Landestheater NÖ: Die Flucht ohne Ende

Januar 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Suche nach der europäischen Identität

Gespielt wird tatsächlich auf engstem Raum: Michael Scherff, Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Dass er auch ein Meister der kleinen Form ist, heißt: im intimen Spielraum mit bewusst sparsamen Mitteln, beweist Regisseur Felix Hafner am Landestheater Niederösterreich. In der Theaterwerkstatt zeigt er seine fabelhafte Fassung von Joseph Roths Roman „Die Flucht ohne Ende“. 1927 ist dieses Werk entstanden, in dem Roth seinen Protagonisten Franz Tunda auf eine Reise durch halb Europa schickt.

Die abenteuerliche Odyssee des k.u.k.-österreichischen Oberleutnants beginnt mit seiner Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft und führt ihn über Irkutsk und Moskau, über Baku und ein Städtchen am Rhein bis schließlich nach Wien und Paris. Auf seinem Weg wird er sich nicht nur bei einem polnisch-stämmigen Bauern verdingen und Kinobetreiber werden, sondern sich auch der russischen Revolution angeschlossen und mit sogenannten Verstandesmenschen abgerechnet haben.

Frauen kreuzen seinen Weg, Natascha, Alja, Madame G. Irene indes, die Verlobte, wartet daheim nicht auf ihn. Und immer und überall wird Tunda ein Entwurzelter bleiben, ein Fremder, Orientierungsloser, der sich selber die Aussicht aufs Morgen verstellt. Und immer wird ihn seine Suche nach der eigenen Identität auch auf die Europas, auf die Suche nach der „europäischen Kultur“ treiben. Sehr prägnant und sehr zeitgemäß stellt Hafner an seinem Roth gerade diesen Punkt aus.

Madame G. umgarnt Tunda: Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Und immer wieder Koffer packen: Tobias Artner und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Ein Quartett, Tobias Artner als Tunda, Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff in je einem halben Dutzend weiterer Rollen, fungiert als Erzähler wie Schauspieler. Sie schildern Tundas Schicksal, bis sie es darstellen; die drei treten mit Artner in den Dialog, steigen in die Handlung ein und wieder aus. Der Kniff ist nicht neu, doch Hafner macht damit möglich, dass Roths wunderbare Sprache erhalten bleibt. Als Regisseur hält er die Balance zwischen dessen nüchtern-analytischem Blick auf die Figuren und deren dramatischem Potenzial. Wenige Versatzstücke, eine Kopfbedeckung, eine Jacke, ein falscher Bart, machen klar, wer gerade wen verkörpert.

Das Bühnenbild von Camilla Hägebarth ist eine Landschaft aus Requisitenkoffern und Kisten, auch ein Munitionskoffer ist als Gepäckstück darunter. Wie ein Zauberkünstler seine Trickboxen schieben die Schauspieler sie über die Spielfläche, formen mit ihnen Dörfer und Städte, ein Lichtspielhaus oder eine Moskauer Wohnung. Gespielt wird im Wortsinn aus jeder Luke, und sollen Gewehrschüsse knallen, so tun’s dafür die Kistendeckel. An Fantasie lässt diese Aufführung tatsächlich kaum etwas aus.

Da darf Madame G. in rotes Licht getaucht ein französisches Liedchen trällern, während sie Tunda umgarnt, da gibt es eine famos gemeine Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit, samt bitterböser Alkoholseligkeit und Hommage an das Duo Heller/Qualtinger. Tobias Artner ist als verhalten verzweifelter Tunda gleichsam ein Mann ohne Eigenschaften, ein junger Intellektueller ohne ihn sinnvoll ausfüllendes Dasein. Michael Scherff überzeugt als Charakterdarsteller, ob er nun Proletarier, deutsche Gutbürgerliche oder einen französischen Professor gibt.

Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Michael Scherff und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

Dass auch feiner Humor Hafners Sache ist, zeigt die Szene mit Tundas Bruder Georg und dessen Frau Klara. Zu ihnen gelangt Tunda schließlich – und Josephine Bloéb und Stanislaus Dick gestalten in partner- schaftlichem Weinrot zwei Prototypen kleinbürgerlicher, kulturbeflissener Existenz. Dass Tunda da mit seinen „bolschewikischen“ Ideen anecken muss, ist klar. Das geht bis ihm die Hutschnur reißt. Ein großartiger Eklat, so großartig wie der ganze Abend.

www.landestheater.net

  1. 1. 2018

KosmosTheater: Kassandra

Januar 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia Schranz erweckt Christa Wolfs Seherin zum Leben

Bild: © Bettina Frenzel

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt die Seherin Kassandra am Hofe Agamemnons angesichts der Machenschaften der Klytaimnestra. 1983 lässt sie Christa Wolf in ihrer berühmten Antikriegserzählung diesen Satz sagen. Am KosmosTheater ist nun eine Bühnenadaption des Werks zu sehen, ein kraftvoll verdichteter Monolog, inszeniert von Julia Nina Kneussel.

