Schauspielhaus: Das Leben des Vernon Subutex 1+2

Mai 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Currysuppe gegen Dreigangmenü

In der Bar Rosa Bonheur: Clara Liepsch als Céleste, Steffen Link als Daniel, Simon Bauer als Patrice, Jesse Inman als Vernon Subutex, Sebastian Schindegger als Xavier und Anna Rot als Hyäne. Bild: © Matthias Heschl

Die Zweiklassengesellschaft gibt es sogar beim Nachtmahl. Besteht dies doch für die einen aus Currysuppen-Street-Food, immerhin einzunehmen in Anwesenheit des Titelantihelden, für die anderen hingegen wird Boboausspeisung aufgewartet, Spargelrisotto und so, an der prächtigen Tafel von Marie-Ange und Xavier. Die Kluft zwischen oben und unten symbolisiert mit Plastikschüsseln vs Porzellantellern, auf dem ureigensten Gebiet der Franzosen also, der Küche.

Das passt perfekt zum kapitalismuskritischen Grundton von Virginie Despentes‘ Bestsellerromanen „Das Leben des Vernon Subutex“. Deren Teile 1+2, in Buchform ist die Trilogie vollendet, zeigen Tomas Schweigen und Tobias Schuster nun in von ihnen erstellter Bühnenfassung am Schauspielhaus Wien, Regie: Schweigen, und die Erwartungen an dessen szenische Umsetzung der literarischen Sensation der Jahre 2015 bis 2017 werden nicht enttäuscht. Schweigen packt Despentes‘ witzig-wütenden Text über Abstiegshysterie und Anspruchsdenken in eine vierstündige Tour de Force für sieben Schauspieler. Bis auf Jesse Inman als Subutex haben alle mehrere Rollen zu stemmen, und sie tun dies mit dem für sie typischen Mix aus Eindringlichkeit und Nonchalance.

Vernon Subutex, der Vorname einem Pseudonym des französischen Autors Boris Vian entliehen, der Nachname der eines Schmerzmittels, das man in der Behandlung Heroinabhängiger einsetzt, ist ein pleitegegangener Plattenladenbesitzer. Allein der Beruf schon Hinweis auf Vernons Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, und nachdem er verkauft hat, was irgend verkauft werden konnte, der nächste Schicksalsschlag: Sein Finanzspritzen setzender Freund und Popstar Alex Bleach stirbt an einer Überdosis. So wird Subutex zum Sofasurfer, kurvt von einer Couch zur nächsten, erschleicht sich Schlafgelegenheiten bei ewig nicht mehr gesehenen Freunden, ehemaligen Geliebten, Ex-Bandkollegen.

Ein letztes Ass hat Vernon noch im Ärmel: Alex hat ihm die Videoaufzeichnungen eines Selbstinterviews hinterlassen, das letzte Zeugnis des Musikgenies, ein Gottesgeschenk für den Boulevard. Und so hat es Vernon bald nicht nur mit seiner früheren Bassistin, jetzt schwer übergewichtigen Emilie, dem verkrachten Drehbuchautor Xavier oder seinem alten Freund und Frauenprügler Patrice zu tun, sondern auch mit dem skrupellosen Filmproduzent Dopalet, der Vernon zwecks Erhalt der Bänder die „Hyäne“ auf den Hals hetzt … So verrückt das klingt, so irre ist es auch. Despentes lässt vom identitären Skinhead bis zur muslimischen Jusstudentin, vom koksenden Trader über den transsexuellen Pornodarsteller, von der promiskuitiven Musikjournalistin bis zur Cyber-Mobberin keine Spielart der Gattung Mensch aus, um ihre These einer radikalisierten Einzelkämpfergesellschaft zu untermauern.

