Wien Museum: Der erkämpfte Republik

Oktober 21, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Als 1918 der Acht-Stundentag eingeführt wurde

Die Ausrufung der Republik am 12. November 1918. Bild : Richard Hauffe © Wien Museum

Wien, 12. November 1918: Hunderttausende waren auf die Wiener Ringstraße gekommen, um das Ende der Habsburger Monarchie und den demokratischen Neubeginn zu feiern. An diesem Tag wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Die Ausstellung „Die erkämpfte Republik“ erzählt ab 25. Oktober im Wien Museum davon, wie der neue Staat entstand und welche Folgen die Wendezeit 1918/19 hatte. Zwölf dramatische Monate in faszinierenden historischen Fotodokumenten: Der Zerfall des Habsburgerreiches und das Kriegsende, die Rückkehr der Soldaten, Hunger und Not.

1918/19 markiert aber auch den Beginn einer neuen demokratischen Ära: Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, Zensur und Versammlungsverbote wurden aufgehoben, der Acht-Stundentag eingeführt. Diese Errungenschaften kamen nicht von selbst – sie waren hart erkämpft. Einerseits von den demokratischen Kräften im Land, andererseits von Teilen der Bevölkerung, die in einer beispiellosen politischen Aufbruchsbewegung für einen Neuanfang auf die Straße ging. Schauplatz der Massenkundgebungen und revolutionären Proteste war die Ringstraße.

Der politische und gesellschaftliche Umbruch fand erstmals vor den Augen von Fotojournalisten statt. Woche für Woche erreichten die aktuellen Bildberichte in den auflagenstarken Illustrierten ein großes Publikum. Im Mittelpunkt der Schau steht das Werk des Wiener Fotografen Richard Hauffe der besonders eindrückliche Bilder der jungen Republik hinterließ. Ein Teil seines Werkes hat sich im Wien Museum erhalten und wird erstmals gezeigt. Die fotografische Erzählung wird um Wahrnehmungen von Zeitgenossen ergänzt. Neben Journalisten, Schriftstellern, Politikern und Wissenschaftlern wie Stefan Zweig, Alfred Polgar, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Rosa Mayreder, Sigmund Freud oder Josef Redlich kommen bewusst auch ganz unbekannte Menschen wie etwa die Ziegelarbeiterin Marie Toth oder der Facharbeiter Albert Lang zu Wort, die ihre Erlebnisse in Tagebüchern oder Briefen festgehalten haben.

Manchen erschienen die damaligen Ereignisse unwirklich und schwer fassbar. Zu rasant waren die tagtäglichen Veränderungen, zu unabsehbar die längerfristigen Folgen. So schrieb etwa Stefan Zweig am 27. Oktober in seinem Tagebuch: „In Österreich überstürzen sich die Dinge mit namenloser Geschwindigkeit. Die Lawine rollt rasch: man möchte ihr zuschauen, wie sie stürzt, aber sie hält nicht inne. Es ist furchtbar, diese Eile, dieses rasende Tempo.“

„Hoch die Republik!“ Wahlkampf für die erste Parlamentswahl der Republik, Februar 1919. Bild: Das interessante Blatt, 13. Februar 1919 © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913. Bild: © Kreisky Archiv

„Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ Diese Forderung wurde bereits auf sozialdemokratischen Frauenkundgebungen vor dem Ersten Weltkrieg erhoben – vergebens. Gegen Kriegsende nahmen die Frauen den Kampf erneut auf. Am 24. März 1918 fand im Wiener Rathaus unter dem Motto „Für Frauenwahlrecht und Völkerfrieden“ eine große „Frauentagsversammlung“ statt. Im Sog des politischen Umsturzes ging dann alles sehr schnell, die Konservativen gaben die Widerstände gegen die Gleichberechtigung an der Wahlurne auf. Im neuen Grundgesetz der Republik, das am 12. November 1918 beschlossen wurde, war auch das Frauenwahlrecht verankert. Tage später wurden durch Kooption die ersten Frauen in den Wiener Gemeinderat aufgenommen.

