Volksoper: Das Programm der Saison 2018/19

April 13, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Highlights zum 120-Jahr-Jubiläum des Hauses

Keisuke Nejime als Peter Pan, Suzanne Kertész als Tinker Bell. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Unter dem Motto 120 Jahre Volksoper – 120 Jahre Vielfalt steht die Saison 2018/19 des Hauses am Gürtel: Neun Premieren in den Genres Operette, Oper, Musical und Ballett, eine zeitgenössische Oper im Kasino am Schwarzenbergplatz, fünf Wiederaufnahmen und 20 Stücke im Repertoire stehen für den abwechslungsreichen Spielplan in der 12. Saison der Direktion Robert Meyer. Zu Beginn, am 1. September feiert sich das Geburtstagskind mit einem großen Fest unter freiem Himmel im Arne-Carlsson-Park. Höhepunkt ist ein Open-Air-Konzert bei freiem Eintritt mit Stars und Publikumslieblingen und vor allem mit viel Musik von Benatzky bis Gershwin, von Lortzing bis Puccini.

Zu feiern gibt es auch die runden Geburtstage zweier überragender Musiktheatergenies: den 100er von Leonard Bernstein mit dem Musical Wonderful Town und den 200er von Jacques Offenbach mit Orpheus in der Unterwelt, dem eine große Wiederaufnahme gilt. Im Gedenkjahr 2018 blickt die Volksoper auch zurück auf das Jahr 1938.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im März brachte für das Haus gravierende Veränderungen mit sich. Entlassungen auf allen Ebenen waren die Folge. In dem Buch „Ihre Dienste sind nicht mehr erwünscht…“– Künstlerschicksale an der Volksoper 1938 wendet sich Autorin Marie‐Theres Arnbom diesem dunklen Kapitel zu und beleuchtet exemplarisch die Lebenswege und Schicksale von 20 Künstlerinnen und Künstlern, die dem Naziregime zum Opfer fielen.

Die Premieren:

Los geht es mit Die Csárdásfürstin: Wie kein anderes Werk steht Emmerich Kálmáns Operette für das Ende der Donau-Monarchie und der silbernen Wiener Operettenära mit ihrer Walzertradition. In der Regie von Peter Lund, der sich mit den Raritäten „Frau Luna“ und „Axel an der Himmelstür“ überzeugend vorgestellt hat, präsentiert sich die „Die Csárdásfürstin“ zur Eröffnung der kommenden Spielzeit in frischem Gewand. In der nunmehr dritten Neuproduktion an der Volksoper gibt die deutsche Sopranistin Elissa Huber ihr Volksoperndebüt, Lucian Krasznec kehrt als Edwin ans Haus zurück. Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Alfred Eschwé. Premiere ist am 16. September.

Die erste Opernpremiere der Saison gilt Albert Lortzings komischer Verwechslungsoper Zar und Zimmermann. Nach seinem erfolgreichen Ausflug ins Musicalfach als Billy Bigelow in „Carouselwendet sich Daniel Schmutzhard als Peter I. wieder der Oper zu. In der Paraderolle des aufgeblasenen wie inkompetenten Bürgermeisters van Bett kehrt Lars Woldt an die Volksoper zurück. Für die Neuproduktion zeichnet Hinrich Horstkotte verantwortlich, der hier zuletzt als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner die Strauß-Operette „Eine Nacht in Venedig“ und Leo Falls „Madame Pompadour“ gestaltete. Am Pult des Volksopernorchesters steht Christof Prick. Premiere ist am 13. Oktober.

Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein bringt die Volksoper mit Wonderful Town ein Stück Broadway nach Wien. Bernstein komponierte das Musical 1953 als beschwingte Hommage an New York. Dabei diente das turbulente Greenwich Village immer wieder als Inspiration für das musikalische Universalgenie. „Wonderful Town“ erzählt die typisch amerikanische Geschichte der Schwestern Eileen und Ruth, die aus dem provinziellen Ohio in die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten kommen, um ihr Glück zu finden. Die Europäische Erstaufführung des Stücks fand 1956 an der Volksoper statt. In der Neuproduktion dirigiert James Holmes das Orchester der Volksoper, Sarah Schütz singt Ruth, Olivia Delauré Eileen und Drew Sarich den scheuen Redakteur Robert Baker. Die Regie liegt in Händen von Matthias Davids. Premiere ist am 9. Dezember.