Vorgetragen von der wunderbaren Julia Schranz. Und siehe, die warnenden Worte der Hellsichtigen, dereinst in Troya nicht gehört, in der Wolf’schen Interpretation in Ost wie West als heldenmütiger Widerstand gefeiert, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Als „Whistleblowerin“, verrät der Programmzettel, möchte man Kassandra heute gern verstanden wissen. Weiß sie doch, dass Helena gar nicht an Paris Seite bis nach Troja gekommen ist, und die ganze Sache mit dem Überfall auf die Heimatstadt daher … „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg?“, sagt sie.

Stolz steht die Schranz da. Als Kriegsbeute angetan mit einem grauen Gefangenenoverall, die Hände wie zur Schaustellung über den Kopf erhoben. Beklemmend ist das, wenn sie an- oder wehklagt, ihre Stimme erhebt gegen das Unrecht der Welt oder wegen des über sie hereinbrechenden Unheils. Der herrliche Apoll hat Kassandra einst die Seherinnengabe verliehen, indem er ihr in den Mund spuckte, nun kann sie den üblen Geschmack der politischen Geschäfte nicht mehr von der Zunge bekommen.

Bild: © Bettina Frenzel

Die Verhältnisse zum besseren zu ändern, obliegt ihr nicht, auch dafür hat der Gott gesorgt. Die Wahrheit ist den Mächtigen nicht zumutbar. So ist es ihre Aufgabe, im Wortsinn sehenden Auges in den Untergang zu gehen. In den ihrer Stadt und später in den eigenen. Schranz gestaltet eine moderne Analytikerin, der anhand ihrer Beobachtungen gar nicht anderes bleibt, als auf Konsequenzen zu zeigen, und die darob schon zwischen Bewachern – Wärtern aufwuchs.

Je nach Betrachtungsweise. Viel Zeit nehmen sich nämlich Regisseurin Kneussel und Martina Theissl, von denen die Bühnenfassung stammt, über die Königspartei und deren Macht über die Wörter zu berichten. Eumelos, Chef der Palastwache und Berater des Priamos spinnt sein Sicherheitsnetz wie eine Spinne, baut Feindbilder auf, lange bevor aus Griechenland die Krieger anlanden. Auch, wenn Christa Wolfs Reflexionen über die Zweiteilung der Welt und die Verkrustung der beiden Machtblöcke längst verdampft sind, bleiben so ihre Rufe gegen den Militarismus, gegen Männerdominanz, gegen deren Allmachtsfantasien deutlich zu hören.

Kneussel/Theissl führen vor, wie aus einem friedlichen, auf den Diskurs aller Beteiligten setzenden Staat ein Hochsicherheitstrakt wird, in ihm Beschränkung der Gedankenfreiheit durch Bespitzelung. Trojas Mauer, und die der DDR, beide längst gefallen, werden bereits anderswo wiedererrichtet. Schranz berichtet das alles mit einer Portion Sarkasmus. Irritierende Störgeräusche, Maschinengewehre oder Heereshubschrauber?, Musik von Stefanie Neuhuber, sind zu hören.

Bild: © Bettina Frenzel

Schranz tritt in Zwiesprache mit den verfremdeten Videobildern von Mihaela Kavdanska, Dilmana Yordanova und Cristian Iordache alias KOTKI visuals, ihr verschwommenes Ich, teilweise aufgenommen mit Live-Kamera, dabei ein Symbol ihrer Sehergabe, ihre „Stimme“. Eindrücklich ist das, wie der ganze Abend, den nicht nur die Optik so zeitgenössisch macht, dass es hinter den Augen schmerzt. Am Ende noch einmal über Eumelos.