Die Startbedingungen für die Republik waren alles andere als günstig. Der verlorene Krieg lastete schwer auf dem Land, die Stimmung unter den Kriegsheimkehrern pendelte zwischen Niedergeschlagenheit und Revolutionsbereitschaft, schwere Hungersnöte plagten Wien, die Spanische Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten forderten auch noch nach Kriegsende viele Opfer. Dazu kamen die extreme Kohlennot, das Wohnungselend und die schlechte Gesundheitsversorgung.

„Die Männer rauchen, damit ihnen der Hunger vergeht“, schrieb die Wienerin Fritzi Sallaba in einem Brief im Dezember 1918. Und sie ergänzte: „Wie Schatten gehen die Menschen herum.“ Besonders in Wien war 1918/19 die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophal. Viele Hungernde unternahmen sogenannte Hamsterfahrten auf das Land. Die Großstadtbewohner kauften bei den Bauern der Umgebung Lebensmittel oder suchten in den abgeernteten Feldern nach Essensresten. Frierende Wiener holzten ganze Parks und Grünzonen ab, wobei sich der Wiener Wald als besonders ergiebiges Brennstoffreservoir erwies.

Kriegsheimkehrer auf dem Zugdach, Wien, November 1918. Bild: Wiener Illustrierte Zeitung, 20. Dezember 1918 © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Hunger nach dem Krieg. Frauen und Kinder durchstöbern einen Mistplatz, Wien 1920. Aus: Das interessante Blatt, 3. März 1920. Bild: Josef Perscheid © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Während der ersten Monate der jungen Republik wurden weitreichende Sozialreformen umgesetzt, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen verbesserten. Eine dieser Maßnahmen, die auf Initiative des SPÖ-Staatssekretärs für soziale Fürsorge Ferdinand Hanusch zurückging, war die gesetzliche Verankerung des Acht-Stundentags im Dezember 1918. Sie brachte die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit auf ein erträgliches Maß. Von den überlangen Arbeitszeiten bis zu 16 Stunden und Nachtschichten, beispielsweise zur Produktivitätssteigerung in Fabriken, waren im 19. Jahrhundert nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder betroffen. Diese Belastungen gehörten nun der Vergangenheit an.

Mitte 1919 hatte sich die politische Situation in Österreich einigermaßen stabilisiert, wichtige Entwicklungen standen zu diesem Zeitpunkt aber noch an: der Beschluss einer neuen Verfassung im Jahr 1920, die Umsetzung wichtiger Sozialgesetze, der Aufbau eines neuen Berufsheers, die Einlösung mancher Bedingungen des Pariser Friedensvertrags oder die endgültige Festlegung der Grenzlinie in Südkärnten und im Burgenland, um nur einige Beispiele zu nennen. Trotzdem machte sich erstmals zaghafte Hoffnung breit. In der Fotoberichterstattung der Illustrierten kehrte der Alltag zurück.

Im Sommer 1919 lichtete der junge Sportfotograf Lothar Rübelt drei Wurfathletinnen des Damensportvereins Danubia in kurzen Hosen und mit entblößten Beinen ab. In Bildern wie diesen, die vor dem Krieg noch vollkommen undenkbar gewesen waren, kündigte sich eine neue Zeit an.

www.wienmuseum.at

21. 10. 2018

Paul Beatty: Der Verräter

Oktober 21, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Schwarzer besteht auf Rassentrennung

„Ich finde, ein bisschen Sklaverei und Rassentrennung haben noch niemandem geschadet“, konstatiert der Held, er heißt tatsächlich „Hero“, in Paul Beattys mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman „Der Verräter“. Da steht der Ich-Erzähler bereits am Ende seiner Geschichte, vor dem Obersten Gerichtshof der USA und wartet auf seine Verurteilung. Der Vorwurf gegen ihn: Er habe in einem Vorort von Los Angeles Segregation und Sklaverei wieder eingeführt. Paul Beattys Pointe: Sein Protagonist ist Afroamerikaner.