Seit Jahrhunderten faszinieren Puppen und mechanische Wesen, die menschliche Handlungen imitieren. Mit dem Libretto zum Ballett Coppélia griffen Charles Nuitter und Arthur Saint-Léon, der auch die Originalchoreographie erstellte, diese Thematik auf. Das von E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ inspirierte Werk gehört seit der Uraufführung 1870 in Paris zu den absoluten Höhepunkten im Standardrepertoire des klassischen Balletts. Pierre Lacotte – gefeierter Spezialist für die Restaurierung großer Klassiker der Choreographie – nahm sich des Werkes an und ergänzte bei dieser Gelegenheit 1973 die turbulente Geschichte rund um den unheimlichen Magier und seine Puppen um das letzte Bild, das 1872 gestrichen worden war. Natascha Mair, Solotänzerin des Wiener Staatsballetts, verwandelt sich in die Puppe Coppélia. Simon Hewett, der zuletzt für das Wiener Staatsballett „Peer Gynt“ an der Staatsoper dirigierte, gibt nun sein Hausdebüt an der Volksoper. Premiere ist am 27. Jänner.

Hits wie „Summertime“ und „I Got Plenty O‘ Nuttin“ sind zu absoluten Klassikern des Jazz geworden. George Gershwin, der in diesem Jahr seinen 120. Geburtstag feiern würde, komponierte die hinreißenden Arien für seine „Folk Opera“ Porgy and Bess. 1935 im New Yorker Alvin Theatre uraufgeführt, wurde die Geschichte des Bettlers aus der Catfish Row und seiner Angebeteten zu einem Meilenstein der Oper des 20. Jahrhunderts. Nun kommt „Porgy and Bess“ in einer konzertanten Aufführung unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz wieder einmal auf die Bühne der Volksoper. In der Rolle der Bess ist Ensemblemitglied Melba Ramos zu hören. Morris Robinson und Lester Lynch geben als Porgy und Crown ihre Volksoperndebüts, Ray M. Wade Jr. ist als Sportin‘ Life zu erleben. Premiere ist am 10. Februar.

In Riga, wo Richard Wagner als Musikdirektor angestellt war, lernte er durch Heinrich Heines „Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ die Sage vom Fliegenden Holländer kennen und war begeistert von der romantischen Schauergeschichte. Als er seine Anstellung verlor, begab er sich auf die Flucht vor seinen Gläubigern, die er wieder einmal nicht bezahlen konnte. Das Schiff geriet auf seiner mehrwöchigen Fahrt nach England in einen schweren Sturm, und die Reise inspirierte Wagner zum Libretto und der Komposition des „Fliegenden Holländers“. Kommenden Frühling inszeniert Aron Stiehl die romantische Oper, die seit 1908 nicht mehr an der Volksoper aufgeführt wurde, mit Volksoperndebütant Markus Marquardt als Holländer, Stefan Cerny als Daland und Meagan Miller als dessen Tochter Senta. Marc Piollet steht am Dirigentenpult des Volksopernorchesters. Premiere ist am 9. März.

Powder Her Face: Ursula Pfitzner als Herzogin. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Zar und Zimmermann: Daniel Schmutzhard als Peter I. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Meine Schwester und ich: Mara Mastalir als Dolly und Prinzessin Saint-Labiche. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Ein Volksoperndebüt feiert Ralph Benatzkys musikalisches Lustspiel Meine Schwester und ich. Parallel zu seinen großen Revue-Operetten befasste sich der vielseitige Komponist mit der Entwicklung eines „neuen“ Genres, der Kammeroperette. So wurde im März 1930, wenige Monate vor dem spektakulären „Weißen Rössl“ und ebenfalls in Berlin, die charmante Komödie um das Ver- und Entlieben eines ungleichen Paares uraufgeführt. Das Herz des Dichterkomponisten Benatzky gehörte fraglos mehr dem letztgenannten Werk, wie er seinem Tagebuch anvertraute: „… die Premiere, die Presse und die Stimmung über das Stück ein Riesenerfolg, wie ich ihn noch nie in dieser bedingungslosen Anerkennung hatte.“ In der Regie von Direktor Robert Meyer schlüpft Mara Mastalir in die Rolle der hinreißenden Dolly, Lukas Perman spielt ihren Ehemann Dr. Roger Fleuriot. Die musikalische Leitung übernimmt Guido Mancusi. Premiere ist am 6. April.