Vernon mit Patrice und Xavier: Simon Bauer, Jesse Inman und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Vernon gibt Emilie die Bänder mit Alex Bleachs Autointerview: Vera von Gunten und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Den karriere- und gewinnorientierten Druckkochtöpfen stellt sie ein Personal an abgeklärten Aussteigern gegenüber, etwa die überzeugte Obdachlose Olga, und so nimmt es nicht wunder, dass in all dem Chaos ausgerechnet der abgesandelte Vernon Subutex der Ruhepol ist. Jesse Inman spielt ihn mit der würdevollen Lässigkeit eines, dem das Begreifen dafür fehlt, was das Dasein an Tiefschlägen für ihn vorgesehen hat. Ihre Desillusionstiraden lassen Simon Bauer als Dopalet und Patrice, Vera von Gunten als Emilie und Lydia Bazooka, Schauspielhaus-Neuzugang Clara Liepsch als Olga und Céleste, Steffen Link als Kiko und Daniel, Anna Rot als Sylvie und Hyäne und Sebastian Schindegger als Xavier auf ihn los. Jacob Suske begleitet den Angst-und-Aufgebrachtheitschor als Musiker.

Wiewohl Schweigen und Schuster von den aberhunderten Romanseiten etliche streichen mussten, ist ihnen ein konzises Destillat der ersten beiden Vernon-Bände gelungen, das kein Despentes-Thema – furchtsam-verunsicherte Mittelschicht, Aufstieg der Neuen Rechten, Islamisierung, Digitalisierung …- unerwähnt lässt. Wie die Autorin betreiben auch die Theatermacher in den von ihnen ausgebreiteten Milieus soziologische Devianzforschung. Dies in Form szenischer Miniaturen, dann wieder in Erzählpassagen, auch Spielfilmsequenzen, umgesetzt von Nina Kusturica und Michael Schindegger, sind ein Mittel der Wahl.

Live oder via Leinwand zeigt sich das Schauspielhaus-Ensemble in Hochform. Jesse Inman schafft auf sympathische Weise den Wandel vom Zero zum Szene-Hero und retour. Extrem wandlungsfähig sind auch Steffen Link, der sich nicht nur von Debbie zu Daniel verändert, sondern auch vom Rechtsdenker Kiko zum rechtsradikalen Schläger Loïc, und Clara Liepsch, die von der kurzgeschürzten Kellnerin zur matronenhaften Olga optisch die größte Metamorphose durchmacht. Und gerade als die Sache wegen ausufernder Monologe aus dem Ruder zu laufen scheint, fällt der Vorhang, heißt: das Projektionstuch, und gibt den Blick auf ein schickes Loft und die Party darin frei. Vernon Subutex arbeitet mit genialischem Gespür für den Geschmack des Publikums seine Playlists ab, die Zuschauer sind zur Gemeinschaftsekstase auf die Spielfläche eingeladen. Da kann man verschmerzen, dass einen das in den letzten Band der Trilogie verweisende apokalyptische Ende ohne entsprechendes Vorwissen nicht wirklich erreicht, Hinweis: es geht um die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris, Hauptsache das Leben ist ein Rave.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=PJ5ETBPDvZo

www.schauspielhaus.at

1. 5. 2019

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Wiener Festwochen: Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)

Juni 5, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jonathan Meese und der Urknall im Universum Wagnerz

Die Gralsritter sind auf dem Mond gelandet und haben gleich einen Eiskasten (re.) aufgestellt: Wolfgang Bankl, Sven Hjörleifsson und Johanna von der Deken. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Im Vorfeld hatte man sich zwei Mal versprochen und gemeint, man gehe in „Mondbasis Alpha 1“, für alle, die diese alte Science-Fiction-Serie noch kennen. Peinlich? War’s dann nicht mehr. Der österreichische Komponist Bernhard Lang und Universalkapazunder Jonathan Meese haben Wagners „Parsifal“ in der Tat auf den Mond geschossen. So kam bei den Festwochen „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ zur Uraufführung. Eine Überschreibung.

Der Grüne Hügel hatte eine ohnedies Light-Produktion des Originals nicht gewollt, Intendant Tomas Zierhofer-Kin schnell zugegriffen und das Projekt zu einem eigenständigen weiterentwickeln lassen – und man kann sich nun beruhigt zurücklehnen und sagen: Solange es einen Kulturmanager wie ihn in dieser Stadt gibt, wird Wien nicht Bayreuth werden.