Und sieht sich natürlich nicht schuldig. Mehr als nicht, sagt er, habe er sich doch „aus dem Gefühl der Kollektivschuld ausgeklinkt, die das dritte Cello, die Verwaltungssekretärin, die Regalauffüllerin, die Sie-ist-nicht-wirklich-attraktiv-aber-schwarz-Siegerin des Schönheitswettbewerbs davon abhält, am Montagmorgen bei der Arbeit jeden weißen Motherfucker über den Haufen zu schießen“. Mit diesem knapp 30 Seiten langen Auftaktmonolog fällt man in Beattys verwegen irrwitzige Welt, um dort seine Ein- und Ansichten zum Hautfarbenthema drehen und wenden und durchrütteln zu lassen.

„Der Verräter“ ist eine einzige Zumutung, eine bissig böse Satire, entfacht durch ein sprachgewaltiges Wortsperrfeuer, eine einzige superlativische Übertreibung, und, ja, Paul Beatty stellt sein Bildungsbürgertum aus, dass es zum Kotzen ist. Er stellt Motherfucker neben Martin Luther King, Milton Friedman gegen die Malibu-Barbie, natürlich eine dunkel angemalte, schreibt über Marihuana-Anbau und Mordraten. Welch ein Buch! Kaum jemals mixte eines Politik, Philosophie und Popkultur so gekonnt. Mit seinem zynisch-zornigen Humor bricht Beatty jedes Tabu. Das Wort „Nigger“ kommt wie geflügelt, der Pfuibegriff Rasse ebenfalls. Was Wunder, wenn man beim Lesen zusammenzuckt.

Hero, laut Eigendefinition Afroagrarwirt und „Niggerflüsterer“, heißt: Verhinderer von suizidalen Wahnsinnstaten durch Schwarze, ist ein Gentrifizierungsopfer. Dickens, bisher Hochburg der Afroamerikaner und der Latinos, eine Arbeiterenklave, bislang ein Schandfleck der Stadt, rückt in den Interessensmittelpunkt einer „besseren Gesellschaft“ – und verschwindet damit flugs vom Stadtplan. Das kann Hero so nicht hinnehmen. Er will Dickens wiederauferstehen lassen, und wählt dazu als Mittel, neben dem illegalen Aufstellen selbstgemalter Ortstafeln und nächtens vorgenommener Grenzziehungen zu den Nachbarbezirken, die systematische Rückgängigmachung der seit Rosa Parks und den Little Rock Nine sukzessive erworbenen Bürgerrechte. Dies in dem aufrichtigen Glauben, für seine Mitmenschen nur das Beste zu tun.

Paul Beatty malt ein schwarzes Bild der USA. Im ernstgemeinten Kern seiner Auslassungen referiert er die schwarze Befindlichkeit seit den Los-Angeles-Ausschreitungen, mit seinem intellektuell durchdrungenen Trashroman karikiert er die Stellung der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft, entstellt die sich wieder verschärfenden Verhältnisse bis zur Kenntlichkeit. „Ein Land, das sich ständig im Spiegel bewundert, braucht alles, was es davon abhalten kann, sich wirklich ins Gesicht zu sehen und daran zu erinnern, wo seine Leichen begraben sind“, heißt es an einer Stelle. „Der Verräter“ ist wie ein afroamerikanisches Pendant zum jüdischen Witz, ein Wetzstein für die eigene Wahrnehmungsfähigkeit.

Hero nimmt, nach dessen Erhängungsversuch, Hominy Jenkins bei sich auf. Der ist der letzte lebende, selbstverständlich afroamerikanische Darsteller des Hal-Roach-Kinderklassikers „Die kleinen Strolche“, einst eine „pechschwarze Niedlichkeit“, die vor der Kamera alle gängigen Klischees bediente, nun ein Relikt aus „jenen glücklichen Zeiten, an die wahlkämpfende Politiker gern erinnern, wenn sie verkünden, Amerika wieder zu dem machen zu wollen, was es einmal war, mächtig und geachtet“, und beseelt von einem Wunsch: Sklave zu werden und sich regelmäßig auspeitschen zu lassen.