Das ausschweifende Sexleben von Margaret Campbell, Duchess of Argyll, ihre Verschwendungssucht und Exzentrik sind in England legendär. Nie sah man sie ohne schwarzen Pudel und eine dreifach um ihren Hals gelegte Perlenkette. Vor allem aber war ihr zweiter Scheidungsprozess einer der größten Skandale der britischen Rechtsgeschichte. Hier wurde sie wegen „Promiskuität mit 88 Männern“, teilweise gar auf Polaroid dokumentiert, schuldig gesprochen. Dass ihr Mann von ihrem Geld lebte, seine Frau schlecht behandelte und selbst jede Menge Liebschaften hatte, interessierte hingegen niemanden. Der Londoner Komponist Thomas Adès setzte der skandalumwitterten Duchess of Argyll, am Haus gespielt von Ursula Pfitzner, in seiner ersten Oper Powder Her Face ein musikalisches Denkmal. Die Inszenierung der Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz übernimmt der junge deutsche Regisseur Martin G. Berger, Lorenz C. Aichner dirigiert das Orchester der Volksoper Wien. In den weiteren Rollen sind Julia Koci, David Sitka und Bart Driessen zu erleben. Premiere ist am 13. April.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten von Peter Pan, dem Jungen, der auf der Insel „Nimmerland“ niemals erwachsen wird? Ballettmeisterin Vesna Orlic erweckt ihn, seine drollige Feenfreundin Tinker Bell und seinen Gegenspieler Captain Hook mit ihrem Ballett „Peter Pan“ zu neuem choreografischen Leben und entführt das Publikum in das Reich der Fantasie. Als musikalische Grundlage wählte sie Kompositionen von Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner, Guido Mancusi und anderen. Am Pult des Volksopernorchesters steht Wolfram-Maria Märtig. Wie sagte doch Peter Pan in der Kindergeschichte von James Matthew Barrie selbst: „Ich bin die Jugend, ich bin die Freude“ – es könnte kein besseres Motto für das Ballett geben. Die Uraufführung ist am 11. Mai.

Als Wiederaufnahmen kehren Puccinis Der Mantel/Gianni Schicchi, der Ballettabend Märchenwelt Ballett, Mozarts Don Giovanni (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16042) und das Musical Der Mann von La Mancha (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15433) auf den Spielplan zurück. Und nach neun Jahren Pause steht Orpheus in der Unterwelt, die fulminante Eröffnungsproduktion der Direktion Robert Meyer, mit fast vollkommen neuer Besetzung wieder auf dem Programm. Erneut mit dabei ist der Hausherr als Styx, der einstige „Prinz von Arkadien“. Vincent Schirrmacher, Martin Winkler, Carsten Süss und Rebecca Nelsen geben ihre Rollendebüts als Pluto, Jupiter, Orpheus und Eurydike. Chris Lohner ist die personifizierte Öffentliche Meinung, Guido Mancusi dirigiert. Wiederaufnahme ist am 2. Juni 2019.

www.volksoper.at

13. 4. 2018

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Weltmuseum Wien: Out of the Box. Bewegte Welten

April 10, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Lebensgeschichten, die sich in Kunstwerken verstecken

Pri Elamthuruthil im Depot des Weltmuseums Wien. Bild: Aleksandra Pawloff ©KHM-Museumsverband

Kate Elamthuruthil und Nael Elagabani im Depot des Weltmuseums Wien. Bild: Aleksandra Pawloff ©KHM-Museumsverband

Objekte in ethnographischen Museen Europas haben eine Gemeinsamkeit: ihren sogenannten „Migrationshintergrund“. Sie wurden von Kontinent zu Kontinent transportiert, aus ihrem kulturellen Kontext genommen und in einen neuen gesetzt. Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte, die manchmal im Kleinen die verschiedenen Wege der Menschheitsgeschichte widerspiegelt.

Für „Out of the Box“ ab 12. April lud das Weltmuseum Wien die Gruppe UrbanNomadMixes ein, über ihre eigene (Familien-) Geschichte anhand von Museumsobjekten nachzudenken. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wählten je ein Objekt aus, das ihr kulturelles Gedächtnis prägte. Es dient als Ausgangspunkt, um die persönliche Geschichte zu reflektieren sowie Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Solche Erinnerungen wachzurufen kann Freude bereiten, aber auch Schmerz und Leid hervorrufen. Diese Diaspora-Dialoge drehen sich um Identität, um Zugehörigkeit, um Spiritualität, um Heimatlosigkeit sowie um Grenzen und deren Überschreitungen. Auch das Kuratorinnen- und Kuratorenteam der Ausstellung hat sich diesem persönlichen Zugang gestellt.