Den Kriegstreiber und Menschen(ver)hetzer. Er wird überleben, sieht Kassandra vorher, die Griechen werden ihn brauchen. Die Wahrheit schließlich ist: „Wohin wir immer gehen, dieser wäre schon da.“

www.kosmostheater.at

  1. 1. 2018

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linksgedrehten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

werk-x.at/

  1. 1. 2018

Rabenhof – Robert Palfrader: Allein

Januar 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gott, Genetik und die ganz oargen Fans

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Den wirklich weltbewegenden Fragen „Für was?“ und „Warum?“ geht Robert Palfrader in seinem ersten Soloprogramm „Allein“ im Wiener Rabenhof nach. Dafür hat er sich extra sein Genmaterial in der Schweiz decodieren lassen. 180 Euro kostet so ein Scherz, aber die Sinnsuche soll halt schon beim eigenen Ich anfangen. Und so geht’s munter von der Zeugung bis zum Erzeugnis „Kaiser“ samt philosophischen Gedankengängen über Gott an sich und dessen Nicht-Wirken-Wollen auf Palfrader im Besonderen.

Denn der mutmaßliche Ex-Staatskünstler – noch überlegt das Trio ja wie weitertun, nachdem der ORF die Freundschaft aufgekündigt hat – outet sich als Atheist, dies nicht ohne unter Beweis zu stellen, wie bibelfest er ist, und kommt damit natürlich auf Sachverhalte wie Herkunft und Abstammung zu sprechen. Die bekanntlich gleich um die Ecke von Integration und Assimilation liegen. So ist der Weg nicht weit von den eigenen über die Lande verstreuten Vorfahren zum einbeinigen Bettler mit Migrationshintergrund, der den Promi als „Gutmenschen-Geldgeber“ enttarnt und ergo hernach auf gekonnt hiesig schimpfen kann.

Es ist bei Palfrader systemimmanent, dass ihm Körperteile und deren Prozesse flüssig über die Lippen gehen, ein „Entschuldigung, bitte?!“ schiebt er nach, wenn’s seine Mit- und sonstigen Unmenschen gar zu bunt treiben. Alltagsbeobachtungen baut er zur skurrilen Geschichte aus, ein bissl bösartig muss das alles sein, grauslich sowieso, ein wenig auch „echt fett“, ja, bleiben wir doch beim Wienerischen: g’feanzt ist der Polemik-Profi Palfrader so ganz „Allein“.

Und apropos, Fett: Das kriegen nicht nur die „Piefkes“ ab, sondern auch die distanzlos „oarge“ Fangemeinde Seiner Majestät, der Kabarettist schlüpft in deren Rollen, macht den Proleten wie den Macker und erläutert, wie hinderlich Achselschweiß ist, will ihm einer einen Witz erzählen. Palfrader hangelt sich entlang des eigenen Lebens, erzählt Anekdoten vom Ferialjob und vom Bundesheer, und, dass er nicht zuletzt deshalb Vater wurde, weil ihm ein polnischer Anthropologe einst in den Kopf gesetzt hat, ohne Kinder würde ihn die Evolution als fehlgeschlagenes Experiment aussondern.

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Palfrader kommt nicht nur zügig vom Hundertsten ins Tausendste, er ist auch ebenso schnell „auf Hundert“, wenn ihm einer blöd kommt. So kommt’s zur schönsten Episode des Abends, einem Dialog mit einem Mikroorganismus, genauer gesagt: Krankenhauskeim. Palfrader also Präsenzdienst-Sanitäter putzt Betten im Heeresspital, als so ein Kleinstlebewesen – zumindest im Putzmitteldämpferausch deutlich zu hören – ums Überleben winselt. Daraus entspinnt sich eine schwarzhumorige Absurdität, die „MASH“-Format hat. Der Höhepunkt des Programms. Nach nur 80 Minuten ist der Spaß allerdings schon wieder vorbei. „Allein“ ist ein recht gelungener Anfang für Palfrader als Bühnensolist. Ausbaufähig.

www.rabenhoftheater.com

  1. 1. 2018

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch über „Homohalal“

Januar 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert die Groteske von Ibrahim Amir

Die Votivkirchenbesetzung ist der Ausgangspunkt für „Homohalal“: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

Heute Abend hat im Werk X Ibrahim Amirs Stück „Homohalal“ Premiere. Ausgangspunkt des Textes ist die international berühmt gewordene Votivkirchenbesetzung. Jahrzehnte später treffen Aktivisten und Betroffene wieder aufeinander – und alte Konflikte brechen neu auf. Dass dabei keine Seite wirklich gut wegkommt, ist bei Amirs Schreiben systemimmanent …

Im Februar 2016 erst nahm das Volkstheater die Uraufführung von „Homohalal“ wieder aus dem Spielplan, weil man die Groteske für „kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich“ hielt. Die Gerüchteküche brodelte – und kühlte wieder ab. Nun machte sich Regisseur Ali M. Abdullah, der gemeinsam mit Harald Posch das Werk X leitet, mit einer neuen Fassung an die Arbeit. Ein Gespräch:

MM: Nachdem das Volkstheater aufgegeben hatte, wie kam es zu der Idee „Homohalal“ im Werk X zu machen?