Denn die Aufführung ist genialisch-großartig. Der Urknall im Universum Wagnerz sozusagen. Und wurde vom Publikum – das bis auf eine Handvoll Flüchtlinge bis zum Schluss gespannt und erwartungsfröhlich blieb – mit Riesenjubel und noch mehr Applaus bedankt. Jonathan Meese empfing es mit Standing Ovations, der, so sichtlich gerührt, dass er die (beschlagene?) Brille abnehmen musste, küsste sich durch seine Künstler und sein Leading Team. Es ist unwahrscheinlich, dass auch nur einer auf der Bühne seinem Schmatz entkam.

Tómas Tómasson leidet als irre gewordener Amfortas als wirbelnder Lollipopallergie. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Wohnsitz der Ritter ist die Villa Wahnfried. In der Mitte Daniel Gloger als Parzifal-Zed mit Gralsholzgliederpuppe. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

„Mondparsifal Alpha 1-8“ ist erstaunlich viel Wagner, ist echt Oper, nicht Performance. Bernhard Lang, der auch das Libretto verfasste, hielt sich ziemlich exakt an die Handlung des Bühnenweihfestspiels. Bis auf einen Schlusspunkt: Kundry darf bei ihm leben. Ein Akt der Emanzipation, wäre doch auch ein noch so hehres Erlösungsfrauenopfer im 21. Jahrhundert irgendwie seltsam. In seiner Komposition fehlt keine Wagnernote, er hat sie neu arrangiert, dekonstruiert und wieder zusammengesetzt.

Und das Ergebnis sind teil lyrische Töne gleich Sphärenklängen, dann muten Passagen jazzig an, wobei verstärkt Schlagwerk und Synthesizer zum Einsatz kommen. Die persönlich liebste Stelle ist das Vorspiel zum zweiten Aufzug: eine Reverenz an die Musik von 1970-Jahre-Krimiserien, sehr suspense-ig und rasant.

Das korreliert naturgemäß mit Meeses Konzept. Der führt nämlich eine Menge neuer Figuren ein, beziehungsweise definiert er die vorhandenen neu. Der Individualmythologe – und in dieser Funktion ist er durchaus Wagner-Epigone – geht auch diesmal dieser seiner Lieblingsfunktion nach. In roter Schrift (in weißer darüber der gesungene Text) verkündet er sein Manifest, und das switcht zwischen Kunst conquers all und Mach‘ Kunst or die trying.

Sein Parsifal wird später auf der Bühne die Diktatur der Kunst ausrufen. Meese nimmt Richard Wagner so ernst, dass er an ihm Spaß haben kann – und das muss man mit dem Humor nehmen, den der Abend versprüht. Keine politische Kraft ist stärker als das Lachen, und Narren sind so frei, wie die Kunst es zu sein hat. Das hat das Premierenpublikum erkannt und amüsiert sich prächtig.

Meese zitiert alles, was nicht bei drei im dritten Rang ist. Er bedient sich aus der Trash- und Popkultur, aus Schundheftchen, bei alten Filmen und noch früheren Fernsehserien. Sein Bühnenbild ist erst eine explodierte Mondlandschaft (mit Rieseneiskasten, denn schließlich geht’s unter den Rittern sehr um Fressen und für Amfortas ums Gefressenwerden), er zeigt seine Version der Villa Wahnfried als Gralshort und einen Wicker Man, in der Menschenopferburg residiert Klingsor. Im dritten Aufzug lässt er zum Karfreitagszauber Fritz Langs „Die Nibelungen“ laufen. Der Meister selbst residiert in Loge eins und zeichnet, schreibt und collagiert live.

Die Figuren hat er sich auf seine Weise anverwandelt: Parsifal ist im heißen roten Höschen und mit Proletenschnäuzer der Zed aus „Zardoz“, ein Sean-Connery-Lookalike, und man muss sagen, dass der Sir nie einen schlechteren Film gemacht hat. Kundry ist Barbarella, und als sie Parsifal täuschen will und sich als Herzeleide ausgibt, kommt sie mit einem Indianerkanu aus den Ewigen Jagdgründen. Meese hat für eine Minute seiner Inszenierung mehr Ideen (und noch dazu lauter logische), als andere Regisseure im ganzen Leben.