Die Frage nach Objektgeschichten stellt sich ihnen genauso. Wer hat das Objekt mitgebracht? Wer hat es warum verkauft, geschenkt und weggebracht oder sogar gewaltsam entwendet? Wo wurde das Objekt hergestellt und wie verlief seine Reise? In „Out of the Box“ werden komplexe Objektgeschichten mit Lebensgeschichten von Menschen verbunden. Gleichzeitig wird die Frage gestellt, in welchen unterschiedlichen Kontexten die Objekte vor ihrem Transfer nach Wien möglicherweise standen.

www.weltmuseumwien.at

10. 4. 2018

Romy Schneiders „3 Tage in Qiberon“

April 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseurin Emily Atef im Gespräch über ihren Film

Emily Atef. Bild: Peter Hartwig

1981 verbringt der Weltstar Romy Schneider drei Tage in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon, um sich dort vor ihrem nächsten Filmprojekt ein wenig Ruhe zu gönnen. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs  ein, zu dem der von Schneider geschätzte Fotograf Robert Lebeck die dazugehörige Fotostrecke liefert. Aus dem geplanten Termin entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Journalisten und der Ausnahmekünstlerin, das alle an ihre Grenzen bringt …

Inspiriert von den beeindruckenden, sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Robert Lebeck von Romy Schneider in Quiberon gelangen, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef  mit einer herausragenden Marie Bäumer in der Hauptrolle von einem entscheidenden Ereignis in der letzten Lebensphase einer der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen.   In den Nebenrollen brillieren Birgit Minichmayr als Romys – fiktive – Freundin Hilde, Robert Gwisdek als Michael Jürgs und Charly Hübner als Robert Lebeck. Kinostart ist am 13. April. Emily Atef im Gespräch:

MM: Wie kamen Sie auf das Thema für den Film?

Emily Atef: Das Thema kam zu mir. Es war die Idee des französischen Produzenten Denis Poncet, der mit Marie Bäumer befreundet war, und es nicht verstehen konnte, dass sie nicht Romy spielt. Sie wurde sehr oft gefragt, und sie hat immer verneint, weil sie sich nicht anmaßen wollte, in einem Biopic zu spielen. Und dann haben sie Quiberon-Bilder gesehen, und sagten: Das ist es! Und da Sie merkten, dass der Film ein deutscher Film sein müsste, wegen der Sprache, der deutschen Protagonisten,  kam die Idee schließlich zu mir, auch weil Marie meine zweiten Film „Das fremde in Mir“ sehr mochte. Mich haben die Fotos von Robert Lebeck so bewegt, sie sind so wahrhaftig, reportagehaft, ungeschminkt, am Lachen, am Tanzen, am Hadern, am Weinen … Auch das Interview von Michael Jürgs hat mich umgehauen – und da sah ich einen Film. Auch ich hätte nie ein Biopic gemacht, denn man kann in 90 Minuten kein Leben erzählen, aber „3 Tage in Quiberon“, das geht gut.

MM: Der Film ist nun ein großartiges Kammerspiel geworden. Wie ist darin das Verhältnis von Fakt und Fiktion?

Atef: Ich habe vieles neu- und umgeschrieben. Viele Zitate sind auch authentisch. Ich habe mich mit Robert Lebeck, der ja 2014 verstorben ist, und Michael Jürgs getroffen. Das war sehr spannend. Die Freundin habe ich auch kennengelernt, doch die wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, das war ihr alles zu emotional. Aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreiieren, so habe ich die österreichische Kindheitsfreundin Hilde Fritsch erfunden, und es war ein großes Glück für mich, dass ich diese vollkommen fiktive Figur zur Verfügung hatte. Michael Jürgs habe ich mehr zum Antagonisten gemacht, als er mutmaßlich war. Nach den Gesprächen und dem Sichten von ungefähr 600 Bildern, von denen gerade mal 20 bekannt sind, musste ich aber meine eigene Version der Geschichte schreiben …

MM: Das heißt?