Ali M. Abdullah: Die Werke des Ibrahim Amir haben mich immer schon interessiert., „Habe die Ehre“ zum Beispiel fand ich total spannend. Deswegen ist es klar, dass ich den Autor verfolgt habe. Ich habe dann gehört „Homohalal“ sei umstritten, mehr möchte ich jetzt nicht dazu sagen, und da hat mich natürlich interessiert, was denn so umstritten sei. Das war ja wie bei einem verbotenen Roman, die Gerüchteküche brodelte, was wirklich war, wusste aber keiner, doch in der Zeitung stand, man möchte das Thema nicht so präsentieren, wie Ibrahim es geschrieben hat. Ich habe Kontakt mit ihm aufgenommen, er war aber über die Wien-Geschichte nicht so erfreut, und brachte das Stück in Dresden heraus.

MM: Daher gibt es eine vollkommen neue Fassung.

Abdullah: Für Dresden geschrieben, viel neu erarbeitet – und es ist ein ganz anderes Stück geworden. Er hat das wirklich auf Dresden, Zitat: „die toleranteste Stadt Deutschlands“, angepasst, mit AfD- und Pegida-Zitaten. Das war ein toller Erfolg, und damit hat er sich als internationaler Autor positioniert. Wir machen nun aus der Dresdner eine neue Wiener Fassung, was so viel heißt, als dass wir versuchen ein Konzentrat aus beidem zu machen. Die erste Wiener Fassung entstand ja aus einem Workshop mit Tina Leisch und Natalie Assmann und 25 wirklich gerade Geflüchteten, zumeist aus Syrien, Pakistan und Afghanistan stammenden Männern, notiert in den unterschiedlichsten Sprachen. Das hätte man als Regisseur und Dramaturgie fürs Volkstheater überarbeiten können …

MM: Was nun am Werk X geschieht?

Abdullah: Das ist ja klar. Wir arbeiten nicht seit gestern mit Texten, die nicht fertige Theatertexte sind, wie Romane und so. Es ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. „Homohalal“ ist ein ganz wichtiges Werk für Wien, wo so etwas wie die Besetzung der Votivkirche passiert ist. Das ist nicht nur national ein großes Ding gewesen, sondern auch international, dass Menschen aus einer Fluchtsituation kommend plötzlich in einem fremden Land ihre Menschenrechte eingefordert haben. Ich glaube, das ist einzigartig in dieser Größenordnung.

MM: Das ist ja auch der Ausgangspunkt der Geschichte.

Abdullah: Ja, wird haben auch einen Darsteller dabei, der, wie er selber sagt, Fluchterfahrung hat. Er kommt genau aus dem Zusammenhang. Bei der letzten Probe erst hat er wieder gesagt, dieses Stück ist das erste Mal, dass diese Menschen eine Stimme bekommen.

MM: Seit der Votivkirchen-Besetzung ist das politische Klima kälter geworden. Die vorformulierte Angst war, man wolle mit „Homohalal“ die Ausländerfeindlichkeit nicht weiter schüren. Diese haben Sie nicht? Kann sich das Werk X diesbezüglich auf sein Publikum verlassen?

Abdullah: Der Zuschauer denkt sich, was er will. Natürlich sind der Autor und der Regisseur bemüht, eine stringente oder aufklärerische Haltung zu haben, aber sicher sind wir uns da nie. Ich habe 1991 ein Stück über Neo-Nazis gemacht, von einem ultralinken Autor, und es sind Neo-Nazis drinnen gesessen und fanden’s großartig. Das kann immer passieren. Ich denke aber, dass wir einiges Aktuelles eingebaut haben, so dass der Zuschauer die Idee kapiert, wenn er denn will. Wichtig ist, dass er sich mit dem Thema beschäftigt, und in einer Tiefe, wie es das Stück auch tut. Mit einer Utopie, wie es das Stück auch tut. Ich hoffe, dass wir es so rüberbringen, dass man erkennt, wo es hinführt, nämlich, dass nichts Schwarzweiß ist. Das Stück spielt im Jahr 2037, das heißt, wir reden von einer Zukunft, die vielleicht so oder so aussieht.