The writing on the wall. In der Loge rechts der Chef beim Livezeichnen, -schreiben und collagieren. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Und endlich Erlösung: Daniel Gloger als C3PO-Parzifal mit Zardoz-Maske lässt sich von den Mangamädchen feiern. Bild: 2017 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

Gurnemanz ist ein etwas beleibterer Meese-Klon, natürlich er der Spielmacher. Amfortas hat was von Captain Kirk und leidet an wirbelnder Lollipopallergie, nein, natürlich, die Wunde ist eine Hypnosescheibe. Klingsor schließlich schaut aus wie ein abgefuckter Elvis, und seine bösen Mädchen wie einem Mangamärchen entsprungen. Am Ende wird Parsifal ein goldener C3PO-König sein, mit Zardoz-Maske, auch diese Kombination stimmt: Der Sklave, der sich selbstermächtigt, der „Brutale“, der ein „Ewiger“ wird. Und, dass er mit der Frage „Würdest du Gott töten?“ konfrontiert wird, passt auf Meese wie hingespuckt, der durch Kunst alle Herrschaftssysteme und ergo auch Religionen vernichten will. „Entmitläufert euch!“ ist seine schönste Message.

Gesungen wird in Deutsch, Englisch, Französisch und einer Kunstsprache, die mit Hojotoho! und Wallala, weiala weia! ohne Weiteres mithalten kann. Die Solistinnen und Solisten sind in dieser exaltierten Arbeit allesamt auf der Höhe, getragen von der höchst inspirierten Dirigentin Simone Young, den wunderbaren Klangforum Wien und Arnold Schoenberg Chor.

Countertenor Daniel Gloger ist als Parsifal darstellerisch wie sängerisch eine Sensation, der Mann hat offenbar Kondition ohne Ende – und Improvisationstalent, als die Hynosewunde nicht am heiligen Speer haften bleiben will. Magdalena Anna Hofmann gibt der Kundry mit ihrem sicher geführten Sopran Kraft. Die Bassbaritone Wolfgang Bankl als Gurnemanz, Tómas Tómasson als Amfortas mit dem irren Blick und Martin Winkler als Klingsor überzeugen mit jedem Ton. Winkler, wie man ihn kennt und schätzt, bringt natürlich schauspielerisch eine komische Note ein.

Am Ende gibt’s für alle Eis. Vanille, Erdbeer und Schokolade retten die Welt als Quadrat, Kreis und Dreieck. Dramaturg Henning Nass hat’s in der Werkeinführung erklärt, eine Hommage an Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Es folgt der Unendlichachter und Parsifals Aufforderung an Kundry: Ruf mich an! Weiter geht’s nun im Oktober in Berlin mit „Mondparsifal Beta 9-23 (Von einem, der auszog, den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren …)“. Thomas Oberender war schon spicken, und er wird wohl daheim berichten, dass man sich freuen kann.

www.festwochen.at

Wien, 5. 6. 2017

Ausstellung auf der Schallaburg zum 1. Weltkrieg

März 24, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Jubel und Elend

http://www1.topfoto.co.uk

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Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges eröffnet die Ausstellung „Jubel & Elend. Leben mit dem Großen Krieg 1914-1918“ ab 29. März auf der Schallaburg neue Perspektiven auf die so genannte „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Anhand von einschneidenden historischen Fakten, politischen Strömungen, Stimmungen in der Bevölkerung und vor allem anhand von einzelnen Schicksalen wird der „Große Krieg“ in seinen Ursprüngen und seine Folgen beleuchtet.
Am Anfang steht ein modernes Europa, in dem innovative DenkerInnen wie Bertha von Suttner („Die Waffen nieder!“) Nobelpreise erhalten und Kreative wie Kasimir Malewitsch („Sieg über die Sonne“, 1913) die Grenzen der Kunst ausloten. Ein vom Militär faszinierter Geist und ein leidenschaftlicher Nationalismus beherrschen jedoch weite Kreise des Bürgertums. Ein Teil des Volkes zieht im August 1914 unter Jubel in den Krieg. Warnende Rufe verhallen angesichts der Kriegseuphorie. Bald zeigt der Krieg allerdings sein unverblümtes Gesicht: Das große Sterben setzt ein. 

