervollständigen diese packende Schilderung des „Großen Krieges“ als Zeitenwende und als Anfang vom Ende der Habsburger-Monarchie. Abgerundet wird das Buch mit einem Epilog des Autors, einer Chronik und einem umfassenden Literaturverzeichnis.

Über den Autor:
Dr. Hans Magenschab, 1939 in Wien geboren, studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und Salzburg, war Chefredakteur mehrerer Magazine, darunter „Die Furche“, und Leiter des „Niederösterreich-Kuriers“, Gestalter zahlreicher TV-Dokumentationen sowie Autor historischer Biografien. Zuletzt war er Pressechef der Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg und Sprecher von Bundespräsident Thomas Klestil (1994–2004).

Tyrolia Verlag, Hans Magenschab: „Der Große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg 1914-1918“, 256 Seiten.

www.tyroliaverlag.at

Wien, 17. 3. 2014

Gerhard Jelinek: Schöne Tage. 1914

Dezember 10, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Andere Perspektive

Jelinek_-_Schoene_Tage_1914_011914 begann mit „schönen Tagen“, wie Arthur Schnitzler in sein Tagebuch notierte. Alma Mahler richtete ihr neues Haus am Semmering ein. Kaiser Wilhelm II. ging mit seiner Yacht auf „Nordlandfahrt“. „Es scheinen jetzt schöne Tage zu kommen“ schrieb Ludwig von Ficker an Georg Trakl. Kaiser Franz Josef zog nach Bad Ischl in die Sommerfrische. Der serbische Generalstabschef fuhr zur Kur nach Bad Gleichenberg. Und Baron Rothschild sah keinen Grund, seine Bankgeschäfte neu zu richten. Selbst die tödlichen Schüsse von Sarajevo am 28. Juni hallten nicht lange nach und man fuhr wieder, wie gewohnt, auf Sommerfrische. Die Menschen lebten anscheinend ihr Leben weiter, ohne zu ahnen, dass sich alles innerhalb kürzester Zeit grundlegend verändern würde. Nur wenige Hellsichtige deuteten die Zeichen der Zeit.
Autor Gerhard Jelinek lässt die Monate zwischen 1. Jänner und 3. August 1914 als buntes Mosaik aus Briefen, Tagebuch-Eintragungen und Zeitungsberichten lebendig werden. Er beginnt am 1. Jänner mit dem Wettlauf um die erste „Parsival“-Premiere ausserhalb von Bayreuth und endet am 3. August 1914 mit der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich. Am selben Tag wird Robert Musils Essay „Europäertum, Krieg, Deutschtum“ in der Neuen Rundschau abgedruckt wird und der Kulturredakteur begeistert sich an Charaktereigenschaften, die er bisher verachtet hat: „Treue, Mut, Unterordnung, Pflichterfüllung, Schlichtheit, – Tugenden dieses Umkreises sind es, die uns heute stark, weil auf den ersten Anruf bereit machen zu kämpfen.“
So entsteht ein Sammelsurium politischer und scheinbar unpolitischer Meldungen und da heißt es dann „Frankreich tut alles, um Rußland militärisch zu stärken“ und „Die Steigerung des Heeresaufwands ist erschreckend“, bis hin zu Berichten über den Dieb der Mona Lisa, Vinzenco Peruggia, dem „Geistesschwäche“ konstatiert wird, wie in der christlichsozialen Reichspost am 29. Juni, einen Tag nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand, gemeldet wird, dass „Rapid, der Held zweier Meisterschaften, zu Fall gebracht wurde“ oder wie das Warenhaus D. Lessner in der Neuen Freien Presse am 30. Juni seine „Trauer-Fahnenstoffe in allen Qualitäten und in riesiger Auswahl“ bewirbt.
Ein anderes Buch über das Jahr 1914 abseits politischer Analysen und minutiös beschriebenen Schlachten und Frontverläufen, aber nichts desto weniger spannend und aufschlussreich.

Über den Autor:
Gerhard Jelinek, ist seit 1989 beim ORF tätig, u. a. Leiter und Moderator der Sendung „Report“, heute Leiter der Abteilung „Dokumentation und Zeitgeschichte“ und des Wissensmagazins »„Newton“. Der gelernte Jurist und erfahrene Journalist recherchiert umfassend und präsentiert in seinen mehrfach ausgezeichneten TV-Dokumentationen und Büchern geschichtliche Abläufe im historischen Zusammenhang spannend und verständlich.

Amalthea, Gerhard Jelinek: „Schöne Tage. 1914 Vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges“, 318 Seiten mit 30 Abbildungen.

LESE-TIPPS:

Alma Hannig: Franz Ferdinand. Die Biografie. 352 Seiten.

Neue Quellen, unveröffentlichte Archivfunde: Die Biografie zum 100. Todestag.: »Er gilt als das große Rätsel, als das geheimnisvolle X, das die mathematische Gleichung der europäischen Großmächte unlösbar erscheinen läßt.« Carl M. Danzer, 18.12.1913

Der gewaltsame Tod Erzherzog Franz Ferdinands am 28. Juni 1914 in Sarajevo steht am Anfang jeder Erzählung über den Ersten Weltkrieg. Verschwörungstheorien, Mythen und Legenden ranken sich bis heute nicht nur um das Attentat, sondern auch um das Leben und Wirken dieses Mannes, den erst der plötzliche Tod des Kronprinzen Rudolf zum Thronfolger machte. Die aktuelle Biografie auf der Grundlage intensiver Archivrecherchen. Bislang unbekannte Quellen aus der direkten Umgebung des Thronfolgers. Ein neuer Blick auf Erzherzog Franz Ferdinand als Privatmann und als visionärer Politiker. Mit zahlreichen Fotos und Dokumenten aus privaten Nachlässen.

Alma Hannig studierte Geschichte, Politische Wissenschaft, Psychologie und Spanisch. Seit 2009 lehrt sie Neuere und Neueste Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn. Sie forscht vor allem über die Geschichte Österreich-Ungarns, die Diplomatiegeschichte und den Adel im langen 19. Jahrhundert. Ihre Dissertation verfasste sie über »Österreich-Ungarns Diplomatie am Vorabend des Ersten Weltkrieges« (2014). Zur Zeit wirkt sie an der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg am Heeresgeschichtlichen Museum, Wien, mit. Die Autorin lebt in Bonn und Wien.
Martina Winkelhofer: So erlebten wir den Ersten Weltkrieg. Familienschicksale 1914-1918. 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.
Persönliche Schicksale im Ersten Weltkrieg. Nicht das Attentat von Sarajevo oder der Stellungskrieg im Westen sind Thema dieses Buches. Es widmet sich vielmehr der Frage,  wie die Menschen diese Zeit erlebt haben: Was wird in den Familien bis heute erzählt? Welche Korrespondenzen, persönlichen Erinnerungsstücke, Fotografien machen die  Vergangenheit greifbar? Wie erlebten die Urgroßeltern die Auswirkungen des Krieges, Hunger, Not und Elend, wie kämpften die Soldaten an der Front, wie die Frauen und Kinder daheim ums Überleben? Martina Winkelhofer hat private Geschichten gesammelt, anhand derer sie in diesem Buch die Geschichte des Ersten Weltkrieges neu erzählt: aus der Sicht unserer Familien. Leseprobe unter: http://www.amalthea.at/index.php?id=10&showBookNr=8475

Wien, 10. 12. 2013