Atef: Dass mich existenzielle Fragen interessiert haben. Dinge, die stellvertretend Frauen auch heute angehen. Über Mutterschaft, über Arbeit, Ruhm, Freundschaft – und, ob es überhaupt möglich ist, mit jemandem eine Freundschaft aufzubauen, der das von zu Hause aus nicht gelernt hat.

MM: Das macht die Erfindung der Hilde Fritsch umso betrüblicher, als Romy Schneider offensichtlich keine solche Jugendfreundin hatte.

Atef: Das stimmt. Sie hatte nicht viele Menschen, die für sie da waren.

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der deutschen Presse willigt Romy Schneider (Marie Bäumer) in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Bild: © Filmladen Filmverleih

Romy Schneiders (Marie Bäumer) beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr, l.) ist in dieser schwierigen Lebensphase für Romy da. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Und so zeigt Marie Bäumer Ihrer Intention gemäß mehr als Romy Schneider, nämlich einen Menschen, der an der Klippe steht?

Atef: Einen Menschen, der an der Klippe steht, aber auch einen, der bereit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Der Film handelt von einer Person, die zu sich kommt, auch wenn es vielleicht nur für einen Nachmittag ist, der Film handelt von einer Person, die ihren Frieden findet, auch wenn der nur ein paar Wochen dauern wird. Das ist es, das ist mir auch sehr wichtig dieser Tiefgang. Diesen seelischen Moment kann Romy niemand nehmen. Sie hatte ein hartes Jahr hinter sich, und wie wir wissen, das härteste noch vor sich. Doch auch, wenn ich in allen meinen Filmen Frauen in existenziellen Krisen zeige, brauche ich einen Hoffnungsschimmer. Und den gibt es am Schluss mit einer Szene in Paris …

MM: Mussten Sie für Ihren Dreh eine Erlaubnis einholen?

Atef: Ich hatte extrem viel Glück. Michael Jürgs hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte, ich habe ihn mehrmals getroffen, und auch sein Darsteller Robert Gwisdek traf sich mit ihm. Ich habe ihm dann das Buch geschickt, und er meinte: Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende. Das war hart für ihn, aber er hat mir nichts dreingeredet. Ich finde, Jürgs macht im Film die größte Entwicklung von allen Figuren durch: Ein junger, ehrgeiziger Journalist, der die große Story will, der seine Karriere pushen will, der Millionen Hefte verkaufen will, aber nach drei Tagen nur seine ganze Art zu Arbeiten hinterfragt. Das ist eine große Verwandlung, die Jürgs dann auch akzeptiert hat, obwohl er ziemlich geschluckt hat. Und ich sagte wieder, Romy hat dir im Endeffekt vertraut und sie hatte recht, er hat ihr ja auch den Final Cut gegeben. Im echten Leben sind die beiden nämlich befreundet geblieben, und sie hat ihm noch ein Interview gegeben. Das einzige, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Interview war aber so unendlich traurig, dass Jürgs es nicht freigegeben hat. Da hat er sie geschützt.

MM: Apropos, wenn jemand vor der Kamera so viel gibt, wie Marie Bäumer, gehen Sie da als Regisseurin auch in Beschützerhaltung?

Atef: Ja, das ist wichtig. Ich habe drei Jahre an dem Projekt gearbeitet, da haben wir uns auch befreundet, aber sie konnte nicht über die Rolle reden, sie hatte Angst davor, sie zu spielen. Einen Monat vor Drehbeginn sagte ich, jetzt müssen wir aber, und dann hat sie sich voll drauf eingelassen. Marie war wahnsinnig fragil in dieser Drehzeit, sie musste auch tief in die Krise von Romy schlüpfen und konnte dazu kaum schlafen, um Kräfte zu sammeln. Durch diese Anstrengung hatte sie aber die Ausstrahlung, die man nun in den Bildern sieht. Dazu diese Halbinsel Quiberon, die immer noch die emotionale Energie von damals ausstrahlt, weil sich dort kaum etwas verändert hat. Das war auch für mich superanstrengend. Ich hatte den Vorteil, dass mein Produzent Karsten Stöter mir die Zeit gegeben hat, mit den Schauspielern intensiv zu arbeiten, und auch sagen zu können, heute klappt’s nicht, machen wir das morgen.