Die Ausstellung beleuchtet den Alltag an der Front im Stellungskrieg, im Gebirge und zur See. Sie ermöglicht aber auch Einblicke in die globalen Dimensionen des Konflikts, in die so genannte „Heimatfront“, aber auch in die „inneren Fronten“, thematisiert Kriegsgefangenschaft, Hinrichtungen und das Spionagewesen. Die Propagandamaschinerie von Staat, Kirche und Medien läuft auf Hochtouren. Ihr gegenüber steht die Ratlosigkeit von Militär und Politik, wie man den Krieg wieder stoppen kann, ob durch Wunderwaffen oder einen „Siegfrieden“. Schließlich beendet die komplette wirtschaftliche Erschöpfung die Schlachten. Die traumatischen Erfahrungen werden nach 1918 verdrängt und nicht aufgearbeitet. Viele Menschen ziehen ihre Uniformen im Geiste bis 1945 nicht mehr aus.
„Jubel & Elend“ auf der Schallaburg ist die größte Ausstellung, die es jemals im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg gegeben hat. An die 1.000 Exponate von 140 nationalen und internationalen Leihgebern werden gezeigt. Die Ausstellung ist von 29. März bis 9. November 2014 zu sehen.

Tipp: Ausstellung „WoMen at War“

Bei Kriegsausbruch 1914 herrschte eine, aus heutiger Sicht unverständliche Kriegsbegeisterung, die nachhaltig von der Kriegspropaganda aufrechtzuerhalten versucht wurde. Beliebte Motive bildeten dabei immer wieder Frauen in patriotischer Darstellung, die  man auf diese Art für die Kriegsführung nutzte. In Wirklichkeit bedeutete der Abschied von dem in den Krieg ziehenden Mann, so schmerzlich er auch war, einen weiteren wichtigen Schritt zur Aufwertung der Frau, da sie nunmehr allein die Familie und damit ihre Existenz sichern musste. Das alleinige Sorgerecht um die Kinder,  sowie die wirtschaftliche Verantwortung um Wohnung, Haus oder Hof oblag der Frau. Je länger  der Krieg dauerte, umso schwieriger wurde dieser Kampf um das tägliche Überleben. Die Sonderausstellung „WoMen at War k.u.k. Frauenbilder 1914-1918“ in der Galerie in der Bezirkshauptmannschaft Melk beleuchtet von 30. Juni bis 30. September einerseits in welch vielfältiger Form Frauen im und für den Ersten Weltkrieg aktiv waren, und anderseits, wie das Bild der Frau für Propagandazwecke benutzt und sie als billige Arbeitskraft missbraucht wurde. Der Eintritt ist frei.

Mit einem Ticket der Sommerspiele Melk (auf dem Spielplan steht „Metropolis“ von Fritz Lang) erhalten Sie auf der Schallaburg eine kostenlose Eintrittskarte zu Ausstellung. Mit einer Eintrittskarte der Schallaburg sind die Karten bei den Sommerspielen Melk um 15 Prozent ermäßigt.

www.jubelundelend.at

www.wachaukulturmelk.at 

www.stadt-melk.at

Zum Nach- und Weiterlesen

Christopher Clark, „Die Schlafwandler“, DVA. Unverzichtbar für alle, die mehr über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges erfahren möchten. Mit zum Teil neuen Erkenntnissen.

Hans Magenschab, „Der Große Krieg. Österreich im Ersten Weltkrieg 1914-1918“, Tyrolia Verlag. Reich bebilderter Band über das Leben, Leiden und Sterben an der Front und im Hinterland.

Manfried Rauchensteiner, „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914–1918“, Böhlau Verlag. Packendes Panorama vom Ende der Habsburgermonarchie von einem Militärhistoriker.