MM: Der Ausgangspunkt ist eine Trauerfeier, bei der Votivkirchenaktivisten aller möglichen Herkünfte noch einmal zusammenkommen …

Abdullah: Genau. Das war die Ursprungsidee der Wiener Fassung: Ehemalige Asylwerber sind eingebürgert, haben die Staatsbürgerschaft, sind in der Gesellschaft angekommen, haben die Werte angenommen, sind integriert oder assimiliert – und plötzlich sagt der 18-jährige Sohn, er sei schwul. Und los geht der Wertediskurs. Das haben wir ganz stark mitgenommen, das ist das Zentrale. Dazu kommt eine Bewertung der politischen Situation jetzt. Das Stück ist eine Komödie, aber diese Komödie ist nicht gleich Komödie. Ibrahim Amir arbeitet auf drei Ebenen, der komödiantischen, einer tagespolitisch agitativen, die tief und ernsthaft ist, und der des dokumentarischen Theaters. Dokumentarisch in dem Sinne, dass jemand an dem Abend seine wahre Geschichte erzählt. Deswegen ist die Komödie Transportmittel für die Beschäftigung mit einer Jetztzeit, einer Zukunft und einer politischen Haltung.

MM: Im Stück sagt die Figur Rouni, er wäre der Quotenflüchtling in dem Ganzen. Braucht man heute auf dem Spielplan ein Quotenflüchtlingsstück?

Abdullah: In meiner Betrachtungsweise sind wir schon darüber hinaus. Als wir in die praktische Arbeitsweise gegangen sind, haben wir aber gesagt, das Publikum vielleicht noch nicht. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen nehmen, und so haben wir den Schauspieler mit Fluchterfahrung dabei, und es ist gut so. Er spielt den Rouni, und dieser Rouni will den Hamlet spielen, nicht der Flüchtling sein, und das ist gut so, das muss erzählt werden, das ist gesellschaftspolitisch wichtig.

Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Apropos, gesellschaftspolitisch. Zuletzt war im Haus das Münchner Residenztheater zu Gast. Da wurde im Foyer die Bandiera rossa gesungen. Wie positioniert sich das Werk X? Als linkes Widerstandsnest?

Abdullah: Unsere Haltung ist klar, unsere Ansichten sind über die Jahre, die wir hier Theater machen, klar. Wir machen Theater mit Themen und Texten, von denen wir glauben, dass sie gesagt werden müssen. Wenn man das so bezeichnet, dann, ja, nehme ich das so an. Aber letzten Endes geht es nicht um einen äußerlichen, agitativen Charakter, da könnten wir unser Geld für etwas anderes ausgeben, sondern es geht tatsächlich um Kunst und darum, gute, spannende Aufführungen zu machen – die natürlich einen politischen Impetus haben sollten, denn sonst wären sie kein Beitrag zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung von Hier und Jetzt. Natürlich bietet sich die aktuelle politische Situation an, wir lesen jeden Tag auf der Probe die Zeitung, tauschen uns aus über den neuesten Spruch der Regierung … Das gehört mit dazu zu einem zeitgenössischen Künstler, dass er sich damit auseinandersetzt, und dass das in die Kunst mit einfließt.

MM: Das bringt mich zurück zur Wiener Fassung II. In der Dresdner Fassung werden Frauke Petri und Lutz Baumann konkret angesprochen. Wird es so etwas auch geben? …

Abdullah: Es wird in Wien verankert, samt Querverweisen zur österreichischen und Wiener Politik. Wir werden sehen, wer aller vorkommt.

MM: … und die andere Frage? In der Dresdner Fassung steht eine der Figuren plötzlich mit einem Benzinkanister in der Hand da. Bedeutet das in Wien etwas anderes als im Osten Deutschlands, wo Asylantenheime brannten?

Abdullah: Ja, aber wenn die Figur sagt, erinnert ihr euch noch an 2022 als die Muslime brannten, dann ist das in Dresden und in Wien genauso vorstellbar. Ein paar Querverweise anderer Natur gibt es, die sich nicht auf die AfD, sondern auf andere, einheimische politische Gruppierungen beziehen, und schon bist du hier.

MM: Im Zuge der angesprochenen Trauerfeier brechen die alten Vorurteile, die man überwunden glaubte, zwischen den Betroffenen wieder auf. Wie kann man Vorurteilen begegnen? Mit Humanismus? Glauben Sie an Humanismus?