MM: Und die Entscheidung in Schwarzweiß zu arbeiten …

Atef: … hat den einen oder anderen Geldgeber anfangs nicht entzückt. Für mich kam aber nichts andere infrage, inspiriert von Lebeck habe ich die Szenen schon beim Schreiben immer in Schwarzweiß gesehen. Ich konnte nicht anders. Und es ist auch eine Brücke zur Fiktion, das Schwarzweiße macht klar, dass das nicht die x-te Reportage über Romy Schneider ist.

Charly Hübner spielt Robert Lebeck. Bild: © Filmladen Filmverleih

Marie Bäumer. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Mit Marie Bäumer spielen handverlesene Schauspieler: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Atef: Mir ist dieses Quartett superwichtig. Dass jede Figur ihre Perspektive hat. Natürlich kreisen alle um Romy, aber die anderen Figuren sind mehr als Staffage, sie haben ein Eigenleben, der Fotograf in seinem Zwiespalt zwischen Freund sein wollen – und trotzdem die Doppelseite im Stern haben, egal, ob’s Romy dabei gut geht oder nicht, der Journalist, der sich vorgenommen hat, über Leichen zu gehen und das dann doch nicht kann und überraschenderweise für sich selbst sehr getroffen ist, die Freundin, die zum Bodyguard werden muss. Sie ist mein Blick auf die Sache, ihr:  Was geht denn hier ab? Und Birgit spielt das ganz großartig. Sie kann Missbilligung ausdrücken, ohne das Gesicht verziehen zu müssen. Sie wirkt, auch wenn sie mal im Hintergrund sitzt. Als ich anfing, diese fiktive Hilde zu schreiben, habe ich Birgit sofort in jeder Zeile gesehen. Sie spielt mit jeder Pore.

MM: Hat Michael Jürgs eine Erklärung dafür, warum sich Romy Schneider in diesem Gespräch so geöffnet hat? Im Film hat nicht zuletzt der Alkohol die Schuld daran.

Atef: Ich vermute, sie wollte in Deutschland ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Die Deutschen waren ja sehr beleidigt, dass ihre Romy mit diesem Filou Alain Delon nach Frankreich abgehauen ist, und dort jetzt „solche“ Filme dreht, nachdem sie in Deutschland so ein braves Mädchen war. Ihre „Sissi“! Die wollten nicht, dass sie erwachsen wird und sich emanzipiert! Sie wurde deshalb fertiggemacht in der Presse, und hat auch wenig deutsche Interviews gegeben. Hier ging’s nur über ihre Fehlgeburten, Scheidung, Probleme … in Frankreich hat man sie so geliebt, dass man ihr das nicht angetan hat, obwohl es auch da Boulevardpresse gab. Im Jürgs-Interview wollte sie sich den Deutschen zeigen, wie sie wirklich ist. Sie sagt ja: Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren. Das ist Originaltext. Sie wollte sich erklären, und natürlich klappt das nicht.

MM: Wenn man sich mit solch einem Interview beschäftig, wächst die eigene Skepsis gegenüber der Presse?

Atef: Gegenüber einer gewissen Art von Journalist, ja. Es gibt immer welche, die einem Dinge in den Mund legen, die Sachen erfinden, um ihre Interviews zu verkaufen. Der öffentliche Mensch kann dann nur seine Anwälte bemühen, aber das ist denen egal, weil sie mit der Auflage genügend verdienen. Heute ist es noch schlimmer als damals, denn wenn heute ein Promi etwas sagt, verbreitet es sich im Internet einmal um den Globus und verschwindet nie mehr wieder. Damals haben die Leute die Zeitschrift irgendwann weggeworfen und gut war’s.

MM: Wäre Romy Schneider eine schlechtere Schauspielerin gewesen, wäre sie nicht so dünnhäutig gewesen?

Atef: Es gibt auch fantastische Schauspielerinnen mit einem gesunden Privatleben, Meryl Streep zum Beispiel.

MM: Wollen Sie, dass Ihr Film den Blick auf Romy Schneider verändert?

Atef: Nein, das war nie meine Absicht. Weder, dass man etwas Neues über sie erfährt, noch dass sich der Blick ändert. Ich möchte, dass man mit der Film-Romy mitleidet und mitlacht, und dass man von ihr berührt ist, von allen Figuren eigentlich. Ich möchte mit diesem Film dem Publikum die Chance geben, dabei zu sein bei diesen fiktiven Geschehnissen. Im Sinne, wie Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit.

www.3-tage-in-quiberon.de

10. 4. 2018