Wien, 24. 3. 2014

Garage X: Songs of Gastarbeiter

Februar 24, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Bülent Kullukcu präsentiert seine CD

Imran Ayata Bülent Kullukcu  Bild: Trikont Records

Imran Ayata Bülent Kullukcu
Bild: Trikont Records

Am 1. März präsentiert der Münchner Künstler Bülent Kullukcu, der bereits mit seiner Performance „Robotermärchen“ im Theater am Petersplatz zu Gast war,  in der Garage X seine CD „Songs of Gastarbeiter – Vol 1.“. Gemeinsam mit dem  Berliner Autor Imran Ayata wühlte er in Archiven, durchforstete die Musiksammlungen ihrer Eltern und Bekannten, nervte Freunde und Fremde, um Songs der ersten Einwanderergeneration zu finden. Erstes Zwischenergebnis: Mehr als hundert Lieder „Made in Almanya“, die von den ersten Jahrzehnten der Einwanderung handeln. Erinnert man sich an diese Einwanderergeneration, dann ist der Blick durch Klischees und rassistische Zuschreibungen getrübt: Assoziationen von Männern mit traurig-melancholischen Blicken, die Zigarette rauchend Bahnhofshallen belagern, oder Familien, die für aufsteigenden Grillrauch in Stadtparks sorgen, sind noch immer gängig. Die Lieder der Gastarbeiter sind dagegen weitgehend unbekannt. Ein wesentlicher Antrieb dieses Musik-Projekts besteht also darin, Unbekanntes bekannt zu machen und die vielfältige Musikkultur zu dokumentieren, damit sie nicht verloren geht.  Kullukcu und Ayata heben musikalische Schätze, die hierzulande kaum bekannt sein dürften und außerdem der Gefahr ausgesetzt sind, verloren zu gehen. Die allermeisten Songs ließen sie unberührt, bei einigen entschied sich das Duo für Remixe. Den Musiker Ozan Ata Canani etwa baten die beiden, seinen Ohrwurm „Deutsche Freunde“ im Studio neu aufzunehmen, weil von diesem Juwel keine Aufnahme existierte.

Die Biografien der Musiker auf „Songs of Gastarbeiter Vol.1“, ihre musikalischen Stile, die Inhalte ihrer Songs sind unterschiedlicher als man vermuten mag. Wenn man sich die damaligen gesellschaftlichen Realitäten vor Augen führt und sich in die Lage dieser Generation versetzt, dann ist es nicht weiter überraschend, dass viele Musiker Themen wie Sehnsucht und Trennungsschmerz behandeln (wie Mahmut Erdal, Gülcan Opel, Zehra Sabah) oder Almanya zur „bitteren Heimat“ erklären, wie Selda es in ihrem Cover des Ruhi Su Klassikers „Almanya Acı Vatan“ tut. Auch nicht weiter verwunderlich ist, dass die Arbeitsbedingungen im Betrieb und in der Fabrik eine herausgehobene Rolle spielen (etwa bei Aşık Metin Türköz, Gurbetçi Rıza). Die eigentliche Gemeinsamkeit dieser Künstler besteht darin, dass sie Pioniere waren. Pioniere, weil sie sich und ihren Alltag zum Thema machten, sich nicht nur leidend, sondern auch kämpferisch und ironisch gaben und scharfsinnige Beobachter der deutschen Gesellschaft waren. Pioniere, weil sie neue Musikstile wie anatolischen Disko-Folk kreierten (Derdiyoklar) und sich im Crossover versuchten (z. B. Ali Avaz) oder mit Sprechgesang experimentierten, lange bevor es deutsch-türkische Rapper gab. Pioniere, weil sie den Sound des Arabesk in Deutschland einführten (Yüksel Erkasap) und elegant wie virtuos mit dem Mix der Sprachen jonglierten (wie Aşık Metin Türköz, Aşık Divane, Cem Karaca) und der deutschen Sprache einen eigenen Ton verliehen.

Songs Of Gastarbeiter Vol. 1: Der Soundtrack zur Einwanderung: www.youtube.com/watch?v=2auaXxLopKs#t=0

Wien, 24. 2. 2014