Was tatsächlich „Massas“ erste Tat am hörigen Hominy wird. Der ansonsten, jenseits seiner masochistischen Anwandlungen, mehr „Heiße-Badewanne-Sauna-Bananen-Daiquiri-Nigger“ ist als „Feld-Nigger“. Hominy, man kann’s nicht anders sagen, geht es bei Hero gut. Zum Geburtstag schenkt ihm sein „Herr“ eine rassengetrennte Busfahrt, extra wird ein Schild angefertigt, Weiße dürfen vorne sitzen, Schwarze müssen nach hinten, und als Krönung steigt eine weiße Frau, eine angemietete Schauspielerin, zu, für die der darob glückselige Hominy seinen Sitz räumen muss. Das segregierende Schild bleibt nach der Feier versehentlich hängen, das merkt die resolute Busfahrerin erst, nachdem ihr auffällt, dass sich plötzlich alle Fahrgäste besser benehmen. Ergo informiert sie Hero.

Der startet nun durch. Auf Bitte von Besitzern und Betreibern setzt er die Rassentrennung in Läden, Restaurants und im Kino um, in der öffentlichen Bücherei, im Schwimmbad und im Krankenhaus. Er trennt nicht nur „weiß“ von „schwarz“, sondern separiert auch „braun“. Integration, lässt Beatty seine Figur denken, sei vielleicht nur ein erzwungen unnatürlicher Zustand, soziale Entropie, Segregation möglicherweise soziale Ordnung. Gegenüber der Schule fakt er eine Baustelle für eine Bildungseinrichtung für Luxus-Weiße – und siehe da, die Latino- und afroamerikanischen Schüler werden höflicher und leistungsstärker. Heros Aktionen schweißen die Homies und die Gangbanger zusammen, schließen die Kluft zwischen Prekariat und intellektuellen Vorzeigeschwarzen.

Auf unzähligen Nebenschauplätzen und mit einem Panoptikum an Figuren handelt Beatty seine brillanten Ideen ab. Sein Buch strotzt vor entlarvenden Wahrheiten, Seitenhieben und Querverweisen auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Statistiken, auf afroamerikanische Kultur von Literatur bis Film. Kein schwarzes Stereotyp, das er nicht bedient – und stets ist klar, wofür es steht und warum er es verwendet. Er schreibt über Polizeigewalt – „Nigger wissen, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Rücken das Schwarze der Zielscheibe ist“ – und Solidaritätsmärsche, hinterfragt Identitäten und Zugehörigkeitsgefühl. Die Widersprüche, in die er sich und den Leser verstrickt, seien, sagt er, „weder Sünde noch Verbrechen“, sondern „menschliche Schwächen“. „Der Verräter“ ist mutig. Eine drastische Darstellung allgegenwärtiger Rassismus-Debatten. Ein Must-Read. So furchtbar komisch, dass es einen bei der Lektüre gruselt. Wer danach also verstört ist – das war Absicht …

Über den Autor: Paul Beatty, 1962 geboren, zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Begonnen hat er als Lyriker, schnell avancierte er zum Star der New Yorker Slam-Poetry-Szene. Seine Romane haben in den USA Kultstatus. Für „Der Verräter“ wurde Beatty mit dem National Book Critics Circle Award sowie (als erster Amerikaner) mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Beatty lebt in New York.

Luchterhand Literaturverlag, Paul Beatty: „Der Verräter“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Henning Ahrens.

www.randomhouse.de

  1. 10.2018

MAK – Sagmeister & Walsh: Beauty

Oktober 20, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Multimediales Plädoyer für die Lust am Schönen

Sagmeister & Walsh: Yes!, Unterführung, Brooklyn-Queens Expressway, 2016. Bild: © Maggie Winters Gaudaen for Pop! Wed Co.

Mit ihrem faszinierenden Ausstellungsprojekt „Beauty“, zu sehen ab 24. Oktober im MAK,  liefern Stefan Sagmeister und Jessica Walsh ein multimediales, höchst sinnliches Plädoyer für die Lust am Schönen. Nahezu im gesamten 20. und 21. Jahrhundert war und ist Schönheit im Designdiskurs eher negativ besetzt. Dieser Antipathie setzen Sagmeister & Walsh beeindruckende Argumente entgegen und machen Schönheit als einen zentralen, funktionalen Aspekt ansprechender Gestaltung erlebbar.

