Sommerspiele Melk: Metropolis

Juni 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Franzobel folgt den Spuren von Fritz Lang

Bild: www.photo-graphic-art.at

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Dass der Intendant und Regisseur der Sommerspiele Melk, Alexander Hauer, niemals zu Geringerem greift als zu Themen biblischen Ausmaßes, ist eine bekannt erfreuliche Tatsache. So hat er auch für diesen Sommer das Passende für seine vom Stift Melk überragte Arena gefunden. Mit allem Drum und Dran von den Sieben Todsünden über die Hure Babylon bis zu einer Messiasgestalt, von Josaphat über die Apokalypse bis zur Marienverehrung: Fritz Langs Monumentalwerk „Metropolis“, von Franzobel sozusagen mit  Text unterlegt.

Hauer und sein Autor halten sich dicht am Original auf. Franzobel trennt die Ober- und die Unterstadt auch sprachlich, wobei er für Zweitere offensichtlich mehr Fantasie entwickeln konnte. Während man den Fredersens, Rotwang und dem Schmalen nämlich die eine oder andere poetische Banalität nachsehen muss, sind die zu Nummern verkommenen „Maschinen“-Menschen der Unterstadt ein im Wiener Dialekt sprechsingender Chor, ihre Worte verfremdet durch Silbenzerpflückung. Eine gelungene Lösung. Ebenso, wie das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das die Welt in „Himmel“ und „Hölle“ zerfallen lässt. Und Thomas Ganschs Musik, gespielt wie von einem Stummfilmkinoklavier. Die Handlung: Metropolis ist eine gigantische Stadt mit zwei scharf voneinander getrennten Klassen. Während die Proletarier mit ihren Familien unter der Erdoberfläche schuften und ihr Dasein fristen, wohnen die Kapitalisten im Luxus und vertreiben sich die Zeit in Gartenanlagen oder im Amüsierviertel. Als sich der Sohn des herrschenden Industriemagnaten Joh Fredersen, Freder, in die Arbeiterin Maria verliebt, wird er erstmals in seinem Leben mit dem Elend der Unterschicht konfrontiert. Revolution liegt in der Luft. Doch Maria prophezeit ihren Zuhörern, ein Mittler werde kommen und sie aus ihrem Sklavendasein befreien. Fredersen wendet sich mit seinen Sorgen an den Erfinder Rotwang, dem er einst die geliebte, mittlerweile verstorbene Frau Hel ausspannte. Rotwang sieht eine Möglichkeit zur Rache und erschafft eine „Maschinen“-Maria (berühmte Filmszene!), die den Mob zur Zerstörung der Stadt aufhetzen soll …

Die Melker Inszenierung hat sich von Langs Pathos befreit – und doch eine andere Form davon geschaffen. Hauer macht das Märchenhafte an dem Science-Fiction-Albtraum aus dem Jahr 1927 klar: Andreas Patton ist als böser Kapitalismus-König Joh Fredersen, zwar mehr Grübler als Tyrann; trotzdem ist Profit der Götze, den er anbetet. Schön und wahr dieser Satz aus Franzobels Feder: Das Erste, das  man heute gefragt werde, ist: Was arbeitest du? Denn Nützlichkeit und das damit einzunehmende Geld ist das Einzige, das gesellschaftlich relevant ist. Julian Loidl ist der gutmütige, träumerische Thronfolger Freder. Christian Preuss gibt den Rotwang als Mischung aus irrem Wissenschaftler und Zauberer Tintifax www.youtube.com/watch?v=oamg8vAgr9. Zugegeben, es gibt an diesem Abend Momente, wo man darauf wartet, dass jemand „Krawutzi Kaputzi!“ schreit. Vor allem, wenn Kajetan Dick als György (Arbeiter Nummer 11811) den Kasperl gibt und Markus Kofler mit knallender Peitsche das gestapohaft teuflische Krokodil, sprich: den Schmalen. Wunderbar, und so aus dem Berufsleben gegriffen, wie er nach oben buckelt und nach unten prügelt. Sebastian Pass verleiht seinem Josaphat Würde. Ivana Rauchmann überzeugt als doppelte Maria, die sowohl be- als auch verzaubern kann.

Alles in allem führt Hauer die Sommerspiele Melk auf ihrem Erfolgskurs weiter. Der Sinnspruch von Film und Stück, „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“, gilt auch für die Zuschauer. Man braucht für den spannenden, mitunter sperrigen Abend sicher Ersteres und Letzteres. Und Sitzfleisch. Und die Hände für den verdienten Applaus.

www.kultur-melk.at/sommerspiele/programm.php

Das Original: www.youtube.com/watch?v=B4rI__TRvcY