Abdullah: Privat und persönlich ja. Die Kunst hat einen anderen Auftrag, den ich so empfinde, dass ich aufzeige, was gerade gesellschaftspolitisch passiert, mit einer Art Analyse einen verdichteten theatralen Anstoß gebe, der einen Zuschauer zum Nachdenken bringt. Da geht es darum, sich zu fragen, mit welchen Mitteln man das machen möchte. Ob man unbedingt provozieren muss, oder ob man das mit leisen Tönen hinkriegt. Aber im Prinzip geht es darum aufzurütteln. Dafür ist „Homohalal“ gerade richtig: explosiv, grell, aufrüttelnd – und auch unangenehm. Es wird einem übel, bei den Sachen, die da gesagt werden. Und auch die linke Willkommenskultur und wie die sich falsch verhalten hat, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen, geht es ja auch. Man wird sehen, wie man den Zuschauer mit diesem heißen Thema packen kann. Wir werden jedenfalls zu Gesprächen über „Homohalal“ einladen.

MM: Für mich gab es beim Lesen keine Position, keine Figur, mit der ich mich gern identifizieren möchte.

Abdullah: Das geht mir auch so, das ist eigenartig, das funktioniert bei dem Stück nicht. Das ist ein spannender Aspekt, dass man sich fragt, wo bin ich denn hier, hier bin ich ja nirgends.

MM: Themenwechsel: Das Werk X hat für ein Jahr die Wiener Wortstaetten unter seinem Dach aufgenommen. Wie kam es dazu?

Abdullah: Die Wiener Wortstaetten, die an den wichtigsten, nachhaltigsten Autorenprojekten arbeiten, Ibrahim Amir, um es zu sagen, kommt daher, bekommen derzeit keine Subventionen mehr. Sie kriegen von der Theaterjury plötzlich kein Geld mehr. Das ist ein Skandal, wie ich finde, und da wir mit ihnen auch persönlich immer wieder in sehr gutem Kontakt sind, stellen wir für frei Büros zur Verfügung. Um dieses Projekt am Leben zu erhalten. Aber natürlich steht aus, dass die Stadt Wien sagt, auch eine Theaterjury kann einmal einen Fehler machen, und ihr Urteil revidieren.

MM: Man kann die Wiener Wortstaetten ja nicht an stattgehabten Aufführungen messen.

Abdullah: Genau. Die arbeiten sehr viel im Workshopbereich und auch in Tryouts, von denen die Öffentlichkeit nicht so viel mitbekommt. Wenn eine Theaterjury aber nur noch darauf schaut, wieviele Vorstellungen produziert werden, dann ist das der Anfang vom Ende. Es wäre also notwendig, dass eine Revidierung des Urteils stattfindet. Sonst wäre das ein Reputationsschaden für Österreich.

Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Im Werk X-Eldorado gibt es jetzt eine Kuratorin. Das heißt, in Zeiten, da alle sparen, haben Sie sich einen dritten Kopf auf die Führungsebene geholt?

Abdullah: Das war ein Wunsch der Politik und der Theaterjury. Wir haben prinzipiell gesehen, dass es gut sein könnte, wenn wir zusätzliche Kräfte haben für die Auseinandersetzung mit der freien Szene. Die Stadt Wien wollte mehr, als wir diesbezüglich bislang geboten haben, und hat für dieses Modell plädiert. Es ist mit Cornelia Anhaus sehr gut besetzt, wobei zu sagen ist, dass Harald Posch und ich nicht in der Jury waren, aber wir finden ihre Ernennung großartig. Sie ist eine tolle Persönlichkeit.

MM: Und das Eldorado ist nun ein Gastspielhaus?

Abdullah: In dem wir kooperieren. Es gibt einen eigenen technischen Spielstättenverantwortlichen, es gibt mehr Gelder mit Homepage, Presse, Marketing, und es gibt eine Dramaturgin, die ausschließlich für diesen Ort arbeitet. Das ist die wesentliche Verbesserung. Für eine Koproduktionsstätte im Sinne von Tanzquartier oder brut reicht es für 550.000 Euro nicht. Das ist zu niedrig dotiert.

MM: Konkret heißt das, man stellt sich bei Frau Anhaus mit seinem Projekt vor und bekommt Spieltage zugeteilt?

Abdullah: Genau. Verkürzt ist es das. Voraussetzung ist allerdings, dass man bereits subventioniert ist.

werk-x.at

18. 1. 2018