Die das gesamte MAK am Stubenring durchflutende Schau spielt mit allen Sinnen der Besucher und zeigt deutlich auf: Schönheit ist mehr als eine rein oberflächliche Strategie. Ein Mix aus eigens für Wien produzierten Installationen und Beispielen aus Produktdesign, Stadtplanung, Architektur und Grafikdesign animiert in der Säulenhalle, im Design Labor, in der Galerie, im Kunstblättersaal und in der Schausammlung Gegenwartskunst zum Sehen, Riechen und Fühlen. Unterstützt von Erkenntnissen aus der psychologischen Ästhetik treten Sagmeister & Walsh den Beweis an, dass schön gestaltete Arbeiten die menschliche Wahrnehmung stimulieren.

Als ein Herzstück der Ausstellung spielt der gemeinsam mit Swarovski gestaltete „Sensory Room“ mit allen Sinnen der Besucher. Tausende Swarovski-Kristalle funkeln in einem von Sagmeister & Walsh entworfenen Ornament und verleihen dem Raum einen besonderen Zauber. Im Inneren treffen die Besucher – in Nebel gehüllt – auf ständig wechselnde Farben des Sonnenuntergangs. Als „schön“ empfundene Gerüche wie Zitrusduft und ein Klangteppich von Gesängen des Malaysischen Sumpffrosches ermöglichen ein unvergleichliches Erleben von Schönheit. Wer diesen Raum der Ausstellung verlässt, fühlt sich wohl und gut.

MAK-Ausstellungsansicht: Sagmeister & Walsh: Beauty (Rendering), 2018. Bild: © Sagmeister & Walsh, New York; MAK/Mona Heiß

MAK-Ausstellungsansicht Sagmeister & Walsh: Beauty (Rendering), 2018. Bild: © Sagmeister & Walsh, New York; MAK/Mona Heiß

Der spektakuläre, mit Projektionen bespielte Nebelvorhang „Fog Screen“ inszeniert den MAK-Haupteingang und führt schon beim Betreten des Museums zur zentralen Frage: „Was ist Schönheit?“. Die von unzähligen Philosophen und Wissenschaftlern diskutierte Frage, was Schönheit ausmacht, beantworten Sagmeister & Walsh mit Fakten: Schönes wirkt unmittelbar auf die Dopaminrezeptoren und auf das Empfinden, somit kann schöne Gestaltung als zweckmäßig verstanden werden.

Ein auf eine Großleinwand projizierter Vogelschwarm, der sich in seiner Dichte und Geschwindigkeit von den Betrachtern kontrollieren lässt, belegt, dass ausbalancierte Muster tendenziell bevorzugt werden. Das ästhetische Empfinden ist weniger subjektiv als gemeinhin angenommen.  Einmal mehr laden Sagmeister & Walsh hier zur Interaktion: Die Eintrittskarte ist mit geprägten Münzen versehen, die auch zum Abstimmen über Lieblingsformen eingesetzt werden können.

Um Farbwahrnehmung geht es in „The Color Room“. Der mit intensiven, blau-rosafarbenen Mustern überzogene Raum wird regelmäßig mit einem speziellen Licht beleuchtet, das bestimmte Farbtöne grau erscheinen lässt. Farbigkeit wird gemeinhin als schöner empfunden. Schönheit hat das Potenzial, die Welt zu verbessern. Unter anderem zeigt die Installation „From Garbage to Functional Beauty“, wie der unkonventionelle französische Designer Thierry Jeannot gemeinsam mit mexikanischen Müllsammlerinnen einen wunderschönen Kronleuchter aus Plastikmüll schafft. „Beauty“ schließt mit einem von Sagmeister & Walsh kuratierten „Schönheitsarchiv“ mit den formal schönsten Exponaten des MAK: ein Best-of von museal als schön bewerteten Objekten.

www.mak.at

20. 10. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018